Michah 7 מיכה

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1
אַ֣לְלַי לִ֗י כִּ֤י הָיִ֙יתִי֙ כְּאׇסְפֵּי־קַ֔יִץ כְּעֹלְלֹ֖ת בָּצִ֑יר אֵין־אֶשְׁכּ֣וֹל לֶאֱכ֔וֹל בִּכּוּרָ֖ה אִוְּתָ֥ה נַפְשִֽׁי׃
BernfeldWehe mir, denn ich bin wie in der Obstlese, wie in der Nachlese des Herbstes, da ist keine Traube zu essen, eine reife Frucht, danach meine Seele begehret.
ZunzWehe mir, denn ich bin wie in der Obstlese, wie in der Nachlese des Herbstes; da ist keine Traube zu essen, eine Frühfrucht, danach meine Seele begehret.
J. J. HirschWehe mir, denn ich bin geworden wie die Lese der Sommerfrucht, wie die unreifen Beeren der Weinernte! Da ist keine Traube für den Genuß: [und doch] hatte eine Erstlingsfrucht meine Seele ersehnt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 7 enthält in V. 1 die Klage des Vaters der Menschheit, der in Israel die erste ihm zureifende Erstlingsfrucht auf dem Boden der Menschheit zu gewinnen hoffte, sich jedoch in Israel so schwer getäuscht sieht, dessen traurige Wirklichkeit in einer Reihe charakteristischer Züge ihre grelle Beleuchtung findet (2—6). Doch auch über diese trübste Zeit schaut des Propheten Blick voll Gottvertrauen auf eine lichtere Zukunft hin, der tiefe Fall sei nur die Vorbedingung und der Anfang der Erhebung, auch im tiefsten Dunkel bleibe Gott das helle Licht, wenn die Schuld gebüßt, so weiche die Nacht, und wie solange seine strafende Gerechtigkeit, werde Gott uns dann seine Gnade schauen lassen (7—9). Dann werde Gottes Zorn sich gegen die wenden, die solange sich an den Leiden des duldenden Israel geweidet (10—13). Der Prophet schließt mit dem Aufblick zu dem Hirten, der sein Volk mit dem Hirtenstabe leite alle Zeiten hindurch, als verzeihender Gott der Liebe und des Erbarmens, bis es das verheißene Ziel erreicht, würdig, das heilige Jakobs- und Abrahamserbe der Wahrheit und der Liebe anzutreten.

Kap. 7. V. 1. Der Prophet spricht aus der Seele des idealen Israel. Nachdem er zuvor geschildert hat, wie das tragische Geschick über Israel hereinbricht, spricht dieses Israel: Wehe mir! ich bin zusammengeschmolzen und so geringwertig geworden, wie die Reste der Baumfrucht, die die Einsammler zurückgelassen haben, wie die unreifen Beeren bei der Weinlese, so winzig, so vereinsamt und so wertlos, wie die wertlosen, vom Winzer verachteten Trauben! Da ist keine Traube, die Genuß verspricht! Und meine Seele sehnte sich doch nach einer frühreifen: Israel hatte doch mit den Worten: בְּנִי בְכֹרִי יִשְׂרָאֵל „mein Sohn, mein erstgeborener Sohn ist Israel“ die Bestimmung erhalten, die erste Frucht zu sein, die auf dem Acker, dem Weinberge der Menschheit Gott entgegenreife! Vergl. Jer. 2, 3: רֵאשִׁית תְּבוּאָתֹה — אֲסָפִי von אָסַף, das Sammeln und das Gesammelte, hier in demselben Sinne wie עֹלְלוֹת: was zur Nachlese übrig gelassen, nicht mitgeerntet ist.

2
אָבַ֤ד חָסִיד֙ מִן־הָאָ֔רֶץ וְיָשָׁ֥ר בָּאָדָ֖ם אָ֑יִן כֻּלָּם֙ לְדָמִ֣ים יֶאֱרֹ֔בוּ אִ֥ישׁ אֶת־אָחִ֖יהוּ יָצ֥וּדוּ חֵֽרֶם׃
BernfeldGeschwunden ist der Fromme von dem Lande, und kein Gerechter ist unter den Menschen. Alle lauern sie auf Blut, einer stellt dem andern eine Falle.
ZunzGeschwunden ist der Fromme von der Erde, und ein Gerechter unter den Menschen ist nicht da; Alle lauern sie auf Blut, Einer stellt dem Andern ein Netz.
J. J. HirschGeschwunden ist der Mann der hingebenden Liebe von der Erde und keinen Geraden giebt es unter den Menschen! Allesamt lauern sie auf Blutschuld, ein Jeder umgarnt seinen Bruder mit dem Netze.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. חֶסֶד, selbstlose, aufopfernde Liebe ist undenkbar außerhalb des Menschenkreises, sie ist etwas specifisch Menschliches. יָשָׁר, Geradheit, bildet den Grundcharakter aller Wesen, eben wegen der ihnen fehlenden Willensfreiheit, und sie soll auch der des Menschen sein. Ist deshalb die Liebe, wörtlich: der Mensch, dem die selbstlose Liebe zur zweiten Natur, zum Charakter geworden ist, „unter den Menschen verschwunden“, so ist sie „von der Erde verschwunden“, während es von der Geradheit, oder wie es hier conkret und persönlich bezeichnet wird, von dem „Geraden“ nur heißt: es giebt unter den Menschen keinen mehr. Alles lauert auf den Untergang des Nächsten, ein jeder stellt dem anderen nach, macht Jagd auf ihn und fängt ihn ein als ein ihm verfallenes Gut. דָּמִים ist nicht immer die eigentliche Blutschuld, sondern jede Untergrabung des Wohles und Gedeihens. חֵרֶם, eigentlich Netz, Habakuk 1, 15. Ex. 26, 5, bezeichnet einen Zustand völliger Abgeschlossenheit von anderen Beziehungen. Während ein solcher absoluter Abschluß Vernichtung wäre, ist in beschränktem Sinne חֵרֶם: das außer Gebrauch und Benutzung Gestellte, daher: Banngut in beiden Beziehungen. Vergl. zu Lev. 27, 28. Diese brutale und skrupellose Selbstsucht, so klagt der Prophet aus Israels Seele, herrscht in allen Schichten des Volkes, dessen Grundprincip das dem Ahn Gebotene: „Werde du ein Segen!“ sein sollte. Und die höheren Schichten, die ihren maßgebenden Einfluß zum Guten anwenden sollten?

