Michah 6 מיכה

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1
שִׁמְעוּ־נָ֕א אֵ֥ת אֲשֶׁר־יְהֹוָ֖ה אֹמֵ֑ר ק֚וּם רִ֣יב אֶת־הֶהָרִ֔ים וְתִשְׁמַ֥עְנָה הַגְּבָע֖וֹת קוֹלֶֽךָ׃
BernfeldHöret doch, was der Herr [zu mir] sprach: Auf, rechte vor den Bergen, dass die Hügel deine Stimme hören!
ZunzHöret doch, was der Ewige spricht: Auf, rechte mit den Bergen, und daß die Hügel deine Stimme hören!
J. J. HirschHöret doch, was Gott jetzt spricht: „Auf, streite mit den Bergen, und mögen die Hügel deine Stimme vernehmen!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 6 fordert die Völker auf, den Streit Gottes mit seinem Volke zu vernehmen, und Israel, die Geschichte seiner Vergangenheit zu überblicken, um die Unwürdigkeit seines Verhaltens gegen Gott zu begreifen (1—5), und zeigt sodann, gegenüber heuchlerischer Entstellung der Anforderungen des Gottesgesetzes, daß deren Inhalt nichts sei als Vollbringung des Rechtes, hingebungsvolle Übung der Liebe und Bewahrung keuscher Sittlichkeit (6—9), die alle im socialen wie im individuellen Leben ihre Verwirklichung heischen (10), in dem jedoch gegenwärtig Gewalt und Selbstsucht unumschränkt herrschen (10—11), weshalb die ernsten Folgen teils schon eingetreten sind, teils in voller Schwere noch eintreten werden (12—16).

Kap. 6. V. 1. שִׁמְעוּ־נָא, „höret doch“, bezieht sich auf die eben erwähnten Völker, die aufgefordert werden, das Mahnwort Gottes an Israel zu hören und durch seine Beherzigung ihre eigene Zukunft zu sichern.

2
שִׁמְע֤וּ הָרִים֙ אֶת־רִ֣יב יְהֹוָ֔ה וְהָאֵתָנִ֖ים מ֣וֹסְדֵי אָ֑רֶץ כִּ֣י רִ֤יב לַֽיהֹוָה֙ עִם־עַמּ֔וֹ וְעִם־יִשְׂרָאֵ֖ל יִתְוַכָּֽח׃
BernfeldHöret also, ihr Berge, den Rechtsstreit des Herrn, und ihr mächtigen Grundvesten der Erde! Denn einen Rechtsstreit hat der Herr mit seinem Volke, und mit Israel will er eine Auseinandersetzung haben.
ZunzHöret, Berge, den Rechtsstreit des Ewigen, und ihr, mächtige Grundvesten der Erde! Denn einen Rechtsstreit hat der Ewige mit seinem Volke, und mit Jisraël will er rechten.
J. J. HirschHöret denn, ihr Berge, den Streit Gottes, und ihr uralten Grundfesten der Erde! Denn einen Streit hat Gott mit seinem Volke und mit Israel will er sich zu Rechte setzen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. Israel wird durch die Bezeichnungen: הָרִים וְהָאֵתָנִים מוֹסְדֵי אָרֶץ an seine ideale Bestimmung erinnert, der Menschheit das Gottesbewußtsein und die Erkenntnis der Menschenbestimmung zu bringen. Durch den nicht ungewohnten Tropus der Übertragung der Wirkung auf den Wirkenden wird das ideale Israel als מוֹסְדֵי אָרֶץ, als die eigentliche Grundlage der Gestaltung des Menschenheiles bezeichnet.

