Joel יואל
Kapitel
Einleitung von Julius Jehuda Hirsch
Joel.
Über die Zeit, in der Joel gelebt, gehen die Meinungen und die überlieferten Ansichten weit auseinander. Nach der einen hätte er unter Joram von Israel, nach der anderen unter der Regierung Menasches gelebt, nach anderen wäre er im Gegenteile älter als Amos und hätten seine Worte Jesajas vorgelegen. Nach unserer Ansicht ergiebt sich gegenüber der letzteren Meinung aus Joel 4, 10 mit Bestimmtheit, daß er frühestens als ein jüngerer Zeitgenosse des Propheten Jesajas anzusehn ist; wir verweisen auf unsere Ausführungen z. St.
Was den Inhalt betrifft, so spricht der Prophet in den beiden ersten Kapiteln von einer schweren Heimsuchung durch Heuschreckenschwärme, die Palästina eben getroffen habe oder zu treffen im Begriffe sei, lenkt dann im dritten Kapitel scheinbar unvermittelt den Blick auf die ferne Heileszukunft und schildert im vierten Kapitel das Gottesgericht an den Völkern wegen ihrer Verstocktheit und wegen der an Israel verübten Gewalt. Diese beiden äußerlich unzusammenhängenden Hälften des durch Joel verkündeten Gotteswortes müssen doch jedenfalls in einem inneren Zusammenhange stehen. Unter folgendem Gesichtspunkte dürfte sich das Ganze als eine Einheit darstellen.
Stellen wir zunächst den Charakter der verkündeten Verheerung durch Heuschrecken fest. Manche Ausleger haben sie in lediglich allegorischem Sinne als Bild für die großen völkergeschichtlichen Katastrophen gefaßt, auch wohl in den vier genannten Arten oder Namen einen Hinweis auf die vier Weltreiche erblickt. Andere beziehen die Worte der beiden ersten Kapitel lediglich auf die Heuschreckencalamität in der Zeit des Propheten. Die erste Auffassung scheint uns angesichts des Textes jeglicher Begründung zu entbehren, aber auch die zweite dürfte nur mit einer erheblichen Einschränkung anzunehmen sein. Ganz gewiß nämlich hatte Joel eine Verheerung durch Heuschrecken zu verkünden. Allein ebenso gewiß wurde diese Heimsuchung als von Gott gesandt und zugleich als Vorbotin der viel größeren verkündet, die eintreten werde, wenn Israel sich nicht bessere. Von den ersten Anfängen der jüdischen Geschichte an finden wir, wie Gott den Einzelnen wie die Gesamtheit durch Erlebnisse für das Verständnis später eintretender geschichtlicher Ereignisse als Gottesoffenbarungen in der Geschichte vorbereitet. So Gen. 15, 13 Abraham beim Bunde zwischen den Stücken. So Israel in Aegypten durch die zehn Waltungsthaten des Allmächtigen, in denen er sich als Herrn über die Natur und richtenden Walter im Kreise der Menschen offenbarte, auf daß Israel auch die schließliche Befreiung und Rettung als Gottes Werk begreife. Dieselbe Vorbereitung sehen wir in der symbolischen Handlung des Peßach=Opfers. Ebenso sollte hier die Nation durch die, wenn auch schwere, so doch im Vergleiche zu der kommenden immerhin leichtere Heim=suchung durch die Heuschrecken auf die große, dem Staate und der nationalen Selb=ständigkeit drohende Katastrophe vorbereitet und zu deren noch immer möglichen Ab=wendung durch Rückkehr zu Gott aufgefordert werden. So wie infolge von Israels Besserung die Heimsuchung aufhört und 2, 14 nach Gottes Fügung nur Segen zurück=läßt, und so diese ganze Heimsuchung sich nur als Erziehungsmittel Gottes darstellt, um sein Volk für sich zu gewinnen: ganz in demselben Sinne soll Israel auch das Galuth begreifen. Gott sendet die Katastrophe nicht zu seiner Vernichtung, sondern zu seiner Rückgewinnung. Ferner: wie die Heuschrecken, dem eigenen Triebe folgend, doch nur Werkzeuge zur Vollbringung des göttlichen Willens sind, ganz so die Mächte alle, die Israel auf dem Wege seiner Leidenserziehung unterdrücken. Auf diese vor=bildliche Bedeutung weist die prächtige Schilderung 2, 3—10 hin, die mit furchtbarer Naturwahrheit die in gerader Schlachtlinie vorstürmenden Heuschrecken als ein an=stürmendes Kriegsheer zeichnet. Darauf weist vor allem schon 2, 1 hin, wo die An=kündigung: der Tag des Gottesgerichtes sei bereits da, sich sofort dahin berichtigt: er sei nahe. Ganz ausdrücklich aber geht aus 2, 17 hervor, daß der Blick weit über die Heuschreckenplage hinaus bereits den drohenden Untergang schaut, denn es wird dort aufgefordert zu Gott zu flehen, daß er nicht sein Volk der Schande preis=geben möge: לִמְשָׁל בָּם גּוֹיִם, daß „Völker über sie herrschen.“ — Einen ferneren Punkt der Parallele bietet 2, 11 mit den Worten: „Gott hatte seine Stimme vernehmen lassen vor seinem Heere“, Israel war gewarnt worden durch des Propheten Wort vor dem Eintritt der Verheerung; mit ihr sind aber die drohenden Schrecken nicht er=schöpft, vielmehr: „unendlich zahlreich ist sein Lager, denn mächtig ist der Voll=bringer seines Wortes, denn groß ist der Tag Gottes und unendlich furchtbar, wer erfaßt ihn?“ — Damit ist denn auf die läuternde Macht der schweren Leiden hin=gewiesen, deren Vorläufer der מוֹרֶה לִצְדָקָה, der gottgesandte „Lehrmeister zur Pflicht=erfüllung“ gewesen, als deren Ziel dann in den beiden letzten Kapiteln die „Aus=gießung des Gottesgeistes über alles Fleisch“ verkündet wird, in dessen Mitte Israel als Prophet dastehen wird, sodann das Gottesgericht über die in Feindseligkeit gegen das Göttliche verharrenden Völker und die dauernde Herrlichkeit Jeruschalajim=Zions und des um seinen Gott gesammelten Israel.
So ist das Prophetenwort Joels ein durchaus einheitliches. Er hat seinen Zeitgenossen das Verständnis der Ereignisse ihrer Gegenwart als der Vorläufer der Zukunftsgeschicke zu erschließen und er verkündet das lichte Heilesziel, zu dem der Weg durch alle Nachtgeschicke sicher führet.