Nachum 2 נחום
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 2. V. 1. Die im letzten Verse des vorigen Kapitels verkündete Vernichtung wird hier im Geiste als bereits vollzogen geschaut. Wie nach Jes. 52, 7 einst am Ziele der Zeiten die Freudenbotschaft vom Anbruch des Gottesreiches nach Jeruschalajim-Zion dringen wird, in derselben Form verkündet Nachum hier die Botschaft von der zeitweiligen Rettung aus der bisher von Ninive drohenden Gefahr. Nicht mehr brauchen die Festeswaller durch Furcht vor feindlicher Invasion sich zurückhalten zu lassen nach Jerusalem hinaufzuziehen, keine Sorge stört mehr die Festesfeier und hindert die Vollziehung der Opfergelübde. Der „Nichtswürdige“ hat sich dem Verhängnisse gegenüber ohnmächtig erwiesen, כָּלָה fem. zum Ausdruck der Schwäche, mit männlicher Vocalisation: so stark er auch schien, er wird gänzlich „ausgerottet“, vernichtet.
V. 2 f. Im Folgenden wird V. 2—6 eine Parallele gezogen zwischen dem Verhalten Jerusalems und demjenigen Ninives in der Stunde der Gefahr. Als einst Aschur wider Jerusalem herangezogen war und: עַל־פָּנַיִךְ, ihm gegenüber lagerte, da galt es ruhig auszuharren, נָצוֹר מְצוּרָה entweder: die Belagerung abzuwarten, sorgsam Ausschau zu halten, um nicht wie Ninive überfallen zu werden, und im Vertrauen auf Gott ruhig das Seinige zu thun und dazu alle Kräfte bis aufs äußerste anzuspannen. Israel war freilich bereits „Jakob“ geworden, aus seiner Machtstellung herabgesunken. Allein — שָׁב ist hier transitiv gebraucht — es wollte Gott noch einmal die Hoheit des bereits gesunkenen Jakob zur Hoheit „Israels“ zurückbringen — dem es bedrohenden Assyrerheere sogar mit offenbarem Einschreiten entgegentreten. Jerusalem war ernst, ruhig, gefaßt in der Stunde der Gefahr. בֹּקְקִים wörtlich: die Ausleerer, vergl. Jes. 24, 1, also: die Plünderer, die feindlichen Heere hatten es bereits wiederholt verheert und geplündert. — Nicht unmöglich wäre es auch, daß unter dem „Hinausschauen auf den Weg“ hier nicht bloß an den militärischen Dienst gedacht ist. דֶּרֶךְ heißt ja auch der Wandel, dann wäre unter diesem eifrigen, prüfenden Beobachten des „Weges“ die ernste Einkehr, die Prüfung des eigenen Wandels, also die Selbstprüfung vor Gott, die Reue und Besserung verstanden, und durch dieses Werk der Läuterung wäre dann der Mut und die Kraft zu solcher Mächtigkeit gesteigert worden. Vergl. Jes. 7, 4, wo dem zagenden Könige Achas im Angesichte der von Aram drohenden Gefahr gesagt wird: הִשָּׁמֵר וְהַשְׁקֵט, „nimm dich selbst in Hut und sei ruhig!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. In scharfem Gegensatze zu dem Ernste und der Sammlung Jerusalems in der Stunde der Gefahr steht der siegestrunkene Übermut Ninives, da ihm der Tag des Verhängnisses gekommen. Es triumphiert vor dem Siege. Die Stadt bietet das Bild einer glänzenden militärischen Siegesfeier „am Tage der Bereitmachung“. Gülden erglänzen die Schilde, in Purpur gehüllt die Kriegesmannen, im Fackelschein leuchten oder: wie in Flammen glänzen die Wagen, wohl von dem glänzenden Metall, und „alles Holzwerk an ihnen ist verhüllt“, wohl von Schmuck und Gewinden. Das Suffix in גִּבֹּרָיו bezieht sich auf den König von Ninive, der auch das Subject von יִזְכֹּר V. 6 ist. מְאָדָּם gerötet, wohl von dem glänzend polierten Kupfer. מְתֻלָּעִים denom. von תּוֹלָע, Wurm, insbesondere der Coccus oder Kermeswurm in Karmesin gekleidet. פְּלָדֹת nur hier s. v. a. לפידות; zu der Auffassung als Eisen oder Stahl wie im Syrischen und Arabischen paßt nicht gut die Verbindung mit אֵשׁ, es würde dann heißen: im Feuer der Stahlbeschläge glänzen die Wagen. הָרְעָלוּ von רעל Jes. 3, 19 Schleier, תַּרְעֵלָה, Betäubung, von der Verhüllung des Bewußtseins. Hier im concreten Sinne von der Verhüllung des Holzwerks an den festlich dekorierten Kriegswagen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. יִתְהוֹלְלוּ, von הלל leuchten, strahlen, הִלֵּל: die von etwas ausgehenden Strahlen zurückwerfen, in übertragenem Sinne: preisen. הֹלֵל etwas in seinem falschen Glanze erkennen lassen, im Kal: scheinen, äußerlich glänzen ohne inneren Kern, daher thöricht, sinnlos, auch übermütig sein, im Hithp.: sich sinnlos gebärden, stellen, Sam. 21, 14 וַיִּתְהֹלֵל. Da von dem Feuerschein der schimmernden Wagen schon im vorigen Verse die Rede war, so dürfte es hier wie Jer. 46, 9, entsprechend dem בְּשִׁגָּעוֹן יִנְהָג 2 Kön. 9, 20, als unsinniges, rasend schnelles Fahren zu begreifen sein. Das Bild wird weiter ausgeführt durch יִשְׁתַּקְשְׁקוּן von שקק streben, laufen, wie Joel 2, 9, der Hithpael fügt die Nüance des sich Überstürzens, Überrennens hinzu. מַרְאֵיהֶן, das weibl. Suffix bezieht sich entweder auf חוּצוֹת und רְחֹבוֹת, die Straßen und freien Plätze; da von dem folgenden יְרוֹצֲצוּ offenbar הָרֶכֶב Subject ist, so wäre מַרְאֵיהֶן כַּלַּפִּידִם als Relativsatz zu fassen: „die von den glänzenden Wagen und von deren waffenblitzenden Bemannung wie in Fackelschein leuchten.“ Der Accent spricht jedoch dafür, מַרְאֵיהֶן auf רֶכֶב und die weibliche Form auf den Gesamteindruck der Wagen und der Krieger zu beziehen. יְרוֹצֲצוּ von רוץ, der Piel zur Verstärkung: mit Blitzesschnelle jagen sie dahin.
