Zacharjah 9 זכריה

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1
מַשָּׂ֤א דְבַר־יְהֹוָה֙ בְּאֶ֣רֶץ חַדְרָ֔ךְ וְדַמֶּ֖שֶׂק מְנֻחָת֑וֹ כִּ֤י לַֽיהֹוָה֙ עֵ֣ין אָדָ֔ם וְכֹ֖ל שִׁבְטֵ֥י יִשְׂרָאֵֽל׃
ZunzWortrag des Wortes des Ewigen über das Land Chadrach's und über Dammesek, dessen Wohnstätte — denn der Ewige hat das Auge auf die Menschen, wie auf alle Stämme Jisraël's. —
J. J. HirschSchicksalslast des Wortes Gottes im Lande Chadrach und Damesek seine Ruhestätte, denn Gottes wird das Auge der Menschen und aller Stämme Israels.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 9. Ausblick auf die Zeit, da das „Scheffelmaß“ nicht mehr Israels und der Menschheit Auge bilden wird. Erziehung der Phönizier und Philister zu diesem Ziele (V. 1—7). Gott waltet schützend über seinem Worte und dessen Trägern. Einzug und Wirken des einstigen gottgesandten Königs der Zukunft (V. 8—11). Lasset euch aber nicht entmutigen, erkennet auch die hohe Bedeutung eurer Gegenwart. Verheißung des Gottesbeistandes für die Zeiten der Makkabäer im Kampfe gegen den Hellenismus, „die Söhne Jawans“ (V. 12—14). Weckungsmacht der Leiden, Beschützung Israels in denselben, seine Erhebung und seine Weihe (V. 15—17).

Kap. 9. Dieses Kapitel steht insofern in innigem Zusammenhang mit dem vorigen, als dort auf den Beginn der Erhebung und der Rückkehr der Menschheit zu Gott hingeschaut, hier aber an dem Beispiel der das damalige Israel umgebenden Völker und an dem an ihnen sich vollziehenden Gerichte der Weg gezeigt wird, auf welchem diese Erhebung und diese Rückkehr vorbereitet wird. Es ist der Weg der Leidenserziehung, der Selbsterfahrung der Nichtigkeit aller materiellen Größe und Machtmittel, wenn diese, ohne Gottesbewußtsein und gegen die von Gott dem Menschen gegebene Bestimmung, nur in den Dienst der Sinnlichkeit und der Selbstsucht gestellt sind. Mit diesem Kapitel beginnt der dritte Abschnitt des Prophetenwortes Secharjas. Es und ebenso Kap. 12 tragen die Überschrift מַשָּׂא דְּבַר ה'. „Geschickeslast des Wortes Gottes“, d. i. die Last, welche das Wort auflegt, das Geschick, welches das seine Verwirklichung suchende Wort Gottes den Ländern und Völkern bringt, in denen es seine Verwirklichung, seine „Ruhestätte“ finden will.

V. 1. Über die Bedeutung des Wortes חַדְרָךְ gehen die Ansichten weit auseinander. Wenn auch R. Jose ben Durmaskith in einer Boreitha im Sifre gegen eine anderweitige symbolische Auffassung des Namens, die dort versucht war, lebhaft protestiert und das Vorhandensein eines Ortes Chadrach in seinem Heimatlande Damesek bezeugt, so dürfte dennoch an der lediglich symbolischen Bedeutung nicht zu zweifeln sein. Chadrach war jedenfalls eine unbedeutende und sonst gänzlich unbekannte Stadt, sie kann daher ebensowenig als Beispiel angeführt werden, etwa in dem Sinne: das Wort Gottes soll selbst in dem unbedeutendsten Wohnsitze von Menschen seine Verwirklichung finden, noch paßt es, nach einer solchen unbekannten Stadt ein Land zu benennen, בְּאֶרֶץ חַדְרָךְ. Hält man diese Gründe nicht für durchschlagend, dann würde es heißen: Geschickeslasten, die eintreten müssen, damit auch nur in dem unbedeutendsten Orte wie Chadrach das Gotteswort seine Stätte finden, vorhanden sein könne. Wir halten jedoch den Namen für einen symbolischen, vom Propheten aus der Zusammenfügung der beiden Worte חַד und רַךְ gebildeten. חַד: scharf, was in anderes eindringt, es durchbohrt oder durchschneidet, also die tiefsten Eindrücke hervorbringt, und רַךְ: weich, zart, empfindlich und fügsam: Was zuerst jeder Einwirkung unzugänglich war, ihr nicht nur passiven Widerstand entgegensetzte, sondern angreifend vorging und dennoch die Fähigkeit hatte, weich, zart, empfindlich und fügsam zu werden. Mag sich dies nun zunächst auf ein bestimmtes Land oder auf die ganze Erde beziehen, je nachdem אֶרֶץ in engerem oder weiterem Sinne gefaßt wird: jedenfalls sind es die Geschickeslasten, die dem Wort Gottes die Stätte auf Erden gewinnen wollen, die das Wunder der Umwandlung des חַד in רַךְ bewirken. Offenbar wird hier auf eine Zeit hingewiesen, in der das Gotteswort über den jüdischen Kreis hinaus selbst in „Damaskus seine Stätte finden“ soll. Diese Hauptstadt Arams, die ja in den Zeiten der Könige als stets kampfbereite Bedrängerin Judas in der politischen Geschichte jener Zeit und in den diplomatischen Berechnungen der jüdischen und israelitischen und auch assyrischen Staatsmänner eine so große Rolle gespielt hatte, dient hier, wie auch die nachfolgenden Namen, als typische Bezeichnung, als Repräsentantin der dem Gottesvolke feindlichen Völker. „Und selbst Damaskus soll seine Ruhestätte sein.“ Damaskus ist Subject. Das Suffix in מִנְחָתוֹ bezieht sich auf דְּבַר ה'. Also: die Geschickeslast, die durch das Gotteswort auf dem Lande Chadrach, oder der Erde, die „Chadrach“ ist, lasten wird, selbst Damaskus soll seine Ruhestätte werden: denn nicht immer soll das Auge der Menschen ein Epha, ein Scheffelmaß (s. o. K. 5, V. 6) bleiben, daß sie nur Augen für das Sinnliche haben und nur mit dem Maß des Sinnlichen und unter dem Gesichtspunkt der Sinnlichkeit etwas beurteilen. Vielmehr Gottes wird das Auge der Menschen und aller Stämme Israels werden, daß sie, in huldigender Unterordnung unter den dann auch von ihnen erkannten und anerkannten Willen Gottes, ihr Auge sein Auge sein lassen, d. i. nur mit dem von ihm gerichteten Maß die Dinge und Verhältnisse messen und werten. Die Worte „aller Stämme Israels“, bei denen die Totalität noch durch das emphatisch durch den Accent hervorgehobene וְכֹל betont wird, beziehen sich auf die früh entfremdeten und auch während der Zeiten des zweiten Tempels nicht wieder in Beziehung zum Heimatlande getretenen zehn Stämme. Auch deren Rückgewinnung bleibt ein Augenmerk der göttlichen Vorsehung und auch an ihnen arbeitet מַשָּׂא דְּבַר ה'.

