Zacharjah 3 זכריה
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 3. V. 1. Das Subject von וַיַּרְאֵנִי ist Gott. Der Engel, der stets als הַדֹּבֵר בִּי angeführt wird, hat ihm nur das von ihm Geschaute zu erklären, nicht aber die Anschauung zu vermitteln. — Zwei Männer sehen wir an der Spitze des Volkes, unter ihnen beiden sollte der Bau ausgeführt werden: Josua, den Hohenpriester, den Vertreter des Geistes, und Serubabel, den Mann der That, der Ausführung. Der Augenblick, in welchem Secharja sie schaute, lag noch vor dem Beginne des Werkes. Josua „stand“ noch, und auch vor Serubabel „türmte sich noch ein Berg“ (Kap. 4, 7), er hatte wohl die Aufgabe, trug die Bestimmung, aber er war noch nicht thätig. Auch der Engel Gottes, der bestimmt war, Josuas Werk zu fördern, „stand gleichfalls noch“, war noch nicht thätig. Was war die Ursache ihrer Unthätigkeit? Weil an Josuas „Rechten“, dem Organe seiner Wirksamkeit, noch ein „Hindernis“ war. Während das sich der Wirksamkeit Serubabels, des Fürsten, entgegenstellende Hindernis als „Berg“, das Bild für materielle Schwierigkeiten, bezeichnet wird, wird das Hemmnis der hohenpriesterlichen Wirksamkeit שָׂטָן genannt. שטן, verwandt mit שָׂטָה, abweichen, zur Seite weichen, bezeichnet das Hindernde, Widerstrebende als dasjenige, das den Menschen vom geraden Wege ab und auf einen andern hinlenkt. Die Weisen bezeichnen es als יֵצֶר הָרָע, die mit dem Geiste vermählte sinnliche Natur des Menschen. Diese erreicht die ihr vom Schöpfer gegebene Bestimmung nur, indem sie vom Geiste beherrscht wird. Nach dem tiefen Worte des Weisen klagt sie den Menschen an, der sich von ihr verführen läßt. Denn nicht ihn zu beherrschen, sondern von ihm beherrscht zu werden, ist ihr „Verlangen“ (תְּשׁוּקָתוֹ, vergl. Gen. 3, 16 und 4, 7). So bildet dieser שטן, diese Verkörperung der Sinnlichkeit, den geraden Gegensatz zu dem, was in anderen Vorstellungskreisen unter dem Worte „Satan“ verstanden wird. Also: die Sinnlichkeit, die, unbeherrscht, der Erreichung der hohen Menschenbestimmung hinderlich, und deren Vorhandensein gleichwohl für diese Lösung unumgänglich notwendig ist. Denn hätte das Böse nicht auch Reiz, so wäre die Übung des Guten keine Tugend. — Demgemäß hier: Josua „stand“ noch, denn die Sinnlichkeit, die noch im Volke, ja in seinem eigenen Kreise herrschte, stand der Entfaltung seiner Thätigkeit hindernd im Wege. Vergl. Esra 10. 18, wonach auch von seinen Söhnen und Brüdern nichtjüdische Frauen heimgeführt hatten. Dadurch war ihm jedes entschiedene Eintreten für das Gottesgesetz unmöglich gemacht. Mußte er doch bei jedem Versuche einer energischen Einwirkung befürchten, auf seine eigene Familie verwiesen zu werden, der gegenüber er es an der nötigen Energie hatte fehlen lassen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. וְיִגְעַר ד' וגו' וְיִגְעַר ד' בְּךָ הַבֹּחֵר בִּירוּשָׁלִַם, Gott wird dich zurückschrecken — Gott, selbst abgesehen von seinen Beziehungen zu Jerusalem, in seiner den Menschen zur Reinheit erziehenden Liebe wird die Hindernisse aus dem Wege räumen, die Josua noch im