Zacharjah 8 זכריה

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1
וַיְהִ֛י דְּבַר־יְהֹוָ֥ה צְבָא֖וֹת לֵאמֹֽר׃
ZunzUnd es erging das Wort des Ewigen der Heerschaaren also:
J. J. HirschDa erging das Wort Gottes der Schöpfungsscharen:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 8. Dieses Kapitel gliedert sich in drei Teile. Der erste, V. 2—8, lenkt im Anschluß an die unmittelbar vorher in die Erinnerung gerufene Verkündigung des großen Exiles den Blick auf dessen Ende und auf die einstige Erlösung und Heimkehr Israels, auf das friedliche, stille Glück, dessen Stätte Jerusalem sein werde, denn Israel hat in der großen, sich durch die Jahrtausende der Geschichte fortsetzenden Erziehung dann „in Wahrheit und Pflichttreue“ jenes Ziel erreicht, das (Ex. 6, 7) bei seiner Erwählung ausgesprochen worden: „ich nehme euch mir zum Volke, und ich werde euch zum Gotte.“ —

Im zweiten Teile, V. 9—17, spricht der Prophet Worte der Ermutigung aus an das Volk, das „in diesen Tagen“ der Freude über den Wiederaufbau des Tempels „diese Worte“ vernehme, die diesem Tempel und ihrem Verweilen auf dem Boden des Landes unserer Bestimmung nur eine begrenzte Dauer künden. Er weist auf die hohe Bedeutung des mit diesem Werke gleichwohl Erreichten und auch darauf hin, daß es trotz dieser Verkündigung lediglich in ihrer Hand liege, diesem Hause und ihrem Weilen auf heimatlichem Boden unbegrenzte Dauer zu geben, dadurch daß sie eine neue Katastrophe und ein neues Exil unnötig machen, deren Ziel ja nur die Läuterung und Erziehung Israels wäre.

Der dritte Teil, V. 18—22, enthält nun die eigentliche Antwort auf die Frage, die den Anlaß zu allen Ausführungen dieses und des vorigen Kapitels gegeben hatte. Die Fasttage, die an die Ursache des Exiles und die Sünden im Exile warnend und läuternd erinnern sollen, haben die Bestimmung, eben dadurch zu Freudentagen zu werden, selbstverständlich unter der Bedingung, daß sie diese ihre Bestimmung erreicht haben, wie dies ausdrücklich in den Worten ausgesprochen wird: הָאֱמֶת וְהַשָּׁלוֹם אֱהָבוּ, in denen die Anerkennung und Verwirklichung der ganzen Thora enthalten ist. Daran schließt sich der Ausblick auf die menschheitpriesterliche Heileswirkung, die die Erhebung Israels zur Höhe seiner Bestimmung auf die anderen Völker, also auf die Gesamtmenschheit ausüben werde.

V. 1. Das fehlende אֵלַי dürfte vielleicht von vornherein auf die weit über das gegenwärtige Geschlecht und über die durch den Tempelbau eingeleitete Epoche hinausreichende Beziehung des ersten Teiles des Kapitels hinweisen sollen. Im vorhergehenden Kapitel, das, wie wir sahen, mit diesem ein Ganzes bildet, hieß es V. 1 und 8 in etwas auffälliger Weise, „da erging das Wort Gottes an Secharja“, während es sonst in der bei Überschriften üblichen Form: „an mich“ heißt. Vielleicht sollte dadurch mit größerer Schärfe die Beziehung der damit eingeleiteten Worte auf sein zeitgenössisches Geschlecht zum Ausdruck kommen, es hübe dann unser Vers mit dem Fehlen der Erwähnung des Propheten in der ersten wie in der dritten Person um so augenfälliger die folgende Rede von der vorhergehenden ab.

V. 2 f. Die V. 14 des vorigen Kap. verkündete Entfernung und Zerstreuung Israels und Verödung des Landes ist selbst nur ein mächtiges „Eifern für Zion“, um es, die Stätte der Thora, vor Entweihung zu schützen, und auch was als „gewaltige Zornesglut“ erschien, war in Wahrheit nichts als ein „Eifern für Zion“. Dann wäre קִנֵּאתִי als reines Perfekt gefaßt. Wahrscheinlicher jedoch ist es, wie שָׁבְתִּי des folgenden Verses, als ein Präsens zu begreifen, im Sinne der, weil von Gott verheißenen, bereits vollendet angeschauten Thatsache. — וְשָׁכַנְתִּי בְּתוֹךְ יְרוּשָׁלִַם ist die endliche Erfüllung der Verheißung Ex. 25, 8 וְשָׁכַנְתִּי בְּתוֹכָם, das Thatenleben Jerusalems wird nicht mehr eine Entweihung des göttlichen Namens sein, wird vielmehr der segnenden Gottesnähe würdig sein und ihrer teilhaftig werden. שַׁבְתִּי אֶל צִיּוֹן bildet den Gegensatz zu der Entfernung der Gottesherrlichkeit aus dem Tempel, die Jesaias schaute, (6, 1): וְשׁוּלָיו מְלֵאִים אֶת הַהֵיכָל, s. Haftoroth S. 134. Zu der Verheißung langen Lebens vergl. Jes. 65, 20.