2
וְגַם־חֲמָ֖ת תִּגְבׇּל־בָּ֑הּ צֹ֣ר וְצִיד֔וֹן כִּ֥י חָֽכְמָ֖ה מְאֹֽד׃
ZunzUnd auch (über) Chamat, das daran gränzt, Zor und Zidon, die doch so weise sind.
J. J. HirschUnd auch Chamath wird mit ihm messen, Zor und Zidon, so weise es auch ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. גָּבַל die Grenzlinien ziehen, den Umfang eines Körpers bestimmen, daher messen, in übertragenem Sinne: urteilen; בָּהּ bezieht sich auf עַיִן. Selbst Chamath wird mit dem vom göttlichen Geiste erleuchteten und geleiteten Auge dann die Dinge und Verhältnisse betrachten, und auch Tyrus und Sidon — denn weise, oder חכם hier wohl mehr in dem Sinne von klug, war sie sehr. Das Subject des Singulars חָכְמָה ist Tyrus und Sidon, die zusammengefaßt werden. Die durch וְגַם ausgedrückte Steigerung bezieht sich auch auf sie, hatte von vornherein sie im Auge gehabt, deshalb auch צֹר ohne verbindendes ו. Dieser mit כִּי eingeleitete Hinweis auf die Weisheit der blühenden und durch eine reiche Cultur ausgezeichneten phönicischen Städte, die gleichwohl, durch die Geschickeslast gedemütigt, noch dazu kommen werden, mit vom Gottesworte erleuchtetem Auge die Dinge zu schauen, läßt das כִּי hier im Sinne des adversativen Grundes, d. i. obgleich, fassen: so weise oder klug sie auch sind. Die Intelligenz, wie der Gewerbefleiß und der Handelsgeist hatte gerade diese Städte, insbesondere Tyrus, zu hohem Flor und unermeßlichem Reichtum gebracht; sie hatten sich, wie es im folgenden Vers heißt, fast uneinnehmbar gemacht und „Silber aufgehäuft wie Staub und Gold wie Straßenkot“, und wenn irgendwo, so hatte hier der nur Besitz und Genuß kennende und schätzende Materialismus seine Stätte. Die Größe und Machtherrlichkeit dieser Städte und das sie ereilende Geschick sind Jesaias Kap. 23 und Ezechiel Kap. 26—28 ausführlich geschildert.

3
וַתִּ֥בֶן צֹ֛ר מָצ֖וֹר לָ֑הּ וַתִּצְבׇּר־כֶּ֙סֶף֙ כֶּֽעָפָ֔ר וְחָר֖וּץ כְּטִ֥יט חוּצֽוֹת׃
ZunzHabe auch Zor sich Vesten erbauet, und Silber gehäuft wie Staub, und Gold wie Gassenkoth;
J. J. HirschDa baute Zor sich eine Feste und häufte Silber an wie Staub und Gold wie Gassenkot!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. Nur Tyrus wird genannt, weil es, obgleich eine Tochterstadt Sidons, dieses mächtig überflügelt hatte, ähnlich in der Überschrift von Jes. 23, obgleich dort auch das Geschick Sidons verkündet wird. Freilich glaubte es sich durch die im Meere angelegte Festung, es ist das Insel-Tyrus gemeint, gegen alle feindlichen Angriffe geschützt zu haben, es hatte auch wirklich den Eroberungsversuchen der Assyrer unter Salmanassar Trotz geboten und selbst Nebucadnezar hatte es in langjähriger Belagerung trotz „schwerer Arbeit“ (Ez. 29, 18) nicht einnehmen können, aber:

4
הִנֵּ֤ה אֲדֹנָי֙ יֽוֹרִשֶׁ֔נָּה וְהִכָּ֥ה בַיָּ֖ם חֵילָ֑הּ וְהִ֖יא בָּאֵ֥שׁ תֵּאָכֵֽל׃
ZunzSiehe, der Herr läßt es einnehmen und schlägt in das Meer seinen Wall, und es selbst wird vom Feuer verzehret.
J. J. HirschSiehe Gott läßt sie einnehmen und wird durch das Meer ihre Macht schlagen, und sie wird durch Feuer verzehrt werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. Siehe, אֲדֹנָי, Gott, der sein Wort durch seine Propheten verkündet, wird es einnehmen lassen, er wird seine Macht im Meere schlagen, d. i. tödlich treffen; nach Stellung und Accent gehört jedoch בַּיָּם zu וְהִכָּה, es würde sich damit die Überlieferung begründen, daß Tyrus durch eine Anschwellung des Meeres gefallen und dann verbrannt sei. Also: Gott läßt durch das Meer selbst seine Größe zu Grunde gehen, oder: schlägt durch das Meer seine Mauer, seine Umwallung, und in diesem Untergang des mächtigen Handelsstaates werden die kleinen philistäischen Städte und Bezirke den warnenden Spiegel des auch ihnen drohenden Geschickes sehen.