V. 3 f. וּמָה הֶלְאֵתִיךָ, לאה: müde werden, und zwar in der Regel: sich zwecklos abmühen. Der Sinn der Gottesrede ist: Alle Gesetze, durch die ich dein Leben gestalten will, sind zu deinem Heile, machen dich zu עַמִּי, zu dem Menschenkreise, der nicht nur in den auch von den anderen Völkern als „religiös“ angesehenen Beziehungen, sondern der in seinem ganzen bürgerlichen Volks- und Einzelleben das Gepräge meiner Herrschaft tragen soll. Und wenn dir eben der Untergang deines Staates und der Verlust deiner Selbständigkeit verkündet wurde, weil du deiner Pflicht nicht nachgekommen bist, so warst du von vorn herein, von dem ersten Augenblick deiner Befreiung auf dieses Verhältnis zu mir, als deiner ausschließlichen Bestimmung, vorbereitet. Wäre deine Befreiung Selbstzweck gewesen, nur um auch dir die Möglichkeit zu geben, gleich den anderen Völkern dich auf Erden anzubürgern, so hätte ich dich, nachdem sie vollbracht war, dir selbst überlassen können. So nicht. Sofort als ich dich aus der Sklaverei herausführte, stellte ich drei Menschen an deine Spitze, wörtlich: „sandte sie vor dir her“: Moses, den Überbringer des Gesetzes, der zunächst für die Aufrechthaltung des strengen Rechtes, Aron, der אוֹהֵב שָׁלוֹם וְרוֹדֵף שָׁלוֹם, der in dem Geiste der Milde, des Friedens und der versöhnenden Liebe waltete, und endlich Mirjam, die an die Frauen gesandt und deren Pflege das Aufgehen der durch das Gesetz gestreuten Saaten keuscher Sittlichkeit in den Zelten Israels anvertraut war.

3
עַמִּ֛י מֶה־עָשִׂ֥יתִי לְךָ֖ וּמָ֣ה הֶלְאֵתִ֑יךָ עֲנֵ֥ה בִֽי׃
BernfeldMein Volk, was hab ich dir getan und womit dich belästigt? Gib doch Zeugnis ab wider mich!
ZunzMein Volk, was hab’ ich dir gethan, und womit dich belästigt? Gieb Zeugniß wider mich!
J. J. Hirsch„Mein Volk, was habe ich dir gethan und womit habe ich dich ermüdet? Lege Zeugnis ab wider mich!
4
כִּ֤י הֶעֱלִתִ֙יךָ֙ מֵאֶ֣רֶץ מִצְרַ֔יִם וּמִבֵּ֥ית עֲבָדִ֖ים פְּדִיתִ֑יךָ וָאֶשְׁלַ֣ח לְפָנֶ֔יךָ אֶת־מֹשֶׁ֖ה אַהֲרֹ֥ן וּמִרְיָֽם׃
BernfeldVielleicht gar dadurch, dass ich dich herausgeführt aus Ägypten und dich aus dem Hause der Sklaverei erlöst, dass ich vor dir her Mose, Aaron und Mirjam gesandt habe?
ZunzDa ich dich heraufgeführt aus dem Lande Mizrajim, und aus dem Hause der Sklaven dich erlöst, und vor dir her sandte Moscheh, Aharon und Mirjam;
J. J. HirschDa ich dich aus dem Lande Mizrajim heraufführte und aus dem Sklavenhause dich befreite, da sandte ich vor dir her: Moses, Aron und Mirjam.
5
עַמִּ֗י זְכׇר־נָא֙ מַה־יָּעַ֗ץ בָּלָק֙ מֶ֣לֶךְ מוֹאָ֔ב וּמֶה־עָנָ֥ה אֹת֖וֹ בִּלְעָ֣ם בֶּן־בְּע֑וֹר מִן־הַשִּׁטִּים֙ עַד־הַגִּלְגָּ֔ל לְמַ֕עַן דַּ֖עַת צִדְק֥וֹת יְהֹוָֽה׃
BernfeldMein Volk bedenke doch, was Balak, Moabs König, beschlossen, und was Bileam, Sohn Beors, ihm erwidern musste — [was sich ereignet] von Sittim bis Gilgal — um zu erkennen die Gnade des Herrn.
ZunzMein Volk, bedenke doch, was Balak, Moab’s König beschlossen, und was Bileam, Sohn Beor ihm erwiedert! . . . . Von Schittim bis Gilgal; — um zu erkennen die Gnaden des Ewigen.