2
כֹּ֤ה אָמַר֙ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת קִנֵּ֥אתִי לְצִיּ֖וֹן קִנְאָ֣ה גְדוֹלָ֑ה וְחֵמָ֥ה גְדוֹלָ֖ה קִנֵּ֥אתִי לָֽהּ׃
ZunzSo spricht der Ewige der Heerschaaren: Ich eifre für Zijon in großem Eifer, und mit großem Grimm eifre ich für dasselbe.
J. J. HirschSo hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: Ich eifere für Zion mit großem Eifer, und mit großer Zornesglut eifere ich für es.
3
כֹּ֚ה אָמַ֣ר יְהֹוָ֔ה שַׁ֚בְתִּי אֶל־צִיּ֔וֹן וְשָׁכַנְתִּ֖י בְּת֣וֹךְ יְרֽוּשָׁלָ֑͏ִם וְנִקְרְאָ֤ה יְרוּשָׁלַ֙͏ִם֙ עִ֣יר הָֽאֱמֶ֔ת וְהַר־יְהֹוָ֥ה צְבָא֖וֹת הַ֥ר הַקֹּֽדֶשׁ׃
ZunzSo spricht der Ewige: Ich kehre nach Zijon zurück und throne in Jeruschalajim, und Jeruschalajim wird genannt: Stadt der Wahrheit, und der Berg des Ewigen der Heerschaaren: Heiliger Berg.
J. J. HirschSo hat Gott gesprochen: Ich kehre zurück zu Zion und werde wohnen inmitten Jeruschalajims, genannt wird Jeruschalajim die Stadt der Wahrheit und der Berg Gottes der Schöpfungsscharen der heilige Berg.
4
כֹּ֤ה אָמַר֙ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת עֹ֤ד יֵֽשְׁבוּ֙ זְקֵנִ֣ים וּזְקֵנ֔וֹת בִּרְחֹב֖וֹת יְרוּשָׁלָ֑͏ִם וְאִ֧ישׁ מִשְׁעַנְתּ֛וֹ בְּיָד֖וֹ מֵרֹ֥ב יָמִֽים׃
ZunzSo spricht der Ewige der Heerschaaren: Wiederum werden sitzen Greise und Greisinnen in den Straßen Jeruschalajim's, Jeglicher seinen Stab in der Hand vor Fülle an Jahren.
J. J. HirschSo hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: Noch werden Greise und Greisinnen sitzen auf den Plätzen Jeruschalajims, ein jeder seinen Stab in seiner Hand ob der Menge der Tage.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4, 5. Das Bild der hochbetagten, auf ihre Stäbe gestützten Greise und Greisinnen und der vor ihnen auf den weiten Plätzen der Stadt spielenden fröhlichen Kinder enthält die Schilderung reinsten Glückes. Überwunden sind nunmehr und einer fernen Vergangenheit angehörig jene Zeiten, da der Gedanke an die heranblühende Jugend in der Brust des Propheten und der vom jüdischen Geiste erfüllten, denkenden Männer zugleich den stechenden Schmerz wachrief, daß diese herrlichen jüdischen Kinder, bestimmt Söhne und Töchter Zions zu sein, schon vom ersten Augenblick ihres Seins ihrer Bestimmung entfremdet, in Verkennung und Verachtung ihrer Mutter Zion heranwüchsen. Vergl. Hosea 5, 7, Threni 1, 5 u. f.

5
וּרְחֹב֤וֹת הָעִיר֙ יִמָּ֣לְא֔וּ יְלָדִ֖ים וִֽילָד֑וֹת מְשַׂחֲקִ֖ים בִּרְחֹֽבֹתֶֽיהָ׃ {פ}
ZunzUnd die Straßen der Stadt werden voll seyn von Knaben und Mädchen, die in ihren Straßen spielen.
J. J. HirschUnd die Plätze der Stadt werden voll sein von Knaben und Mädchen, die auf ihren freien Plätzen spielen.
6
כֹּ֤ה אָמַר֙ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת כִּ֣י יִפָּלֵ֗א בְּעֵינֵי֙ שְׁאֵרִית֙ הָעָ֣ם הַזֶּ֔ה בַּיָּמִ֖ים הָהֵ֑ם גַּם־בְּעֵינַי֙ יִפָּלֵ֔א נְאֻ֖ם יְהֹוָ֥ה צְבָאֽוֹת׃ {פ}
ZunzSo spricht der Ewige der Heerschaaren: So es wunderbar vorkommt dem Ueberreste dieses Volkes in selbigen Tagen, soll es auch mir wunderbar vorkommen? ist der Spruch des Ewigen der Heerschaaren.
J. J. HirschSo hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: Wenn es in jenen Tagen wunderbar erscheinen wird in den Augen des Überrestes dieses Volkes — auch in meinen Augen wird es wunderbar sein! ist der Spruch Gottes der Schöpfungsscharen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6, 7. Diejenigen Auffassungen, die die Worte גַּם בְּעֵינַי יִפָּלֵא als Frage mit ausgefallenem ה in dem Sinne von הֲיִפָּלֵא מֵה' דָּבָר begreifen, übersehen den Unterschied zwischen — יִפָּלֵא מִ' und יִפָּלֵא בְּעֵינַי, das letztere bedeutet stets das wunderbar Erscheinen in der Beurteilung. Es giebt nun keinen guten Sinn in der Auffassung als Frage: wenn es in den Augen des Überrestes dieses Volkes, der dies erleben wird, als ein Wunder erscheint, wird es auch in meinen Augen als ein solches erscheinen? Ganz anders affirmativ als Aussage: auch in meinen Augen wird dieser gänzliche Umschwung wie ein Wunder erscheinen, zur Bezeichnung des gewaltigen Contrastes der endlich erreichten Erhebung Israels zu der solange andauernden Verblendung.

