Joel 1 יואל
Einleitung von Julius Jehuda Hirsch
Joel.
Über die Zeit, in der Joel gelebt, gehen die Meinungen und die überlieferten Ansichten weit auseinander. Nach der einen hätte er unter Joram von Israel, nach der anderen unter der Regierung Menasches gelebt, nach anderen wäre er im Gegenteile älter als Amos und hätten seine Worte Jesajas vorgelegen. Nach unserer Ansicht ergiebt sich gegenüber der letzteren Meinung aus Joel 4, 10 mit Bestimmtheit, daß er frühestens als ein jüngerer Zeitgenosse des Propheten Jesajas anzusehn ist; wir verweisen auf unsere Ausführungen z. St.
Was den Inhalt betrifft, so spricht der Prophet in den beiden ersten Kapiteln von einer schweren Heimsuchung durch Heuschreckenschwärme, die Palästina eben getroffen habe oder zu treffen im Begriffe sei, lenkt dann im dritten Kapitel scheinbar unvermittelt den Blick auf die ferne Heileszukunft und schildert im vierten Kapitel das Gottesgericht an den Völkern wegen ihrer Verstocktheit und wegen der an Israel verübten Gewalt. Diese beiden äußerlich unzusammenhängenden Hälften des durch Joel verkündeten Gotteswortes müssen doch jedenfalls in einem inneren Zusammenhange stehen. Unter folgendem Gesichtspunkte dürfte sich das Ganze als eine Einheit darstellen.
Stellen wir zunächst den Charakter der verkündeten Verheerung durch Heuschrecken fest. Manche Ausleger haben sie in lediglich allegorischem Sinne als Bild für die großen völkergeschichtlichen Katastrophen gefaßt, auch wohl in den vier genannten Arten oder Namen einen Hinweis auf die vier Weltreiche erblickt. Andere beziehen die Worte der beiden ersten Kapitel lediglich auf die Heuschreckencalamität in der Zeit des Propheten. Die erste Auffassung scheint uns angesichts des Textes jeglicher Begründung zu entbehren, aber auch die zweite dürfte nur mit einer erheblichen Einschränkung anzunehmen sein. Ganz gewiß nämlich hatte Joel eine Verheerung durch Heuschrecken zu verkünden. Allein ebenso gewiß wurde diese Heimsuchung als von Gott gesandt und zugleich als Vorbotin der viel größeren verkündet, die eintreten werde, wenn Israel sich nicht bessere. Von den ersten Anfängen der jüdischen Geschichte an finden wir, wie Gott den Einzelnen wie die Gesamtheit durch Erlebnisse für das Verständnis später eintretender geschichtlicher Ereignisse als Gottesoffenbarungen in der Geschichte vorbereitet. So Gen. 15, 13 Abraham beim Bunde zwischen den Stücken. So Israel in Aegypten durch die zehn Waltungsthaten des Allmächtigen, in denen er sich als Herrn über die Natur und richtenden Walter im Kreise der Menschen offenbarte, auf daß Israel auch die schließliche Befreiung und Rettung als Gottes Werk begreife. Dieselbe Vorbereitung sehen wir in der symbolischen Handlung des Peßach=Opfers. Ebenso sollte hier die Nation durch die, wenn auch schwere, so doch im Vergleiche zu der kommenden immerhin leichtere Heim=suchung durch die Heuschrecken auf die große, dem Staate und der nationalen Selb=ständigkeit drohende Katastrophe vorbereitet und zu deren noch immer möglichen Ab=wendung durch Rückkehr zu Gott aufgefordert werden. So wie infolge von Israels Besserung die Heimsuchung aufhört und 2, 14 nach Gottes Fügung nur Segen zurück=läßt, und so diese ganze Heimsuchung sich nur als Erziehungsmittel Gottes darstellt, um sein Volk für sich zu gewinnen: ganz in demselben Sinne soll Israel auch das Galuth begreifen. Gott sendet die Katastrophe nicht zu seiner Vernichtung, sondern zu seiner Rückgewinnung. Ferner: wie die Heuschrecken, dem eigenen Triebe folgend, doch nur Werkzeuge zur Vollbringung des göttlichen Willens sind, ganz so die Mächte alle, die Israel auf dem Wege seiner Leidenserziehung unterdrücken. Auf diese