Wege sind. Ganz besonders aber wird er dieses thun im Hinblick auf die besondere Bestimmung Jerusalems, Stätte der „offenbar, sichtbar werdenden Gottesherrschaft“ zu werden, ירו־שלם, also: mit Rücksicht auf die Heileszukunft sowohl der Menschheit als Israels. Denn dieser Jehoschua und der durch ihn in der Treue zu erhaltende Israelskern ist ja ein „Feuerschürer“, der „aus dem Feuer gerettet ist“. Er ist ja nicht bestimmt vom Feuer verzehrt zu werden, das er vielmehr entzünden und anfachen soll.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. וִיהוֹשֻׁעַ וגו' בְּגָדִים צוֹאִים, Josua war noch nicht mit den hohenpriesterlichen Gewändern bekleidet; allein selbst seine Kleider als כֹּהֵן הֶדְיוֹט trugen, wenngleich er selbst rein war, Spuren menschlicher Schwäche. Siehe oben zu V. 1. Deshalb „stand“ er vor dem Engel.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Die unreinen Gewänder sind das Symbol der nicht ungetrübten Reinheit der Vergangenheit Josuas. Von deren Folgen kann nur Gottes Allmacht ihn befreien. Die unreinen Gewänder werden ihm „abgenommen“, von dem lähmenden Gefühl der bisherigen Unzulänglichkeit wird er befreit: die reinen muß er sich selbst anlegen. Die Vergangenheit zu sühnen vermag nur Gott, jedoch nun die Zukunft sündenrein zu erhalten, das vermag nur der Mensch selbst. — מַחֲלָצוֹת von חָלַץ, aus Hindernissen herausziehen, rüsten, hier als Bezeichnung der priesterlichen weißen Gewänder, zum Ausdruck des Gedankens: die Bewahrung der Reinheit ist der einzige Weg, um von allem Hemmnis befreit zu bleiben, und nur durch die sittliche Energie des Menschen selbst ist sie zu bewahren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. Nachdem deshalb Josua die weißen Gewänder sich selbst angelegt hatte, wurden ihm die hohenpriesterlichen Gewänder, die ihn zur Vollbringung seiner Aufgabe „rüstenden und bevollmächtigenden“, von dem im Dienste der Gotteswaltung stehenden Gottesboten angelegt. Allein: „der Engel Gottes stand noch“, ward noch nicht für ihn thätig.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. וַיָּעַד וגו'. Denn er hatte ihn erst zu warnen, ihm erst die ewige Wahrheit „bezeugend“ und zu „dauernder Bewahrung“ ins Bewußtsein zu rufen, die durch diese priesterlichen und hohenpriesterlichen Gewänder zum symbolischen Ausdruck kommt, und deren Verwirklichung die Bedingung bildet, unter der allein er die Förderung seines Werkes durch die im Dienste der Gotteswaltung wirkenden Kräfte erhoffen könne. עוּד dauern, Hiphil הֵעִיד: dem sonst dem Bewußtsein oder der Erkenntnis Entschwindenden Dauer geben, das ist ja das Werk des עֵד, des Zeugen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. אִם בִּדְרָכַי תֵלֵךְ וְאִם אֶת מִשְׁמַרְתִּי תִשְׁמֹר. Die erste Bedingung ist, daß der Priester selbst nicht bloß im Tempel, sondern im eigenen Leben aufs gewissenhafteste das Gesetz erfülle und lernend hüte und bewahre, zu dessen Vertretung er berufen ist. Seine Gewänder müssen in ungetrübter Reinheit, sein durch keinen Makel beflecktes Leben selbst ein mächtig lehrendes Beispiel für sein Volk sein.