5
תֵּרֶ֨א אַשְׁקְל֜וֹן וְתִירָ֗א וְעַזָּה֙ וְתָחִ֣יל מְאֹ֔ד וְעֶקְר֖וֹן כִּֽי־הֹבִ֣ישׁ מֶבָּטָ֑הּ וְאָ֤בַד מֶ֙לֶךְ֙ מֵֽעַזָּ֔ה וְאַשְׁקְל֖וֹן לֹ֥א תֵשֵֽׁב׃
ZunzAschkelon schauet es und fürchtet sich und Asah, und zittert sehr, und Ekron — denn zu Schanden wird seine Zuversicht; und es schwindet ein König aus Asah, und Aschkelon wird nicht bewohnt.
J. J. HirschAschkelon wird es sehen und sich fürchten, ebenso Asa, und wird heftig zittern, und Ekron: denn getäuscht hat ihre Hoffnung, und es schwindet der König aus Asa, und Aschkelon wird nicht bewohnt sein.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. Das vorangestellte Prädikat תֵּרָא bezieht sich auf alle drei genannten Stätten. מִבָּטָהּ nur hier und Jes. 20, 5 in der Form מַבָּט dasjenige, auf das hoffend, vertrauend hingeblickt wird. Die alle gemeinsam treffenden Wirkungen des Schreckens werden rhetorisch auf die einzelnen Städte verteilt. הוֹבִישׁ Hiphil von בּוֹשׁ: zu Schanden machen, sie hatten an die Ewigkeit und Unzerstörbarkeit der phönicischen Macht geglaubt, und diese hat durch den eigenen Untergang die auf sie und die Stärke ihres Prinzips gebaute Hoffnung getäuscht, d. i. zu Schanden gemacht.

6
וְיָשַׁ֥ב מַמְזֵ֖ר בְּאַשְׁדּ֑וֹד וְהִכְרַתִּ֖י גְּא֥וֹן פְּלִשְׁתִּֽים׃
ZunzUnd Ausländer wohnen in Aschdod, und ich tilge den Stolz der Pelischtim.
J. J. HirschUnd es wohnt der in Blutschande Erzeugte in Aschdod und vernichten werde ich den Stolz der Philister.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. מַמְזֵר bezeichnet hier verachtete, an anderen Orten ausgeschlossene Leute. In Aschdod werden sie gesicherte Stätte finden. יֶשֶׁב in dem Sinne des friedlichen, gesicherten Wohnens. Wenn solche Leute in Aschdod willkommen sind, so kennzeichnet sich darin dessen gänzliche Herabgekommenheit. Die zweite Hälfte des Verses faßt das über sämtliche philistäische Städte Gesagte zusammen: so werde ich den Stolz der Philister tilgen.

7
וַהֲסִרֹתִ֨י דָמָ֜יו מִפִּ֗יו וְשִׁקֻּצָיו֙ מִבֵּ֣ין שִׁנָּ֔יו וְנִשְׁאַ֥ר גַּם־ה֖וּא לֵֽאלֹהֵ֑ינוּ וְהָיָה֙ כְּאַלֻּ֣ף בִּֽיהוּדָ֔ה וְעֶקְר֖וֹן כִּיבוּסִֽי׃
ZunzUnd ich reiße den blutigen Raub aus seinem Munde, und seine Gräuel zwischen seinen Zähnen hervor, und auch das verbleibt unserm Gott, und wird wie eines Fürsten (Sitz) in Jehudah, und Ekron ist wie Jebusi.
J. J. HirschEntfernen werde ich sein Blut aus seinem Munde und seine Greuel von zwischen seinen Zähnen! so wird auch es [das Volk der Philister] übrig bleiben unserem Gotte und wird werden wie ein Stammesfürst in Juda und Ekron wie der Jebußi.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. Die unmittelbar zuvor genannten Philister werden nun als eine Volkseinheit gefaßt, auf sie beziehen sich die Suffixe dieses Verses und das Pronomen

הוּא. Der Sinn ist offenbar: das jetzt in Blutschuld und Götzengreuel versunkene Philistäa wird durch die schweren Heimsuchungen geläutert und „selbst“ es wird „unserem Gotte“ gewonnen. Es wird an diesem kleinen Landstriche beispielsweise gezeigt, auf welchem Wege die ganze Menschheit für Gott gewonnen werden wird. So lange das „Epha“ ihr Auge ist, hat Gottes Wort keine Stätte, erst wenn die das Materielle vergötternden Mächte in und an dieser Vergötterung Schiffbruch gelitten haben, werden sie das Bedürfnis eines Haltes fühlen (s. K. 8, 20—23) und werden in dieser huldigenden Anerkennung ein vollwertiges Glied in der Menschenfamilie werden. Der Contrast zwischen der Gesunkenheit und der Erhebung wird noch schärfer durch die Worte „aus seinem Munde“ und „von zwischen seinen Zähnen“ zum Ausdruck gebracht. Die tierische Gier, mit der es in der Befriedigung seiner entfesselten Triebe schwelgt, läßt es mit einem Raubtiere vergleichen. In der schweren Schule des Leidens wird Gott sein Blutvergießen und seine mit schamlosester Unzucht verbundenen Götzengreuel beseitigen, es davon befreien. כִּיבוּסִי blickt wohl auf Arawna den Jebusäer hin, der seine Tenne David zur Erbauung des Altares und seine Rinder zum Opfer darbot 2 Sam. 24, 16 ff., 1 Chron. 21, 15 f. und es heißt: Ekron, d. h. der Bewohner von Ekron, dieser stets Israel so feindlichen Stadt, wird sein wie der Jebusiter, der in jenem ernsten Augenblicke seine Gotteshuldigung bekundete. Bei der Erwähnung Ekrons wird auch vielleicht auf seinen in so hohem Ansehen stehenden Götzen Baal-Sebub hingeblickt, dessen Orakel Achasja befragte (2. Kön. 1, 2). Die Erbauung und Verherung der V. 1—7 genannten Gebiete ist durch Alexanders Zug erfüllt, für die Erfüllung der Heilesfolgen blickt das Prophetenwort V. 1 auf jene Zeit hin, „da Gott das Auge der Menschen und aller Stämme Israels sein wird.“