vor=bildliche Bedeutung weist die prächtige Schilderung 2, 3—10 hin, die mit furchtbarer Naturwahrheit die in gerader Schlachtlinie vorstürmenden Heuschrecken als ein an=stürmendes Kriegsheer zeichnet. Darauf weist vor allem schon 2, 1 hin, wo die An=kündigung: der Tag des Gottesgerichtes sei bereits da, sich sofort dahin berichtigt: er sei nahe. Ganz ausdrücklich aber geht aus 2, 17 hervor, daß der Blick weit über die Heuschreckenplage hinaus bereits den drohenden Untergang schaut, denn es wird dort aufgefordert zu Gott zu flehen, daß er nicht sein Volk der Schande preis=geben möge: לִמְשָׁל בָּם גּוֹיִם, daß „Völker über sie herrschen.“ — Einen ferneren Punkt der Parallele bietet 2, 11 mit den Worten: „Gott hatte seine Stimme vernehmen lassen vor seinem Heere“, Israel war gewarnt worden durch des Propheten Wort vor dem Eintritt der Verheerung; mit ihr sind aber die drohenden Schrecken nicht er=schöpft, vielmehr: „unendlich zahlreich ist sein Lager, denn mächtig ist der Voll=bringer seines Wortes, denn groß ist der Tag Gottes und unendlich furchtbar, wer erfaßt ihn?“ — Damit ist denn auf die läuternde Macht der schweren Leiden hin=gewiesen, deren Vorläufer der מוֹרֶה לִצְדָקָה, der gottgesandte „Lehrmeister zur Pflicht=erfüllung“ gewesen, als deren Ziel dann in den beiden letzten Kapiteln die „Aus=gießung des Gottesgeistes über alles Fleisch“ verkündet wird, in dessen Mitte Israel als Prophet dastehen wird, sodann das Gottesgericht über die in Feindseligkeit gegen das Göttliche verharrenden Völker und die dauernde Herrlichkeit Jeruschalajim=Zions und des um seinen Gott gesammelten Israel.
So ist das Prophetenwort Joels ein durchaus einheitliches. Er hat seinen Zeitgenossen das Verständnis der Ereignisse ihrer Gegenwart als der Vorläufer der Zukunftsgeschicke zu erschließen und er verkündet das lichte Heilesziel, zu dem der Weg durch alle Nachtgeschicke sicher führet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 1. V. 2. Aus der wiederholten Bezugnahme auf den Tempel und den Tempeldienst: 1, 9. 13. 14. 16. 2, 17 und auf Zion 2, 1. 15 ergiebt sich, daß Joels Wort zunächst das Reich Juda im Auge hat. Daher sind hier unter den יֹשְׁבֵי הָאָרֶץ wohl die Bewohner des Landes Juda zu verstehen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. עֲלֵיהָ לִבְנֵיכֶם וגו'. Gleich von vornherein wird es für die späteren Geschlechter aufgezeichnet, die ja die eigentliche Katastrophe erleben werden, als deren Vorläuferin hier die Verheerung durch die Heuschrecken verkündet wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Die vier Namen bezeichnen nicht Heuschreckenschwärme, die etwa in verschiedenen Jahren gekommen wären; denn Ernten und Früchte verschiedener Jahre können nicht als „Überbleibsel“ des vorigen Jahres bezeichnet werden, da sie ja eine neue Crescenz bilden. Es sind jedenfalls verschiedene Arten, die in diesem Jahre zusammen, d. h. nach einander einfallen werden. Möglicherweise bezeichnen sie die in Schwärmen auftretenden freßgierigen Tiere nach ihren Eigenschaften: אַרְבֶּה von רבה, von ihrer Menge; גָּזָם, verw. כסם, schneiden, von dem Abnagen; יֶלֶק, verw. לקק, lecken, von dem vollständigen Abfressen, ebenso חָסִיל von חסל Deut. 28, 38 abfressen, von der Verheerung.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. enthält die Aufforderung an das verblendete Volk sich zu ernüchtern, um in dem hereinbrechenden Unglücke Gottes Hand zu erkennen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. כִּי גוֹי וגו'. In dieser Bezeichnung der Heuschreckenschwärme als „Volk“ geht die Ankündigung schon über das unmittelbar Bevorstehende hinaus und bezeichnet das Heuschreckenheer als Vorläufer des Völkerheeres.
