Tehillim 9 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 9. 1. למנצח על מות לבן. Kapitel 4, 5, 6, 8 ist למנצח mit dem Folgenden dem Accente nach verbunden und so ist z. B. Kap. 8 nicht למנצח על הגתית, sondern גתית der Inhaltsgegenstand des Psalms, dessen die Begeisterung siegreich Meister wird. Hier aber ist למנצח entschieden durch trennende Tipcha vor dem Worte von על getrennt und על־ מות לבן bezeichnet den Inhalt. Daß מות לבן nicht: der Tod oder vielmehr: das Sterben des Sohnes heißen könne, bemerkt schon Raschi. Es würde sonst הבן heißen, und weist auch der Inhalt des Psalms nirgends auf ein solches Ereigniß hin. Offenbar ist ja auch ohnehin, wie wir noch zu bemerken haben werden, der Inhalt des Psalm's durchaus national. Es ist Israel der Redende, nicht ein Einzelner, etwa David, an dessen Sohn hätte gedacht werden können. Die מסורה weist gleichstellend auf הוא ינהגנו על־מות (Ps. 48, 15) hin, eine Massora, die auch verschieden aufgefaßt wird. Nach Raschi wäre in beiden Fällen darnach עלמות ein Wort. Nach Aben Esra und Kimchi im שרשים wären es aber nach der Massora zwei Worte. Auch im Midrasch wird הוא ינהגנו על־מות entweder als zwei Worte verstanden: er führt uns über den Tod hinaus, zur Unsterblichkeit אתנסיא עולם שאין בו מיתה (αθανασια), oder als ein Wort: עלמות von עלם, in Jugendfrische, בזריזות. Endlich auch von העלם verbergen, עלמות: das Geheimniß, das Verborgene, oder שני עולמות ע"הז וע"הב. Man sieht, daß die Bedeutungen fast zusammenfallen: Er führt uns zur Unsterblichkeit, in ewiger Jugendfrische, durch die Gegenwart in die Ewigkeit, sind nahe verwandte Gedanken. Etwas ferner liegt: Er führt uns in verborgener, nur ihm bekannter Weise. In unserer Stelle haben wir zunächst noch die Bedeutung von בן zu ermitteln. Wir glauben nicht fehl zu gehen unter בן hier eben nur: Israel zu verstehen in seiner Sohnes-Beziehung zu Gott, einer Beziehung die z. B. Sam. II 7, 14 hinsichtlich Salomo's in ihren erziehlichen Momenten begriffen wird. אני אהיה לו לאב והוא יהיה לי לבן אשר בהעותו והכחתיו בשבט אנשים ובנגעי בני אדם וחסדי לא יסור ממנו וגו'. So Ps. 80, 17 ועל בן אמצת לך: schau auf den Sohn herab, den du dir mit Kraft gerüstet hattest. So wird ja auch Israel 2. B. M. 4, 22. 23. und sonst von Gott: בני genannt. In unserem Psalm kommen die weltgeschichtlichen Erfahrungen zum Ausspruch, die Israel auf seinem prüfungs- aber auch erziehungs- und belehrungsvollen Leidensgange durch die Reihen der Völker macht. Es geht, oder vielmehr sie gehen an ihm vorüber alle die welthistorischen Großmächte, die mit Trümmern ihren Siegeswettlauf bezeichnen. Es hat durch sie Alle zu leiden, sieht sie Alle steigen — und fallen, und erkennt in ihrem Fall die ihr Gericht ankündigende Waltung Gottes, der mit jeder solchen Katastrophe seinen Thron zum Weltgerichte „zurechtrückt" und Israel als den Herold dieser kommenden Gotteszeit auf Erden vorausgesandt hat. Diesem Inhalt entspricht in jeglicher der angedeuteten Auffassungen die Ueberschrift: על־מות לבן. „Unsterblichkeit", „ewige Jugendfrische", „Zukunfts-Geheimniß", dem „Sohne", d. h. hat nur der Sohn, hat Israel nur, das sich der erziehenden und belehrenden Hand seines Vaters willig überläßt, das allein unsterblich, sich ewig verjüngend in Mitten untergegangener und untergehender Völker gewandelt und wandelt, das allein das Geheimniß der Weltgeschichte bewahrt, weil es allein die im Verborgenen waltende Hand seines Gottes ahnt und begreift, wie allein der Sohn seinen Vater versteht und nicht mißdeutet —
