Michah 5 מיכה
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 5. V. 1. Wie im vorigen Kap. V. 8 mit dem Worte וְאַתָּה die Fortdauer der Bestimmung Zions und die Wiederaufrichtung des Staates und der Herrschaft verkündet war, so wird hier in derselben Weise mit וְאַתָּה einleitend die Ewigkeit der Bestimmung des Davidshauses verheißen, dem Israels und der Menschheit Herrscher entsprossen werde. Vergl. Jes. 11, 1. 2 Sam. 23,5. Gen 49, 10. אֶפְרָתָה: nach Gen. 48, 7 war schon in den frühesten Zeiten אֶפְרָת und nach Ruth 4, 11 אֶפְרָתָה ein Beiname von Bethlehem. Hier dürfte die volltönende Nennung beider Namen wohl den im Worte אֶפְרָת liegenden verbalen Sinn, פרת lautverw. mit פרד, anklingen lassen: ausgesondert, hervorragend, geadelt. Vergl. zu Gen. 49, 22. Die an Größe so unbedeutende Stadt, die „sonst gar nicht mitgezählt wird“, wird mit den Worten וְאַתָּה צָעִיר und מִמְּךָ männlich angeredet, weniger weil an die Einwohner gedacht wird, als aus dem Gefühle der Bedeutung heraus, die sie durch das Geschlecht gewonnen hat, das aus ihr hervorgegangen und dessen edelster Sprößling am Ziele der Zeiten erscheinen wird. Das Werk, das er zur Vollendung bringen soll, ist nichts anderes als die Verwirklichung des Gottesplanes bei der Erschaffung des Menschen, wie er in den Worten: נַעֲשֶׂה אָדָם בְּצַלְמֵנוּ כִּדְמוּתֵנוּ Gen. 1, 26 ausgesprochen ist. (S. den Comm. z. St.) Sein Ahn David fühlte sich und sein Haus als Träger und Werkzeug dieser Bestimmung (2 Sam. 23, 5). Die Aufgabe, deren Inhalt bei der Erwählung Abrahams in den Worten הֱיֵה בְרָכָה: „Werde du ein Segen!“ zusammengefaßt wurde, die Aufgabe, zu deren Lösung das gesamte Gottesgesetz die Wege vorzeichnet — deren volle Verwirklichung wird hier auf Ein Haupt gelegt, das edelste und erhabenste des Abrahamshauses und des Davidstammes. Diese die ganze Ewigkeit umfassende Bedeutung des durch die Jahrtausende, die die fernste Vergangenheit mit der fernen Zukunft verbinden, bewahrten Sprößlings wird mit den Worten bezeichnet: seine Ursprünge reichen bis in die ferne Vergangenheit, sie zählen von den Tagen der Ewigkeit. Der Plural weist eben auf alle einzelnen Phasen hin, in denen der Gottesplan in die Erscheinung getreten ist und durch welche er sich Werkzeuge zu seiner Verwirklichung geschaffen hat.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Subject von יִתְּנֵם ist der zum Herrscher Bestimmte. Hier wird er als der bereits Lebende geschaut, der sein Volk preisgiebt, bis es für die Erlösung reif geworden, oder wie dies hier, das Bild von der Gebärerin von oben 4, 9 und 10 fortsetzend, ausgesprochen wird: bis zur Zeit, da die Gebärerin geboren haben wird. Die Leiden des Exiles sind die Geburtswehen Zions. Das מלכות בית דוד, das Davidische Königshaus ist und bleibt unerkannt und seine Herrschaft bleibt verschwunden während der ganzen Dauer des Exiles, bis zu jener Zeit, wo Zion für das geläuterte Israel zum „Heerdenturm“ und das um Zion sich erbauende „Jeruschalajim-Zion“ ein vom Geiste des Gottesgesetzes beseelter und beherrschter Staat in Wahrheit werden kann. Dann wird auch die alte Spaltung des dann in Zion geeinten Israel ein Ende haben, Juda und Benjamin, die hier in engerem Sinne die Brüder des Sprossen aus dem Davidshause genannt werden, kehren zurück samt den Söhnen Israels, den so lange unseren Blicken entschwundenen Brüdern aus den anderen zehn Stämmen. Die Söhne Judas werden seine Brüder genannt. Damit ist auf dem Boden des Alten Testamentes jeder Verirrung vorgebeugt, die wegen der Größe des von ihm zu vollbringenden Werkes, das im folgenden Verse ausgesprochen ist, sich versucht sehen könnte, ihm einen anderen als reinmenschlichen Ursprung zuzuerkennen. Die Juden sind „seine Brüder“.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Er wird sich als Hirt der Gottesherde bewähren. Er ist ein jüdischer Mensch, Gott ist „sein Gott“, er steht in seinem Dienste wie alle Menschen zu diesem Dienste berufen sind, er ist nur der erste in diesem Dienerkreise. Seine Kraft kommt von Gott, sie wird ihm, weil Gottes Werk es ist, das er vollbringt. Nicht in seinem Namen, in Gottes Namen, mit der Erhabenheit des Gottesnamens, waltet er als „Hirte“. Der „Name“ Gottes bedeutet stets die Erkenntnis, die die Menschen von Gott und damit von ihrem Verhältnisse zu Ihm gewonnen haben. Diese Erkenntnis und Anerkennung durch seine Persönlichkeit und sein Wirken zu einer so tiefen und allgemeinen gemacht zu haben, daß Israel und die sich ihm anschließenden weiten Menschenkreise ihren höchsten Stolz und ihr Lebensglück in seinem Dienste, in der Vollbringung seines Willens finden, darin besteht die „Erhabenheit des Namens Gottes“, durch deren Begründung in der Menschen Herzen er seine Heilessendung vollbringt. Dann erst: וְיָשָׁבוּ, wird die Zeit des ruhigen, sicheren und friedlichen Wohnens auf Erden für die Menschen gekommen sein, denn dann wird — Subject von יִגְדַּל ist שֵׁם ה' — der „Name“ d. i. die Anerkennung Gottes „groß und weitreichend sein, bis an die fernen Enden der Erde“.