8
וְחָנִ֨יתִי לְבֵיתִ֤י מִצָּבָה֙ מֵעֹבֵ֣ר וּמִשָּׁ֔ב וְלֹֽא־יַעֲבֹ֧ר עֲלֵיהֶ֛ם ע֖וֹד נֹגֵ֑שׂ כִּ֥י עַתָּ֖ה רָאִ֥יתִי בְעֵינָֽי׃ {ס}
ZunzUnd ich lagere vor meinem Hause wider Schaaren, wider Hinund Herziehende, und nicht ziehet fürder ein Dränger über sie her, denn nun schaue ich (darauf) mit meinen Augen.
J. J. HirschUnd ich werde das Heereslager sein für mein Haus wider jede Heeresmasse und wider jeden, der hinübergeht oder zurückgeht, und kein Angreifer wird fürder sie überziehen — denn nunmehr habe ich mit meinen Augen geschaut.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. Denn daran, an diesem Ziele, werden die Menschen es erkennen, daß ich mein Heiligtum, das Heiligtum meines Wortes, beschütze gegen jede feindliche Heeresmasse — das ה anstatt des א in צְבָה läßt den verbalen Begriff des Anschwellens noch mehr hervortreten — ich werde mich erwiesen haben als den allmächtigen Beschützer gegen jeden direkten Angriff und gegen jede nur gelegentlich unternommene Bedrohung meines Hauses. Der hier zunächst verheißene Schutz bezieht sich nicht sowohl auf die bedrohten Sprossen des Jacobshauses, als vielmehr auf das Judentum, die Wahrheit des Gotteswortes. Man denke an alle jene durch die Jahrtausende sich hinziehenden Versuche der materialistischen Weltanschauung, das Dasein Gottes, den Glauben an die göttliche Vorsehung, an die Offenbarung, an die Unsterblichkeit und sittliche Freiheit ins Gebiet der Ammenmärchen zu verweisen, ebensowohl in direktem offenen Angriffe, als in dem noch gefährlicheren, scheinbar gelegentlichen, d. i. עֹבֵר וָשָׁב wo die Nichtigkeit aller dieser heiligsten Fundamentalwahrheiten den Augen der Unbesonnenen und Urteilseinseitigen als angeblich erwiesen und wissenschaftlich gesichert dahingestellt wird. Das ist der לְבֵיתִי zugewandte Schutz. An ihn schließt sich dann auch die Bekundung und vor allem die Erkenntnis des auch über den Träger, עֲלֵיהֶם, dieser Wahrheiten waltenden Gottesschutzes an, so daß auch sie vor jeder Bedrohung dann geschützt und bewahrt sind. Denn — das werden sie in den selbsterlebten Geschicken „erkannt haben“: „denn nunmehr nehme ich Einblick mit meinen Augen,“ d. h. ich trete aus meiner Zurückgezogenheit hervor, gebe mein Heiligtum und seine Träger und Vertreter nicht mehr scheinbar preis. Also sie werden erkennen, daß es eine Vorsehung giebt.

9
גִּילִ֨י מְאֹ֜ד בַּת־צִיּ֗וֹן הָרִ֙יעִי֙ בַּ֣ת יְרוּשָׁלַ֔͏ִם הִנֵּ֤ה מַלְכֵּךְ֙ יָ֣בוֹא לָ֔ךְ צַדִּ֥יק וְנוֹשָׁ֖ע ה֑וּא עָנִי֙ וְרֹכֵ֣ב עַל־חֲמ֔וֹר וְעַל־עַ֖יִר בֶּן־אֲתֹנֽוֹת׃
ZunzFrohlocke sehr, Tochter Zijon, juble, Tochter Jeruschalajim! Siehe, dein König kommt dir, gerecht und siegreich ist er; demüthig, und reitend auf einem Esel, auf einem Füllen, dem Jungen der Eselinnen!
J. J. HirschJauchze laut, Tochter Zions, jubele, Tochter Jeruschalajims! Siehe es kommt der König dir, gerecht und vom Heile getragen ist er, arm ist er und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen, von Eselinnen geboren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. Dann ist für Zion, die Stätte des Gottesheiligtums, und für Jeruschalajim, die Stadt, in der das auf Zion thronende Gesetz seine volle Erfüllung finden soll, die Zeit des Jauchzens gekommen. Gekommen ist die Stunde, wo das Zedek-Ideal auf Erden, zu allererst in dem menschheitpriesterlichen Israel und dessen Herzpunkte, seine Verwirklichung erreicht. Dann „kommt dein König Dir.“ Er ist kein Gott, er ist צַדִּיק, er ist „gerecht“, er ist nicht Herr, er steht im Dienste des Zedek-Ideals, und weil er gerecht ist, deshalb ist er נוֹשָׁע (Niphal, Passiv), er ist nicht מוֹשִׁיעַ, der Heilbringende — das ist nur der allmächtige Gott! — sondern ein Mensch, der Heil von Gott empfängt, er ist der erste Diener Gottes! Er bringt keine neue Pflicht und keine neue Lehre, sondern als ein צדיק bringt er die alte, bis dahin der vollen Erfüllung harrende Lehre des צֶדֶק zur Verwirklichung. In diesem Dienste des צֶדֶק allein ruht seine Stärke (Vergl. Jes. 11, 5: וְהָיָה צֶדֶק אֵזוֹר מָתְנָיו וגו'). Darum hast du, Zion, deinen König nicht im Glanze materieller Macht auf stolzem Rosse, dem Tiere des Krieges, zu erwarten. Vielmehr „arm ist er und auf bescheidenem Lasttiere reitend.“ Das Roß ist immer das Bild der nationalen Kriegsmacht, im Gegensatze dazu steht der im Kriege ganz untaugliche Esel, das Reittier des Friedens und der Träger der Lasten, und zwar עַיִר, ein junges Tier. Der Zusatz בֶּן־אֲתֹנוֹת, ein Füllen, ein Junges von Eselinnen, bezeichnet das Tier als ein ganz gewöhnliches, vielleicht auch im Gegensatz zu פֶּרֶד und פִּרְדָּה, dem Maultier, das 2 Sam. 13, 29 als Reittier der königlichen Prinzen, ferner 1 Kön. 1, 33. 38. 44 als Reittier Davids erscheint, auf dem Salomo zur Salbung als König geführt wird, und endlich, ebenfalls im Kriege, 2 Sam. 18, 9. Es ist also das Tier des Friedens und der allen Glanzes entbehrenden bescheidenen äußeren Erscheinung, auf dem „dein König, Zion“ seinen Einzug halten wird.

