Joel 4 יואל
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 4. Wenn für Israel die große Läuterungsund Leidensperiode seiner Erziehung vollendet sein und es sich der „Rückführung aus der Verbannung“ würdig gemacht haben wird, dann ist auch die Stunde gekommen, in der Gott ins Gericht gehen wird mit den Völkern, deren niedrige Leidenschaften den Erziehungszwecken der göttlichen Vorsehung gedient hatten. Die Verantwortlichkeit des Räubers und Vergewaltigers wird dadurch nicht verringert, daß die Armut und Erniedrigung dem Beraubten und Gedemütigten zur moralischen Stärkung und Hebung gereichten. Habgier und grenzenlose Verachtung, die sich in grausamstem Hohne äußerten, das „Verspielen“ kriegsgefangener Juden, die Verwendung jüdischer Knaben als Sündenlohn, jüdischer Mädchen als Zechezahlung, wie sie hier V. 3 gezeichnet werden, sie bilden das Characteristikum mehr als zweitausendjähriger Erfahrungen, die Israel auf weitem Erdenrunde zu machen hatte. Seine Peiniger dünkten sich turmhoch über es erhaben. Die Höhe ihrer Selbstüberhebung ward aber nur von deren Grundlosigkeit übertroffen, wie dies hier an dem Beispiele von Tyrus, Sidon und Philistäa erläutert wird.
Im zweiten Teile des Kapitels, V. 9 ff. wird sodann das letzte große Gottesgericht verkündet, das alle diejenigen ereilen wird, die den Kampf gegen Gott, d. i. gegen die von ihm der Menschheit gesetzten Höheziele der Gerechtigkeit, Sittlichkeit und Menschlichkeit, bis zum letzten Augenblicke aufnehmen. Der an sie ergehende Aufruf zum Kampfe (V. 9 f.) sollte sie zur Besinnung, sollte ihnen das Wahnwitzige eines Kampfes gegen den allmächtigen Gott zum Bewußtsein bringen, der sie in das Thal „Jehoschafat“, des „Gottesgerichtes“, lädt, des unerbittlichen, „scharfen“ und raschen Gerichtes. Und zwar ist es (V. 16) nicht אלֹקִים, sondern ה', der barmherzige Vater der Menschen, der „in jedem Augenblicke neues Sein verleihende“ Gott, der als Vertreter des auf Zion thronenden Gesetzes, das in „Jeruschalajim“ seine erste „sichtbare“ Verwirklichung und von ihm gewirkte „Heilesvollendung“ finden soll, „mit Macht seine Stimme erhebt“, also durch den Donner der Geschicke seiner Stimme Zugang zu Ohr und Herz der Menschen zu bahnen weiß. — Mit dem Ausblick auf den dauernden Heileszustand in Juda, auf die durch Israels nunmehrige Treue erwirkte Sühne aller Verirrungen der Vergangenheit (V. 18) — das ist der vom Hause Gottes ausgehende Strom, der das „Thal Schittim“ tränken wird — und auf die Sühne der an Israel begangenen Frevel — schließt der Prophet.
Im Einzelnen bemerken wir noch:
V. 1. כִּי וגו': „Denn“. Dieses „denn“ weist auf die unmittelbar zuvor verkündete Verheißung hin, daß „auf Zion und in Jeruschalajim“ weit über Israels Kreis hinaus „Rettung für alle sein werde, „die den Namen Gottes anrufen.“ Zu dieser Anerkennung Gottes aber werden weiteste Kreise gebracht werden: denn Gott wird mit den Völkern ins Gericht gehen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. וְנִשְׁפַּטְתִּי, הִשָּׁפֵט Niphal: sein Recht bei jemandem suchen, sich mit ihm zurechtsetzen. — עֵמֶק יְהוֹשָׁפָט: das Thal des Gottesgerichtes, wörtlich: Gott richtet. Schon aus äußeren Gründen ist es ganz unmöglich, hier an den König Josaphat zu denken und etwa an das Thal, in welchem er nach 2 Chron. 20 die Moabiter und Ammoniter besiegte. Denn nach V. 26 das. wurde dieses Thal nicht zu Ehren des königlichen Siegers das „Thal Josaphat“ genannt, sondern עֵמֶק בְּרָכָה, das „Thal des Segens“ bis auf den heutigen Tag, „denn dort hatten sie Gott gesegnet“, der ihnen den Sieg verliehen, indem die verbündeten Feinde sich in Verblendung gegeneinander wandten und einander aufrieben, sodaß Josaphat und das Volk nur Beute zu machen und fortzuschaffen hatten, das. V. 26. Außerdem ist das hier verkündete Gottesgericht, der Ansturm der bis zuletzt die Unterordnung unter Gott verweigernden Völker, identisch mit dem Secharja 14, 2 ff. geschilderten Kampfe. Der Kampf gegen Gott wird dort als ein Kampf gegen Jerusalem bezeichnet, die Stätte des Gerichtes muß nach V. 3 das. sich unmittelbar bei Jerusalem befinden, während „das Thal des Segens“ nach 2 Chron. 