Michah 4 מיכה

Buch: Kapitel: Vers:
Übersetzung:
1
וְהָיָ֣ה ׀ בְּאַחֲרִ֣ית הַיָּמִ֗ים יִ֠הְיֶ֠ה הַ֣ר בֵּית־יְהֹוָ֤ה נָכוֹן֙ בְּרֹ֣אשׁ הֶהָרִ֔ים וְנִשָּׂ֥א ה֖וּא מִגְּבָע֑וֹת וְנָהֲר֥וּ עָלָ֖יו עַמִּֽים׃
BernfeldAber in späten Zeiten wird der Berg des Hauses des Herrn aufgerichtet sein über den Bergen, er wird die Hügel überragen, und zu ihm werden die Nationen strömen.
ZunzUnd geschehen wird es in späten Zeiten, da wird der Berg des Hauses des Ewigen aufgerichtet seyn über den Bergen, und er überragt die Hügel, und es strömen zu ihm Nationen.
J. J. HirschUnd es wird geschehen am Ziele der Tage, da wird der Berg des Hauses Gottes gegründet sein auf die Spitze des Berges und erhaben über Hügel, und zu ihm hinan strömen Völker.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 4. V. 1. Am „Ende der Tage“ d. i. am Ziele der Geschichtsentwickelung, der Erziehung Jisraels und der Menschheit, da wird es sich zeigen, daß der jetzt bevorstehende Untergang der erste Schritt zur Rettung, die Zerstörung der erste Schritt zum Aufbau war. Die Schilderung hier V. 1—3 ist fast gleichlautend mit der Parallelstelle Jes. 2, 2—5 und nur in wenigen Nüancen von ihr abweichend. נָכוֹן בְּרֹאשׁ הֶהָרִים וגו': In der Verderbnis der Zeiten Jesajas und Michas war der Gottesberg durchaus nicht das Höchste, er war zur Basis für die Priester, die geistlichen Würdenträger und die Pseudopropheten herabgesunken, die im Volke den Glauben an eine mystische, wunderthätige Kraft des Tempels, der Opfer und an die Macht der zu dem Tempelheiligtum in Beziehung stehenden Personen arglistig nährten. Doch auch Priester und Pseudopropheten waren nicht die Höchsten: über ihnen standen die Könige und die Großen, in deren Dienste sie sich fühlten. Es kommt aber die Zeit, so kündet der Prophet, wo überhaupt alle socialen und politischen Größen nur die Basis bilden werden für den „Berg des Hauses Gottes“, alles Große und Hohe wird nur groß und hoch sein, sofern es sich als Grundlage darbietet für dieses Höchste, und alle anderen „Berge“ werden zur Hügelgröße herabsinken gegenüber dem Tempelberge, וְנִשָּׂא הוּא מִגְּבָעוֹת „erhaben wird er sein über die Hügel“ — das Bild kann nicht anders verstanden werden, denn die Berge, auf denen er gegründet wird, sind ja an sich schon höher als „Hügel“. — Und עָלָיו auf ihn, nicht bloß zu ihm, אֵלָיו, wie es in Jes. heißt bis zu seinem Fuße, sondern zu ihm hinauf strömen die Völker, עַמִּים, wörtlich: Volksgesellschaften. עַם von עמם: das Volk in seinen inneren Verhältnissen, die Gesellschaft. Werden doch die einzelnen Kreise innerhalb derselben Volksgesellschaft auch geradezu עַמִּים genannt, Lev. 19, 16. גוי von גו, wovon auch גְּוִיָּה, Körper: das Volk als Gesamtheit, in seiner nationalen Einheit. Wenn die Völker als geschlossene Einheiten, גּוֹיִם, wie Jesaias sie schaut, dem Berge des Gotteshauses zuströmen, so wird das einst mächtig erwachende und zum Durchbruch gelangende internationale Friedensbedürfnis als das treibende Moment hervorgehoben, sie wollen zunächst ihre internationalen Beziehungen dem dort thronenden Rechte unterstellen. Deshalb heißt es auch dort V. 4 zuerst: er richtet בֵּין הַגּוֹיִם, zwischen den Nationen, und erst in zweiter Linie: V. 3 וְהָלְכוּ עַמִּים רַבִּים, daß auch der Entschluß zur Unterstellung ihrer inneren Verhältnisse unter das Dictat der ewigen Gerechtigkeit und Liebe in ihnen erwachen werde; demgemäß heißt es dort V. 4 sodann: וְהוֹכִיחַ לְעַמִּים רַבִּים. Micha aber schaut die Völker am Ziele zuerst als עַמִּים, als Volksgesellschaften, wie sie zur Ordnung ihrer inneren Verhältnisse, zur Beendigung der inneren, socialen Kriege, zur endlichen wahrhaftigen und endgültigen Lösung der „socialen Frage“ als עַמִּים den Berg des Hauses Gottes hinanströmen. Also sind es die inneren, die Völker durchwühlenden Wirren, die die Erkenntnis der Wahrheit vorbereiten und Geister und Herzen zur Gotteshuldigung erheben. Während es ferner in Jesaias heißt: „alle Völker“, fehlt hier das כֹּל vor עַמִּים. Micha schaut also zunächst nur eine partielle Erhebung, allein diese עַמִּים erreichen die Höhe des Berges. Jesaias schaut die Erhebung der Gesamtmenschheit, כָּל הַגּוֹיִם, vor seinen Blicken gelangen sie aber nur an den Fuß des Berges. Es sind eben verschiedene Momente der Erlösung, die die Propheten mit ihren Worten zeichneten und die Worte beider ergänzen einander. Die nach beiden Worten von den Völkern ersehnte Belehrung über die דרכי ה' und die ארחות ה' (s. u.) hat ja die gänzliche Umgestaltung der inneren wie der äußeren Beziehungen und Verhältnisse im Auge, begreift also die Völker als עַמִּים und als גּוֹיִם. Gerade nach der Gotteslehre giebt es ja für das öffentliche Leben, für die Gestaltung der socialen und politischen Verhältnisse keine andere Moral und kein anderes Gesetz als für die des Einzellebens, dasselbe Gesetz proclamiert seine Herrschaft an den „Pfosten der Häuser und Wohnräume“ wie „an den Thoren“. — Die viel ventilierte Frage, welches von beiden Worten das ältere sei, kann deshalb, meinen wir, durch ihren Inhalt nach keiner Seite hin entschieden werden.