10
וְהִכְרַתִּי־רֶ֣כֶב מֵאֶפְרַ֗יִם וְסוּס֙ מִיר֣וּשָׁלַ֔͏ִם וְנִכְרְתָה֙ קֶ֣שֶׁת מִלְחָמָ֔ה וְדִבֶּ֥ר שָׁל֖וֹם לַגּוֹיִ֑ם וּמׇשְׁלוֹ֙ מִיָּ֣ם עַד־יָ֔ם וּמִנָּהָ֖ר עַד־אַפְסֵי־אָֽרֶץ׃
ZunzUnd ich tilge Wagen aus Efrajim und Rosse aus Jeruschalajim, und vertilgt wird der Bogen des Krieges, und er verkündet Frieden den Völkern; und seine Herrschaft geht von Meer zu Meer, und vom Strom bis an die Enden der Erde.
J. J. HirschVernichtet werde ich haben die Kriegswagen aus Ephraim und die Rosse aus Jeruschalajim, und vernichtet wird sein der Bogen des Krieges, und Frieden wird er den Völkern reden, und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Strome bis an die Enden der Erde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. Da zur Zeit Secharjas das unter Ephraim stets begriffene israelitische Reich längst zerstört war und auch in den Zeiten des zweiten Tempels nicht wieder errichtet wurde, so ist וְהִכְרַתִּי als Fut. ex. zu fassen, wie Micha 5, 9 ff. bei der Prophezeiung gleichen Inhalts. וְנִכְרְתָה ist Verallgemeinerung des eben von Ephraim und Jeruschalajim Ausgesprochenen: und überhaupt wird der Bogen des Krieges vernichtet werden. Denn: das Zeitalter des Friedens ist gekommen, „er kündet Frieden den Nationen“. In dem וְדִבֶּר liegt hier zugleich das Gebietende. Und so arm an materieller und kriegerischer Macht er erscheint, so reicht doch seine Herrschaft über die ganze Erde.

11
גַּם־אַ֣תְּ בְּדַם־בְּרִיתֵ֗ךְ שִׁלַּ֤חְתִּי אֲסִירַ֙יִךְ֙ מִבּ֔וֹר אֵ֥ין מַ֖יִם בּֽוֹ׃
ZunzAuch deine Gefesselten, um deines Bundesblutes willen, lasse ich frei aus der Grube, darin kein Wasser ist.
J. J. HirschAber auch du, wegen des Blutes deines Bundes habe ich deine Gefangenen frei gemacht aus der Grube, in der kein Wasser war.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. Aber auch du, spricht er zu seinen Zeitgenossen, der du den צַדִּיק וְנוֹשָׁע noch nicht siehst, der du nichts hast, als das „Blut deines Bundes“, des Mila-Bundes, durch den Gott jeden einzelnen unmittelbar mit sich in Verbindung gesetzt hat, so daß auch der vereinzeltste Jude, selbst ohne jeden nationalen Zusammenhang, auch in der Zerstreuung durch die Selbstbeherrschung, die Selbstläuterung und Weihe, zu der ihn das „Blut des Mila-Bundes“ lädt, sich der innigsten Gottesnähe teilhaftig machen kann und soll, auch du bist ja nicht verloren gewesen, du hast es ja selbst erlebt, wie ich deine Gefangenen aus der „Grube“, dem babylonischen Exil, gerettet habe, in der von Anfang an „kein Wasser gewesen“, in der dein Leben in Wahrheit nie bedroht war.