וְגַם אַתָּה תָּדִין אֶת בֵּיתִי וְגַם תִּשְׁמֹר אֶת חֲצֵרָי. Die zweite Bedingung ist die volle Einsetzung der ganzen Persönlichkeit, um nun diesem Gesetze im Kreise des Volkes Erkenntnis, Anerkennung und Verwirklichung zu sichern. — חֲצֵרָי: das Volksleben außerhalb des Heiligtums. Durch die Wirksamkeit des Priesters soll das ganze Volksleben so von dem Geiste des im Heiligtum thronenden Gesetzes durchdrungen werden, daß das Heiligtum der alles beherrschende Mittelpunkt und alle Wohnstätten der Nation in jeglicher räumlichen Entfernung zu „Umhöfen des Heiligtums“ werden. — מַהְלְכִים ist eine aus Kal und Hiphil zusammengesetzte Form. Sie werden für dich gehen und werden dich leiten. Wenn du deine ganze Kraft für mein Wort einsetzest, so wird meine Waltung dich den rechten Weg führen und wird dein Wirken zu einem gesegneten und erfolgreichen machen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. אַנְשֵׁי מוֹפֵת הֵמָּה. So klein und bescheiden auch die Verhältnisse des zweiten Tempels erscheinen — Israel abhängig, nur der kleinste und ärmste Teil auf dem heimischen Boden versammelt —: so wunderbar ist doch die Erhaltung, so groß die Gottesoffenbarung in dieser Erhaltung, so groß und weitreichend die Bedeutung des Werkes und der Männer, die zu dessen Vollbringung hier versammelt sind. Uns Spätgeborenen, die wir rückwärts schauen, liegt ja diese große Bedeutung der mit der Grundsteinlegung beginnenden Zeit des zweiten Tempels klar vor Augen. Durchdringung der Nation mit dem vor Vergessenheit gesicherten Gottesgesetze, um sie für die große Wanderung durch die Zeiten und Länder zu rüsten, das war die ewige Bedeutung dieses Werkes.
כִּי הִנְנִי מֵבִיא אֶת עַבְדִּי צֶמַח: denn siehe, aus kleinen, unscheinbaren Anfängen, und in leisem, unmerklichem Fortschritte, wie ein Gewächs, lasse ich „meinen Diener“ kommen. Wer sieht es der mächtigen Eiche an, daß sie aus einer winzigen Eichel hervorgegangen, geschweige denn einer Eichel, daß aus ihr eine Eiche hervorgehen könne? — Mit diesem „Diener Gottes“ ist offenbar der Sproß aus dem Jischai=Stamme bezeichnet, der einst das Werkzeug der Erlösung Israels und der Menschheit sein wird (Jes. 11, 1), jener „Diener, den Ich erwähle, der auch das schon geknickte Rohr nicht brechen und den nur noch glimmenden Docht nicht löschen und der nicht ruhen wird, bis er auf Erden dem Rechte die Verwirklichung geschafft hat“. (Das. 42, 3 f.)
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Die Größe und Bedeutung des scheinbar so winzigen Werkes läßt sich schon ermessen durch die Erwägung, welche gewaltigen weltgeschichtlichen Ereignisse vorangehen mußten, um diese Grundsteinlegung zu ermöglichen. Dazu mußte das mächtige babylonische Reich zerstört werden, das gewaltige medo=persische Reich erstehen —: „auf diesen einen Stein war die ganze göttliche Vorsehung gerichtet“, und dieselbe starke Hand, die für ihre Zwecke Weltreiche zerstörend und gründend sich hier als die allmächtige Lenkerin der Geschicke offenbart hat, sie wird nicht ruhen, bis sie diesen Bau, zu dem jetzt der Grundstein gelegt wird, bis zur letzten Vollendung geführt hat — bis zu der Zeiten fernstem Ziele ist sie es, die in jeder Phase dieses Baues ihr הִנְנִי spricht.
אֶבֶן hier: Grundstein. פִּתֻּחָהּ: das, was als unwesentliches, architektonisches Ornament erscheint. In Wahrheit ist an diesem Gotteswerke nichts unwesentlich, (vergl. Amos 9, 1: „Triff den Knauf, so erbeben die Grundschwellen“). Das Werk wird bis zu seiner letzten Ausgestaltung auf Erden vollendet. Offenbar wird hier, wie schon wiederholt im zweiten Kapitel unseres Propheten (so VV. 8 und 9), weit über die Zeiten des zweiten Tempels hinaus auf das Ziel der Zeiten, auf das בַּיִת שְׁלִישִׁי, das einstige dritte Haus hingeschaut, zu dem mit dem zweiten der Grundstein gelegt sein soll. — וּמַשְׁתִּי, hier transitiv gebraucht: dann lasse ich an einem Tage die Sünde weichen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. בַּיּוֹם הַהוּא וגו': dann wird euch auch der verheißene Gottessegen zuteil, den ihr dann, von allen Schlacken der Selbstsucht befreit, in echt brüderlichem Sinne genießen werdet. Vergl. גְּשָׁה לִּי וְאֵשֵׁבָה Jes. 49, 20. Haftoroth S. 330.