Zacharjah 11 זכריה

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1
פְּתַ֥ח לְבָנ֖וֹן דְּלָתֶ֑יךָ וְתֹאכַ֥ל אֵ֖שׁ בַּאֲרָזֶֽיךָ׃
ZunzDeffne, Lebanon, deine Pforten, und Feuer fresse an deinen Zedern.
J. J. HirschÖffne, Libanon, deine Pforten, auf daß Feuer deine Cedern verzehre!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 11. Die Verheerung des Landes (V. 1—3). Die Leitung der „Schlachtherde“ mit den beiden Hirtenstäben „Noam“ und „Choblim“ (V. 4—14). Der falsche Hirte (V. 15—17).

Kap. 11, V. 1—3. Wohl nirgends hat sich der Prophet also als מַגִּיד מִשְׁנֶה, als Verkünder einer Doppelbotschaft gezeigt wie an dieser Stelle. An die soeben verkündete Heilesbotschaft von der Rückkehr des als Gesamtisrael zu priesterlichen Gotteshelden geeinten Juda und Ephraim schließt sich ohne Absatz d. h. ohne Überschrift, ohne als neue Gottesrede bezeichnet zu werden — denn diese beginnt erst V. 4 — also als Fortsetzung des Vorhergehenden, unvermittelt die Verkündigung des zuvor eintretenden Untergangs des eben erst erbauten zweiten Tempels und der vollständigen Verwüstung des Landes, in das sie erst zurückgekehrt waren. In Wirklichkeit jedoch bietet der Hinweis auf das endliche herrliche Ziel gerade Trost und Ermutigung, wenn Israel nun verkündet wird, daß vor Erreichung dieses Zieles ihm noch viel Leid bevorstehe. Dies ist der Zusammenhang zwischen den beiden so disparaten Verkündigungen.

Nachdem das Ziel gezeigt war, wird der Weg zu ihm gewiesen, und durch jenen Hinweis verlieren auch die Leiden dieses Weges ihre Schrecken. Es heißt gleichsam: Darum „öffne nur ruhig deine Pforten“ d. i. lasse nur ruhig die neue Vernichtung über dich ergehen, du kannst sie nicht abwehren, sie führt zum Exile. Die Verheerung ereilt das ganze Land. Die Nennung des Libanon und Baschans dürfte in unmittelbarer Beziehung stehen zu dem oben K. 10, 10 genannten Gilead und Libanon, Baschan ist der nördliche Teil des ostjordanischen Landes. Was oben als das Ziel der Heimkehr genannt wurde, muß zuvor wieder der Vernichtung preisgegeben werden. Die Bezeichnung des ganzen Landes wird vervollständigt durch die Erwähnung des Jordans (V. 3.). Die Cedern und Cypressen sind die herrlichsten Bäume des Libanon, ebenso berühmt sind die Eichen Baschans, sie sind zugleich das Bild für das Größte und Mächtigste im Lande, ihr Sturz und die V. 3 ausgesprochene Vernichtung der Viehtriften und des Uferdickichts am Jordanlaufe verkünden jedenfalls die Verheerung des Landes und den abermaligen Untergang des jüdischen Staates. In ergreifender Weise wird dieser Untergang nicht sowohl angekündigt, als vielmehr die Hörer und nach Jahrtausenden noch die Leser werden zu geistigen Zeugen dieser Katastrophe gemacht. Alles wird personifiziert. Der Libanon wird aufgefordert die Thore zu öffnen, das Feuer wird deine Cedern verzehren. Die Cypresse wird zur Trauer aufgefordert, denn in dem Schicksal der edlen, stolzen Ceder sieht sie ihr eigenes vor Augen, wie dies noch besonders ausgesprochen wird: אֲשֶׁר = da ja die Herrlichen, nämlich Cedern, gefallen sind. Die Eichen Baschans mögen klagen, denn sie werden sicher nicht verschont werden, nachdem der „feste,“ unnahbare, vor feindlichen Angriffen sonst geschützte Libanonswald gefallen ist. — Auf קוֹל V. 3 steht beidemal ein trennender Accent, es ist als ob ein Ausrufungszeichen dahinter stände, und ist קוֹל deshalb nicht in unmittelbarer Verbindung mit den beiden folgenden Wörtern יְלֵלַת הָרֹעִים bezw. שַׁאֲגַת כְּפִירִים zu fassen; es stehen hier dieselben Accente wie Gen. 4, 10 קוֹל דְּמֵי אָחִיךָ. Wir haben es deshalb ebenso übersetzt: Hört! (siehe Commentar z. St.), wörtlich: Ein Schall! Ein Ruf! — Die Hirten jammern, weil die herrlichen Weiden verwüstet sind, und die jungen Löwen klagen, brüllen, weil die „Herrlichkeit des Jordan“ verwüstet ist. Aus den identischen Stellen Jer. 49, 19 und 50, 44 geht hervor, daß גְּאוֹן הַיַּרְדֵּן, wörtlich: „die Hoheit des Jordan“, eine Örtlichkeit war, die Löwen einen sicheren Aufenthaltsort bot, andere halten es für Dickicht, das sich über dem Ufer des Jordan erhob und den Flußlauf einrahmte.

Die in diesen drei Versen enthaltene Prophezeiung erfüllte sich in der durch die Römer Israel bereiteten Katastrophe.

