Michah 3 מיכה

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1
וָאֹמַ֗ר שִׁמְעוּ־נָא֙ רָאשֵׁ֣י יַעֲקֹ֔ב וּקְצִינֵ֖י בֵּ֣ית יִשְׂרָאֵ֑ל הֲל֣וֹא לָכֶ֔ם לָדַ֖עַת אֶת־הַמִּשְׁפָּֽט׃
BernfeldIch sprach: Höret doch, ihr Häupter Jakobs und Führer des Hauses Israel! Ihr müsstet doch das Recht kennen.
ZunzUnd ich sprach: Höret doch, Häupter Jaakob’s und Führer des Hauses Jisraël: Ist es nicht an euch, das Recht zu kennen?
J. J. HirschDa sprach ich: Höret doch, ihr Häupter Jakobs und ihr Vornehmen des Hauses Jisrael — kommt es nicht euch zu, das Recht zu kennen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 3. V. 1. Durch den Untergang des Staates und durch die Fortführung seiner Bewohner wurden am schwersten die höheren, herrschenden Schichten getroffen, für das von ihnen bisher schmählich unterdrückte „niedere Volk“ brachte das Exil höchstens einen Wechsel des Herrn, in religiöser Beziehung aber die Erlösung. Darum wendet sich der Prophet im Folgenden gerade an die Herrschenden, die Häupter und Machthaber. „Ich sprach“ — nicht im Namen Gottes, als Mensch, als Bruder wendet er sich an sie. קְצִינֵי von קצה das Ende, das Hervorragende, Erste. Euch kommt es doch als Richtern und höchsten Beamten in allererster Linie zu, die Rechtswaltung und die Rechtsordnung, das ist מִשְׁפָּט, zu kennen.

2
שֹׂ֥נְאֵי ט֖וֹב וְאֹ֣הֲבֵי (רעה) [רָ֑ע] גֹּזְלֵ֤י עוֹרָם֙ מֵֽעֲלֵיהֶ֔ם וּשְׁאֵרָ֖ם מֵעַ֥ל עַצְמוֹתָֽם׃
BernfeldAber sie hassen das Gute und lieben das Böse; sie reißen [den Schwachen] die Haut ab und das Fleisch von ihren Gebeinen.
ZunzSie hassen das Gute und lieben das Böse, reißen ihnen die Haut ab, und das Fleisch von ihren Gebeinen.
J. J. HirschDie das Gute hassen und das Böse lieben, die rauben sich die eigene Haut von ihrem Leibe und ihr eignes Fleisch von ihren Knochen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. Der stat. constr. mit dem Objecte im Genitiv erhebt das Particip zum Substantiv: „Die Hasser des Guten und Freunde des Bösen sind die Räuber ihrer eigenen Haut und ihres eigenen Fleisches,“ sie machen sich selbst jedes Schutzes und jeder Kraft verlustig. Das an ihren Brüdern verübte Unrecht fällt mit vollster Schwere auf sie selbst zurück. Wer Unrecht übt, der verwirkt jeden Anspruch auf Recht. So schon im Einzelleben gegen den Einzelnen.

