Jonah יונה

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Einleitung von Julius Jehuda Hirsch

Jona

Über Person und Zeit des Propheten siehe zu V. 1.

Kaum einen anderen Propheten dürfte es geben, dessen Worte einen so unmittelbaren, so tiefen Eindruck auf jedes Menschengemüt zu machen geeignet sind, wie die Jonas. Betreffen sie doch die höchsten und heiligsten Anliegen eines jeden Menschenherzens. Die Möglichkeit der Erhebung aus der Sünde, der Aufkehr aus der Gesunkenheit, der Wiedergewinnung der Gottesgnade, wo sie durch Thorheit, Leichtsinn und Verblendung verscherzt war, die Vergegenwärtigung der Thatsache der sittlichen Freiheit, der Macht und des Wesens der Theschuba, der Rückkehr des aus tiefster Gesunkenheit zu seinem Gotte sich emporringenden Menschen — sie bilden ja den Kerngedanken des herrlichen Prophetenwortes.

Er hatte der gewaltigen Ninive, der glänzenden Hauptstadt des weltherrschenden Assyrerreiches, wegen ihrer Missethaten den Untergang verkündet. Die Worte des fremden Propheten, der im Namen des unsichtbaren Gottes gesprochen, hatten in den Herzen des götzendienenden Volkes tiefe Erregung erzeugt. Sie waren in sich gegangen, hatten Fasten verkündet, und der von dem Volke ausgehenden Bewegung hatte der König, hatten die Großen sich angeschlossen. Der König war von seinem Throne gestiegen, hatte sich seiner Königsgewänder entkleidet und gleichfalls ein härenes Trauergewand angelegt, und der Befehl war im Namen des Königs und der Großen ergangen, daß ein jeglicher fasten und Gott inständig anrufen und „zurückkehren solle von seinem schlechten Wandel und von dem Unrecht, das in seinen Händen.“ — Da heißt es nun nicht, bemerken unsre Weisen: Gott sah, wie sie sich durch Fasten kasteieten und mit ihren härenen Gewändern sich peinigten, auch nicht: wie andächtig sie beteten, sondern: „Gott sah ihre Thaten, daß sie von ihrem schlechten Wandel zurückgekehrt waren, da änderte Gott seinen Entschluß hinsichtlich des ihnen angekündigten Unglückes und führte es nicht aus.“ So ist Besserung das alleinige Wesen der Theschuba, und nur sie erwirkt das Wunder der göttlichen Gnade. Wir haben an einem anderen Orte eingehend darauf hingewiesen^*), wie charakteristisch es ist für die jeder confessionellen Engherzigkeit abholde, wahrhaft freie Universalität des Judentums, daß es götzendienende Heiden sind, deren Besserung uns an unserem יוֹם הַכִּפּוּרִים, dem „Tage der Sühnen“, als Vorbild für die eigene Besserung vor die Seele geführt wird. Nur mit dem Unterschiede, daß die Verzeihung, die ihnen durch die Rückkehr zu den allgemein menschlichen Pflichten zu teil wurde, für uns an die Rückkehr zu dem gesamten Gottesgesetze geknüpft ist.

Doch noch zwei andere Momente sind es, die uns dieses Prophetenwort in einer ergreifenden Eindringlichkeit wie kaum ein anderes vor die Seele führt.

