Tehillim 8 תהילים

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1
לַמְנַצֵּ֥חַ עַֽל־הַגִּתִּ֗ית מִזְמ֥וֹר לְדָוִֽד׃
BernfeldDem Sangmeister auf Gittit; ein Psalm Davids.
ZunzDem Sangmeister auf der Gittit. Psalm von Dawid.
HirschDem Siegverleiher über die „Kelterung". Psalm Davids.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 8. 1. על הגתית. גתית wie חתית, ונתנו חתיתם בארץ החיים, wiederholt Ezechiel 2, 32, ihr Schrecken-Verfahren, von חתת, wovon חת Hiob. 41, 25, und חת 1. B. M. 9, 2) der Schrecken, so גתית von גת, wovon גת: die Kelter und גתית: die Kelterung. Verwandt ist גתת mit כתת: die Prozedur der Oelpresse, Pent. 2. B. M. 27, 20. גת, Kelter, kommt Klagel. 1, 15. Joel 4, 13. Jesaias 63, 2. 3. als bildlicher Ausdruck für die von Gott über Völker verhängten schmerzhaften Katastrophen vor, die eben durch dieses Bild die Bedeutung nur scheinbarer Vernichtung, in Wahrheit aber einer Keltern gleich durch schmerzhaft zerstörenden Druck herbeizuführenden Gewinnung des edeln Innern erhalten. על הגתית „über die Kelterung" würde somit den Inhalt eines Psalms ergeben als Betrachtung über die veredelnde Kraft der von Gott verhängten erziehenden Leiden, oder über die auf leidvollem Wege von Gott erzielte Veredelung. (Vergl. מדרש תהלים). In der That entsprechen auch die Psalmen, welche diese Ueberschrift tragen, vollkommen dieser Auffassung. Außer unserm Psalm ist noch Ps. 81 und 84 also überschrieben. Alle drei sprechen sie von dem im Menschen-Innern getragenen edeln Kern des Wahren und Guten, dessen endliche Gewinnung das letzte Ziel der göttlichen Waltungen bildet. Sie unterscheiden sich nur darin, daß, was unser Kapitel vom Standpunkt der Gesammtmenschheit besingt, im Kapitel 81 vom Standpunkte Israels als Gesammtheit und Kapitel 84 vom Standpunkt des einzelnen jüdischen Menschen zum Ausdruck kommt.

2
יְהֹוָ֤ה אֲדֹנֵ֗ינוּ מָה־אַדִּ֣יר שִׁ֭מְךָ בְּכׇל־הָאָ֑רֶץ אֲשֶׁ֥ר תְּנָ֥ה ה֝וֹדְךָ֗ עַל־הַשָּׁמָֽיִם׃
BernfeldHerr, unser Gott, wie erhaben ist dein Name auf der ganzen Erde! Du, dessen Glanz über dem Himmel man verkündet.
ZunzEwiger, unser Herr, wie prangt dein Name auf der ganzen Erde! Du, dessen Glanz über den Himmeln man verkündet,
HirschGott unser Herr! Wie machteinzig dein Name einst über der ganzen Erde, der Du fort und fort die Verkündung Deines Seins und Deiner Kraft an den Himmel giebst.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. ד' אדנינו וגו' אשר תנה וגו'. Der Satz der ersten Vershälfte bildet auch V. 10 den Schluß des Kapitels und kündigt sich damit als den eigentlichen Inhalt des Psalms an, zu welchem אשר תנה וגו' und alles Folgende die Begründung giebt. Letztes, unverlierbares durch גתית, durch alle Menschheit-Kelterung zu gewinnendes edles Produkt ist: die einst über die ganze Erde verbreitete Gottes-Erkenntniß und Huldigung, die für jetzt nur erst den Antheil der jüdischen Menschenfamilie bildet. Sie ist nach einem Ausdruck der Weisen „יין המשומר בענבים", der bis zum letzten Menschheitziele „in den Trauben gehegte Wein". „Gott, der du jetzt אדנינו, von uns als Gebieter über all unser Sein, und als Leiter alles unsern Wollens erkannt und anerkannt bist, wie machteinzig wird einst dein Name über der ganzen Erde sein!" אדיר siehe Pent. 2. B. M. 15, 6.