V. 6. קִבְּצוּ פָארוּר. פָּארוּר wohl von פֵּאֵר mit verdoppeltem Wurzelbuchstaben, Glanz, קַבֵּץ hier wie sonst אָסַף: einziehen. Derselbe Ausdruck kommt in demselben Zusammenhange auch Nachum 2, 11 vor. Hier wie dort bezeichnet er das durch Furcht und Schrecken verursachte Erbleichen. Ähnlich V. 10 von den Sternen: אָסְפוּ נָגְהָם.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Das Suffix in נַפְנִי und תְּאֵנָתִי bezieht sich auf den aus der Seele des Volkes redenden Propheten. חָשֹׂף entblößen, vom Abfressen der Rinde. Objekt von הִשְׁלִיךְ sind die Ranken und Zweige des Weinstocks und des Feigenbaumes, die unter der Last der auf ihnen lagernden und alles abnagenden Heuschrecken brechen, von ihnen geknickt zu Boden geworfen werden.
V. 7. וְלֹא יְעַבְּטוּן וגו'. עָבַט gehalten, gebunden sein, Piel binden, aufhalten. „sie halten ihren Weg oder ihre Wege nicht auf“ — trotz der gewaltigen Heeresmasse gerät der Zug niemals ins Stocken.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Der Vergleich mit der um den angetrauten Gatten trauernden Jung=frau ist das Bild bitterstens Leides, auch klingt der Gedanke an das Verhältnis Israels zu Gott an, wie es im Bilde der ihrer eigentlichen Vollziehung noch har=renden Ehe geschaut wird (vergl. Hosea 3. u. f.), die Preisgebung Israels weist auf die Entfernung seines Gottes hin.
V. 8. וּבְעַד הַשֶּׁלַח וגו'. Nach Neh. 4, 11: וְאַחַת מַחֲזֶקֶת הַשֶּׁלַח, 2 Chr. 32, 5: וַיַּעַשׂ שֶׁלַח לָרֹב und das. 23, 10 וְאִישׁ שִׁלְחוֹ בְּיָדוֹ bezeichnet שֶׁלַח das Schwert als vorgestreckte Verteidigungswaffe. Die Worte schildern das unaufhaltbar siegreiche Vordringen eines Heeres, das durch keinerlei Abwehr zurückgehalten oder geschädigt werden kann: „sie verwunden sich nicht.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Wie die Einzelnen im Volke so leidet auch der Dienst im Hause Gottes unter den Folgen der Verheerung.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. הוֹבִישׁ, die Erwartung täuschen, ausbleiben, versagen, kommt in den nächsten Versen von den schmerzlich vermißten Landleuten vor, die keine Frucht zur Stadt bringen, vom Weinstock, der keinen Ertrag liefert und V. 12 von der Freude, die ausbleibt. Dort ist die Construction verändert durch den Zusatz מִבְּנֵי אָדָם, an die Stelle der ursprünglichen Bedeutung des Ausbleibens, des Täuschens der Erwartung, ist die des Geschwundenseins getreten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Auch diese Verheerung kam nicht ohne vorausgegangene göttliche Warnung durch die Propheten — vergl. Amos 3, 8 אַרְיֵה שָׁאָג — und sie selbst ist die Ankündigung der noch schwereren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. שֻׁבוּ עָדַי וגו', אֵלַי, nicht bloß das Einlenken in die rechte Bahn, sondern: עָדַי, durchschreitet sie bis zum Ziele, macht nicht Halt, „bis ihr bei mir seid.