Tehillim 95 תהילים

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1
לְ֭כוּ נְרַנְּנָ֣ה לַיהֹוָ֑ה נָ֝רִ֗יעָה לְצ֣וּר יִשְׁעֵֽנוּ׃
BernfeldAuf! wir wollen jauchzen dem Herrn, jubeln dem Hort unseres Heils.
ZunzAuf! lasset uns jauchzen dem Ewigen, jubeln dem Hort unsers Heils.
HirschGeht, lasset uns Gott Jubel singen, Huldigung wecken dem Horte unseres Heiles,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 95, V. 1. 2. Ps. 92 und 93 hatten die Gedanken zum Ausdruck gebracht, die mit jedem Sabbath in unserer Brust lebendig werden, und über jede, auch die trübste Gegenwart hinaus uns zur Anschauung der Zukunft lenken, die einst den Anbruch des Gottesreiches auf Erden bringen wird. Ps. 94 hatte einen Angstruf aus Israels Galuth-Leiden erhoben, um denselben durch die Ueberzeugung zu widerlegen, daß Gewalt und Unrecht keine Zukunft vor Gottes Waltung habe. Dieser Psalm aber ruft uns von allen trüben Gedanken an unser äußeres Leidensgeschick ab, indem er es uns als eine zweite, jederzeit durch unser eignes pflichttreues Verhalten zu beendigende Wanderung durch die Wüste begreifen läßt, und uns durch heiteres Vollbringen dieser Wanderung die allgemeine Gotteshuldigung auf Erden anzubahnen ladet. לכו, „gehet,“ ruft er uns zu, verlasset das Weilen auf trüben Gedanken, seien wir heiter, und geben wir dieser Heiterkeit lauten Ausdruck, — das ist doch רנן, — lasset uns Dem, der der Hort unseres ungeknickten Seins — das ist doch ישע — mitten in allem Trübsal ist, Huldigung wecken, durchdringen wir uns mit allem, von keinem äußern Geschick zu trübenden Herrlichen unseres Berufes, und kommen wir nicht mit Klagen, sondern mit Dank vor sein Angesicht! Nicht mit klagender Niedergeschlagenheit, בזמרות נריע לו, mit Gesängen wecken wir ihm Huldigung. נקדמה, נריעה, נרננה mit ה' paragogicum sind Aufforderung, נריע ist begründende Aussage. Ist doch nichts also geeignet, die nichtjüdische Welt, in deren Mitte Israel lebt und leidet, auf Gott, den Einzigeinen, und auf das Beseligende eines Ihm geweihten pflichtgetreuen Lebens, aufmerksam zu machen, als die Erfahrung, daß Menschen, denen Alles, was sonst Stütze und Lebensfreude gewährt, versagt und verkümmert ist, doch in ihren Beziehungen zu Gott, und in den von Ihm gewährten geistigen und sittlichen Gütern heiter beglückenden Ersatz für alles Versagte finden.

2
נְקַדְּמָ֣ה פָנָ֣יו בְּתוֹדָ֑ה בִּ֝זְמִר֗וֹת נָרִ֥יעַֽ לֽוֹ׃
BernfeldWir wollen begegnen seinem Antlitz mit Danklied, mit Gesängen ihm zujubeln.
ZunzLasset uns begrüßen sein Antlitz mit Danklied, mit Gesängen ihm jubeln.
Hirschkommen wir mit Dank vor sein Angesicht; mit Gesängen wecken wir Huldigung Ihm.
3
כִּ֤י אֵ֣ל גָּד֣וֹל יְהֹוָ֑ה וּמֶ֥לֶךְ גָּ֝ד֗וֹל עַל־כׇּל־אֱלֹהִֽים׃
BernfeldDenn ein großer Gott ist der Herr und ein großer König über alle Götter.
ZunzDenn ein großer Gott ist der Ewige, und ein König, groß über alle Götter.
HirschDenn ein großer Gott ist Gott und ein großer König über alle Götter.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3—5. כי וגו'. Denn ה', von dem wir jeden kommenden Moment unseres Einzelund Gesammtlebens erwarten, er ist groß als אל, als Inhaber und Urborn aller Kraft und waltet über Alles, was die Menschen vergöttern, und sein sind alle Tiefen und alle Höhen, alle Fernen und Klimate. In welche Lage, unter welche Herrschaft, in welche Gegend der Jude daher auch seinen wandernden Fuß setzt, überall steht er unter der Herrschaft des Einzig-Einen, und überall ist ihm der Eine waltend und gebietend gegenwärtig.

