Michah 2 מיכה

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1
ה֧וֹי חֹֽשְׁבֵי־אָ֛וֶן וּפֹ֥עֲלֵי רָ֖ע עַל־מִשְׁכְּבוֹתָ֑ם בְּא֤וֹר הַבֹּ֙קֶר֙ יַעֲשׂ֔וּהָ כִּ֥י יֶשׁ־לְאֵ֖ל יָדָֽם׃
BernfeldO über jene, die Untat sinnen und Böses entwerfen auf ihren Lagern. Am hellen Morgen vollführen sie es, wenn sie es nur können.
ZunzWehe denen, die Unthat sinnen und Böses entwerfen auf ihren Lagern; am hellen Morgen vollführen sie es, denn es steht in der Kraft ihrer Hand.
J. J. HirschWehe ihnen, die Gewaltthat sinnen und Böses bereiten auf ihren Lagern! Beim Leuchten des Morgens führen sie es aus, denn es steht in der Macht ihrer Hand.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 2. V. 1. Nachdem im vorigen Kapitel das über beide Reiche herein=brechende Verhängnis verkündet ist, wird nun hier die oben V. 5 kurz als פֶּשַׁע und חַטָּאת charakterisierte Schuld Israels näher gezeichnet.

Zuerst die schlau berechnenden, äußerlich hoch respektablen Reichen, die bei Leibe keine Gewalt üben, aber es verstehen, durch arglistige Benutzung der Rechts=formen selbst den Mächtigen, geschweige denn den kleinen Mann, um Haus und Hof zu bringen. Ihr Geist ruht nie. Selbst in der Nacht, auf ihrem Lager, sinnen, planen — das ist חשב, verbinden, combinieren — sie אָוֶן, Mißbrauch der Macht, wie sie die ihnen zu Gebote stehenden Mittel zu ihrer unrechtmäßigen Bereicherung anwenden können. So üben sie Böses, oder bereiten es vor, während sie scheinbar friedlich auf ihren Lagerstätten ruhen. Wie der Morgen anbricht, sind sie im Geiste schon mit allem fertig, sind sie sich über alles klar, übersehen die Verhältnisse und haben alle Mittel und Wege im voraus berechnet, um den geplanten Schurkenstreich, das ist das רָע, in scheinbar ganz legaler Weise auszuführen: „denn sie haben die Macht dazu.“ Vergl. Gen. 31, 29. Haben sie Begehr nach Feldern, so rauben sie, nach Häusern, so fügen sie sie zu den ihrigen hinzu (וְנָשָׂאוּ in diesem Sinne ist die Vergrößerung des Hauses und seiner Beziehungen, auch die Ehe, 2 Chr. 11, 21 נָשָׂא אִשָּׁה) oder: so „nehmen sie“ zur Bezeichnung der Leichtigkeit, als handle es sich nicht um Immobilien. Denn sie verstehen es, selbst גֶּבֶר, den sonst Mächtigen, Angesehenen, durch List, etwa durch künstlich herbeigeführte Verlegenheit von sich abhängig zu machen, um ihn dann hinterlistig um seinen Besitz zu bringen. Neben גֶּבֶר bezeichnet אִישׁ den kleinen Mann, den sie noch leichter um sein Erbe bringen. Indem statt חוֹשְׁבִים und פֹּעֲלִים der stat. constr. steht, so wird dieses Thun als ein stetig und grundsätzlich von ihnen geübtes bezeichnet, sie sind „Berechner des Machtmißbrauches.“ Der Prophet brandmarkt diese Praktiken, indem er sie dem von diesen Kreisen sicher perhorrescierten Straßenraub und gemeinem Diebstahl gleichstellt.

2
וְחָמְד֤וּ שָׂדוֹת֙ וְגָזָ֔לוּ וּבָתִּ֖ים וְנָשָׂ֑אוּ וְעָֽשְׁקוּ֙ גֶּ֣בֶר וּבֵית֔וֹ וְאִ֖ישׁ וְנַחֲלָתֽוֹ׃ {ס}
BernfeldSie gelüsten nach Äckern [der Andern] und rauben sie, nach den Häusern und nehmen sie in Besitz; sie üben Gewalt an dem Mann und seinem Hause, an dem Herrn und seinem Eigentum.
ZunzUnd sie gelüsten nach Aeckern und rauben (sie), und nach Häusern und nehmen (sie), und üben Gewalt an Mann und Haus, und an Herrn und Eigenthum.
J. J. HirschSie tragen Gelüste nach Äckern und rauben sie, und nach Häusern und nehmen sie, und berücken [auch] den Mächtigen um sein Haus und den Mann um sein Erbe.
3
לָכֵ֗ן כֹּ֚ה אָמַ֣ר יְהֹוָ֔ה הִנְנִ֥י חֹשֵׁ֛ב עַל־הַמִּשְׁפָּחָ֥ה הַזֹּ֖את רָעָ֑ה אֲ֠שֶׁ֠ר לֹֽא־תָמִ֨ישׁוּ מִשָּׁ֜ם צַוְּארֹֽתֵיכֶ֗ם וְלֹ֤א תֵֽלְכוּ֙ רוֹמָ֔ה כִּ֛י עֵ֥ת רָעָ֖ה הִֽיא׃
BernfeldWahrlich, spricht der Herr, ich bringe Unheil über dieses Geschlecht, aus dem ihr euren Nacken nicht werdet befreien können; ihr sollt nicht aufrecht gehen, denn eine böse Zeit ist es.