3
וַאֲשֶׁ֣ר אָכְלוּ֮ שְׁאֵ֣ר עַמִּי֒ וְעוֹרָם֙ מֵעֲלֵיהֶ֣ם הִפְשִׁ֔יטוּ וְאֶת־עַצְמֹֽתֵיהֶ֖ם פִּצֵּ֑חוּ וּפָֽרְשׂוּ֙ כַּאֲשֶׁ֣ר בַּסִּ֔יר וּכְבָשָׂ֖ר בְּת֥וֹךְ קַלָּֽחַת׃
BernfeldWeil sie gegessen haben das Fleisch meines Volkes und die Haut ihnen abgezogen und ihre Gebeine zerschlagen und in Stücke gebrochen, um es in den Topf zu legen, wie Fleisch im Kessel.
ZunzUnd wann sie gegessen haben das Fleisch meines Volkes, und die Haut ihnen abgezogen, und ihre Gebeine zerschlagen und in Stücke gebrochen, wie das, was im Topfe und wie Fleisch im Kessel;
J. J. HirschDie nun gar das Fleisch meines Volkes verzehren und ihnen die Haut vom Leibe abziehen und ihre Knochen spalten und es ausbreiten wie das im Topfe [Gekochte] und wie das Fleisch im Kessel —:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. Um wie vielmehr aber gilt dies von denjenigen, die gar ihre amtliche Macht mißbrauchen, und statt Gesetz und Recht aufrecht zu halten und den Unterdrückten zu schützen vor Vergewaltigung, vielmehr selbst die schwerste Vergewaltigung üben. Die Haut ist für den Körper die ihn umfangende, gegen die Außenwelt wahrende und die Beziehungen zu ihr vermittelnde starke schützende Hülle. הִפְשִׁיטוּ: die Armen sind jeglichen Schutzes beraubt, sind vollständig rechtlos, die an ihnen geübte Gewalt kleidet sich in Formen des Rechtes, die von den Großen gemachten Gesetze sind nichts als das codificierte Unrecht. וּפָרָשׂוּ: sie brauchen nichts zu verhüllen, sie „teilen sich die Armen“ bezw. das ihnen Abgepreßte, „wie ein ihnen natürlich zustehendes Gericht“, oder: die Beraubung und Erpressung sind etwas so Natürliches wie die Zubereitung einer Speise. פִּצְּחוּ Piel von פצח lautv. mit פתח, dem צ-Laut entsprechend ein gewaltsames Öffnen, hier vom Spalten der Knochen, um das Mark zu gewinnen. יִזְעָקוּ: während צעק mehr das laute Aufschreien bedeutet, ist זעק in den meisten Stellen mehr das leise Wimmern des Unterdrückten, dem die Kraft oder der Mut zum lauten Aufschreien fehlt. Hier wohl Gegensatz zu ihrem gegenwärtigen brutalen Machtmißbrauch.

4
אָ֚ז יִזְעֲק֣וּ אֶל־יְהֹוָ֔ה וְלֹ֥א יַעֲנֶ֖ה אוֹתָ֑ם וְיַסְתֵּ֨ר פָּנָ֤יו מֵהֶם֙ בָּעֵ֣ת הַהִ֔יא כַּאֲשֶׁ֥ר הֵרֵ֖עוּ מַעַלְלֵיהֶֽם׃ {פ}
BernfeldDafür werden sie schreien zum Herrn, aber er antwortet ihnen nicht, er verbirgt sein Antlitz vor ihnen in jener Zeit, wie sie ihre bösen Handlungen verübt haben.
ZunzDann schreien sie zum Ewigen, aber er antwortet ihnen nicht, und verbirgt sein Antlitz vor ihnen in derselben Zeit, so wie sie ihre bösen Handlungen verübt.
J. J. Hirschdann werden sie zu Gott aufschreien, er aber wird sie nicht erhören und wird in jener Zeit sein Antlitz vor ihnen verbergen, sowie sie haben schlecht sein lassen ihre Thaten.
5
כֹּ֚ה אָמַ֣ר יְהֹוָ֔ה עַל־הַנְּבִיאִ֖ים הַמַּתְעִ֣ים אֶת־עַמִּ֑י הַנֹּשְׁכִ֤ים בְּשִׁנֵּיהֶם֙ וְקָרְא֣וּ שָׁל֔וֹם וַֽאֲשֶׁר֙ לֹא־יִתֵּ֣ן עַל־פִּיהֶ֔ם וְקִדְּשׁ֥וּ עָלָ֖יו מִלְחָמָֽה׃
BernfeldSo spricht der Herr über die Propheten, die mein Volk irreführen, die, wenn sie mit ihren Zähnen zu beißen haben, Frieden verkünden; wer aber nichts in ihren Mund gibt, gegen den hetzen sie Krieg.
ZunzSo spricht der Ewige über die Propheten, die mein Volk irre führen, die, wenn sie zu beißen haben mit ihren Zähnen, Frieden verkünden, wer aber nichts giebt in ihren Mund, gegen den richten sie Krieg:
J. J. HirschSo hat Gott über die Propheten gesprochen, die mein Volk verführen, die, wenn sie mit ihren Zähnen zu beißen bekommen, Frieden verkünden, wer ihnen aber nichts in den Mund giebt, gegen den den heiligen Krieg predigen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. נשך, beißen, kommt allerdings in der Regel in dem Sinne des Verwundens vor. Dann hieße es: während sie schwer schädigen, suchen sie ihre arglistige Absicht durch Friedensworte zu verbergen. Das paßt jedoch nicht zu dem ihnen vorgehaltenen Werke der Verführung, das offenbar durch diese Worte veranschaulicht werden soll, und ebensowenig zu dem in der zweiten Vershälfte enthaltenen Gegensatze. Deshalb ist es hier als derber Ausdruck für Essen, nach dem Zusammenhange, für: „Bestechung empfangen“ zu fassen. Wenn sie „etwas zu beißen bekommen, so künden sie Frieden“, so verkünden sie das Lob des Spenders und preisen sein Unternehmen als etwas Verdienstliches. Wer ihnen aber nicht den Mund stopft, wörtlich: „nichts auf, d. i. in den Mund giebt“, gegen den wiegeln sie das Volk auf und bezeichnen seine Bekämpfung als eine heilige Gottessache. Nicht die Gerechtigkeit oder Schlechtigkeit einer Sache bestimmt ihr Urteil und ihre Stellungnahme. Pfäffisch bewaffnen sie sich mit dem Zorne Gottes — vergl. Hosea 5, 2: וַאֲנִי מוּסָר לְכֻלָּם — sie mißbrauchen ihr Wort und ihr Ansehen im Dienste ihres Vorteils, und haben so meinem Volke die Wahrheit und die Gerechtigkeit vollständig gestohlen.

