Tehillim 93 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 93, 1. Dieser Psalm setzt den vorigen unmittelbar fort. Er feiert die Zeit, wo endlich das lange, von den irre gegangenen Menschen bekämpfte Gottesreich auf Erden anbricht. מלך: die Herrschaft antreten (Vgl. Kön. I. 1, 11) und sonst. גאות לבש: er ist nicht nur der Hohe, sondern seine Hoheit hat jetzt auch in Mitte der Menschheit Anerkennung gefunden. לבש ד', Gott, der in seiner Unsichtbarkeit bis jetzt von Vielen, insbesondere als ה', als der Einzige Bringer der Heileszukunft der Menschen unerkannt geblieben, hat jetzt sein Wollen und Walten also in den Ereignissen und durch die Ereignisse äußerlich gemacht, daß dadurch die Erkenntniß von Ihm eine allgemeine und dauernde geworden, עוז התאור: und steht nun der Menschheit in der Unwiderstehlichkeit seines Wollens und der Unabweisbarkeit seiner Ziele vor Augen. אף תכון וגו'. Bis jetzt ging nur die Welt der Natur ihren regelmäßigen Gang, in der Welt der Menschen herrschte Willkühr und ewiges Schwanken. Mit der Unterordnung alles Einzel- und Gesammtlebens unter Gottes Willen hört dieses Schwanken auf, und findet endlich auch die Entwicklung der Menschenwelt ihr festes, wankenloses Geleise.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. נכון וגו'. Erst von dem Augenblick an ist der Thron des Gottesreiches auf Erden gegründet. Bis dahin haben die Menschen wohl das ganze Weltall Gott zu Füßen gelegt, nur sich, nur das kleine, spannengroße eigene Herz, hielt Jeder aus dieser Unterwerfung für sich zurück. Gott war ihnen höchstens Gott, aber ihr Gott war er nicht. Von Ewigkeit her war Gott, aber sein „Thron," die Anerkennung seiner Herrschaft unter Menschen, beginnt erst jetzt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3 נשאו וגו'. נהרות, Ströme sind ein Bild für anschwellende oft verheerende Völkermächte (Vgl. Jes. 8, 7—8). נשאו נשאו: wiederholt haben gewaltige, der Gottesherrschaft feindliche Völkermächte, rauschend ihre Stimme erhoben. Wir finden נשא auch absolut als: sich erheben, ותשא הארץ מפניו (Nahum 1, 8), es kann daher das erste נשאו auch: sich erheben bedeuten, ohne sich auf קולם als Objekt zu beziehen. Wahrscheinlicher ist das Erste. דכים, die Form דכי oder דכי, wovon דכים, ist eine intransitive Kalform, wie עני, חלי, und bedeutet nicht einen gegen Andere geführten, sondern selbst erlittenen Stoß: es ist der Zustand des דך. Wasser rauscht nur, wenn es auf Widerstand stößt oder von einer Höhe herabstürzt. Das tosendste Geräusch machen WasserFälle. Wohl haben Völkermächte laut und rauschend ihre Stimme gegen Gott erhoben, aber wie bei Strömen bedeutet diese Erhebung nur ihren Sturz.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. מקלות וגו'. Auf רבים steht ein trennender Accent, und kann daher אדירים nicht noch als Attribut zu מים gehören, ist vielmehr Prädikat von משברי ים. Es ist auch hier nicht mehr von נהרות, Strömen, sondern von ים', einem Meere die Rede, und liegt somit ein neues Bild und ein neuer Gedanke vor. Das מ', מקלות, ist daher keine Bezeichnung des Comparativs, sondern es ist das causale מ'. Das Bild ist: die Ströme fließen in ein Meer, und ihre vom Meere aufgenommenen tosenden Fluthen tragen nur dazu bei, die wogende Macht des Meeres zu vergrößern. Von je haben welterobernde alle andern vorhandenen Mächte um ihre Selbständigkeit gebracht und sie zu, nur ihrer eigenen Vergrößerung dienenden Vasallen erniedrigt. Schon der Stolz des assyrischen Welterobers sprach: הלא שרי יחדו מלכים (Jes. 10, 8): Siehe, alle meine Fürsten sind Könige! Und auch, die dem Anbruch des Gottesreiches, worauf dieser Psalm hinblickt, vorangehende letzte Phase der bisherigen Völkergeschichte endet damit, daß eine welterobernde Größe sich erhebt, die alle andern Völkermächte verschlingt — גוג nennt sie Ezechiel (K. 38 u. 39) — es steht dann nur Eine Weltmacht auf Erden da, die alle irdischen Größen in sich vereinigt: aber über dieser Einen, alle irdischen Größen in sich vereinigenden Macht — erscheint mächtig allein Gott in der Höhe!
