Zacharjah 10 זכריה
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 10. An der Bitte um Regenspende die Lehre von der göttlichen Vorsehung (V. 1—2). Die Erhebung des Hauses Juda zu siegreichem, menschheitpriesterlichem Wirken (V. 3—6). Die Wiedergewinnung Ephraims und seine Erhebung zu derselben Höhe und demselben Wirken (V. 7—9). Die Heimführung Gesamtisraels in das Land seiner Bestimmung (V. 10—12).
Kap. 10. V. 1. In unmittelbarem Anschluß an das Vorhergehende, wo von dem Aufgehen in die Sorge für das Materielle und der Abwesenheit des Bewußtseins von dem freien Gotte und Herrn auf dem Boden des Heidentums gesprochen wurde, und im Gegensatze dazu richtet der Prophet an Israel die Aufforderung: Bittet Gott um Regen zur Regenzeit. Nach der heidnischen Anschauung entwickelt sich alles nach ewigen unveränderlichen Gesetzen. Einen freien Gott, der Herr wäre über die Natur, kennt das Heidentum nicht, daran war eben erinnert worden. Das gerade Gegenteil ist die Lehre des Judentums. Sie ist mit nichten blind für die Regelmäßigkeit, die Gesetzmäßigkeit in den Gängen der Natur, die die Verächter der Lehre von dem freien Gott ihr gern andichten. Sie lenkt im Gegenteil den Blick stets auf diese Regelmäßigkeit, heißt es doch auch hier בְּעֵת מַלְקוֹשׁ, und sie öffnet das Auge für die Wunderbarkeit eben dieser Gesetzmäßigkeit. Allein es lehrt die jüdische Wahrheit zugleich in dieser Gesetzmäßigkeit die Weisheit des Setzers dieser Gesetze verehren, sie lehrt den freien Gott, der über der von ihm gesetzten Ordnung und der Welt waltet und sie nach den Bedürfnissen der von ihm zu erziehenden Menschen lenkt. Es ist die Vorsehung, die הַשְׁגָּחָה פְּרָטִית, die auch „den einzelnen Menschen, ja das einzelne Kraut“ versorgt. Auch in den scheinbar ganz natürlichen Entwicklungen waltet seine Fügung, auch zur Regenzeit fügt er die Regenspende für den einzelnen. Darum heißt es hier in unmittelbarem Anschluß an das Vorhergehende: Ihr aber, erbittet euch von Gott Regen zur Regenzeit, es ist ה', der die Regenwolken bildet. Als Ordner und Walter in der Natur wird Gott stets אֱלֹהִים genannt, ה' heißt er nur in seiner gnadenreichen Erziehung des Menschen. Ein ganzes theologisches oder philosophisches System liegt daher in den Worten: es ist ה', der die Regenwolken bildet, ה', der Regen spendet, für jeden einzelnen die Spenden der Natur fügt. Das Verhältnis von גֶּשֶׁם zu מָטָר ist nicht mit Bestimmtheit festgestellt. Die Stelle in Hiob. 37, 6: Gott spricht zum גֶּשֶׁם: werde מָטָר! wo dann sofort גֶּשֶׁם als מִטְרוֹת עֻזּוֹ bezeichnet wird, scheint מָטָר auch allgemein als Sendung, Schickung, Fügung zu begreifen: der גֶּשֶׁם erweist sich als die „Sendung seiner Allmacht“. Ebenso hier וּמְטַר גֶּשֶׁם: die Sendung des Regens. Faßt man sie jedoch als Synonyme auf, so bedeutet die Verdoppelung die reiche Regenmenge. Wir haben das ל in לְאִישׁ, wie dies oft vorkommt, auch für עֵשֶׂב בַּשָּׂדֶה ergänzt. Notwendig ist dies jedoch nicht, עֵשֶׂב kann auch Accusativobjekt von יִתֵּן sein: Regenspende giebt Er ihnen (Plural!), ja dem einzelnen [giebt er] das Kraut auf dem Felde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Es ist die Warnung vor dem Lug und Trug des Götzentums und der Gott leugnenden Vertreter des Materialismus im Volke. Der Allmacht der göttlichen Vorsehung wird die Ohnmacht des Götzentums, der Zauberer und Traumverkünder gegenübergestellt, die nur Unglück gebracht haben über die Gottesherde und über sich selbst, die