J. J. HirschMein Volk, erinnere dich doch, welchen Plan Balak, der König von Moab, gehegt, und was ihm Bileam, der Sohn Beors, geantwortet — von Schittim bis nach Gilgal, um die vielfältigen Gnadenoffenbarungen Gottes zu erkennen!“ —
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. עַמִּי זְכָר־נָא וגו'. Und wenn du nach alledem nicht schon selbst die Bedeutung dieses Verhältnisses zu mir begriffen, so erinnere dich doch an den Plan Balaks, an die Mittel, die er anwandte, und an das, was Bileam ihm antwortete. Was deiner Bethörung entschwunden ist, dem heidnischen Fürsten und dem heidnischen Seher stand es klar vor Augen. Balak, der nicht eine militärische Allianz, sondern die Hülfe eines Bileam suchte, gestand diesem ja ausdrücklich zu, daß man dieses Volk nicht mit dem bloßen Schwerte überwinden könne, sondern daß eine andere, höhere Kraft ihm innewohne. Die Quintessenz der Antwort Bileams aber war: so lange dieses Volk das Gesetz seines Gottes erfüllt, — „so lange man kein Unrecht in Jakob sieht“, die Liebe jedes Unglück mildert und die Familienreinheit gewahrt ist, שׁוֹכֵן לִשְׁבָטָיו — so lange es „von der Gotteshuldigung durchbebt ist“: so lange „steht sein Gott ihm bei“, so lange ist es unüberwindlich. Um es besiegen zu können, mußt du es zuvor verführen, zum Abfall von Gott verlocken und damit des Beistandes seines Gottes verlustig machen. — So Bileam. — Da hast du das ganze Geheimnis deiner Stellung in der Geschichte. Und das überdenke von „Schittim bis nach Gilgal“, von der Stätte, wo dieser Rat zum ersten Male mit Erfolg ins Werk gesetzt wurde, bis nach Gilgal, wo die Unmittelbarkeit der Gottesherrschaft und die Hingebung an sie als alleinige Bedingung der Gewinnung und der Erhaltung des Landes ausgesprochen worden — (Vergl. unsere Ausführungen Haftoroth S. 261 und S. 465 ff.) — um die Waltungen der göttlichen Gnade zu erkennen, ja auch zu erkennen, daß die längst verkündete und erst so spät eintretende Zertrümmerung des Staates und die Zerstreuung unter die Völker nicht ein Werk strafender Vernichtung, sondern ein Werk der Rettung, ein Werk dieser ewig waltenden Gnade ist. Stellen, wie Hosea 4, 15: אִם־זֹנֶה אַתָּה יִשְׂרָאֵל וגו' וְאַל־תָּבוֹאוּ הַגִּלְגָּל und Hosea 9, 15: כָּל־רָעָתָם בַּגִּלְגָּל כִּי־שָׁם שְׂנֵאתִים עַל רֹעַ מַעַלְלֵיהֶם legen übrigens die Möglichkeit nahe, daß Gilgal später die Stätte eines schmählichen Götzenkultes war, und daß in diesem Sinne hier an Gilgal erinnert wird. Der Sinn ist dann: Bedenke deine Geschichte, die eine Geschichte fortgesetzten Abfalles von Gott bildet, lege die eben vernommene Wahrheit als Maßstab an deine Geschichte, von Schittim, der Stätte deines ersten Abfalles, bis nach Gilgal, wo ihr noch jetzt frevelt, um die Unendlichkeit der göttlichen Langmut und Gnade zu begreifen.

V. 6 f. Und angesichts dieser Thatsachen fragst du: בַּמָּה אֲקַדֵּם וגו'. In diesen Fragen spricht sich geradezu die weitverbreitete heidnische Anschauung aus, die Gott durch „Opfer“ „versöhnen“ und durch Preisgebung des Teuersten sein Wohlgefallen gewinnen zu können glaubt oder zu glauben vorgiebt.

6
בַּמָּה֙ אֲקַדֵּ֣ם יְהֹוָ֔ה אִכַּ֖ף לֵאלֹהֵ֣י מָר֑וֹם הַאֲקַדְּמֶ֣נּוּ בְעוֹל֔וֹת בַּעֲגָלִ֖ים בְּנֵ֥י שָׁנָֽה׃
BernfeldWomit soll ich vor den Herrn treten? Wodurch soll ich mich demütig zeigen vor Gott in der Höhe? Soll ich vor ihn treten mit Ganzopfern, mit jährigen Kälbern?