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. 5. Und diese Macht und dieser Geist wird der Friede sein, mit ihm ist das Reich des ewigen Friedens auf Erden gegründet. Beginnen aber wird die Gründung dieses Reiches im jüdischen Lande, auf dem Boden des Gottesgesetzes. Wenn dann noch Feinde der Gottesherrschaft, als deren Repräsentanten hier Aschur und im V. 5, auf die ersten Anfänge der Gewaltherrschaft auf Erden zurückgreifend, das „Nimrodsland“ Babel genannt werden, also Erben des Aschur- und Nimrodgeistes in unser Land werden einfallen und in unsere Paläste, wie früher, werden eindringen, also den Kampf auf Gottes Boden wieder beginnen wollen: so werden wir gegen dieses „Aschur“ nicht das Schwert zu ziehen haben. Vielmehr werden wir, d. i. das vom Geiste des Isaïsprößlings beseelte Israel, ihm die seine Macht brechenden Gegner in seinem eigenen Lande erstehen lassen. Der von Zion ausströmende Geist wird in „Aschur und Babel“ selbst Männer erstehen und erstarken lassen, die sich in Vertretung der auf Zion gelehrten Wahrheit als „Hirten“ und „geweihte Menschen“ durch Geltendmachung dieser Prinzipien in ihren Volkskreisen auf dem Boden der bisherigen Gewaltherrschaft bewähren werden. Die Verkündung der Lehre von der Bedeutung jeder Menschenpersönlichkeit, von der Majestät des Rechtes und der Liebe, bereitet der Herrschaft des Unrechtes und der Gewalt den Untergang. Die Zahlen Sieben und Acht bezeichnen einerseits allgemein die Vielheit der vom Geiste der Thora erweckten Männer, anderseits bezeichnen sie diesen Sieg des Guten als ein Werk des unsichtbar in der Welt waltenden, durch den Sabbath, die Schöpfung des siebten Tages verkündeten Schöpfers, und des als Träger und Vertreter seines Wortes ausgesandten Israel, des achten Schöpfungswerkes. Siehe über die Bedeutung dieser Zahlen: „Grundlinien einer jüdischen Symbolik“ Jeschurun Jahrg. 5, S. 13 ff. נְסִיכֵי, von נסך verw. mit סיך, wird allerdings Jos. 13, 21 von den נסיכי סיחון in dem Sinne von Machthabern, Eingesetzten gebraucht, ebenso Ps. 83, 12, hier jedoch offenbar in dem Sinne wie Ps. 2, 6: weihen, salben. וְרָעוּ nach dem Acc. von רעה, nicht רָעַע: mit dem Schwerte weiden s. v. a. beherrschen. Was sich ihnen als „Aschur“ entgegengestellt, werden sie besiegen. Vielleicht ist auch בַּחֶרֶב mit Aschur verbunden gedacht: das schwertgerüstete Aschurland werden sie beherrschen. בִּפְתָחֶיהָ: in seinen Pforten, nicht בִּשְׁעָרֶיהָ in seinen Thoren, sondern in den Hausthüren, den Eingängen ins häusliche Leben, den Familienkreis: in den Häusern wird durch sie jener Sinn geweckt, durch den alle äußeren und inneren Bande gesprengt werden. וְהִצִּיל bezieht sich wieder zurück auf das Subject von יֵצֵא V. 1 und von יִתְּנֵם und וְעָמַד וְרָעָה V. 2 und 3 und faßt den Inhalt von V. 4 und 5 zusammen: so rettet er, denn die sieben Hirten und acht Geweihten sind ja von seinem Geiste beseelt. Die Weisen nennen bestimmte Menschengrößen als diese Hirten und Geweihten aus den verschiedensten Phasen der Entwickelung der Menschheit, von Seth bis Elijahu und מָשִׁיחַ, und bezeichnen damit ihn als den Vollender des Werkes, an dem alle jene Vorangegangenen grundlegend und weiterführend im Dienste Gottes gearbeitet haben — die herrlichste Conception der Einheit des Gottesplanes in der Geschichte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. So wird sich's vollziehen, wenn unter der Herrschaft des Davidsprößlings „Gottes Name groß sein wird bis an die Enden der Erde“ und Israel wieder in das Land seiner Bestimmung zurückgesammelt sein wird. Die folgenden Verse lenken nun den Blick wieder zurück. Sie schauen Israel, wie es noch unter die Völker zerstreut ist und zeichnen die menschheitspriesterliche Bedeutung seines Weilens in ihrer Mitte, die allerdings erst dann voll zur Geltung kommen wird, wenn der Priester selbst durch die Leiden des Exiles priesterlich geweiht sein wird. Es ist das שְׁאֵרִית, der überdauernde Rest, der Kern der Nation, der diese Vollendung erreichen und jene Bestimmung erfüllen wird. Der Sohn des Davidhauses aus Bethlehem hat ja nur zur Vollendung zu bringen, was durch Israels Sendung inmitten der Völker angebahnt werden soll.