“ Das ו in וּבְצוֹם hebt noch mehr den Gedanken hervor, daß „Fasten, Weinen und Wehklagen“ nur als Mittel Bedeutung haben, wenn sie zur wahren Reue und Rückkehr führten. In demselben Sinne, wie V. 13 dem bloß äußerlichen Gebahren entgegen getreten wird: „Zerreißet euer Herz und nicht eure Kleider!“ Hier heißt es שׁוּבוּ אֵל, denn es handelt sich um den ersten, schwersten Schritt des Einlenkens in den zu Gott führenden Weg der Pflicht. Demgemäß שׁוּבוּ אֶל ה': das Einschlagen dieses Weges, שׁוּבוּ עַד ה': ihn bis zum Ziele vollenden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. חִגְרוּ: sich gürten bedeutet stets, seine Kräfte für einen Zweck zu=sammennehmen, um etwas mit aller Energie auszuführen, hier: die Wehklage, also: klaget laut.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. קַדְּשׁוּ צוֹם: ein Fasten heiligen begreift das Fasten nach seiner sittlichen Bedeutung. עֲצָרָה hier Gebetversammlung. Die Priester sollen das ganze Volk zur Einkehr und zur Besserung auffordern.
V. 14. מִי יוֹדֵעַ יָשׁוּב וְנִחָם. In der Parallelstelle Jona 3, 9 ist die Accentuierung und Construction eine andere, da ist מִי יוֹדֵעַ Subject, יָשׁוּב Prädikat und zu נִחָם das folgende הָאֱלֹקִים Subject, und von Gott heißt es dann nochmals: וְשָׁב מֵחֲרוֹן אַפּוֹ. Hier aber sind יָשׁוּב וְנִחָם verbunden, יָשׁוּב in adverbialem Sinne, demgemäß: wer weiß, er mag seinen Entschluß wieder ändern, und dann läßt die Heimsuchung, die in eurer Rückkehr ihre Sendung vollbracht hat, nur Segen zurück. Im anderen Falle ist sie jedoch nur die Vorbotin des schweren eigentlichen Gottestages. Der Satz ist um so durchsichtiger und das Subject zu וְנִחָם um so zweifelloser, als von Gott unmittelbar zuvor mit demselben Worte ausgesprochen war, daß er bei erfolgter Besserung stets zur Abwendung eines von ihm angekündigten Verhängnisses geneigt sei: וְנִחָם עַל הָרָעָה.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. אֲהָהּ וגו' wörtlich: Ach über den Tag! Es bringt die ganze Schwere des Geschickes dieses „Tages“ zum Ausdruck, der doch nur ein Vorbote des „nahen“ Gottestages ist. Mit dem heutigen Tage beginnt erst die Heimsuchung, die jetzige Calamität ist nur das Vorspiel der eigentlichen, die noch kommen soll. Alle Katastrophen sind Teile des einen großen Erziehungswerkes, dessen letzte Vollendung der einstige weltgeschichtliche Tag des großen Gottesgerichtes bringen wird. Die allit=terierenden Worte כְּשֹׁד מִשַּׁדַּי sind offenbar ein Wortspiel, das jedoch in seiner prägnan=ten Tiefe unübersetzbar ist. Denn שֹׁד heißt Gewaltthat, während שַׁדַּי nach der jüdischen Anschauung Gott vor allem als denjenigen bezeichnet, שֶׁאָמַר לְעוֹלָמוֹ דַּי, der allem Maß und Ziel setzt, allem das ihm Gebührende verleiht, kurz im höchsten Grade als Walter des Rechtes. (Siehe zu Gen. 17, 1.) Und von dieser selbigen Rechtswaltung kommt es wie Gewaltthat!