2
וְֽהָלְכ֞וּ גּוֹיִ֣ם רַבִּ֗ים וְאָֽמְרוּ֙ לְכ֣וּ ׀ וְנַעֲלֶ֣ה אֶל־הַר־יְהֹוָ֗ה וְאֶל־בֵּית֙ אֱלֹהֵ֣י יַעֲקֹ֔ב וְיוֹרֵ֙נוּ֙ מִדְּרָכָ֔יו וְנֵלְכָ֖ה בְּאֹֽרְחֹתָ֑יו כִּ֤י מִצִּיּוֹן֙ תֵּצֵ֣א תוֹרָ֔ה וּדְבַר־יְהֹוָ֖ה מִירוּשָׁלָֽ͏ִם׃
BernfeldViele Völker werden ziehen und sprechen: Auf, lasset uns hinaufgehen zum Berge des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre von seinen Wegen, auf dass wir wandeln auf seinen Pfaden; denn nur von Zijon wird die Lehre ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem.
ZunzUnd viele Völker werden ziehen und sprechen: Wohlan, lasset uns hinaufgehen zum Berge des Ewigen, und zum Hause des Gottes Jaakob’s, daß er uns lehre von seinen Wegen und wir wandeln auf seinen Pfaden, wenn von Zijon wird ausgehen die Lehre, und das Wort des Ewigen von Jeruschalajim.
J. J. HirschUnd es gehen viele Völker und sprechen: Auf! laßt uns hinaufziehen zum Berge Gottes und zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre von seinen Wegen und wir möchten gehen auf seinen Pfaden; denn von Zion soll ausgehen die Lehre und das Wort Gottes von Jeruschalajim!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. Dieser Vers schildert den Entschluß, die Ermannung zur Rückkehr zu Gott, die mächtige innere Bewegung in den Völkern, die dem in V. 1 geschauten Hinan- und Hinaufströmen vorangeht. Diese Bewegung vollzieht sich in den einzelnen Völkern, die der Prophet deshalb hier als גּוֹיִם, als Nationen schaut. Wenn er den Völkern hier in ihrem Entschlusse sich von Gott die Belehrung erteilen zu lassen über das was gut und böse sei, die Worte in den Mund legt: daß er uns lehre, nicht דְּרָכָיו, sondern מִדְּרָכָיו, „denn wir möchten wandeln בְּאֹרְחֹתָיו,“ so ist jenes מ offenbar ein partitives, „von“ seinen Wegen ist weniger umfassend, als „seine Wege“. Das Suffix bezeichnet in beiden Fällen die von ihm in seinem Gesetze für die Menschen vorgezeichneten Wege. דֶּרֶךְ bezeichnet im übertragenen Sinne mehr die innere, sittliche Entwickelung des Menschen, so Gen. 6, 12: הִשְׁחִית דַּרְכּוֹ, während ארח in diesem Sinne mehr die Wege des Verkehres zwischen den Menschen bedeutet. Deshalb dürfte sich דְּרָכָיו mehr auf die den sittlichen Wandel betreffenden Gebote beziehen, von denen ein Teil, wie z. B. die das sinnliche Leben regelnden Speise- und Reinheitsgesetze, mehr zu den besonderen zunächst auf Jisrael in seiner menschheitspriesterlichen Bestimmung beschränkten Gesetzen gehört. Aus dieser Anschauung dürfte sich das partitive מ erklären, während die das Verhalten zwischen Mensch und Mensch regelnden Pflichten der Gerechtigkeit und Nächstenliebe Gemeingut der Gesamtmenschheit werden. Denn nicht daß alle Menschen Juden, sondern daß sie reine Menschen werden, ist das Ziel, das von dem Prophetenworte als Höheziel der Erziehung der Menschheit geschaut wird. Vergl. Commentar zu Num. 29, 13 f. S. 440 f.