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. אודה ד' וגו'. הודה von ידה, verwandt mit ידע, siehe Pent. 3. B. M. 5, 5. heißt wesentlich ein starkes, d. i. volles Hinauslegen Dessen, was man in Beziehung auf einen Gegenstand denkt und fühlt, daher zunächst: bekennen. הודה ל־: Jemandem die Gefühle an den Tag legen, die man in Bezug auf ihn im Herzen trägt: danken und huldigen. הודה mit dem Accusativ und Bezug auf Gott, wie hier אודה ד', heißt vorzugsweise: Gott bekennen, das Bewußtsein und die Erkenntniß von Gott aussprechen. בכל לבי: mit allen Gefühlen, in jeder Herzensstimmung, jeder Herzenslage, freudvoll oder leidvoll, in jeder, spricht Israel, ringe ich mich zur Klarheit über Gott empor und spreche das erneut gewonnene Gott-Bewußtsein aus. נפלאותיך, פלא. Siehe Pent. 2. B. M. 3, 20. 15, 11. Ich möchte alle deine Waltungsthaten verkünden, in denen dein unmittelbares Eingreifen in den Gang der Dinge „dich" erkennen läßt. Es sind dies ja namentlich die großen Gott offenbarenden Wunder aus Israels Gründungsgeschichte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. אשמחה וגו'. שמח verwandt mit צמח ist das Gefühl des innern „Wachsens", der seelischen fortschreitenden Entwickelung, des heitern Frohsinns, derjenigen freudigen Stimmung, die der stete, immer zu gewinnende und zu bewahrende Antheil des reinen Menschen sein sollte. עלץ, das mit dem Ueberwindungslaut ץ verstärkte עלז, verwandt mit חלץ, aus Banden freimachen, ist ein bei besonderen Ereignissen gewonnenes Gefühl des freudigen von Druck und Enge frei gewordenen Aufathmens. שמחה ist diejenige Stimmung, in welcher allein die Erhebung zur Erkenntniß alles göttlich Wahren und Guten gedeiht. „Nicht in Betrübniß, in Trägheit, in Scherz, in Leichtsinn &c., sondern in einer aus dem Pflichtleben zu schöpfenden Heiterkeit ist die Gottes-Nähe zu gewinnen". אין שכינה שורה לא מתוך עצבות ולא מתוך עצלות ולא מתוך שחוק ולא מתוך קלות ראש וכו' אלא מתוך שמחה של מצוה (Sabbath 30b). שמך עליון ist die Erkenntniß, wie Gott unsichtbar, gleichsam aus der Höhe, ohne unmittelbares Eingreifen, den Gang der Ereignisse zu Seinen Zielen lenkt. Vgl. Kap. 7, 18. Eine im Begeisterungsliede auszusprechende Erkenntniß, die nur gelingt, wenn man sich durch die vielfach widerwärtigen Erlebnisse nicht niederdrücken und beengen läßt und die nur in Gott zu gewinnende Lebensheiterkeit zu bewahren weiß.
Israel spricht: Ich bekenne Gott in jeglicher Herzensstimmung und — wenn ich Gott auf meinen Schicksalswegen vermisse — erzähle ich gerne die erlebten Gotteswunder, die Sein Walten verbürgen, und erhebe mich an ihnen. Allein ich möchte durch Gott jene Heiterkeit, jene von allen Erlebnissen ungeknickte und ungebeugte Stimmung gewinnen, daß es mir gelingt, auch in seinen dem gewöhnlichen Auge verborgenen Waltungsgängen Ihn zu schauen und seinen Namen „Höchster" zu besingen.
