Michah 1 מיכה
Einleitung von Julius Jehuda Hirsch
Micha
1. Die Person und die Zeit des Propheten. Micha war ein Zeitgenosse der Propheten Jesaias, Amos und Hosea, deren prophetische Wirksamkeit jedoch bereits unter dem Könige Usija begann, während Michas Sendung erst während Jothams Regierung erfolgte. Seine Geburtsstadt Morescheth, nach 1, 14 in der Nähe der philistäischen Stadt Gath gelegen, in der Gegend des heutigen Eleutheropolis, gehörte zum Reiche Juda. Die Stätte seines Wirkens war wohl Jerusalem, der Herzpunkt der Nation, die Hauptstadt Judas. Über sein Leben fehlt es an jeglichen näheren Angaben.
Um so lebendiger tritt uns seine herrliche Persönlichkeit aus seinen Reden entgegen. Wohl keinem Propheten strömt also der Gedankenausdruck in markigen Wortspielen und Alliterationen zu, wie Micha. Aussichtslos ist jeder Versuch, diese in eine fremde Sprache zu übertragen, deshalb geht in der Übersetzung die ihn auszeichnende concinne und sentenziöse Zusammendrängung der Gedankenfülle gänzlich verloren. So Kap. 1, 4: מֻגָּרִים בְּמוֹרָד, 1, 10 b. 11: לֹא יָצְאָה — צַאֲנָן, 14: בָּתֵּי אַכְזִיב לְאַכְזָב, 15: הַיֹּרֵשׁ — מָרֵשָׁה, 2, 4: וְנָהָה נְהִי נִהְיָה, 6: אַל־תַּטִּיפוּ יַטִּיפוּן, 4, 14 u. s. Ebenso weiß er durch wuchtige Apostrophen (2, 9. 7, 8. 11 f.), wirksame Antithesen (2, 6—11), durch lebendige Schilderung, indem er die Vertreter der herrschenden Irrlehren redend einführt (5, 6 f.), den mitzuteilenden Gedanken den klarsten Ausdruck und die eindruckvollste und anschaulichste Verkörperung zu geben.
2. Das Buch Micha. Kap. 1—3. Wie Jesaias (Kap. 2) und Amos (Kap. 1) erblickt auch er Israel in seiner bei der Offenbarung am Sinai (Ex. 19, 6) ausgesprochenen menschheitpriesterlichen Bestimmung, ja diese innige Beziehung zur Gesamtmenschheit bildet bei ihm den Ausgangspunkt seiner prophetischen Reden. Er schaut die Gesamtnation, Juda und Israel, die damals getrennten (2, 12) als das seiner Bestimmung nach einheitliche Jakobshaus, das er retten, das er zur Höhe seines menschheitpriesterlichen Berufes, dem es untreu geworden (1, 5), zurückgewinnen oder vielmehr gewinnen will — denn vollkommen gerecht war es ihm noch nie geworden. Er schaut die großen völkergeschichtlichen Umwälzungen, die sich in seiner Zeit vorbereiteten und die mit dem durch der Assyrer emporstrebende Macht bewirkten Untergange des Reiches Israel ihren Anfang nahmen. Alle die gewaltigen Erschütterungen mit allen den völkermordenden, Länder verheerenden Kriegen, die durch die einander ablösenden Weltreiche über die Menschheit gebracht wurden, sie hätten, so lehrt er, vermieden werden können, wenn Gesamtisrael der staunenden Welt das Beispiel eines Idealstaates geboten hätte, in dem durch Verwirklichung der ewigen Principien der Gerechtigkeit und der Liebe, wie sie im Gottesgesetze codificiert sind, jenes reine Menschentum verwirklicht worden und jene Glückseligkeit erblüht wäre, die in anderen Kreisen und ohne diese Voraussetzung noch heute als Utopie gelten. Die Macht dieses Beispiels würde schon am Anfang der Geschichte das bewirkt haben, was jetzt erst am Ziele der großen Erziehungsgeschichte der Menschheit winkt: nämlich die Erkenntnis, daß nur in der Rückkehr zu Gott, in der Beschreitung des Heilesweges, den er in dem auf Zion thronenden Gesetze auch für die Menschheit gelehrt hat, das einzige Heil für Alle ruht, wie diese Rückkehr 4, 1 ff. am Ziele der Tage geschaut und geschildert wird. Demgegenüber sieht er mit bitterem Schmerze die Verderbnis dieses Priestervolkes, sieht den Untergang des Reiches Israel (1, 5), sucht durch ergreifende Mahnworte die Nation vom Rande dieses drohenden Unterganges zurückzureißen, schildert das frivole nichtswürdige Walten der falschen Propheten (2, 6 ff. und 3, 5—8), richtet sich denen gegenüber in der ganzen männlichen Hoheit des Gottespropheten auf (2, 11 f. und 3, 8), appelliert an das Rechtsgefühl und zeigt, wie bei der gänzlichen Verkommenheit aller politisch, social und geistig einflußreichen Faktoren auch im jüdischen Staate derselbe das Schicksal des israelitischen Reiches teilen und „der Tempelberg zu einer der waldbewachsenen Höhen“ werden müsse und werde (3, 1—4, 9—12).
