Zacharjah 7 זכריה
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 7. Dieses und das folgende Kapitel bilden ein Ganzes. Mit ihm beginnt die zweite Hälfte des Prophetenwortes Secharjas, die von der ersten durch den Wegfall der Gesichte und durch die Unmittelbarkeit des an ihn gerichteten Gotteswortes unterschieden ist. Doch nur durch die Form. Dem Inhalte nach schließen diese Kapitel sich den vorhergehenden aufs innigste an und sind nichts als eine Fortsetzung derselben. Die hohe Bedeutung des durch die göttliche Vorsehung ermöglichten Wiederaufbaues des Tempels, unter stets durchklingendem Hinweis auf den späteren, ewigen, — die ernste Verantwortung, die dieser Tempel in ihrer Mitte ihnen auflege, die Verheißung des Gottesschutzes, der Israel in allen völkergeschichtlichen Stürmen, denen es preisgegeben sein werde, und unter der Herrschaft der aufeinander folgenden Weltreiche nicht verlassen werde — das bildete die Grundgedanken der Gesichte, von dem ersten, das den Engel die Gotteswaltung schauen ließ bei den „Myrthen im Meeresstrudel,“ bis zum letzten, das die auf Erden sich in Selbstherrlichkeit ergehenden Rosse der Weltmächte als im Dienste der Ziele des „Herren der ganzen Erde“ zeigte, und bis zur symbolischen Handlung und der trostreichen Verkündigung des kommenden „Herrschers, der Priester sein werde auf seinem Throne“. Wie früher wiederholt der Unterschätzung, so wird nun in diesen Kapiteln der Überschätzung des durch den Wiederaufbau des Tempels Erreichten entgegengetreten. Kurzlebig und rasch vergessend ist der Mensch, um wieviel mehr ein Volk! Schon das Selbsterlebte entschwindet dem Bewußtsein, um wieviel mehr das von den Eltern Erlebte. So lag es denn sehr nahe, daß mit dem neuerstandenen Gottestempel in den Augen der großen Menge die Vorstellung Boden gewinnen konnte, mit der Wiederherstellung des Tempels und des Opferdienstes sei die Zukunft schon gesichert, und daß sie so in die klägliche Verirrung der Väter zurückzusinken drohten, Tempel und Opfer, die in Wirklichkeit nur die stete Vergegenwärtigung des Ideales und die stete Mahnung bilden sollten, alle geistigen, sittlichen und materiellen Kräften mit stets steigender Hingebung in den Dienst der Erkenntnis und Verwirklichung des Gottesgesetzes zu stellen, vielmehr in trauriger Verblendung als stellvertretenden Ersatz für diese Erkenntnis und Verwirklichung zu betrachten. Eine Verirrung, der gegenüber alle Mahnworte, alle Strafreden, alle aufklärenden und belehrenden Vorstellungen der früheren Propheten bei der Mehrheit des Volkes sich als ohnmächtig erwiesen hatten. Wir erinnern nur an die Flammenworte im ersten und letzten Kapitel Jesaias (1, 11—15. 66, 1—3.). Einer ganz gottesfürchtigen Gesinnung entstammt und liegt doch unbewußt in dem Bannkreise dieser Vorstellung die nun hier Vers 3 mitgeteilte Anfrage, ob der Tag des Fastens und der Trauer im fünften Monat, wie er der nationalen Katastrophe, der Zerstörung des Tempels seinen Ursprung verdanke, nunmehr mit der Wiederherstellung des Tempels nicht seine Bedeutung verloren habe und deshalb, als gegenstandslos geworden, fortan nicht mehr zu begehen sei. Diese Frage bietet den Anlaß, in eindringlichster Erinnerung an jene Verirrungen der Vergangenheit, die Wahrheit auszusprechen, daß die Tage des Fastens und der Trauer nicht dem schließlichen Eintritt der Katastrophe, sondern deren Ursache gelte; nicht die Erinnerung daran, daß der Tempel zerstört wurde, sondern daß er zerstört werden mußte, um das Gotteswort und das Gottesheiligtum vor der andauernden Entweihung durch die zu ihm in grellem Gegensatze stehende Wirklichkeit des Volkes zu schützen, sei Ziel und Zweck des