2
הֵילֵ֤ל בְּרוֹשׁ֙ כִּֽי־נָ֣פַל אֶ֔רֶז אֲשֶׁ֥ר אַדִּרִ֖ים שֻׁדָּ֑דוּ הֵילִ֙ילוּ֙ אַלּוֹנֵ֣י בָשָׁ֔ן כִּ֥י יָרַ֖ד יַ֥עַר (הבצור) [הַבָּצִֽיר]׃
ZunzHeule, Zypresse, denn gefallen ist die Zeder; die gewaltig (waren), sind hingefunken; heulet, Eichen Baschan's, denn gestürzt ist der unzugängliche Wald.
J. J. HirschJammere Cypresse, denn gefallen ist die Ceder, weil verheert sind die Herrlichen! Jammert ihr Eichen Baschans, denn nieder ist der undurchdringliche Wald!
3
ק֚וֹל יִֽלְלַ֣ת הָרֹעִ֔ים כִּ֥י שֻׁדְּדָ֖ה אַדַּרְתָּ֑ם ק֚וֹל שַׁאֲגַ֣ת כְּפִירִ֔ים כִּ֥י שֻׁדַּ֖ד גְּא֥וֹן הַיַּרְדֵּֽן׃ {פ}
ZunzEs erschallt das Geheul der Hirten, weil gesunken ist ihre Pracht; es erschallt das Brüllen der jungen Leuen, weil gesunken ist des Jarden's Fluthentrotz.
J. J. HirschHorch! Jammern der Hirten, denn zerstört ihre Herrlichkeit! Horch! Gebrüll der jungen Löwen, denn zerstört ist die Pracht des Jarden!
4
כֹּ֥ה אָמַ֖ר יְהֹוָ֣ה אֱלֹהָ֑י רְעֵ֖ה אֶת־צֹ֥אן הַהֲרֵגָֽה׃
ZunzSo spricht der Ewige, mein Gott: Weide die Heerde des Würgens;
J. J. HirschSo hat Gott mein Gott gesprochen: Weide die zum Niederschlagen bestimmte Herde!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4—14. Während in der ersten Hälfte des Buches die Aussprüche Gottes durch eine Reihe symbolischer Gesichte vermittelt und begleitet werden, treten uns V. 4. ff. symbolische Handlungen zu demselben Zwecke entgegen, mit deren Vollbringung der Prophet beauftragt wird.

Es wird ihm aufgetragen, eine Herde zu weiden, die eigentlich keines Hirten mehr, wie man meinen sollte, bedurfte, da sie dem sicheren Tode verfallen scheint. Sie ist „Schlachtvieh“. Die Herde geht aus einer Hand in die andere, der Käufer, der sie tötet macht sich kein Gewissen daraus, sie ist ja dazu da! — Und der Verkäufer freut sich, preist Gott, er hat ein gutes Geschäft gemacht! Und auch die bisherigen Hirten dauert ihr Los nicht — es ist ja ihre Bestimmung! — Ist mit diesen Worten nicht Israels Geschick gezeichnet, gezeichnet in seiner ganzen grausen Wirklichkeit, in allen jenen Jahrhunderten der Nacht, da es von seinen Drängern und Unterdrückern, von den Völkern, in deren Macht es sich befand, nur als Objekt, als ein aller Rechte einer Menschenpersönlichkeit bares Objekt, als Gegenstand der Ausbeutung betrachtet und behandelt wurde? Ist das nicht dasselbe Auge, mit dem die Herren und Damen in Seleucia und Rom wie in Madrid und Toledo an den Todesqualen der jüdischen Männer und Frauen sich weideten, mochten sie zu Ehren des kaiserlichen Geburtstages von wilden Thieren zerfleischt, oder zu Ehren eines Gottes ihrer Mache auf Scheiterhaufen verbrannt werden? Weht nicht derselbe Geist in den mittelalterlichen „Judenordnungen“ und noch gar manchen „Regelungen“ einer angeblichen „Ebräerfrage“ der Gegenwart? צֹאן הַהֲרֵגָה, Schlachtvieh, wörtlich: zum Niederschlagen bereit stehend. Diese Herde fort und auf die Weide führen und sie weiter versorgen heißt: sie retten. Und diese Rettung will Gott seinem Volke angedeihen lassen, denn was der Prophet thut, ist ja nur die Veranschaulichung dessen, was Gott für Israel wirkt. Deshalb wird der folgende V. 6 mit כִּי eingeleitet. Denn ich will nicht ferner Schonung üben an ihren Unterdrückern, die ihnen den Untergang bereiten, spricht Gott, „an den Bewohnern der Erde“. Das von ihnen in den Juden mißachtete Recht werden sie selbst, wird ein jeder von ihnen vergebens für sich anrufen in dem Kampfe gegen den ihn bedrängenden Nächsten oder jeden ihn vergewaltigenden König. Sociale Zerrüttung und politische Knechtung wird das Los ihrer Unterdrücker sein.

וְכִתְּתוּ וגו' sie, die sich gegenseitig bekämpfen, werden das Land „zerschlagen, zerstoßen“, Zerstörung, völliger Ruin wird die Folge dieser socialen und politischen Kämpfe sein. Das Suffix in מִיָּדָם bezieht sich auf רֵעֵהוּ und מַלְכּוֹ, die das Gegenteil von dem sind, was sie ihrer Bestimmung nach sein sollten. — Soweit der göttliche Auftrag, im Folgenden seine Ausführung. — Der Plural מִכְרֵיהֶן und רֹעֵיהֶם mit dem Prädikate im Sing. sagt, daß im Punkte der Grausamkeit, Gefühllosigkeit gegen die Juden ihre verschiedenen Herren einander vollkommen gleich waren. Ferner: das Suffix in רֹעֵיהֶם bezeichnet sie als männlich, stark und lebenskräftig. Die sie weiden sollten, ihre Macht jedoch mißbrauchten, können sich nicht auf einen Mangel an Lebenskraft in Israel berufen; der Vergewaltigung gegenüber, der sie als Gegenstand des Verkaufes unterliegen, erscheinen sie freilich weiblich, d. i. schwach.

