Michah 3 מיכה
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 3. V. 1. Durch den Untergang des Staates und durch die Fortführung seiner Bewohner wurden am schwersten die höheren, herrschenden Schichten getroffen, für das von ihnen bisher schmählich unterdrückte „niedere Volk“ brachte das Exil höchstens einen Wechsel des Herrn, in religiöser Beziehung aber die Erlösung. Darum wendet sich der Prophet im Folgenden gerade an die Herrschenden, die Häupter und Machthaber. „Ich sprach“ — nicht im Namen Gottes, als Mensch, als Bruder wendet er sich an sie. קְצִינֵי von קצה das Ende, das Hervorragende, Erste. Euch kommt es doch als Richtern und höchsten Beamten in allererster Linie zu, die Rechtswaltung und die Rechtsordnung, das ist מִשְׁפָּט, zu kennen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Der stat. constr. mit dem Objecte im Genitiv erhebt das Particip zum Substantiv: „Die Hasser des Guten und Freunde des Bösen sind die Räuber ihrer eigenen Haut und ihres eigenen Fleisches,“ sie machen sich selbst jedes Schutzes und jeder Kraft verlustig. Das an ihren Brüdern verübte Unrecht fällt mit vollster Schwere auf sie selbst zurück. Wer Unrecht übt, der verwirkt jeden Anspruch auf Recht. So schon im Einzelleben gegen den Einzelnen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Um wie vielmehr aber gilt dies von denjenigen, die gar ihre amtliche Macht mißbrauchen, und statt Gesetz und Recht aufrecht zu halten und den Unterdrückten zu schützen vor Vergewaltigung, vielmehr selbst die schwerste Vergewaltigung üben. Die Haut ist für den Körper die ihn umfangende, gegen die Außenwelt wahrende und die Beziehungen zu ihr vermittelnde starke schützende Hülle. הִפְשִׁיטוּ: die Armen sind jeglichen Schutzes beraubt, sind vollständig rechtlos, die an ihnen geübte Gewalt kleidet sich in Formen des Rechtes, die von den Großen gemachten Gesetze sind nichts als das codificierte Unrecht. וּפָרָשׂוּ: sie brauchen nichts zu verhüllen, sie „teilen sich die Armen“ bezw. das ihnen Abgepreßte, „wie ein ihnen natürlich zustehendes Gericht“, oder: die Beraubung und Erpressung sind etwas so Natürliches wie die Zubereitung einer Speise. פִּצְּחוּ Piel von פצח lautv. mit פתח, dem צ-Laut entsprechend ein gewaltsames Öffnen, hier vom Spalten der Knochen, um das Mark zu gewinnen. יִזְעָקוּ: während צעק mehr das laute Aufschreien bedeutet, ist זעק in den meisten Stellen mehr das leise Wimmern des Unterdrückten, dem die Kraft oder der Mut zum lauten Aufschreien fehlt. Hier wohl Gegensatz zu ihrem gegenwärtigen brutalen Machtmißbrauch.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. נשך, beißen, kommt allerdings in der Regel in dem Sinne des Verwundens vor. Dann hieße es: während sie schwer schädigen, suchen sie ihre arglistige Absicht durch Friedensworte zu verbergen. Das paßt jedoch nicht zu dem ihnen vorgehaltenen Werke der Verführung, das offenbar durch diese Worte veranschaulicht werden soll, und ebensowenig zu dem in der zweiten Vershälfte enthaltenen Gegensatze. Deshalb ist es hier als derber Ausdruck für Essen, nach dem Zusammenhange, für: „Bestechung empfangen“ zu fassen. Wenn sie „etwas zu beißen bekommen, so künden sie Frieden“, so verkünden sie das Lob des Spenders und preisen sein Unternehmen als etwas Verdienstliches. Wer ihnen aber nicht den Mund stopft, wörtlich: „nichts auf, d. i. in den Mund giebt“, gegen den wiegeln sie das Volk auf und bezeichnen seine Bekämpfung als eine heilige Gottessache. Nicht die Gerechtigkeit oder Schlechtigkeit einer Sache bestimmt ihr Urteil und ihre Stellungnahme. Pfäffisch bewaffnen sie sich mit dem Zorne Gottes — vergl. Hosea 5, 2: וַאֲנִי מוּסָר לְכֻלָּם — sie mißbrauchen ihr Wort und ihr Ansehen im Dienste ihres Vorteils, und haben so meinem Volke die Wahrheit und die Gerechtigkeit vollständig gestohlen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. Das wahrhaftige חָזוֹן, das geistige Schauen des Propheten klärt die verhüllte Zukunft auf, erhellt ihr Dunkel: das angebliche Schauen dieser Propheten, statt euch das im Hintergrunde der Zukunft Geborgene klar hervortreten zu lassen, macht