20, 26 ferner gewesen sein muß, keinesfalls in unmittelbarer Nähe von Jerusalem gelegen sein kann. Vielmehr wird das Thal eben nach dem sich einst dort vollziehenden Gerichte von dem Propheten das „Thal des Gottesgerichtes“ genannt, wie er es V. 14 auch עֵמֶק הֶחָרוּץ nennt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. וְאֶל־עַמִּי וגו', nicht עַל. עַל־עַמִּי würde heißen: sie verteilen die kriegsgefangenen Juden nach dem Lose. Trotz der Unwürdigkeit des Verfahrens käme dabei doch immerhin noch der Wert bezw. die Wertschätzung der so Verteilten zum Ausdruck. In dem אֶל־עַמִּי liegt aber die Geringschätzung und der ganze Hohn. Sie würfeln „um mein Volk“, setzen ihre jüdischen Sklaven als Spielgeld ein.
V. 4 f. Was seid ihr mir denn, Tyrus und Sidon und Philistäa? Was leistet ihr, welchen Wert habt denn ihr für mich? — Die hier Genannten werden offenbar nur als Typen der Unterdrücker Israels angeführt. Wenn auch dem göttlichen Erziehungsplane inbetreff Israels unbewußt dienend, haben sie doch nicht den geringsten Grund zu ihrer Überhebung über dasselbe. Vor Gott, לִי, gelten nur moralische, geistig-sittliche Werte: was habt ihr denn an solchen aufzuweisen? — Eingeleitet wird dieser Satz mit וְגַם „und auch“, s. v. a.: ferner, außerdem. — הַגְּמוּל וגו': Glaubt ihr etwa, weil Israel hinter seiner Pflicht zurückgeblieben ist, als Rächer dieser Pflicht auftreten zu müssen? Ihr als — Vertreter meiner Sache? — Wer denkt hierbei nicht an die entarteten Völker, die alle an den unglücklichen Juden verübten Schandthaten heuchlerisch mit der Begründung rechtfertigten: es sei ja so über die „verdammten“ Juden verhängt! Vergl. Jes. 52, 5. Haftoroth S. 346. — Ihrer heuchlerischen Vermessenheit zürnt Gottes Wort entgegen: Wenn ihr im Ernste glaubet, für mich Vergeltung zu üben, so werde ich, wörtlich: das aus euren Thaten Reifende — das ist גְּמוּל, vergl. וַיִּגְמֹל שְׁקֵדִים Num. 17, 23 — also: deren unheilvolle Folgen über euer eigenes Haupt bringen. Die Verdoppelung des Ausdrucks קַל מְהֵרָה bezeichnet die Steigerung der Intensität. — הֵיכְלֵיכֶם kann auch: eure Paläste bedeuten, vergl. Prov. 30, 28. Jes. 13, 22 u. s.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. וּבְנֵי יְהוּדָה וגו' מְכַרְתֶּם וגו'. Während Amos 1, 6 und 9 die Anklage gegen Tyrus und Philistäa erhoben wird, die vor Edom flüchtenden Juden diesem ausgeliefert zu haben, blickt unsere Stelle vielleicht auf den 2 Chron. 21, 16 ff. berichteten Einfall der Philister und Araber hin, die unter Joram Juda plünderten und auch die Familie des Königs gefangen fortführten. Die dort nicht genannten Phönicier, die auch Sklavenhandel trieben, hätten dann den Philistern die geraubten Juden abgekauft. Uebrigens ist es gar nicht notwendig, gerade an einen bestimmten Einzelfall zu denken, das hier gezeichnete Verfahren wird vielmehr ein typisches gewesen sein. — בְּנֵי יְוָנִים wohl die Jonier, die kleinasiatischen Griechen. — לְמַעַן הַרְחִיקָם וגו': um ihnen die Rückkehr in die Heimat unmöglich zu machen. Dieser Zusatz zeichnet die Grausamkeit und zugleich den glühenden Haß, der sie gegen die Juden beseelte. Es war nicht bloß die Befriedigung ihrer Habsucht. Sie hatten es geradezu im Auge, sie recht weit in die Ferne zu verkaufen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. הִנְנִי מְעִירָם וגו': Ich „erwecke sie“, lasse sie sich erheben, von dem Orte ihres Exiles: mögen sie auch lange dort in der Fremde als Juden „geschlummert“, unter der Wucht des Elends sich ihrer Umgebung „assimiliert“ haben und dem Judentum abgestorben erscheinen, sie gehen mir dennoch nicht dauernd verloren. Wäre es auch erst in späteren Geschlechtern: Gottes Wort findet dennoch den Weg zu ihrem Herzen und gewinnt die Urenkel ihrer ewigen Bestimmung zurück, der die Ahnen einst in unseliger Verblendung untreu wurden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. מָכַר בְּיַד preisgeben, gänzlich in die Gewalt eines anderen überliefern.