3
וְשָׁפַ֗ט בֵּ֚ין עַמִּ֣ים רַבִּ֔ים וְהוֹכִ֛יחַ לְגוֹיִ֥ם עֲצֻמִ֖ים עַד־רָח֑וֹק וְכִתְּת֨וּ חַרְבֹתֵיהֶ֜ם לְאִתִּ֗ים וַחֲנִיתֹֽתֵיהֶם֙ לְמַזְמֵר֔וֹת לֹֽא־יִשְׂא֞וּ גּ֤וֹי אֶל־גּוֹי֙ חֶ֔רֶב וְלֹא־יִלְמְד֥וּן ע֖וֹד מִלְחָמָֽה׃
Bernfeld[Gott] wird richten zwischen vielen Völkern und entscheiden über mächtige Nationen bis in die Ferne; sie werden umschmieden ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebenmessern. Ein Volk wird gegen das andere das Schwert nicht erheben und das Kriegführen nicht mehr lernen.
ZunzUnd er wird richten zwischen vielen Völkern, und entscheiden über mächtige Nationen bis in die Ferne, und sie werden stumpf machen ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebenmessern. Nicht wird erheben Volk gegen Volk das Schwert, und nicht lernen sie fürder den Krieg.
J. J. HirschUnd er richtet zwischen vielen Völkern und weist zurecht mächtige Nationen bis in die Ferne; und sie schmieden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Speere zu Winzermessern, nicht mehr erheben sie Nation gegen Nation das Schwert und nicht mehr lernen sie Krieg.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. Indem es hier heißt: er richtet, d. h. er ordnet die Verhältnisse nach dem Rechte zwischen vielen עַמִּים, nicht גּוֹיִם, also Volksgesellschaften, so werden die einander gegenüberstehenden Völker in der Gegensätzlichkeit ihrer inneren, socialen bezw. wirtschaftlichen Verhältnisse geschaut. In den früheren Geschichtsperioden entsprangen die Kriege mehr nationalen Gegensätzen. Jemehr die geschichtliche Entwickelung zur Befreiung und Geltendmachung der Einzelpersönlichkeiten fortschreitet, um so mehr sind es die socialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die ausschlaggebend sind und deren Antagonismus schließlich Kriege erzeugt oder den Ausgleich nach dem Rechte heischt. In diesem Sinne dürfte hier von der göttlichen Gerichtswaltung zwischen den als עַמִּים sich feindlich einander gegenüberstehenden גּוֹיִם gesprochen sein. וְהוֹכִיחַ לְגוֹיִם: und die Völker, die ihre nationale Übermacht noch immer zur Geltung bringen wollen, sie weist er zurecht. Die Völker kommen so endlich zur Erkenntnis ihrer gemeinsamen Gotteskindschaft; trotz aller nationalen Verschiedenheit, die auch dann nicht aufhört, schwinden die Schranken, die so lange feindlich von einander geschieden, was brüderlich vereint nunmehr nur eine Familie bildet, alle wirtschaftlichen inneren und alle internationalen äußeren Gegensätze haben ihre friedliche Lösung und Ausgleichung gefunden — und die Ära der Kriege ihr Ende. Die Waffen des Krieges werden in Werkzeuge friedlicher Arbeit umwandelt, und fortan giebt es weder eine Kriegskunst, noch eine Kriegswissenschaft. Beides heißt לָמַד, lernen und üben.

4
וְיָשְׁב֗וּ אִ֣ישׁ תַּ֧חַת גַּפְנ֛וֹ וְתַ֥חַת תְּאֵנָת֖וֹ וְאֵ֣ין מַחֲרִ֑יד כִּי־פִ֛י יְהֹוָ֥ה צְבָא֖וֹת דִּבֵּֽר׃
BernfeldJeder wird unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum sitzen, von niemandem gestört, denn der Herr Zebaot hat dies verheißen.
ZunzUnd sitzen wird Jeglicher unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, und Keiner stört, denn der Mund des Ewigen der Heerschaaren hat geredet.
J. J. HirschUnd sie werden sitzen, ein jeglicher unter seinem Weinstocke und unter seinem Feigenbaume, und niemand störet — denn der Mund Gottes der Schöpfungsscharen hat gesprochen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. Der Friedenszustand ist ein dauernder, ein jeglicher wird der Frucht seiner Arbeit froh; denn nicht Menschenmacht und Menschenklugheit, die bisher nur durch Befriedigung von Einzelinteressen und zeitweilige Niederhaltung der anderen ein Scheinbild des Friedens herzustellen vermochten, sondern Gottes Wort ist das alle einigende Band.

5
כִּ֚י כׇּל־הָ֣עַמִּ֔ים יֵלְכ֕וּ אִ֖ישׁ בְּשֵׁ֣ם אֱלֹהָ֑יו וַאֲנַ֗חְנוּ נֵלֵ֛ךְ בְּשֵׁם־יְהֹוָ֥ה אֱלֹהֵ֖ינוּ לְעוֹלָ֥ם וָעֶֽד׃ {פ}
BernfeldMögen alle Völker gehen, jedes im Namen seines Gottes; wir aber wollen gehen im Namen des Herrn, unseres Gottes, ewig und immer.
ZunzDenn alle Völker mögen gehen, jegliches im Namen seines Gottes; wir aber wollen gehen im Namen des Ewigen unseres Gottes ewig und immerdar.