Begehens dieser Tage. Sie sollen gerade zur Selbstprüfung auffordern, ob denn diese Ursachen der Zerstörung schon gänzlich geschwunden, ob das Leben der Nation in seiner Grundrichtung bereits ein solches sei, daß aus ihm dem Fortbestande des Tempels keine Gefahr mehr drohe. — Das aber ist eine Frage, auf die sie selbst sich Antwort geben müssen, eine Frage, deren Beantwortung eben nur das Ergebnis dieser Selbstprüfung bilden kann. Das ist der Gesichtspunkt, auf den zunächst der Prophet in der Einleitung zur Antwort nicht nur die Fragesteller, sondern „das ganze Volk und die Priester“ im Auftrage Gottes, V. 5—7, zu verweisen hat. „Wenn ihr im Fünften und im Siebenten diese siebzig Jahre gefastet habt, habt ihr da etwa für mich gefastet? Und wenn ihr esset und wenn ihr trinket, seid da nicht ihr die Essenden und ihr die Trinkenden?“ Ihr fraget Gott, ob ihr noch ferner fasten sollt — wen fragt ihr denn, ob ihr essen sollt? So wie ihr nur selbst entscheiden könnt, ob das Essen und das Trinken für euch Bedürfnis ist, so müßt ihr auch selbst wissen, ob das Fasten für euch Bedürfnis ist. „Kommt es ja vor allem auf die Worte an, die Gott durch die früheren Propheten verkündete, da noch Jeruschalajim bewohnt war und im Frieden, und ihre Städte sie umgaben, und der Süden und die Niederung bewohnt!“ Wenn ihr jetzt nicht mehr fastetet, so würdet ihr zeigen, daß ihr nur gefastet habt, weil der Tempel zerstört war, und nicht wegen der Veranlassung dieser Zerstörung. Hat aber nicht Gott vor der Zerstörung seinen Propheten gesandt, als alles noch im vollem Bestande war? Wenn deshalb auch der Tempel wieder erbaut ist, so wißt ihr ja noch nicht, ob er nicht auf eben so unsicherem Grunde steht wie der erste, der zerstört werden mußte. Ihr habt also euch zu prüfen, ob mit dem äußeren Aufbau des Tempels auch bereits jene Ursachen vollständig entfernt sind, die nach den Worten der heimgegangenen Propheten den Untergang des ersten Tempels herbeigeführt haben. Wenn ihr dann findet, daß ihr, durch die Trauer und das Fasten geläutert und gehoben, nunmehr als wahre Söhne und Töchter Zions dastehet, die in ihrer Mitte das Recht und die Liebe üben, wie Gott sie bestimmt, und die ihr Leben von Gott gestalten lassen „in Wahrheit und in Pflichttreue“ (8, 8.), dann — und nur dann ist es gut. Ist aber mit euch noch keine Umwandlung vorgegangen, so zeigt eure Frage, daß ihr noch von den Irrtümern der Vergangenheit umfangen seid. Deshalb wird der Frage zunächst (V. 6—7) mit der Gegenfrage erwidert. Die eigentliche Antwort, in der dann nicht bloß von dem Fasttage des fünften und siebenten, sondern auch von dem des vierten und des neunten Monats die Rede ist, erfolgt erst Kapitel 8, 19, nachdem zuvor der Grundgedanke der Prophetenworte, an die V. 7 erinnert worden, dem Volke in's Bewußtsein gerufen und daran Ermahnungen und Verheißungen für die Zukunft angeschlossen waren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. בֵּית אֵל ist der Acc. des Zieles. Es dürfte zwar sonst kaum als Bezeichnung des Gottestempels vorkommen, deshalb hat man es auch wohl für den Namen eines Genossen von Scharezer und Regem=Melech genommen, oder auch auf die nach Esra 2, 28, Neh. 7, 32 und 11, 31 wieder aufgebaute und bevölkerte Stadt Bethel bezogen, deren Bewohner den Scharezer und Genossen nach Jerusalem geschickt hätten. Wir glauben jedoch nicht Bethel für einen Eigennamen halten zu dürfen, und die Stadt Bethel lag viel zu nahe, als daß bei solcher kurzen Entfernung ein solcher Gesandtschaftsapparat mit Nennung der Namen anzunehmen wäre. Es waren also angesehene gottesfürchtige Männer in Babel, Scharezer, Regemmelech und der zu dem letzteren gehörige