ZunzDarum, spricht also der Ewige: Siehe, ich sinne über dieses Geschlecht Unheil, aus dem ihr nicht ziehen sollt euern Nacken, und sollt nicht aufrecht gehn, denn eine böse Zeit ist es.
J. J. HirschDarum hat also Gott gesprochen: Siehe ich sinne über diese Familie Böses, aus dem ihr eure Hälse nicht herausziehen werdet, und werdet nicht stolz einhergehen, denn eine böse Zeit ist es.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. Ihr bauet so sehr auf eure Klugheit und haltet euch für so geschickte Rechner: siehe eurem Sinnen und Berechnen steht das Walten eines größeren חֹשֵׁב gegenüber, der um seiner Barmherzigkeit willen eurem Treiben nicht länger zusieht, sondern Böses über euch ersinnen muß, aus dem ihr mit aller eurer Schlauheit „eure Hälse nicht herausziehen werdet.“ Dieser letztere Ausdruck kennzeichnet treffend jenes Gebahren, das bisher so geschickt dem Strafrichter auszuweichen wußte. Indem es heißt: „über diese Familie“, so wird das geübte Unrecht um so schärfer verurteilt, als sie nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch brüderliche Liebe von einander zu erwarten gehabt hätten. Da der Ausdruck „Familie“ sich auf die Gesamtheit bezieht, so ist damit zugleich gesagt, daß die Sucht nach unrechtmäßiger Bereicherung nicht nur den Großen sondern auch den Kleinen zum Vorwurf gemacht wird. (Vergl. Jes. 1, 23. Haftoroth z. St. S. 313, Hosea 6, 10, Amos 6, 11.) Dann werdet ihr nicht mehr im Gefühle eurer Sicherheit stolz einhergehen, denn ihr werdet dann finden, daß es „eine böse Zeit“ sei, denn alle eure Klugheit wird ohnmächtig sein, euch dem euch aufgelegten Joche, dem von Gott gefügten רָע, zu entziehen.

4
בַּיּ֨וֹם הַה֜וּא יִשָּׂ֧א עֲלֵיכֶ֣ם מָשָׁ֗ל וְנָהָ֨ה נְהִ֤י נִֽהְיָה֙ אָמַר֙ שָׁד֣וֹד נְשַׁדֻּ֔נוּ חֵ֥לֶק עַמִּ֖י יָמִ֑יר אֵ֚יךְ יָמִ֣ישׁ לִ֔י לְשׁוֹבֵ֥ב שָׂדֵ֖ינוּ יְחַלֵּֽק׃
BernfeldIn jener Zeit wird man über euch dichten und über das geschehene Unglück ein Klagelied anstimmen. Man wird sagen: Wie sind wir vergewaltigt worden! [Der Feind] entwendete den Teil meines Volkes! Wie brach er bei mir ein, um alles zu verwirren, unsere Äcker zu teilen!
ZunzAn selbigem Tage wird man über euch einen Spruch erheben und ein klägliches Klagelied anstimmen, man spricht: Verwüstet sind wir, der Theil meines Volkes entwandelt! Wie entweicht das Meine! Dem Zersplitterer unserer Felder vertheilt er sie.
J. J. Hirsch[Selbst] an jenem Tage wird über euch den Spruch erheben und wird klagen: „Ein Unglück ist geschehen!“ der [schon bisher] gesprochen hat: „Das Teil meines Volkes will er vertauschen! — Wie könnte der mir etwas wankend machen, der dem Abtrünnigen unsere Äcker zuteilt!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. Aber auch diese Zeit der schweren Heimsuchung wird nicht im Stande sein, jeden Trotz zu brechen und alle Verstocktheit zu überwinden. Es wird auch dann noch unter diesen Großen Menschen geben, die Gott herausfordernd sprechen oder vielmehr klagen werden: Ein Unglück ist geschehen! נִהְיָה unpersönlich, Niphal von היה, als wäre es ein zufälliges Geschehnis; נהה Wehklagen, נְהִי Klage und ihre Veranlassung: Unglück, Leid, nur hier und Esra 32, 18 und 1 Sam. 7, 2. Das Folgende אָמַר bis יָמִיר bildet einen Subjectsatz, das Subject nämlich von den vorhergehenden Prädicaten יִשָּׂא und נָהָה. Die Worte אֵיךְ יָמִישׁ לִי sind die Fortsetzung des Satzes נְהִי נִהְיָה. Also: so wird derjenige sprechen, אָמַר: der schon stets, bei allen feindlichen Einfällen und Verheerungen, die Israel bereits getroffen haben, gesprochen hat: Wir erleiden schweres