Solche, Gottes Waltung „aus der Höhe" aussprechende Gedanken folgen nun:
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. בשוב אויבי אחור. Nicht nur in deinen offenbaren Wundern, auch in den stillen Gängen der Geschichte, die ich erlebt habe und erlebe, sehe ich Dich. Wenn ich die Geschicke der mir und meiner Lebensanschauung und Richtung feindlichen Völker rückläufig sehe, wenn ich sehe, wie, wenn ihr Macht-Fortschritt einen Höhepunkt erreicht hat, sie dann ebenso jäh zurückschreiten, so ist es Deine Gegenwart, so bist Du es, vor dessen Angesicht, d. i. vor dessen Waltung und deren letzten Zielen sie straucheln und verschwinden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. כי עשית משפטי' ודיני'. Mit jedem solchen Rückschritt einer zuerst zur Glanzhöhe emporgestiegenen Völkergröße und deren endlichem Verschwinden von der Bühne der Geschichte, wie ich es Volk nach Volk erlebt, hast du immer משפטי' ודיני' vollzogen. משפטי': die Förderung, das Näherbringen der mir von dir bestimmten endlichen Weltstellung im Allgemeinen. Ausschließlich auf die geistige Erkenntniß der Wahrheit und der sittlichen Lösung eines dem Gottes-Willen sich unterordnenden Pflichtlebens hingewiesen, mußte sich Israel bei dem ersten Antritt seiner Wanderung unter den Völkern der Erde im widersprechendsten Gegensatz zu allen Staaten befinden, die ihre Größe und Wohlfahrt in allererster Linie auf materielle Macht und Hoheit gründeten und sittliche Momente nur als Mittel zu diesem Zwecke unterordneten. Allein es soll dieser Gegensatz allmälig schwinden und die Entwickelung der Zeiten zu dem Ende führen, daß in harmonischem Einklang mit dem durch Israel in Mitte der Völker hochgehaltenen Prinzipe, aller Völker und Staaten Wohl unterschiedlos wie das Wohl der Einzelnen in einem dem göttlichen Sittengesetze sich unterordnenden Pflichtleben allein gefunden werde. Jeder endliche Untergang einer mit Mißachtung des Sittengesetzes nur auf Gewalt erbauten geschichtlichen Größe ist ein Schritt näher zu diesem Ziele der Völkerzukunft, ist eine Mahnung an die Völker wie sie sofort im Folgenden ausgesprochen wird. Darum erblickt Israel in jedem solchen geschichtlichen Erlebniß עשית משפטי', einen die berechtigte Geltung des von ihm getragenen Prinzips näherbringenden Schritt in dem Entwickelungsgange der Geschichte. Aber auch: ודיני'. Der Gegensatz, gleichsam der Protest, den die Völker in Israel's festgehaltenen Ueberzeugungen und Lebensrichtungen erblickten, erzeugte eine feindselige verkennende Verachtung, unter der Israel schmerzlich zu leiden hatte. Da ist keine steigende Völkermacht über die Bühne der Zeiten gegangen, die nicht das „Volk des Gottes-Gesetzes" seine Ohnmacht mit höhnendem Uebermuth hätte fühlen lassen. An dem Grabe solcher übermüthig gewesenen Völkergewalten konnte Israel daher in ihrem Untergange zugleich eine Rechtssühne des vielfältig durch sie erlittenen Leids erblicken, und wohl aussprechen: כי עשית משפטי' ודיני' daß Gott damit eine Förderung seiner einstigen berechtigten Weltstellung und zugleich eine Rechtssühne seiner erlittenen Unbill vollzogen, und mit Beidem: ישבת לכסא שופט צדק, sich als gerechter Richter für den Thron seines einstigen Gerichtes niedergelassen habe. Auf dem Thron sitzen oder sich auf den Thron setzen heißt überall ישב על כסא. Nur Psalm 132, 11 und 12 heißt es von David's Nachkommen: מפרי בטנך גם בניהם עדי עד ישבו לכסא־לך, אשית לכסא־לך. Allein auch dort soll nicht gesagt sein: sie werden ewig auf David's Thron sitzen. Die Herrschaft der Davidischen Dynastie hat durch den zeitlichen Untergang des jüdischen Staates eine lange Unterbrechung erlitten. Allein für den Davidischen Thron sollen immer David's Nachkommen bereit sein. David's Geschlecht wird nie aussterben, und wenn David's Thron wieder errichtet wird, wird nur ein Nachkomme Davids ihn