3
עַל־הָרַ֤ע כַּפַּ֙יִם֙ לְהֵיטִ֔יב הַשַּׂ֣ר שֹׁאֵ֔ל וְהַשֹּׁפֵ֖ט בַּשִּׁלּ֑וּם וְהַגָּד֗וֹל דֹּבֵ֨ר הַוַּ֥ת נַפְשׁ֛וֹ ה֖וּא וַֽיְעַבְּתֽוּהָ׃
BernfeldUm der Hände böses Werk wieder gut zu machen, fordert der Fürst [Bestechung], und der Richter ist für Bezahlung dazu bereit. Der Große redet, was seine niedrige Gier fordert, und so flochten sie es zusammen.
ZunzUm der Hände böses Werk wieder gut zu machen, fordert der Fürst, und der Richter ist für Bezahlung, und der Große redet heraus die Gier seiner Seele, und so umstricken sie dieselbe.
J. J. HirschÜber den an Thaten Schlechten ein freisprechendes Urteil zu fällen — das verlangt der Fürst, und der Richter thut es für die Bezahlung, und der Große spricht: „Es ist das Verlangen seiner Seele!“ Und so flechten sie ihr den Strick.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. לְהֵיטִיב wörtlich: um gut oder Gutes zu thun, zu fügen, hier vom Richter: im Strafverfahren freizusprechen, im civilrechtlichen: zu seinen Gunsten zu entscheiden. כַּף von כפף: die schließende, umfassende, haltende Hand, daher רַע כַּפַּיִם eigentlich: der schlecht ist durch das, was er in der Hand hält, mit der Hand erworben hat, also: der schlechte, unredliche Besitzer. Ihn zu beschützen und das Recht in seinem Interesse zu beugen, das verlangt der Fürst, und der feile Richter thut es בַּשָּׁלוֹם. nicht בְּ, sondern mit dem Artikel: gegen die vorherbestimmte oder selbstverständliche Bezahlung. Und der „Große“, Angesehene, nicht Beamte, der aber durch seinen Einfluß sehr wohl diesem himmelschreienden Treiben entgegenwirken könnte, mißbilligt es gar nicht, findet es vielmehr ganz natürlich, daß ein jeder, also auch der Richter, seine Macht möglichst hoch verwerte — und so flechten diese drei, der Fürst, der Richter und der Große, „ihr den Strick“, bereiten dieser Gesellschaft den Untergang. Das Suffix הָ in וַיְעַבְּתוּהָ ist terminativ, s. v. a. עָבְתָה לָהּ, denom. von עֲבוֹת, Geflecht, Strick.

4
טוֹבָ֣ם כְּחֵ֔דֶק יָשָׁ֖ר מִמְּסוּכָ֑ה י֤וֹם מְצַפֶּ֙יךָ֙ פְּקֻדָּתְךָ֣ בָ֔אָה עַתָּ֥ה תִהְיֶ֖ה מְבוּכָתָֽם׃
BernfeldIhr Bester ist wie ein Dornbusch, der Rechtliche schlimmer als eine Dornhecke. Der Tag deiner Wächter, deine Heimsuchung ist gekommen; jetzt ist ihre Bestürzung da.
ZunzIhr Bester ist wie ein Dornbusch, der Rechtliche (schlimmer) denn eine Dornhecke. Der Tag deiner Wächter, deine Ahndung ist gekommen, jetzt ist sie da, ihre Bestürzung.
