Zacharjah 5 זכריה
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 5. Den Inhalt der ersten vier Kapitel bildete der Wiederaufbau des Heiligtums und der Hinweis auf seine unendlich weitreichenden Folgen, auf das aus diesen kleinen Anfängen erblühende, in die fernste Zukunft reichende Heil. In den folgenden Kapiteln wird nun verkündet, wie allem diesem Heiligtum Feindlichen der Untergang bereitet werde.
V. 1—4. Das Subject von וַיֹּאמֶר V. 2 ist, wie aus V. 5 hervorgeht, der vermittelnde Engel. Er sah eine auffliegende Buchrolle, sie war in ihrer ganzen Länge entfaltet; zwanzig Ellen lang, hatte sie eine Breite von zehn Ellen. Von einer Schrift sah er nichts, sonst hätte er es berichtet, sie war also leer, wie sich auch aus dem Folgenden ergiebt. Diese leere Rolle wird als der Gottesfluch bezeichnet, der „von hier“ über das ganze Land ausgehe und jeden treffen werde. Der fortan stehle oder falsch schwöre, der werde so leer werden wie diese Buchrolle. Dieser Fluch dringe in ihr Haus und verlasse es nicht, „übernachte dort“ und verzehre es gänzlich, alles Holzwerk und allen Steinbau daran. In der auffälligen Form וְלָנֶה, 3. Pers. Perf. von לין statt וְלָנָה, ist das ◌ֶ vielleicht emphatisch, zur Hervorhebung der Stärke als männlicher Form, gefühlt, dieselbe mehr betonend als וְלָן. וְכִלַּתּוּ für וְכִלַּתְהוּ. Das Doppel-ו des das Objectpronomen als Apposition erklärenden Zusatzes: וְאֶת־עֵצָיו וְאֶת־אֲבָנָיו entspricht unserem sowohl als auch.
Der Schlüssel zum Verständnisse des Gesichtes liegt in der Angabe der Länge und Breite der Buchrolle. Es sind die Dimensionen des מִשְׁכָּן, des קֹדֶשׁ, desjenigen Raumes der Stiftshütte, der bei dem Tempel zum Unterschiede vom דְּבִיר, der „Wortstätte“, הֵיכָל, die „Machtstätte“ hieß. In ihm befanden sich der Tisch mit den Schaubroten und der Leuchter, sowie der goldene Räucheraltar. Im Heiligtum ist nichts bedeutungslos, alles redet, alles ist symbolischer Lehrausdruck. (Siehe die Ausführungen im Comm. zu Ex. 25, 23—40 und 30, 1—8). Es vergegenwärtigt den Heileszustand, der da erzeugt wird, wo alle materiellen und geistigen Kräfte sich von dem im Allerheiligsten bewahrten Gottesgesetze, der Thora, beherrschen lassen, und wo alles aufgeht in dem rückhaltlosen Streben, sich der Gottesgnade würdig zu machen. Es ist das Idealbild der Verwirklichung der Thora, die im Volke eine Wahrheit werden soll. Geschieht dies nicht, wird diese Verwirklichung nicht angestrebt, so ist das Heiligtum ein leerer, wesenloser Schein, und die Thora eine leere auffliegende Rolle, die „auffliegt,“ aus diesem Kreise entweicht, der sie nicht erfüllt, für den sie eine leere Rolle geworden und dadurch den Fluch bringt, wo sie Segen erzeugen sollte. Es ist die ernste Mahnung an die schwere Verantwortung, die mit dem Bau des Gotteshauses auf demjenigen Kreise lastet, der es erbaut. Das ist der Fluch, der ausgeht מִזֶּה, von „dieser Stätte“, die durch die auffliegende Rolle genügend als die des Heiligtums bezeichnet ist. Fortan wird eine jede absichtlich begangene schwere Verfehlung zugleich zu dem größten Verbrechen, zu einem חִלּוּל הַשֵּׁם, zu einer Entweihung, wörtlich: zu einem Morde des göttlichen Namens. Wer durch sein Thatenleben den göttlichen Namen in den Herzen der Menschen auslöscht, der wird selbst ausgelöscht, damit die Heiligkeit des göttlichen Namens, dessen Wort an dieser Stätte thront, wieder hergestellt werde. Der ihn sichtlich ereilende Unsegen ist