ZunzWomit soll ich vor den Ewigen treten, soll ich mich beugen dem Gott in der Höhe! Soll ich vor ihn treten mit Ganzopfern, mit jährigen Kälbern?
J. J. Hirsch„Womit soll ich denn Gott entgegenkommen, mich noch tiefer beugen vor dem erhabenen Gotte? Soll ich ihm mit Emporopfern entgegenkommen, mit einjährigen Schafen?
7
הֲיִרְצֶ֤ה יְהֹוָה֙ בְּאַלְפֵ֣י אֵילִ֔ים בְּרִֽבְב֖וֹת נַחֲלֵי־שָׁ֑מֶן הַאֶתֵּ֤ן בְּכוֹרִי֙ פִּשְׁעִ֔י פְּרִ֥י בִטְנִ֖י חַטַּ֥את נַפְשִֽׁי׃
BernfeldHat der Herr Gefallen an Tausenden von Widdern, an Myriaden Strömen Öles? Soll ich hingeben meinen Erstgeborenen für meine Missetat, die Frucht meines Leibes für meine Versündigung?
ZunzHat der Ewige Gefallen an Tausenden von Widdern, an Myriaden Strömen Oels? Soll ich hingeben meinen Erstgebornen für meine Missethat, die Frucht meines Leibes für die Sünde meiner Seele?
J. J. HirschOder hat Gott Wohlgefallen an Tausenden von Rindern, an Zehntausenden von Ölströmen? Soll ich etwa meinen Erstgeborenen für meine Missethat dahingeben, meines Leibes Frucht für den Leichtsinn meiner Seele?“ —
8
הִגִּ֥יד לְךָ֛ אָדָ֖ם מַה־טּ֑וֹב וּמָֽה־יְהֹוָ֞ה דּוֹרֵ֣שׁ מִמְּךָ֗ כִּ֣י אִם־עֲשׂ֤וֹת מִשְׁפָּט֙ וְאַ֣הֲבַת חֶ֔סֶד וְהַצְנֵ֥עַ לֶ֖כֶת עִם־אֱלֹהֶֽיךָ׃ {ס}
BernfeldEr hat dir kundgetan, o Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir fordert ist doch nur; auf Recht halten, Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gott.
ZunzEr hat dir kund gethan, o Mensch, was gut ist; und was fordert der Ewige von dir als: auf Recht halten, Liebe üben, und demüthig wandeln vor deinem Gott.
J. J. HirschEr hat es dir klar ausgesprochen, Mensch, was das Gute ist und was Gott von dir fordert: nur das Recht zu üben, Liebeshingebung zu lieben und auch im stillverborgenen Wandel mit deinem Gotte zu sein! —
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. Dieser heuchlerischen Frage zürnt das Donnerwort des Propheten entgegen: הִגִּיד, du kannst nicht im Zweifel sein, klar und bestimmt hat Gott dir ausgesprochen, wörtlich: vor Augen, gegenübergestellt, „was er von dir will“. Der ganze große Inhalt des Gottesgesetzes ist in dem Worte אָדָם: „Mensch“ gegeben, das hier nicht blos als Anrede, sondern als Ziel und Gehalt des in Gesetzeswort gefaßten Gotteswillens ausgesprochen ist. Verwirklichung des Menschenideals, Vollendung des reinen Menschentums wird damit als Erzeugnis der Ausführung des Gesetzes dahingestellt. Die Summe der Gesetze ist das טוֹב, das für den Menschen „Gute“, sie bestimmen die Weise, wie er einer jeden von den mannigfachen Verhältnissen des Lebens an ihn gestellten Aufgabe gerecht werde. Die Verwirklichung dieses „Guten“ wird unter die drei Kategorien gefaßt: Übung des Rechtes, Liebe der Hingebung und Gestaltung des eigenen Wandels nach den Geboten der Reinheit, des „steten Wandels mit Gott“ — jenes: מִשְׁפָּטִים und מִצְוֹת, dieses: die חֻקִּים, jenes: die Pflichten zwischen Mensch und Mensch, dieses im engeren Sinne: die zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer. Das עֲשׂוֹת מִשְׁפָּט, das Vollbringen des Rechtes, findet seine Verkörperung in Moses, in dessen Charakter das Rechtsgefühl den Grundton bildete — es sei an die Tötung des Ägypters, an sein Verhalten bei dem Brunnen in Midjan erinnert. Heiligkeit des Rechtes bildet ja auch die Grundlage des Gesetzes, dessen Überbringer er war. Wohlverstanden: des Rechtes Anderer. Denn was das eigene Recht betrifft, so könnte nach den Worten der Weisen die Welt nicht bestehen, wolle jeder streng und starr auf seinem Rechte bestehen. Wie aber das עֲשׂוֹת מִשְׁפָּט auf unseren Führer Moses zurückweist, so die „Liebe und Liebeshingebung“ auf Aron, und die Wahrung der Keuschheit und Reinheit der Gesinnung auf Mirjam, wie dies oben zu Vers 4 bemerkt ist.