J. J. HirschDenn alle Völker wandeln, ein jedes im Namen seines Gottes, und wir wandeln im Namen Gottes unseres Gottes zu dem bestimmten verhüllten Zukunftsziele.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. Die Erreichung dieses Heileszieles ist das absolut feststehende. Der Mund Gottes, in dessen Dienste alle scheinbar selbständigen Kräfte und Mächte in der Natur und in der Menschengeschichte stehen, hat es ja verheißen und festgesetzt, wie dies am Ende des vorigen Verses ausgesprochen war. Das „denn“ unseres Verses führt diesen Gedanken weiter aus. Auch in den geschichtlichen Erscheinungen bis zu jenem Ziele hin waltet, so lehrt dieses Wort, keineswegs blinder Zufall und planlose Willkür, mögen auch die Völker und die machtvollen Lenker ihrer Geschicke kein Bewußtsein haben von diesem Plane und nur im Dienste ihres eigenen Willens zu handeln glauben. Denn auch in dem, was sie den dunklen Trieben ihrer Eigenart folgend vollbringen, leben sie ein Princip aus, als dessen Träger sie in ihrer Eigenart berufen erscheinen. Mag dieses Princip sich dem die Geschichte überschauenden Blicke als Kunst darstellen (wie bei den Griechen), als Staatsbau (wie bei den Römern), oder als Handel, Pflege der Wissenschaft, Welteroberung oder Eroberungen auf dem Gebiete des Geistes in Anwendung der Errungenschaften der Erkenntnis zur Dienstbarmachung der Natur für hochstrebende Pläne zur Ausbreitung der eigenen Macht über die mitstrebenden Völker — alle diese Bestrebungen und die unter ihrem Einflusse gebildeten Ideale von nationaler Größe sind, nach der Anschauung dieses Prophetenwortes, die „Götter“ der Völker. Auch Jisrael, das sich auf seinem Gange durch die Zeiten im Lichte dieses Wortes den Völkern nahe fühlen und sie keineswegs etwa als Verlorene und von Gott Aufgegebene betrachten soll, ist Träger eines Princips. Dieses Princip ist die Thora, das Gotteswort, die Lehre von der Gotteskindschaft aller Menschen und von der Bestimmung Jisraels ihnen menschheitspriesterlich durch die Gestaltung des eigenen Lebens nach dem Worte seines Gottes die Lehre von Gott und von der Menschenbestimmung zu bringen. Bis zu jenem Ziele hin gehen die Völker wie Israel gesondert die eigenen Wege, ein jedes im Dienste seines Lebenszieles. Die Völker aber werden, wie dies oben V. 2 ausgesprochen ist, zur Erkenntnis kommen, daß, um zum ersehnten Heilesziele zu gelangen, sie von ihrem bisherigen Wege ab- und in den Weg zum „Gottesberge, zum Hause des Gottes Jakobs“ einlenken müssen. Israel aber, oder wie der Prophet es hier aus Israels Seele spricht, wir werden von unserem Wege nicht abzulenken, wir werden vielmehr auf ihm mit wankenloser Treue und Festigkeit zu beharren haben, wir wollen im Namen Gottes unseres Gottes gehen bis zum Ziele, das hier bezeichnet ist als עולָם וָעֶד. וָעֶד von יעד: das Bestimmte. עולם von עלם: die dem Blicke verhüllte Zeit, sowohl die in Dunkel gehüllte Vergangenheit als auch die ferne Zukunft und sofern diese als unbegrenzt gedacht wird: die Ewigkeit. לְעוֹלָם: dieser verhüllten Zukunft entgegen. Sie ist וָעֶד, das Ziel ist fest bestimmt, es ist nicht verhüllt, es ist ja gerade unmittelbar zuvor klar enthüllt worden. Aber die Wege zu ihm, die läuternden Geschicke, die Israel und die Menschheit um zu ihm zu gelangen noch zu erfahren haben, sie sind verhüllt. Und Worte der Stärkung und Ermutigung folgen hier unmittelbar, um Israel in dem mit נֵלֵךְ ausgesprochenen Vorsatze zu befestigen.

6
בַּיּ֨וֹם הַה֜וּא נְאֻם־יְהֹוָ֗ה אֹֽסְפָה֙ הַצֹּ֣לֵעָ֔ה וְהַנִּדָּחָ֖ה אֲקַבֵּ֑צָה וַאֲשֶׁ֖ר הֲרֵעֹֽתִי׃
BernfeldAn jenem Tage, spricht der Herr will ich sammeln die abseits Gebliebenen, und das Versprengte herbeibringen und auch das, dem ich weh getan.
ZunzAn jenem Tage, ist der Spruch des Ewigen, will ich sammeln das Hinkende, und das Verstoßene herbeibringen, und dem ich weh gethan.