hinweggezogen sind wie die Herde, die stets lehrten: es giebt keinen Hirten, keine Vorsehung. תְּרָפִים sind Götzenbilder, die nach unserer Stelle und Ez. 21, 26 Orakel geben; was sie lehren und raten ist Unrecht. קֹסְמִים Zauberer, die nicht nur vorgeben, die Zukunft erkennen, sondern sie auch gestalten zu können, hier: Wahrsager; was sie „schauen“ ist Lüge, und mit nichtigen Traumgespinsten verführen sie das Volk und suchen es bei den sich häufenden Leiden mit Eitelem zu trösten und stürzen so das Volk ins Unglück wie sich selbst. Der Grundgedanke aller ihrer Reden und Lehren ist: es giebt keinen Hirten. Vergl. zu St. 1. B. M. 2, 5. S. 52
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. An das sich auf Gott beziehende Wort: „es giebt keinen Hirten“ anknüpfend, verkündet der Prophet die Heimsuchung aller derer, die an Stelle des von ihnen geleugneten Hirten ihrerseits die Führung des Volkes in Händen haben, und derjenigen, die unter der Oberherrschaft dieser Führer die Leitenden, Einflußreichen im Volke sind. „Gott wird seine Herde von diesen verderblichen Führern befreien, indem er über sie verhängt“, d. i. sie heimsucht. Denn ה' צ', Gott der Schöpfungsscharen, bedenkt nunmehr „seine Herde“, daß sie sich ihrer Bestimmung gemäß in Sein großes Heer einreihe, sie soll ja den Menschen vorangehen! und er macht sie כְּסוּס וגו'. Die sich dem Sinne nach sehr empfehlende Erklärung: dem Rosse gleich, dessen Herrlichkeit sich im Kriege zeigt, d. h. das kampfesfroh, erst im Kriege seine ganze Kraft und Tüchtigkeit prächtig zeigt — läßt sich nach den Accenten nicht halten. Die Worte סוּס הוֹדוֹ gehören zusammen und bilden einen Begriff: das Roß seiner Pracht, seiner Majestät, wie es seiner Herrlichkeit entspricht, oder sein herrliches Roß im Kriege. Israel, die Gottesherde, an deren Spitze das Haus Juda steht, wird in dem Kampfe für Gott sich bewähren. Da V. 6 auch von dem Hause Joseph verkündet wird, daß es der Gotteshilfe teilhaftig werde, und daß Ephraim sich als Held für Gott bewähren werde, so kann hier nicht an die Kämpfe der Makkabäer gedacht sein, sondern die Verheißungen dieses Kapitels beziehen sich auf die ferne Zukunft. Wie oben 9, 13 wird das Haus Juda zuerst genannt, es ist ja, „der Bogen“, in ihm ruht zunächst die Spannkraft, von der auch Ephraim als „Pfeil“ die Richtung erhält.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. 5. Die schwache Gottesherde ist ein Kampfroß, zu dem Seine Herrlichkeit kündenden Rosse geworden. Alle ihre Festigkeit und Stärke wie ihre Dauer stammt von Ihm und verkündet Ihn. Mögen ihre Heimstätten auf ihrer Wanderung durch die Zeiten dem festen Hause gleichen oder dem Zelte: von Ihm stammt ihrer Häuser Grundstein, von Ihm der Pflock, der ihrem Zelte Halt verleiht, von Ihm die Kraft, sich als Bogen, als Kriegsgerät für Gott zu bewähren, nur die göttliche Erziehung durch das Gesetz und durch die Geschickeserfahrungen werden Israel zu der Höhe läutern, daß es als das stärkste Werkzeug in der Hand seines Gottes sich bewährt. Von Ihm endlich ist es gefügt, daß alles weicht, was so lange Israel bedrängte. Auf dem letzen מִמֶּנּוּ steht das trennende תְּבִיר. An Vielheit und Mannigfaltigkeit dieser Dränger wird durch כָּל und יַחְדָּו erinnert. Da als Ausgang des Kampfes und Ergebnis des Sieges es V. 5 heißt: sie werden die Gegner, die Lenker der Rosse, beschämen, so ist damit gesagt, daß der Kampf, den sie kämpfen, ein geistig-sittlicher ist, ihre Waffen sind das Wort, ihre