5
אֲשֶׁ֨ר קֹנֵיהֶ֤ן יַֽהַרְגֻן֙ וְלֹ֣א יֶאְשָׁ֔מוּ וּמֹכְרֵיהֶ֣ן יֹאמַ֔ר בָּר֥וּךְ יְהֹוָ֖ה וַאעְשִׁ֑ר וְרֹ֣עֵיהֶ֔ם לֹ֥א יַחְמ֖וֹל עֲלֵיהֶֽן׃
ZunzDie ihre Käufer würgen, ohne zu büßen; und ihre Verkäufer sprechen: Gepriesen sei der Ewige, daß ich reich werde! Und ihrer Hirten Keiner schonet ihrer.
J. J. HirschDeren Käufer sie niederschlagen und sich nicht schuldig fühlen, und deren Verkäufer sprechen: Gesegnet sei Gott, ich werde reich! und deren Hirten sich ihrer nicht erbarmen.
6
כִּ֠י לֹ֣א אֶחְמ֥וֹל ע֛וֹד עַל־יֹשְׁבֵ֥י הָאָ֖רֶץ נְאֻם־יְהֹוָ֑ה וְהִנֵּ֨ה אָנֹכִ֜י מַמְצִ֣יא אֶת־הָאָדָ֗ם אִ֤ישׁ בְּיַד־רֵעֵ֙הוּ֙ וּבְיַ֣ד מַלְכּ֔וֹ וְכִתְּתוּ֙ אֶת־הָאָ֔רֶץ וְלֹ֥א אַצִּ֖יל מִיָּדָֽם׃
ZunzSo will ich nicht mehr schonen der Einwohner des Landes, ist der Spruch des Ewigen; und siehe, ich gebe die Menschen preis, Einen dem Andern und seinem Könige, und sie zermalmen das Land, und ich rette nicht aus ihrer Hand.
J. J. HirschDenn ich werde nicht ferner Mitleid haben mit den Bewohnern der Erde, ist der Spruch Gottes, und siehe, ich liefere aus die Menschen, einen jeden in die Hand seines Nächsten und in die Hand seines Königs, und zerstampfen werden sie das Land, und ich werde aus ihrer Hand nicht retten.
7
וָֽאֶרְעֶה֙ אֶת־צֹ֣אן הַהֲרֵגָ֔ה לָכֵ֖ן עֲנִיֵּ֣י הַצֹּ֑אן וָאֶקַּֽח־לִ֞י שְׁנֵ֣י מַקְל֗וֹת לְאַחַ֞ד קָרָ֤אתִֽי נֹ֙עַם֙ וּלְאַחַד֙ קָרָ֣אתִי חֹֽבְלִ֔ים וָֽאֶרְעֶ֖ה אֶת־הַצֹּֽאן׃
ZunzUnd ich weidete die Heerde des Würgens, — fürwahr die elendesten der Heerde! — und nahm mir zwei Stäbe, den einen nannte ich Noam [Milde], und den andern nannte ich Choblim [Strenge], und weidete die Heerde.
J. J. HirschDa weidete ich die zum Niederschlagen bestimmte Herde, also die ärmsten der Schafe, und ich nahm mir zwei Stäbe, den einen nannte ich „Huld“ und den anderen nannte ich „Bande“, und so weidete ich die Herde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. So weidete ich denn, übernahm die Führung, Pflege und Versorgung, wie diese Obliegenheiten V. 16 aufgeführt sind, bei dieser bereits zum Empfange des Todesstreiches dastehenden Herde, wahrlich den ärmsten der Schafe! — In der großen Menschheitsherde giebt es kein Volk, dessen äußeres Geschick sich an Elend mit dem des jüdischen vergleichen ließe. Was der Prophet von sich aussagt, ist nichts als die Versinnbildlichung dessen, was Gott an Israel vollbracht hat und vollbringt. Da nahm ich mir zwei Stäbe. Der Hirtenstab ist das Symbol der Führung, die Zweizahl weist auf zwei Weisen oder Mittel dieser Führung hin, und die beiden Namen charakterisieren dieselben als נֹעַם und als חֹבְלִים. נֹעַם das Anziehende, die Freundlichkeit, Huld. Da das Zerbrechen dieses Stabes, V. 10, als gleichbedeutend mit der Aufhebung des zum Schutze Israels „mit allen Völkern geschlossenen Bundes“, d. i. mit der Preisgebung Israels gleichbedeutend erscheint, so muß unter נֹעַם eben die diese seinen Schutz fügende göttliche Gnade zu verstehen sein. חֹבְלִים Part. im Kal von חָבַל verletzen und binden; in der Bedeutung pfänden fallen jene beiden Bedeutungen zusammen. Es liegt nahe, hier an die Bedeutung „verletzen“ zu denken. Es ergäbe sich dann die auch sonst vielfach wiederkehrende Wahrheit von der Erziehung Israels durch die göttliche Gnade und durch die, wenn nötig, von derselben Gnade gefügten Leiden, oder von der Erziehung durch die מִצְוֹת, die Erfüllung der göttlichen Gebote, und durch die Leidensgeschicke. Dem steht jedoch entgegen, einmal, daß durch das Zerbrechen des Stabes נֹעַם Israel den Geschicksleiden preisgegeben wird; sodann: daß später auch der Stab חֹבְלִים zerbrochen wird, ohne daß von einer vorangegangenen Besserung die Rede wäre; — endlich: daß als positiver Zweck dieses Zerbrechens des zweiten Stabes angegeben wird: „die Brüderschaft zwischen Juda und Israel aufzuheben.“ Daraus ergiebt sich, daß nicht Verletzung, Leid und Wehe, sondern Bindung, Bande der Vereinigung die Bedeutung des Namens dieses zweiten Stabes sein muß.

Zwei mächtige Momente sind es, so scheint sich hieraus zu ergeben, die als die starken Faktoren der göttlichen Führungs- und Erziehungswaltung Israel zu teil werden. Erstens נֹעַם, jene Schöne, jenes Entsprechende und Ansprechende, jene Herrlichkeit in der Gestaltung aller Verhältnisse, die die Wirkung der treuen Erfüllung des ganzen Gottesgesetzes ist und die der Erscheinung Israels also das Gepräge der göttlichen Wahrheit verleiht, daß „die Völker sehen, daß Gottes Namen über dir ausgesprochen ist und sie sich vor dir fürchten“ Deut. 28, 10. Das ist „der mit allen Völkern geschlossene Bund“ (V. 10), das ist der Gottesschutz, den die Gesetzestreue verleiht. — Vor allem aber bezeichnet נֹעַם auch direkt die Huld Gottes, der gnädig sein Volk beschützt und ihm wie den Segen in dem physischen Gedeihen, so auch Schutz verheißen hat gegen alle Gefahren, die ihm von Menschen drohen könnten. Im tiefsten Grunde fällt beides zusammen. Hier dürfte נֹעַם jedoch wohl zunächst in dem letzten Sinne zu fassen sein, denn, erwägt man den ersteren, so hatte Israel durch seinen Abfall ja unmittelbar selbst den Schutz zerstört. — Der zweite Faktor ist das starke zusammenhaltende Band des Nationalgefühls der verwandtschaftlichen Zusammengehörigkeit, der nationalen Einheit. Beiläufig sind das dieselben Momente, auf die Vater Jakob in seinen letzten Worten seine Kinder verweist: הֵאָסְפוּ וְשִׁמְעוּ einerseits und הִקָּבְצוּ anderseits, sammelt euch alle in einem und höret, d. i. gehorchet und: haltet zusammen! (Siehe Comm. zu Gen. 49, 1 f.) — Wird Israel jedoch der Erfüllung des Gesetzes überdrüssig (V. 8), so macht es sich der göttlichen Gnade damit unwürdig, ja es zerstört, wie oben bemerkt, selbst jenen Schutz, dessen es sich unwürdig gemacht hat; das Zerbrechen des Stabes נֹעַם ist nur die Ausführung dessen, was Israel selbst vollbracht hat. — Das zweite Moment חֹבְלִים, die Bande des Zusammenhaltens, der brüderlichen Einheit und Einigkeit, ist nur ein Segen, wenn die fest Zusammenhaltenden beide auf dem Boden des Gottesgesetzes, der göttlichen Wahrheit stehen, dieser einzigen Bedingung alles Heiles für Israel, sodaß durch den innigsten Aneinanderschluß also nur eine gegenseitige Stärkung und Befestigung in diesem Boden bewirkt werden kann. Hat jedoch ein Teil in Verblendung diesen Boden verlassen, so würde eine Fortdauer jener innigen Verbindung auch die Treue und damit den Bestand des anderen treu gebliebenen Teiles bedrohen und gefährden. Würde daher im jüdischen Volke wieder ein Teil von Gott abfallen und sich inmitten Judas eine, wie wir es modern nennen würden, religiöse Spaltung bilden, wie einst zwischen Juda und Israel, wo also ein fernerer Zusammenschluß auch die Treue der Treuen gefährden würde, so, heißt es hier, werde das dann zum Unheil gereichende Band durch Gottes Gnade zerrissen, „gebrochen“ werden, und diese Trennung selbst sei zum Heile notwendig. Die Trennung von Juda und Israel ist nur typisch genannt, war doch Israel damals bereits längst ins Exil geführt.