J. J. HirschDer Gute unter ihnen ist wie eine Scharte, das Gerade muß heraus aus der Dornhecke! Der Tag deiner Seher, dein Verhängnis ist gekommen, jetzt tritt ihre Verstörtheit ein!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. טוֹבָם: „ihr Guter“, d. h. wer in diesem Kreise noch „gut“ ist, für die Gestaltung seines eigenen Lebens und seines Urteils über seine Umgebung nur den einen Maßstab der gottgebotenen Pflicht kennt, der erscheint wie eine Scharte, wie eine die sonst glatte Fläche störende Unebenheit, der stört die Harmonie, sein bloßes Dasein erscheint ihnen als eine stumme Anklage, er ist ein Friedensstörer, der beseitigt werden muß, wie dies in dem folgenden Bilde von der Hecke noch deutlicher ausgesprochen wird. מְסוּכָה ist eine geflochtene Hecke. Was gerade ist, sich nicht biegen läßt, taugt nicht zu einem Heckengeflecht, es muß „hinaus“, wie dies in dem מ ausgesprochen ist. Ungemein bezeichnend ist das Bild der Dornenhecke für diese Gesellschaft. Ein jeder sollte in dem anderen den רֵעַ, den zu fördernden Nächsten, den Bruder erblicken, statt dessen bieten sie einander nur die zurückweisenden Dornen dar. Zusammen aber bilden sie ein jedes Fremde, nicht zu ihnen Gehörige abweisendes und undurchdringliches Gehege. Der „Gute“ ist ein solches fremdes Element, er wird deshalb geächtet, kann nicht aufkommen, „muß hinaus!“ — חֵדֶק nur hier und Prov. 15, 19. Wir haben es oben nach dem talm. חדק eindrücken, als Scharte übersetzt. Die angeführte Stelle in Prov. spricht für die Bedeutung Dorn. Der Sinn bleibt derselbe, der störende Eindruck des Rechtschaffenen kommt in diesem Bilde sogar noch stärker zum Ausdruck. — Der Prophet fährt fort: Da es so in dieser Volksgesellschaft aussieht, so ist der längst verkündete Tag, nämlich das den Staat zerstörende, den treuen Volkeskern rettende Verhängnis gekommen. Die Propheten werden hier: מְצַפֶּיךָ, nicht: צוֹפֶיךָ genannt: es sind die nach dir Ausschauenden, auf dich, d. h. auf deine Besinnung Harrenden. Sobald aber jener Tag da ist, עַתָּה: jetzt, d. i. in demselben Augenblicke ist es auch mit ihrer stolzen Sicherheit zu Ende. So lange alles prosperierte, glaubte die Gesellschaft, man könne die hingebungsvolle Liebe, die gewissenhafte Rechtschaffenheit entbehren. Sobald jedoch die Zeiten trübe werden und sie, ihrer Güter beraubt, sich auf sich selbst angewiesen sehen, fühlten sie sich liebebedürftig und erkennen entsetzt, daß sie sich getäuscht haben. מְבוּכָתָם: sofort sind sie verwirrt, verstört, fassungslos. Jetzt kommen sie plötzlich zum Bewußtsein, wie sogleich gezeigt wird, daß da, wo die Treue gegen Gott geschwunden und infolge dessen im öffentlichen Verkehre das Recht und die Liebe nichts gelten, auch im Familienkreise die Liebe und Treue vergebens gesucht werden. פְּקֻדָּתְךָ ist Apposition zu יוֹם מְצַפֶּיךָ.

V. 5 f. Diese beiden Verse entrollen ein unsäglich trübes Bild, wie sich das Zusammenleben der durch die heiligsten Bande vereinigten Menschen da gestaltet, wo an die Stelle der Pflicht und der Hingebung die Gesetzlosigkeit und die crasse Selbstsucht getreten ist. Es ist vielleicht das düsterste Bild in dem an ergreifenden Schilderungen der Gesunkenheit Israels wahrlich nicht armen Prophetenworte, das in den Worten gipfelt: des Mannes schlimmsten Feinde sind die eigenen Hausgenossen! מְנַבֵּל: als נָבָל, als einen sittlich Welken, Abgestorbenen, Nichtswürdigen behandeln. Wir haben in der Übersetzung die Nüancen der Nichtswürdigkeit und Verächtlichkeit aufs Subject bezogen, was begrifflich gleichfalls zutrifft.

5
אַל־תַּאֲמִ֣ינֽוּ בְרֵ֔עַ אַֽל־תִּבְטְח֖וּ בְּאַלּ֑וּף מִשֹּׁכֶ֣בֶת חֵיקֶ֔ךָ שְׁמֹ֖ר פִּתְחֵי־פִֽיךָ׃
BernfeldTrauet keinem Genossen, verlasset euch nicht auf den Vornehmen; vor der, die in deinem Schoße liegt, wahre die Pforte deines Mundes [sei vorsichtig im Reden].
Zunz(Dann) trauet keinem Genossen, verlasset euch nicht auf den Vertrauten; vor der, die in deinem Schooße liegt, wahre die Pforten deines Mundes.
J. J. HirschGlaubet keinem Freunde, vertrauet keinem Führer, vor der Gattin an deinem Busen hüte die Pforten deines Mundes.
6
כִּי־בֵן֙ מְנַבֵּ֣ל אָ֔ב בַּ֚ת קָמָ֣ה בְאִמָּ֔הּ כַּלָּ֖ה בַּחֲמֹתָ֑הּ אֹיְבֵ֥י אִ֖ישׁ אַנְשֵׁ֥י בֵיתֽוֹ׃
BernfeldDenn der Sohn schimpft den Vater, die Tochter empört sich wider ihre Mutter, die Schnur wider ihre Schwieger, die Feinde des Mannes sind seine eigenen Hausleute.
ZunzDenn der Sohn schimpft den Vater, die Tochter steht auf wider ihre Mutter, die Schnur wider ihre Schwieger, die Feinde des Mannes sind seine Hausleute.
J. J. HirschDenn der Sohn behandelt nichtswürdig den Vater, die Tochter steht auf wider ihre Mutter, die Schwiegertochter wider ihre Schwiegermutter — des Mannes Feinde sind die eigenen Hausgenossen!
7
וַֽאֲנִי֙ בַּיהֹוָ֣ה אֲצַפֶּ֔ה אוֹחִ֖ילָה לֵאלֹהֵ֣י יִשְׁעִ֑י יִשְׁמָעֵ֖נִי אֱלֹהָֽי׃
BernfeldIch aber will auf den Herrn hoffen, ich will harren auf den Gott meines Heils, erhören wird mich mein Gott.
ZunzIch aber will auf den Ewigen schauen, ich will harren auf den Gott meines Heils, erhören wird mich mein Gott.