Kap. 4. Denn nur durch den Untergang des gottentfremdeten Staates und des in seiner Mitte befindlichen Tempels kann Zion seiner weltgeschichtlichen Bestimmung erhalten werden, die V. 1—4 ausgesprochen ist. Mit der Gesamtmenschheit wird auch Israel am Ziele seiner Leidenserziehung angelangt sein und, von Gott zurückgesammelt, zu einem mächtigen Volke unter Gottes Herrschaft werden, dessen Waltung über es niemals aufgehört habe (V. 5—9). Deshalb möge es zunächst nur in Ergebung alle Verhängnisse über sich ergehen lassen, das scheinbar Besiegte werde durch die von ihm vertretene Wahrheit die Herrschaft seiner Unterdrücker brechen und diese selbst läutern, die es noch erfahren würden, daß sie mit jedem Streiche gegen das ihnen preisgegebene Israel sich an Dem versündigen, der dessen ewiger Annehmer ist (10—14).
Kap. 5 wird sodann auf die einstige Herrschaft des Sprößlings aus dem Davidshause hingewiesen (1—3), auf die menschheitpriesterliche Wirksamkeit des unter die Völker zerstreuten Israel in deren Mitte (6—8), die schon aus dem über Israel hereingebrochenen Geschicke sich hätten belehren lassen sollen (9—14).
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 1, V. 2. שִׁמְעוּ עַמִּים וגו'. Die Völker werden aufgerufen, das Folgende zu vernehmen, denn in den völkergeschichtlichen Umwälzungen, auf die in V. 3 hingedeutet wird, offenbart sich Gottes waltende Hand, in dem Untergange aller auf Machtmißbrauch sich gründenden Reiche zeigt sich Gott als Lenker der Geschicke. Wenn auch die „Erde und ihre Fülle“, also auch die ganze übrige Wesenschar außer den Menschen zum Aufmerken aufgefordert wird, so bezieht sich dies auf den innigen Zusammenhang, in dem nach der Lehre der Bibel das Blühen und Welken des von den Menschen bewohnten Bodens mit deren sittlichem Verhalten steht. Der Lenker der Geschicke hat auch die Gänge der Natur in seiner Hand, der Gesetzgeber Israels und der Menschheit ist identisch mit dem Schöpfer und allmächtigen Herrn der Natur. אֲדֹנָי, Gott, der mich sendet und der seine Liebe nunmehr in den Waltungen seiner Strafgerichte offenbaren wird, er wird, durch den Ernst der Ereignisse, gegen euch zeugen, und zwar מֵהֵיכַל קָדְשׁוֹ. Wohl offenbart sich Gott auch in der Natur. Doch nur der reine Menschengeist vernimmt die Stimme dieser Offenbarung. Auch lehrt sie nur, daß und was Gott sei. Aber die Bestimmung des Menschen wird nur in der Offenbarung, die in der Thora niedergelegt ist, Israel und der Menschheit verkündet: מֵהֵיכַל קָדְשׁוֹ, von der „Machtstätte seines Heiligtums“ aus, also in Vertretung der in dem Heiligtum seines Gesetzes niedergelegten, der Thora zu Grunde liegenden oder vielmehr ihren ganzen Inhalt bildenden ewigen Principien des Rechtes, der Liebe und der Sittlichkeit. Das ist der Maßstab, den er an die Reiche der Menschen anlegt, und die Folgen dieser Prüfung werden V. 4 geschildert. Als Vertreter dieser Principien wird er gegen euch zum Zeugen, d. i. Ankläger, denn er tritt (V. 3) hinaus aus seiner bisherigen Verborgenheit, in der er still in Liebe, ה', gewaltet, er wird jetzt sichtbar in der Gestaltung der Ereignisse und steigt nieder und tritt hin auf die Höhen der Erde. דָּרַךְ עַל בָּמֳתֵי ist der stets wiederkehrende Ausdruck für völlige Besiegung des anderen, die Höhen einnehmen, auf denen bisher der andere gestanden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. וְנָמַסּוּ וגו'. Gottes eingreifende Waltung trifft zuerst die Großen und Hohen. „Unter ihm“, es ist das die kühne Fortsetzung jenes häufig vorkommenden Bildes. Unter seinen Füßen schmelzen die mächtigen Gebilde menschlicher