וְהָיָה שְׁאֵרִית יַעֲקֹב וגו'. Jakob, im Gegensatz zu Israel: das schwache, gesunkene, abhängige und unscheinbare. עַמִּים: die Volksgesellschaften nach ihren inneren Verhältnissen, גּוֹיִם: die je einen Nationalkörper bildenden, sich gegen einander mehr oder minder feindlich abschließenden Volkseinheiten. Nun heißt es hier: der nach so vielen Massenmorden aus seinen nationalen Katastrophen übrigbleibende Rest des schwachen, abhängigen, unter die Mitte der Völker zerstreuten Jakobsvolkes wird mit seiner Lehre von der Gotteskindschaft aller Menschen, von dem wahren, an keinerlei Racen- oder Standesbesonderheit geknüpften Menschenwerte, von der gegen ausnahmslos alle Menschen zu übenden Pflicht der Gerechtigkeit und Menschenliebe, von dem auf allem Unrecht ruhenden Unsegen und von der Vergänglichkeit aller nur auf Gewalt gegründeten Größe — er wird inmitten der sich diesen Wahrheiten erschließenden Völkergesellschaften wie Tau und wie befruchtender Regen sein, der die Menschenwüste in eine Stätte des Aufblühens und Gedeihens umwandelt. Unscheinbar und von Gott gesandt wie Tau, אֲשֶׁר לֹא יְקַוֶּה לְאִישׁ, wird er seine Heilessendung vollbringen, ohne Menschenbeistand zu Hülfe zu rufen, וְלֹא יְיַחֵל לִבְנֵי אָדָם: und ohne zu warten, daß er gerufen werde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. וְהָיָה שְׁאֵרִית יַעֲקֹב בַּגּוֹיִם: als Träger dieser selbigen Wahrheiten aber, die es schon durch sein bloßes Dasein verkündet, wird dieses unscheinbare, unter alle Völker zerstreute, trotz des Mangels an jedem äußeren Zusammenhalte dennoch als Volk unvergängliche Jakob unter den machtvergötternden, sich gegeneinander und gegen diese ewigen Wahrheiten feindlich abschließenden Nationen — siegesgewaltig stark sein, wie der Löwe unter den Tieren des Waldes. Die göttliche Lehre von dem gleichen Rechte und der alle Menschen umfassenden Liebe ist der Granitfelsen, an dem die Wogen aller gewaltvergötternden Völker machtlos sich brechen. Es kommt die Zeit, wo:
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. תָּרֹם יָדְךָ וגו', wo dieser Sieg des „Überrestes Jakobs“ aller Augen sichtbar sich verwirklichen wird, und wo seine Gegner schwinden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9—13. Doch nicht durch äußere Machtmittel wird Israel dieser Sieg. Solange es eine selbständige staatliche Größe war, hat auch es freilich in der Zahl und Größe seiner Städte und Festungen, in seiner Kriegsmacht und in den naturbändigenden Geheimkünsten, כְּשָׁפִים, seine Macht und seine Größe erblickt. Alles das, spricht Gott, wird es aber zu jener Zeit längst durch Gottes Fügung eingebüßt haben —: „Ich werde vernichtet haben“ — lautet der sich stets wiederholende Refrain.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. Dieses Scherbengeschick der jüdischen Machtherrlichkeit hätte aber für die Völker eine Warnung sein, aus dem Zusammenbruch des jüdischen Staates hätten sie den Posaunenruf des auch ihnen drohenden Gottesgerichtes vernehmen und verstehen sollen: deshalb וְעָשִׂיתִי בְּאַף וּבְחֵמָה וגו', trifft sie der volle Unwille Gottes, weil sie diese Stimme nicht beherzigt haben.