Stärke ist das Beispiel des in der reinen Atmosphäre ihrer Häuser und Zelte verwirklichten מִשְׁפָּט und צְדָקָה, des durch die Erfüllung des Gottesgesetzes verwirklichten edlen Menschentums. In dieser Erfüllung und in jener Verwirklichung aber entfalten sie eine Summe sittlicher Kraft, einen Heldenmut und eine Tapferkeit, die sie, wie es in milder Ironie, mit einen Hinweis auf die bis dahin allein gefeierte kriegerische Tapferkeit heißt, jenen Helden mindestens gleichstellt, die, wie es drastisch geschildert wird: im Kriege oder in der Schlacht alles niedertreten in den Straßenkot. Sie aber werden kämpfen, denn Gott ist mit ihnen, und sie werden „die Reiter der Rosse beschämen“ oder „zu Schanden machen.“ Israel ist in diesem Kampfe nur das Roß, das Gott lenkt, die Verblendung der von ihnen einst besiegten, d. i. zum Heile geführten, zur Gotteshuldigung gewonnenen Menschheit besteht ja eben darin, daß sie, im Gegensatze zu Gott und zu der von ihm gewollten Menschenbestimmung, selbstherrlich selbst die Lenkung haben wollten. Will man בוסים intransitiv fassen, so heißt es: die auf Straßenkot treten im Kriege; der Sinn wäre derselbe, es charakterisiert die Grausamkeit der Kriegsführung, von der Menschen wie טִיט חוצות geachtet oder zu ט' ח' zerstampft werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. Und habe ich so das Haus Juda die Palme sittlicher Heldengröße erringen lassen, so werde ich auch dem so lange entfremdeten und entfernten Hause Joseph helfen und „sie zurückkehren und in Sicherheit wohnen lassen.“ Das volltönende וְהוֹשְׁבוֹתִים ist aus dem Hiphil von שׁוּב und יָשַׁב zusammengesetzt. Der Umstand, daß in der Formenbildung das letztere früher als das erstere zu Tage tritt, soll in keiner Weise die Aufeinanderfolge der beiden Verheißungen bezeichnen. Es wird also die Rückgewinnung auch der so lange verschollenen Stämme des Reiches Israel verkündet, auch sie werden Gottes sein, und auch die letzte Spur des Abfalls ist geschwunden, sie werden sein, „als hätte ich sie nie verworfen,“ denn auch an ihnen hat sich es erfüllt: וַאֲנִי אֶהְיֶה לָהֶם לֵאלֹקִים, sie huldigen mir und gehorchen mir als „ihrem Gotte,“ und deshalb erhöre ich sie.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Und auch Ephraim wird Judas Heldengröße erreichen, auch es wird das mächtige Werkzeug sein für die Gottessache. Die volle freudige Hingebung und Begeisterung wird bezeichnet durch die Worte: וְשָׂמַח לִבָּם כְּמוֹ־יָיִן. Offenbar im Hinblick auf den gewaltigen Contrast zu der so lange dauernden traurigen Verblendung Ephraims, während welcher das Beispiel der Eltern in langer Reihe der Geschlechter den Abfall stets auf die Kinder fortpflanzte, heißt es nun hier, daß die Kinder des wiedergewonnenen Ephraim an dem Beispiel der Eltern — wörtlich — „geistig wachsen“ (שָׂמֵחוּ lautvw. mit צמח), also ihm freudig folgen werden und in dieser Nachfolge die höchste Seligkeit gewinnen, sich von Gott getragen fühlen werden. — Der Plural וְהָיוּ sieht auf die in dem Collectivbegriffe Ephraim zusammengefaßten einzelnen hin, ebenso das Suffix von לִבָּם und die anderen Pluralsuffixe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. שָׁרַק zischen, pfeifen, als Ausdruck des Spottes, dann auch als Lockruf an Tiere, bildlich an Völker, herbeilocken; hier das letztere. Dasselbe Wort wird Jes. 5, 26 und 7, 18 von dem Herbeirufen Aschurs und Mizrajims zur Verheerung Israels gebraucht. Unsere Stelle dürfte auf jene Verkündigung