Joel 3 יואל
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 3, V. 1. וְהָיָה אַחֲרֵי כֵן. Nach dieser Zeit: das letzte Ziel, das mit allen Gotteswaltungen in der Geschichte der Menschheit und Israels angestrebt wurde, ist die Erhebung der Gesamtmenschheit zu der Höhe, Träger des Gottesgeistes zu sein. Es ist dies die letzte Ausladung des Begriffes des reinen Menschentums, wie er in dem Worte „Adam“ für das Menschengeschlecht niedergelegt ist. Siehe Comm. zu Gen. 1, 26. Die Erreichung dieser Stufe wird hier durch die Worte כָּל בָּשָׂר ausgesprochen. בָּשָׂר kennzeichnet nämlich die Menschheit im Prophetenworte stets als die ihrer Bestimmungshöhe nahegekommene, vergl. Jes. 66, 23. Denn בָּשָׂר bezeichnet den Zustand, in welchem die solange herrschende Sinnlichkeit sich dem Geiste willig, fügsam unterordnet, nur Organ, Werkzeug, Bote = מְבַשֵּׂר des Geistes ist, dieser aber sich Gott unterordnet und von ihm die Weisung erhält für die Directive seines Willens. Die Erziehung der Menschheit und Israels zu dieser Höhe ist das Ziel, die Erwählung Israels selbst ein Mittel zur Erreichung dieses Zieles. Hier wird dieses mit den Worten ausgesprochen: Ausgießung des Gottesgeistes über „alles Fleisch“, d. i. die Gesamtmenschheit. Als die ersten berufenen Vertreter dieses Geistes, als Propheten werden aber Israels Söhne und Töchter inmitten der Menschheit dastehen. Vergl. Jes. 2, 5 f. Sech. 2, 15.
וְקִנֵיכֶם חֲלֹמוֹת יַחֲלֹמוּן וגו'. Nach Num. 12, 6 ff. ist die Stufe des Prophetentums, auf welcher der Prophet nur im Traume des Empfangens des Gotteswortes gewürdigt wird, eine niedere im Vergleiche zu derjenigen, auf welcher er das ihm von Gott Mitgeteilte unmittelbar schaut. Dann würde es fast scheinen, als sei hier verkündet, daß das jüngere Geschlecht eine höhere Stufe erreichen werde, als das ältere. Unzweifelhaft würde dies der Sinn sein, wenn es von den Jünglingen hieße: חֶזְיוֹנוֹת יֶחֱזוּ. Denn dann würde es sich auf das geistige, das prophetische Schauen beziehen. Da es jedoch heißt: יִרְאוּ, so ist wohl der Sinn folgender: Was eure Alten im Geiste schauen, das werden eure Jungen „sehen“ d. h. erleben, erfahren. Oder, da es sich der Construction nach nicht empfiehlt, חֶזְיוֹנוֹת als Inhalt der unmittelbar zuvor genannten „Träume“ zu begreifen, ganz allgemein: was bisher nur als Gesicht, als Idealbild der Zukunft geschaut wurde, dessen Verwirklichung werden sie erleben.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Es giebt dann nur einen Adel, das ist der allen bestimmte Beruf: Träger des Gottesgeistes zu sein. Vor der Hoheit dieses reinen Menschentums schwinden alle socialen Unterschiede: auch auf die „Knechte“ und auf die „Mägde“ werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Wie aber wird die Menschheit dazu erzogen, daß sie fähig werde, den Geist Gottes zu begreifen? וְנָתַתִּי מוֹפְתִים וגו'. Während אוֹת ein Zeichen ist, an dem der Mensch etwas erkennen kann, bezeichnet מוֹפֵת von יָפַת, verwandt mit פָּתָה, einen Eingriff in die Ordnung der Natur, der sich Beachtung erzwingt, dem sich der Mensch nicht entziehen kann. Solche Ereignisse, die mit Macht dem Menschen seine bisherigen Wahnvorstellungen zerstören und ihm die Erkenntnis der Wahrheit aufzwingen, sind allerdings schmerzlicher Natur. Er soll ja eben zur Erkenntnis kommen, daß alles nichtig war, was er bisher vergötterte, am Himmel die Himmelskörper und Naturgewalten, auf Erden: der eigenen Hände Werk, die Machtmittel der Menschen. Die Erfahrungen socialen und physischen Wehes sind solche Lehrmittel. דָּם und אֵשׁ: Blutvergießen und Zerstörung. Ebenso תִּימְרוֹת עָשָׁן: Rauchsäulen, wörtlich „Rauchpalmen“, von dem majestätischen Emporstreben der in Rauch aufgehenden Herrlichkeiten und Ruhmesgrößen der Menschen. Vergl. יִתְאַבְּכוּ גֵּאוּת עָשָׁן Jes. 9, 17. Alle drei sind מוֹפְתִים, die sich בָּאָרֶץ, auf Erden vollziehen. Der folgende Vers bezieht sich auf die בַּשָּׁמַיִם gefügten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Solange der Mensch noch von dem Wahne beherrscht wird, er könne zum Heile gelangen ohne Gott, ohne Unterordnung unter sein Wort, so lange ist er für das Erscheinen des Gottestages noch nicht reif. Erst muß „die Sonne dunkel werden und der Mond blutrot aufgehn“, d. h. alles, was dem Menschen sonst leuchtet, muß sich als unzulänglich erwiesen haben, bevor der Tag Gottes kommt, denn dieser Tag ist גָּדוֹל: in der Regel die milde, wohlthuende, alles erhaltende und tragende Größe, aber er ist auch נוֹרָא: alles von den Menschen Vergötterte schwindet, es bleibt den Menschen nichts übrig, als ein Name, das ist der Name Gott, wer ihn anruft wird gerettet. Derselbe Weg der Leidenserziehung, den Israel jetzt bis zum Heilesziele durchschritten hat, ihn wird nunmehr unter schweren Schicksalsschlägen die ganze Menschheit geführt. Während überall Verzweiflung herrscht, werden Zion und Jerusalem als Heilesstätten der Erlösung leuchten, und die Strahlen dieses Lichtes sind der Pharus für die nach Erlösung lechzende Menschheit. Als die שְׂרִידִים, die „Vereinzelten“, „Ausgezeichneten“, „Wenigen“, welche Gott beruft, werden die Geretteten Israels in ihrer numerischen Kleinheit und Kenntlichkeit und zugleich nach ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung bezeichnet, als Werkzeuge Gottes für sein Heileswerk an der Menschheit.