Haftarah Balak Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten, Italiener, Romanioten und Karäer enden hier.
9
ק֤וֹל יְהֹוָה֙ לָעִ֣יר יִקְרָ֔א וְתוּשִׁיָּ֖ה יִרְאֶ֣ה שְׁמֶ֑ךָ שִׁמְע֥וּ מַטֶּ֖ה וּמִ֥י יְעָדָֽהּ׃
BernfeldDie Stimme des Herrn ruft der Stadt und heilsam ist es, schaut man deinen Namen; höret auf die Strafrute und auf den, der sie verhängt.
ZunzDie Stimme des Ewigen ruft der Stadt und offenkundig schaut man deinen Namen; höret die Strafruthe und wer sie verhängt:
J. J. HirschDie Stimme Gottes ruft der Stadt zu und in Verwirklichung will er deinen Namen sehen! Begreifet doch die Züchtigung und wer sie herbeigeführt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. Nicht dem Tempel, der Stadt ruft Gott zu, wenn er zürnt. Gemeint ist die Stimme, die aus den ernsten Geschicken euch entgegentönt. Nicht den Tempel, sondern die Häuser, die Stadt, die Gesellschaft will Gott sich geweiht sehen, sie sollen das Gepräge seiner Herrschaft tragen, deinem Namen „Isra-El“: „Gott allein ist der Herrschende, der alles Überragende und für alles Maßgebende“, diesem Namen, den du trägst, soll auch deine Wirklichkeit entsprechen. Das ist תּוּשִׁיָּה, von יֵשׁ, das Wirkliche, Wesentliche einer Sache. Wenn euch schwere Schicksalsschläge trafen, so haltet dieses doch nicht für Zufall, verstehet, begreifet doch die Züchtigung und erkennet den, der sie bestimmt, gefügt hat. Nicht Gott, sondern im tiefsten Grunde seid ihr selbst die Veranlassung, da ihr die Bedingung nicht erfüllet, an die euer Glück, eure Selbständigkeit und der Besitz eures Landes geknüpft ist.

10
ע֗וֹד הַאִשׁ֙ בֵּ֣ית רָשָׁ֔ע אֹצְר֖וֹת רֶ֑שַׁע וְאֵיפַ֥ת רָז֖וֹן זְעוּמָֽה׃
BernfeldIst noch im Hause des Ungerechten der Speicher des Unrechts? und ein knappes, verwünschtes Efa?
ZunzIst noch das Haus des Ungerechten ein Speicher des Unrechts? und ein knappes Efah, ein verwünschtes?
J. J. HirschGiebt es auch nur einen Anfang für die Dauer des Hauses des Frevlers, für die durch Frevel gewonnenen Schätze? Das hungrige Epha ist [stets] mit Fluch beladen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. Das ה in הַאִשׁ ist interrogativ. אֵשׁ abgeschwächtes יֵשׁ, dieses bedeutet die volle Wirklichkeit, אֵשׁ den Anfang des Seins. Es kommt nur noch 2 Sam. 14, 19 ganz in demselben Sinne vor. Die weise Frau aus Thekoa, der David auf den Kopf zusagte, daß Joab sie beauftragt habe, antwortete ihm: es gibt auch nicht den Anfang einer Möglichkeit, dir etwas zu verbergen, dir gegenüber eine Ausflucht zu suchen, du durchschauest sofort alles. Hier: das Haus eines Frevlers, in dem nur Frevel gepflegt wird, hat nicht nur keine Dauer, sondern es hat auch nicht einmal den Anfang wirklichen Seins. עוֹד ist Substantiv im stat. constr. בֵּית ist Genitiv. — Und ein „Maß, das man hat hungern lassen“, das die Zehrung hat, d. i. das zu klein ist, auf dem lastet von vorn herein der Fluch, das bringt nicht nur nicht die gehoffte Mehrung, sondern es bringt den Fluch, den Hunger ins Haus.