besteigen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. גערת גוים וגו'. Indem du Eine gesetzlose Macht hast untergehen lassen, hast du damit vielen Völkern gedroht, hast auch ihren Namen ausgelöscht zu der verhüllten, aber bestimmten Zukunft. Jeder eklatante Untergang einer bis dahin gefürchteten gesetzlosen Völkergröße ist eine drohende Mahnung an die Völker Alle, die gleich ihr nicht dem Sittengesetze als dem Absoluten huldigen, zeigt ihnen auch den Untergang, das Verschwinden ihres Namens zu der mit jedem Pendelschlag der Geschichte näherrückenden Zukunft. Diese Zukunft ist עולם, verborgen, kein Mensch weiß, wann sie kommt, allein Nichts ist so sicher als daß sie kommt, sie ist ועד, die Bestimmung, zu welcher Alles führt. (Siehe Pent. 2. B. M. 15, 18).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. האויב וגו'. האויב ist Vokativ, und bezeichnet wohl nicht einen bestimmten Feind Israels, sondern den menschenfeindlichen, das Aufblühen anderer Völker gefährdenden Charakter einer Völkermacht, wie oben Kap. 8, 3 individuell. לנצח von נצח von siegen, לנצח: eigentlich zum Siege, d. h. zur Zeit der Zukunft, die alle Vergangenheit überwunden haben wird, die sich aus aller Vergangenheit siegreich hervorringt. Zu jener Zeit, die das letzte Ziel der Geschichte umfaßt, haben Zertrümmerungen, worin jetzt Völker ihre Größe suchen, eine Ende. Nicht Zerstörung ist das Höheziel, in welchem Menschen und Völker ihre Größe zu bethätigen haben sollen, und die Städte, die du zerstören konntest, deren Andenken war selbst schon ein verlorenes, המה so viel als: גם המה, oder: deren Andenken war schon ein verlorenes als sie noch „sie" waren, bevor du sie zerstörtest. Was durch welterobernden Fußtritt zu Grunde geht, war selbst auf das Prinzip gebaut, dem keine Zukunft winkt. Es kommt nur stärkerer Gewalthaber über schwächere Gewalthaber. Er ist nur Werkzeug in Gottes Hand zur Zerstörung Dessen, was ebenso wie er selbst dem endlichen Untergang verfallen ist. Auf Karthago's Trümmern hätte Rom Besinnung und Mäßigung lernen können. So Bileam (4. B. M. 24, 24). וצים מיד כתים וענו אשור וענו עבר וגם הוא עדי אבד Siehe Pent. daf. So spricht Gott durch Jesaja's Mund zu Sancherib: ותהי להשאות גלים נצים ערים בצורות, Gott habe ihn nur zugelassen und bestimmt feste Städte zu verwüsten, die an sich nur dem Völkerheil widerstreitende Schutthaufen waren, (Jesaias 36, 26), und ebenso (daf. 9, 4): והיתה לשרפה מאכלת אש, es verfällt nur dem Verbrennen, was des Feuers Speise ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. וד' לעולם ישב. Gott aber ruht, greift bis zu jener Zukunft nicht offenbar ein, stellt aber zurecht zu jenem Gericht seinen Thron. Die Ereignisse der Gegenwart sind eine Vorbereitung für jene Zukunft.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. והוא ישפט וגו'. תבל von בלל, mischen, bezeichnet die Menschenwelt in ihren Wirrsalen, ihren gesetz- und ordnungslosen Zuständen, im Gegensatz zu ארץ, der in fester Ordnung sich entwickelnden physischen Welt. Also: Er aber, der jetzt zu ruhen scheint und die Gegenwart als Vorbereitung für das Ziel der Zukunft lenkt, Er wird einst die Wirren der Menschenwelt ordnen durch Recht, dadurch, daß er dem Maaßstabe des „Rechts" alle Menschenverhältnisse unterwirft und diesem Prinzip dauernde Huldigung verschafft, und wird das internationale Verhalten der Staaten zu einander durch Geltendmachung des Prinzipes: מישרים entscheiden. ישר, (siehe Pent. 5. B. M. 6, 18) ist nicht das strenge Recht, sondern das oft mit Verzichtleistung auf an sich begründete Rechtsansprüche zu erzielende Gerade, d. h. den Verhältnissen Entsprechende. Es ist der Begriff der Billigkeit und des gegenseitig in Anspruch zu nehmenden Compromisses. Auf diesem von Gott geforderten und Gott als Huldigung gezollten gegenseitigen Entgegenkommen wird das internationale Recht zum Boden des ewigen Friedens werden.