V. 6 f. Subject von יִזְכֹּר ist der König. Er gedenkt, überdenkt seine Helden, blickt musternd und zuversichtlich auf sie hin — die aber straucheln, kommen zu Falle auf ihrem Marsche. Das den Plural andeutende ו in dem Keri des Sing. הֲלִיכוֹתָם dürfte die Nüance der Verwirrung bezeichnen, die die aufeinander stoßenden, sich überstürzenden Wagen und Truppen sich gegenseitig bereiten. Alles stürzt der Mauer zu, doch zu spät, bereits ist das Schirmdach angesetzt, d. i. an die Mauer herangebracht, unter dessen Schutz die Feinde mit ihren Belagerungsmaschinen, den Sturmböcken, bereits daran arbeiten, Bresche in die Mauer zu legen. סֹכֵךְ ein auf Rädern ruhendes bewegliches Schutzdach, das die Angreifer vor den feindlichen Geschossen der Belagerten schützte. Während des vorzeitigen Siegesfestes war den Feinden der Überfall gelungen. Zugleich war es ihnen gelungen, von der Wasserseite aus, dem Tigris, die dort befindlichen Thore zu sprengen. Damit war das Schicksal Ninives besiegelt, oder wie es im Lapidarstyl heißt: „die Wasserthore sind geöffnet, oder öffnen sich, und der Königspalast zerfließt“. Mit Aschurs Herrschaft ist es endgültig aus. Unter הֵיכָל ist der Palast, der Hof, und ganz eigentlich die Gewalt, die Macht verstanden, die Herrschermacht Aschurs.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Subject von וְהֻצַּב ist הֵיכָל. Sie, die Macht und ihre Stützen: das jetzt fliehende Heer sollte noch einmal zum Stehen gebracht werden. Doch umsonst. Ninive ist bereits gefangen, ist bereits so gut wie weggeführt. Das weltgebietende kriegerische Ninive wird bezeichnend sofort weiblich, unter dem Bilde der Königin dargestellt, die von ihren wehklagenden Dienerinnen umgeben widerstandslos in die Gefangenschaft geführt wird. הֻצַּב ist unzweifelhaft Hoph. von נצב und יצב, das im Niph. feststehen und im Hiph. feststellen bedeutet. Hier bezieht es sich, wie aus dem folgenden Verse hervorgeht, auf die sich auflösenden Heeresmassen, die zum Stehen gebracht werden sollen. Vergl. Ps. 78, 13: וַיַּצֶּב־מַיִם כְּמוֹ־נֵד, von den zum Stehen gebrachten Wasserfluten, wie hier von dem Versuche „die zerfließende Herrschermacht“ zum Standhalten zu bringen. מְנַהֲגוֹת: von dem Girren der Tauben, sonst הֶגֶה, im Gegensatz zu der Lautäußerung des starken Raubtiers, vergl. Jes. 59, 11: נֶהֱמֶה כַדֻּבִּים כֻּלָּנוּ וְכַיּוֹנִים הָגֹה נֶהְגֶּה.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. בְּרֵכָה Wasserleitung, ein künstlich gebildetes Reservoir, Teich — ein treffendes Bild der glänzenden Metropole und der Herkunft ihres Glanzes. Die Kräfte aller unterworfenen Völker waren künstlich, d. i. gewaltsam nach der Hauptstadt geleitet worden, wie Ninives die Unterworfenen aussaugende Gewaltherrschaft V. 12 f. und 3, 1 näher geschildert wird. Die Furcht vor Aschurs Macht war das starke Band, das die unterworfenen Völker zu einem Reiche zusammenhielt. In dem Augenblicke, da Ninive wankte, war mit der Furcht auch das einzige Band geschwunden. Wie bei einem Dammbruche die künstlich gestauten Gewässer, so fließen hier die zusammengehaltenen Völker auseinander, wie jene der natürlichen Schwere, so folgen diese dem natürlichen Zuge zur Heimat. Vergebens ruft Ninive ihnen nach, macht ihnen Versprechungen, keiner „wendet um“, nämlich das Gesicht. Über die Etymologie von בְּרֵכָה rad. ברך s. zu Gen. 24, 11. Der stat. constr. מִימֵי ohne Bestimmungswort verallgemeinert die Beziehung: von den Tagen aller Zeiten, nämlich ihres Daseins, d. i. von jeher.