Tehillim 94 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 94, V. 1. Während die beiden vorigen Psalmen, von dem Sabbathgeist heiter über alle Widerwärtigkeiten der Gegenwart hinausgehoben, die Zukunft feiern, in welcher, mit dem Verschwinden alles Schlechten und dem Siege alles Guten, auch die Menschenwelt ihren endlichen Sabbath gefunden haben wird, tritt dieser Psalm mitten in die noch von Kampf und Leid gedrückte Gegenwart ein, zunächst dem Kleinmuth zu steuern, der aus dem zeitlich triumphirenden Gelingen des Schlechten an Gottes Vorsehung zu zweifeln beginnt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. 3. אל נקמות וגו' ist ein Aufruf aus der Mitte Israels, in der von Gott verlassen scheinenden Zeit der Galuthleiden. Auch als אל נקמות ist Gott ה', ja eben an seinen Waltungsnamen ה' appellirt der Aufruf, sich als אל נקמות zu zeigen. נקם ist ja wesentlich eine Wiederaufrichtung des verletzten Rechts (Siehe Pent. 1. B. M. 4, 15); und eben als ה', um der Herbeiführung der Heileszukunft der Menschheit willen, erwartet der Aufruf von Gott, sich durch Niederwerfung des Schlechten als Vertreter des verletzten Rechts zu zeigen. Und zwar: הופיעה, wenn auch noch nicht das endliche, volle Hervortreten, doch das Hinaustreten aus dem bisherigen Dunkel. Zeige, daß du noch da bist (Vgl. Ps. 80, 2). השב גמול, Entweder: lasse ihnen Das zukommen, was der Gerechtigkeit gemäß aus ihren Handlungen für sie erwachsen müßte, oder, dem השב entsprechender lasse auf sie zurückkehren, was sie für Andere hatten zur Reife bringen wollen (Siehe Ps. 28, 4). עד מתי, עד מתי, vielleicht: wie lange sollen רשעים überhaupt noch da sein, wie lange wenigstens sollen sie sich des Gelingens ihrer Schlechtigkeiten jubelnd freuen! עלז, so wie das stärkere עלץ ist das innere חלץ, das Gefühl des Ungebunden-, Fessellosseins.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4—7. יביעו וגו' ist eine Begründung dieses Aufrufs. Es ist wahr, alle פעלי און יביעו וגו', יביעו, wörtlich: sie lassen hervorquellen, sie halten gar nicht zurück, ידברו: sie sprechen ganz klar und präcis aus, עתק: die Ungebühr, die sie zu üben beabsichtigen (Siehe Pent. 1. B. M. S. 221). יתאמרו: sie sprechen sich ganz aus, sie haben vor Nichts eine Scheu, und machen gar keinen Hehl aus dem, was sie denken und wollen. עמך וגו', die, die im Gegensatz zu ihnen, sich mit ihrem ganzen Sein und Wollen deiner Leitung unterstellt haben, die daher von dir aufrecht gehalten sein sollten, die stoßen sie nieder, und נחלתך, dem bis jetzt einzigen Menschenkreis, der aus der von dir abgefallenen Menschheit dir wieder zugefallen ist, der schon, weil er deinen Namen trägt, vor Mißhandlung geschützt sein sollte, dem bereiten sie demüthigendste Leiden. אלמנה וגו'. Und nicht nur das ihnen gegensätzliche jüdische Volk, auch die ihnen zugehörigen Wittwen, Fremdlinge und Waisen sind, weil wehrlos, auch rechtlos unter ihnen. ויאמרו וגו', daher kommt's, daß man selbst unter Israel anfing zu äußern, Gott sehe nicht und kümmere sich nicht um die Geschicke der Menschen, und man daher den Aufruf אל נקמות וגו' zu Gott erhoben hat.