7
כֹּ֤ה אָמַר֙ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת הִנְנִ֥י מוֹשִׁ֛יעַ אֶת־עַמִּ֖י מֵאֶ֣רֶץ מִזְרָ֑ח וּמֵאֶ֖רֶץ מְב֥וֹא הַשָּֽׁמֶשׁ׃
ZunzSo spricht der Ewige der Heerschaaren: Siehe, ich helfe meinem Volke aus dem Lande des Aufganges und aus dem Lande des Niederganges der Sonne.
J. J. HirschSo hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: Siehe, ich rette mein Volk aus dem Lande des Aufgangs und aus dem Lande des Niedergangs der Sonne
8
וְהֵבֵאתִ֣י אֹתָ֔ם וְשָׁכְנ֖וּ בְּת֣וֹךְ יְרוּשָׁלָ֑͏ִם וְהָיוּ־לִ֣י לְעָ֗ם וַֽאֲנִי֙ אֶהְיֶ֤ה לָהֶם֙ לֵֽאלֹהִ֔ים בֶּאֱמֶ֖ת וּבִצְדָקָֽה׃ {פ}
ZunzUnd ich bringe sie, daß sie wohnen in Jeruschalajim, und sie sollen mir ein Volk seyn, und ich werde ihnen ein Gott seyn in Wahrheit und in Liebe.
J. J. HirschUnd bringe sie heim, und sie wohnen inmitten Jeruschalajims, und sie werden mir zum Volke und ich, ich werde ihnen Gott sein in Wahrheit und in Pflichttreue.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. Denn dann wird, worauf wir bereits oben hingewiesen, jenes Ziel erreicht sein, das schon vor der Erlösung Israels aus Mizrajim, Ex. 6, 7, als deren Zweck ausgesprochen war: וְלָקַחְתִּי אֶתְכֶם לִי לְעָם וגו', ein Volk zu schaffen, dem in allen Beziehungen seines Einzel- wie seines Volkslebens das Siegel der Gotteshörigkeit aufgeprägt, das sich als einen Menschenverein darstelle, dessen einziger Herr und Gesetzgeber Gott sei. Das wird nunmehr erfüllt sein, „sie werden mir zum Volke und ich werde ihnen Gott“, wörtlich: zum Gotte, d. i. sie werden mir gehorchen: „in Wahrheit und Pflichttreue“. בֶּאֱמֶת bezieht sich auf die Durchdringung des Geisteslebens mit den göttlichen Wahrheiten, בִּצְדָקָה auf die Verwirklichung des göttlichen Gesetzes durch das Thatenleben.

9
כֹּֽה־אָמַר֮ יְהֹוָ֣ה צְבָאוֹת֒ תֶּחֱזַ֣קְנָה יְדֵיכֶ֔ם הַשֹּֽׁמְעִים֙ בַּיָּמִ֣ים הָאֵ֔לֶּה אֵ֖ת הַדְּבָרִ֣ים הָאֵ֑לֶּה מִפִּי֙ הַנְּבִיאִ֔ים אֲ֠שֶׁ֠ר בְּי֞וֹם יֻסַּ֨ד בֵּית־יְהֹוָ֧ה צְבָא֛וֹת הַהֵיכָ֖ל לְהִבָּנֽוֹת׃
ZunzSo spricht der Ewige der Heerschaaren: Muth gefaßt, ihr, die ihr höret in diesen Tagen diese Worte aus dem Munde der Propheten, die (sie gesprochen) am Tage, da man den Grund legte zum Hause des Ewigen der Heerschaaren, der Tempel erbauet werden sollte.
J. J. HirschSo hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: Stark seien eure Hände, die ihr in diesen Tagen diese Worte vernehmet aus dem Munde der Propheten, die da sind an dem Tage, da der Grund gelegt wurde zum Hause Gottes der Schöpfungsscharen, auf daß der Tempel gebaut werde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. Dieses Ziel winkt freilich noch in der Zeiten Ferne. Aber auch eure Hände mögen stark sein, die ihr in diesen Tagen, da die Schatten der Finsternis doch bereits zu weichen begonnen, „diese Worte“ von der noch bevorstehenden Katastrophe und der erst spät erfolgenden Rettung vernehmet, und zwar von denselben Propheten, die dabei stehen, die gegenwärtig sind an dem Tage, da der Grund gelegt wurde zum Hause Gottes, auf daß der Tempel wieder erbaut werde. Schwierig bliebe immer noch der Pleonasmus הַהֵיכָל neben בית ה' צ', ebenso das לְהִבָּנוֹת, wodurch das יָסַד im engeren Sinne die Bedeutung der Fundamentierung, der Grundlegung erhält zu dem erst durch לְהִבָּנוֹת bezeichneten Oberbau. — Von לְהִבָּנוֹת getrennt würde יָסַד sehr wohl den ganzen Bau als einen festgegründeten bezeichnen können. Wir möchten deshalb folgende Fassung des Verses wenigstens als eine Möglichkeit hinstellen. לְהִבָּנוֹת, der Infin. mit ל weist stets auf etwas noch Bevorstehendes hin, entweder von der Gegenwart des Sprechenden oder von einem Zeitpunkt der Vergangenheit aus betrachtet. Hier ist das erstere der Fall, und es bezöge sich, ebenso wie das hier als Subject genannte הֵיכָל, auf den oben V. 3 verkündeten Bau des Tempels der Zukunft. Zu construieren wäre: Werdet nicht mutlos, vielmehr kräftigt eure Hände, die ihr in diesen Tagen solche Worte höret von den Propheten, daß an dem Tage, an dem bereits das Haus Gottes fest gegründet dasteht, der Tempel Gottes noch erbaut werden solle, erst ein noch zu erbauender sei. Das אֲשֶׁר kann übrigens auch in diesem Sinne auf die Propheten bezogen werden, von denen, obgleich sie an dem Tage gegenwärtig sind, an dem das Haus Gottes bereits fest gegründet ist, ihr solche Worte vernehmet.