Unrecht! Man begeht ja einen Raub an uns! Das rechtmäßige Eigentum will er vertauschen, d. h. auf einen anderen übergehen lassen! Der Sprechende glaubt freilich nicht an die Waltung Gottes, es ist nur eine frivole Verspottung der Propheten, die das Verhängnis stets als ein von Gott gesandtes verkündet hatten. Von deren und der Gesetzestreuen Standpunkte aus klagte er stets Gott der widerrechtlichen Beraubung seines Volkes an. יָמִישׁ steht ohne Object, dasselbe ergiebt sich unmittelbar aus dem Zusammenhange. Wie könnte der mir etwas weichen lassen, von der Stelle rücken, erschüttern, nämlich von meinen bisherigen Ansichten, „Überzeugungen“, also: wie könnte der mich irgend=wie in meinen Ansichten und Grundsätzen ändern, der jetzt den Abtrünnigen unsere Felder zuteilt! Die Heiden, denen Er, wie die Priester sagen, unser rechtmäßiges Gut zuteilt, sind ja keineswegs besser als wir. Das aus dem Inf. des Piel gebildete Verbalsubstantiv שׁוֹבֵב in diesem Sinne ist in seinem Munde Spott. Denn nur von dem wiederholt und immer wieder abfallenden Israel (vergl. Jer. 31, 22. 49, 4,) kann der Abfall als ein stets sich wiederholender Rückfall bezeichnet werden, nicht aber von denen, die stets in der Gottesferne waren. Nach den Accenten gehörte eigentlich לְשׁוֹבֵב שָׂדֵינוּ zusammen, dann wäre לְשׁוֹבֵב als Infin. zu fassen, in dem Sinne von zurückbringen, es wäre eine Verspottung des oft wiederholten Trostwortes der Propheten, daß das Exil, der Verlust des Landes, nur die Erziehung Israels zu seiner Bestimmung und damit zur einstigen Wiedergewinnung des Landes zum Ziele habe. Dann wäre der Satz ein spottender Ausruf: Um uns unsere Äcker wiederzugeben, verteilt er sie, d. h. teilt er sie anderen zu!

5
לָכֵן֙ לֹֽא־יִֽהְיֶ֣ה לְךָ֔ מַשְׁלִ֥יךְ חֶ֖בֶל בְּגוֹרָ֑ל בִּקְהַ֖ל יְהֹוָֽה׃
BernfeldWahrlich, von dir soll keiner die Maßschnur ziehen in [seinem] Loose unter der Versammlung des Herrn.
ZunzFürwahr, von dir soll Keiner die Meßschnur ziehen in (seinem) Loose unter der Versammlung des Ewigen.
J. J. HirschDarum wird von dir keiner da sein, der ein Los in die Urne wirft in der [einstigen] Gottesgemeinde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. Von denen, die so gegen Gott und Menschen freveln, wird keiner da sein, wenn einst das geläuterte Israel sich um Gott sammelt und der verheißenen Paradiesesseligkeit auf Erden teilhaftig wird. Die Frivolität ihrer Gesinnung läßt auch in ihren Kindern die Keime des Guten nicht aufkommen, sie haben keine Zukunft. — חֶבֶל Strick, Meßschnur, sodann, da das nach dem Lose verteilte Land abgemessen wurde, übertragen: Los, so Ps. 16, 6. גּוֹרָל Los, in der Verbindung mit הַשְׁלֵךְ auch Jos. 18, 8, bei der Austeilung an die Familien der Stämme, nachdem das Land bereits vermessen war. Übertragen: das durch das Los Zugefallene, Richter 1, 3. Bildlich für das von der göttlichen Gerechtigkeit zugewiesene Geschick, Dan. 12, 13: וְתַעֲמֹד לְגֹרָלְךָ im Gottesreiche der Zukunft. Da hier der Anteilnehmende selbst als Werfer des Loses bezeichnet wird, so kommt der Gedanke zum Ausdruck, daß der Mensch selbst durch seine That sich den Anteil an dem einstigen Gottesreiche erwirbt oder ihn verwirkt. Da hier חֶבֶל und גּוֹרָל zusammen stehen, so glauben wir das בְּגוֹרָל als Urne fassen zu dürfen.

6
אַל־תַּטִּ֖פוּ יַטִּיפ֑וּן לֹֽא־יַטִּ֣פוּ לָאֵ֔לֶּה לֹ֥א יִסַּ֖ג כְּלִמּֽוֹת׃
BernfeldPrediget [Israel] nicht! Man predige nicht solchen; niemals werden sie sich zu schämen anfangen.
ZunzPrediget nicht, die ihr prediget! man predige nicht solchen, (daß) man sich nicht Schmähungen hole.