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. עדתיך וגו'. Diese, endlich allgemeine Gotteshuldigung auf Erden, war von lange her durch die Institutionen des göttlichen Gesetzes angekündigt und vorbereitet, die unter den Begriff עדות, „Zeugen und Denkmäler" der göttlichen Wahrheiten fallen, und deren erste und bedeutsamste der Sabbath ist. Der endliche Verlauf der Geschichte beweist die Wahrhaftigkeit dieser Zeugniß-Institutionen, und לביתך נאוה קדש, und dem Gottes-Hause, das dem Gottes-Gesetze errichtet war, eben jenes Haus, in welchem, wie dies der vorige Psalm V. 14 sagt, bereits die Gerechten aller Zeiten mit jeder Faser ihres geistig sittlichen Wesens wurzelten, dieses Haus verdient dann in Wahrheit in vollem Sinne den Namen: קדש, Heiligthum, ein Name, der ja die Bestimmung in sich schließt, daß von ihm aus die Heiligung aller menschlichen Beziehungen auf Erden ausgehen sollen (Siehe Pent. 2. B. M. S. 489). נאוה, die meisten Ausgaben haben נ mit פתח: נאוה und erscheint es dann als Substantiv wie גאוה von גאה, so נאוה von נאה; es hieße dann: die Gebühr, das Geziemende. Deinem Hause ist der Name קדש eine Gebühr, es führt diesen Namen mit Recht. Heidenheim hat נאוה mit Kamez, und so scheint es auch nach der Massora. Diese bemerkt: מפיק א' ל', daß dies das einzige Mal ist, daß das א mit einem [?] hervorgehoben ist, sonst quiescirt das א' immer, wie לישרים נאוה תהלה (Ps. 33, 1) u. s. Allein dann kann es nicht wie dies Adjektiv sein. Da קדש masculin ist, müßte es נאוה heißen, wie ומראך נאוה (Hohel. 2, 11) u. s. Es müßte dann als 3. Pers. praeteritum Kal, (mit eingetretenem ו wie im Hithpael von שחה) gefaßt werden, und sagte: deinem Hause ist dann der Name קדש erst voll gebührend geworden.
Oder: עדתיך וגו', deine Zeugnisse, unter denen der שבת als das Erste und Bedeutsamste hervorragt, sind unendlich treu, sie begleiten den Einzelnen durch's Leben mit allem seinem Wechsel, die Gesammtheit durch die Jahrhunderte mit allen ihren Wandlungen, לביתך וגו', deinem Hause gebührt in Wahrheit der Name Heiligthum, das Gesetz, dem es geweiht ist, und sein Geist, der dort gepflegt wird, bewähren seine heiligenden Kräfte an uns, indem es durch sie uns hinaushebt über alles Unedle und Gemeine, und uns immer mehr für das Wahre und Gute begeistert und stärkt, ד' לארך ימים, das waren uns deine Zeugnisse und dein Heiligthum bis jetzt, das werden sie uns bleiben bis an's Ende der Tage.