11
הַאֶזְכֶּ֖ה בְּמֹ֣אזְנֵי רֶ֑שַׁע וּבְכִ֖יס אַבְנֵ֥י מִרְמָֽה׃
BernfeldKann ich geläutert sein mit ungerechter Wage und mit einem Beutel trügerischer Gewichtsteine?
ZunzSoll ich rein sprechen (den) mit ungerechter Wage und mit einem Beutel trügerischer Gewichtsteine?
J. J. HirschKönnte ich denn wohl rein bleiben bei der Wage des Frevels und bei einer Tasche voll falscher Gewichte?
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. Der Prophet spricht aus der Seele Israels. Mußtest du dir das nicht selbst sagen, hat Gott uns nicht von vorn herein es ausgesprochen, daß in seinen Augen verabscheut ist ein jeder, der unredlich ist im Nehmen und Geben, der die Unkunde des andern zum Betruge mißbraucht, und daß der Besitz des Landes in erster Linie durch Rechtschaffenheit bedingt ist und durch deren Mangel verwirkt wird? Deut. 25, 14 ff. Euer Leben aber steht zu diesen Mahnungen und Warnungen in vollkommenem Gegensatze.

12
אֲשֶׁ֤ר עֲשִׁירֶ֙יהָ֙ מָלְא֣וּ חָמָ֔ס וְיֹשְׁבֶ֖יהָ דִּבְּרוּ־שָׁ֑קֶר וּלְשׁוֹנָ֖ם רְמִיָּ֥ה בְּפִיהֶֽם׃
BernfeldIhre Reichen sind voll von Gewalttat, und ihre Einwohner reden Lüge, und ihre Zunge ist falsch in ihrem Munde.
ZunzDeren Reiche voll sind von Gewaltthat, und deren Bewohner Lug reden, und ihre Zunge ist falsch in ihrem Munde?
J. J. HirschDeren Reiche voll sind von Unrecht und deren Einwohner Lüge reden und deren Zunge Falschheit ist in ihrem Munde!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. Das Suffix in עֲשִׁירֶיהָ und יֹשְׁבֶיהָ bezieht sich auf עִיר des V. 9, auf die Stadt, der der Gottesruf gilt, in der der Name Israel seine Verwirklichung finden soll, deren Bewohner jedoch das Bild des vollendeten Gegenteils darbieten. Sie sind reich geworden durch Betrug, wörtlich: füllen sich mit Betrug und Gewalt. רְמִיָּה ist Subst., die Zunge ist ihnen nur ein Werkzeug der Täuschung. Alles dies geschieht allgemein und wird als etwas ganz Natürliches, Selbstverständliches betrachtet. So hat Israel die Grundbedingung seiner Existenz verscherzt, indem es dem Gottesgesetze den Rücken zugewendet hat.

13
וְגַם־אֲנִ֖י הֶחֱלֵ֣יתִי הַכּוֹתֶ֑ךָ הַשְׁמֵ֖ם עַל־חַטֹּאתֶֽךָ׃
BernfeldDarum habe ich dich auch wund geschlagen, dich verwüstet‘ wegen deiner Sünden.
ZunzDarum auch hab’ ich dich wund geschlagen, verwüstet ob deinen Sünden.