Größe, Frevel und Gewalt hielt sie zusammen, dieser Zusammenhalt löst sich auf. Aber auch die Thäler werden auseinandergerissen: wie bei den höheren Schichten, so war sündhaft auch das, was die Niederen verband, auch es vergeht bei dem Eintritt Gottes. Die Auflösung vollzieht sich widerstandslos und still, wie das Schmelzen des Wachses beim Herannahen des Feuers, und unaufhaltsam und rasch, wie die am Bergeshang herabstürzenden Wasser — ein grandioses Bild der Ohnmacht aller Menschengröße gegenüber der Majestät Gottes. Also bei seinem Eintritt wird alles haltlos, die Großen schmelzen wie Wachs, sie werden widerstandslos durch äußere Gewalt aufgelöst, bei den Kleinen bedarf es gar keines äußeren Anstoßes, ihr Fall erfolgt scheinbar natürlich, wie Wasser, das den Hang hinabstürzt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. „Durch den Abfall Jakobs alles dies und durch die Sünden, — wörtlich: die Thaten des Leichtsinns — des Hauses Israel“. Die Notwendigkeit des unmittelbaren göttlichen Eingreifens in die Geschicke der Völker wurde durch den Abfall Jakobs herbeigeführt, also durch die treue Erfüllung seines Berufes wäre es nicht nötig geworden, die Menschheit durch Erfahrung schweren Leides zu erziehen. Siehe oben in der Einleitung. Durch die Nichterfüllung des Gottesgesetzes hat sich Israel an der ganzen Menschheit versündigt, der es wegweisend vorangehen sollte. Gegenüber so mancher Verkennung ist es nicht unwichtig, auf diese universale Anschauung des Propheten hinzuweisen, und auch darauf, daß sie nichts ist als die Ausführung und Anwendung der Exod. 19, 6 ausgesprochenen Bestimmung Israels. Als Höhepunkt und sodann auch als Ausgangspunkt des Abfalls wird die Hauptstadt des grundsätzlich abgefallenen israelitischen Reiches genannt, in welchem „Jakob“ vollständig mit Gott gebrochen hatte, als Kernpunkt des Leichtsinnes, der wankenden Treue auch im Reiche Juda wird der Höhendienst bezeichnet. Auf den Bamoth wurde nicht den Götzen, sondern Gott geopfert. Es waren Privatopfer. Diese Privatopfer auf den Höhen waren also keineswegs heidnische Götzenopfer, sie wurden Gott dargebracht. Allein es fehlte die Beziehung zu seinem offenbarten Gesetze. Die Opfer auf dem Altare, der sich am Eingang zu dem Nationalheiligtum des Gottesgesetzes befand, lehrten, daß es nur den einen Weg zur Gewinnung der Gottesnähe gebe: die Erfüllung des Gesetzes. Durch die Opfer auf den Privat-Bamoth wurde dem Wahne Vorschub geleistet, man könne das Einzelleben von dem öffentlichen Leben trennen, für das Einzelleben könne man sich der segnenden Gottesnähe teilhaftig machen, auch ohne den Anforderungen des Gottesgesetzes zu genügen; dieses thronet im Nationalheiligtum, im eigenen Leben gelte das subjective Belieben eines jeden Einzelnen. In dieser Klüftung des Lebens wurzele der mangelnde Ernst, der Leichtsinn Judas, und dieser zeige sich am grellsten in der glänzenden Metropole Jerusalem. „Wo findet man die Höhen des jüdischen Leichtsinnes, wenn nicht in Jerusalem!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. Darum beginnt Gottes weltgeschichtliches Gericht; aber weil es durch Israels Abfall verschuldet, so beginnt es auch gerade bei Israel und zwar bei dem israelitischen Reiche, als demjenigen Teile Israels, dessen Abfall von Gott am größten und offenkundigsten war. Schomron wird לְעִי הַשָּׂדֶה וגו', gänzlich zerstört, so daß nur einzelne Trümmer von seinem ehemaligen Dasein zeugen, während das übrige Areal teils als Ackerland, שָׂדֶה, teils zu Weinberganlagen von den fremden Ansiedlern benutzt wird. Schomron war nach Amos 3, 9 auf hügeligem Terrain