J. J. HirschIch aber, von Gott getragen, schaue ich aus, harre ich sehnend auf den Gott meines Heiles — erhören wird mich mein Gott.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. Während jene verstört und gebrochen sind, und nach menschlichem Urteil aus dem eben geschilderten Zustande vollständiger Entartung eine Erhebung ausgeschlossen erscheint, blicke ich, spricht der Prophet aus des idealen Israels Seele, von Gott getragen, auch über diese trübe Zeit in eine lichte Zukunft. אֲצַפֶּה, ich bin ja auch einer der oben genannten „deiner Harrenden“, „nach dir Ausschauenden“. Ich weiß es, erhören wird mich mein Gott, „mein“: in dessen Dienst ich stehe. אוֹחִילָה: das optative ה verstärkt den Ausdruck des Harrens zu sehnsüchtigem Harren.

8
אַֽל־תִּשְׂמְחִ֤י אֹיַ֙בְתִּי֙ לִ֔י כִּ֥י נָפַ֖לְתִּי קָ֑מְתִּי כִּֽי־אֵשֵׁ֣ב בַּחֹ֔שֶׁךְ יְהֹוָ֖ה א֥וֹר לִֽי׃ {פ}
BernfeldFrohlocke nicht, meine Feindin, über mich! Bin ich auch gefallen, so stehe ich wieder auf; sitze ich auch im Finstern, der Herr wir wird Licht sein.
ZunzFrohlocke nicht, meine Feindin, über mich! Bin ich auch gefallen, ich stehe auf sitze ich auch im Finstern, der Ewige wird mir Licht seyn.
J. J. HirschFreue dich nicht, meine Feindin, über mich! denn ich bin gefallen? Ich bin erstanden! Wenn ich auch in Finsternis weilen werde, so ist Gott mir Licht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8—11. Freue dich nicht über mich, du meine Feindin! Du glaubst, ich sei gefallen? Nein, ich bin erstanden. Mein Sturz ist meine Rettung, das Exil der Anfang meiner Auferstehung. Wenn ich gleich lange bange Zeiten werde in Finsternis weilen müssen, in die der Feinde Haß mich bannet: nicht dunkel wird mir die Finsternis sein, denn mein Gott, den ich im Sonnenscheine des Glückes verließ, er wird dort mir zum Lichte. Denn es ist ja freilich wahr, spricht Israel zu seinen triumphierenden Feinden, ich habe den Zorn Gottes zu tragen, denn ich habe gegen Ihn gefehlt. Allein auch die Zeit des Leides hat ihre Grenze; sie dauert nur so lange, bis sie ihr Läuterungswerk an mir vollbracht hat, und er dann wieder für mich kämpfen und das für mich schaffen wird, was dann mein Recht sein wird. Wieder hinausführen wird er mich ans Licht, und wie solange seine strafende und erziehende Gerechtigkeit, so werde ich dann seine Gnade schauen. Das wird dann meine „Feindin“ — d. i. alle mir Feindlichen, die hier collectiv als eine Gemeinschaft gedacht sind — sehen und Scham wird sie umhüllen, die jetzt zu mir spricht: Wo ist denn Gott, in dessen Dienst du angeblich stehst und auf dessen vermeintlichen Schutz und Beistand du hoffest? Alles, was Israel in den Jahrtausenden höhnenden Druckes vom Hasse seiner Feinde zu erdulden hatte, ist in diesen Worten vorausverkündet. Dann aber, spricht Israel, werde ich nicht mehr schuldbewußt die Augen niederzuschlagen haben, dann werden meine Augen im beseligenden Bewußtsein der wiedergewonnenen Gottesnähe auf meine haßerfüllte, machtstolze frevelnde Feindin hinschauen, die dann ihrerseits vom wohlverdienten Geschicke ereilt wird. Der Tag aber, der dann etwa bestimmt wäre, deine, der Feindin Mauern wieder aufzubauen, der Tag wird sehr, sehr fern sein. Das hinzugefügte חק ist die Reduplication von רָחַק. Möglich auch, daß חק hier als selbständiges Wort steht, in der Bedeutung des Festgesetzten, unwandelbar Bestimmten. Dann wäre der Sinn: dieser Tag bleibt unwandelbar fern.

V. 12 f. Während jener Tag in endlose Ferne hinausgerückt ist, kommt mit aller Bestimmtheit ein Tag, an dem die Menschheit sich dir zuwendet, zu dir kommt. Der in dieser zweiten Person Angeredete kann entweder Israel, das aus der Finsternis ins Licht geführte sein, das nach seiner Läuterung dann als Gottesvolk und Menschheitspriester dasteht — dann spräche Micha hier als Prophet in seiner Einzelpersönlichkeit zu Israel. Oder die zweite Person der Anrede bezieht sich auf Gott, an den sich ja offenbar der Vers 14 wendet. יָבוֹא ist unpersönlich und bezieht sich auf den edleren Teil der bisher feindlichen Menschheit, der durch die auch über sie, wie V. 10 verkündet ist und V. 13 wiederholt wird, hereingebrochenen Verhängnisse geläutert worden ist. Diese Verhängnisse werden sich über die ganze Erde erstrecken, die „über ihre Bewohner“, d. i. wegen ihrer Bewohner zur Oede geworden sein wird, „wegen der Frucht“, d. i als gottgefügte Folge ihrer bösen Thaten. Dieser allumfassende Überblick über die ganze Erde, von der dann die Menschen zum Gottesvolke und zu Gott strömen werden (vergl. oben 4, 1 f.) nennt zuerst vereinzelnd in der gehobenen Sprache des Fernblicks die nach Meeren und Gebirgen gesonderten Wohnsitze der Menschen. Er überschaut zuerst in einem Blicke Aschur und Ägypten, die damals blühendsten Culturländer, sodann geht der Blick von Mazor, dem poetischen Namen Ägyptens, gen Osten zum Euphrat, um sich sodann von Meer zu Meer und von Berg zu Berg zum alles umfassenden Rundblicke zu erweitern. Das folgende וְהָאָרֶץ stellt sich dann mit Ausnahme Palästinas als das Gebiet, oder auch als das Ergebnis dieses Rundblickes dar. „Von allüberall her kommen die Menschen“, denn die Erde ist ihnen zur Öde geworden, und sie sind dadurch zur Erkenntnis gekommen, wo allein der Quell ihres Heiles sei. — מִנִּי poetische Form für מִן. Das vorgesetzte ל lenkt den Blick in die weiten Fernen, woher die Völker kommen. Eigenartig wirkungsvoll ist die Auslassung des עַד und die Umlenkung des Blickes im letzten Satzgliede. — Möglich auch, daß in dem עַל יֹשְׁבֶיהָ „über ihre Bewohner“ nicht der Grund, sondern die Folge, die Wirkung der Öde, das die Menschen ob der Öde überkommende Grauen gezeichnet ist, also: „gegen ihre Bewohner“, da die Ursache der Verödung schon in den Worten: „wegen der Frucht ihrer Thaten“ ausgedrückt ist.