6
לָכֵ֞ן לַ֤יְלָה לָכֶם֙ מֵֽחָז֔וֹן וְחָשְׁכָ֥ה לָכֶ֖ם מִקְּסֹ֑ם וּבָ֤אָה הַשֶּׁ֙מֶשׁ֙ עַל־הַנְּבִיאִ֔ים וְקָדַ֥ר עֲלֵיהֶ֖ם הַיּֽוֹם׃
BernfeldWahrlich, Nacht wird es euch, dass ihr keine Gesichter mehr habet, es wird euch finster, dass ihr nicht zaubern könnt. Die Sonne geht den Propheten unter, der Tag wird ihnen düster.
ZunzDarum, Nacht sei euch, sonder Gesicht, und sei euch finster sonder Wahrsagung, und untergehe die Sonne um die Propheten, und schwarz werde um sie der Tag.
J. J. HirschDarum wird euch Nacht aus dem Schauen und es dunkelt euch aus dem Zaubern, und unter geht die Sonne über die Propheten und schwarz wird über ihnen der Tag.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. Das wahrhaftige חָזוֹן, das geistige Schauen des Propheten klärt die verhüllte Zukunft auf, erhellt ihr Dunkel: das angebliche Schauen dieser Propheten, statt euch das im Hintergrunde der Zukunft Geborgene klar hervortreten zu lassen, macht euch vielmehr blind auch für die Erkenntnis der Gegenwart. Derקֹסֵם giebt vor, die Zukunft nicht bloß erkennen, sondern auch gestaltend auf sie einwirken, das bevorstehende Unglück in Glück umwandeln zu können. In Wirklichkeit aber trägt die Thätigkeit der Zauberer vielmehr dazu bei, daß der helle Tag des zeitweiligen Glückes früh über euch dunkele. Dies die verderbliche Folge ihrer Thätigkeit für das Volk. Und was sie selbst betrifft: „über diese Propheten geht noch die Sonne unter“ und über ihnen wird der Tag „schwarz werden“, d. h. das Strafgericht wird über sie selber hereinbrechen.