12
שׁ֚וּבוּ לְבִצָּר֔וֹן אֲסִירֵ֖י הַתִּקְוָ֑ה גַּם־הַיּ֕וֹם מַגִּ֥יד מִשְׁנֶ֖ה אָשִׁ֥יב לָֽךְ׃
ZunzKommet wieder zu festem Vertrauen, harrende Gefesselte! Ja, heute erstatte ich dir zwiefache Verheißung.
J. J. Hirsch[Deshalb] kehrt zurück zur Stärke, ihr Gefangenen der Hoffnung! Auch heute sende ich dir ja wieder den, der Doppeltes dir kündet!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. Darum lasset euch durch den Hinblick auf jenes ferne Ziel nicht lähmen, nicht mut- und kraftlos machen, ermannet euch, kehret zurück zu eurer Stärke und Festigkeit, die ihr „durch die Hoffnung, die Sehnsucht, gefesselt seid!“ Sammelt euch zur Stärke! Sehet, auch heute, in dieser Zeitlichkeit, spricht Gott, sandte ich euch ja den Propheten, der euch eine doppelte Stellung enthüllt, einerseits die ferne Zukunft und sodann eure Gegenwart im Dienste und als Anbahnung jener Zukunft. — Der ganze Inhalt der Prophezeiungen Secharjas ist ja durch diese Worte: מַגִּיד מִשְׁנֶה „der Künder von Zwiefachem“ charakterisiert, wie wir dies bisher in der ganzen Reihe der Kapitel erkannt haben.

13
כִּֽי־דָרַ֨כְתִּי לִ֜י יְהוּדָ֗ה קֶ֚שֶׁת מִלֵּ֣אתִי אֶפְרַ֔יִם וְעוֹרַרְתִּ֤י בָנַ֙יִךְ֙ צִיּ֔וֹן עַל־בָּנַ֖יִךְ יָוָ֑ן וְשַׂמְתִּ֖יךְ כְּחֶ֥רֶב גִּבּֽוֹר׃
ZunzDenn ich habe mir Jehudah gespannt, als Bogen gefaßt Efrajim, und ich erwecke deine Söhne, Zijon, gegen deine Söhne, Jawan, und mache dich gleich dem Schwerte des Helden.
J. J. HirschDenn ich habe mir Juda gespannt, den Bogen fülle ich mit Ephrajim, und ich erwecke deine Söhne, Zion, über deine Söhne, Jawan, und mache dich wie Heldenschwert!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. Indem hier Ephraim als der Pfeil bezeichnet wird, der von Juda, als dem Bogen in Gottes Hand, entsandt wird, kennzeichnet sich dieser Teil des Verses als eine in die ferne Zukunft schauende Gottesrede; der folgende, mit וְעוֹרַרְתִּי beginnende Teil verkündet den zu den Zeiten der Makkabäer sich vollziehenden Sieg des von Zion ausgehenden Geistes über den auch in Juda eingedrungenen griechischen Geist. So steht auch in diesem Verse der Prophet als מַגִּיד מִשְׁנֶה da. Das entfremdete Ephraim ist nicht auf ewig verloren, in dem um Zion sich sammelnden Juda aber ruht die Spannkraft Israels. Es kommt die Zeit, wo auch das zu Gott heimkehrende Ephraim dem von Juda ausgehenden Impulse folgen, den Pfeil zerbrechen wird, der auf dem Bogen ruht, von dem er Richtung empfängt. Als dieser Bogen in Gotteshand, „von Gott gespannt“, wird Juda bezeichnet. Das durch den Accent von Juda getrennte und zu מִלֵּאתִי gehörige קֶשֶׁת ist gleichzeitig als selbstverständliches Objekt zu דָּרַכְתִּי zu ergänzen. Damit aber Juda dieser „Bogen in Gottes Hand“ werde, dazu wird es noch einen Kampf in seinem Innern zu bestehen haben; durch Gottes Gnade wird es den eingedrungenen griechischen Geist siegreich überwinden. Die dem Hellenismus erlegenen jüdischen Männer werden hier „deine Söhne, Jawan“ genannt, gegen die „deine Söhne, Zion“ von Gott zum Kampfe geweckt und begeistert werden, und „dich, Zion, mache ich zum Schwerte des Helden!“ Der von Zion ausgehende Geist wird unter sichtbarem Beistande Gottes zünden in dem Herzen des Volkes und den reinen Söhnen Zions die siegende Heldenkraft über die jüdischen Söhne Jawans verleihen, wie diese sichtbare Bekundung der Gottesnähe im folgenden Verse ausgesprochen ist.

14
וַֽיהֹוָה֙ עֲלֵיהֶ֣ם יֵֽרָאֶ֔ה וְיָצָ֥א כַבָּרָ֖ק חִצּ֑וֹ וַֽאדֹנָ֤י יֱהֹוִה֙ בַּשּׁוֹפָ֣ר יִתְקָ֔ע וְהָלַ֖ךְ בְּסַעֲר֥וֹת תֵּימָֽן׃
ZunzUnd der Ewige erscheint über ihnen, und herausfährt wie der Blitz sein Pfeil; und Gott der Herr stößt in die Posaune und ziehet einher in den Wettern des Südens.
J. J. HirschUnd Gott wird über ihnen sichtbar werden, und wie der Blitz fährt sein Pfeil daher, und mein Herr, der seine Gnade als waltende Gerechtigkeit offenbarende Gott, wird in den Schofar stoßen und dahinziehen in den Stürmen des Südens.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. עֲלֵיהֶם bezieht sich auf die Söhne Zions, denen Gott den Sieg über die überwältigende Übermacht verleihen wird. In diesem Siege des wieder erweckten jüdischen Geistes und der jüdischen Treue wird sich sichtlich Gott offenbaren, es ist das letzte sichtbare נֵס, es ist der Schofarruf, mit dem Gott die Seinen rief, und dieser Ruf tönt mächtig fort, tönt noch fort durch alle Stürme und in allen Stürmen „des Südens!“ Unter תֵּימָן ist Edom verstanden, als Prototyp aller auf Gewalt gegründeten Reiche, des vierten Weltreichs Daniels, das in seiner vielgestaltigen Erscheinung als bis zum Ziele der Tage dauernd geschaut wird. In diesem Sinne wäre der aus den Worten בַּשּׁוֹפָר יִתְקַע zu entnehmende Schofarruf das Subjekt von הָלַךְ. Näher liegend ist es jedoch, הלך auf Gott zu beziehen, dann heißt es: dieser Sieg zur Zeit der Makkabäer ist das letzte unmittelbare und sichtbare Eingreifen Gottes in die jüdische Geschichte, dann zieht er sich scheinbar zurück, greift nicht offen ein während aller völkergeschichtlichen Stürme Themans. In Wirklichkeit jedoch waltet er auch in allen diesen Stürmen unsichtbar schirmend über den Seinen, wie dies gleich im folgenden Verse ausgesprochen wird.