10
כִּ֗י לִפְנֵי֙ הַיָּמִ֣ים הָהֵ֔ם שְׂכַ֤ר הָֽאָדָם֙ לֹ֣א נִֽהְיָ֔ה וּשְׂכַ֥ר הַבְּהֵמָ֖ה אֵינֶ֑נָּה וְלַיּוֹצֵ֨א וְלַבָּ֤א אֵין־שָׁלוֹם֙ מִן־הַצָּ֔ר וַאֲשַׁלַּ֥ח אֶת־כׇּל־הָאָדָ֖ם אִ֥ישׁ בְּרֵעֵֽהוּ׃
ZunzDenn vor selbigen Tagen ist den Menschen kein Gewinn geworden, und kein Gewinn vom Vieh war da; und wer ausund einging, hatte keinen Frieden vor dem Dränger, und ich ließ alle Menschen wider einander los.
J. J. HirschDenn vor jenem Tage gab es keinen Lohn für die Menschen und keinen Lohn für die Tiere, und wo einer ausging und wo einer einging, da war ihm kein Friede vor dem Dränger, und ich ließ alle Menschen los, den einen wider den andern.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. Denn groß ist gleichwohl die Bedeutung des bereits in der Gegenwart Erreichten. Was schon oben (1, 13—16 und 2, 9), ebenso Chaggai 2, 18 ausgesprochen war, wird hier ausführlicher betont, nämlich der mächtige Unterschied zwischen der Zeit, in der die Thora keine sichtbare Stätte ihrer Herrschaft auf Erden hatte, und der nunmehr eingetretenen neuen Zeit. Die durch die Ermannung des Volkes zum Bau des Tempels der Thora bereitete Anerkennung trägt bereits ihre Früchte. Denn vor diesen Tagen war vergeblich alles Mühen der Menschen und das Aufgebot ihrer Kraftmittel, als deren Vertreter hier das Vieh genannt wird, und dem der ausging, und dem der heimkam, war kein Friede, und die Unrast und die Sorge bewirkten, daß es fast schien, als hätte ich die Menschen losgelassen, ein jeder gegen den, dem er und der ihm doch Stütze und Hilfe sein sollte. (Vergl. über רַע zu 3. B. M. 16, 19). Denn das fühlten sie ja, daß die Ungunst der Verhältnisse nicht ohne meine Zustimmung gefügt war.

V. 11 f. Nun aber tritt ein vollständiger Umschwung in der Gestaltung auch der äußeren Verhältnisse ein, weil die einheitliche Gestaltung und Vollendung des Lebens durch das wieder errichtete Gottesheiligtum ihren festen Boden und ihren mächtigen Halt wieder gewonnen. Die „Saat des Friedens“, d. i. die Frucht eben dieser harmonischen Gestaltung des ganzen Lebens nach dem Gottesgesetze, äußert sich darin, daß ich die Natur euch wieder freundlich stimme, „Himmel und Erde“ werden euch ihre Gaben spenden, und alles dies werde ich dem Überrest dieses Volkes als Erbe zuteilen.

11
וְעַתָּ֗ה לֹ֣א כַיָּמִ֤ים הָרִֽאשֹׁנִים֙ אֲנִ֔י לִשְׁאֵרִ֖ית הָעָ֣ם הַזֶּ֑ה נְאֻ֖ם יְהֹוָ֥ה צְבָאֽוֹת׃
ZunzAber nun — nicht wie in den früheren Tagen bin ich gegen den Ueberrest dieses Volkes, ist der Spruch des Ewigen der Heerschaaren.
J. J. HirschJetzt aber — nicht wie in den früheren Tagen bin ich dem Reste dieses Volkes, ist der Spruch Gottes der Schöpfungsscharen.
12
כִּֽי־זֶ֣רַע הַשָּׁל֗וֹם הַגֶּ֜פֶן תִּתֵּ֤ן פִּרְיָהּ֙ וְהָאָ֙רֶץ֙ תִּתֵּ֣ן אֶת־יְבוּלָ֔הּ וְהַשָּׁמַ֖יִם יִתְּנ֣וּ טַלָּ֑ם וְהִנְחַלְתִּ֗י אֶת־שְׁאֵרִ֛ית הָעָ֥ם הַזֶּ֖ה אֶת־כׇּל־אֵֽלֶּה׃
ZunzDenn der Same des Friedens, der Weinstock giebt seine Frucht und die Erde giebt ihren Ertrag, und die Himmel geben ihren Thau; und ich eigne dem Ueberrest dieses Volkes alles dies.
J. J. HirschDenn die Saat des Friedens ist es: der Weinstock wird seine Frucht geben und die Erde ihren Ertrag geben und die Himmel werden ihren Thau geben, und alles dieses werde ich zum Erbe geben dem Reste dieses Volkes.
13
וְהָיָ֡ה כַּאֲשֶׁר֩ הֱיִיתֶ֨ם קְלָלָ֜ה בַּגּוֹיִ֗ם בֵּ֤ית יְהוּדָה֙ וּבֵ֣ית יִשְׂרָאֵ֔ל כֵּ֚ן אוֹשִׁ֣יעַ אֶתְכֶ֔ם וִהְיִיתֶ֖ם בְּרָכָ֑ה אַל־תִּירָ֖אוּ תֶּחֱזַ֥קְנָה יְדֵיכֶֽם׃ {ס}
ZunzUnd es geschieht, so wie ihr ein Fluch gewesen unter den Völkern, Haus Jehudah und Haus Jisraél; so werde ich euch helfen, daß ihr ein Segen seid; fürchtet nicht, Muth gefaßt!
J. J. HirschUnd es wird geschehen: wie ihr als Fluch galtet unter den Völkern, Haus Juda und Haus Israel! so werde ich euch helfen, daß ihr als Segen geltet — (deshalb) fürchtet euch nicht, lasset stark sein eure Hände!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13: Und wie ihr so namenlos unglücklich wart, daß ihr als Fluch galtet, d. h. daß es der schwerste Fluch war, wenn jemanden ein Geschick gleich dem eurigen gewünscht wurde, so werdet ihr nunmehr als das Gesegnete hervorleuchten (vergl. Jes. 65, 16); deshalb fürchtet euch nicht, seid stark!