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. Der Aufruf verlangt die Vollstreckung des Gottesverhängnisses an dem nunmehr den Feinden verfallenen Ninive. Die zu Unrecht dort aufgehäuften unermeßlichen Schätze werden nach dem Richterspruche durch Gewalt ihr wieder entrissen. כבוד Infin. von כָּבֵד, schwer, gewichtig sein. Hier zur Lebendigkeit der Schilderung: „Alles ist schwerbeladen mit köstlichem Geräte jeglicher Art“.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Die Schilderung wird in derselben Lebendigkeit durch prädikatlose Nomina und zu solchen erhobene Participien und Infinitive fortgesetzt. Ninive wird gänzlich leer gemacht. בּוּקָה von בקק=בוק, vergl. Jes. 24, 1, ausleeren, hier intrans. Der Form nach ist בּוּקָה Inf. Kal wie שׁוּבָה Jes. 30, 15. מְבוּקָה davon gebildetes Subst. mit vorgesetztem localisierenden מ: dauernde Stätte der Verödung. מְבֻלָּקָה in derselben Zusammenstellung wie Jes. a. a. O. von בלק lautverw. mit פלג teilen, spalten, zerreißen, zerklüften. Hier von der eben drastisch geschilderten Auflösung des assyrischen Reiches in die einzelnen Nationalitäten, die es gebildet hatten. לֵב נָמֵס wörtlich: zerfließendes, schmelzendes Herz. פוק=פיק wovon Hiph. הֵפִיק, herauskommen, nur hier, von dem Auseinanderweichen der Kniee, wodurch der feste Stand ins Wanken gerät. חַלְחָלָה redupl. חיל, heftiger Schmerz, starke Wehen. וּפְנֵי כֻלָּם וגו' vergl. zur Parallelstelle oben Joel 2, 6.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Ninive war eine behagliche Heimstätte für die Herrschenden und deren Kreise. Das Recht galt nichts, nur die rücksichtslose brutale Gewalt. Es giebt keine treffendere Kennzeichnung, als die Worte: Es war eine Heimstätte für — Löwen, nur was Löwe, Löwin oder deren Junges war, konnte in Ninive ungestört und ungeschreckt wandeln. Wer nicht zu dem kleinen Kreise der Herrschenden gehörte, die oben mit den sich einander schützenden und zusammenhaltenden Dornen verglichen wurden, der war recht- und schutzlos, jeglicher Willkür preisgegeben. Und nach den Rechtsbegriffen und dem Moralcodex der assyrischen Großen war das alles ganz in der Ordnung. „Der Löwe zerreißt — für das Genüge seiner Jungen, und würgt — für seine Löwinnen, und als fürsorgendes Familienhaupt denkt er an die Zukunft, und füllt seine Stätten mit Raub“, sie arbeiten alle, ein jeder ja nur an der Größe seines Hauses. Von all den Herrlichkeiten Ninives, wohin alle Siegesbeute zusammengeschleppt war und wohin alle Kraft der unterworfenen Völker auf dem Verwaltungswege in Gestalt von Steuern und Abgaben geleitet wurde (s. V. 9) — kommt der Menge nichts zum Genusse. Alles ist nur für den „Staat“ und die an seiner Macht Teilnehmenden vorhanden. Der Löwe ist das Bild für die assyrischen Herrscher und ihre Großen gegenüber dem assyrischen Volke und allen unterworfenen Völkern. אַרְיֵה der ausgewachsene Löwe, כְּפִיר der junge, schon auf Raub ausgehende, גּוּר der noch ganz junge Löwe. לָבִיא Löwin, auch Löwe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. Dieser Stätte organisierter Gewaltherrschaft kündet der Gott der Liebe und des Rechtes den Untergang. Ich wende mich dir zu, ich trete dir entgegen und bereite dir den Untergang. Du wirst nicht mehr rauben, und vor deinen Sendboten werden die Völker nicht mehr zu zittern haben. Das ungewöhnliche, grell ausklingend מַלְאָכֵכֵה zeichnet phonetisch trefflich, jedoch leider unübersetzbar, das impertinent schneidige Auftreten dieser assyrischen Gesandten und Commissare. Vergl. das übermütig Prahlende: „Sind meine ja Großen allesamt Könige!“ Jes. 10, 8. וְהִבְעַרְתִּי בֶעָשָׁן: ich verbrenne in Rauch d. i. lasse in Rauch aufgehen.