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. בינו וגו'. Dies leitet die Zurückweisung der irrigen Meinung ein, die sich durch den andauernden Triumph der Gewalt der Feinde des jüdischen Volkes in den Anschauungen eines Theils desselben zu bilden begann. Wir glauben dies schon aus dem Ausdrucke בעם schließen zu dürfen, da, wenn das ויאמרו des vorigen Verses auf die gewaltthätigen Dränger des jüdischen Volkes sich beziehen sollte, und die Anrede בינו u. s. w. an diese gerichtet wäre, die Bezeichnung בוערים בעם keinen Sinn hätte. Ohnehin zeigt der Inhalt von V. 11 und ff., daß der Psalm den V. 2. 3. aus der Mitte des jüdischen Volkes ergehenden Aufruf zum Einschreiten keineswegs rechtfertigt, ihm vielmehr beschwichtigend begegnet. Wir glauben daher auch diese Anrede בינו וגו' als an die bis zum Zweifel an Gottes Vorsehung Kleinmüthigen in Israel gerichtet auffassen zu sollen. — בוערים, sie sind nicht בער, vernunftlos, aber בוערים: in diesem Urtheil handeln sie wie vernunftlose Wesen. Selbst wenig Vernunftbegabte müssen das Irrige einer solchen Aeußerung einsehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. הנטע וגו', נטע kommt auch sonst von dem festen Einfügen an eine bestimmte Stelle vor. וכמשמרות נטועים (Pred. 12, 12). Von dem Auge, dem wundervollsten Gebilde heißt es: יוצר. Der, von dem dem Menschen die Sinne der Wahrnehmung werden, hat doch gewiß selbst diese Fähigkeit. Gott hört und sieht. Bedeutungsvoll steht der dem Geiste nähere und mehr das Geistige vermittelnde Sinn des Hörens voran. Steht doch auch oben in der Schilderung des vermeintlich von Gott nicht wahrgenommenen kecken und gewaltthätigen Vorgehens der פועלי און das hochmüthige Reden voran יביעו וגו' und dann עמך וגו'.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. הסר גוים וגו'. Den Einzelnen hält schon die Scheu vor der Gesammtheit und deren Vertreter in Zucht. Allein Volk gegen Volk kann nur durch die Scheu vor einem Höhern, vor Gott, in die Schranken des Gebührenden gehalten werden. Mehr noch als das innere, sociale gegenseitige Verhalten, ruht der internationale Völkerverkehr auf dem Gott fürchtenden Gewissen, und hätte mit dessen Verleugnung allen Halt und Boden verloren. Dieses dem Menschen eingepflanzte, das Unrecht verurtheilende Gewissen, stammt von Gott. Zu diesem, das Unrecht im Allgemeinen verurtheilenden Gewissen, gehört aber noch דעת, die Erkenntniß Dessen, was Recht und Unrecht ist; auch dies hat der Mensch von Gott. Nun sollte Der, der dem Menschen die Scheu des Unrechts gegeben, nun nicht darauf sehen, ob, und wie die Menschen diese Fähigkeit gebrauchen und dieser vor Unrecht warnenden Stimme ihres Innern gehorchen? Das Unrecht, das auf Erden geschieht, sollte ihm gleichgiltig sein, und aus Gleichgiltigkeit sollte er die Menschen nicht zurechtweisen? Gewiß nicht, vielmehr:
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. ד' ידע וגו'. Aus zwei Gründen tritt Gott zeitweilig dem Unrecht nicht hindernd entgegen. Einmal: Unserer Kurzsichtigkeit scheint das gewaltthätige Unrecht immer fortschreitend zu seinem Ziele zu gelangen. Gott aber weiß, wie es in הבל, in Nichtigkeit enden wird, und diese Erfahrung der Nichtigkeit alles auf Gewalt und Unrecht ruhenden Strebens ist zuletzt die allein heilsame und eindringliche תוכחה, die Menschheit im Großen endlich zur aufrichtigen Huldigung des Rechten und Wahren zu bringen. Und dann:
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. אשרי, das zeitweilig von Gott zugelassene Unrecht steht selbst im Dienste der sittlich stärkenden und veredelnden Menschenerziehung. Das Unrecht, das ein Mensch leidet, gehört mit zu der durch Züchtigung bessernden, durch Prüfung veredelnden Leidensschule, die Gott seine, der Besserung und Veredlung fähigen Menschen durchmachen läßt (Vgl. Pent. 5. B. M. 8, 5). Wehe Dem, den Gott kein Leid mehr erfahren läßt! Er wäre Der, dessen Besserung und Veredlung Gott aufgegeben hätte. Zwei Bedingungen sind es, die den Menschen würdig machen, von Gott in seine bessernde und veredelnde Leidensschule genommen zu werden. Er muß: גבר sein, er muß kein Schwächling sein, der sich vom Leid gänzlich zu Boden werfen läßt, und ebenso kein Schwächling, dessen sittliche Kraft völlig in unsittliches Abschweifen und Ausschweifen aufgegangen ist. Vielmehr muß er noch einen Fonds an sittlicher Kraft und Stärke in sich tragen, die eben durch Leiden geweckt werden sollen, die Zügel der Leitung seiner selbst in die Bahn des Rechten und Guten zu ergreifen. Und: ומתורתך תלמדנו, und er muß noch also in einer Verbindung mit der Gotteslehre stehen, daß er die ihn treffenden Leiden als eine Mahnung begreife, sich aus der Gotteslehre das Bild eines gotttreuen Pflichtlebens zu schöpfen, um daran sein eigenes bisheriges Leben zu messen. Wenn Leiden uns treffen, haben wir nicht zu äußerlichen Dingen zu greifen, die in keiner Beziehung zu unserer sittlichen Besserung stehen, vielmehr lehrt die Weisheit der Weisen (Berachoth 8, a). אם רואה אדם שיסורין באין עליו יפשפש במעשיו פשפש ולא מצא יתלה בביטול תורה שנאמר אשרי הגבר אשר תיסרנו יה ומתורתך תלמדנו. Sehen wir, daß uns Leiden überkommen, so sei uns dies eine Mahnung, unser bisheriges Leben zu untersuchen, ob wir kein Unrecht gethan, keine Pflicht verabsäumt, nicht besser hätten sein können. Haben wir diese Untersuchung angestellt und haben wir nichts Unrechtes gefunden, so sollen wir dies dem Mangel unserer gehörigen Beschäftigung mit der Gesetzeslehre zu schreiben. Durch diesen Mangel mag unser Bewußtsein von den göttlichen Anforderungen an ein jüdisches pflichtgetreues Leben abgeblaßt sein. Darum seien uns die Leiden die Mahnung, zur תורה, zu diesem Born der Pflichterkenntniß nach Gottes Willen zu wandern, daraus erst unsern Maßstab von Recht und Unrecht, von Pflicht und Sünde und von der Höhe der uns von Gott gestellten Lebensaufgabe zu berichtigen, und wenn wir dann alle uns innewohnende sittliche Energie als גבר, als „Mann“ daran setzen, die Flecken unseres vergangenen Lebens auszutilgen und ein Mensch nach der תורה, nach dem uns geoffenbarten göttlichen Willen zu werden, dann begreifen wir die Wahrheit unseres Satzes אשרי וגו', daß gerade Der zu allem Heile fortschreitet, den Gott durch Leiden züchtigend erzieht, und ihn dadurch zur Selbstbelehrung aus seiner תורה führt. Es sind daher nicht die Schlechtesten, die Gott auf Erden leiden läßt, und es steht die Schlechtigkeit der Schlechten, ihnen unbewußt, im Dienste der höchsten Heilesförderung der verhältnißmäßig Guten, die durch sie leiden. כל פעל ד' למענהו וגם רשע ליום רעה (Prov. 16, 4). Alles hat Gott für Seinen Zweck geschaffen, und auch den Gesetzlosen für den Leidenstag.