der laute Protest des hier thronenden Gotteswortes gegen seine Unthat. Thöricht ist sein Wähnen, von dieser Stätte, von „hier“ aus und etwa von den hier vollzogenen heiligen symbolischen Handlungen Schutz für sein unheiliges Leben erhoffen zu dürfen: nicht Segen, sondern Fluch geht von dieser Stätte für ihn aus und ereilt ihn und trifft ihn und sein Haus und macht ihn so leer wie die von ihm ausgelöschte Gesetzesrolle. — Deshalb heißt auch V. 3 עַל פְּנֵי כָּל הָאָרֶץ unzweifelhaft: über das ganze Land, und nicht: über die ganze Erde. Es ist ja das Land des Menschheitpriestervolkes, das Land, in dem ihnen durch die sichtliche Gottesgnade die Wiedererbauung des Tempels, der sichtbaren Stätte der Gottesnähe, ermöglicht worden war. Es ist deshalb in Wahrheit das Land Juda gemeint. Das nördlich gelegene befand sich ja noch in dem Besitz der Samaritaner. Wer in diesem Lande fortan eine Unredlichkeit begeht, übt einen חִלּוּל הַשֵּׁם. — נִקָּה ist hier in demselben Sinne gebraucht wie Jes. 3, 26: וְנִקְּתָה לָאָרֶץ תֵּשֵׁב, sie ist ausgeleert. Hier auf die Person bezogen dürfte auch noch die Bedeutung Reinigen anklingen: er wird „hinweggereinigt“, sein Untergang, der ihn und sein Haus treffende Fluch ist zugleich eine Reinigung, er ist die Wiederherstellung der durch seinen Fortbestand angetasteten Majestät des Gesetzes. — Das הַנִּשְׁבָּע des V. 3. findet durch den Zusatz לַשָּׁקֶר des V. 14 seine Präzisierung. — Die Hervorhebung gerade dieser beiden Sünden, die, wie das Sichvergreifen an fremdem Gute, aus Eigennutz und aus Habsucht, also der Vergötterung des Besitzes hervorgehen, soll gerade aufs eindringlichste darauf hinweisen, wie das Gottesgesetz das gesamte bürgerliche Leben weihend beherrschen will, und wie gerade im socialen Leben seine heiligende Wirkung sichtbar werden soll. Tief bedeutsam wird hier die Unredlichkeit neben dem Meineid, also der offenen Gotteshöhnung genannt, die Vergötterung des Materiellen, dem beide entstammen, führt zur völligen Stumpfheit des sittlichen Gefühles, die auch vor der frivolen Herausforderung des göttlichen Strafgerichtes, das ist ja der Meineid, nicht zurückschreckt. Die klassische Kennzeichnung des Wesens dieses Materialismus bildet den Inhalt des folgenden Gesichtes, das dadurch mit diesem in innigem Zusammenhang steht, ja sich trotz der besonderen Einleitung als eine Fortsetzung desselben darstellt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5—8. Das וַיֵּצֵא ist hier von dem Hervor- und Herankommen des Engels zu verstehen, wie das יֵצֵא in der zweiten Satzhälfte von 2, 7. Er muß also nach der Erklärung des Gesichtes von der auffliegenden Buchrolle dem Propheten entschwunden gewesen sein. Das Erheben des Auges ist wie oben das in die Ferne Sehen, das Sehen dessen, was noch nicht nahe, noch nicht leicht erkennbar ist. Darauf weist auch die unbestimmte Allgemeinheit des Ausdrucks: was ist das dort Hervorkommende, in die Erscheinung Tretende? Auch der Prophet muß es auf den ersten Blick nicht erkannt oder an der Richtigkeit seiner Auffassung gezweifelt haben. Denn auf seine Frage, was dies sei, wird ihm zuerst die Antwort: dies sei das hinaustretende Epha. Der Sinn der Frage kann also nicht bloß auf die Bedeutung der Erscheinung, sondern zunächst auch auf ihre thatsächliche Feststellung gerichtet gewesen sein. Sodann erfolgt in einem besonderen, mit wiederholtem וַיֹּאמֶר eingeleiteten Satze ihre Erklärung. Das geschaute Epha sei „ihr