J. J. HirschAn jenem Tage, spricht Gott, werde ich die Hinkende aufnehmen und die Verstoßene wieder versammeln, sie, der ich Leid gefügt habe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. בַּיּוֹם הַהוּא bezeichnet das אַחֲרִית הַיָּמִים des V. 1. Wenn die Geschicke, die zur Erhaltung und vollen Gewinnung des Kernes der Nation (siehe oben 2, 12) nötig waren, ihr Werk vollbracht haben werden, dann werde ich die „Hinkende“ aufnehmen, das optative ה sagt: wie ich es schon längst wünsche. הַצֹּלֵעָה im Hinblick auf Gen. 32, 32: וְהוּא צֹלֵעַ עַל־יְרֵכוֹ, wo Vater Jakob im nächtlichen Erlebnis verkündet wurde, daß so lange es Nacht sei auf Erden, er den Kampf mit Esau's Genius zu bestehen haben werde, und daß dieser ihn zwar nicht niederzuwerfen vermöge, wohl aber ihm den festen Schritt auf Erden unmöglich machen werde. Bis zu dem einst anbrechenden Morgen bleibt Israel das überall in der ungehinderten Entfaltung seiner Kräfte, „im sicheren Schritte“, durch seine Umgebung Gehemmte. Es ist ferner: הַנַּדָּחָה: die unter fremde Elemente Hinausgestoßene, der Gott so viel Leid und Schmerz hat zufügen müssen.

7
וְשַׂמְתִּ֤י אֶת־הַצֹּֽלֵעָה֙ לִשְׁאֵרִ֔ית וְהַנַּהֲלָאָ֖ה לְג֣וֹי עָצ֑וּם וּמָלַ֨ךְ יְהֹוָ֤ה עֲלֵיהֶם֙ בְּהַ֣ר צִיּ֔וֹן מֵעַתָּ֖ה וְעַד־עוֹלָֽם׃ {פ}
BernfeldIch mache das abseits Geratene zum Überrest und das Versprengte zum mächtigen Volke; der Herr wird über sie regieren auf dem Berge Zijon von nun an auf ewig.
ZunzUnd ich mache das Hinkende zum Ueberrest und das Verschlagene zum mächtigen Volke, und der Ewige wird über sie regieren auf dem Berge Zijon von nun an auf ewig.
J. J. HirschUnd ich mache die Hinkende zum überdauernden Reste und die Getriebene zum mächtigen Volke, und Gott wird über sie regieren auf dem Berge Zion von nun an bis in Ewigkeit.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. נַהֲלָאָה, nur hier, in seiner Bildung zusammengesetzt aus הָלְאָה weiter! fort! und לאה ermüden; mit vorgesetztem נ des Niphal giebt es ein treffendes Bild des über die Erde gehetzten Jakobsvolkes. Ich mache gerade das „Hinkende“, Schwache, hinter den anderen Völkern Zurückbleibende zum alle „überdauernden Reste“ und das „stets Weggewiesene“, bis in die weitesten Fernen Getriebene, „Ermattete“, zum mächtigen Volke, dessen König dann dauernd Gott ist. מֵעַתָּה bezeichnet nicht sowohl die Gegenwart des Sprechenden, als vielmehr die bereits als Gegenwart geschaute Zukunft, soviel als: von dann an. An sich wäre übrigens auch jene Beziehung möglich, es hieße dann: auch in der Zwischenzeit, schon vor Erreichung jenes Zieles herrscht Gott über sie und schützt sie mit seiner Waltung. Da jedoch der folgende Vers sich nur auf die Zukunft bezieht, so kann das „von jetzt an“ auch nicht wohl anders verstanden werden.

8
וְאַתָּ֣ה מִגְדַּל־עֵ֗דֶר עֹ֛פֶל בַּת־צִיּ֖וֹן עָדֶ֣יךָ תֵּאתֶ֑ה וּבָאָ֗ה הַמֶּמְשָׁלָה֙ הָרִ֣אשֹׁנָ֔ה מַמְלֶ֖כֶת לְבַ֥ת יְרוּשָׁלָֽ͏ִם׃
BernfeldDu aber, Herdenturm, Feste von Zijon, an dich wird er kommen, es kommt die frühere Herrschaft, das Königtum, zu der Tochter Jerusalem.
ZunzUnd du, Heerden-Thurm, die Hoheit der Tochter Zijon wird an dich kommen, und es kommt die frühere Herrschaft, das Königthum, zu der Tochter Jeruschalajim.