7
וּבֹ֣שׁוּ הַחֹזִ֗ים וְחָֽפְרוּ֙ הַקֹּ֣סְמִ֔ים וְעָט֥וּ עַל־שָׂפָ֖ם כֻּלָּ֑ם כִּ֛י אֵ֥ין מַעֲנֵ֖ה אֱלֹהִֽים׃
BernfeldDie Seher werden beschämt und die Wahrsager werden erröten; alle werden sie [zum Zeichen der Trauer] das Gesicht verhüllen, denn von Gott ist keine Antwort da.
ZunzUnd beschämt werden die Seher, und es erröthen die Wahrsager, und es verhüllen den Bart alle, denn keine Antwort Gottes ist da.
J. J. HirschDann stehen beschämt da die Seher und entsetzt die Zauberer und sie alle verhüllen den Mund, denn es war gar keine Eingebung Gottes.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. בוש bezeichnet die Scham getäuschter Hoffnung über den Nichteintritt des Erwarteten oder wie hier: des Verkündeten, חפר einen höheren Grad dieses Gefühles: das Entsetzen über den Eintritt des Gegenteils des Erwarteten, sowohl schamrot werden als auch vor Entsetzen erblassen. Diese angeblich so „tiefblickenden, weitschauenden und aufklärenden Redekünstler“ werden dann beschämt dastehen, und die mit Zaubergewalt „die Zukunft meistern“ wollten, stehen geisterbleich da, wenn sie sehen werden, was sie angerichtet haben, und sie verhüllen alle den Mund, finden kein Wort der Ausrede und der Beschönigung zu ihrer Verteidigung — denn in allem von ihnen Gesprochenen war ja nichts, was Gott ihnen eingegeben hätte, „es war keine Eingebung Gottes“. שָׂפָם Lippenbart, עָטֶה שָׂפָם Ez. 24, 17 Ausdruck der Trauer, hier aber wohl im Hinblick auf Lev. 13, 45 zur Charakterisierung der überführten falschen Propheten als die durch den Gottesfinger wie מצורעים gekennzeichneten, die den Mund zu verhüllen und ihre Unreinheit zu verkünden hatten. מַעֲנֵה stat. constr. von מַעֲנֶה. Wörtlich: es ist keine von Gott ausgehende Verkündigung. Vergl. Gen. 41, 16: א' יַעֲנֶה אֶת־שְׁלוֹם פַּרְעֹה

8
וְאוּלָ֗ם אָנֹכִ֞י מָלֵ֤אתִי כֹ֙חַ֙ אֶת־ר֣וּחַ יְהֹוָ֔ה וּמִשְׁפָּ֖ט וּגְבוּרָ֑ה לְהַגִּ֤יד לְיַֽעֲקֹב֙ פִּשְׁע֔וֹ וּלְיִשְׂרָאֵ֖ל חַטָּאתֽוֹ׃ {פ}
BernfeldAber ich bin voll Kraft des Geistes des Herrn und des Rechts und des Mutes, Jakob zu verkünden seinen Abfall und Israel seine Sünde.
ZunzAllein ich bin voll Kraft des Geistes des Ewigen und des Rechts und der Tapferkeit, Jaakob zu verkünden seine Missethat und Jisraél seine Sünde.
J. J. HirschIch dagegen, ich bin erfüllet von Kraft, [nämlich] vom Geiste Gottes und vom Rechte und von Thatkraft, Jakob seinen Abfall und Jisrael seinen Leichtsinn entgegenzuhalten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. Den elenden Pseudopropheten gegenüber richtet sich Micha in seiner ganzen Hoheit auf. Vergl. denselben Gegensatz oben Kap. 2, 12. Ich bin von-Kraft erfüllt, trage sie in mir, und diese Kraft ist der Geist Gottes, und dieser Geist ist der Geist des Rechtes, der nicht abhängig ist von den Meinungen der Menschen und nicht bestimmt wird durch irgendwelche Interessen, und mit der Erkenntnis des Rechtes verleiht dieser Geist zugleich den Mut, dem verblendeten Volke die Größe seines Abfalls und dessen Folgen klar zu machen, לְהַגִּיד wörtlich: gegenüberzustellen, vorzuhalten, und seinen Häuptern und Machthabern entgegenzutreten, wie er dies in den folgenden Versen 9—12 vollbringt.