Auge“ auf der ganzen Erde, oder im ganzen Lande. Das Epha ist ein Umfangsmaß, ein Hohlmaß für trockene Dinge, vielleicht sogar das größte, wenn das zehn Epha fassende Chomer nur eine rechnerische Größe sein sollte. Doch das bleibe dahin gestellt. Jedenfalls ist es ein Umfangsmaß, und jedenfalls giebt ein solches nur einen wenig genauen Begriff selbst von dem materiellen Gehalte des Gemessenen oder der Beurteilung Unterliegenden. Nicht einmal das Gewicht, die Summe der materiellen Substanz wird durch das Hohlmaß festgestellt. Der vom Geiste der Wahrheit, d. i. der Thora beseelte Sinn schätzt die Dinge nach ihrem inneren, geistigen Werte. Wer sich von der Wahrheit abgewandt hat und in den Materialismus versunken ist, der kennt und schätzt nur Sinnliches, das Geistige ist für ihn gar nicht vorhanden, oder nur sofern als es praktischen Nutzen oder Unterhaltung bietet. Er lebt in einer anderen Welt, er hat für das Geistige, Göttliche, Ideale kein Auge, im strengsten Sinne des Wortes — keinen „Sinn“, denn er hat anstatt des Auges ein „Epha“, einen Scheffel im Kopfe. Wenn die oben genannten Sünden in dem Eigennutze ihre Wurzel haben, so wird diese Wurzel hier offengelegt: es ist das „Epha“, das bei ihnen die Stelle des Auges vertritt.
Nachdem ihm diese Erklärung geworden, treten zwei andere Erscheinungen in seinen Gesichtskreis, das הִנֵּה, siehe da, zeigt, daß sie ihn überraschen. Er erkennt sie sofort correkt in ihrer Gegenständlichkeit und beschreibt sie. Der Erklärung des Engels geht keine förmliche Frage voraus, sie versteht sich ja von selbst, ist jedoch nicht etwa der Kürze wegen ausgelassen, sie liegt vielmehr in der Lebhaftigkeit der Beschreibung, die in dem hinweisenden וְזֹאת zum deutlichsten Ausdruck kommt. Der ganze Satz ergiebt sich damit als eine an den Engel gerichtete Frage. „Und siehe, da wird ein Kikar Blei emporgehoben! Und dies ist eine Frau, die inmitten des Epha sitzt!“ Darauf wird ihm die Antwort: die Frau sei der Frevel, die Leidenschaft, und „da schleuderte er sie in die Mitte des Epha“. — Da sie schon zuvor als im Epha sitzend geschildert worden war, so kann dies nur heißen, daß er sie zurückschleuderte, und dann warf er das Bleigewicht ihr in den Mund. Wenn — und das gilt für alle Zeiten und alle Länder, „auf der ganzen Erde“ — des Menschen Auge ein Scheffel geworden und er, nur Materielles kennend und schätzend, für das Geistige keinen Sinn mehr hat, so wird das relativ Gemeine „gehoben“, das vermeintliche Edelmetall, das Talent Silbers oder Goldes ist in Wahrheit ein Bleiklumpen, ein Talent Blei, das emporgehoben wird, denn in dem Epha sitzt die Leidenschaft, die nur auf Materielles, Grobsinnliches gerichtet ist. — Der Mensch mit dem „Scheffel im Kopfe“ sieht alles nur mit den Augen der Leidenschaft, und solange er sich nicht von dem „Scheffel“ als dem Maße der Dinge befreit, solange wird auch die Leidenschaft nicht weichen. Der Engel schleudert sie in das Innere des Epha. Und eine zweite Fügung der göttlichen Weltordnung ist es: auch im Gebiete des Materiellen erreicht er das Ziel seiner Wünsche nicht. Statt des ersehnten Goldes ist es ein Talent Blei, das seiner Gier in den weit geöffneten Schlund geschleudert wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9—11. Er sieht ferner das Epha, also das Symbol des Princips der nur auf das Sinnliche gerichteten Habsucht, von zwei Frauen getragen, zwischen Erde und Himmel gehoben; diese Frauen hatten zwar