euch vielmehr blind auch für die Erkenntnis der Gegenwart. Derקֹסֵם giebt vor, die Zukunft nicht bloß erkennen, sondern auch gestaltend auf sie einwirken, das bevorstehende Unglück in Glück umwandeln zu können. In Wirklichkeit aber trägt die Thätigkeit der Zauberer vielmehr dazu bei, daß der helle Tag des zeitweiligen Glückes früh über euch dunkele. Dies die verderbliche Folge ihrer Thätigkeit für das Volk. Und was sie selbst betrifft: „über diese Propheten geht noch die Sonne unter“ und über ihnen wird der Tag „schwarz werden“, d. h. das Strafgericht wird über sie selber hereinbrechen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. בוש bezeichnet die Scham getäuschter Hoffnung über den Nichteintritt des Erwarteten oder wie hier: des Verkündeten, חפר einen höheren Grad dieses Gefühles: das Entsetzen über den Eintritt des Gegenteils des Erwarteten, sowohl schamrot werden als auch vor Entsetzen erblassen. Diese angeblich so „tiefblickenden, weitschauenden und aufklärenden Redekünstler“ werden dann beschämt dastehen, und die mit Zaubergewalt „die Zukunft meistern“ wollten, stehen geisterbleich da, wenn sie sehen werden, was sie angerichtet haben, und sie verhüllen alle den Mund, finden kein Wort der Ausrede und der Beschönigung zu ihrer Verteidigung — denn in allem von ihnen Gesprochenen war ja nichts, was Gott ihnen eingegeben hätte, „es war keine Eingebung Gottes“. שָׂפָם Lippenbart, עָטֶה שָׂפָם Ez. 24, 17 Ausdruck der Trauer, hier aber wohl im Hinblick auf Lev. 13, 45 zur Charakterisierung der überführten falschen Propheten als die durch den Gottesfinger wie מצורעים gekennzeichneten, die den Mund zu verhüllen und ihre Unreinheit zu verkünden hatten. מַעֲנֵה stat. constr. von מַעֲנֶה. Wörtlich: es ist keine von Gott ausgehende Verkündigung. Vergl. Gen. 41, 16: א' יַעֲנֶה אֶת־שְׁלוֹם פַּרְעֹה
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Den elenden Pseudopropheten gegenüber richtet sich Micha in seiner ganzen Hoheit auf. Vergl. denselben Gegensatz oben Kap. 2, 12. Ich bin von-Kraft erfüllt, trage sie in mir, und diese Kraft ist der Geist Gottes, und dieser Geist ist der Geist des Rechtes, der nicht abhängig ist von den Meinungen der Menschen und nicht bestimmt wird durch irgendwelche Interessen, und mit der Erkenntnis des Rechtes verleiht dieser Geist zugleich den Mut, dem verblendeten Volke die Größe seines Abfalls und dessen Folgen klar zu machen, לְהַגִּיד wörtlich: gegenüberzustellen, vorzuhalten, und seinen Häuptern und Machthabern entgegenzutreten, wie er dies in den folgenden Versen 9—12 vollbringt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Lasset euch doch nicht verführen, höret auf mich, höret doch dies, so ruft er diesen Großen zu, die ihr vor dem Rechte, das euch in eurem Machtmißbrauche stören würde, einen natürlichen Widerwillen, einen Abscheu heget, und somit alles Gerade krümmet — dadurch daß ihr für Bestechung Recht sprechet, habt ihr allen Sinn für Recht und Wahrheit verloren. Vergl. Jes. 1, 23. יְשָׁרָה nur hier und im stat. constr. 1 Kön. 3, 6, das zum abstracten Subst. erhobene יָשָׁר, die Geradheit, wie ישר.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. בֹּנֶה wörtlich: bauend. Dem Sinne nach ist es die Frage: Kann man wohl nach dem Vorbilde anderer Metropolen, an deren Prunkpalästen Blut und Erpressung haften, auch Zion und Jerusalem durch solche Mittel gründen und befestigen? — wie dieses schändliche Getriebe, in dem alle im Staate maßgebenden Faktoren ihr Amt und ihre Stellung nur zu scrupelloser Befriedigung ihrer niedrigen Habsucht mißbrauchen, im Folgenden näher geschildert wird. Vergl. Jes. 1, 23. Mögen andere Reiche auch als Stätten der Gewalt ein zeitweiliges Dasein fristen: Zion und Jeruschalajim sind nichts, haben alle Berechtigung zum Dasein verloren, so nicht Gott die Herrschaft führt und das von ihm bestimmte Recht dort das einzig Maßgebende ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. All ihr Thun ist eine fortgesetzte Verleugnung Gottes und seines Wortes, und dann behaupten sie noch in frivoler, heuchlerischer Weise, auf Gottes Schutz rechnen zu können.