9
שִׁמְעוּ־נָ֣א זֹ֗את רָאשֵׁי֙ בֵּ֣ית יַעֲקֹ֔ב וּקְצִינֵ֖י בֵּ֣ית יִשְׂרָאֵ֑ל הַֽמְתַעֲבִ֣ים מִשְׁפָּ֔ט וְאֵ֥ת כׇּל־הַיְשָׁרָ֖ה יְעַקֵּֽשׁוּ׃
BernfeldHöret dies doch, ihr Häupter des Hauptes Jakob und Führer des Hauses Israel, die das Recht verabscheuen und alles Grade krumm machen.
ZunzHöret dies doch, Häupter des Hauses Jaakob und Führer des Hauses Jisraél, die das Recht verabscheuen und alles Gerade verkrümmen.
J. J. HirschHöret doch dies, ihr Häupter des Jakobshauses und ihr Großen des Hauses Jisrael, die das Recht verabscheuen und alles Gerade krümmen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. Lasset euch doch nicht verführen, höret auf mich, höret doch dies, so ruft er diesen Großen zu, die ihr vor dem Rechte, das euch in eurem Machtmißbrauche stören würde, einen natürlichen Widerwillen, einen Abscheu heget, und somit alles Gerade krümmet — dadurch daß ihr für Bestechung Recht sprechet, habt ihr allen Sinn für Recht und Wahrheit verloren. Vergl. Jes. 1, 23. יְשָׁרָה nur hier und im stat. constr. 1 Kön. 3, 6, das zum abstracten Subst. erhobene יָשָׁר, die Geradheit, wie ישר.

10
בֹּנֶ֥ה צִיּ֖וֹן בְּדָמִ֑ים וִירוּשָׁלַ֖͏ִם בְּעַוְלָֽה׃
BernfeldMan bauet Zijon mit Blut und Jerusalem mit Ungerechtigkeit.
ZunzMan bauet (in) Zijon mit Blut und (in) Jeruschalajim mit Ungerechtigkeit.
J. J. HirschDa baut man Zion — mit Mord! und Jeruschalajim — mit Gewaltthat!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. בֹּנֶה wörtlich: bauend. Dem Sinne nach ist es die Frage: Kann man wohl nach dem Vorbilde anderer Metropolen, an deren Prunkpalästen Blut und Erpressung haften, auch Zion und Jerusalem durch solche Mittel gründen und befestigen? — wie dieses schändliche Getriebe, in dem alle im Staate maßgebenden Faktoren ihr Amt und ihre Stellung nur zu scrupelloser Befriedigung ihrer niedrigen Habsucht mißbrauchen, im Folgenden näher geschildert wird. Vergl. Jes. 1, 23. Mögen andere Reiche auch als Stätten der Gewalt ein zeitweiliges Dasein fristen: Zion und Jeruschalajim sind nichts, haben alle Berechtigung zum Dasein verloren, so nicht Gott die Herrschaft führt und das von ihm bestimmte Recht dort das einzig Maßgebende ist.

11
רָאשֶׁ֣יהָ ׀ בְּשֹׁ֣חַד יִשְׁפֹּ֗טוּ וְכֹהֲנֶ֙יהָ֙ בִּמְחִ֣יר יוֹר֔וּ וּנְבִיאֶ֖יהָ בְּכֶ֣סֶף יִקְסֹ֑מוּ וְעַל־יְהֹוָה֙ יִשָּׁעֵ֣נוּ לֵאמֹ֔ר הֲל֤וֹא יְהֹוָה֙ בְּקִרְבֵּ֔נוּ לֹֽא־תָב֥וֹא עָלֵ֖ינוּ רָעָֽה׃
BernfeldIhre Häupter richten um Bestechung, und ihre Priester lehren um Lohn, und ihre Propheten wahrsagen um Geld, und doch stützen sie sich auf den Herrn und sprechen: Der Herr ist ja unter uns, es wird kein Unglück über uns kommen.
ZunzIhre Häupter richten um Bestechung, und ihre Priester lehren um Lohn, und ihre Propheten wahrsagen um Geld, und auf den Ewigen stützen sie sich und sprechen: Ist nicht der Ewige unter uns? Nicht wird Unglück über uns kommen.
J. J. HirschIhre Häupter richten — für Bestechung, und ihre Priester lehren — für Bezahlung, und ihre Propheten treiben Zauberkünste für Geld — und da wollen sie sich auf Gott stützen und sprechen: Ist denn nicht Gott in unserer Mitte? Über uns kann kein Unglück kommen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. All ihr Thun ist eine fortgesetzte Verleugnung Gottes und seines Wortes, und dann behaupten sie noch in frivoler, heuchlerischer Weise, auf Gottes Schutz rechnen zu können.

