Nachum נחום
Kapitel
Einleitung von Julius Jehuda Hirsch
Nachum
Über die Person und das Leben des Propheten ist nichts Näheres bekannt, ebensowenig Bestimmtes über die Lage seines Geburtsortes Elkosch. Aus seinem Buche aber kennen wir ihn als einen Heros des prophetischen Wortes, der von Keinem in den Schatten gestellt wird. Die Erhabenheit des Standpunktes, von dem aus er das gewaltige assyrische Weltreich betrachtet, der Schwung seiner Gedanken, die lohende Begeisterung, die Kraft der Diction, das tiefe Erbarmen mit den Elenden und Unterdrückten, der weite Blick, das tiefe Eindringen in das Wesen und die geschichtliche Bedeutung des Reiches, dessen Untergang er zu verkünden hatte, in seine politischen und administrativen Verhältnisse, die unvergleichlich treffenden Bilder, mit denen seine wunderbare gestaltende Phantasie das Erschaute zu veranschaulichen weiß, lassen ihn, trotz der geringen Anzahl der Kapitel, die wir von ihm besitzen, als der Größten einen unter den Großen erkennen und verehren. Herrlicher hat keiner das Wesen der göttlichen Weltwaltung, Gottes Allmacht und Gnade geschildert (1, 2—8), treffender nie ein Bild gezeichnet, wie z. B. das von der herzlosen, brutalen Selbstsucht der die Masse aussaugenden herrschenden Kreise, die er mit untereinander verschlungenen „vollgesogenen“ Dornen vergleicht, im Gegensatz zum leeren Strohhalm, der doch „auch einmal voll war“! (1, 10 siehe das.) Oder wenn er von Ninive sagt, es sei eine prächtige, wohnliche Heimstätte für — Löwen und Löwensippen, wo nur diese unbehelligt und geschützt seien, und ruhig rauben und würgen könnten für „die Löwinnen und die Jungen“. (2, 12 f.) Giebt es eine ergreifendere Schilderung erbarmungsloser Vergewaltigung und aller Greuel der Klassenjustiz? — Oder wenn er Ninive mit einem riesigen, künstlich angelegten See vergleicht, in den das Lebenselement, die Lebenskräfte weiter Länderstrecken künstlich geleitet sind. Die Dämme brechen und die Wasser fließen auseinander, so zerstreuen sich die Völkermassen, die nur durch Zwang zusammengehalten worden waren. Ninive ruft ihnen vergebens nach: Halt! bleibt doch stehen! doch niemand wendet sich auch nur um! (2, 9). Freilich alles nur in markigen Zügen hingeworfen, die Übergänge und Ergänzungen jedoch ergeben sich von selbst.
Tritt uns so die Persönlichkeit des Propheten aus seinem Buche lebendig entgegen, so läßt sich aus demselben auch die Zeit seiner Wirksamkeit wenigstens annähernd abgrenzend bestimmen. Dieselbe fällt jedenfalls in den Zeitraum vor dem Untergange Ninives und nach der 3, 8 ff. erwähnten Eroberung No-Ammons, auf welche als auf etwas Vergangenes exemplificiert wird, also innerhalb der 6 Decennien vor 606.
Das Buch Nachum. Was den Inhalt des Buches Nachum betrifft, so ist dasselbe in hohem Grade charakteristisch für den weltbürgerlichen Charakter der jüdischen Prophetie. Des Druckes, den auch Israel von Ninive zu erdulden gehabt hatte, wird allerdings auch gedacht, sowie des freudigen Aufatmens, mit dem die Kunde von seinem Falle in Juda begrüßt werden würde. (1, 12 f. 2, 1—3). Allein diese Beziehung zu Juda steht durchaus nicht im Vordergrunde, sie wird vielmehr nur gestreift und verschwindet in der Kennzeichnung des Machtmißbrauches, den das assyrische Weltreich von seiner Herrscherstellung gegen alle seiner Gewalt unterworfenen Völker machte und durch den es das Einschreiten des göttlichen Strafgerichtes herausforderte. Die Einkehr und die Besserung, die durch Jonas Ankündigung bewirkt worden war, war nur eine vorübergehende gewesen.