J. J. Hirsch„Sprechet nicht im Namen Gottes!“ sprechen sie im Namen Gottes. Nicht für diese spricht man im Namen Gottes, nicht weichen würde die Schmach!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. Mit diesen Worten tritt der Prophet einem zweiten Kreise entgegen, der nicht am wenigsten schuld war an dem tiefen Abfall des Volkes und ein Haupthindernis bildete für die Aufnahme des Prophetenwortes. Dies waren die falschen Propheten, die daran arbeiteten, die Gottespropheten zu discreditieren. Sie schmeichelten dem Volke, insbesondere den Großen und Reichen, sie waren daher sofort bei der Hand, den obigen gerade gegen die reichen Unterdrücker des Volkes gerichteten strafenden Worten entgegen zu treten. Angeblich im Namen Gottes suchten sie Micha Schweigen aufzulegen, befahlen ihm, angeblich im Namen Gottes, ferner nicht im Namen Gottes zu sprechen. הַטִּיף von נָטַף tropfen, träufeln. Deut. 32, 2 wird das Wort Gottes in seinen Leben weckenden und fördernden Wirkungen mit denen des Taues und des Regens in deren mannigfachen Formen verglichen. Von dieser Anschauung aus ist הַטִּיף, wie aus unserer Stelle und Ez. 21, 2. 7 hervorgeht, ein Ausdruck für: „im Namen Gottes sprechen“ geworden, wörtlich: einen Tauestropfen des Gotteswortes auf denjenigen fallen lassen, zu dem es gesprochen wird. Die zweite Vershälfte enthält die Entgegnung Michas. Doch nicht die Lügenpropheten würdigt er einer Antwort, er spricht von ihnen, doch nicht zu ihnen. Er verschmäht es auch sie zu widerlegen. Er beschränkt sich darauf, ihre perfide Zwischenrede mit der verächtlichen Bemerkung abzufertigen: nicht zu ihnen und nicht für sie sprechen alle die Männer des Gottesgeistes, die wahren Propheten. Jene verdienen es nicht, daß auf sie ein Tauestropfen des Gotteswortes falle. Das Subject von יַטִּיפוּ sind die Propheten, als deren Vertreter Micha hier spricht, war doch auch das verdächtigende אַל תַּטִּיפוּ, Plural, der Pseudopropheten nicht gegen ihn allein, sondern gegen alle seine zeitgenössischen Gottespropheten, gegen einen Jesaias, Hosea und Amos gerichtet. לֹא יִסַּג כְּלִמּוֹת: jedes Wort an sie wäre nutzlos. כְּלִמּוֹת: Schmähungen und Verdächtigungen. Aus Jes. 50, 6 ff., wo das Wort gleichfalls in diesem Sinne als Beschimpfung vorkommt, wissen wir, daß es ein beliebtes Verfahren war, die Person der Propheten zu verdächtigen, um ihre Worte, die man nicht widerlegen konnte, zu entkräften. (Vergl. Haftoroth S. 334 f. zur Stelle.) In diesen Schmähungen lag System. Darum auch der Sing. des Prädikates. יִסַּג Fut. Kal von נסג oder Niphal von סוג, statt: יִסּוֹג. Das planmäßige Schmähen würde durch ein an sie gerichtetes Gotteswort nicht nur nicht aufhören, es würde auch keinen Schritt zurückweichen. — Nicht an sie, an das arme bethörte Volk wendet er sich deshalb mit dem Folgenden.

7
הֶאָמ֣וּר בֵּֽית־יַעֲקֹ֗ב הֲקָצַר֙ ר֣וּחַ יְהֹוָ֔ה אִם־אֵ֖לֶּה מַעֲלָלָ֑יו הֲל֤וֹא דְבָרַי֙ יֵיטִ֔יבוּ עִ֖ם הַיָּשָׁ֥ר הֹלֵֽךְ׃
BernfeldWird vielleicht im Hause Jakob gesprochen, der Herr sei ungeduldig, wenn dies sein Tun ist [gegen die Bösen]? Es sind doch seine Verheißungen gut für den, der rechtschaffen ist.
ZunzDu, genannt: Haus Jaakob, ist denn der Ewige jähzornig? Ist das sein Thun? Sind nicht meine Worte gütig gegen den, der gerade wandelt?
J. J. Hirsch[Aber du,] das Jakobs-Haus genannt ist! Ist etwa nicht ausreichend der Geist Gottes? Oder sind dieses seine Thaten? Schaffen nicht meine Worte nur Heil — bei dem, der in Geradheit wandelt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. הַאָמוּר ist Vocativ. Aber du, das den Namen, die Bestimmung und die Verheißung trägt: Jakobs-Haus zu sein. Das sonst ungebräuchliche אָמוּר, statt הַנִּקְרָא, dürfte den Gedanken mit größerer Emphase ausdrücken, auch wohl im Gegensatz zu dem hereinbrechenden Unglück an die Verheißungen erinnern, deren Träger das Jakobshaus ist, während נקרא mehr den Hinweis auf die Bestimmung enthielte im Gegensatz zu der Gesunkenheit. Hier ist aber nicht von dieser, sondern von dem Unglück die Rede. Der Gegensatz zu seiner Bestimmung wird erst im folgenden Verse hervorgehoben. — קְצַר רוּחַ steht Prov. 14, 29 als Gegensatz zu אֶרֶךְ אַפַּיִם und bezeichnet also den Ungeduldigen, Zornwütigen im Gegensatz zu dem, der „lange wartet mit seinem Verlangen“, dem Langmütigen. So wird es auch im Commentare zu Ex. 6, 9 als synonym mit קֹצֶר אַפַּיִם gefaßt. Dann hieße es: Ist denn Gottes Geduld so kurz, ist er so zornwütig? Oder sind diese, — eure Leiden, — seine Thaten? Da jedoch hier nicht das Eintreten der Strafe als ein zu rasches, der göttlichen Langmut widersprechendes, bezeichnet, sondern mit der rhetorischen Frage: Ist das Unglück Gottes Schuld, bringen nicht seine Worte vielmehr nur Glück? auf das bereits hereingebrochene und noch immer drohender bevorstehende Verhängnis hingewiesen wird, so scheint קֹצֶר רוּחַ hier vielmehr in ähnlichem Sinne zu fassen sein wie קֹצֶר יָד: Reicht denn etwa Gottes Geist nicht aus, war er so wenig weitsichtig, um zu verhindern, daß ihr ins Unglück kamet, oder hat der Gottesgeist dies bewirkt? Vergl. Jes. 49, 2. 59, 1, wo derselbe Gedanke, allerdings mit קֹצֶר יָד, ausgeführt wird, daß Israel durch seine Sünden der einzige Urheber seines Sturzes sei. Ähnlich ist auch Ex. 6, 9 zu verstehen, die Schwere des Druckes lastete mit solcher Wucht auf ihnen, daß sie ihnen jeden Ausblick über den gegenwärtigen Zustand hinaus unmöglich machte. Die ungewöhnliche Construktion עִם הַיָּשָׁר הוֹלֵךְ — während der Artikel vor הוֹלֵךְ zu erwarten wäre, während es sonst heißt: ה' עֲרִירִי Gen. 15, 2, ה' יָחֵף 2 Sam. 15, 30, ה' תמים Ps. 15, 2, ה' רָכִיל Prov. 11, 13, ה' צְדָקוֹת Jes. 33, 15 — soll eben den Charakter des Geraden in wirksamster Schärfe hervorheben, der aus diesem ganzen Kreise geschwunden war, darum hat es auch den Artikel. Meine Worte bringen ja nur Glück, freilich nur bei dem, der wörtlich „als der Gerade“, in Geradheit, ohne jegliches Abweichen, in ihnen wandelt. Vergl. Hosea 14, 10.