Kreis, in deren Mitte die Frage nach dem Fortbestande der genannten Fasttage aufgetaucht war, und die deshalb durch einen Boten eine Anfrage nach Jerusalem ergehen ließen. וַיִּשְׁלַח steht ohne Object, das selbstverständlich ist. Die Absender werden auch in der Antwort nicht genannt, dieselbe ergeht vielmehr an das ganze Volk. Der Bote war nach dem Hause Gottes gesandt, weil eben dessen Wiederaufbau die Veranlassung zur Anfrage bildete. Dasselbe Haus wird im folgenden Verse: בֵּית ה' צְבָאוֹת genannt. Wir möchten deshalb glauben, daß jene, sonst nicht gebräuchliche Bezeichnung (בֵּית אֵל) in der mündlichen oder schriftlichen Anfrage enthalten war, diese jedoch (בֵּית ה' צְבָאוֹת), die in voller Emphase Gott als denjenigen betont, der in aller erster Linie Gehorsam fordert, trotz des einleitenden לֵאמֹר eine von dem Propheten referierend eingefügte Nüance bildet, die bereits auf die Antwort vorbereitet. — Über לְחַלּוֹת אֶת פְּנֵי ה' siehe zu Ex. 32, 11.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. הָאֶבְכֶּה וגו'. In der Frage wird nur der Fasttag des Neunten genannt, wohl aus dem Grunde, weil mit dem wiedererstehenden Tempel der Trauerfasttag aus Anlaß seiner Zerstörung am meisten im Widerspruch zu stehen schien, und sodann, weil mit dessen eventuellem Wegfall nach der Meinung der Fragenden auch hinsichtlich der übrigen mit dem Exile eingesetzten Fasttage die Entscheidung gegeben wäre. Ihnen mochte die Fortsetzung des Begehens dieser Tage geradezu als eine Bekundung der Mißachtung des durch Gottes Gnade Gewährten erscheinen. Und gerade davor hatten die Fragenden, wie alle in Babel Verbliebenen, sich umsomehr zu schützen, als sie von der Erlaubnis zur Rückkehr keinen Gebrauch gemacht hatten. — הִנָּזֹר Inf. absol. hier im Sinne des Particips: soll ich, mich enthaltend, nämlich vom Essen und Trinken, auch ferner weinen. זֶה in adverbialer Bedeutung, nun, schon, כַּמָּה wie viele, also: schon wie viele Jahre.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. כִּי צַמְתֶּם וגו'. Die Begehung des Trauerfasttages, die oben mehr in ihrer äußerlichen Bekundung durch אֶבְכֶּה und הִנָּזֹר bezeichnet war, wird in der Antwort wiederholt צוֹם genannt, vielleicht gerade in Erinnerung an die Jes. 58, 5 f. gegebene Kennzeichnung der ernsten inneren Arbeit an sich selbst, zu dem das Fasten die Aufforderung bilden soll. Ob nicht vielleicht deshalb hier auch der Fasttag des siebten Monats genannt ist, unter dem dann hier, im Unterschiede von Kap. 8, 19, nicht der dritte, sondern der zehnte des Monats zu verstehen wäre? Das סָפוֹד würde sich jedenfalls nur auf den des Fünften beziehen, aber durch die Erwähnung des יום הכפורים daneben die Selbstläuterung als die eigentliche Bestimmung auch der eingeführten anderen Fasttage in Erinnerung gebracht sein. Dann würde auch das offenbar eine Steigerung ausdrückende ו in וְזֶה seine Erklärung haben, und der Sinn wäre: wenn ihr gefastet habt und zwar wehklagend im Fünften und im Siebten „und“ im Sinne von „neben“ d. h. nach den Anforderungen des (יום הכפור) und zwar schon siebzig Jahre: habt ihr da etwa für mich gefastet?