erbaut, es wird dort von den „Bergen Schomrons“ gesprochen, von denen man in es hinabschauen könne: daher das Bild von den ins Thal hinabfließenden Steinen; Mauern und Häuser sind jedes Zusammenhaltes beraubt. Die Worte: וִיסדֶיהָ אֲגַלֶּה, „und ihre Grundlagen werde ich aufdecken“ setzen nicht die Schilderung der gänzlichen Zerstörung fort, die ja schon durch die verkündete Umwandlung des Stadtareals in Acker- und Weinland keiner Steigerung mehr fähig ist. Der Sinn ist vielmehr: bei dem von mir gefügten Zusammenbruch wird sich's zeigen, wie hohl, morsch und wie sittlich faul alles ist, worauf der äußerlich glänzende Staat gegründet war.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Und alles, was sie sich künstlich zu ihrem vermeintlichen Schutze als Götter geschaffen, wird „zerstoßen“, das Wort ist als Gegensatz zu der ihnen zugeschriebenen magischen Schutzkraft gewählt. אֶתְנַן Buhllohn: als Geschenk der Götter betrachteten sie ihre Reichtümer, die also ihnen nicht trotz, sondern gerade wegen ihres Abfalls von Gott zu teil geworden seien. Deshalb: alle ihre erbuhlten Schätze werden in Feuer verbrannt werden. עֲצַבִּים von עֶצֶב verw. mit עוב (s. zu Gen. 3, 10), Entsagungsschmerz, bezeichnet die Götter — im Gegensatz zu Gott, der seine Freude hat an dem Aufblühen reinen Menschenglücks — als die dem Menschenglücke feindlichen, zu fürchtenden, Schmerz und Entsagung auflegenden Mächte. Es ist dies die Doppelnatur des Götzendienstes, einerseits die Entfesselung schamlosester Sinnlichkeit, anderseits der scheue, zitternde Aufblick zu den Unheil bringenden Mächten. Alle diese Wahngebilde menschlicher Entartung werden vernichtet. — כִּי מֵאֶתְנַן וגו'. Denn sie, Schomron, hat das Alles nur als Lohn der Untreue gegen Gott gesammelt, darum fällt alles wieder zurück an die Mächte, von denen es erbuhlt worden. Subject von קִבָּצָה ist Schomron, Object die zuvor mit אֶתְנַנֶּיהָ bezeichneten Schätze, dieselben sind auch Subject von יָשׁוּבוּ. Es wäre damit zugleich auf die Thatsache hingewiesen, daß dieselben Völker, um deren Gunst Israel mit Aufgebung seiner Treue gegen Gott gebuhlt, es noch stets am meisten gedrückt und gedemütigt haben. יָשׁוּבוּ, sie kehren zurück, würde dann heißen, die Güter, die Israel erbuhlt, oder als Göttergeschenk betrachtet hat, werden ihm geraubt und von ihren Siegern nunmehr als Buhllohn im eigentlichem Sinne des Wortes in dem mit schamlosen Ausschweifungen verbundenen Baaldienste verwendet werden. Uns scheint jedoch der Prophet mit den als Ausdruck schwerer Schuld und schwerer Strafe nebeneinander gestellten beiden Sätzen mit dem zweiten ein viel schwereres Verhängnis bezeichnen zu wollen, als in der bloßen Herabwürdigung schmachvoll erworbener Güter läge. Daher möchten wir als Subject von יָשׁוּבוּ sie, nämlich die Bürger von Schomron erkennen, das ja hier als Vertreterin des Reiches Israel genannt und das ja offenbar das Subject von קִבָּצָה im ersten Satze ist. Dort wird Schomron-Israel in seiner collectiven Einheit, hier in der Vielheit seiner Bürger geschaut. Wir haben dann die Strafe in ihrer ganzen niederschmetternden Wucht: als Buhllohn haben sie alles gesammelt, zum Buhllohn werden sie selbst zurücksinken, die in die Gefangenschaft geschleppten Bürger Schomrons werden an Zahlungsstatt als אֶתְנָן an Buhldirnen verschenkt werden. Vergl. וַיִּתְּנוּ הַיֶּלֶד בַּזּוֹנָה Joel 4, 3. Die „Rückkehr“ weist auf den ursprünglichen Zustand tiefsten Elends und socialen Todes hin, aus dem Israel nur durch Gottes Allmacht erlöst worden ist. Mit diesem Worte ist allerdings der Höhepunkt der Herabwürdigung und