8
וְאֶתְמ֗וּל עַמִּי֙ לְאוֹיֵ֣ב יְקוֹמֵ֔ם מִמּ֣וּל שַׂלְמָ֔ה אֶ֖דֶר תַּפְשִׁט֑וּן מֵעֹבְרִ֣ים בֶּ֔טַח שׁוּבֵ֖י מִלְחָמָֽה׃
BernfeldSeitdem ist [der Herr] meinem Volke feindlich gesinnt, seit ihr [den Schwachen] vom Hemd bis zum Mantel auszieht, die ihres Weges harmlos vorbeiziehen wie jene, die vom Kriege heimziehen.
ZunzAber den Vertreter stellt mein Volk auf zum Feind: (denn) vom Königsmantel streift ihr die Herrlichkeit ab; aus den Sicherwandernden (macht ihr) Geflüchtete aus dem Kampfe.
J. J. HirschWas gestern noch mein Volk war, stellt sich mir als Feind entgegen! Um eines Hemdes willen ziehet ihr das Prachtgewand aus! Aus sicher Dahinziehenden [seid ihr dadurch] Kriegsflüchtige geworden!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. אֶתְמוֹל nur hier und Jes. 30, 33 für אֶתְמוֹל; hier wohl wegen des Gleichklangs mit dem folgenden מוּל. יְקוֹמֵם Piel, entweder causativ: man stellt es auf, läßt es aufstehen, wobei als Subject an die Volksverführer zu denken wäre, dann wäre jedoch der Plural zu erwarten; deshalb wahrscheinlicher in der verstärkten Be=deutung des Kal: es stellt sich auf, lehnt sich auf: לְאוֹיֵב zum Feinde, d. i. zum Feinde umwandelt. מוּל vor, gegenüber, מִמּוּל: causal, wegen des gegenüber Befindlichen, im Hinblick auf das Gegenüber, aus derselben Anschauung wie das causale מִפְּנֵי (Hosea 12, 2. Siehe das.) אֶדֶר Herrlichkeit, Prachtgewand, hier ist wohl an den מְעִיל, das himmelblaue weite Obergewand des Hohenpriesters gedacht. Vergl. Jes. 61, 10: מְעִיל צְדָקָה יְעָטָנִי, in das Priestergewand der Pflichttreue wollte er mich hüllen. Demge=genüber ist שַׂלְמָה ein ganz gewöhnliches Gewand, das jeder trägt, vergl. Ex. 22, 8, vielleicht im Hinblick auf die Lautverwandtschaft mit צֶלֶם, die Figur: das unmittelbar den Körper umkleidende Hemd, dann allgemein: Gewand. Der Sinn ist: die gestern noch mein Volk waren, stellen sich heute trotzig mir als Feind entgegen! Man hat sie gelehrt, in mir und in den Anforderungen meines Gesetzes den Feind und Störer ihres Glückes zu erblicken. Vergl. Hosea 13, 9. Euer ganzes Sinnen ist darauf ge=richtet, den anderen Völkern gleich zu werden, an eure menschheitspriesterliche Bestim=mung habt ihr gänzlich vergessen, um des gewöhnlichsten Kleides, um eines Hemdes willen zieht ihr das Prachtgewand einer menschheitspriesterlichen Bestimmung aus! Die Folge davon ist: euer ganzes Leben gleicht einer Flucht aus dem Kriege, jede Ruhe ist nur eine vorübergehende, ihr fühlt euch stets verfolgt und doch solltet gerade ihr die einzigen sein, die inmitten der überall tobenden Kriegswirren ihren Lebensweg unter Gottes allmächtigem Schutze in ungetrübter Zuversicht vollenden sollten!