4
אֲשֶׁ֣ר בְּ֭יָדוֹ מֶחְקְרֵי־אָ֑רֶץ וְתוֹעֲפֹ֖ת הָרִ֣ים לֽוֹ׃
BernfeldIn dessen Hand die Gründe der Erde sind, und die hohen Berge sind sein.
ZunzIn dessen Hand die Gründe der Erde, und deß sind die Höhen der Berge.
HirschIn dessen Hand sind die Gründe der Erde, und, wohin die Berge aufstreben, ist sein.
5
אֲשֶׁר־ל֣וֹ הַ֭יָּם וְה֣וּא עָשָׂ֑הוּ וְ֝יַבֶּ֗שֶׁת יָדָ֥יו יָצָֽרוּ׃
BernfeldDem das Meer gehört, das er gemacht, und auch das Trockene haben seine Hände gebildet.
ZunzDem das Meer gehört, das er gemacht, und das Trockne haben seine Hände gebildet.
HirschSein ist das Meer, und er hat es geschaffen, und das Trockene haben seine Hände gestaltet.
6
בֹּ֭אוּ נִשְׁתַּחֲוֶ֣ה וְנִכְרָ֑עָה נִ֝בְרְכָ֗ה לִֽפְנֵי־יְהֹוָ֥ה עֹשֵֽׂנוּ׃
BernfeldKommt, wir wollen uns bücken und niederbeugen, hinknien vor dem Herrn, unserm Schöpfer.
ZunzKommet, daß wir uns bücken und niederbeugen, hinknieen vor dem Ewigen, unserm Schöpfer.
HirschKommet, laßt uns uns niederwerfen und knien, die Knie beugen vor Gott unserem Schöpfer.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. באו וגו'. Darum „kommet,“ laßt uns in Einem Gefühle zusammentreten, und dies Gefühl heißt: vollendete Hingebung mit Geschick und That, wie dies השתחויה, das vollendete Niederwerfen vor Ihm zum Ausdruck bringt. Während aber sonst כריעה, das Knien, der השתחויה, dem Niederwerfen vorangeht (Esther 3, 2. 5.), folgt es hier nach, und bezeichnet somit ein Aufrichten nach dem Niederwerfen; denn wie ein Wort der Weisen lautet: הכל בזכות השתחויה, alles Herrliche, Beglückende und Große, wird durch vollendete Hingebung gewonnen (ב"ר zu 1. B. M. 22, 5), und wenn es dort schließlich heißt: אף המתים אינם חיים אלא בזכות השתחויה, auch die Todten erstehen nur wieder zum Leben in Folge der vollendeten Hingebung, שנא' בואו ונשתחוה ונכרעה וגו', so dürfte dies eben in dem Aufrichten nach dem Niederwerfen in unserer Stelle angedeutet liegen.

7
כִּ֘י־ה֤וּא אֱלֹהֵ֗ינוּ וַאֲנַ֤חְנוּ עַ֣ם מַ֭רְעִיתוֹ וְצֹ֣אן יָד֑וֹ הַ֝יּ֗וֹם אִֽם־בְּקֹל֥וֹ תִשְׁמָֽעוּ׃
BernfeldDenn er ist unser Gott und wir das Volk seiner Weide und die Herde seiner Hand, wenn ihr nur immer seiner Stimme gehorchen wolltet!
ZunzDenn er ist unser Gott, und wir das Volk seiner Weide, und die Heerde seiner Hand noch heute, so ihr gehorchet seiner Stimme.
HirschDenn Er ist unser Gott, und wir das Volk seiner Weide und die Heerde seiner Hand, heute noch wenn ihr seiner Stimme gehorchet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. כי וגו'. Dieses כי u. s. w. ist das Motiv zu allem Vorhergehenden, zu der heitern Stimmung, dem Danke und dem Gesange vor Gott, wie zu dem Ernste der vollendeten Hingebung mit Geschick und Thatenleben. Denn er ist noch unser Gott, wir sind noch mit unserm Thaten-Leben das Volk seiner Leitung und mit unserm Geschicke die Heerde seiner allmächtigen Hand, alles Dies in voller Bethätigung היום, noch heute, sobald wir seiner Stimme gehorchen. Gehorsam ist die einzige Bedingung zur גאולה. Keine andere Bedingung zu unserer Erlösung kennt das heilige Schriftthum und das Wort der Weisen, als: תשובה, als Rückkehr zum vollendeten Gottesgehorsam, היום אם בקלו תשמעו!