des Elends gezeichnet, darum bildet es den Abschluß der Schilderung des Unglücks, und ihm folgt unmittelbar der Schmerzausbruch des Propheten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Dieser Schmerz ist aber ein so ungeheuerer, daß er vergebens nach Ausdruck ringt. אֶסְפְּדָה, אֵילִילָה, אֶלְכָה, alle drei Verba mit optativem ה: ich möchte klagen, möchte jammern, möchte, überwältigt von dem nach Ausdruck ringenden Schmerze, sinnesberaubt und nackt umhergehen — in Wirklichkeit aber stelle ich Klage an wie — ein Krokodil und Trauer wie — Sträuße, d. h. ich bleibe regungslos und stumm. תַּנִּים, Ex. 7, 9 תַּנִּין als synonym mit נָחָשׁ Schlange, stets als Bezeichnung eines gewaltigen Tieres, Gen. 1, 21: mächtiges Fluß- oder Seeungetüm, also das Bild eines gewaltigen gefühllosen Tierwesens, Schlange, Krokodil, die alle stumm sind, ebenso der Strauß. שׁוֹלָל adverbial gebrauchtes Part. Pual von שׁלל plündern, berauben, also: beraubt. Nur hier und Hiob 12, 17 und 19. An der letzteren Stelle ergibt sich aus dem Zusammenhange die besondere Bedeutung: sinnesberaubt, in der Schilderung des von Gott gefügten Wechsels der Geschicke und der Wertschätzung von יוֹעֲצִים, den weisen Beratern und den Priestern gebraucht, die Gott שׁוֹלָל, ihres bisherigen Ansehens beraubt umhergehen lasse, wie hier mit הלך verbunden, מוֹלִיךְ יוֹעֲצִים שׁוֹלָל.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. אֲנוּשָׁה von אנש, bezeichnet eine schwere, unheilbare oder unheilvolle Erkrankung, bei der nicht bloß ein Teil, sondern der ganze Körper vom Siechtum ergriffen ist. So von Wunden Jer. 15, 18 אֲנוּשָׁה מַכָּתִי, vom Schmerze das. 30, 15, vom unheilvollen Tage das. 17, 16, von verderbten Herzen, das. 17, 9. Das Subject der ersten Satzhälfte ist das V. 6 genannte Schomron, auf das sich die Suffixe des 7. und 8. Verses beziehen, der Plur. מַכּוֹתֶיהָ kann dann nur als adverbiale Bestimmung des Grundes gefaßt werden. Da jedoch die zweite Satzhälfte, die von dem Vordringen des Verderbens bis in Juda und nach Jerusalem spricht, mit dem begründenden „denn“ eingeleitet wird, so müssen die ersten gleichfalls schon eine über Schomron bezw. das israelitische Reich hinausgehende Beziehung aussagen. Die Feminalform אֲנוּשָׁה dürfte deshalb hier als Substantiv gebraucht sein: „unheilbares Siechtum sind ihre Wunden“. Das jetzt über Schomron und das israelitische Reich hereinbrechende Verhängnis zeigt das Vorhandensein eines Siechtums, einer schweren, unheilvollen Verderbnis, die den ganzen israelitischen Volkskörper ergriffen hat und sich durchaus nicht auf einen Teil beschränkt. Waren es doch ohnehin fünf Sechstel der Nation, deren Untergang hier verkündet wird, es handelt sich schon deshalb nicht etwa bloß um das Abtrennen eines kranken Teiles, die Verderbnis und deren Folge, das Verderben, ist auch schon nach Juda, bis zu Israels Herzpunkt, nach Jerusalem vorgedrungen. Dann ist אֲנוּשָׁה auch das Subject des zweiten Satzes, vom Prädicate בָּאָה, und bedeutet sowohl die Ursache wie die Wirkung, die Verderbnis und das durch die assyrische Heeresmacht gebrachte Verderben.