9
נְשֵׁ֤י עַמִּי֙ תְּגָ֣רְשׁ֔וּן מִבֵּ֖ית תַּֽעֲנֻגֶ֑יהָ מֵעַל֙ עֹֽלָלֶ֔יהָ תִּקְח֥וּ הֲדָרִ֖י לְעוֹלָֽם׃
BernfeldDie Frauen meines Volks wollet ihr aus ihrem Lusthause vertreiben, von ihren Kindern nehmet ihr ab meinen Schmuck für ewig.
ZunzDie Weiber meines Volks vertreibt ihr aus ihrem Lusthause, von ihren Kindern nehmet ihr ab meinen Schmuck für ewig.
J. J. HirschDie Frauen meines Volkes vertreibet ihr aus ihrer wonnigen Häuslichkeit, ihren kleinen Kindern raubet ihr den von mir verliehenen Schmuck auf ewig.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. Die durch das ו hervorgehobene Person in תְּגָרְשׁוּן weist auf einen Gegen=satz hin, s. oben: sind dies seine Thaten? Nicht Gott, ihr seid es, die Verführer und die Verführten, die eure Frauen aus dem Hause ihrer Wonen treiben. Das Haus, in dem der Geist des Gottesgesetzes herrscht, ist eine Stätte des Gottes=friedens und damit des reinsten Glückes. Indem ihr diesen Geist aus euren Häusern bannt, machtet ihr eure Frauen ihrer wonnigen Häuslichkeit verlustig, und indem ihr eure Kinder im Geiste des Abfalls erzoget, raubtet ihr ihnen von vorn herein den einem jeden Sprossen des jüdischen Volkes vom Sinai verliehenen Schmuck. Auf ewig: weil sie in völliger Unkenntnis dessen aufwuchsen, was ihnen geraubt war. מֵעַל: die Herrlichkeit der jüdischen Bestimmung wird als ein Erbe betrachtet, das sich von Geschlecht zu Geschlecht übertragen soll, ihr aber nehmt es hinweg, sodaß es gar nicht auf eure Kinder kommt. Darum traget ausschließlich ihr die Schuld, daß eure Frauen und Kinder aus dem Heimatlande ins Elend getrieben werden. Denselben Schmerz über die vollständige Entfremdung, in der das jüngere Geschlecht in dieser Atmosphäre des Abfalls heranwuchs, drückt Hosea 5, 7 ergreifend mit den Worten aus: „Verrat haben sie an Gott geübt, denn gottentfremdete Kinder haben sie ge=boren!“ — Vergl. Klagel. 1, 5.

10
ק֣וּמוּ וּלְכ֔וּ כִּ֥י לֹא־זֹ֖את הַמְּנוּחָ֑ה בַּעֲב֥וּר טָמְאָ֛ה תְּחַבֵּ֖ל וְחֶ֥בֶל נִמְרָֽץ׃
BernfeldAuf und ziehet davon! da ist keine Ruhestätte für euch! Da [das Land] verunreinigt ist, so kommt das Verderben, heilloses Verderben!
ZunzAuf und gehet! denn nicht ist dies eine Ruhestatt, wegen der Schändung wird sie kreisen in schneidenden Wehen.
J. J. HirschDarum auf und gehet! denn nicht dies ist die Ruhe! Weil sie unrein geworden, ergreifet sie Weh und zwar beschleunigtes und geschärftes Weh.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. מְנוּחָה ist die Ruhe, das Glück, oder wie Num. 10, 33: die Ruhe=stätte. — הלך gehen, Hos. 6, 4: fortgehen. Darum auf! ziehet fort! d. i. ins Exil, denn der Boden trägt euch nicht mehr. Weil er unrein geworden — vergl. Lev. 18, 25. 28 — bringt er Verderben und zwar beschleunigtes Verderben. Oder es ist der Aufruf des an der Rettung noch nicht verzweifelnden Propheten an das Volk, sich doch aufzuraffen aus der trägen Stumpfheit: Auf und vorwärts! denn nicht dies, nämlich der gegenwärtige Zustand augenblicklichen Friedens, ist die Ruhe und das Glück. Täuschet euch doch nicht und lasset euch nicht täuschen! Jedes Glück, das unrein, d. i. unheilig, mit unheiligen Mitteln gewonnen ist und in unheiligem Sinne genossen wird, trägt selbst den Keim des Verderbens, das Ferment der Zersetzung in sich, dieses bringt alles ins Kreißen und zwar in die heftigsten Krampfeswehen. חבל ist das Bild der schwersten, schmerzvollsten, von des Menschen Willen unabhängigen, unabwendbaren Erschütterungen. נִמְרָץ stark, heftig, getrieben sein; in letzterem Sinne Hiob 16, 3 activ im Hiphil: was treibt dich denn?

11
לוּ־אִ֞ישׁ הֹלֵ֥ךְ ר֙וּחַ֙ וָשֶׁ֣קֶר כִּזֵּ֔ב אַטִּ֣ף לְךָ֔ לַיַּ֖יִן וְלַשֵּׁכָ֑ר וְהָיָ֥ה מַטִּ֖יף הָעָ֥ם הַזֶּֽה׃
BernfeldWenn ein Mann mit windiger Rede kommt und dir frech vorlügt: Ich will dir um Wein und Berauschendes predigen, so wird er bei diesem Volke zum Prediger.