J. J. HirschUnd du, Herdenturm, Stärke der Tochter Zions, bis zu dir wird sie kommen, und heimkommt die frühere Herrschaft, das Reich der Tochter Jeruschalajims.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. עָפֶל Neh. 3, 26, 2 Chr. 27, 3. 33, 14 u. s. Hügel von עפל anschwellen, in übertragenem Sinne: trotzig sein, sich gewaltsam ermannen, hartnäckig beharren. Hier im guten Sinne: die Stärke. Das Heiligtum ist der „Turm der Gottesherde“ (— Anklang auch an Gen. 35, 21, Israel wird ja stets mit der Gottesherde verglichen, auch in der symbolischen Sprache das Opfer —), in den sie sich flüchten wird, für sie ist er der Schutz, allen sie Bedrohenden stellt er sich als der Feste, Starke, allem Trotz Bietende entgegen. Subject von תֵּאתֶה ist entweder die hier in ihrer Machtlosigkeit weiblich gedachte Gottesherde oder die Zionstochter. Es ist dies, abweichend von der Auffassung älterer und neuerer Erklärer, offenbar entsprechend dem Athnach ein selbständiger Satz, ganz wie die zweite Vershälfte, die ein selbständiges Subject und Prädikat hat und durchaus nicht eine bloß pleonastische Wiederholung und Bekräftigung des ersten ist. Denn die „Tochter Jeruschalajims“ ist in dieser Nebeneinanderstellung etwas anders als die „Tochter Zions“. Jeruschalajim bedeutet den Staat. Der Sinn ist: wenn erst Israel als Gottesherde sich wiederum auf Zion sammelt, so wird auch Jeruschalajim als Staat wieder erstehen. Zion bleibt der Herdenturm und die Herrschaft kehrt zurück. Die jetzt bevorstehende Zerstörung und das Exil ist der erste Schritt zur Rettung und Aufrichtung, wie dies in V. 10 direkt verkündet wird: „In Babel wirst du gerettet!“

9
עַתָּ֕ה לָ֥מָּה תָרִ֖יעִי רֵ֑עַ הֲמֶ֣לֶךְ אֵֽין־בָּ֗ךְ אִֽם־יוֹעֲצֵךְ֙ אָבָ֔ד כִּֽי־הֶחֱזִיקֵ֥ךְ חִ֖יל כַּיּוֹלֵדָֽה׃
BernfeldNun, was schreist du? Ist kein König in dir? Oder ist dein Ratgeber geschwunden, dass dich Wehen ergreifen gleich der Gebärerin?
ZunzNun was schreiest du? Ist kein König in dir? Oder ist dein Rathgeber geschwunden, daß dich Wehen ergreifen gleich der Gebärerin?
J. J. HirschNun, warum jammerst du so laut? Ist kein König in dir oder ist dein Berater verschwunden? Wenn Wehe dich ergriffen, so ist es wie eine Gebärerin!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. עַתָּה, „nun“, zieht die Folgerung aus dem Vorhergehenden. Zu deinem Heile nur kommt das Unglück. Du hast nicht zu jammern, dein König bleibt bei dir, es ist dein Gott, dessen Wort für jede Lage zugleich das praktisch Gute ist, in ihm hast du deinen steten Berater. Denn die Leiden, die über dich kommen, sind nicht die Krampfeswehen der Agonie, sondern die Geburtswehen einer neuen Zukunft, nicht zum Tode, zur Erzeugung neuen Lebens führen sie.

10
ח֧וּלִי וָגֹ֛חִי בַּת־צִיּ֖וֹן כַּיּֽוֹלֵדָ֑ה כִּֽי־עַתָּה֩ תֵצְאִ֨י מִקִּרְיָ֜ה וְשָׁכַ֣נְתְּ בַּשָּׂדֶ֗ה וּבָ֤את עַד־בָּבֶל֙ שָׁ֣ם תִּנָּצֵ֔לִי שָׁ֚ם יִגְאָלֵ֣ךְ יְהֹוָ֔ה מִכַּ֖ף אֹיְבָֽיִךְ׃
BernfeldWinde dich und stöhne, Tochter Zijon, wie eine Gebärerin, denn bald wirst du von der Stadt ziehen und auf dem Felde wohnen müssen; du kommst nach Babel, dort aber wirst du gerettet werden, dort wird der Herr dich erlösen aus der Hand deiner Feinde.
ZunzWinde dich und brich in Klagen aus, Tochter Zijon, gleich der Gebärerin; denn nun wirst du ausziehen von der Stadt und wirst wohnen auf dem Felde, und kommen bis Babel, dort wirst du gerettet werden, dort wird der Ewige dich erlösen aus der Hand deiner Feinde.
J. J. HirschKreiße nur und treibe hervor, Tochter Zion, gleich einer Gebärenden! Wenn du auch jetzt hinausmußt aus der Stadt und lagern mußt auf dem Felde, ja [in die Gefangenschaft] bis nach Babel kommst; dort wirst du — gerettet, dort wird Gott dich erlösen aus der Hand deiner Feinde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. גֹּחִי hervortreiben, etwas mit Schwierigkeit von seiner Stelle bewegen. Lasse alles ruhig über dich ergehen. Wenn du auch die Stätte deiner staatlichen Herrlichkeit verlassen und auf freiem Felde deinen Ruheplatz nehmen, ja in die Gefangenschaft bis nach Babel wandern mußt: nicht dem Untergange, sondern deiner Rettung gehst du damit entgegen, dort wirst du gerettet. Babel ist hier typisch genommen für alle die Weltmächte, in deren Gewalt Israel während der ganzen Dauer seiner Erziehung im Exile überliefert wird. Deshalb ist die Erlösung auch nicht als eine Erlösung aus Babel bezeichnet, sondern Babel ist die Stätte, wo, bezw. der Exileszustand, in dem Israel der göttlichen Erlösung teilhaftig, weil würdig werden wird. Deshalb ist auch bei der „Erlösung“ nicht etwa an die von Cyrus gestattete Rückkehr aus Babel zu denken, sondern, wie aus den folgenden Versen klar hervorgeht, an die einstige Erlösung, wenn Israel die Höhe seiner Bestimmung erreicht hat.