V. 12. Gerade dadurch, daß ihr trotz eures vollendeten Abfalls euch noch als Gottesvolk darstellt, besiegelt ihr euer Verhängnis, denn dadurch begehet ihr das größte Verbrechen der Entweihung des göttlichen Namens, gerade dadurch wird der Untergang des Heiligtums: Zions, und des Staates: Jerusalems, für die Rettung des Gotteswortes zur unabwendbaren Notwendigkeit.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. בִּגְלַלְכֶם: in eurer Veranlassung, שָׂדֶה Acc. der Wirkung: zum Felde, als Feld. Da der Tempelberg hier neben Zion genannt ist, das sonst in dem Prophetenworte stets als identisch mit der Thora und ihrer Stätte gebraucht wird, so läge es nahe, Zion hier mehr im topographischen Sinne als Königsburg und den ihr nächstliegenden Stadtteil zu nehmen, und es wäre dann der Untergang der Königsburg, des Staates, d. i. Jerusalems, und des Tempels verkündet. Wir glauben jedoch nicht, es so fassen zu dürfen. Vom Königtum als einem vom Staate gesonderten Faktor ist in diesem Kapitel überhaupt nicht die Rede, und als dessen Repräsentant wird überhaupt stets Jerusalem genannt, als Hauptstadt und als derjenige unmittelbar vom Tempel überragte Teil des Reiches, der in erster Linie in seinen Zuständen die Verwirklichung des im Tempel thronenden Gotteswortes hätte darbieten sollen. Daher wird der Untergang Jerusalems als Befreiung für „Zion“ erklärt (Jes. 1, 27). Dazu kommt, daß auch hier gleich in dem folgenden Kapitel, das mit diesem Verse im innigsten Zusammenhang steht, im V. 2 Zion als Ausgangspunkt des Gotteswortes und als identisch mit dem gleichfalls genannten Berge des Gotteshauses bezeichnet wird. Es dürfte daher hier der Tempelberg zum Schlusse noch einmal besonders genannt, und sein zeitweiliger Verlust jedweder Auszeichnung und Bedeutung, sodaß er jeglicher anderen waldbestandenen Höhe des Libanons gleiche, deshalb hervorgehoben sein, um dem verblendeten Volke jegliche trügerische Vorstellung zu benehmen, als ob es von ihm und den auf ihm vollbrachten Opfern einen Schutz für das verbrecherische Leben zu erwarten hätte. Das gerade Gegenteil wird verkündet. Zion muß als Feld gepflügt, d. h. der Tempel von Grund auf zerstört und der Tempelberg unkenntlich werden, eben wegen der Sünden Israels und um seine Bedeutung vor Verkennung und das auf ihm thronende Gotteswort vor gänzlicher Entweihung zu schützen. Eben damit einst, am Ziele der Tage, er seine volle Bedeutung erhalte als Strebeziel der erlösungsbedürftigen Völker, als Lichtquell der Erleuchtung und Heiligung der Menschheit. Eben die Hervorhebung dieses Gegensatzes der unmittelbar bevorstehenden zu der einstigen fernen Zukunft dürfte der Hauptgrund sein für die besondere Nennung des Tempelberges hier am Schlusse, denn mit dem Hinweise auf seine einstige Herrlichkeit beginnt das nächste Kapitel.