8
וָאַכְחִ֛ד אֶת־שְׁלֹ֥שֶׁת הָרֹעִ֖ים בְּיֶ֣רַח אֶחָ֑ד וַתִּקְצַ֤ר נַפְשִׁי֙ בָּהֶ֔ם וְגַם־נַפְשָׁ֖ם בָּחֲלָ֥ה בִֽי׃
ZunzUnd ich schaffte die drei Hirten in Einem Monate ab, und ich ward ungeduldig über sie, und auch sie wurden meiner überdrüßig.
J. J. HirschUnd ich vernichtete drei der Hirten in einem Monat. Da aber wurde meine Seele ungeduldig über sie [die Herde] und auch ihre Seele verschmähte mich.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. Aus dem ganzen Zusammenhange ist es klar, daß was der Prophet als sein Vollbringen ausspricht in Wahrheit nur die Verkündung und Veranschaulichung der Gotteswaltung an Israel ist. Die Vernichtung der drei Hirten in einem Monate bezieht sich auf die drei Weltreiche, das babylonische, das medopersische und das macedonische; das erste gehörte bereits der Vergangenheit an, das zweite stand damals auf der Höhe seiner Macht, und das dritte war noch nicht erstanden. Es wird nun hier ausgesprochen, daß, sowie der Untergang des babylonischen Reiches nichts war als die Ausführung des längst vorher gefaßten und verkündeten Gottesplans, ebenso auch der Untergang der beiden anderen Reiche von Gott gefügt werde, und daß diese völkergeschichtlichen Katastrophen, wiewohl zeitlich weit auseinanderliegend, doch nur Akte eines und desselben einheitlichen Weltplanes seien, als wären sie in einem und demselben Monat erfolgt. Da aber ward ich über sie, die Herde, die von mir Geweideten und Gehüteten, ungeduldig: nachdem sie das Eintreten aller dieser ihnen Jahrhunderte vorausverkündeten, welterschütternden Ereignisse erlebt, sollte ihnen doch das Auge geöffnet sein, sie mußten in ihnen das Walten des allmächtigen Gottes, ihres Gottes erkennen, der ihnen das Gesetz ihres Lebens gegeben, sie mußten sich fortan bewußtvoll und vom Geiste dieses Gesetzes durchdrungen in den Dienst ihres Gottes stellen. Da dieses nicht geschah, da alles wirkungslos an ihnen vorüberging, ohne sie zu wecken, da sie, ohne gerade durch offenen Abfall Gottes Zorn herauszufordern, — denn dann würde es heißen: „ich zürnte über sie“ — aber doch die Alten blieben in ihrer Stumpfheit und Gleichgültigkeit, so verlor ich die Geduld (vergl. Nu. 21, 4 und den Comm. zu St.) wurde ihrer Führung überdrüssig. Das ist, wie wir glauben, der Zusammenhang zwischen dem וָאַכְחִד und dem וַתִּקְצַר נַפְשִׁי, es ist eine fortschreitende Darlegung der im Momente der Aussprache noch künftigen Geschehnisse, die „Ungeduld“ muß jedenfalls eine Folge der nach dem וָאַכְחִד gemachten Wahrnehmungen und dieser Untergang auch des dritten „Hirten“ muß für Israel eine Wohlthat gewesen sein. Da aber die Regierung Alexanders im Gegenteil eine sehr milde und wohlwollende war, so muß unter dem dritten Hirten das Reich Alexanders und die aus demselben hervorgegangenen Monarchien verstanden werden, wie ja überhaupt die drei Hirten nicht einzelne Herrscherpersonen, sondern die einzelnen Reiche bezeichnen. Nun aber heißt es weiter: nachdem so bereits ich „ungeduldig geworden,“ da trat „auch ihrerseits“ zu Tage, daß sie nicht nur nicht besser geworden, sondern meiner Führung überdrüssig, in ihrem Innern noch ganz und gar ungeweckt und unempfindlich für das Hohe waren, das meine Führung ihnen bringen wollte: „Es widerstand ihnen, mir zu dienen“. בחל nur hier und Prov. 20, 21.