hinblicken, wie auch aus der sonst sehr auffälligen Nennung Aschurs und Mizrajims V. 10 und 11 hervorgeht, nur daß in Jes. die beiden Reiche in Wirklichkeit gemeint sind, während Secharja sie nur als Repräsentanten der Israel unterdrückenden Völker nennt. Es heißt also: während einst die Feinde Israels von Gott herbeigerufen wurden, um es zu züchtigen, wird nunmehr Israel selbst von Gott zurückgerufen. Die Wahl aber gerade dieses Wortes zur Bezeichnung des Gottesrufes in dem Augenblicke der endlichen Erhebung und freudigen Rückkehr Ephraims zu seinem Gotte dürfte noch auf ein anderes Moment hinweisen. Wie wir schon zu וּבְנֵיהֶם in V. 7 bemerkten, klingt bei der Verkündigung der glücklichen Zukunft die Erinnerung an die Verirrungen der trüben Vergangenheit an. Denselben Contrast dürfte auch אֶשְׁרְקָה, herbeilocken, für den Gottesruf zur Heimkehr zum Ausdruck bringen sollen. Es ist eine Klage, die sich durch das Prophetenwort hindurchzieht, daß Israel Gott als seinen Feind und die Anforderungen seines Gesetzes als Störer seines Friedens und jeden Ruf zur Rückkehr zu ihm als ein Attentat auf seine Selbständigkeit und sein Lebensglück betrachtete. Wir erinnern nur an Hosea. Darin wird nun gründlich Wandel geschafft, ein gänzlicher Umschwung eingetreten sein. Ein Lockruf weckt die Sehnsucht, verheißt die Befriedigung mächtigen Triebes. Aschur und Mizrajim folgten dem Rufe, der ihrer Eroberungssucht und Raubgier reiche Beute verhieß. In Ephraims Ohren wird der zur Heimkehr ladende Gottesruf dann tönen als das beglückende Signal der Erlösung aus allem Leid, das die Gottesferne ihnen gebracht, und der Heimkehr in die beseligende Gottesnähe. — וְרָבוּ וגו' und wie einst in den Zeiten ihres völkergeschichtlichen Anfangs, so wird es sich auch am Ziele zeigen: alle Verfolgungen und Unterdrückungen haben nicht ihre Verminderung, sondern gerade ihre Vermehrung herbeigeführt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Von der in den vorangehenden Versen 6—8 geschauten Wiedergewinnung Ephraims, also der Stämme des israelitischen Reiches, als dem Ziele, lenkt nun dieser Vers den Blick wieder zurück auf den Anfang dieses Weges der göttlichen Erziehung, und zu diesem Zwecke, um der Erreichung dieses Zieles willen, „säe ich sie mir unter die Völker.“ Nicht unmöglich ist der Übergang auch von der unmittelbar zuvor genannten Vermehrung her genommen: jene Zerstreuung Israels, die als eine Vernichtung erschien, war in Wahrheit eine Aussaat. Die im Glück mich vergaßen, „in der Ferne sollen sie meiner gedenken“, (vergl. בַּצַּר לָהֶם יְשַׁחֲרֻנְנִי Hos. 5, 15 und בַּצַּר פְּקָדוּךָ Jes. 26, 16) „und Leben gewinnen samt ihren Kindern“, denen sie so lange nur den Weg zum Tode gewiesen, „und zurückkehren“, eigentlich: indem sie zurückkehren, nämlich zu Gott. Nach diesem Rückblick auf den wenngleich erst in ferner Zukunft erreichten, doch von vornherein beabsichtigten providentiellen Zweck des Exiles wird nun in den folgenden Versen die Heimführung geschildert.