14
כִּ֣י כֹ֣ה אָמַר֮ יְהֹוָ֣ה צְבָאוֹת֒ כַּאֲשֶׁ֨ר זָמַ֜מְתִּי לְהָרַ֣ע לָכֶ֗ם בְּהַקְצִ֤יף אֲבֹֽתֵיכֶם֙ אֹתִ֔י אָמַ֖ר יְהֹוָ֣ה צְבָא֑וֹת וְלֹ֖א נִחָֽמְתִּי׃
ZunzDenn so spricht der Ewige der Heerschaaren: So wie ich beschlossen hatte, euch Leides zu thun, da eure Väter mich erzürnten — spricht der Ewige der Heerschaaren — und ließ mich es nicht gereuen;
J. J. HirschDenn so hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: So wie ich geplant hatte euch Unglück zu fügen, da eure Väter mich erzürnten, spricht Gott der Schöpfungsscharen, und ich es nicht bereute:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14, 15. Denn sowie ich in voller Absicht und in planvoller Fügung, das ist וְלֹא נִחַמְתִּי, זמם, das Unglück über euch gebracht habe, da eure Väter mich erzürnten, und die Ausführung dieser Absicht auch gar nicht bereut habe, denn die Katastrophe war nur euch zum Heile: ebenso habe ich nunmehr, „in diesen Tagen“, die feste Absicht, Jerusalem und dem Hause Juda Heil zu fügen. Die sich hieranschließenden Worte: „fürchtet nicht“! können in diesem Zusammenhange nur den Sinn haben: Wenn ihr deshalb auch nunmehr wisset, daß nochmals ein Exil kommen kann, so fürchtet euch nicht, wenn es notwendig wird, so wird auch es nur zu eurem Heile sein. Ergreifet deshalb den Augenblick und freuet euch dessen, ihr wißt ja, daß Gott mit euch ist. Diese schützende und segnende Gottesnähe aber ist bedingt durch eure Erfüllung seines Gesetzes.

V. 16 f. Von diesem Gesetze werden nun in ungemein charakteristischer Weise und dem Augenblicke der Wiederherstellung des Heiligtums tief entsprechend nur einige Normen genannt, die die Heiligung des Zusammenlebens zwischen den Menschen betreffen. Es heißt nicht: Nun sorget, daß auch des Tempeldienstes gebührend gepflegt wird, daß dem Altare niemals Opfer fehlen und keiner dem Tempel und dem Heiligtume sich nahe, der nicht levitisch rein wäre! Sondern: Wahrheit redet im Einzelleben! und: Wahrheit und zum Frieden führendes Gericht richtet in meinen Thoren! Und: Sinnet nicht einer auf das Unglück des anderen! und endlich: Liebet nichts, was nur durch Verleugnung der göttlichen Allmacht erlangt werden könnte! Wenn wir bedenken, wie die früheren Propheten nicht müde wurden, vor dem heidnischen Wahne zu warnen, der die Erfüllung religiöser Pflicht auf die Tempelräume beschränkt glaubt, und die diametral entgegengesetzte jüdische Wahrheit zu predigen, die den Schwerpunkt der Pflichterfüllung gerade in das Leben außerhalb des Heiligtums verlegt, die die Blüten und Früchte der Heilessaat des Heiligtums gerade in der Heiligung des individuellen und des bürgerlichen Lebens, in der allen Beziehungen des Einzel- wie des öffentlichen Lebens aufgeprägten Signatur der Wahrheit, des Rechtes und der Liebe erblickt: so begreift es sich sehr wohl, weshalb Gott gerade in diesem Augenblicke den Ahnen diese, scheinbar so selbstverständlichen, Worte ins Bewußtsein rufen ließ. Es ist die warnende Erinnerung an gerade diejenigen Sünden, an diejenige Verwahrlosung des bürgerlichen Lebens, durch die das frühere Israel auf das Niveau der es umgebenden Völker hinabgesunken war, damit aber, wegen der Entweihung des göttlichen Namens, den Fortbestand des Heiligtums in seiner Mitte und des eigenen Verbleibens im heiligen Lande unmöglich gemacht hatte. Dadurch erklärt sich auch das sonst sehr auffällige: Liebet keine Falschheit! als ob ein Meineid als Notbehelf weniger verabscheut würde. Es ist, wie überhaupt die Nennung des Meineids, die Warnung vor den Sünden der Vergangenheit, von denen mit nachdrücklichster Betonung gesagt wird, daß gerade alles dies es sei, was Gott gehaßt habe. Das hervorhebende אֵת wurde schon 7, 7 in demselben Sinne gebraucht. Es liegt in dem Wesen des schwersten Verbrechens, des חִלּוּל הַשֵּׁם, der Entweihung des göttlichen Namens, wörtlich: des an dem Gottesworte begangenen Mordes, der es als kraftlos und tot, als Leiche erscheinen läßt, daß es in erster Linie gerade durch die Begehung solcher Bösthat, durch die Bekundung solcher sittlichen Defekte verübt wird, die auch in den Augen der nichtjüdischen Menschheit verdammenswert erscheinen. Den jüdischen Menschen sollte der ganze Complex der ihm gebotenen besonderen Gesetze in noch höherem Maße über solche Sünden erheben. Ist dies nicht der Fall, so erweist der frevelnde Jude in den Augen der Menschen eben die Ohnmacht des göttlichen Gesetzes, oder er leistet dem Wahne Vorschub, als ob seines Gottes Wort diesen Frevel billige. — וּמִשְׁפַּט שָׁלוֹם, die Einführung des Gottesrechtes in streitige, verworrene menschliche Verhältnisse führt zum wahren Frieden.