Auf diese Zukunft, in welcher nur Recht und Billigkeit zur Herrschaft gelangen wird, weist der endliche Sturz jeder Gewaltherrschaft in den noch bestehenden Zeiten geschichtlicher Wirren hin und wird zur drohenden Mahnung an alle Die, die an Dauer und Ewigkeit machtherrlicher Gewaltthätigkeit glauben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. ויהי ד' וגו'. Während aber Gott durch solche sein einstiges Gericht ankündigende weltgeschtichliche Katastrophen für alle bestehenden Gewalthaber seine drohende Mahnung sendet, wird er damit משגב לדך. Was שיב, שיבה, in der Zeit ist: das alle Lebensjahre „überragende" hohe Greisenalter, das ist שגב im Raume: das alle Höhen Ueberragende. משגב: eine Emporhöhe, die uns über alles Elend emporhebt. (Siehe Pent. 1. B. M. S. 390 5 B. M. S. 31). דך von דכך, zerstoßen, ist der Ausdruck des tiefsten Elends: der von allen Gewalten und allen Ereignissen bis zum Zermalmen Betroffene. אמר ר' יוחנן, heißt es im Midrasch, כל מקום שנא' דל דך עני אביון מך (?) בישראל הכתוב מדבר שאין עניות זזה מהם משחרב בית המקדש, überall wo die Ausdrücke דל דך וכו' vorkommen, da ist Israel darunter verstanden, das seit dem Untergange des Tempels von Armuth und Elend nicht frei wird. לעתות, זמן ist die Zeit im Allgemeinen, עת von עתה (verwandt mit אתים את, Schneidemesser) ist der einzelne Zeitmoment, Zeitabschnitt. So: לכל זמן ועת לכל חפץ: Alles erfordert Zeit, es muß Alles erst reif werden, daher kann nicht Alles zu jeder Zeit geschehen, vielmehr עת לכל חפץ, giebt es eine geeignete bestimmte Zeit für jedes Anliegen. Durch den Sturz des Gewaltigsten, den Gott es erleben läßt, wird Gott Quelle der Erhebung diesem Gedrücktesten, Quelle der Erhebung für die Zeiten, die es noch in der Noth zuzubringen hat, welche ihm bis zu der zu erwartenden Zukunft noch beschieden ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. ויבטחו וגו'. Von solchen Erfahrungen gestärkt, lernen sie von der Erkenntniß des göttlichen Namens, d. i. von der Erkenntniß seines Wesens und Wollens getragen auf Gott vertrauend ausharren, denn sie sehen es, Gott verläßt Die nicht, die „Belehrung und Hilfe" nur bei Ihm suchen. Beides heißt דרש את ד', und Beides hat Gott durch das Erlebte gewährt, wie dies V. 5 כי עשית משפטי ודיני ausgesprochen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. זמרו לד' וגו' ist Israels Aufforderung an alle seine unter die Völker hin zerstreuten Söhne, sich zur Gottes-Verkündung durch solche Erlebnisse zu begeistern, Gottes, der in Zion sein, einst der Gesammtmenschheit zu Gute kommendes Gesetzesheiligthum gestiftet, und noch ישב ציון, noch den Thron seiner Weltwaltung von dem in Zion niedergelegten Worte getragen sein läßt. עלילה ist nicht eine einfache That, sondern eine Entwickelungsreihe von Thaten (Siehe Pent. 2. B. M. 10, 2).