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. Über die Nennung Aschurs und Mizrajims siehe oben. Wenn Gilead das ostjordanische Land, so bezeichnet das Land des „Libanon“ das ihm parallel liegende westjordanische, also die ursprünglichen Wohnsitze der einst unter Ephraims Führung stehenden Stämme. Sie werden in ihre alte Heimat zurückgeführt, sie werden jedoch sich so vermehrt haben, daß sie ihnen nicht reicht. Im Hinblick auf Jes. 11, 11 ff., wo die gemeinsame Heimführung der auf dem Boden des Gottesgesetzes wieder geeinten Häuser Juda und Israel verkündet wird, möchten wir jedoch glauben, daß auch unser Vers und die beiden folgenden sich auf die Heimführung von Gesamtisrael beziehen. Dann bezeichnet der Libanon das ganze westjordanische Land, es ist damit gesagt, daß das ganze Land für das zurückkehrende Israel nicht ausreichen werde, implicite ist damit auf die Erweiterung des Landes Israel bis zu den ursprünglich angegebenen Grenzen hingewiesen. Wir bemerken nur noch, daß auch in der angeführten Parallelstelle, Mizraim und Aschur entsprechend, לְשׁוֹן יַם מִצְרַיִם und הַנָּהָר, der Euphrat, genannt sind. Wie dort blickt auch hier die Schilderung der einstigen Rückführung Israels auf die erste Erlösung aus Mizraim hin und stellt sie in Parallele mit ihr. Zu יִמָּצָא in der Bedeutung „ausreichen“ vergl. Jos. 17, 16.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Das hier Verkündete deckt sich inhaltlich mit Jes. 11, 15. Beide Stellen ziehen eine Parallele zwischen der einstigen Rückkehr aus dem großen Exile und der Erlösung aus der ägyptischen Sklaverei, bei beiden räumt die göttliche Allmacht alle Hindernisse hinweg. Insbesondere weckt die erste Vershälfte die Erinnerung an den Durchzug durch das rote Meer. Die צָרָה, die Bedrängnis, Einengung, die so lange auf Israel gelastet hat, wird dann gewaltig alles überwinden, was sich feindlich seiner Rückkehr entgegenstellt. וְעָבַר bezeichnet sowohl den Übergang als den Durchgang, das Durchziehen. In Beziehung auf das Meer ist צָרָה das mächtige Auseinanderdrängen der Fluten, die eingeengt werden, (vergl. קָפְאוּ תְהוֹמוֹת, das Fest-,Starrwerden der wogenden Fluten inmitten des Meeres), um einen Durchgang zu schaffen, ein Zurückzwängen, das durch die ganze Breite des Meeres sich fortsetzt. Malerisch schildernd ist die weitere Ausführung: וְהִכָּה בַיָּם גַּלִּים, dieser Zwang überwindet, wörtlich: schlägt nieder die Wogen im Meere. Wenn צָרָה die Prädikate עָבַר und הִכָּה in der männlichen Form hat, also männlich gebraucht ist, so soll damit, wie so oft, die gewaltige Wucht gezeichnet werden. וְהֹבִישׁוּ von יָבֵשׁ, ist hier intransitiv, V. 5 war es metaplastische Hiphilform von בּוֹשׁ und transitiv wie 2 Sam. 19, 6 und Jes. 30, 5. וְהוּרַד וגו': nicht das Dasein, sondern die Überhebung und Selbstherrlichkeit der bis dahin weltbeherrschenden Reiche wird aufhören, als deren Typen, wie bereits bemerkt, Aschur und Mizrajim genannt werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Das Suffix in וְגִבַּרְתִּים bezieht sich auf das Haus Juda und Ephraim. Im Gegensatze zu den entthronten und ihrer Ohnmacht innewerdenden „Aschur und Mizrajim“, werde ich sie mit allem obsiegender Kraft begaben! Was oben V. 6 nur vom Hause Juda ausgesprochen wurde, das wird hier von Juda und Ephraim, dem wiedergewonnenen, verkündet, mit dem Zusatze בַּד'; ihre Kraft wurzelt darin, daß sie im Dienste Gottes stehen und sich als Träger und Vollbringer seines Willens begreifen und fühlen, und die Weckung des Gottesbewußtseins, des Bewußtseins von der Gotteshörigkeit des Menschen und seiner gottgesetzten Bestimmung, dieses „Aufrufen der Menschen im Namen Gottes“ — denn das ist die Bedeutung dieses וּבִשְׁמוֹ יִתְהַלָּכוּ — wie es einst die Summe des Lebensinhaltes ihres Ahnen Abraham bildete, so wird auch das geeinte Israel in der menschheitpriesterlichen Erfüllung dieser Aufgabe seines Lebens Inhalt und seiner Kraft nie versiegenden Quell finden.