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. להשקיט וגו'. שקט: ungestörte Ruhe haben (verw. mit שקר: seine geistigen Sinne anhaltend auf Etwas ruhen lassen). מימי רע, entweder: ihm aus den Leidenstagen, nachdem sie zurückgelegt sind, und sie an ihm die beabsichtigte Wirkung erreicht haben, ungestörte Ruhe zu gewähren, oder: ihm sodann für alle Zukunft hin von Leidenstagen ungestörte Ruhe zu gewähren. עד וגו', עד kommt in der Bedeutung von: während vor. עד זה מדבר (Hiob 1, 18), עד היותי על אדמתי (Jona 4, 2). Des Guten Leiden endet in Frieden, des Schlechten Glück in Untergang.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. כי וגו'. Wie den Einzelnen, so erzieht Gott auch sein Volk durch Leiden (5. B. M. 8, 5). לא יטש, לא יעזב (Vgl. Ps. 27, 9). Wenn es oben V. 4 heißt: עמך ד' ידכאו, so läßt Gott dieses nicht zu, obgleich es sein Volk ist, sondern weil es sein Volk ist, weil Gott sein Volk, auch wenn es sich verirrt hat, nicht aufgiebt, seine erziehende Hand nicht von ihm läßt; und wenn נחלתו יענו, so verläßt Gott sein Erbe doch nicht, läßt es nicht untergehen in Leiden, setzt seinen Leiden ein bestimmtes Ziel.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. 16. כי וגו'. Ja, diese scheinbare Preisgebung seines wehrlos zerstreuten Volkes in Mitten machtgerüsteter Bevölkerungen, steht in tiefsinnigem Zusammenhange mit dem großen Menschheitsziele der göttlichen Waltungen. Langsam, aber stetig kehrt die Gotteswaltung zu צדק, zu dem Rechts-Ideale hin, das in Mitten der großen Menschengesellschaft seine Verwirklichung finden sollte und finden wird. כי ואחריו, wie מלאו אחרי ד' (4. B. M. 32, 12), ויטו אחרי הבצע (Sam. I. 8, 3), היה לב ישראל אחרי אבשלום (Sam. II. 15, 13) und sonst häufig zur Bezeichnung des Zieles oder der Leitung, von welchen Jemandes Neigung und Streben ihre Richtung erhalten. Hier also: und diesem Rechts-Ideale, welches das Ziel der göttlichen Waltung bildet, sind zugeneigt, und nach ihm streben immer mehr überall Alle, die noch geraden Herzens sind, deren Herz noch nicht die Richtung auf das Menschenwürdige verloren hat. Und zur Uebung und Bethätigung dieser allmählig unter den Menschen wach werdenden צדק-Huldigung, hat Gott eben das jüdische Volk in vollendeter Machtlosigkeit in Mitte der Völker gestreut, auf, daß an ihm sich der Rechtssinn der Menschen erprobe. Nicht daran, daß der Starke dem Starken sein Recht angedeihen läßt, ihm das Gebührende läßt und zollt, erkennt man seinen Rechtssinn; Vorsicht und Klugheit kann das ihm diktiren. Erst wenn der Starke dem Schwachen sein Recht nicht verkümmert, ja, zum Schutze des Schwachen sich erhebt, und für des Schwachen Recht mit seiner Stärke eintritt, bekundet er die reine Rechtshuldigung in seiner Brust. So ist die Behandlung, die das jüdische Volk in Mitte der Bevölkerungen findet, der untrügliche Gradmesser für die Huldigung des Rechts in Mitte der Menschen. Mit ihm stellt Gott die Frage an die Menschheit: מי יקום וגו', wer für es sich erheben werde zum Kampf mit Bösewichtern, wer für es eintreten werde im Kampfe mit Machtmißbrauchenden Gewalten. Wer für es sich erhebt, wer für es eintritt, alle die adeln sich als ישרי לב und bezeugen es, daß sie dem Rechtsideale zustreben, dessen Verwirklichung die Zukunft der Menschheit angehört. Das Hinwenden der Gotteswaltung zum צדק wird aber שוב, ein Zurückkehren genannt, denn dieses Ideal ist nichts Neues, ist vielmehr das älteste Ziel, für welches die Menschen geschaffen worden, dem sie sich nur durch ihre Verirrungen entfremdet haben.