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. קִרְאוּ־זֹאת וגו', es ist der Aufruf an die Völker, der durch diese einleitenden Worte als Gottes Wille verkündet wird. — קַדְּשׁוּ מִלְחָמָה: „weihet“ den Krieg, d. h. verkündet immerhin diesen Kampf als einen heiligen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. Unser Vers blickt offenbar hin auf Jes. 2, 4, wo am Ziele der Geschichte die Völker die Waffen des Krieges in Werkzeuge friedlicher Culturarbeit umwandeln: וְכִתְּתוּ חַרְבוֹתָם לְאִתִּים וַחֲנִיתוֹתֵיהֶם לְמַזְמֵרוֹת. Hier umgekehrt: mögen sie es nur versuchen, mit allen Mitteln den Kampf gegen Gott zu führen. כְּתוּ von כָּתַת. Nur um der Antithese willen ist das hier sonst nicht recht passende כָּתַת gewählt.
Nach unserer Meinung scheint es nämlich unzweifelhaft, daß die Stelle Jes. 2, 4 die ältere ist und daß Joels Worte nur im Hinblick auf sie und als Antithese ihre Fassung erhalten haben. Denn כָּתַת heißt im Kal und Piel: zerschlagen, so 2 Kön. 18, 4 und Jes. 30, 14 vom Zerschlagen eines größeren Gegenstandes, einer Standsäule oder eines Gefäßes; auch כָּתִית vom Zerstampfen der Olive. Zur Annahme der Bedeutung: Hämmern, und dann: Schmieden ist man nur durch unsere Stelle gekommen. Nun kann man sehr wohl die Umwandlung von „Schwertern zu Sensen“, vor allem die von „Speeren zu Winzermessern“ ganz ungezwungen durch „Zerschlagen“ oder „Zerstücken“ bezeichnen, unmöglich aber aus viel kleineren „Winzermessern“ durch Zerschlagen oder Zerstücken viel größere „Speere“ herstellen. Wird diese Bezeichnung dennoch gebraucht, so findet sie nur als Gegensatz zu jener anderen, bereits allbekannten, Umwandlung ihre Erklärung und Begründung. Diese Stelle erscheint uns deshalb für die Bestimmung der Zeit Joels von ausschlaggebender Bedeutung. Er war jedenfalls jünger als Jesaias, höchstens wie Micha ein jüngerer Zeitgenosse desselben. — Der Sinn unserer Stelle ist also: Es soll allerdings die Zeit kommen, wo „kein Volk mehr gegen das andere das Schwert erhebt“, und wo „die Speere zu Winzermessern zerstückt werden“ — zuvor jedoch wird der letzte Verzweiflungskampf der verblendeten Gott feindlichen Mächte ausgekämpft sein müssen, die alle zur Förderung des Menschenwohles bestimmten Mittel und Kräfte in den Dienst ihrer dem Menschenheile feindlichen Bestrebungen gestellt haben.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. עוּשׁוּ kommt nur hier vor. Lautverw. mit חוּשׁ eilen, rege, auch besorgt sein, und mit אוּץ dringen, dürfte es eilen bedeuten. Nach Targum: vereinigt euch. Möglich auch, daß es anklingt an die sinnverwandte Stelle Jes. 8, 10: עֻצוּ עֵצָה וְתֻפָר. Die Veränderung des צ in ש, das in vielen Beziehungen das Gegenteil bedeutet, jenes das Zusammendrängen, dieses mehr das Zerstreuen, Trennen, dürfte dann auch vielleicht keine zufällige sein. עוּשׁוּ וָבֹאוּ bezeichnete vielmehr ironisch das Gegenteil von עוּצוּ: kommet nur herbei, vermeintlich planvoll und überlegend, in Wahrheit sinnlos verblendet und unfähig eure Gedanken zu sammeln. — Denn daß Jesaias' prophetische Reden Joel gegenwärtig, ja in Fleisch und Blut übergegangen waren, das hat sich uns ja, wie wir glauben, mit Evidenz, aus dem unmittelbar vorhergehenden Verse ergeben. Deshalb dürfte auch das gleichfalls weit über die damalige Gegenwart in die ferne Zukunft hinausblickende angeführte Wort Jes. 8, 10 ihm bei unserem Verse vorgeschwebt haben.