9
זַ֤עַף יְהֹוָה֙ אֶשָּׂ֔א כִּ֥י חָטָ֖אתִי ל֑וֹ עַד֩ אֲשֶׁ֨ר יָרִ֤יב רִיבִי֙ וְעָשָׂ֣ה מִשְׁפָּטִ֔י יוֹצִיאֵ֣נִי לָא֔וֹר אֶרְאֶ֖ה בְּצִדְקָתֽוֹ׃
BernfeldDen Zorn des Herrn muss ich tragen, denn gesündigt hab’ ich gegen ihn; bis dass er meine Streitsache führt und mir Recht schafft, mich herausführt zum Lichte, dass ich seine Gnade schaue.
ZunzDen Zorn des Ewigen will ich tragen, denn gesündigt hab' ich gegen ihn; bis daß er meine Streitsache führt und mir Recht schafft, mich herausführt zum Licht, ich seine Gnade schaue.
J. J. HirschDen Zorn Gottes habe ich zu tragen, denn ich habe gegen ihn gefehlt — bis er wieder streiten wird meinen Streit und schaffen wird mein Recht, mich herausführen wird ans Licht und ich dann schauen werde seine Gnade!
10
וְתֵרֶ֤א אֹיַ֙בְתִּי֙ וּתְכַסֶּ֣הָ בוּשָׁ֔ה הָאֹמְרָ֣ה אֵלַ֔י אַיּ֖וֹ יְהֹוָ֣ה אֱלֹהָ֑יִךְ עֵינַי֙ תִּרְאֶ֣ינָּה בָּ֔הּ עַתָּ֛ה תִּהְיֶ֥ה לְמִרְמָ֖ס כְּטִ֥יט חוּצֽוֹת׃
BernfeldMeine Feindin wird es dann sehen, und Schande wird sie bedecken, jene, die zu mir spricht: Wo ist er, der Herr, dein Gott? Meine Augen werden sich weiden an ihr; dann wird sie zertreten wie Gassenkot.
ZunzUnd meine Feindin wird es sehen, und Schande wird sie bedecken, die zu mir spricht: Wo ist er, der Ewige, dein Gott? Meine Augen werden sich weiden an ihr; dann wird sie zertreten wie Gassenkoth.
J. J. HirschDas wird dann meine Feindin sehen, und Scham wird sie bedecken, die [stets] zu mir spricht: Wo ist denn Gott dein Gott? Meine Augen werden auf sie hinschauen, nun wird sie zur Zertretung werden wie der Schmutz der Gassen.
11
י֖וֹם לִבְנ֣וֹת גְּדֵרָ֑יִךְ י֥וֹם הַה֖וּא יִרְחַק־חֹֽק׃
BernfeldEs kommt der Tag, aufzubauen deine Mauern, wenn dieser Tag auch noch fern ist!
ZunzEin Tag (kommt), aufzubauen deine Mauern; dieser Tag ist fern, fern!
J. J. HirschDer Tag aber, deine Mauern wieder aufzubauen, jener Tag wird sehr fern sein.
12
י֥וֹם הוּא֙ וְעָדֶ֣יךָ יָב֔וֹא לְמִנִּ֥י אַשּׁ֖וּר וְעָרֵ֣י מָצ֑וֹר וּלְמִנִּ֤י מָצוֹר֙ וְעַד־נָהָ֔ר וְיָ֥ם מִיָּ֖ם וְהַ֥ר הָהָֽר׃
BernfeldEin Tag ist es, dass zu dir kommen die von Assyrien und von den Städten Mazors [Ägypten], und die von Mazor, wie die vom Strome, von Meer zu Meer und von Berg zu Berg.
ZunzEin Tag ist es, daß zu dir kommen so die von Aschur und von den Städten Mazor's, und so die von Mazor, wie die vom Strome, von Meer zu Meer und von Berg zu Berg.
J. J. HirschAber es giebt einen Tag, da wird man zu dir kommen, von Aschur und den Städten Mazors, und von Mazor bis zum Strome und bis zum Meere vom Meere und von Berg zu Berg.
