Michah מיכה

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Kapitel

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Einleitung von Julius Jehuda Hirsch

Micha

1. Die Person und die Zeit des Propheten. Micha war ein Zeitgenosse der Propheten Jesaias, Amos und Hosea, deren prophetische Wirksamkeit jedoch bereits unter dem Könige Usija begann, während Michas Sendung erst während Jothams Regierung erfolgte. Seine Geburtsstadt Morescheth, nach 1, 14 in der Nähe der philistäischen Stadt Gath gelegen, in der Gegend des heutigen Eleutheropolis, gehörte zum Reiche Juda. Die Stätte seines Wirkens war wohl Jerusalem, der Herzpunkt der Nation, die Hauptstadt Judas. Über sein Leben fehlt es an jeglichen näheren Angaben.

Um so lebendiger tritt uns seine herrliche Persönlichkeit aus seinen Reden entgegen. Wohl keinem Propheten strömt also der Gedankenausdruck in markigen Wortspielen und Alliterationen zu, wie Micha. Aussichtslos ist jeder Versuch, diese in eine fremde Sprache zu übertragen, deshalb geht in der Übersetzung die ihn auszeichnende concinne und sentenziöse Zusammendrängung der Gedankenfülle gänzlich verloren. So Kap. 1, 4: מֻגָּרִים בְּמוֹרָד, 1, 10 b. 11: לֹא יָצְאָה — צַאֲנָן, 14: בָּתֵּי אַכְזִיב לְאַכְזָב, 15: הַיֹּרֵשׁ — מָרֵשָׁה, 2, 4: וְנָהָה נְהִי נִהְיָה, 6: אַל־תַּטִּיפוּ יַטִּיפוּן, 4, 14 u. s. Ebenso weiß er durch wuchtige Apostrophen (2, 9. 7, 8. 11 f.), wirksame Antithesen (2, 6—11), durch lebendige Schilderung, indem er die Vertreter der herrschenden Irrlehren redend einführt (5, 6 f.), den mitzuteilenden Gedanken den klarsten Ausdruck und die eindruckvollste und anschaulichste Verkörperung zu geben.

2. Das Buch Micha. Kap. 1—3. Wie Jesaias (Kap. 2) und Amos (Kap. 1) erblickt auch er Israel in seiner bei der Offenbarung am Sinai (Ex. 19, 6) ausgesprochenen menschheitpriesterlichen Bestimmung, ja diese innige Beziehung zur Gesamtmenschheit bildet bei ihm den Ausgangspunkt seiner prophetischen Reden. Er schaut die Gesamtnation, Juda und Israel, die damals getrennten (2, 12) als das seiner Bestimmung nach einheitliche Jakobshaus, das er retten, das er zur Höhe seines menschheitpriesterlichen Berufes, dem es untreu geworden (1, 5), zurückgewinnen oder vielmehr gewinnen will — denn vollkommen gerecht war es ihm noch nie geworden. Er schaut die großen völkergeschichtlichen Umwälzungen, die sich in seiner Zeit vorbereiteten und die mit dem durch der Assyrer emporstrebende Macht bewirkten Untergange des Reiches Israel ihren Anfang nahmen. Alle die gewaltigen Erschütterungen mit allen den völkermordenden, Länder verheerenden Kriegen, die durch die einander ablösenden Weltreiche über die Menschheit gebracht wurden, sie hätten, so lehrt er, vermieden werden können, wenn Gesamtisrael der staunenden Welt das Beispiel eines Idealstaates geboten hätte, in dem durch Verwirklichung der ewigen Principien der Gerechtigkeit und der Liebe, wie sie im Gottesgesetze codificiert sind, jenes reine Menschentum verwirklicht worden und jene Glückseligkeit erblüht wäre, die in anderen Kreisen und ohne diese Voraussetzung noch heute als Utopie gelten. Die Macht dieses Beispiels würde schon am Anfang der Geschichte das bewirkt haben, was jetzt erst am Ziele der großen Erziehungsgeschichte der Menschheit winkt: nämlich die Erkenntnis, daß nur in der Rückkehr zu Gott, in der Beschreitung des Heilesweges, den er in dem auf Zion thronenden Gesetze auch für die Menschheit gelehrt hat, das einzige Heil für Alle ruht, wie diese Rückkehr 4, 1 ff. am Ziele der Tage geschaut und geschildert wird. Demgegenüber sieht er mit bitterem Schmerze die Verderbnis dieses Priestervolkes, sieht den Untergang des Reiches Israel (1, 5), sucht durch ergreifende Mahnworte die Nation vom Rande dieses drohenden Unterganges zurückzureißen, schildert das frivole nichtswürdige Walten der falschen Propheten (2, 6 ff. und 3, 5—8), richtet sich denen gegenüber in der ganzen männlichen Hoheit des Gottespropheten auf (2, 11 f. und 3, 8), appelliert an das Rechtsgefühl und zeigt, wie bei der gänzlichen Verkommenheit aller politisch, social und geistig einflußreichen Faktoren auch im jüdischen Staate derselbe das Schicksal des israelitischen Reiches teilen und „der Tempelberg zu einer der waldbewachsenen Höhen“ werden müsse und werde (3, 1—4, 9—12).

Kap. 4. Denn nur durch den Untergang des gottentfremdeten Staates und des in seiner Mitte befindlichen Tempels kann Zion seiner weltgeschichtlichen Bestimmung erhalten werden, die V. 1—4 ausgesprochen ist. Mit der Gesamtmenschheit wird auch Israel am Ziele seiner Leidenserziehung angelangt sein und, von Gott zurückgesammelt, zu einem mächtigen Volke unter Gottes Herrschaft werden, dessen Waltung über es niemals aufgehört habe (V. 5—9). Deshalb möge es zunächst nur in Ergebung alle Verhängnisse über sich ergehen lassen, das scheinbar Besiegte werde durch die von ihm vertretene Wahrheit die Herrschaft seiner Unterdrücker brechen und diese selbst läutern, die es noch erfahren würden, daß sie mit jedem Streiche gegen das ihnen preisgegebene Israel sich an Dem versündigen, der dessen ewiger Annehmer ist (10—14).

Kap. 5 wird sodann auf die einstige Herrschaft des Sprößlings aus dem Davidshause hingewiesen (1—3), auf die menschheitpriesterliche Wirksamkeit des unter die Völker zerstreuten Israel in deren Mitte (6—8), die schon aus dem über Israel hereingebrochenen Geschicke sich hätten belehren lassen sollen (9—14).