15
יְהֹוָ֣ה צְבָאוֹת֮ יָגֵ֣ן עֲלֵיהֶם֒ וְאָכְל֗וּ וְכָֽבְשׁוּ֙ אַבְנֵי־קֶ֔לַע וְשָׁת֥וּ הָמ֖וּ כְּמוֹ־יָ֑יִן וּמָֽלְאוּ֙ כַּמִּזְרָ֔ק כְּזָוִיּ֖וֹת מִזְבֵּֽחַ׃
ZunzDer Ewige der Heerschaaren ist ein Schirm über ihnen, und sie werden essen und überwinden die Schleudersteine, und trinken und lärmen wie Wein (berauschte), und voll seyn wie Opferschalen, wie die Ecken des Altars.
J. J. HirschGott der Schöpfungsscharen wird schirmend über ihnen walten! Und essen werden sie und überwinden die Schleudersteine, und werden trinken und aufwallen wie vom Weine, und werden voll sein wie die Opferschalen, ja wie die Ecken des Altares!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. עֲלֵיהֶם bezieht sich auch hier auf בָּנַיִךְ צִיּוֹן. Gott wird über den hinausgesandten Söhnen Zions schützend walten, er ist ja „Gott der Schöpfungsscharen“, alles steht ja in seinem Dienste. Er wird ihnen die siegende Kraft geben, daß alle Kämpfe, die sie durchzumachen haben, sie nur stärken und läuternd heben werden; was von ihren verblendeten Feinden zu ihrer Vernichtung bestimmt ist, wird, wie es in erhabener Schilderung hier heißt, ihnen gerade zur Erhaltung dienen, die „Schleudersteine“, deren Ziel die verfolgten Söhne Zions waren, „werden ihnen zur Nahrung“ gereichen, die Weckungsmacht der Not, die durch die wütenden Verfolgungen bewirkte innige Durchdringung mit dem Geist des göttlichen Wortes wird durch dieses kühne Bild gezeichnet. Ja, das gehetzte Israel wird in seinen Leiden das glücklichste Volk sein, sie werden geistig gehoben, werden „aufwallen“ wie vom Weine und werden durch diese Leiden zu jener felsenfesten Treue gestählt, zu jenem Heldenmut und jener Tapferkeit, die Tod nicht scheut noch Marter, zu jener Seelengröße, die freudig bereit ist, alles zu opfern um der Treue willen zu ihrem Gotte. Was einst die Weihehandlungen im Heiligtume symbolisch lehrten, das werden sie in erhabener Selbstverleugnung als die wahren Söhne und Töchter Zions in den dunklen Zeiten, in dem Martyrium des Todes und dem noch qualvolleren Martyrium des Lebens, ein leuchtend Wahrzeichen ihren Kindern, und einst auch ihren Verfolgern, in Wirklichkeit vollbringen. Das ist mit mächtig ergreifender Anschaulichkeit von ihnen hier ausgesprochen: sie sind „voll wie Opferschalen, aus denen das Blut an den Altar gesprengt wurde“, das heißt: jeder Pulsschlag des Blutes, das in ihren Adern strömt, ist Gottes, ist der Verwirklichung seines Willens geweiht, und jeden Augenblick sind sie bereit, so die Stunde es erfordert, es zur Bewährung und Bewahrung ihrer Treue zu vergießen. Ja, sie selbst sind wie „die Ecken des Altars“. Es ist das eine Steigerung. Das Blut in der Opferschale hat erst die Bestimmung gesprengt zu werden, das Blut an den זָוִיּוֹת הַמִּזְבֵּחַ hat seine Bestimmung bereits erreicht, es ist bereits geweiht. Mit diesen Worten ist in unerreichbarer Kürze die ganze Seligkeit und Herrlichkeit eines in seiner Pflichterfüllung inmitten aller Verkennung und Verfolgung vollendeten jüdischen Lebens gekennzeichnet. Die auf sie geschleuderten Steine umwandeln sie sich überwindend zum Brode, ja zum Weine, und in jedem Augenblicke ihres Lebens, den Gott ihnen schenkt, gleichen sie dem vollen Sprengbecken, dessen Blut nur die Richtung zur Altarhöhe kennt, ja sie gleichen dem Altare selbst. Ihr ganzes Leben wie ihr Streben ist ein einziges fortgesetztes Kiddusch Haschem, eine fortgesetzte Heiligung des göttlichen Namens.