9
וָאֹמַ֕ר לֹ֥א אֶרְעֶ֖ה אֶתְכֶ֑ם הַמֵּתָ֣ה תָמ֗וּת וְהַנִּכְחֶ֙דֶת֙ תִּכָּחֵ֔ד וְהַ֨נִּשְׁאָר֔וֹת תֹּאכַ֕לְנָה אִשָּׁ֖ה אֶת־בְּשַׂ֥ר רְעוּתָֽהּ׃
ZunzUnd ich sprach: Ich mag euch nicht weiden! Was stirbt, sterbe; und was verkommt, verkomme; und die Uebriggebliebenen mögen einander fressen.
J. J. HirschDa sprach ich: Ich will euch nicht mehr weiden! Was stirbt, mag sterben, was zu Grunde geht, mag zu Grunde gehen, und die Übrigbleibenden mögen verzehren, ein jedes das Fleisch des andern.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. Da sagte ich: Ich werde euch nicht weiden, mich nicht um euch kümmern, das Hinsterbende mag sterben und das Verkommende mag nur, oder: wird freilich verkommen (כחד im Niphal vernichtet werden): alles, was nur dadurch gerettet werden konnte, daß es sich mir hingab und von mir geführt wurde, wird freilich zu Grunde gehen, und unter den Überlebenden wird der durch kein Gottesgesetz in den Schranken des Rechtes und der Nächstenliebe gehaltene Kampf ums Dasein, ganz wie bei den anderen Völkern, in seiner elementaren Wildheit entbrennen.

10
וָאֶקַּ֤ח אֶת־מַקְלִי֙ אֶת־נֹ֔עַם וָאֶגְדַּ֖ע אֹת֑וֹ לְהָפֵיר֙ אֶת־בְּרִיתִ֔י אֲשֶׁ֥ר כָּרַ֖תִּי אֶת־כׇּל־הָעַמִּֽים׃
ZunzUnd ich nahm meinen Stab, den Moam, und zerhieb ihn, um meinen Bund zu brechen, den ich geschlossen mit all den Stämmen.
J. J. HirschDa nahm ich meinen Stab „Huld“ und zerbrach ihn, um aufzuheben meinen Bund, den ich mit allen Völkern geschlossen hatte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. Da nahm ich meinen Stab „Noam“ und zerbrach ihn; לְהָפִיר וגו' siehe oben. Über den „mit allen Völkern geschlossenen Bund“ vergl. das zu Hosea 2, 20 u. 22 Bemerkte. Hier fehlt freilich לָהֶם, doch ergiebt sich das aus dem Zusammenhange von selbst. Ferner umfaßt der dort erwähnte בְּרִית alle Wesen, er ist erst am Ziele verheißen und kann deshalb hier nicht gemeint sein. Wir erinnern an diese Stelle nur zur Erläuterung des Ausdruckes כְּרַת בְּרִית in dem hier gebrauchten Sinne. Die hier genannte Zusicherung des Schutzes vor feindlichen Völkern ist in den wiederholten Verheißungen der Thora enthalten, so Levit. 26, 6 ff., Deut. 4, 6. 11, 25 u. f., 28, 7. ff.

11
וַתֻּפַ֖ר בַּיּ֣וֹם הַה֑וּא וַיֵּדְע֨וּ כֵ֜ן עֲנִיֵּ֤י הַצֹּאן֙ הַשֹּׁמְרִ֣ים אֹתִ֔י כִּ֥י דְבַר־יְהֹוָ֖ה הֽוּא׃ {ס}
ZunzUnd als er gebrochen ward an selbigem Tage, da erkannten alsdann die elendesten der Heerde, die meiner harren, daß es das Wort des Ewigen sei.
J. J. HirschUnd aufgehoben ward er an jenem Tage. Da erkannten solches die ärmsten der Schafe, die auf mich achteten, daß es das Wort Gottes sei.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. לְהָפִיר hatte die Absicht ausgesprochen, וַתָּפַר sagt, daß die beabsichtigte Wirkung der Aufhebung der נֹעַם-Führung auch eingetreten sei. עֲנִיֵּי הַצֹּאן: während oben, V. 7, ganz Israel als צֹאן הַהֲרֵגָה, im Verhältnis zu den anderen Völkern als das ärmste, elendeste genannt wurde, bezeichnet dieser Ausdruck hier die Ärmsten in Israel, die, im Gegensatz zu ihren Volksgenossen, noch zu ihrem Hirten aufblickten, „mich hüteten“ d. i. nicht aus dem Auge ließen, also die Gesetzestreuen, die Gottesfürchtigen, die freilich zugleich die in ihrem Kreise Machtlosen, die Gedrückten waren, also diese erkannten in den nun sich geltend machenden Folgen jener Aufhebung des Bundes die Hand Gottes, die „Verwirklichung des vorher verkündeten Gotteswortes“, כִּי דְבַר ה' הוּא, während die anderen in dem Unglück, wie immer, nur ein Werk des Zufalls, der ja nimmer aufhörenden Feindschaft der Völker erblickten.

12
וָאֹמַ֣ר אֲלֵיהֶ֗ם אִם־ט֧וֹב בְּעֵינֵיכֶ֛ם הָב֥וּ שְׂכָרִ֖י וְאִם־לֹ֣א ׀ חֲדָ֑לוּ וַיִּשְׁקְל֥וּ אֶת־שְׂכָרִ֖י שְׁלֹשִׁ֥ים כָּֽסֶף׃
ZunzUnd ich sprach zu ihnen: Wenn es euch gut dünkt, gebet meinen Lohn, wo nicht, so lasset es. Da wogen sie meinen Lohn, dreißig Silberstücke.
J. J. HirschDa sprach ich zu ihnen: Wenn es gut ist in eueren Augen, so gebet meinen Lohn! wenn aber nicht, so lasset es! Da wogen sie mir als Lohn hin — dreißig Silberstücke.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. אֲלֵיהֶם bezieht sich auf die unmittelbar zuvor genannten עֲנִיֵּי הַצֹּאן, die Treuen. An sie richtet der Prophet als Hirte die Aufforderung, ihm seinen Lohn zu zahlen, wenn es ihnen gut dünkte, wenn aber nicht, es zu unterlassen. Sie sollen dadurch an den ganzen Ernst und den das ganze Leben in ihren Bereich ziehenden Umfang der Anforderungen ihres Lebenshirten erinnert werden. Vielleicht liegt darin noch im besonderen die Nüance, daß es nicht genüge, nur in der Gestaltung des Geschickes Gottes Hand zu erkennen, daß sie vielmehr das ganze Leben gestalten wolle, daß also die Unterstellung des ganzen denkenden, fühlenden und vor allem handelnden Menschen in den Dienst seiner Pflichtgebote dasjenige sei, was Gott, was ihr Hirte erwarte, und wodurch allein sie sich seiner Führung würdig machen können. Dieser Aufforderung kann entsprochen, sie kann aber auch zurückgewiesen werden — „und wenn nicht, so lasset es!“ Es ist in ihre Hand gegeben, allein es ist ein Entweder — Oder, darüber sollten sich auch diese Treuen klar sein.