J. J. HirschUnd auch ich, ich habe Siechtum gesandt, indem ich dich schlug, um dich stutzig zu machen über deine Sünden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. וְגַם־אֲנִי. „Und auch ich“ — ich habe doch dem allen nicht ruhig zugesehen, habe es doch nicht an Züchtigung fehlen lassen, um dich zur Besinnung zu bringen. Ich habe dich doch bereits Jahrhunderte lang geschlagen mit Leiden, die dich zwar nicht vernichtet haben, die aber deinen Nationalkörper krank sein ließen, damit du aufmerksam werdest auf deine Sünden, betroffen werdest, dich entsetzest ob deiner Sünden. Da im Folgenden der allgemeine Unsegen, der sich in allem zeigt, im einzelnen geschildert wird, so kann הַשְּׁמֵם hier nicht die Verödung und Verwüstung durch die Feinde bedeuten, sondern ist in dem Sinne wie 1 Kön. 9, 8. Jes. 52, 14. Jer. 2, 12. Jer. 18, 16 zu fassen. הֶחֱלֵיתִי הַכּוֹתֶךָ ich habe [dich] krank gemacht dadurch, daß ich dich schlug, habe die Schläge zu Siechtum bringenden gemacht. Ich habe dich so viel Unheil erleben lassen, daß du begreifen mußtest, daß du auf deinem bisherigen Wege des Abfalls nicht zum Glücke gelangtest.

14
אַתָּ֤ה תֹאכַל֙ וְלֹ֣א תִשְׂבָּ֔ע וְיֶשְׁחֲךָ֖ בְּקִרְבֶּ֑ךָ וְתַסֵּג֙ וְלֹ֣א תַפְלִ֔יט וַאֲשֶׁ֥ר תְּפַלֵּ֖ט לַחֶ֥רֶב אֶתֵּֽן׃
BernfeldDu issest und wirst nicht satt, und dein Heißhunger bleibt in deinem Leibe; du erraffst und bringst es nicht in Sicherheit, und was du sicherst, will ich dem Schwerte preisgeben.
ZunzDu issest und wirst nicht satt, und dein Heißhunger bleibt in deinem Leibe; und du erraffest und bringst es nicht in Sicherheit, und was du sicherst, will ich dem Schwerte hingeben.
J. J. HirschDu — du issest und wirst nicht satt, denn dein Verderben ist in deinem Innern! Du erreichest, bringst aber nicht zur Geburt, und was du zur Geburt bringst, das gebe ich dem Schwerte preis.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. Ich ließ dir zuerst die Fülle, während die Natur alles spendete, in deinen Händen zum Fluche werden. Du issest und wirst nicht satt, bei allem Genusse fehlt die Befriedigung, das Frohgefühl, denn dein Verderben ist in deinem eigenen Innern. יֶשְׁחֲךָ nur hier, verw. mit שׁוח, שׁחח und שׁחה. Du erreichtest — nämlich: das Keimen — brachtest aber nicht zur Geburt, und was du zur Geburt brachtest, das überliefere ich dem Schwerte. פַּלֵּט, wie Hiob 21, 10 תְּפַלֵּט פָּרָתוֹ gebären, eigentlich die Leibesfrucht hervorbrechen lassen, der Hiphil ist hier in demselben Sinne zu fassen. Der Inhalt des folgenden Verses verbietet, das לֹא תַפְלִיט hier allgemein vom Ausschluß der Rettung und des In-Sicherheit-bringens zu nehmen. Deshalb ist auch das תַּסֵּג nicht allgemein als Erreichen, sondern im Zusammenhange mit dem durch לֹא תַפְלִיט Verneinten zu begreifen. Dem „Schwerte preisgeben“ weist ohnehin darauf hin, daß speciell von lebenden Wesen die Rede ist, und es wäre unverständlich, aus welcher Gefahr dieselben denn bisher gerettet gewesen wären. Die Hervorhebung der Person durch das wiederholte אַתָּה, „du“, in diesem und dem folgenden Verse — da die Personalbezeichnung schon im Verbum gegeben ist — bezeichnet den in ihnen geschilderten sichtbaren Unsegen als einen von dem angeredeten Geschlechte selbst erlebten.

15
אַתָּ֥ה תִזְרַ֖ע וְלֹ֣א תִקְצ֑וֹר אַתָּ֤ה תִדְרֹֽךְ־זַ֙יִת֙ וְלֹא־תָס֣וּךְ שֶׁ֔מֶן וְתִיר֖וֹשׁ וְלֹ֥א תִשְׁתֶּה־יָּֽיִן׃
BernfeldDu säest und erntest nicht, du kelterst Oliven und salbst dich nicht mit Öl, du kelterst Most und trinkst keinen Wein.