13
וְהָיְתָ֥ה הָאָ֛רֶץ לִשְׁמָמָ֖ה עַל־יֹשְׁבֶ֑יהָ מִפְּרִ֖י מַעַלְלֵיהֶֽם׃ {פ}
BernfeldUnd das Land wird eine Öde sein für dessen Bewohner, von der Frucht ihrer Handlungen. —
ZunzUnd das Land wird eine Oede seyn für dessen Bewohner, ob der Frucht ihrer Handlungen. —
J. J. HirschDie Erde muß zur Öde werden über ihre Bewohner, wegen der Frucht ihrer Thaten.
14
רְעֵ֧ה עַמְּךָ֣ בְשִׁבְטֶ֗ךָ צֹ֚אן נַחֲלָתֶ֔ךָ שֹׁכְנִ֣י לְבָדָ֔ד יַ֖עַר בְּת֣וֹךְ כַּרְמֶ֑ל יִרְע֥וּ בָשָׁ֛ן וְגִלְעָ֖ד כִּימֵ֥י עוֹלָֽם׃
BernfeldWeide dein Volk mit deinem Stabe, die Herde deines Eigentums, die gesondert wohnen im Walde mitten auf Karmel, dass sie weiden in Basan und Gilead, wie in den Tagen der Vorzeit.
ZunzWeide dein Volk mit deinem Stabe, die Heerde deines Eigenthums, die gesondert wohnende, im Walde mitten auf Karmel; daß sie weiden in Baschan und Gilead, wie in den alten Tagen.
J. J. HirschWeide dein Volk mit deinem Stabe, die Herde deines Erbes! Sie weilt ja vereinsamt, wie Wald inmitten der fruchtbaren Au! Mögen sie [wieder] weiden auf Baschan und Gilead wie in den Tagen früher Vergangenheit!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. Nachdem die ferne Zukunft sich seinem Blicke erschlossen hat, richtet der Prophet nun das Gebet an den Hirten Israels um Herbeiführung dieser Zeit und um erziehende Führung Israels zu diesem Ziele. Weide dein Volk mit deinem erziehenden Stabe — שֵׁבֶט ist auch die Erziehung durch Leid — es ist ja die Herde deines Erbes, die Menschenfamilie, die zuerst in weitem Völkerkreise wieder dir zugefallen ist, sich deiner Führung unterstellt hat. „Wald inmitten des urbar gemachten Landes“, der fruchtbaren Flur, ist stets das Bild des in der Cultur Zurückgebliebenen: die äußere Erscheinung des isolirten Israel im Exile inmitten der Völker. יִרְעוּ וגו': mögen sie doch wieder zurückkehren auf den Boden ihrer Bestimmung und unter deiner Leitung dort ihres Glückes froh werden! — Baschan und Gilead werden, jenes im Hinblick auf Deut. 32, 14 und Amos 4, 1 und dieses auf Num. 32, 1, als weidereiche Triften genannt.

15
כִּימֵ֥י צֵאתְךָ֖ מֵאֶ֣רֶץ מִצְרָ֑יִם אַרְאֶ֖נּוּ נִפְלָאֽוֹת׃
BernfeldWie in den Tagen deines Auszuges aus Ägypten werde ich dich Wunder sehen lassen.
ZunzWie in den Tagen deines Auszuges aus dem Lande Mizrajim werde ich es Wunder sehen lassen.
J. J. Hirsch„Wie in den Tagen, da du aus Mizrajim zogst, werde ich es Wunder erleben lassen.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15—17. Vers 15 enthält Gottes erhörende Antwort auf das Gebet des Propheten. Wie einst die Erstehung Israels zum Volke, so werde auch die Erlösung aus dem Exile unter sichtbaren, der Welt ihren Herren zeigenden Allmachtsthaten Gottes sich vollziehen. Durch sie werden (V. 16) die Völker die ganze Jämmerlichkeit dessen erkennen, was sie bisher als ihre Ruhmesherrlichkeit, als ihre Heldengröße verehrt haben, sie werden sprachlos, werden betäubt, werden ob der ihnen aufgehenden Hoheit Gottes überwältigt in den Staub sinken. Aus diesem Zustande der Zerknirschung, der Selbsterkenntnis und der tiefen Reue erblüht auch ihnen die Reife für die Erlösung. Zagende Hoffnung erwacht und die Sehnsucht nach dem Vater, zagend wagen sie sich aus den Schlössern, den Burgen ihrer Macht heraus und, voll Angst ihn zu verlieren, eilen sie sehnsüchtig der verzeihenden Liebe unseres Gottes entgegen, der ja ein Gott der Liebe ist, wörtlich: der stets und gern bereit ist, neues Sein und neues Leben zu gewähren. פָּחַד אֶל heißt ja: voller Angst sein um jemanden, fürchten ihn zu verlieren oder von ihm verlassen zu werden. Der Gegensatz davon ist פָּחַד מ־. Hier ist nach dem Zusammenhange mit dem Herauskommen zugleich das in tiefer Erregung sich vollziehende Hineilen zu Gott ausgesprochen. Die zweite Person: מִמְּךָ könnte sich ja im Anschluß an das Vorhergehende auf Israel beziehen, das im vorhergehendem Verse das Angeredete war. Es wäre damit die gänzliche Umwandlung des bisher gegen Israel gehegten Gefühles gezeichnet, die Verehrung des selbst zur Höhe seiner Bestimmung geläuterten und nun als Menschheitspriester erkannten und verehrten Israel. Es wäre dann mit diesen Worten der Abschluß der jüdischen Geschichte gezeichnet. Vergl. Jes. 49, 23. Möglich jedoch ist es, daß mit diesen Worten sich der Prophet verehrend zu Gott wendet, an den ja auch die huldigenden anbetenden Worte der nächsten Verse gerichtet sind, die den Abschluß des durch Micha an Israel gerichteten Prophetenwortes bilden.