V. 15. תִּקְעוּ שׁוֹפָר בְּצִיּוֹן. Mit dem eindringlichsten Ernste wird deshalb zur Rückkehr gemahnt. Alle diese Heimsuchungen im Lande, in denen sich Gott als der allmächtige Lenker unserer Geschicke offenbarte, sollten uns die schwerste, die feindliche Eroberung, die Greuel des Krieges, den Verlust unseres Landes, das Galuth, ersparen. Das war das Geschick, von dem die ganze Nation, nicht bloß die höheren Schichten, bedroht war. Darum konnte die Rettung nur durch die Rückkehr, die sittliche Energie der Gesamtheit bewirkt werden. Zu dieser werden deshalb ausnahmslos alle Kreise aufgerufen, vor dieser dringendsten Gesamtaufgabe haben alle Einzelanliegen zurück zu treten, יֵצֵא חָתָן וגו', und an das mächtigste Gefühl, an die Elternliebe wird appelliert durch den Hinweis auf die „kleinen Kinder und Säuglinge“, deren Erhaltung gleichfalls von der Besserung der Eltern bedingt ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. פְּרֻדוֹת von פָּרַד, also: Getrenntes, „Vereinzeltes“, entweder von den einzelnen Samenkörnern, die faulen unter den Schaufeln, das wenige was da ist verdorrt, weil außer der Heuschreckenplage auch Dürre herrscht, V. 20: „alle Wasser=quellen sind ausgetrocknet“. Oder nach Targum sind פְּרֻדוֹת die großen Stückfässer und מֶגְרְפֹתֵיהֶם die Spunde, also: die Weinfässer zerfallen, weil sie leer sind.
V. 17. וְאַל תִּתֵּן וגו' לְמְשָׁל בָּם גּוֹיִם. Durch diese Bitte um Abwendung der „Herrschaft der Völker“ ist das eigentliche drohende Verhängnis, dessen Abwendung es gilt, unzweideutig genannt und die Verheerung durch die Heuschrecken als göttliches Erziehungsmittel gezeichnet, wie dieselbe V. 23 geradezu der von Gott „gesandte Lehrmeister zur Pflichterfüllung“ genannt wird.
V. 18—27 künden die weitreichenden herrlichen Folgen, die die sittliche Erhebung Israels haben würde. — וַיְקַנֵּא, וַיַּחְמוֹל, וַיַּעַן: die historische Zeitform, obgleich es sich um die Schilderung einer eventuellen Zukunft handelt. Die Schilderung gewinnt dadurch an Lebendigkeit, das Verheißene tritt als bereits eingetreten vor die Augen. —
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. Auch die unschuldige Tierwelt leidet unter den Folgen der Verschul=dung Israels, die Dürre raubt ihm Weide und Wasser. נָבֹכוּ: Niphal von בּוּךְ, vor Angst bestürzt, verstört sein.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19. „Feuer“ und „Flamme“ bezieht sich auf die alles verzehrende Glut der Dürre.
Kap. 2, V. 1 ff. Dies Kapitel bildet die Fortsetzung der im vorigen Kapitel begonnenen Rede. V. 20 das. enthält die Klage des Volkes, wie selbst die unschuldigen Tiere mit leiden müßten ob der Schuld der Menschen. Diesem mut- und kraftlosen Seufzen gegenüber fordert der Prophet zum Aufraffen, zur Ermannung auf. Ihr habt es in eurer Hand, durch aufrichtige Rückkehr das Unheil abzuwenden. Das ist der Sinn und der Zweck des Schofarrufes, der von Zion, der Stätte der Thora aus in die Kreise des Volkes dringen und „Huldigung wecken“, alle mit dem Bewußtsein des ganzen verhängnisschweren Ernstes des Augenblicks erfüllen soll. Hier wird nun die Bezeichnung der Heimsuchung durch die Heuschrecken als Tag des Gottesgerichtes, wie bereits oben bemerkt, sofort mit den Worten berichtigt: „nein! nicht bereits gekommen ist dieser Tag, sondern er ist erst nahe!