15
כֵּ֣ן שַׁ֤בְתִּי זָמַ֙מְתִּי֙ בַּיָּמִ֣ים הָאֵ֔לֶּה לְהֵיטִ֥יב אֶת־יְרוּשָׁלַ֖͏ִם וְאֶת־בֵּ֣ית יְהוּדָ֑ה אַל־תִּירָֽאוּ׃
ZunzSo wiederum beschloß ich in diesen Tagen, Gutes zu thun Jeruschalajim und dem Hause Jehudah; fürchtet nicht!
J. J. Hirschebenso habe ich nun wieder in diesen Tagen geplant, Glück zu fügen Jeruschalajim und dem Hause Juda — Fürchtet euch nicht!
16
אֵ֥לֶּה הַדְּבָרִ֖ים אֲשֶׁ֣ר תַּֽעֲשׂ֑וּ דַּבְּר֤וּ אֱמֶת֙ אִ֣ישׁ אֶת־רֵעֵ֔הוּ אֱמֶת֙ וּמִשְׁפַּ֣ט שָׁל֔וֹם שִׁפְט֖וּ בְּשַׁעֲרֵיכֶֽם׃
ZunzDiese Dinge sollt ihr thun: Redet Wahrheit Einer mit dem Andern, wahrhaft und zum Frieden sprechet Recht in euren Thoren.
J. J. HirschDies sind die Worte, die ihr ausführen sollt: Redet Wahrheit ein jeder mit seinem Nächsten! Wahrheit und Gericht des Friedens richtet in euren Thoren!
17
וְאִ֣ישׁ ׀ אֶת־רָעַ֣ת רֵעֵ֗הוּ אַֽל־תַּחְשְׁבוּ֙ בִּלְבַבְכֶ֔ם וּשְׁבֻ֥עַת שֶׁ֖קֶר אַֽל־תֶּאֱהָ֑בוּ כִּ֧י אֶת־כׇּל־אֵ֛לֶּה אֲשֶׁ֥ר שָׂנֵ֖אתִי נְאֻם־יְהֹוָֽה׃ {פ}
ZunzUnd Bosheit sinnet nicht Einer gegen den Andern in euerm Herzen, und falschen Schwur liebet nicht, denn alles dies hasse ich, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschUnd sinnet nicht in eurem Herzen einer auf das Unheil seines Nächsten und liebet nicht den Schwur zur Lüge! Denn alles dieses ist es, was ich hasse, ist der Spruch Gottes.
18
וַיְהִ֛י דְּבַר־יְהֹוָ֥ה צְבָא֖וֹת אֵלַ֥י לֵאמֹֽר׃
ZunzUnd es erging das Wort des Ewigen der Heerschaaren an mich also:
J. J. HirschDa erging das Wort Gottes der Schöpfungsscharen an mich:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18. Mit dem vorhergehenden Verse schließt die große Gottesrede, die V. 1 mit den Worten: „da erging das Wort Gottes“ ohne den Zusatz: אֵלַי eröffnet worden, wie wir glaubten, zur Kennzeichnung, daß ein großer Teil der durch die stets sich wiederholenden Sätze: כֹּה אָמַר ד' צ' im einzelnen eingeleiteten Aussprüche sich nicht bloß auf die damalige Zeit beziehe und etwa nur durch die Anfrage veranlaßt sei. Hier erfolgt nun die eigentliche Antwort, sie wird mit einem besonderen einleitenden Satze ausgesprochen: „das Wort Gottes erging an mich“. Zu unserem Verse oder zu dieser Antwort sind eigentlich schon mehrere Ansätze gemacht worden. Kap. 7, 4 beginnt der erste, sodann 7, 8. 8, 1, 2, 4, 6, 7, 9, 14. Außerdem schließen mit „ist der Ausspruch Gottes der Schöpfungsscharen“ V. 6, 11 und mit „ist der Ausspruch Gottes“ V. 17. Ferner werden mit: „So hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen“ eingeleitet V. 19 und die auf das letzte Ziel hinausblickenden Verse 20 und 23. Der Gedanke dürfte nicht ganz fern liegen, daß mit dieser Teilung der Verheißung in selbständig gesonderte Aussprüche Gottes auf die nur allmählich sich vollziehende Erfüllung andeutend hingewiesen werde.

19
כֹּֽה־אָמַ֞ר יְהֹוָ֣ה צְבָא֗וֹת צ֣וֹם הָרְבִיעִ֡י וְצ֣וֹם הַחֲמִישִׁי֩ וְצ֨וֹם הַשְּׁבִיעִ֜י וְצ֣וֹם הָעֲשִׂירִ֗י יִהְיֶ֤ה לְבֵית־יְהוּדָה֙ לְשָׂשׂ֣וֹן וּלְשִׂמְחָ֔ה וּֽלְמֹעֲדִ֖ים טוֹבִ֑ים וְהָאֱמֶ֥ת וְהַשָּׁל֖וֹם אֱהָֽבוּ׃ {פ}
ZunzSo spricht der Ewige der Heerschaaren: Das Fasten des vierten und das Fasten des fünften, und das Fasten des siebenten und das Fasten des zehnten werden dem Hause Jehudah zur Wonne und Freude und zu fröhlichen Festzeiten, aber Wahrheit und Frieden liebet.
J. J. HirschSo hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: Der Fasttag des Vierten und der Fasttag des Fünften und der Fasttag des Siebenten und der Fasttag des Zehnten soll dem Hause Juda werden zur Wonne und zur Freude und zu glücklichen Festen, aber die Wahrheit und den Frieden müßt ihr lieben.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 19. In der Frage oben 7, 3 war nur der Fasttag des Fünften, also der neunte Ab genannt, weil mit dessen Fortdauer oder Wegfall auch die Entscheidung hinsichtlich der anderen gegeben schien. Zum Beginn der Antwort 7, 5 war vom Propheten auch der des Siebenten genannt, hier werden nun sämtliche vier Fasttage angeführt und von ihnen ausgesagt, daß sie allerdings die Bestimmung haben, dem Hause Juda — die zehn Stämme waren ja nicht zurückgekehrt — zur Wonne und zur Freude und zu glücklichen, „guten“ Zeiten zu werden, unter der Bedingung jedoch: „aber die Wahrheit und den Frieden liebet.“ Damit ist die Erfüllung des ganzen Gottesgesetzes als die unerläßliche Bedingung für die Verwirklichung dieser Verheißung ausgesprochen. Unter אֱמֶת sind alle die Geist und Gemüt des Menschen erleuchtenden und veredelnden Wahrheiten und Lehren, sowie die sein sinnliches Leben regelnden und gestaltenden Gesetze und die Heilighaltung aller jener Gesetze verstanden, die wie die עֵדוֹת bestimmt sind, sein ganzes Leben mit diesen Wahrheiten zu durchdringen, also zusammen jene Gesetze, die, als מִצְוֹת שֶׁבֵּין אָדָם לַמָּקוֹם, zunächst die Heiligung des Einzellebens bewirken sollen. Den שָׁלוֹם, den Frieden, den dauernden Gottesfrieden erzeugt aber nur die Verwirklichung auch aller jener Gesetze, die das Verhalten zwischen dem Menschen und seinem Nächsten regeln und gestalten, zu denen sowohl die Gesetze der Gerechtigkeit als die der Liebe gehören, also die מִצְוֹת שֶׁבֵּין אָדָם לַחֲבֵרוֹ. Der Ausdruck אֱהָבוּ fordert die freudige Hingebung der jüdischen Gesamtheit wie jedes einzelnen an die Verwirklichung dieses אֱמֶת und dieses שָׁלוֹם. Sodann ist hier an der Schwelle des neu erstandenen jüdischen Gemeinwesens demselben mit diesen Worten das richtunggebende Grundprincip für alle Zeiten ausgesprochen, durch dessen Aufrechterhaltung allein für große wie für kleine Kreise Israels das Heil und der wahre Frieden zu gewinnen ist. Der Friede kann nur gegründet werden auf der Grundlage der Wahrheit, אֱמֶת steht nicht umsonst zuerst. Die Wahrheit ist die Vorbedingung und der Regulator des Friedens. Von seinem Rechte mag und soll der einzelne manches opfern um „des Friedens willen“. Von der Wahrheit und ihrer Anerkennung und Heilighaltung auch keinen Buchstaben. „Ein Friede“, der durch Preisgebung auch nur eines Hauches der Wahrheit, eines einzigen Gotteswortes erkauft wäre, wäre nimmer ein Friede. Diese Worte machen, bei voller Anerkennung des hohen Wertes des Friedens, doch die Entschiedenheit des Eintretens für die Sache der Thora zur ersten und heiligsten Pflicht und brechen über jeden traurigen und jeder Logik hohnsprechenden „Compromiß“ auf dem Gebiete der Wahrheit den Stab.