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. כי דרש דמים וגו', sie sollen es den Völkern sagen, daß der ישב ציון nicht nur der „Juden-Gott," wie sie ihn nennen, daß er Gott der ganzen Menschheit sei, daß Er ihrer, der Völker gedacht, ihre Rettung und Heilesförderung bezweckte, indem er דורש דמים, indem er die gestürzte Weltmacht für jedes vergossene Menschenblut zur Rechenschaft zog. לא שכח צעקת ענוים, indem er die Völker drückende Gewalt zusammenbrechen ließ, hat er gezeigt, daß er des Geschrei's aller der von dem Gewaltthätigen gedrückten Bescheidenen wohl gedacht, daß er ihrer nicht, wie sie gemeint, vergessen hatte. Warum sie so lange hatten leiden müssen, daß sie sich fast von der Vorsehung vergessen glauben durften, darüber dürfte die Les- und Schreibweise des Wortes ענוים einigen Aufschluß andeuten. Es wird gelesen, קרי: ענוים, aber es ist geschrieben, כתיב: ענ"ם. Sie waren ענוים, waren die Bescheidenen, nicht die Gewaltthätigen, aber sie waren es nur weil sie ענ"ם waren, weil sie die Abhängigen, Machtlosen waren. Hätten sie Macht und Stellung gewonnen, sie hätten Macht und Stellung ebenso gewaltthätig mißbraucht. Darum sollten sie leiden, damit sie es lernten, wie weh der Druck des Gewaltigen thut, und sollten die Gewalt zu glänzender Höhe steigen und dann stürzen sehen, auf daß, wenn nun nach dem Sturz an sie die Reihe aufblühenden Gedeihens komme, sie menschlicher ihre Macht gebrauchen und bescheidener in ihrem Glücke bleiben mögen —
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. In ungewöhnlicher Weise tritt hier die Wurzel חנן voll hervor. חן (verwandt mit ענן Wolke) bezeichnet ja nach seiner Grundbedeutung eine hingebungsvolle Gewährung, und zwar tritt in חן der Begriff des Ausrüstens mit ganz besonderen Mitteln und Kräften für ganz besondere Zwecke hervor. So von Israel: מצא חן במדבר (Jer. 31,2).
Siehe Pent. 1. B. M. 6, 8. Ganz eigentlich kommt es auch von dem Ausstatten mit geistigen Fähigkeiten vor. Siehe Pent. 4. B. M. 6, 25. So auch Ps. 67, 2. 3. In diesem Sinne glauben wir nach dem ganzen Zusammenhange es auch hier verstehen zu müssen. Siehe, spricht Israel, siehe meine Armuth und sociale Unselbständigkeit — das ist ja ganz eigentlich עני (sieh. Pent. 5. B. M. S. 231) — die mir von den Feinden meines Seins und Wollens bereitet wird, aus der ich nicht herauskomme, so lange sie שונאי sind, so lange sie in einem solchen Gegensatz zu meinen Ueberzeugungen und Lebensrichtungen sich befinden, daß sie eigentlich mein „Nichtdasein" wünschen (שנא siehe Pent. 5. B. M. S. 231), so daß ich immer an שערי מות, am Rande des Untergangs wandle, über den nur Du מרוממי, nur Du mich emporhältst; siehe diese meine von meiner Sendung in Mitte der Völker nicht zu trennende Lage und חננני, gewähre mir die geistige Kraft des Erkennens und Empfindens, die zum bewußtvollen Ausharren in der Stellung, die du mir angewiesen, und zur Lösung der Aufgabe, die du mir ertheilt hast, unumgänglich ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. למען וגו', damit ich fähig bleibe alle, die „Strahlen Deiner Thatoffenbarungen" (siehe Pent. 2. B. M. 15, 11), die auf der Wanderung durch die Völker mir leuchten, aufzufassen und auszusprechen, und einst erst, wenn ich nicht mehr בשערי מות wandle, wenn ich wieder בשערי בת ציון gelangt sein werde, אגילה בישועתך, werde ich voll mich deiner, mich wieder zu kraftvollem Sein bringenden ישועה (sieh. Pent. 2. B. M. 14, 13), freuen können. תהלתיך Singular mit Pluralzeichen. Gottes Waltungen in all ihrer Mannigfaltigkeit sind eine harmonische Einheit.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. 