Einmal die Allgegenwart und die alle Wesen und Kräfte als Vollstrecker seines Willens verwendende Vorsehung Gottes. Was dem gedankenlosen Menschen als Spiel der Elemente, als Walten des Zufalls erscheint: so es in den Dienst der Ausführung des Gottesgedankens gestellt ist, ist es planvolle Gottesfügung. Der Sturm auf dem Meere, der dem sich der Gottessendung entziehenden Flüchtling schon vorausgesandt ist (Kap. 1, 4), das wildbrandende wütende Meer, die Gottesfügung, die ihn im Leben erhält in einer Lage, die sonst unrettbar den Tod bringt, die dunkle stille Meerestiefe, die ihn wieder emporschleudert in den Bereich der Meereswogen, der Meeresstrudel, der ihn umkreiset und emporhält, das Seetier, das ihn verschlingt und später ans Land wirft, das Kikajon, das in einer Nacht aufsprosst, ihn im Sonnenbrand zu beschatten, das Insekt, dessen Stich dasselbe Kikajon verdorren macht, der Glutwind aus dem Osten, der Jona verschmachten läßt, — von einigen dieser Fügungen erfahren wir es aus den Worten des Propheten, bei den anderen, so bei dem Sturme auf dem Meere, dem gewaltigen Fische, dem aufsprossenden Kikajon, dem es tötenden Wurme, dem glühenden Ostwind heißt es ausdrücklich: וַה' הֵטִיל, וַיְמַן ה', in viermaliger Wiederholung: Gott bestellte, Gott bestimmte sie.

Und sodann jenes Allerbarmens, jene Liebe, die ein jedes Wesen und sein Gedeihen als ein Werk der Fürsorge des Schöpfers anschaut und diesem wert und teuer sein läßt! „Dich dauert des Kikajons, mit dem du dich nicht abgemüht und das du nicht großgezogen hast — und mich sollte nicht der großen Stadt dauern und all der Kinderseelen in ihr und all des Viehes?“ — Also ist jeder Kreis von Menschen eine „Pflanze“, von der Gott spricht: אֲשֶׁר עָמַלְתִּי בוֹ וַאֲשֶׁר גִּדַּלְתִּי! Das ist die Vaterliebe des Schöpfers, die unverlierbare, die jedem seiner Kinder zugewandte, wie das „Alte Testament“ sie lehrt, jene Liebe, die der Rückkehr der verirrten Kinder harret, die ihnen aus freier sittlicher Energie stets offen steht, weil sie nicht „sündig“, sondern rein und für das Höchste befähigt geboren werden, jene Liebe, die, wenn das ältere Geschlecht gesunken ist, auf die reinen Keime des Guten in der Brust derer hinschaut, die noch nicht „die Rechte und die Linke unterscheiden können“, und schon um der unschuldigen Kinderseelen willen den drohenden Untergang gerne abwendet.

Fußnote: *) Das reine Menschentum im Lichte des Judentums. Frankf. a. M. Kauffmann. 1893. S. 35.

Kap. 1. V. 1. וַיְהִי וגו'. Die Fassung des Verses ohne jegliche Einleitung bezeichnet die Plötzlichkeit der Beauftragung. Nach einer Überlieferung war es während der שמחת בית השואבה, der Zeit der höchsten Nationalfreude im Tempel in Jerusalem. Wir haben von Jona nichts als diese vier Kapitel von seiner Sendung nach Ninive. Sein befremdlicher Versuch, sich dem göttlichen Auftrage zu entziehen, noch mehr seine Haltung gegenüber der Begnadigung Ninives würden uns eine irrige Vorstellung von der Persönlichkeit und Bedeutung dieses Propheten gewinnen lassen, wenn nicht 2 Könige 14, 25 von ihm die Rede wäre. Dort heißt es: הוּא הֵשִׁיב אֶת־גְּבוּל יִשְׂרָאֵל וגו' כִּדְבַר ה' אֱלֹהֵי יִשְׂרָאֵל אֲשֶׁר דִּבֶּר בְּיַד עַבְדּוֹ יוֹנָה בֶן־אֲמִתַּי. „Er, Jerobeam II., stellte das Gebiet Israels wieder her von Chamath bis zum Meer der Wüste, entsprechend dem Worte Gottes, des Gottes Israels, das er durch seinen Diener Jona, den Sohn Amittais, hatte verkünden lassen.“ Daraus ergiebt sich, daß Jona auch anderweitig als Organ des Gotteswortes an Israel gedient hat, wenngleich von seinen Worten uns nichts aufbewahrt worden ist. Sodann aber wird von ihm mit den Worten „durch seinen Diener“ das Höchste ausgesprochen, das nur von einem Menschen gesagt werden kann. Wir sind daher berechtigt, in dieser Sendung nach Ninive das erste an Jona gerichtete Gotteswort zu erblicken. Bedenken wir ferner, daß nach jüdischer Lehre der Geist Gottes nicht auf dem Einfältigen, dem geistig und sittlich Unentwickelten ruht, daß vielmehr die höchsten geistigen und sittlichen Errungenschaften den Mann erst würdig machen, um zum Gottespropheten erwählt zu werden, so kann es uns nicht Wunder nehmen, wenn uns hier gezeigt wird, wie sich Gott einen geistig schon hochstehenden Mann zum Propheten erzieht. Diese ganze Erzählung bildet den Anfang seiner Sendung und stellt sich in Bezug auf Jona als seine Erziehung zum Propheten dar.