ZunzDu säest und erntest nicht, du kelterst Oliven und salbst dich nicht mit Oel, und Most und trinkest keinen Wein.
J. J. HirschDu, du säest, aber erntest nicht, du, du kelterst die Olive, doch salbst dich nicht mit dem Öle, den Most — und trinkst nicht den Wein!
16
וְיִשְׁתַּמֵּ֞ר חֻקּ֣וֹת עׇמְרִ֗י וְכֹל֙ מַעֲשֵׂ֣ה בֵית־אַחְאָ֔ב וַתֵּלְכ֖וּ בְּמֹעֲצוֹתָ֑ם לְמַ֩עַן֩ תִּתִּ֨י אֹתְךָ֜ לְשַׁמָּ֗ה וְיֹשְׁבֶ֙יהָ֙ לִשְׁרֵקָ֔ה וְחֶרְפַּ֥ת עַמִּ֖י תִּשָּֽׂאוּ׃ {פ}
BernfeldWeil Omris Satzungen gewahrt werden und was das Haus Ahab geschaffen hat; ihr wandelt in ihren Ratschlägen; damit ich dich dem Entsetzen preisgebe und ihre Bewohner dem Gezisch, und dass ihr tragen sollet die Schmach meines Volkes.
ZunzUnd halten sich Omri's Satzungen und irgend ein Werk des Hauses Achab, so wandelt ihr in ihren Rathschlägen; damit ich dich hingebe dem Entsetzen und ihre Bewohner dem Gezisch, und daß ihr tragen möget die Schmach meines Volkes.
J. J. HirschSorgfältig beobachtet aber werden die Gesetze — Omris und das ganze Thun des Achab-Hauses, und in deren Grundsätzen wandelt ihr — damit ich dich zum Gegenstande des Entsetzens und seine Bewohner zum Gespötte mache, — so werdet ihr die Schmach meines Volkes tragen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. Du bist schon so weit, daß jeder Erfolg deiner Thätigkeit dir in offensichtlich wunderbarer Weise versagt bleibt. Alle diese selbstgemachten Erfahrungen sollten dir zeigen, daß das „Verderben in dir selbst liegt.“ Statt jedoch in dich zu gehen und zu Gottes Gesetzen und Lebenslehren zurückzukehren, werden sorgsam bewahrt, ins Gedächtnis geprägt und gehütet die Gesetze — Omris und das ganze Treiben des Achab-Hauses, und nicht nach Gottes, nach deren „Principien“ richtet ihr euren Wandel. Die Folge von alledem ist, daß ich dich, Juda, zum Gegenstande des Entsetzens und die Bewohner des Achab-Staates zum Gelächter machen muß. So werdet ihr die Schmach, die ihr auf „mein Volk“, d. i. auf diejenigen, die in eurer Mitte sich noch als mein Volk bewähren, also auf den treugebliebenen Kern, den שְׁאָר, in fanatischer Verblendung so lange häuftet, selbst zu tragen haben. — Das Prädikat וְיִשְׁתַּמֵּר steht voran, um den Gegensatz zu der Nichtbeachtung der in den bisherigen trüben Erfahrungen so laut sich bekundenden Mahnung hervorzuheben. וְיִשְׁתַּמֵּר und nicht וַ, Fut. cohortat.: „Es muß beachtet werden“, in Folgeleistung der allgemein herrschenden Anschauungen, da glaubt niemand sich auszuschließen zu dürfen. Charakteristisch dürfte auch das Wort חֻקּוֹת עָמְרִי sein, im Hinblick auf diejenige Kategorie der Gottesgesetze, die speciell diesen Namen trägt und die zu allererst verleugnet und übertreten wurden. Mochten die heidnischen Satzungen noch so sinnlos sein, sie wurden sorgsam beachtet. Das „Thun und Treiben des Achab-Hauses“ ist — im Gegensatze zu dem Wirken Gottes — der Gegenstand sorgfältigster Beachtung.