הַנְחַת: Imp. im Hiphil von נָחַת, niedersteigen, sinken, also: niederwerfen, senken, niederstrecken. — „Deine Helden“: die sich dir gegenüber als Helden zeigen wollten, den Kampf gegen dich aufnahmen.
V. 12 und 13 enthalten die Antwort Gottes auf die in diesem Rufe שָׁמָּה הַנְחַת sich aussprechende Bitte. שִׁלְחוּ מַגָּל וגו' ist der Aufruf an die Vollstrecker des Gottesgerichtes. Die Fülle der Sündenschuld wird unter dem Bilde der vollen Reife des Getreides und der reifen Traubenmenge in der Kelter geschaut, dem ersteren entspricht der Aufruf: Legt die Sichel an! dem zweiten: Tretet die Kelter! wörtlich: geht hinab, denn die Kelter ist voll; רְדוּ ist Imper. im Kal von יָרַד, und nicht von רָדָה, das in der Regel mit ב construiert wird, allerdings auch in einigen Stellen, wie Lev. 25, 53. Jes. 14, 6. Klagel. 1, 13, mit dem Acc. vorkommt, als welcher hier die Kelter zu ergänzen wäre; jedoch ohnehin ist der stehende Ausdruck für keltern: die Kelter „treten“, דָּרַךְ, daher paßt hier das „Hinabsteigen“ am besten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. כִּי קָרוֹב יוֹם ה' וגו'. Da Gott hier als ה' bezeichnet wird in dem wegen der „Schärfe“, Strenge und Unerbittlichkeit des Gerichtes so genannten Thale; da ferner, obgleich die Völkermengen bereits in diesem Thale des strengen Gerichtes sich befinden, der יוֹם ה' gleichwohl erst als „nahe“ verkündet wird: so dürfte hier unter dem יוֹם ה' nicht wie sonst der Tag des Gottesgerichtes, sondern der große Tag der Erlösung zu verstehen sein. Das „Gericht“ wird ja bereits als im Vollzuge begriffen geschaut. Der Sinn ist dann: die Völkermengen, die bis zum letzten Augenblicke im feindlichen Gegensatz gegen Gott beharren, müssen dem strengen Gerichte verfallen, denn der große Gottestag der Erlösung wird und kann nur nahen, nahet nur heran, eben in diesem עֵמֶק הֶחָרוּץ und durch das in ihm sich vollziehende Gericht. Damit begreift sich auch die Wiederholung dieser beiden Worte, und der Name ה' steht in seiner eigentlichen Bedeutung.