ZunzSo ein Mann, der Wind nachgeht, mit Trug löge: „Ich will dir predigen zu Wein und berauschendem Trank!“ das wäre ein Prediger für dieses Volk.
J. J. Hirsch[Freilich] wäre ich ein Mann, der mit dem Winde geht und Lügen erdichtet, so würde ich zu dir im Namen Gottes sprechen für den Wein und für den Rauschtrunk — das wäre der rechte Prophet für dieses Volk!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. Der Prophet sucht das verblendete Volk über seine Verführer aufzu=klären. Angenehm, nutzbringend und leicht sei es, sich die Gunst des Volkes und der Großen zu gewinnen. Man brauche nur auf die Neigungen und Wünsche des Volkes, auf die jeweilig herrschende Luftströmung zu achten — Zeitgeist hat man's vielleicht auch damals genannt — und dem zu schmeicheln „Lügen zu erdichten“. „Wein und Rauschtrunk“ sind das Bild für Genußsucht und für die jedem Zureden, jeder Be=lehrung unzugängliche Verblendung. Vergl. Jes. 28, 1. Statt im Namen Gottes gegen das Genußleben und gegen den Rausch, in dem ihr alle befangen seid, anzukämpfen, brauchte ich bloß für sie und im Einklang mit ihnen zu sprechen, im Namen Gottes eure Verblendung für Aufklärung und eure Gesunkenheit für Heilesfortschritt zu erklären, dann wäre ich der wahre Prophet für dieses Volk, dann flögen die Herzen mir zu und ich stünde nach eurer Meinung auf der „Höhe der Zeit“! — Ich aber habe ein anderes Ziel. Nicht die Gewinnung eurer Gunst, eure Rettung ist mein Ziel.

12
אָסֹ֨ף אֶאֱסֹ֜ף יַעֲקֹ֣ב כֻּלָּ֗ךְ קַבֵּ֤ץ אֲקַבֵּץ֙ שְׁאֵרִ֣ית יִשְׂרָאֵ֔ל יַ֥חַד אֲשִׂימֶ֖נּוּ כְּצֹ֣אן בׇּצְרָ֑ה כְּעֵ֙דֶר֙ בְּת֣וֹךְ הַדׇּֽבְר֔וֹ תְּהִימֶ֖נָה מֵאָדָֽם׃
BernfeldSammeln werde ich dich [später] Jakob, ganz zusammenbringen den Überrest Israels, insgesamt werde ich es einstellen wie Schafe in die Hürde, wie die Herde in ihrem Pferch werden sie wimmeln von Menschen.
ZunzSammeln werde ich, Jaakob, dich ganz, zusammenbringen den Ueberrest Jisraél’s: insgesammt werd’ ich es einstellen wie Schafe in die Hürde, wie die Heerde in ihrem Pferch werden sie wimmeln von Menschen.
J. J. HirschGanz heimsammeln, heimsammeln will ich dich, Jakob, versammeln, versammeln den Überrest Jisraels, vereint will ich ihm Festigkeit geben, gleich den Schafen in fester Umzäunung. Wie eine Herde inmitten ihrer Trift werdet ihr umwogt werden von der Menschheit.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. אָסֹף jemanden aufnehmen in den Kreis, in den er gehört, so von der Wiederaufnahme des ausgeschlossenen Aussätzigen, so von der Wiedervereinigung mit den in die Ewigkeit vorangegangenen Angehörigen. קֶבֶץ: Sammlung, Vereinigung der zerstreuten Glieder eines Ganzen. Durch die Wahrheit, die ich im Namen Gottes verkünde, so schwer sie auch euch trifft, spricht der Prophet, will ich dich, Jakob, d. i. das ganze als Jakob dem Exilesgeschicke verfallene Volk, wieder auf den Boden deiner Bestimmung zurücksammeln, dich deiner Bestimmung zurückgewinnen, will dich aufnehmen in meinen Kreis. Die Zerstörung von Staat und Tempel und die Wegführung ins Exil ist die Rettung. Die in Vergötterung des Besitzes und Genusses Versunkenen und dadurch mir gänzlich Entfremdeten sollen durch den Verlust aller Güter und durch die Leiden des Exiles auf sich selbst zurückgewiesen und zur Besinnung gebracht werden. Diese Rückgewinnung ist durch אָסֹף ausgedrückt. Für den treu gebliebenen Kern des Volkes aber, den Überrest Jisraels, der gegenwärtig im Reiche zerstreut ist und von der abgefallenen herrschenden Mehrheit geknechtet wird, bringt das Exil die Befreiung und in seinem Verfolge die Vereinigung: קֶבֶץ. Das ist die einstige „Versammlung, Gemeinde Gottes“, von der oben K. 2,5 die Rede war. יַחַד, vereint: die aus Jakob Zurückgewonnenen und die Treugebliebenen in Jisrael, dieses so vereinte Jisrael אֲשִׂימֶנּוּ: werde ich einsetzen, festsetzen, begründen, ihm eine feste Stellung verleihen, כְּצֹאן בָּצְרָה: „gleich Schafen in der festen, schützenden Hürde“, sie sind ja die Herde des allmächtigen Hirten geworden, der sie fortan beschützt. Unter diesem Schutze weidet die Herde ruhig inmitten ihrer Trift, oder ihrer Hürde, und fühlt sich sicher, wenn sie auch von der Menschheit „umwogt wird.“ תְּהִימֶנָּה Fut. Kal von הום = הים, der Wurzel von תְּהוֹם das Gewoge: heftig erregt, betäubt, umwogt werden. Möglich auch, daß das מ in מֵאָדָם rein örtlich zu fassen ist. Wie die Herde hinein in die sie schützende Hürde, so werdet ihr, die jetzt so Stolzen und Selbstbewußten, dann aber zur Erkenntnis Gelangten, voll ängstlicher Erregung aus dem Kreise der Menschheit in die euch schützende Hürde, d. i. unter die Herrschaft und damit auch unter den Schutz eures Gottes euch flüchten.