8
אַל־תַּקְשׁ֣וּ לְ֭בַבְכֶם כִּמְרִיבָ֑ה כְּי֥וֹם מַ֝סָּ֗ה בַּמִּדְבָּֽר׃
BernfeldSeid nicht harten Herzens wie zu Meriba, wie am Tage von Massa in der Wüste;
ZunzHärtet nicht euer Herz wie zu Meribah, wie am Tage von Massah in der Wüste,
HirschMachet euer Herz nicht hart wie zu Meriba, wie am Versuchungstage in der Wüste,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. 9. אל תקשו וגו'. קול קורא: במדבר!, „in die Wüste!“ rief uns die Stimme des Propheten, der unsere Galuthwanderung durch die Zeiten zur Erlösung hin einzuleiten hatte (Jes. 40, 3). והבאתי אתכם אל מדבר העמים, ich bringe euch „in die Wüste der Völker“ und gehe mit euch dort in's Gericht von Angesicht zu Angesicht, wie ich mit euren Vätern in's Gericht gegangen in der egyptischen Wüste, hatte Ezechiel uns anzukündigen (Ezech. 20, 35). So ist unsere Galuth-Wanderung Nichts als eine zweite Wanderung durch die Wüste zum gelobten Lande der wiederzugewinnenden Freiheit und Selbständigkeit, und soll, wie Ezechiel dort weiter ausführt, ebenfalls mit einer Läuterung, Sichtung und Ausscheidung aller derjenigen Elemente enden, die durch Abfall und Untreue ihre Unfähigkeit und Unwürdigkeit für die beschiedene Zukunft bekunden. Dem entspricht der warnende Hinweis auf die erste Wüstenwanderung und ihre verhängnißvollen Verirrungen, mit welchem V. 8—11 unser Psalm schließt. Aus diesen Verirrungen werden מריבה und מסה als diejenigen hervorgehoben, in welchen sich gleich beim Antritt der Wanderung (2. B. M. 17, 1—7), die bis zum Ende sich fast gleich bleibende sittliche Schwäche des damaligen Geschlechtes charakterisirte. מריבה: Unzufriedenheit mit der göttlichen Führung, und מסה: Zweifel an der ausreichenden Macht, oder doch an der schützenden und helfenden Gegenwart Gottes, לאמר היש ד' בקרבנו אם אין. Und מסה במדבר! In der Wüste, wo jeder Augenblick ihres Daseins ihnen der lebendigste Beweis der besonders schützenden und erhaltenden göttlichen Allmacht und Gegenwart hätte sein sollen, dort hätten sie sich am wenigsten zu מסך, zu den Zweifeln veranlaßt sehen sollen, die sie zu den Versuchungen verleiteten. נסוני, נסה: versuchen, ob Jemand Etwas zu leisten im Stande sei. בחן: erkennen, welcher Werth und welche Kraft Jemandem innewohnt. נסוני: es genügte ihnen nicht, was sie bereits von Gott erfahren hatten, sie verlangten immer neue Proben. בחנוני: und sie hatten mich doch bereits erprobt und hatten auch פעלי, mein Werk, das ich aus eigenem Antriebe für sie und an ihnen und durch sie vollbrachte und zu vollbringen im Begriffe war, erfahren. Aus allem Dem hätten sie genügende Gotteserkenntniß und Ueberzeugung von seinem Walten schöpfen können.