20
כֹּ֥ה אָמַ֖ר יְהֹוָ֣ה צְבָא֑וֹת עֹ֚ד אֲשֶׁ֣ר יָבֹ֣אוּ עַמִּ֔ים וְיֹשְׁבֵ֖י עָרִ֥ים רַבּֽוֹת׃
ZunzSo spricht der Ewige der Heerschaaren: Wiederum sollen Völker kommen und Bewohner vieler Städte.
J. J. HirschSo hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: Noch werden Völker kommen und die Bewohner vieler Städte,
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 20—22. Von dem Grade der Treue und der Entschiedenheit, mit welcher ihr diese Bedingung erfüllet, wird es abhängen, wie frühe, oder wie weit hinausgerückt die Verwirklichung der folgenden Verheißung eintreten wird. עַד noch — nämlich: wird es geschehen, oder: es ist das dauernd Festbestimmte, daß kommen werden Völker, zuerst einzelne, und die Bewohner vieler Städte und werden einander auffordern: „Lasset uns gehen, das Angesicht Gottes anzuflehen und Gott der Schöpfungsscharen zu suchen“. „Auch ich will mich aufmachen!“ ist offenbar die zustimmende Antwort des Aufgeforderten. Wir haben hier die Schilderung des Erwachens und der Vorbereitung des mächtigen Zuges zu Gott. לְחַלּוֹת אֶת־פְּנֵי ד' heißt die Gnade Gottes anzuflehen, sein Wohlwollen, seine Hülfe zu erwerben, es ist die Bitte um Heil. Siehe zu Ex. 32, 11. בַּקֵּשׁ אֶת ד' צ' ist die Bitte um Erkenntnis des göttlichen Willens. Deshalb dürfte auch bei diesem Streben mit großer Wahl nicht bloß ה', sondern ה' צ' in der ausgeprägtesten Bedeutung des Wortes stehen. Die Erkenntnis Gottes als „Gottes der Schöpfungsscharen“, in dessen Herde jedes Wesen seinen Posten hat, legt der heilesbedürftigen Menschheit sofort den Wunsch nahe, nunmehr den Willen dieses ihres Gottes und Vaters zu erkunden, damit auch sie sich in das Heer der ihm dienenden Wesen einreihe. Nun ist es ungemein bezeichnend: bei dem ersten Impulse zur Aufkehr zu Gott, geht der Gedanke an die Bitte um Heil dem Gedanken an die Bitte um Erkenntnis des göttlichen Willens voraus. Kommen sie jedoch (V. 22) nach Jerusalem — inzwischen sind die vereinzelten „Völker und die Bewohner vieler Städte“ schon zu „vielen Völkern und mächtigen Nationen“ angewachsen, die Sehnsucht nach Gott hat immer weitere „Kreise ergriffen“ — so sehen sie ein, daß der Bitte um Heil die Erkenntnis des göttlichen Willens mit dem Entschlusse ihn zu befolgen vorangehen müsse. Da heißt es zuerst: לְבַקֵּשׁ אֶת ד' צ' und dann erst: לְחַלּוֹת אֶת פְּנֵי ד'. Ferner: der Eindruck, den sie in Jerusalem gewinnen, die Blüte edlen Menschentums, das dort zur Verwirklichung gekommen ist, wird eine so augenfällige, eine so herrliche Offenbarung des göttlichen Willens sein, daß die Völker zu dessen Erkundung nicht zum Tempel hinaufzuwallen brauchen; an dem Beispiel der jüdischen Menschen in Jerusalem werden sie den Willen Gottes erkennen, und nur um seine Gnade zu erflehen werden sie zum Tempel ziehen. Damit erklärt sich die sonst auffällige Construction: sie kommen לְבַקֵּשׁ אֶת ד' צ' בִּירוּשָׁלִַם und dann לְחַלּוֹת אֶת פְּנֵי ד'.