13
עָלָ֤ה הַפֹּרֵץ֙ לִפְנֵיהֶ֔ם פָּֽרְצוּ֙ וַֽיַּעֲבֹ֔רוּ שַׁ֖עַר וַיֵּ֣צְאוּ ב֑וֹ וַיַּעֲבֹ֤ר מַלְכָּם֙ לִפְנֵיהֶ֔ם וַיהֹוָ֖ה בְּרֹאשָֽׁם׃ {פ}
BernfeldEs steigt der Mauerbrecher heran vor ihnen her, sie brechen ein und ziehen durch das Tor und ziehen dann durch es [in den Krieg]; ihr König zieht vor ihnen her, und der Herr an ihrer Spitze.
ZunzHeran steigt der Mauerbrecher, vor ihnen her, sie brechen ein und ziehen durch das Thor, durch das (jene) ausgezogen, und ihr König zieht vor ihnen her und der Ewige an ihrer Spitze.
J. J. Hirsch[Deshalb:] zog auch der Staatenzerstörer herauf, vor ihnen her, strömten sie auch hinaus und zogen dahin, durch das Thor, und zogen durch es hinaus: so zieht ihr König vor ihnen her, Gott ist an ihrer Spitze!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. פָּרֵץ, lautverw. mit פרם und פרשׂ, durchbrechen, einreißen; als Object ist in der Regel die Mauer oder die Umschränkung gedacht, je nachdem der Durchbruch von außen oder von innen erfolgt. Also hier: der Eroberer, der alle schützenden Umwallungen durchbricht. Im Besonderen dürfte hier durch פּוֹרֵץ der Eroberer auch als derjenige gezeichnet sein, der die die einzelnen Reiche trennenden Grenzen beseitigt, um sie alle zu einem Weltreiche zu vereinigen, wie dieser Welteroberungsplan z. B. Jes. 10, 13 von Aschur ausgesprochen wurde: וָאָסִיר גְּבוּלוֹת עַמִּים וגו', „ich beseitige die Grenzen der Völker und ihre gesonderten Zukunftsgeschicke, d. i. ihr Einzeldasein, habe ich vernichtet.“ Durch die Lautverwandtschaft mit פרם und פרשׂ liegt auch die Nüance des Ausbreitens, Zerstreuens in dem Worte, also hier: außer dem Staatenzerstörer auch der „Völkerzerstreuer“. פרץ kommt auch intransitiv vor: sich ausbreiten, vermehren, also die bisherigen Schranken durchbrechen. So Gen. 28, 14. Jes. 54, 3 u. f. Ebenso ist פָּרְצוּ hier intransitiv. Also: das bisher selbständige Jisrael wird aus seinem gesonderten Sein in die brandenden Völkerwogen hinausgerissen. Doch ist es zum Heile der Treuen. Was als Untergang erscheint ist der Weg zur Rettung. Denn: ist auch der Staatenzerstörer [über sie] heraufgezogen und zieht nun vor ihnen her, sie müssen ihm folgen, sie strömen hinaus und ziehen dahin, durch das Thor, und ziehen hinaus: so zieht ihr König vor ihnen her, Gott ist an ihrer Spitze. Scheinbar der Gewalt des Eroberers verfallen, jedes äußeren Zusammenhaltes beraubt, in die Gefangenschaft getrieben und über die Erde zerstreut, haben sie damit in Wahrheit den Weg zu ihrer Freiheit angetreten und zur Wiedergewinnung ihrer inneren Einheit. Denn wohin sie immer den wandernden Fuß setzen mögen: nicht die assyrischen und nicht die babylonischen Könige und nicht die römischen Imperatoren und deren Nachfolger sind ihre Herren, überall zieht ihr wahrer König vor ihnen her, überall ist Gott an ihrer Spitze. — Offenbar liegt diesen Worten eine Parallele mit Exod. 12, 41 zu Grunde, wo das in die Freiheit hinausziehende Jisrael als צִבְאוֹת ה', als die Heerscharen Gottes bezeichnet wird. Nur der Adlerflug des Prophetengeistes erhebt zu jener Höhe, auf der die Exileswanderung der Volkstrümmer des zermürbten Jisrael in tiefstem Pragmatismus als die Fortsetzung jenes ersten Auszuges geschaut wird, die Jisrael nunmehr siegreich zum Ziele seiner ewigen Bestimmung führen werde. Einen nimmer versiegenden Quell des Trostes und der Ermutigung bergen die Worte dieses Verses.