“ — Der Ernst dieses Tages wird dadurch am eindringlichsten veranschaulicht, daß dem Volke gesagt wird, die Verheerung durch die Heuschrecken, deren ergreifende Schilderung sofort bis V. 10 folgt, und die doch als ein Tag schwärzesten Wolkendüsters erscheine, sei, im Vergleiche zu dem noch ausstehenden wirklichen „Tage Gottes“, wie Morgenrot, in dem die Bergesgipfel erglühen. Die Heuschrecken werden, sicher nicht ohne innere Beziehung, mit einem einfallenden feindlichen Kriegsheere verglichen. Das V. 3 „vor ihnen zehrende Feuer und die hinter ihnen lodernde Flamme“ glauben wir nicht von der zur „Glut“ gesteigerten Temperatur der alles ausdörrenden Hitze verstehen zu sollen, die den Heuschrecken vorangegangen und nachgefolgt sei, das letztere gäbe ja ohnehin keinen rechten Sinn, sondern als ein Bild der urplötzlichen, augenblicklichen Vernichtung aller Vegetation: sie waren kaum, eigentlich noch nicht da, und schon war alles wie vom Feuer verzehrt, und wo sie vorüber waren, da war nichts verschont geblieben — Flamme lohet hinter ihnen her, ihr ganzes Einfallsgebiet ist wie mit züngelnden Flammen bedeckt, „wie der Garten Eden das Land vor ihm, und wie starrende Wüste hinter ihm“. לוֹ ist: „in Beziehung auf ihn“, hier in demselben Sinne wie: מִפָּנָיו.
In den einzelnen Bildern V. 4 bis 9 — „mächtiges Volk“, in „Schlachtordnung gestellt“, „Helden“ „Kriegsmänner, die die Mauer erklimmen“ — tritt die Parallele zwischen diesem aus den vernunftlosen Tierwesen bestehenden „Gottesheere“ und dem späteren, aus den feindlichen Völkermassen gebildeten, offenbar hervor: die einen wie die anderen stehen im Dienste der Vollstreckung seines Wortes. —
V. 19. וְלֹא אֶתֵּן אֶתְכֶם עוֹד חֶרְפָּה בַּגּוֹיִם: diese „Schmach“ bezieht sich entweder auf die unmittelbare Vergangenheit, daß Israel durch die Verarmung ein Gegenstand der Verachtung geworden sei, oder auf die Abwendung zukünftigen völligen Sturzes.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 20. Wenn צְפוֹנִי ein allerdings sonst nicht vorkommender Beiname für die Heuschreckenschwärme ist, so wird in diesem Verse deren gänzliche Entfernung und dauernde Fernhaltung von Israels Lande verheißen. Die Worte פָּנָיו und סֹפוֹ würden sie als ein riesiges Collectivwesen anschauen lassen, von dem die eine Hälfte nach Osten, die andere nach Westen ins Meer getrieben und dort vernichtet würde. Damit stünde nur scheinbar im Widerspruch die unmittelbar zuvor ausgesprochene Verscheuchung in „ein Land der Dürre und der Öde“, ebenso das Bild von dem aufsteigenden Moderdunst. Es wäre damit vielmehr nur die ungeheure Größe dieses „im Dienste des Allmächtigen stehenden Kriegsheeres“ gezeichnet: die nicht näher bestimmte Wüstenei, in die es gescheucht wird, faßt es nicht, die Spitze des Heeres wird in das ostwärts gelegene, das Ende in das westliche Meer getrieben, während der eigentliche Heereskörper in der Wüste der Verwesung entgegengeht. Ein grandioses Bild! Zumal wenn wir die Andeutung weiter verfolgen, die uns die Worte geben: „denn er hat Großes vollbracht“, die in dem „denn כִּי הִגְדִּיל ה' לַעֲשׂוֹת Gott hat Großes vollbracht“ des folgenden Verses ihre ergänzende Berichtigung finden. Denn unmöglich läßt sich jenes auch nur bildlich im Ernste von Heuschrecken sagen, sondern es weist offenbar auf die bereits oben erwähnte Parallele hin, nach welcher das von Gott gesandte Heuschreckenheer nur der Vorläufer ist der angekündigten, gleichfalls im Dienste