Diese Rechtshuldigung im Kreise der Völker gehört aber noch lange der Zukunft an. Bis dahin hat Israel zu leiden unter der Herrschaft der Gewalt, und des besondern Beistandes Gottes bedarf es, um nicht dem Geschicke zu unterliegen und sich innerlich aufrecht zu halten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. לולי וגו'. Ohne Gottes besondern Beistand, wie wenig hätte gefehlt, daß es schon völkergeschichtlich untergegangen wäre, völkergeschichtlich im Grabe läge. דומה das Schweigen, ohnehin ein bildlicher Ausdruck für Grab יורדי דומה (Ps. 115, 16), ist hier um so angemessener, da es sich um das Erstorbensein als Volk, um den Verlust aller Sonderexistenz handelt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. 19. אם וגו', מטה רגלי, jetzt bin ich dem Falle nahe. רוב, streiten. שרעפי, wie שבט שרביט, mit eingeschobenem ר, כבל von כרבל, so dürfte שרעף und סרעף, gleichbedeutend mit שעיף und סעיף: Gedankengänge, eigentlich Gedankenzweige bedeuten. Wenn meine Gedanken die einheitliche Richtung verloren hatten und, irre geworden, sich im Widerstreit über das für wahr, recht und gut zu Haltende verfingen. ישעשעו, שעשע von שעע, chald. glätten, glattstreichen: davon שעשע: eigentlich wohl streicheln, dann Ausdruck für eine uns behagende Beschäftigung. Hier: den rauhen Streit der Gedanken beschwichtigen
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20. 21. היחברך וגו' sind die an der Hand der Gotteströstungen gefundenen. Betrachtungen. יחברך erscheint als Pual mit ausgefallenem Dagesch aus dem ב. Kann man denn in Verbindung mit Dir eine Menschenherrschaft setzen, die ihre Gewalt dazu braucht, Unheil zu schaffen? Wohl liegt es mit in Gottes Menschheits-Ordnung, daß die Menschengesellschaften sich einer mit Machthoheit bekleideten Leitung unterstellen, und, wenn diese menschengesellschaftlichen Spitzen ihre Machtvollkommenheit nur zur Förderung sittlicher und leiblicher Wohlfahrt der ihnen anvertrauen Gesammtheit gebrauchen und sie in die Bahnen eines dem göttlichen Willen entsprechenden und, so weit an Menschen liegt, gedeihlichen Pflichtlebens leiten, so dürfen sie sich wohl als erste Mitarbeiter an Gottes Menschheitszielen begreifen, und heißt es von ihnen: ירא את ד' בני ומלך, fürchte Gott, mein Sohn, und den König! (Prov. 24, 21.) Allein, wenn von einer solchen Menschenhoheit nur הוות, nur Verneinung des Menschenheils (siehe Ps. 91, 3) ausgeht, wenn durch sie עמל, ein zweckloses Abmühen (siehe Pent. 1. B. M. S. 545), Verkümmerung und Beraubung der Menschen um den Zweck ihres Daseins in gesetzliche „Form“ gebracht zum Gesetz erhoben wird — יצר עלי חק: — היחברך kann man auch einen solchen Thron in Verbindung mit dir nennen? Es scheint uns nicht unmöglich, daß das Dagesch in ב' ausgelassen ist um den Gedanken der Gemeinschaft, חברותא, dessen Ungeeignetheit hier zu bedenken gegeben werden soll, auch dem Ohre recht hörbar zu machen.
יגדו וגו' von גדד, in zum Angriff gesammelter Masse auftreten (1. B. M. 49, 19).
Unter dem Regime einer solchen Menschenhoheit hört Unschuld auf, der schützendste Panzer und die stärkste Waffe zu sein. Die Masse steht feindlich gerüstet gegen den Einzelnen, der es wagt, dem Prinzip der Pflichtgerechtigkeit zu huldigen, und Unschuld ist verdammenswürdiges Verbrechen. Indem die völkergeschichtlichen Größen, unter denen Israel litt, sich in solcher Erscheinung darstellten, fand es in der Ueberzeugung Trost und Beruhigung, daß diese menschengesellschaftlichen Gestaltungen nicht den göttlichen Zielen parallel gehen und nothwendig vor Gottes Waltung verschwinden werden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 21. ויהי' לי וגו'. Indem Israel sich diese Ueberzeugungen vergegenwärtigte, ward damit Gott, der die Heileszukunft der Allmenschheit herbeiführt, ihm zu einer über alle Bekümmernisse weit hinauf erhebenden Höhe, und, indem es Ihn als seinen Gott beherzigt, findet es in ihm allen Halt und alle Zuversicht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 22. וישב וגו'. Israel sieht damit schon alle die Macht, die sie gegen Andere mißbrauchen wollen — das און, aus welchem ihr און stammt, auf sie selber zurückkehren, sieht durch den schlechten Gebrauch ihre Macht schon lahm gelegt — an der Thatsache, daß ד' אלקינו ist, scheitert all ihr Beginnen, und erstarrt, kommt zum Stillstand Alles, was sie zur Erreichung ihrer Ziele in Bewegung setzen (צמת siehe Pent. 3. B. M. 25, 23).