21
וְֽהָלְכ֡וּ יוֹשְׁבֵי֩ אַחַ֨ת אֶל־אַחַ֜ת לֵאמֹ֗ר נֵלְכָ֤ה הָלוֹךְ֙ לְחַלּוֹת֙ אֶת־פְּנֵ֣י יְהֹוָ֔ה וּלְבַקֵּ֖שׁ אֶת־יְהֹוָ֣ה צְבָא֑וֹת אֵלְכָ֖ה גַּם־אָֽנִי׃
ZunzUnd zusammen treten die Bewohner dieser und jener (Stadt) und sprechen: Lasset uns gehen, zu flehen vor dem Angesichte des Ewigen und zu sehen den Ewigen der Heerschaaren. Auch ich will gehen!
J. J. Hirschund gehen werden die Bewohner der einen zu der anderen und sprechen: Laßt uns gehen, hingehn, das Angesicht Gottes anzuflehen und Gott der Schöpfungsscharen zu suchen. „Gehen will auch ich!“
22
וּבָ֨אוּ עַמִּ֤ים רַבִּים֙ וְגוֹיִ֣ם עֲצוּמִ֔ים לְבַקֵּ֛שׁ אֶת־יְהֹוָ֥ה צְבָא֖וֹת בִּירוּשָׁלָ֑͏ִם וּלְחַלּ֖וֹת אֶת־פְּנֵ֥י יְהֹוָֽה׃ {ס}
ZunzUnd es kommen viele Völker und zahlreiche Nationen, den Ewigen der Heerschaaren zu suchen in Jeruschalajim, und zu flehen vor dem Angesichte des Ewigen.
J. J. HirschUnd es kommen viele Völker und mächtige Nationen, um Gott der Schöpfungsscharen zu suchen in Jeruschalajim und anzuflehen das Angesicht Gottes.
23
כֹּֽה־אָמַר֮ יְהֹוָ֣ה צְבָאוֹת֒ בַּיָּמִ֣ים הָהֵ֔מָּה אֲשֶׁ֤ר יַחֲזִ֙יקוּ֙ עֲשָׂרָ֣ה אֲנָשִׁ֔ים מִכֹּ֖ל לְשֹׁנ֣וֹת הַגּוֹיִ֑ם וְֽהֶחֱזִ֡יקוּ בִּכְנַף֩ אִ֨ישׁ יְהוּדִ֜י לֵאמֹ֗ר נֵֽלְכָה֙ עִמָּכֶ֔ם כִּ֥י שָׁמַ֖עְנוּ אֱלֹהִ֥ים עִמָּכֶֽם׃ {פ}
ZunzSo spricht der Ewige der Heerschaaren: In selbigen Tagen sollen anfassen zehn Männer aus allen Zungen der Völker, ja daß sie anfassen den Rockzipfel eines jehudischen Mannes, und sprechen: Lasset uns mit euch gehen, denn wir haben gehört, Gott ist mit euch.
J. J. HirschSo hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: In jenen Tagen — wenn einen Halt suchen werden zehn Männer aus allen Zungen der Völker, so werden sie erfassen die Gewandecke eines jüdischen Mannes, indem sie sprechen: Wir möchten mit euch gehen, denn wir haben es vernommen: Gott ist mit euch!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 23. Dieser V. steht in innigem Zusammenhange mit dem vorigen und ist nichts als verallgemeinernde weitere Ausführung des Gedankens von der Vorbildlichkeit des dann in Wahrheit menschheitpriesterlichen Israel. Wenn in jenen Tagen zehn Menschen, zusammengewürfelt aus allen Völkerzungen, einen Halt suchen, also das Bedürfnis nach einem Halt empfinden werden: so werden sie sich an der Gewandecke eines jüdischen Mannes halten, sprechend: Wir möchten mit euch gehen, denn wir haben's vernommen: Gott ist mit euch. Also die Kunde von dem in Jerusalem Erfüllten wird weit über die Grenzen des jüdischen Landes hinaus, überall auf weitem Erdenrunde, einen jeden Sprossen des Jakobshauses, der durch die Verwirklichung des Gotteswortes als ein in Wahrheit „jüdischer Mann“ dastehen wird, zu einem Priester im Kreise seiner Menschenbrüder weihen, die buchstäbliche Erfüllung der Bestimmung, מַמְלֶכֶת כֹּהֲנִים, ein Reich „Richtung und Festigkeit, Halt verleihender Männer“ zu werden. יַחֲזִיקוּ absolut, ohne nähere Bestimmung: einen Halt suchen. Die Allgemeinheit dieser Anerkennung wird durch die Beifügung, „aus allen Völkerzungen“ ausgedrückt. Vergl. Jes. 53, 5: וּבַחֲבֻרָתוֹ נִרְפָּא לָנוּ, „nur durch den Anschluß an ihn (Israel) können wir uns Heilung erwirken“. Und zu den Worten: wir haben vernommen: Gott ist mit euch, vgl. das große, oben angeführte Bekenntnis der Völker daf. V. 1 ff. und die dieses Bekenntnis einleitende Verheißung daf. 52, 13—15. Die „Gewandecke eines jüdischen Mannes“ weist offenbar auf die an diesen Ecken befindlichen Sprossen, die Blüte des Menschengewandes, die Zizith hin. Siehe darüber zu Num. 15, 41 und ferner „Grundlinien einer jüdischen Symbolik“. Jeschurun Jahrg. 5, S. 181—197, S. 297—314.

Das Facit ist also, daß über die Frage hinsichtlich der Fortdauer oder des Wegfalls der bisherigen nach der Zerstörung des Tempels eingeführten Fasttage eine bestimmte Entscheidung durch den Propheten nicht erteilt, dieselbe vielmehr dem Ermessen des Volkes, bezw. seiner Selbstzucht zugewiesen wurde. In Wahrheit war freilich eine Entscheidung, wenigstens eine Directive für eine solche gegeben. Wie es sich in Wirklichkeit gestaltete, darüber siehe ר"ה 18a f., טוא"ח 550 und ב"י daselbst.