der Gottesfügung stehenden feindlichen Völkerheere. Der Prophet hebt den Schleier der Zukunft nicht ganz. Es ist ja möglich, daß Israel sich dauernd aufrafft und so die drohende Katastrophe abwendet. Aber unausgesprochen sollte es nicht bleiben: Alle die feindlichen Mächte, von Aschur und Babel im Osten bis zu den aus dem fernen Westen kommenden Legionen der welterobernden Roma wie ihrer Nachfolger, sie standen alle, wie jene Heuschreckenschwärme zu Joels Zeit, im Dienste des allmächtigen, sein Volk und die Gesamtmenschheit erziehenden Gottes. Wie diese hatten auch sie keine Ahnung davon, daß sie im Dienste eines Höheren standen, der sich für seine Zwecke ihrer Eroberungslust, ihrer Ruhmund Habgier bediente, wie hier der Freßgier der vernunftlosen Tiere. Wie diese fallen auch sie dem Modergeschicke der Verwesung anheim, auf dem Boden der Menschenbestimmung haben sie keine Zukunft, vielmehr Wüstenei ist, was sie mit ihren vermeintlichen Ruhmesthaten schaffen, und „in die Wüste“ treibt sie ihr Verhängnis. Die ganze Reihe der Jahrtausende der Geschichte hatten sie mit dem Triumphgeschrei ihres Ruhmes zu erfüllen gewähnt. „hatten Großes vollbracht!“ — am Ziele zeigt es sich, daß nicht sie, daß nur Einer, daß in Wahrheit Gott Großes vollbracht, daß הִגְדִּיל ה' לַעֲשׂוֹת!
Im Lichte dieser Parallele verliert die Bezeichnung des Heuschreckenheeres als צְפוֹנִי alles Auffällige. Es heißt: „das aus dem Norden Kommende“, ganz wie später Jeremias zu verkünden hatte: מִצָּפוֹן תִּפָּתַח הָרָעָה, Jer. 1, 14, womit auf die Verheerung und schließliche Eroberung des Landes durch die „aus dem Norden kommenden“ Völker hingewiesen wird, als deren Vorläufer wir die Heimsuchung durch die Heuschrecken erkannt haben.
Ein tiefes Wort der Weisen leitet צְפוֹנִי von צָפַן in seiner Bedeutung: verbergen ab und begreift das Wort als eine Personification der Sünde, der sinnlichen Leidenschaft, die damit als „die sich verbergende“, in tausendfältiger Verkleidung die Menschen über ihre wahre Natur täuschende bezeichnet wird. Es wäre dann in unserem Verse dem sich erhebenden Israel der Beistand Gottes verheißen, sich von der Macht der bis dahin die ganze Erde „von dem östlichen bis zu dem fernen rückwärts gelegenen Meere“ in mannigfachster, gleißendster Verhüllung beherrschenden niedrigen Leidenschaften zu befreien. Alle Greuel, die im internationalen Völkerleben im Namen der Religion, des Nationalruhmes, der Nationallehre oder zur angeblichen Verbreitung der Civilisation unter die „rohen Naturvölker“ verübt wurden, und die doch nichts anderes als Befriedigung der Eroberungslust ruhmgieriger Herrscher oder der Habgier genußlüsterner Völker zum Ziele hatten; alle Verbrechen, die im öffentlichen Leben „zur größeren Ehre Gottes“ oder zur Aufrechthaltung eines oft nur die Satzungen codificierter Gewalt darstellenden angeblichen Rechtszustandes verübt wurden; alle die Missethaten im Einzelleben, die sich scheinheilig mit dem Gewande der Tugend zu drapieren wissen: sie alle stellen sich im Lichte dieser Anschauung als Werke dieses proteusartigen „Zefoni“ dar, der aus dem Kreise der einst erwachenden Menschheit „in die Wüste gescheucht“ und dem alles Dunkel erhellenden Allmachtsstrahle Dessen weichen wird, der sich gerade in dieser Erreichung seines Waltungszieles als derjenige offenbart, der הִגְדִּיל לַעֲשׂוֹת, der in Wahrheit „Großes vollbrachte“.