V. 7 ff. אֶת הַדְּבָרִים ist Subject, das Prädicat fehlt, durch אֶת wird der Begriff in seiner vollen Ausladung hervorgehoben. „Kommt es nicht vielmehr auf die Worte an“, wie diese Worte alsdann in ihrem Grundgedanken V. 9 und 10 in Erinnerung gebracht werden. Es ist tief bedeutsam und erfüllt den rückwärts Schauenden mit Wehmut, daß es gerade die Sünden im socialen Leben sind, die hier zunächst hervorgehoben werden, dieselben, wegen derer, nach einem tiefen Worte unserer Weisen, der zweite Tempel zerstört werden und Israel in die große Leidensschule des Galuth hinausgeschickt werden mußte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11, 12. וַיְמָאֲנוּ Subject ist die Väter, an die die V. 7 genannten früheren Propheten gesandt waren. Sie weigerten sich, auch nur hinzuhören, und sie boten Gott nur eine widerstrebende, sich immer bald wieder entziehende Schulter dar. Das Bild ist vom Auflegen des Joches hergenommen, sie weigerten sich, das „Joch des göttlichen Gesetzes“ auf sich zu nehmen, sich seiner Herrschaft zu unterwerfen. „Und ihr Herz machten sie zum שָׁמִיר“, das in diesem Sinne nur hier und Jer. 17, 1 und Ez. 3, 9 vorkommt, sonst Dorn, hier Stachel oder Spitze zum Eingraben bedeutet. Aus der Stelle in Ez. כְּשָׁמִיר חָזָק מִצֹּר geht hervor, daß שָׁמִיר härter ist als Felsgestein, und aus Jer., daß שָׁמִיר als Spitze des Gravirstiftes benutzt wurde. Es ist deshalb hier nicht nur gesagt, sie machten ihr Herz unempfindlich, „hart wie Stein“ gegenüber dem Worte der Thora, von dem Gott gesprochen, daß es עַל לְבָבְךָ, unser Herz beherrschen, „über“ und „auf“ unserem Herzen sein solle, und gegenüber den Worten der Propheten, die Gott an sie sandte, sondern sie machten im conträren Gegensatze gerade ihr Herz zum Schreibgriffel: während es die „Tafel“ sein sollte, auf der Gottes Wort in unverlöschlicher Schrift eingegraben würde, machten sie die Dictate ihres Herzens mit seinen Leidenschaften und Interessen zum normgebenden Gesetzesschreibgriffel. So entstand dann der große Zorn Gottes, der Gehorsam fordert und alle Wesen zu Vollbringern seines Willens hat!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13, 14. Diese beiden Verse gestatten eine doppelte Deutung, sie sind einerseits die Ausführung des bereits der Vergangenheit angehörigen „großen Zornes“, der wegen der hartnäckigen Verblendung Israels eintrat. Gehörte er wirklich schon der Vergangenheit an? War die Wiedererstehung des Tempels die Gewähr, daß der Zorn Gottes vollständig geschwunden sei? Der Prophet soll gerade die in Sicherheit sich Wiegenden zur ernsten Selbstprüfung wecken und sie gleichwohl nicht entmutigen, deshalb die Mehrdeutigkeit der Construction. Der Inhalt des V. 14 bezieht sich ja unzweifelhaft auf die Zukunft, die Drohung des „stürmenden Hinausschleuderns unter alle Völker“ hatte sich ja noch nicht verwirklicht. Israel war exiliert, doch nicht zerstreut. In seiner Hand lag es, diese Verwirklichung abzuwenden. Freilich wird im folgenden Capitel, wie uns dies auch in den bisherigen Verkündigungen stets entgegen getreten ist, offenbar auf das einstige, dritte Haus Gottes hingeschaut und auf die einstige Sammlung Israels, „vom Lande des Sonnenaufgangs und vom Lande des Niederganges“ (V. 7), und wenn die Neuerstehung Jerusalems, die in herrlichen, warmen Tönen geschildert wird, „als ein Wunder erscheinen wird in den Augen des Überrestes dieses Volkes in jenen Tagen, auch in meinen Augen wird sie als Wunder erscheinen, spricht Gott der Schöpfungsscharen!“ Allein daß der „Fasttag des Fünften“ lange, lange Zeiten hindurch wieder seine volle concrete Bedeutung erhalten werde, das sollte der Prophet doch nicht direkt verkünden. — Die Form וְאֶסְעָרֵם ist 1. Pers. Fut. des Piel mit einem Anklang an den Niphal, die Pielform würde אֲסַעֲרֵם oder אֶסְעָרֵם lauten und hieße: ich werde sie im Sturme hinausschleudern. Durch die Verlängerung des Vokales in אֶ, die allerdings sonst nur vor einem Kehlbuchstaben einzutreten hätte, wird der Niphal angedeutet, und in der menschlich veranschaulichenden Weise der Schmerz Gottes über das Israel treffende Leid ausgedrückt, wörtlich: ich werde mit Sturmesgewalt bewegt werden, sie mit Sturmesgewalt hinauszuschleudern.