Jona wollte sich der Sendung entziehen. Aus Kap. 4, 2 erfahren wir den Grund. Er fürchtete, sein Auftrag werde, wie es auch nachher der Fall war, auf eine unbedingte Ankündigung des bevorstehenden Unterganges lauten. Nicht mit einer Drohung für den Fall des Verharrens in der Sünde, sondern mit einer positiven Ankündigung des Unterganges, als eines unabwendbaren, bereits gefällten Gottesurteils wurde er hingesandt. Jona, auf dem Boden der göttlichen Offenbarung stehend, war ja keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß durch Rückkehr der verirrten Menschen auch das unbedingt angekündigte Unglück von ihnen abgewendet werden würde. Er kannte aber auch die Menschen hinlänglich, um auch darüber nicht im Zweifel zu sein, daß, sobald die Sorge geschwunden, er in ihren Augen als Lügner dastehen und ein Gegenstand ihrer Verfolgung sein würde. Der wahre Gottesprophet darf allerdings keinen Augenblick anstehen, zum Heile der Menschenbrüder im Auftrage Gottes jedes Martyrium auf sich zu nehmen, er darf auch vor dem Opfer seiner Ehre nicht zurückschrecken. Die Höhe hatte Jona noch nicht erreicht. Deshalb eilte er, den heiligen Boden des Gottesgesetzes zu verlassen, noch bevor ihm der Inhalt seiner Sendung als unmittelbarer Gottesauftrag ausdrücklich mitgeteilt war. Nicht als ob er den wahnwitzigen Gedanken gehabt hätte, Gott entfliehen, sich irgendwie Gottes Macht entziehen zu können. Dann wäre er wahrlich überhaupt nicht einer göttlichen Sendung gewürdigt worden. Es heißt ja auch nicht: מִפְּנֵי ה', was causal wäre, sondern hier zweimal und ebenso V. 10: מִלִּפְנֵי ה', nämlich: weg davon, daß er vor Gott stehe. Es liegt dem der Gedanke zu Grunde, daß die Stufe der Prophetie nur auf dem Boden des heiligen Landes gewonnen wird, das hier לִפְנֵי ה' im engeren Sinne genannt wird, indem man sich mit seinem ganzen Leben in allen seinen Beziehungen im weiteren Umkreise des Heiligtums zur steten Verfügung desselben befinde. Wer einmal der göttlichen Sendung gewürdigt, an den ergeht das Gotteswort überall. Allein erreicht wird die Prophetie nur auf diesem Boden. Deshalb glaubte Jona, durch Verlassen des jüdischen Landes der Entgegennahme der göttlichen Botschaft sich entziehen zu können. Es zeigt sich auch hierin, daß dies der Anfang seiner Sendung war, sonst hätte er gewußt, daß es ebenso unmöglich ist, מִלִּפְנֵי ה' wie מִפְּנֵי ה' zu fliehen.