„Da wogen sie mir als Lohn zu — dreißig Silberstücke!“ Mit vollem Recht, so meinen wir, sind diese dreißig Silberstücke in Verbindung gebracht worden mit dem für einen fahrlässig durch ein Tier getöteten kanaanitischen Knecht, Ex. 21, 31, ausgesprochenen Sühnegeld, das mithin den Wert dieses Knechtes repräsentieren dürfte. Also so hoch glaubten sie die ihnen von ihrem Hirten geleisteten Dienste anschlagen zu dürfen!

V. 13 f. Denn daß sich in der Zahlung dieses „Lohnes“ die Bekundung einer unwürdigen Gesinnung ausspricht, jedenfalls der Mangel der Erkenntnis von der wahren Bedeutung dessen, was sie ihrem Hirten verdanken, und dessen, was sie ihm schulden, das geht aus den Worten dieses Verses mit Evidenz hervor, ganz unabhängig von der Auffassung des hier genannten יוֹצֵר. Das liegt schon in den Ausdrücken: הַשְׁלִיכֵהוּ und וָאַשְׁלִךְ, die ja hier im strengsten Sinne des Wortes „wegwerfende“ Behandlung bezeichnen. Und sie hatten es ihm doch so sorgsam „zugewogen“! nach ihrer Auffassung nicht das Geringste zu wenig, aber auch nicht das Geringste zu viel. אֶדֶר הַיְקָר ist Apposition, bezw. weitere Ausführung des durch das Suffix in הַשְׁלִיכֵהוּ bezeichneten Lohnes. אֶדֶר Pracht, Herrlichkeit, vergl. Micha 2, 8: מִמּוּל שַׂלְמָה אֶדֶר תַּפְשִׁיטוּן, wo damit im Gegensatze zu einem ganz gewöhnlichen Gewande das Prachtgewand der jüdischen Bestimmung bezeichnet wird. יְקָר Wert, Würde, Auszeichnung. מֵעֲלֵיהֶם, das מ glauben wir als Comparativ auffassen zu sollen: mehr als über ihnen, d. h. mehr als das, was über ihnen ist oder waltet, was Macht über sie hat. Also: das ist die ganze „Pracht und Herrlichkeit,“ das die Wertgröße, um die ich, d. i. meine Hut, meine Leitung und Führung, ihnen mehr gelte, als die Mächte, die Natur- und Menschengewalten, denen sie sonst unterstünden, und von denen meine Führung sie unabhängig machen wollte.

אֶל הַיּוֹצֵר. So unwürdig aber auch dieser „Lohn“, so ungenügend auch die in ihm sich aussprechende Erkenntnis und Würdigung der göttlichen Führung ist — die ihn Leistenden hatten doch damit ihr Verlangen nach der Fortdauer dieser Führung bekundet, sie wollten sich auch ferner dem Hirten unterstellen. Waren sie auch weit entfernt von der vollen Erkenntnis und Würdigung des Hirten und der vollen Hingebung an ihn, so lag doch in dieser Leistung ein Anfang vor. Nicht zurückweisen und nicht wegwerfen soll er deshalb den „Lohn“: das Silber, sondern es nehmen und „zuwerfen dem Bildner“. Das „Hinwerfen“, nicht hinreichen, weist, wie bemerkt, auf die Unvollkommenheit, das Ungenügende der Leistung hin, daß es aber „dem Bildner“ zugeworfen wird, spricht aus, daß darin ein edler Kern enthalten sei, der nur der Gestaltung, Weiterbildung und Entwickelung bedürfe. Um aber über die Persönlichkeit dieses „Bildners“, über die Mittel und Wege und das Ziel seines Gestaltens keinen Zweifel zu lassen, wird das „Haus Gottes“ als die Stätte bezeichnet, wo dem „Bildner“ das Edelmetall des „Hirtenlohnes“ überreicht würde.

Durch diesen Hergang war jedenfalls gezeigt worden, wie weit auch der treue Teil im Volke, diejenigen, die הַשׁומְרִים אותִי, noch von der klaren Erkenntnis der Stellung zu Gott und der Bedeutung seines Wortes, von der rückhaltlosen Hingebung an dessen Erfüllung entfernt waren. Diese Ärmsten bildeten den שְׁאָר des עֲשִׂירִיָּה, wie Jesaias sie bezeichnete, sie standen mit ihrer Treue und ihrer Anerkennung der Verpflichtungskraft des göttlichen Gesetzes und ihrem Entschlusse, sich auch ferner der Gottesführung hinzugeben, zu ihren Brüdern, deren „Seele der Gottesführung überdrüssig war,“ geistig und grundsätzlich in demselben Gegensatze wie einst „Juda“ zu „Israel.“ Daß nicht alle Schichten in Juda einst von dem Beispiele des vollständigen Abfalls verführt und in die Entartung des Nordreiches mit hineingerissen wurden, daß die Erhaltung eines עֲשִׂירִיָּה, eines treuen, reinen Kernes möglich gewesen war, dazu mögen der politische Gegensatz und die räumliche Trennung der beiden Reiche das ihrige beigetragen haben. In der angeführten Stelle war es voraus verkündigt worden, daß auch dieser „Zehentgeweihte“ noch wiederholt der „Flamme der Läuterung“ werde ausgesetzt werden müssen, daß auch von ihm viele abfallen würden. Solche Zeiten schaut hier unser Prophetenwort, und es signalisiert die Gefahr, die den Treugebliebenen droht. Diese Gefahr heißt die Halbheit. Sie stehen auf dem Boden des Gesetzes, sie erkennen Gott als ihren Herrn und erkennen die Verpflichtung an, ihm zu gehorchen. Allein er ist nicht der Einzige, den sie fürchten, den sie als „über sich waltend“ glauben, darum ist auch ihre Hingebung keine rückhaltlose, ihr Gehorsam kein freudiger und ihre Pflichterfüllung keine bewußte und entschiedene, — die dreißig Silberlinge sind zugleich das traurig treffende Bild dessen, was sie ihrem Hirten leisten, es ist der Gehorsam des leibeigenen kenaanitischen Knechtes. Sie wollen mit Gott nicht brechen, Gott bewahre, aber in ihrem Denken und Fühlen haben sie sich nicht ganz frei gemacht von den Anschauungen und Gesinnungen, die für ihre abgefallenen Brüder, die Gott und sein Gesetz leugnen, die allein maßgebenden sind. In dem Einflusse, den sie diesen „israelitisch“ gesinnten, „israelitisch“ lebenden Brüdern auf sich gestatten, in der verderblichen, oft ganz unbewußten Einwirkung ihres Beispiels erblickt das Prophetenwort den eigentlichen Grund jener Trübung der Erkenntnis, der Hemmung ihres Fortschreitens, ja die eigentliche Gefahr, die der Treue der Treuen drohte. Nachdem er deshalb „die Silberstücke dem Bildner in dem Hause Gottes“ zur Gestaltung übergeben hatte, zerbrach er (V. 14) „den zweiten Stab,“ die „Bande,“ um die Brüderschaft zwischen „Juda“ und „Israel“ zu beseitigen. —