17. טבעו וגו' נודע וגו'. Das sind Sätze aus dem ספור תהלות ד', wie sie Israel auf seiner Wanderung in Mitte der Völker zur Erkenntniß kommen: Wo in der Völkergeschichte Völker in die Grube des Verderbens, das sie bereitet haben, selbst gesunken sind, wo ihr eigener Fuß in das Netz der Politik sich verstrickt hat, das sie geheimnißvoll schlau gelegt hatten: überall da ist Gott erkannt worden in dem Gericht, das Er geübt. Und auch im Einzelleben, wo ein einzelner רשע in Dem, was seine Hände „erwirkt" haben — כפיו nicht ידיו, er hat es erlangt, hat seine Hände schon Das fassend geschlossen, worauf er hingearbeitet, פועל wie Hiob. 7, 2 — überall da, wo ein schlechter Mensch in dem ihm fast gelungenen Bubenstück sich selbst gefangen hat, oder vielmehr, da נוקש aktiv von נקש ist, wenn Gott einen schlechten Menschen in dem Erwirkten seiner Hände fängt, da tritt ein Gottesgedanke, ein Gedanke von dem Gottesgericht zu Tage. הגה (gesteigert היה חיה) ist ein zur Aeußerung drängender Gedanke. (Siehe Ps. 1. 2. Jeschurun Jhrg. VIII. S. 118). Oder: in seiner eigenen Hände Werk fängt Er den Bösen, das ist der zu Tage tretende Gedanke. Der, Gott in der Geschichte offenbarende Gedanke, der in den Ereignissen zu Tage tritt, ist: daß Gott das Schlechte sich selbst den Untergang bereiten läßt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. ישובו וגו'. ישובו, nicht: sie kehren wieder zum Grabe zurück, dies würde voraussetzen, sie wären aus dem Grabe gekommen, sondern: sie kehren zurück, d. h. sie sinken von der erstiegenen Höhe wieder zurück und zwar: לשאולה, mit der doppelten Präpositionalbezeichnung der Richtung, ה' בסופה und ל' בתחלתה. Nach מ"ר ויצא wäre damit die Richtung in שאול verstärkt, לדיוטא תחתונה של שאול, in die tiefste Tiefe des Unterganges. Es dürfte aber vielleicht gerade eine Milderung in diesem Ausdruck liegen. לשאול hieße in's Grab, לשאולה aber: in die Grab-Richtung, grabwärts, so wie ממלכות צפונה, צפונה (Jirm. 1, 15) sind nicht die Königreiche des Nordens, sondern der nach Norden hin liegenden, der nördlichen Länder. ישובו לשאולה: sie sinken zurück in einer dem Grabe zugewandten Richtung. Das Grab heißt שאול von שאל: fordern, zurückfordern. Dem Einzelgrabe des Menschen verfällt nur Das, was von ihm stammt, לא תעזוב נפשי לשאול, das göttlich Seelische im Menschen, das nicht vom Staube stammt, verfällt auch nicht dem Staube, und auch dem Völkergrabe verfällt nur das Völkergeschichtliche, was von Vorhinein, wie es V. 7 heißt, dem Untergange geweiht ist. Menschen und Völker gehen nur einen Grabesgang, wenn sie רשעים, wenn sie, nicht huldigend dem Sittengesetze, Alles was Göttliches und Ewiges in ihnen ist selber nur in den Dienst der vergänglichen Güter des Besitzes, der Macht und des Genusses jochend herabwürdigen, כל גוים שכחי אלדים, alle Völker, die in ihren Berechnungen den Faktor: Gott, den Gott des Rechtes und der Gerechtigkeit vergessen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19. כי לא לנצח וגו'. Sie vergessen Gott, weil sie „Gottes Volk" ihrem Willen machtlos preisgegeben, (das ist ja אביון von אבה sich fügen, das Allem sich fügende, keinen eigenen Willen habende, (siehe Pent. 5. B. M. 15, 4), weil sie Gottes Volk