16
וְֽהוֹשִׁיעָ֞ם יְהֹוָ֧ה אֱלֹהֵיהֶ֛ם בַּיּ֥וֹם הַה֖וּא כְּצֹ֣אן עַמּ֑וֹ כִּ֚י אַבְנֵי־נֵ֔זֶר מִֽתְנוֹסְס֖וֹת עַל־אַדְמָתֽוֹ׃
ZunzUnd es erlöset sie der Ewige ihr Gott an selbigem Tage, wie eine Heerde, sein Volk; ja, als Kronensteine ragen sie auf seinem Boden.
J. J. HirschUnd helfen wird ihnen Gott ihr Gott an jenem Tage, als der Herde, die sein Volk ist — denn Steine der Weihe sind sie, die sich zur Wahrzeichenhöhe erheben auf seinem Boden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. Die Bestimmung לִי לְעָם, die einst über Israel bei seiner Erwählung, bevor es zum Volke erstanden war, in der Stunde der Ankündigung seiner Befreiung ausgesprochen wurde (Ex. Kap. 6, V. 7): von dem hier geschauten Israel ist sie erreicht, es ist „sein Volk“ geworden; das einst an jenem ersten vierzehnten Nissan dargebrachte שֶׂה, dessen Mahnung und Weihegelöbnis in allen nachfolgenden Rüsttagen zum nationalen Geburtsfeste sowie in den täglichen Tieropfern sich vergebens wiederholt hatten, sie werden dann eine Wahrheit geworden sein; das Israel, das מָלְאוּ כַּמִּזְרָק, ja כְּזָוִיּוֹת הַמִּזְבֵּחַ, es ist כְּצֹאן, zur Gottesherde geworden, und Gott ihr Hirte begnadigt sie mit seiner Hülfe. Denn die über die Erde zersprengten und mit Schleudersteinen verfolgten „Söhne Zions“ sind dann in Wahrheit אַבְנֵי נֵזֶר geworden, Edelsteine aus dem Diadem Gottes. Wie das Diadem das Zeichen der Königsherrschaft ist, so bekunden sie, durch das von ihnen in opferfreudiger Hingebung an ihren Hirten verwirklichte höchste Menschentum, die Herrschaft Gottes, sie künden: יִשְׂרָאֵל, Gott ist der Herrschende. Vergl. Jes. 62, 3, wo von Zion als Israels hehrer Mutter in diesem Sinne gesagt wird: du wirst die Krone der Herrlichkeit sein in Gottes Hand und das Diadem der Königsherrschaft in der Hand deines Gottes. מִתְנוֹסְסוֹת Hithp. von נוּס oder נסס wie nach Ps. 60, 6. Die Bedeutung „fliehen“ ist hier nicht zutreffend, weil der Hithpael nicht passen würde. Wären es Zustände des Glückes, aus denen sie sich gleichwohl nach dem Lande ihrer Bestimmung sehnen, so wäre der Hithp., der eben diesen innern Zug des Herzens hervorhebt, erklärlich, nicht aber bei einer „Flucht“ aus Druck und Drangsal. Deshalb ist diese Form als Denominativ von נֵס Wahrzeichen zu fassen. Der Hithp. weist auf das nie ersterbende Gefühl der Zusammenhörigkeit hin, das in diesen zersprengten Steinen mächtig ist und den Gedanken an die Wiedervereinigung und an die Erhebung zum leuchtenden, Gott kündenden Wahrzeichen auf dem Gottesboden ihrer Bestimmung zu ihres Sehnens höchstem Ziele macht. — עַל kann übrigens auch die Richtung bezeichnen, das Land ihrer Sehnsucht wird dann als das höher gelegene gedacht, und es heißt: hinauf zu Seinem Lande. Das Suff. ו bezieht sich auf Gott. Auf עַמּוֹ läßt es sich der Construktion nach nicht wohl beziehen, da von Israel sowohl am Anfange des Verses als auch vor allem in dem unmittelbar dem Suffix vorangehenden Bilde im Plural gesprochen wurde.

17
כִּ֥י מַה־טּוּב֖וֹ וּמַה־יׇּפְי֑וֹ דָּגָן֙ בַּחוּרִ֔ים וְתִיר֖וֹשׁ יְנוֹבֵ֥ב בְּתֻלֽוֹת׃
ZunzWie ist es da anmuthig, wie schön ist es! (Wie) Korn läßt er Jünglinge, und wie Wein Jungfrauen sprossen.
J. J. HirschDenn was wäre seine Güte und was seine Schöne, wenn nur Korn die Jünglinge und Most die Jungfrauen zum Gedeihen brächte!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. Das Suffix in טוּבוֹ und יָפְיוֹ bezieht sich jedoch jedenfalls auf עַמּוֹ. Das כִּי begründet, auf den früheren Zustand des erziehungsbedürftigen Israels zurückblickend, eben die Notwendigkeit der Leidenserziehung, um zu dieser Höhe zu gelangen. Denn was wäre das für ein Gutes, und das für ein Schönes, wenn auch das ganze Sinnen der jüdischen Jünglinge und Jungfrauen, die Zions Söhne und Töchter sein sollen, aufginge in dem Streben nach Brot und Genuß. In diesem Gegensatz kann auf נֵזֶר des vorigen Verses auch in dem Sinne der Weihe, der Enthaltsamkeit hingeblickt sein. Die jüdische Bestimmung wird nur auf dem Wege der Selbstbeherrschung in Bethätigung der sittlichen Freiheit erreicht, daran wird oben V. 11 durch דַּם בְּרִיתֵךְ, V. 15 וּמָלְאוּ כַּמִּזְרָק וגו' und vielleicht auch durch אַבְנֵי נֵזֶר erinnert. Der heidnische Geist — wie die Betonung auch der Schönheit zeigt, ist hier offenbar an die herrlichste Entfaltung desselben, den oben V. 13 erwähnten Hellenismus gedacht — kennt nicht jenen freien Gott, dem der Mensch sich zu weihen hätte, und deshalb auch nicht den sittlich freien Menschen, er kennt nur die Kunst des mit ästhetischer Feinheit gepflegten Sinnengenusses. So tief steht diese Kalokagathie unter dem jüdischen Lebensideal! — יְנוֹבֵב von נוּב, wovon נִיב und תְּנוּבָה, lautverw. mit נוּף, bewegt werden, sich entwickeln. Also: wie traurig, wenn auch die jüdische Jugend den höchsten ethischen Idealen gegenüber verständnislos und unempfänglich wäre, und nur „Korn“ und „Wein“ auch die jüdischen Jünglinge und Jungfrauen „in Bewegung brächte“, aus ihrer Apathie weckte.