11
וְעַתָּ֛ה נֶאֶסְפ֥וּ עָלַ֖יִךְ גּוֹיִ֣ם רַבִּ֑ים הָאֹמְרִ֣ים תֶּחֱנָ֔ף וְתַ֥חַז בְּצִיּ֖וֹן עֵינֵֽינוּ׃
BernfeldBald rotten sich wider dich viele Völker, die sprechen: Sie ist geschändet, und es weide sich an Zijon unser Auge!
ZunzUnd nun rotten sich wider dich viele Völker, die sprechen: Sie ist geschändet, und es weide sich an Zijon unser Auge!
J. J. HirschNunmehr [freilich] versammeln sich über dich viele Völker, die sprechen: Sie ist treulos! Jetzt werden unsere Augen auf Zion blicken!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11—14. Zunächst freilich bedarfst du der Läuterung. Die Völker freuen sich deiner Untreue. So lange war Zion gegen jeden Angriff gefeit, jetzt endlich wird es in unsere Gewalt gegeben, können „unsere Augen hineinschauen nach Herzenslust in das bisher geborgene Zion!“ Sie haben Recht. Du bist ihnen preisgegeben und deine Kinder die ganze lange Galuthperiode hindurch. Und doch irren sie sich, die nach dem äußeren Geschicke, nach der zeitweiligen Machtstellung urteilen. Gewiß sind sie die Sieger und du bist der Besiegte, sie die Herren und du der ihrer Willkür preisgegebene Knecht. Je mehr sie aber ihre Macht zu deiner Unterdrückung mißbrauchen, um so herrlicher erstarkst du zu deiner menschheitpriesterlichen Bestimmung, um so herrlicher bewähren sich in deinem Leben und um so herrlicher strahlen aus dem bloßen Dasein des seine mächtigen Unterdrücker überdauernden unsterblichen Volkes die ewigen Principien, deren Träger du bist. An diesen Principien zerschellt ihre Macht. Sie wissen es nicht, die zum Ansturm gegen das geistige Zion sich Sammelnden, daß sie „versammelt werden wie die reife Ernte zur Tenne“, nicht um vernichtet, sondern um geläutert, von allen ihr besseres Selbst verdeckenden Umhüllungen und Banden befreit zu werden. Das ist der Gottesplan, das bewirkt ihre Berührung mit Zion, das sie in wahnwitziger Verblendung bekämpfen. Ihre Besiegung ist ihre Befreiung. Das höchste, beglückendste Ergebnis des Sieges Zions wird nun hier in dem kurzen charakteristischen Worte zusammengefaßt: ich werde Gott weihen בִּצְעָם וְחֵילָם. בֶּצַע: der Gewinn, häufig im nicht guten Sinne, das Streben nach Bereicherung, חַיִל: die Kraft und die Sammlung von Kräften, vorherrschend persönlichen, Heer, Mut, Tapferkeit, Tüchtigkeit. Beide, das Streben nach Gütern und die Bethätigung und Entfaltung der persönlichen Kräfte, sind die in der Menschengesellschaft mächtigsten Faktoren. Sie schaffen alles Große. Im Dienste schrankenloser Selbstsucht und Genußsucht sind sie die Urheber alles Bösen, im Leben des Einzelnen, in der Gesellschaft und im Völkerleben, unter der Herrschaft des Rechtes und im Dienste der Liebe bauen sie das Menschenglück. Sie unter jene Herrschaft zu bringen und in diesen Dienst zu stellen, das ist die Bestimmung Israels und das gelobt hier der Prophet aus der Seele Zions und ihrer Söhne mit den Worten: ihr Gewinnesstreben und ihren Besitz, sowie ihre Kraft und ihre Tüchtigkeit werde ich gänzlich in den Dienst Gottes aufgehen lassen. Denn das heißt הַחֲרֵם לה'. Über die Bedeutung von חרם siehe zu Lev. 27, 28. Die Verwendung aller Kräfte und Mittel im Dienste des Guten ist aber die Verwirklichung des Menschenideals. Über das Bild des Dreschens zur Bezeichnung der Läuterung, Belehrung und Befreiung vergl. Jes. 21, 10, wo der Prophet das von ihm zu belehrende Volk geradezu: מְדֻשָׁתִי וּבֶן־גָּרְנִי nennt, du von mir zu läuternder „Sohn meiner Tenne!“ Das Bild von den eisernen Hörnern steht zu der eigentlichen Thätigkeit des Dreschens nicht unmittelbar in Beziehung, es bezeichnet die Ausstattung Israels mit der Kraft zur Abwehr alles Feindlichen, während die ehernen Hufe die Überwindung jedes Widerstandes verheißen. Im Hinblick auf dieses verheißene Ziel lasse dich (V. 14) jetzt nur ruhig von den feindlichen Heeren, Rotten, Scharen überziehen, die du jetzt freilich diesen Rotten verfallen bist, בַּת־גְּדוּד wie בֶּן־מָוֶת, der so Angeredete ist der dem Untergange verfallene Staat, weiblich: zum Ausdruck der Schwäche. מָצוֹר שָׂם: die Bedrängnis, Einschließung, Umschränkung ist Gottes Fügung. Damit ist das ganze Exilesgeschick Israels, und nicht etwa die Belagerung durch die Babylonier oder später durch die Römer, gezeichnet. Wohl wirst du Demütigung und Mißhandlung zu erdulden haben: doch den sie so schnöde mißhandelten, er ist bestimmt, sie zur Anerkennung der Majestät des Rechtes und das Recht unter ihnen und über sie zur Herrschaft zu bringen, es ist ihr „Richter Israel“, dem sie Wangenstreiche versetzen. שָׁפַט das Recht zur Geltung bringen, vergl. Obadja V. 21 לִשְׁפֹּט אֶת־הַר עֵשָׂו, wo gleichfalls der Gegensatz der äußeren Erscheinung des „palästinischen Krämervolkes“ zu seiner welthistorischen Bestimmung durch Nebeneinanderstellung hervorgehoben wird. Um dieses Gegensatzes willen wird hier die Apposition „Richter“ und zwar ausnahmsweise mit fehlendem Artikel vorangestellt; eben weil dies gegen den Brauch ist und dem Sprachgefühle widerstreitet, wird der Hinweis, daß das mißhandelte Volk ihr Richter ist, dadurch mit um so größerer Schärfe betont. תִּתְגֹּדְדִי sich Einschnitte machen oder machen lassen, hier von dem Eindringen feindlicher Scharen.