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. Wir hätten also alle Ursache in laute Wehklage auszubrechen — die Rücksicht auf den Hohn der benachbarten Feinde jedoch, die sich an unserem Schmerze weiden, verbietet laute Klage. Nur in dem eigenen, selbst dem Staube, d. i. dem Trümmergeschick des Unterganges verfallenen Hause magst du dich vor Schmerz im Staube wälzen, oder: strecke dich in den Staub. Das zu Boden Sitzen ist stets Ausdruck der Trauer. Ähnlich Jer. 6, 26: הִתְפַּלְּשִׁי בָאֵפֶר, in der Asche, hier עָפָר, wohl wegen des Wortspieles mit לְעַפְרָה, das sich besser als אֵפֶר von den zu Schutt zerfallenden Häusern gebrauchen läßt. Die doppelte Bezeichnung der Richtung, hier der Angehörigkeit, des Verfallenseins durch vorgesetztes ל und angefügtes ה, die noch zu der bereits durch den stat. const. בֵּית bezeichneten Angehörigkeit hinzutritt, drückt die Unabänderlichkeit des Geschickes aus. — Josua 18, 23 wird allerdings auch eine zum Stamme Benjamin gehörige Stadt עָפְרָה genannt. Wir glauben jedoch nicht, daß an diese zu denken ist, die erwähnte ungewöhnliche Construction wäre dann nur um so unerklärlicher, und Näheres ist über diese Stadt ohnehin nicht bekannt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. שָׁפִיר Eine Stadt dieses Namens aber kommt überhaupt nicht vor, ebensowenig wie ein Zaanan oder בֵּית אֶצֶל. Das Jos. 15, 37 genannte צְנָן ist keineswegs identisch mit צַאֲנָן und das Zach. 14, 5 vorkommende Wort אֶצֶל bezeichnet nach dem ganzen Zusammenhange höchstwahrscheinlich dort keine Örtlichkeit, keinesfalls ist es mit בֵּית הָאֶצֶל zusammenzuwerfen, das schon durch den Artikel die Bedeutung eines Eigennamens abweist. Wir sind deshalb auf den Wortsinn hingewiesen. שֶׁפֶר Gen. 49, 21 heißt Schönheit, שִׁפְרָה Hiob 26, 13: Heiterkeit, vom wolkenlos strahlenden Himmel. Also יוֹשֶׁבֶת שָׁפִיר: die in stolzer Schöne Thronende. Hier von den sich noch sicher fühlenden herrschenden Kreisen in Juda. Ähnlich צַאֲנָן, nur hier und zwar adverbialisch, verw. mit שַׁאֲנָן, ruhig, sicher, geschützt — (daher auch צאן die in Hürden bewahrten, im Gegensatz zu בקר Grundbedeutung frei, siehe zu Gen. 12, 16 S. 227) — zuversichtlich, sorglos, übermütig, durch צ-Laut mit der Nüance des Gewaltsamen, Gezwungenen, Künstlichen. יוֹשֶׁבֶת צַאֲנָן: die mit Unterdrückung jeder aufsteigenden Besorgnis in stolzer Zuversicht und Abgeschlossenheit Wohnende, die Bezeichnung der Abgeschlossenheit durch das לֹא יָצְאָה noch verstärkt. בֵּית הָאֶצֶל: אֵצֶל Seite, zur Seite, neben. Hier zum Subst. erhoben: der zur Seite ist, der Nachbar, das Haus des Nachbars. Auffällig ist der Pl. לָכֶם statt לָךְ neben dem collectiven Sing.; er scheint gewählt zu sein, um die Bedeutung des Dativs in der ja sonst nicht ungewöhnlichen Verbindung קוּמִי לָךְ, לֵךְ לָךְ (Hohel. 2, 10) ganz besonders hervorzuheben: um euretwillen. Juda bezw. Jerusalem wird aufgefordert, doch nicht die Augen zu schließen vor dem Unglück, das über Schomron hereingebrochen, vielmehr um seiner selbst willen es sich anzusehen und sich dadurch zur Einkehr bestimmen zu lassen. „Gehe hinüber, thuet es um euretwillen, in schmählicher Entblößung, die noch so glanzvoll und herrlich Wohnende, — die bisher nie auszog, d. h. sich um das Geschick des Nachbarreiches nicht zu kümmern pflegte, die in so stolzer Sicherheit Wohnende! Die Klage des Nachbarhauses empfängt von euch ihre Dauer!“ Es hängt nur von euch ab, daß sie nicht auch bei euch vernommen werde. Lasset ihr euch nicht warnen, so wird sie bald auch bei euch vernommen werden. Der Plural מִכֶּם correspondiert mit dem vorhergehenden לָכֶם und hat alle Einzelnen im Auge. עֶמְדָּתוֹ Stillstand, vergl. כִּי עָמְדָה מִלֶּדֶת Gen. 30, 9. Für לָקַח als empfangen vergl. Jes. 40, 2.