mächtige Storchflügel, gleichwohl war es nicht ihre Kraft, die sie hob, sie flogen nicht, es war der „Wind in ihren Flügeln“, war der Sturm der Zeit, der sie forttrug, sie waren die Getragenen, indem sie das „Maß“ der materiellen Habgier oder des habgierigen Materialismus zwischen Himmel und Erde trugen. Auf dem Boden, in dem Menschenkreise, in dessen Mitte jetzt wiederum dem ewigen Gotteswort die Stätte bereitet wurde, das nur das Recht und die Liebe als das Maß der Menschen und Dinge kündet, und der Selbstsucht die selbstlose Freude an der Förderung des Glückes des Nächsten, und der Sinnlichkeit die Sittlichkeit, dem Frevel und der Leidenschaft die Majestät des Gesetzes und die Seligkeit der Pflichttreue gegenübergestellt, auf diesem Boden, so wird ihm gezeigt, hat das „Epha“, das Scheffelmaß des Materialismus, fortan keine Stätte. Seine Stätte findet es in „Schinear“. Schinear ist der Boden, auf dem der erste schlaue und kühne „Menschenjäger“, der gewaltig war und gleißnerisch „vor Gott“, der es verstand, die gesunkenen, gleichfalls nur im Dienste der Selbstsucht stehenden Menschen, unter dem Vorwande, ihre Interessen zu fördern, an den eigenen Ruhmeswagen zu spannen, das erste Königreich gründete auf Erden, dessen Hauptstadt Babel war. Schinear ist deshalb das Prototyp der auf Habgier und Gewalt gegründeten Reiche. Nur in ihnen, das ist der Inhalt des V. 11, hat das Scheffelmaß des Materialismus seine dauernde Stätte. מְכֻנָתָהּ: seine, d. i. die ihm bereitete Stätte. Ebenso wie es samt seinen Trägern von dem Boden verscheucht wird, auf dem die Lebensheiligung und die Liebe und die Pflege der höchsten geistigen Güter als ewige Ideale verkündet werden, und der deshalb ein Boden ist, auf dem die höchste innere und äußere Freiheit erblühen soll: so findet es seine natürliche und dauernde Stätte auf dem Boden „Schinears“, wo die in den Dienst der Sinnlichkeit gejochten Menschen nur die Bausteine bilden für den stolzen Staatsbau des Despoten der Gewalt. Worauf die Bethörten, blöden Blickes mit dem „Scheffel statt des Auges“, stolz sind, als auf den Monumentalbau ihres Ruhmes, das ist in Wahrheit die Zwingburg der schlauen Nimrodgewalt, die diesem „Epha“ sorgsam die Stätte bereitete. Vergebens erhoffen die Menschen den Anbruch des Reiches der Freiheit, solange sie nicht die Kraft gewinnen, sich von der Geist und Willen jochenden Herrschaft des Materialismus zu befreien, so lange sie die Welt, so lange sie ihre Welt nur durch das Auge des „Scheffels“ und der in ihm thronenden „Leidenschaft“ betrachten. Das ist die große Lehre, deren ewige Wahrheit jedes neue Jahrhundert auch dem befangensten Sinne nachgerade klarmachen sollte. — לָהּ V. 11 bezieht sich auf אֵיפָה, die fehlende Pronominalbezeichnung ist ein fein nüancierender Ausdruck der angeblichen Schwäche oder vielmehr Harmlosigkeit, das Subject von וְהוּכַן ist בַּיִת, von וְהֻנִּיחָה das Epha und die in ihm sitzende רִשְׁעָה. וְהֻנִּיחָה ist eine aus Hophal und Hiphil zusammengesetzte Form; ähnlich wie oben V. 9 die „Trägerinnen des Scheffels und der Leidenschaft“ in Wirklichkeit die vom Winde getragenen sind, so wird auch das Niederlassen derselben, (Hiphil), in Wirklichkeit als ein von höherer Fügung bewirktes, (Hophal) bezeichnet. Überall der Hinweis, daß über der äußeren, sichtbaren Causalität der scheinbar selbständig wirkende Faktoren es einen höheren unsichtbaren Pragmatismus der Ereignisse giebt, der allein sie waltend fügt.