Möglich ist es immerhin, שׁוֹפֵט hier als Vertreter des Rechtes zu fassen, wie שִׁפְטוּ יָתוֹם, verhelfet der Waise zu ihrem Rechte Jes. 1, 17, dann wäre unter dem שׁוֹפֵט יִשְׂרָאֵל der allmächtige Beschützer Israels zu verstehen und der Sinn wäre: Lasse ruhig alles über dich ergehen und vertraue; mit jedem Streiche, den sie ihre Macht mißbrauchend (שֵׁבֶט Scepter und Zuchtmittel), gegen dich führen, versündigen sie sich gegen den allmächtigen unsichtbaren Annehmer Israels!

12
וְהֵ֗מָּה לֹ֤א יָֽדְעוּ֙ מַחְשְׁב֣וֹת יְהֹוָ֔ה וְלֹ֥א הֵבִ֖ינוּ עֲצָת֑וֹ כִּ֥י קִבְּצָ֖ם כֶּעָמִ֥יר גֹּֽרְנָה׃
BernfeldAber sie kennen nicht die Gedanken des Herrn und verstehen nicht seinen Ratschluss: dass er sie zusammengebracht wie Garben in der Tenne [um sie vor Jerusalem zu verderben].
ZunzAber sie wissen nicht die Gedanken des Ewigen und verstehen nicht seinen Rathschluß: daß er sie zusammengebracht wie Garben in die Tenne.
J. J. HirschAber sie, sie kennen nicht die Gedanken Gottes und begreifen nicht seinen Ratschluß: daß er sie versammelt hat wie — die Garben in die Tenne!
13
ק֧וּמִי וָד֣וֹשִׁי בַת־צִיּ֗וֹן כִּֽי־קַרְנֵ֞ךְ אָשִׂ֤ים בַּרְזֶל֙ וּפַרְסֹתַ֙יִךְ֙ אָשִׂ֣ים נְחוּשָׁ֔ה וַהֲדִקּ֖וֹת עַמִּ֣ים רַבִּ֑ים וְהַחֲרַמְתִּ֤י לַֽיהֹוָה֙ בִּצְעָ֔ם וְחֵילָ֖ם לַאֲד֥וֹן כׇּל־הָאָֽרֶץ׃
BernfeldAuf und drisch, Tochter Zijon! denn dein Horn mache ich eisern und deine Hufe mache ich ehern, dass du viele Völker zermalmst, du wirst reichen dem Herrn ihr Gut und ihre Habe dem Herrn der ganzen Erde.
ZunzAuf, und drisch, Tochter Zijon! denn dein Horn mache ich eisern und deine Hufen mache ich ehern, daß du zermalmest viele Völker, und ich banne dem Ewigen ihr Gut, und ihre Habe dem Herrn der ganzen Erde.
J. J. HirschAuf und drisch, Tochter Zions! denn dein Horn mache ich zu Eisen und deine Hufe zu Erz, und zermalmen wirst du viele Völker. Doch werde ich Gott ihren Besitz und dem Herrn der ganzen Erde ihre Kraft weihen.
14
עַתָּה֙ תִּתְגֹּדְדִ֣י בַת־גְּד֔וּד מָצ֖וֹר שָׂ֣ם עָלֵ֑ינוּ בַּשֵּׁ֙בֶט֙ יַכּ֣וּ עַֽל־הַלְּחִ֔י אֵ֖ת שֹׁפֵ֥ט יִשְׂרָאֵֽל׃ {ס}
BernfeldBald wirst du in Haufen den überfallen, der uns belagert hat, der dem Richter Israels mit der Rute auf die Wange schlug3.
ZunzJetzt schaarest du dich, Tochter der Schaaren, mit Belagerung umgiebt man uns; mit dem Stabe schlagen sie auf den Backen den Richter Jisraél’s.
J. J. HirschDeshalb lasse dich jetzt nur von Scharen überziehen, die du den Scharen verfallen bist! Mit dem Stabe schlagen sie auf die Wange den — Richter Israel!