V. 12. Gerade dadurch, daß ihr trotz eures vollendeten Abfalls euch noch als Gottesvolk darstellt, besiegelt ihr euer Verhängnis, denn dadurch begehet ihr das größte Verbrechen der Entweihung des göttlichen Namens, gerade dadurch wird der Untergang des Heiligtums: Zions, und des Staates: Jerusalems, für die Rettung des Gotteswortes zur unabwendbaren Notwendigkeit.

12
לָכֵן֙ בִּגְלַלְכֶ֔ם צִיּ֖וֹן שָׂדֶ֣ה תֵֽחָרֵ֑שׁ וִירוּשָׁלַ֙͏ִם֙ עִיִּ֣ין תִּֽהְיֶ֔ה וְהַ֥ר הַבַּ֖יִת לְבָמ֥וֹת יָֽעַר׃ {פ}
BernfeldWahrlich, euretwegen wird Zijon zum Acker gepflügt, Jerusalem wird ein Trümmerhaufen, und der Tempelberg eine Waldeshöhe.
ZunzFürwahr, euretwegen wird Zijon als Acker gepflügt, und Jeruschalajim wird ein Trümmerhaufen, und der Berg des Tempels zu Waldeshöhen.
J. J. HirschDarum muß euretwegen Zion als Acker gepflügt werden und Jeruschalajim zu Trümmerhaufen werden und der Berg des [Gottes-]Hauses zu waldbedeckten Höhen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. בִּגְלַלְכֶם: in eurer Veranlassung, שָׂדֶה Acc. der Wirkung: zum Felde, als Feld. Da der Tempelberg hier neben Zion genannt ist, das sonst in dem Prophetenworte stets als identisch mit der Thora und ihrer Stätte gebraucht wird, so läge es nahe, Zion hier mehr im topographischen Sinne als Königsburg und den ihr nächstliegenden Stadtteil zu nehmen, und es wäre dann der Untergang der Königsburg, des Staates, d. i. Jerusalems, und des Tempels verkündet. Wir glauben jedoch nicht, es so fassen zu dürfen. Vom Königtum als einem vom Staate gesonderten Faktor ist in diesem Kapitel überhaupt nicht die Rede, und als dessen Repräsentant wird überhaupt stets Jerusalem genannt, als Hauptstadt und als derjenige unmittelbar vom Tempel überragte Teil des Reiches, der in erster Linie in seinen Zuständen die Verwirklichung des im Tempel thronenden Gotteswortes hätte darbieten sollen. Daher wird der Untergang Jerusalems als Befreiung für „Zion“ erklärt (Jes. 1, 27). Dazu kommt, daß auch hier gleich in dem folgenden Kapitel, das mit diesem Verse im innigsten Zusammenhang steht, im V. 2 Zion als Ausgangspunkt des Gotteswortes und als identisch mit dem gleichfalls genannten Berge des Gotteshauses bezeichnet wird. Es dürfte daher hier der Tempelberg zum Schlusse noch einmal besonders genannt, und sein zeitweiliger Verlust jedweder Auszeichnung und Bedeutung, sodaß er jeglicher anderen waldbestandenen Höhe des Libanons gleiche, deshalb hervorgehoben sein, um dem verblendeten Volke jegliche trügerische Vorstellung zu benehmen, als ob es von ihm und den auf ihm vollbrachten Opfern einen Schutz für das verbrecherische Leben zu erwarten hätte. Das gerade Gegenteil wird verkündet. Zion muß als Feld gepflügt, d. h. der Tempel von Grund auf zerstört und der Tempelberg unkenntlich werden, eben wegen der Sünden Israels und um seine Bedeutung vor Verkennung und das auf ihm thronende Gotteswort vor gänzlicher Entweihung zu schützen. Eben damit einst, am Ziele der Tage, er seine volle Bedeutung erhalte als Strebeziel der erlösungsbedürftigen Völker, als Lichtquell der Erleuchtung und Heiligung der Menschheit. Eben die Hervorhebung dieses Gegensatzes der unmittelbar bevorstehenden zu der einstigen fernen Zukunft dürfte der Hauptgrund sein für die besondere Nennung des Tempelberges hier am Schlusse, denn mit dem Hinweise auf seine einstige Herrlichkeit beginnt das nächste Kapitel.