9
אֲשֶׁ֣ר נִ֭סּוּנִי אֲבֽוֹתֵיכֶ֑ם בְּ֝חָנ֗וּנִי גַּם־רָא֥וּ פׇעֳלִֽי׃
BernfeldDa mich eure Väter versuchten, mich prüften, obschon sie mein Werk gesehen.
ZunzDa mich versuchten eure Väter, mich prüften, obschon sie sahen mein Werk.
Hirschda eure Väter mich versuchten, und sie hatten mich doch erprobt und hatten auch mein Wirken gesehen.
10
אַרְבָּ֘עִ֤ים שָׁנָ֨ה ׀ אָ֘ק֤וּט בְּד֗וֹר וָאֹמַ֗ר עַ֤ם תֹּעֵ֣י לֵבָ֣ב הֵ֑ם וְ֝הֵ֗ם לֹא־יָדְע֥וּ דְרָכָֽי׃
BernfeldVierzig Jahre war ich überdrüssig des Geschlechts, denn ich sprach: Ein Volk irren Herzens sind sie, weil sie nicht meine Wege erkannten.
ZunzVierzig Jahre war ich überdrüßig des Geschlechts, und ich sprach: Ein Volk irren Herzens sind sie, und sie erkannten nicht meine Wege;
HirschVierzig Jahre haderte ich mit einem Geschlechte und dachte, sie sind ein Volk verirrten Herzens, und sie, sie erkannten doch nicht meine Wege,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. ארבעים וגו'. קוט ב-, seine Unzufriedenheit Jemandem an den Tag legen, mit Jemandem zanken. So ראיתי בגדים ואתקוטטה (Ps. 119, 158). Vierzig Jahre ang versuchte ich ein ganzes Geschlecht der damaligen Gegenwart zu bessern, indem ich ihnen meine Unzufriedenheit zeigte und fühlbar machte. Ich dachte, sie sind verirrt, und werden sich daher von ihrer Verirrung heilen und zur Erkenntniß der Wahrheit bringen lassen. והם: und dieses ganze Geschlecht, mit dem ich — menschlich gesprochen — mir so viele Mühe gab, sie kamen doch nicht zur Erkenntniß meiner Wege. דרכי: die Wege meiner Waltung und die Wege, die nach meinem Willen die Menschen wandeln sollen.

11
אֲשֶׁר־נִשְׁבַּ֥עְתִּי בְאַפִּ֑י אִם־יְ֝בֹא֗וּן אֶל־מְנוּחָתִֽי׃ {פ}
BernfeldUnd deshalb hatte ich in meinem Zorn geschworen: Sie sollen nicht zu meiner Ruhestätte gelangen.
ZunzDaß ich geschworen in meinem Zorne: Nimmer sollen sie gelangen zu meiner Ruhe!
Hirschso daß ich in meinem Zorne schwur: sie kommen nicht zu meiner Ruh'.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11. אשר וגו', so daß sich endlich meine Unzufriedenheit so steigerte, daß ich zürnend schwur: אם יבאון, sie sollen nicht zu meiner Ruhe, d. h. zu dem endlichen Ziele gelangen, zu welchem ich sie mit der Wanderung durch die Wüste führen wollte.

Dieser Rückblick auf die in der „egyptischen„ Wüste gemachten Erfahrungen, ist für unsere Wanderung durch die Wüste der Zeiten von hoher Bedeutung. Wie jene, soll unsere Galuthwanderung uns prüfend erziehen für die große Bestimmungs-Zukunft, die unser wartet. Wie dort, ist jeder Daseins-Augenblick unserer Galuthwanderung selbst der vollgiltigste Beweis für Gottes Gegenwart auf allen unsern Wanderungen, und wohl geeignet, uns zu dem hingebungsvollsten Vertrauen in die Gottesführung zu bestimmen. Wie dort hängt die Dauer unserer Wanderung und unser Geschick auf derselben, lediglich von unserm Gottesgehorsam ab, und würden wir mit מרד und פשע, mit Ungehorsam und Abfall gegen Gott unsere ganze Zukunft verscherzen. Ein dauerndes Aufgehen unter die andern Völker bliebe uns versagt, und zu der eigenen jüdischen Zukunft gelangten wir nicht (Siehe Eziel 20, 32—38).