So gewiß das jüdische Israel mit Sehnsucht dem Tage der Wiedervereinigung mit den durch die Kluft des Abfalls von ihm getrennten Brüdern entgegenharrt, so gewiß diese Wiedervereinigung am Ziele der gesamten geschichtlichen Erziehung Gesamtisraels verkündet ist, da Juda und das auf den Boden des Gottesgesetzes zurückgekehrte Israel nur Ein Haupt kennen wird, und als „Jisreël-Israel“ zur Zionshöhe heraufziehen werde von der Erde, (s. oben zu Hosea 2, 2), so gewiß ferner auch bis zur Erreichung dieses Zieles in den Herzen des jüdischen Juden keine Gehässigkeit und in seiner Haltung keine abweisende Lieblosigkeit gegenüber seinen verirrten Brüdern aufkommen: ebenso gewiß ist es, das lehrt die symbolische Handlung und das sie begleitende erklärende Mahnwort des Propheten, daß dem Bewußtsein der gesetzestreuen Juden nie die Thatsache der Verirrung ihrer Stammesbrüder, nie die Thatsache entschwinden dürfe, daß die Brüder, mit denen sie in freundlichem Verkehre stehen, den heiligen Boden des Vaterhauses verlassen haben. Das sind sie sich, das sind sie ihren Kindern schuldig, sonst ist ihre und ihrer Kinder Treue gefährdet. Die Vergegenwärtigung der Thatsache der Verirrung soll nicht einen Gegensatz gegen die Personen erzeugen, sondern soll das Bewußtsein des Gegensatzes gegen deren Lebensprincip wach- und festhalten. Sonst laufen sie schließlich Gefahr, Treue und Untreue, Anerkennung und Nichtanerkennung, Gehorsam und Trotz gegen Gott und sein Wort als lediglich zwei mehr oder minder berechtigte Standpunkte zu betrachten und damit unmerklich auf den Standpunkt jener עֲנִיֵּי הַצֹּאן hinabzugleiten, deren Gehorsam und deren Hingebung hier so treffend durch das Bild der „dreißig Silberlinge“ charakterisiert wurde. Und in der Aufrechthaltung dieses Bewußtseins sollen sie sich durch keinerlei verdächtigende Mißdeutungen beirren lassen. Je weniger sie in den Verirrten die Brüder verkennen sollen, um so mehr haben sie vor der Gefahr der „Brüderschaft“ in der Anschauung und Gesinnung inbetreff der jüdischen Lebensaufgabe auf ihrer Hut zu sein. Nicht Verfolgung sondern Abwehr, nicht Angriff sondern Verteidigung, nicht Bedrohung sondern Selbstschutz ist es, was mit den Worten dieses Verses den gesetzestreuen Juden zur Pflicht der Selbsterhaltung gemacht wird. Wollte Gott, daß diese Zeiten und diese Gefahren schon der Vergangenheit angehörten, so daß diese Mahnung überflüssig und diese Worte gegenstandlos geworden wären!

13
וַיֹּ֨אמֶר יְהֹוָ֜ה אֵלַ֗י הַשְׁלִיכֵ֙הוּ֙ אֶל־הַיּוֹצֵ֔ר אֶ֣דֶר הַיְקָ֔ר אֲשֶׁ֥ר יָקַ֖רְתִּי מֵעֲלֵיהֶ֑ם וָֽאֶקְחָה֙ שְׁלֹשִׁ֣ים הַכֶּ֔סֶף וָאַשְׁלִ֥יךְ אֹת֛וֹ בֵּ֥ית יְהֹוָ֖ה אֶל־הַיּוֹצֵֽר׃
ZunzUnd der Ewige sprach zu mir: Wirf ihn dem Schatzverwalter hin (für) den kostbaren Mantel, den ich ihnen ausgezogen habe. Und so nahm ich die dreißig Silberstücke, und warf sie in das Haus des Ewigen, dem Schatzverwalter hin.
J. J. HirschDa sprach Gott zu mir: Wirf ihn dem Töpfer hin, den prächtigen Wert, den ich mehr gelte als das über ihnen [Waltende]. Da nahm ich die dreißig Silberstücke und warf es in das Haus Gottes dem Töpfer hin.
14
וָֽאֶגְדַּע֙ אֶת־מַקְלִ֣י הַשֵּׁנִ֔י אֵ֖ת הַחֹֽבְלִ֑ים לְהָפֵר֙ אֶת־הָאַֽחֲוָ֔ה בֵּ֥ין יְהוּדָ֖ה וּבֵ֥ין יִשְׂרָאֵֽל׃ {פ}
ZunzUnd ich zerhieb meinen zweiten Stab, den Choblim, um zu brechen die Brüderschaft zwischen Jehudah und Jisraél.
J. J. HirschDa zerbrach ich meinen zweiten Stab „Bande“, um die Brüderschaft aufzuheben zwischen Juda und Israel.
15
וַיֹּ֥אמֶר יְהֹוָ֖ה אֵלָ֑י ע֣וֹד קַח־לְךָ֔ כְּלִ֖י רֹעֶ֥ה אֱוִלִֽי׃
ZunzUnd der Ewige sprach zu mir ferner: Nimm dir das Geräthe eines thörichten Hirten.
J. J. HirschDa sprach Gott zu mir: Wiederum nimm dir das Gerät eines in meinem Namen thörichten Hirten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. Nachdem so durch das Zerbrechen des Hirtenstabes „Noam“ auf eine Zeit hingewiesen ist, während deren das göttliche Hirtenamt scheinbar ruhet und sein Volk den feindlichen Menschenmächten preisgegeben ist, wird hier das Auftreten eines „thörichten“ unwürdigen Hirten verkündet, der sich der leitungslosen und leitungsbedürftigen Menschheit darstellen wird und zwar im Namen Gottes, als von Gott gesandt, oder wie es hier fast s. v. v. humorvoll heißt, als „mein Thor.“ Denn wir sind sehr wohl berechtigt, das י in אוּלִי und ebenso V. 17 רֹעִי und עֹזְבִי als Suffix der 1. Person zu fassen, und nicht als poetische Verlängerung wie Hosea 10, 11 אֲהַבְתִּי und Ps. 113, 5 ff. und sonst. אֱוִיל heißt sowohl thöricht als schlecht. עוֹד „nochmals“ bezieht sich darauf, daß der Prophet schon zuvor Hirtenstäbe, also Hirtengerät in göttlichem Auftrage zur Hand genommen hatte. Wodurch sich das nunmehr zu nehmende Gerät als das eines schlechten Hirten kennzeichnete, wird uns nicht gesagt; für das Verständnis des Bildes genügt es, daß es als solches bezeichnet ist.