Kap. 1. Nachum beginnt damit, dem macht- und siegestrunkenen Reiche die Majestät des allmächtigen Gottes gegenüber zu stellen, der ein Gott der Liebe ist, der, wenn er auch der Macht des Bösen lange Frist gewährt, doch seine Menschenkinder nicht dauernd unterdrücken läßt, sondern einschreitet als Rächer der verletzten Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Thorheit die Verblendung, die wähnt, seiner Allmacht Trotz bieten zu können, Thorheit die Verblendung, die in den Geschicken der Völker nur das Walten blinden Zufalls wirkend wähnt! „Er kennt sehr wohl die in ihn ihre Zuversicht setzen und wird ihnen ein Quell der Widerstandskraft.“ (V. 1—8). Er kennzeichnet sodann in dem bereits erwähnten Bilde die herzlose Selbstsucht der Machthaber in Ninive, und bezeichnet dieses ganze schlau ersonnene System der Vergewaltigung der Massen als einen „gegen Gott ersonnenen Frevel“, wegen dessen Ninive von dem wohlverdienten Untergange nunmehr rettungslos ereilt werde. Auch Juda wird dadurch von Aschurs Joch befreit, dem Gott „das Grab bereitet, denn es ist zu leicht befunden worden“ (V. 9—14).
Kap. 2 schildert zunächst den Eindruck, den die Kunde von Ninives Fall in Jerusalem machen werde (V. 1), sodann den Gegensatz zwischen der Haltung Jerusalems und derjenigen Ninives im Anblick der herannahenden Gefahr — die ernste Sammlung des ersteren und die übermütige Siegestrunkenheit des letzteren (V. 2—5), während deren die Feinde unbemerkt an die Mauern gelangt und in die Stadt eingedrungen sind. Der Königspalast wankt, der Bann ist gebrochen, die nur durch die Schrecken der Gewalt zusammengehaltenen Heere lösen sich auf, die Völker fliehen ihrer Heimat zu und sind nicht mehr zum Stehen zu bringen (V 6—9). Ninive wird ausgeplündert, seine Großen sind gelähmt, sie zittern, ihre Kniee schlottern — das sind dieselben, die bisher unter dem Prestige der assyrischen Herrschermacht wie Raubtiere gehaust hatten! Ninive war eine Heimstätte nur für Löwen! Nicht seine Zerstörung wird verkündet, sondern die Vernichtung seiner Macht, es wird unschädlich gemacht, vor ihm hat keiner mehr zu zittern.
Im dritten Kapitel wird der Gegensatz zwischen dem äußeren Glanze und der inneren Fäulnis Ninives geschildert, und seine Grausamkeit und Sinnlichkeit als Ursachen seines Unterganges bezeichnet (V. 1—4). Das werde durch den Untergang klar hervortreten und Ninives Entartung und Schicksal so zum warnenden Spiegel werden (V. 5—7). Wegen der von ihm geübten Gewalt werde sein Los nirgends Teilnahme erregen (V. 8). Es wird ja nur von demselben Geschicke getroffen, das es bisher anderen bereitet hatte. Erinnert wird an die Eroberung des mächtigen No-Ammon in Ägypten, das trotz seiner Stärke dem Geschicke der Eroberung und aller damit verbundenen Greuel nicht entgangen war (V. 9—11). Auch die Festungen werden Ninive nichts nützen, sie fallen zuerst, und auch alle Anstrengungen zur Abwendung der Katastrophe sind vergebens (V. 12—14). Sein Untergang war notwendig für das Gedeihen der Völker, denn verderblich wie freßgierige Heuschrecken hat seine nie zu befriedigende Habsucht geschaltet, dadurch hat es sich selbst, wie dies im Bilde näher ausgeführt wird, den Untergang bereitet, der von allen freudig als eine Erlösung begrüßt wird (V. 15—19).