16
יִרְא֤וּ גוֹיִם֙ וְיֵבֹ֔שׁוּ מִכֹּ֖ל גְּבוּרָתָ֑ם יָשִׂ֤ימוּ יָד֙ עַל־פֶּ֔ה אׇזְנֵיהֶ֖ם תֶּחֱרַֽשְׁנָה׃
BernfeldEs werden es Völker sehen und zu Schanden werden mit all ihrer Stärke, sie werden die Hand auf den Mund legen, ihre Ohren werden betäubt sein.
ZunzEs werden es Völker sehen und zu Schanden werden mit all ihrer Stärke, sie werden die Hand auf den Mund legen, ihre Ohren werden betäubt seyn.
J. J. HirschSehen werden es die Völker und beschämt werden ob aller ihrer Heldenstärke, sie werden die Hand auf den Mund drücken, ihre Ohren werden taub werden.
17
יְלַחֲכ֤וּ עָפָר֙ כַּנָּחָ֔שׁ כְּזֹחֲלֵ֣י אֶ֔רֶץ יִרְגְּז֖וּ מִמִּסְגְּרֹֽתֵיהֶ֑ם אֶל־יְהֹוָ֤ה אֱלֹהֵ֙ינוּ֙ יִפְחָ֔דוּ וְיִֽרְא֖וּ מִמֶּֽךָּ׃
BernfeldSie werden wie die Schlangen Staub lecken, wie das Gewürm des Bodens, sie beben aus ihren Schlössern, zum Herrn unserm Gott eilen sie erschrocken und fürchten sich vor dir. —
ZunzSie werden Staub lecken den Schlangen gleich, wie das Gewürm des Bodens, sie beben aus ihren Schlössern, zum Ewigen unserm Gott eilen sie erschrocken, und fürchten sich vor dir. —
J. J. HirschLecken werden sie Staub wie die auf der Erde Kriechenden, zagend werden sie aus ihren Burgen kommen, zu Gott unserem Gotte werden sie bebend hineilen und werden vor dir sich fürchten.
Haftarah Wajelech (Schabbat zwischen Rosch haSchanah und Jom Kippur) Zusatz: Sefardim, Italiener, Romanioten und Chabad lesen ab hier.
Haftarah Minchah am 9. Aw und an Fasttagen Zusatz: Sefardim lesen ab hier.
Haftarah Jom Kippur, Minchah Zusatz: Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten, Italiener und Karäer lesen ab hier.
18
מִי־אֵ֣ל כָּמ֗וֹךָ נֹשֵׂ֤א עָוֺן֙ וְעֹבֵ֣ר עַל־פֶּ֔שַׁע לִשְׁאֵרִ֖ית נַחֲלָת֑וֹ לֹֽא־הֶחֱזִ֤יק לָעַד֙ אַפּ֔וֹ כִּֽי־חָפֵ֥ץ חֶ֖סֶד הֽוּא׃
BernfeldWer ist ein Gott wie du? Der Missetat vergibt und den Abfall nachsieht dem Rest seines Eigentums. Nicht für immer hält er seinen Zorn an, denn er will Gnade üben.
ZunzWer ist ein Gott wie du? der Missethat vergiebt und den Abfall übersieht dem Ueberrest seines Eigenthums. Nicht für immer hält er seinen Zorn an, denn an Gnade hat er Gefallen.
J. J. HirschWer, Allmächtiger, ist wie du! der Krümme verzeihet und [selbst] über Abfall hinwegschreitet dem Überreste seines Erbes! Nicht für immer hält er seinen Zorn, denn an Liebe hat er seine Freude.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18—20. Micha hatte das ganze große Erziehungswerk, das Gott an seinem Volke vollbringt, (V. 14) in prophetischem Fernblick überschaut; auf die letzte Vollendung hinausschauend, kehrt sein Blick zum Anfang der Gottesführung zurück. An Moses, des Gottesboten, Stelle schaute er (V. 14) Gott selbst mit seinem Hirtenstabe sein Volk lenkend, die Worte נֹשֵׂא עָוֹן וְעֹבֵר עַל פֶּשַׁע (V. 18) klingen unmittelbar an Ex. 34, 7 an, צֹאן נַחֲלָתְךָ an ונְחַלְתָּנוּ das. V. 9. Im Hinblick auf die einstige Erlösung, auf die V. 15 ausdrücklich als Parallele hingewiesen wird, bricht er in dieselben Worte aus, mit denen einst bei der Erlösung aus Ägypten, nach der wunderbaren Rettung vor dem verfolgenden pharaonischen Heere und nach dessen Vernichtung in den Fluten des Schilfmeeres, Moses und Israel die Machteinzigkeit Gottes gepriesen hatten. In den Worten מִי אֵל כָּמוֹךָ tönt der Jubelgesang am Meere nach: מִי כָמֹכָה בָּאֵלִם (Ex. 15, 11), nur daß dieselbe göttliche Allmacht, die sich dort in der Herrschaft über die Natur und in der strafenden und rettenden Allmachtswaltung offenbarte, hier in der liebenden Erziehung seines Volkes geschaut wird. לֹא הֶחֱזִיק וגו': er hatte von vornherein nicht für immer, wörtlich: „seinen Zorn erfaßt“ d. h. sein Zürnen eintreten lassen, das Zürnen selbst war ja nur eine Äußerung der Liebe, es sollte nur die Ursachen des Zornes beseitigen (Vergl. לְהָשִׁיב בְּחֵמָה אַפּוֹ Jes. 66, 15), denn: er „findet seinen Willen“ nur in der Liebe. Nur die erste Vershälfte ist an Gott gerichtet, die