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. חָלָה von חיל vor Angst zittern, sich in Schmerzen winden. Jerusalem, das in den vorhergehenden Versen יוֹשֶׁבֶת שָׁפִיר und יוֹשֶׁבֶת צַאֲנָן genannt wird, wird hier als יוֹשֶׁבֶת מָרוֹת, die in Widerspenstigkeit, trotzigem Ungehorsam Verharrende bezeichnet. Denn zum Guten, d. i. zum Heile, zu ihrer Rettung zittert die bis jetzt Widerspenstige, denn von ה', dem barmherzigen, in Liebe waltenden Gotte ist das Böse, das Unheil bereits bis zum Thore Jerusalems niedergestiegen. Nach dieser Auffassung ist die durch die Furcht bewirkte Besserung als bereits eingetreten gedacht, und das erste כִּי findet eben hierin seine Erklärung. חָלָה kann jedoch auch als reines Perf. und יָרַד als Plusquamperf. zu fassen sein. Dann wäre der Satz als ein Hinweis auf die bereits wiederholt durch Furcht bewirkte Besserung und die als deren Folge eingetretene Abwendung drohenden Untergangs zu begreifen. Es hieße dann: Geht hinüber und sehet euch das Unglück Schomrons an, denn [schon oft] hat zum Heile gezittert die in ihrem Ungehorsam so ruhig Wohnende [Jerusalem], denn das von Gott gesandte Unheil ist bereits unterwegs auch für Jerusalems Thore.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. Die in diesem und den folgenden zwei Versen vorkommenden Namen Lachisch, Gath, Marescha und Adullam bezeichnen zweifellos die unter diesen Namen bekannten Städte. Alle vier werden 2 Chron. 11, 7 ff. unter den von Rechabeam befestigten und mit reichen Vorräten von Lebensmitteln ausgestatteten Städten genannt. Lachisch, Marescha, Adullam und Acsib lagen nach Jos. 15, 35. 39 und 44 in der Schefela, der Niederung des Stammes Juda, Lachisch und Adullam gehörten zur Zeit der Besitznahme nach Jos. 12, 11. 15 zu den kanaanitischen Königsstädten. Gath ist eine der fünf Fürstenstädte der Philister, es wurde nach 1 Chron. 18, 1 von David samt den zu ihm gehörigen Ortschaften den Philistern abgenommen und Juda einverleibt, wie aus der angeführten Stelle 2 Chron. hervorgeht. Der ägyptische König Schischak hatte nach 2 Chron. 12, 4 „die befestigten Städte“ in Juda erobert. Ob Gath damals oder erst später Juda verloren ging und seine Selbstständigkeit wieder gewann, steht dahin.
Das Verständnis dieser Verse bietet viele Schwierigkeit, weil uns jegliche Kenntnis der Beziehungen fehlt, auf die hier offenbar angespielt wird. — רָתַם kommt nur hier vor, verw. mit רָדַם, Niphal: in tiefem Schlafe liegen. רָתַם kommt sonst nur als רֹתֶם, Ginsterstrauch, vor. (Ob die biegsamen Zweige des Ginster zum Binden verwandt wurden?) An unserer Stelle kann die Bedeutung: Binden nicht zweifelhaft sein. — רֶכֶשׁ nur hier, ferner 1 Kön. 5, 8, wo es neben סוּסִים genannt wird, also nicht zu den Pferden gehören kann, und Esther 8, 10. 14; von demselben Stamme: רְכוּשׁ, die bewegliche Habe. Nach dem Zusammhange in Esther bezeichnet es ein schnellfüßiges, in der Regel zum Reiten benutztes Tier. Die Aufforderung hier, den Wagen an das Eiltier, den Renner zu spannen, offenbar zur Flucht, bezeichnet deren dringende Eile. Dem Ausdruck: den Wagen an das Tier, statt das Tier an den Wagen zu spannen, begegnen wir auch im Lateinischen. Lachisch wird hier als eine ganz besonders verderbte Stadt bezeichnet, in der der Abfall und die Entartung des israelitischen Reiches vollständig platzgegriffen hatten und die dadurch von unheilvollem Einfluß auf Juda gewesen sei. Sie hatte die Sünden Ephrajims nach Juda verpflanzt. „Spanne den Wagen an das Eiltier, Bewohnerin von Lachisch, — sie war der Ausgangspunkt der Sünde für die Tochter Zions! — denn in dir [Lachisch] wurden die Missethaten Israels gefunden.