16
כִּ֣י הִנֵּֽה־אָנֹכִי֩ מֵקִ֨ים רֹעֶ֜ה בָּאָ֗רֶץ הַנִּכְחָד֤וֹת לֹֽא־יִפְקֹד֙ הַנַּ֣עַר לֹֽא־יְבַקֵּ֔שׁ וְהַנִּשְׁבֶּ֖רֶת לֹ֣א יְרַפֵּ֑א הַנִּצָּבָה֙ לֹ֣א יְכַלְכֵּ֔ל וּבְשַׂ֤ר הַבְּרִיאָה֙ יֹאכַ֔ל וּפַרְסֵיהֶ֖ן יְפָרֵֽק׃
ZunzDenn siehe, ich bestelle einen Hirten über das Land, der nach den Verkommenen nicht siehet, das Junge nicht aufsucht und das Verwundete nicht heilt, das Standhafte nicht verpflegt, aber das Fleisch des Feisten ißt und bis auf die Klauen zermalmt.
J. J. HirschDenn siehe, ich lasse einen Hirten erstehen auf Erden, um die zu Grunde Gehenden wird er sich nicht kümmern, die Jungen wird er nicht suchen und das Gebrochene nicht heilen; das Stehenbleibende wird er nicht versorgen, und das Fleisch des Fetten wird er essen, und ihre Klauen wird er abreißen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. Denn siehe, ich lasse einen Hirten erstehen, d. h. in diesem Zusammenhange, ich lasse sein Aufkommen zu und werde auch sein verderbliches Thun meinen Waltungszielen dienstbar machen. Es wird also ein Hirte auftreten, — mag darunter nun eine Weltmacht, eine politische oder geistliche Macht zu verstehen sein, — der vorgeben wird, das Hirtenamt von mir empfangen zu haben, und der aber das gerade Gegenteil von einem guten Hirten sein wird. Im Gegensatze zu der Jes. 40, 11 unter dem Bilde des Hirten geschilderten fürsorgenden Waltung Gottes wird dieser Hirte das Verkommende, zu Grunde Gehende nicht bedenken, das sich verirrende Junge nicht aufsuchen (vergl. daf. בִּזְרֹעוֹ יְקַבֵּץ טְלָאִים), das Gebrochene nicht heilen (vergl. וּבְחֵיקוֹ יִשָּׂא, הַנִּצָּבָה, das stehen bleibt, nicht vorwärts kann, wird er nicht versorgen — also von allen Pflichten gegen die in seine Hand gegebene Herde keine einzige erfüllen, vielmehr in seinem „Hirtenamte“ nur das Mittel zu schamloser Befriedigung seiner Habsucht und seiner Genußsucht erblicken: das Fleisch der Fetten wird er verzehren. Und während der Hirte die Herde führen und leiten soll, wird er in selbstsüchtiger Absicht vor keiner Gewaltthat zurückschrecken, um ihr die Möglichkeit des Fortschreitens zu nehmen. Er wird, wie es hier in grausigem Bilde heißt, ihr die schützenden Hornumhüllungen von den Füßen lösen, abreißen יְפָרֵק. Sind hier nicht alle jene Mächte gezeichnet, die im Laufe der Jahrtausende aufgestanden sind und im Namen Gottes die Menschen unterdrückt und ausgebeutet haben und jeden Fortschritt niederzuhalten suchten? — נַעַר wird von Jona und A. als das Versprengte, Verirrte gefaßt, Substantiv, von נָעַר abschütteln abgeleitet.

17
ה֣וֹי רֹעִ֤י הָאֱלִיל֙ עֹזְבִ֣י הַצֹּ֔אן חֶ֥רֶב עַל־זְרוֹע֖וֹ וְעַל־עֵ֣ין יְמִינ֑וֹ זְרֹעוֹ֙ יָב֣וֹשׁ תִּיבָ֔שׁ וְעֵ֥ין יְמִינ֖וֹ כָּהֹ֥ה תִכְהֶֽה׃ {פ}
ZunzWehe dem nichtsnutzigen Hirten, dem Vernachlässiger der Heerde; Verderben über seinen Arm und über sein rechtes Auge! Sein Arm soll verdorren und sein rechtes Auge stumpf werden.
J. J. HirschWehe ihm, der sich als mein Hirte giebt, als des Götzen! der in meinem Namen die Schafe verläßt! Das Schwert über seinen Arm und über sein rechtes Auge! Sein Arm soll völlig verdorren und sein rechtes Auge völlig erlöschen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. Eben wegen dieses fluchwürdigen Schaltens und im schmählich mißbrauchten Namen des allerbarmenden Gottes, der ein Gott der Liebe und der Gerechtigkeit und ein Freund ist des Menschenglückes und ein Feind jeglicher Unterdrückung und Vergewaltigung, der aber von diesem seinem Stellvertreter, dem Menschen, als ein אליל, als ein „versagender“, zornwütiger, neidischer heidnischer Götze dahingestellt wird, wird über diesen „Hirten“ der Fluch, das Wehe! ausgesprochen, seine Macht wird gelähmt und seine Einsicht wird vernichtet. רֹעִי: der sich für meinen Hirten, als von mir eingesetzt ausgiebt. Das Suffix der 1. Person in רֹעִי wird aufgenommen und in האליל als Apposition fortgesetzt. עֹזבִי: der in meinem Namen die Herde verläßt, preisgiebt.