als אביון unter sich sehen und es von Gott vergessen glauben. Aber sie haben sich verrechnet, nicht bis zur einstigen siegenden Zukunft, auch in der vielfach getrübten Gegenwart bleibt der Machtlose nicht vergessen, daß der Armen, Eristenzlosen, ענ"ם, Hoffnung bis zum äußersten Ziele hin verloren wäre. Hier tritt die dem V. 13 entgegengesetzte Schreib- und Lese-Weise, daher der entgegengesetzte Gedanke hervor. Oben werden die Leidenden unter den Völkern im Gegensatz zu den gewaltthätigen Gewalthabern ענוים genannt, sie sind die Bescheidenen in der Erscheinung, allein sie sind es im Grunde nur weil sie ענ"ם, arm an Stellung und Macht sind. Hätten sie die Macht, sie würden sie eben so mißbrauchen wie Diejenigen, unter denen sie leiden, und werden sie mißbrauchen' sobald sie zur Machtstellung gelangen. Hier sind Israels Söhne unter den Völkern die ענ"ם in der Erscheinung, die in ihrer Eristenz und Lebensstellung Abhängigen, Unselbstständigen, Armen, die nur Das und soviel „sind," als ihnen die Anderen Raum und Erlaubniß gewähren. Allein in Wahrheit sind sie nur ענ"ם weil sie ענוים sind, weil sie vermöge ihrer Ueberzeugungen und Grundsätze zurückstehen von den Wegen die zu Macht und Ansehen führen, und ausgesöhnt mit ihrem Galuth-Geschick lieber bescheiden Verzicht leisten auf allen Glanz und alle Hoheit, die die Erde bietet, als daß sie ihren Pflichten gegen Gott und seine Gebote untreu würden. Wären sie nicht ענוים, wäre ihr Ehrgeiz stärker als ihr Pflichtgefühl, sie hätten längst aufgehört ענ"ם zu sein, und wandelten mit andern Völkern den Weg zur schwindelnden Höhe.
Es scheint nicht nothwendig das לא aus dem ersten Satze auch zu תאבד des zweiten Satzes zu suppliren. תקות וגו' kann als hypothetischer Nachsatz begriffen werden: so daß die Hoffnung des Armen für immer verloren wäre.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20. קומה ד' וגו'. Siehe K. 7, 7. Es ist eben die Aufforderung, auch in der Gegenwart durch ein augenfälliges Eingreifen in die Gänge der Völkergeschichte den sich überhebenden Gewalthabern eine empfindliche, sie ihrer Ohnmacht überführende Mahnung zu ertheilen. „Greife ein, damit der gewaltthätig entartete Mensch sich nicht für עז, für unüberwindlich halte!" על פניך, siehe Pent. 1. B. M. 16, 12. Wir haben dort bemerkt, daß על פני oft die Bedeutung des Widerwärtigen, der Richtung des Andern Entgegenstehenden hat. So auch hier: „Laß die Völker sich gerichtet fühlen in ihrem Gegensatz zu Dir!"
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 21. שיתה וגו'. מורה von הרה, einen Keim empfangen, wovon Hifil הורה einen geistigen und sittlichen Keim in Jemanden legen: lehren, und תורה: Lehre. Siehe Pent. 1. B. M. S. 271. 404. מורה: ein lehrendes Objekt, hier eine Thatsache geschichtlicher Erfahrung, die einen fortwirkend lehrenden, zur Besinnung führenden Keim in sie legen wird. Israel bittet nicht um Vernichtung der Völker, sondern um Rückkehr derselben zu besserer Einsicht und Besonnenheit. ידעו גוים וגו', sie, die sich Götter glauben, mögen sie zu dem Bewußtsein kommen, daß sie in ihrer Gewaltentartung nicht einmal wahre Menschen, daß sie nur Menschen auf gesunkener Stufe seien — (אנוש siehe Pent. 1. B. M. 4, 26).