V. 15 f. Ehe dieser Tag der Erlösung kommen kann, müssen Sonne, Mond und Sterne, müssen alle die Potenzen, von denen bis dahin die Menschen sich abhängig gefühlt und welche von ihnen als Träger der Bedingungen ihres Heiles verehrt worden waren, ihren Glanz verloren haben, d. h. in ihrer Ohnmacht erkannt worden sein. Dann wird (V. 16) Gottes Stimme von Zion aus mit Macht ertönen, von der Stätte seines Gesetzes. Nicht durch die Verehrung jener physischen Gewalten, sondern durch die Erfüllung des in dem auf Zion thronenden Gottesgesetze für Israel und für die Gesamtmenschheit niedergelegten Gotteswillens wird die Erlösung für beide herbeigeführt. — Über וּמִירוּשָׁלַםִ s. oben. Und während „Himmel und Erde“ unter Getöse erbeben, ist derselbe Gott Schutz für alle, die sich fortan gleichfalls als die Seinigen ihm anschließen, als „sein Volk“ sich bewähren wollen, und nimmer versiegender Quell der Kraft für die Söhne Israels.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. Dann werdet ihr erkennen, daß ich alle Nachtzeiten eurer Geschichte hindurch stets auf Zion, meinem heiligen Berge, throne. Zion wurde nie von mir aufgegeben, die auf ihm thronenden Wahrheiten bilden ja den Kompaß, nach dem von dem Lenker der Geschicke die Gänge der Menschheitsgeschichte gesteuert werden. — Und Jerusalem, das solange politisch vernichtete und social zerstörte, wird dann zum Heiligtum, und kein jüdischer oder nichtjüdischer Mensch, der nicht in Wahrheit von der weihenden Kraft dieses Heiligtums durchglüht ist, kein „Ungeweihter“ wird es ferner betreten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. וּמַעְיָן וגו' וְהִשְׁקָה אֶת נַחַל הַשִּׁטִּים. Die Verschuldung, die einst im Thale Schittim begann, und an der, unter wechselnden Erscheinungsformen, Israel in den verschiedenen Phasen seiner Geschichte dahinsiechte, sie findet erst in der vollen Hingebung Israels an Gott ihre endliche Sühne, und damit erreicht Israel die Vollendung seiner inneren Freiheit. Das ist's, was der Prophet so herrlich in dem Bilde ausspricht von dem Quell, der „vom Hause Gottes“ ausgehen und das Thal Schittim tränken werde!
V. 19 ff. Während für Juda die Zeit ewiger Blüte gekommen ist, verfallen Mizrajim und Edom, hier als Repräsentanten der Israel unterdrückenden Völker genannt, der göttlichen Strafgerechtigkeit. Denn Gott vergißt keines unschuldig vergossenen Tropfens Blutes. Nach dem Accente ist דָּם nicht als Object von וְנִקֵּיתִי und וְלֹא נִקֵּיתִי nicht als Adjectivsatz zu fassen. נָקָה im Niphal: sich rein halten, reinigen, freimachen von Schuld, — Grundbedeutung von נָקָה eine heftig abwehrende Bewegung, — im Piel נִקָּה: frei sein lassen, in der Regel von Strafe (Ps. 19, 13 auch von Schuld). Nach dem Accente wird zuerst das נִקֵּיתִי, das straflos, ungeahndet lassen, bejaht und alsdann mit Bezug auf דָּמָם verneint. דָּמָם bezieht sich auf das im V. 19 ausdrücklich genannte „unschuldig vergossene Blut der Juden“. Deshalb ist das erste Verbum als ein objectloser, hypothetisch zu begreifender Einräumungssatz zu fassen: Und hätte ich selbst [manches, vieles] ungestraft, ungeahndet gelassen: ihr Blut, das schnöde vergossene jüdische Blut, habe ich nicht ungeahndet gelassen und lasse ich nicht ungeahndet — in dem ersten Satze wird auf das Gottesgericht hingeblickt, das sich schon in den Jahrtausenden der Geschichte vollzogen hat, im zweiten auf das sich am Ziele der Tage vollziehende, oder vielmehr beziehen sich die Worte לֹא נִקֵּיתִי auf beide.
„Gott thront stets auf Zion“. Mit jener Verheißung und dieser Zusicherung schließt der Prophet. Dieses Bewußtsein, daß Gott sein Annehmer ist und, auch während er es scheinbar aufgegeben hat, doch „auf Zion thront“, hat Israel mit jenem felsenfesten Vertrauen erfüllt, das auch unter den wütendsten Verfolgungen, deren Opfer es war, sein Herz von dem Gedanken an Rache frei bleiben ließ. Es wußte ja: דָּמָם לֹא נִקֵּיתִי hatte sein Gott gesprochen, — über die Gräber seiner gemordeten Kinder blickte es im Kaddischgebete hinaus auf den großen Völkermorgen, an dem der Gottesname von allen erkannt, von allen geheiligt werde; die Vergeltung überließ es Gott. Es ist das Forttönen des alten Thora-Wortes: לִי נָקָם וְשִׁלֵּם! das in den Herzen ihrer Träger keinen Haß aufkommen ließ. Dieses Wort: „die Rache ist mein!“ das dem zur Vergeltung erhobenen Arme die Waffe entwindet, — o daß man es noch aussprechen muß! — in dem Alten Testamente ist es enthalten.