zweite führt den Gedanken weiter aus, indem sie von Gott spricht. Darin fährt auch 19a fort, während 19b und 20 sich wieder an Gott wenden. יָשׁוּב יְרַחֲמֵנוּ entweder adverbial: er wird sich wieder unser erbarmen, oder, wie wir es übersetzt haben: nachdem er im Zürnen sich von uns gewandt, von uns entfernt hatte, wird er „wiederkehren“, d. i. sich wieder uns zuwenden, dies selbst ist ein Ausfluß seines Vatererbarmens, was ja רַחַם bedeutet, die dem innigsten Verwandtschaftsgefühl entquillende Liebe. כָּבַשׁ niedertreten, bezwingen: er wird unsere Sünden „niedertreten“, d. h. er wird uns die Kraft geben, über unsere Sünden Herr zu werden, und wird uns vor ihren weiterwirkenden Folgen schützen. Dieses Aufheben der inneren und äußeren Folgen der Sünde wird sonst durch כַּפֶּר ausgedrückt. Hier wird das Bild des völligen Bezwingens noch weiter ausgeführt durch das „Versenken in dunkle Meerestiefen“ (מְצוּלָה von צֻל), offenbar im Anklang an Ex. 15, 5, 10. Durch diese Parallele mit dem dort geschilderten Untergange der äußeren Feinde treten die Ausdrücke יִכְבּוֹשׁ וגו' und תַּשְׁלִיךְ וגו' erst in das rechte Licht. Mit der Wunderallmacht deiner Gnade „versenkest du in Meerestiefen alle Thaten ihres Leichtsinns“, bewirkest, daß sie „spurlos“, ohne weitere trübe Folgen für das äußere und das innere Leben deines „dir zufallenden Erbes“ Israel verschwinden. Die Worte: תִּתֵּן אֱמֶת לְיַעֲקֹב gedenken der Gen. 28, 14, 15 Jakob gegebenen Verheißung, auf deren Erfüllung an seinen Kindern, dem „Exilesvolke“, dem „Jakobsvolke“, dem isolierten, gemiedenen, „wie Wald inmitten der Flur“ erscheinenden, im Vorhergehenden stets hingeblickt ward. Dem: „Siehe, ich bin mit dir, ich behüte dich überall wo du gehest“ (das.) entspricht hier: „Weide dein Volk mit deinem Stabe!“ Dem: „Ich werde dich nicht verlassen, bis daß ich vollbracht habe, was ich dir verheißen“ — entspricht der ganze Inhalt des V. 19. Wenn wir uns der Erfüllung dieser in den Worten תִּתֵּן אֱמֶת לְיַעֲקֹב begriffenen Verheißung würdig gemacht haben werden, dann wird auch der Abrahams-Segen sich an uns verwirklichen, auf den in den Worten: חֶסֶד לְאַבְרָהָם hingeblickt wird. Dieser Segen ist Gen. 12, 2 f. 12, 17 f. ausgesprochen. Zu den Worten: וְיִרְאוּ מִמֶּךָּ V. 16 vergl. Gen. 22, 2 und 3, insbesondere: וַאֲבָרְכָה מְבָרְכֶיךָ וּמְקַלֶּלְךָ אָאֹר. Die Einheitlichkeit des Gotteswortes und die Einheit des Gottesplanes ist das Gepräge, welches allen Blättern des Gotteswortes von dem ersten Worte der Genesis bis zum letzten Prophetenworte aufgedrückt ist.

19
יָשׁ֣וּב יְרַחֲמֵ֔נוּ יִכְבֹּ֖שׁ עֲוֺנֹתֵ֑ינוּ וְתַשְׁלִ֛יךְ בִּמְצֻל֥וֹת יָ֖ם כׇּל־חַטֹּאותָֽם׃
BernfeldWiederum wird er sich unser erbarmen und unsere Schuld unterdrücken; in die Tiefen des Meeres wirst du all ihre Sünden werfen.
ZunzWiederum wird er sich unser erbarmen, wird unterdrücken unsere Schuld; ja du wirst in die Tiefen des Meeres werfen all ihre Sünden.
J. J. HirschEr wird wiederkehren, er wird sich unser erbarmen, wird für uns bezwingen unsere Krümmen, und in Meerestiefen wirst du alle Thaten ihres Leichtsinns versenken.
20
תִּתֵּ֤ן אֱמֶת֙ לְיַֽעֲקֹ֔ב חֶ֖סֶד לְאַבְרָהָ֑ם אֲשֶׁר־נִשְׁבַּ֥עְתָּ לַאֲבֹתֵ֖ינוּ מִ֥ימֵי קֶֽדֶם׃
BernfeldDu wirst Treue erweisen Jakob, Gnade Abraham, wie du es geschworen hast unseren Vätern seit den Tagen der Urzeit.
ZunzDu wirst Treue erweisen Jaakob, Huld Abraham, wie du geschworen unsern Vätern seit den Tagen der Urzeit.
J. J. HirschDu wirst Jakob die Treue und Abraham die Liebe gewähren, die du unseren Vätern zugeschworen hast seit den Tagen der Vorzeit.
Haftarah Wajelech (Schabbat zwischen Rosch haSchanah und Jom Kippur) Ende des Zusatzes (Sefardim, Italiener, Romanioten und Chabad).
Haftarah Minchah am 9. Aw und an Fasttagen Ende des Zusatzes (Sefardim).
Haftarah Jom Kippur, Minchah Ende des Zusatzes (Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten, Italiener und Karäer).