“ Der Wechsel der Person, der dritten statt der zweiten, läßt den mittleren Satz als einen eingeschobenen, an den Leser oder Hörer gerichteten erkennen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. מוֹרֶשֶׁת גַּת. Als Michas Vaterstadt war V. 1 Morescheth genannt worden. Der Zusatz גַּת könnte nach vielen Analogieen die örtliche Lage bezeichnen, die uns sonst nicht näher bekannt ist, also: das Morescheth bei Gath, oder auch: das jetzt Gath gehörige Morescheth. Gath war jedenfalls, wie oben bemerkt, dem Reiche Juda wieder verloren gegangen und wieder in den Besitz der Philister gekommen. Wir möchten jedoch glauben, daß hier nicht blos die Geburtsstadt Michas gemeint ist, sondern daß mit einem der in diesen Versen so viel angewandten Wortspiele Morescheth zugleich in dem verbalen Sinne als Eroberin oder Besitzerin zu fassen ist. — שִׁלּוּחִים: Entlassung, 1 Kön. 9, 16 vom ägyptischen Könige als Mitgift seiner Tochter. Hier dürfte es in wehmütig ironischem Sinne als Entlassungsgeschenk, bezw. Preis für den Durchzug zu begreifen sein, den die Besitzerin von Gath, also Philistäa, dem entfliehenden Lachisch gewähren möge. Möglich auch, daß die Stadt Morescheth sich damals im Besitze von Gath befand. Dann wird die Demütigung noch größer. Lachisch hätte sich von dem jetzt Gath gehörigen Morescheth den Durchzug, wörtlich: die Entlassung aus der Knechtschaft erkaufen müssen — und doch war das letztere eine jüdische und das erstere eine zeitweilig zum jüdischen Reiche gehörige Stadt gewesen! So tief war Juda bereits infolge seines Abfalls gesunken. — עַל: die Verbindung von נָתַן mit עַל ist gleichbedeutend mit נָתַן אֶל, vergl. Jes. 29, 12, während es daselbst V. 11: אֶל heißt. Vielleicht bezeichnet es hier das „Hinaufreichen“ an das mächtige, höherstehende Morescheth, und ist dort, in Jesaias, im ironischen Sinn auf den in der jammervollen Hülflosigkeit respectvoll angegangenen Analphabeten angewandt. —
בָּתֵּי אַכְזִיב לְאַכְזָב. In welcher Weise die Häuser von „Acsib“ sich als „Lügenbach“, also als trügerisch und verräterisch, jedenfalls den gehofften Nutzen nicht bringend, gegen die Könige von Israel erwiesen haben, läßt sich ebenso wenig bestimmen, wie sich feststellen läßt, ob hier an die Könige des Nordreiches gedacht ist oder an die von Juda, in welchem Falle die Bezeichnung „Israel“ in umfassenderem Sinne zu nehmen wäre. In der ersten Auffassung, die näher liegt, müßte man an einen Abfall des in Juda gelegenen Acsib an die Könige von Israel denken, denen es jedoch die Treue gleichfalls nicht bewahrt hätte. — Über das Bild des Steppenflusses, der zur Sommerzeit versiegt und die Hoffnungen der ihm zustrebenden Wüstenkarawane täuscht, vergl. Hiob 6, 15 ff.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. Auf das Wortspiel יֹרֵשׁ und Morescha wurde bereits oben hingewiesen. — Wie einst Israel Morescha den früheren Besitzern abnahm, so werde ich einen anderen, den Feind, nunmehr Israel im Besitze Moreschas folgen lassen. Also: auch Morescha wird Juda verloren gehn, und die Herrlichkeit des fliehenden Israel wird bis Adullam kommen: die entartenden Könige aus dem Davidshause werden in derselben Höhle Schutz suchen, in der einst ihr Ahn auf der Flucht sich verbarg, 1.Sam. 22, 1. Der Hinweis auf diese Hülflosigkeit dürfte auch das sonst schwer verständliche עַד erklären, indem es den Grad des Elends im Gegensatze zu der „Herrlichkeit“ bezeichnet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. Die Angeredete ist Zion als geistige Mutter Israels. Dieser Vers ist der zusammenfassende Abschluß alles Vorhergehenden und spricht die Trauer Zions aus um ihre ins Exil gehenden, oder vielmehr bereits vor dem Exile der hehren Mutter gänzlich entfremdeten Kinder. Vergl. Klagel. 1, 5: „ihre kleinen Kinder waren in die Gefangenschaft gegangen schon bevor der Dränger da war“. — Unter נֶשֶׁר ist hier wohl eine kahlköpfige Geierart verstanden.