אשר תנה הודך על השמים. תנה ist Infinitiv mit ה für תת wie רדה (1. B. M. 46, 3) für רדת. הוד ist die Fülle des Seins und der Kraft, die persönliche Größe, aus welcher das Ansehen, der Achtung gebietende Einfluß stammt. Siehe Pent. 4. B. M. 27, 20. תנה הוד als Infinitiv ist das stete ununterbrochene Geben, d. h. Sichtbarmachen der Größe. Ja, es ist nicht unmöglich, daß תנה הודך על השמים hier ganz in dem Sinne aufzufassen wäre wie ונתתה מהודך עליו (4. B. M. daf.). Die Macht und der Einfluß den die Himmel, das ist ja die ganze außerirdische Welt, auf die physische Gestaltung der Erde und ihrer Bewohner üben, ist Deine Macht und Dein Einfluß, ist הודך, die Du auf die Himmel übertragen, und die sich durch den Himmel verkünden. Vergl. Ps. 19. 2—7. Die einstige Allverbreitung deiner Anerkennung auf Erden ist durch die ununterbrochene Verkündung deiner Größe und Macht durch die Himmel sichergestellt.

3
מִפִּ֤י עוֹלְלִ֨ים ׀ וְֽיֹנְקִים֮ יִסַּ֢דְתָּ֫ עֹ֥ז לְמַ֥עַן צוֹרְרֶ֑יךָ לְהַשְׁבִּ֥ית א֝וֹיֵ֗ב וּמִתְנַקֵּֽם׃
Bernfeld[Dein Lob erschallt] selbst aus dem Munde der Kinder und Säuglinge, da du deine Macht begründet hast trotz deiner Widersacher, Feinde und Rachgierige zu vernichten.
ZunzHast aus dem Munde der Kinder und Säuglinge dir Sieg gegründet um deiner Widersacher willen, zu schwichtigen den Feind und Rachgierigen.
HirschAus dem Munde von Kindern und Säuglingen hast Du damit eine unwiderstehliche Macht gegründet um Derer willen, die Dich verdrängen möchten, Feind und Selbsträcher endlich enden zu lassen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. מפי עוללים וגו'. Dadurch hast du aus dem Munde von Kindern und Säuglingen dir eine unwiderstehlich siegende Macht gegründet. Wäre die Erkenntniß von Gott eine solche, die nur durch hohe ausgebreitete gelehrte Studien zu schöpfen wäre, müßte man dazu, mit dem Ausdruck der Schrift (5. B. M. 30, 11—14), in die Geheimnisse der überirdischen, so wie der in weiten, ferne liegenden Zonen aufzusuchenden irdischen Welt eindringen, verkündete der Name „Gott" sich nicht überall, wo nur über einem Fleck der Erde der Himmel sich wölbt, und spräche dieses ABC der menschlichen Erkenntniß nicht in verständlicher Weise zu jedem unverdorbenen, kindlichen Menschengemüthe: so dürfte man verzweifeln an der einstigen Verwirklichung des Gottesreiches auf Erden, so stünde es in der Macht aller Derer, denen der Name Gott, der Gedanke einer sittlichen Weltordnung, einer sittlichen Verantwortlichkeit vor einem höchsten Welt- und Menschenrichter eine unbequeme Vorstellung ist, diese Gedanken und diese Vorstellungen aus dem Bewußtsein der Menschen zu tilgen. So aber tritt mit jedem neugeborenen Menschenkinde eine נשמה טהורה, eine reine, dem Gottbewußtsein zuathmende Menschenseele in den Kreis des irdischen Daseins ein, und, wenn aus allen Büchern einer sich verirrenden, und ihrer Irrgänge stolz sich rühmenden Menschen-Gelehrsamkeit der Name „Gott" geschwunden wäre, aus der vom Himmel herab zu jedem neuen unverdorbenen Geschlechte immer auf's Neue redenden Gottesschrift ist der Name „Gott" nicht zu tilgen, und ginge auch manche Gegenwart gottvergessen der Menschheithoffnung verloren, die Zuversicht auf das einstige Gottesreich, auf die „Sammlung der Gesammtmenschheit als Einer Gottesgemeine um Gott", wie der Gedanke im vorigen Psalm ausgesprochen war, ruht in Hinblick auf die עוללים ויונקים, auf die kommenden Menschengeschlechter, auf unerschütterlichem Grunde.

עולל: Das noch in Entwickelung Begriffene (siehe Pent. 2. B. M. 10, 2). Daher: das Kind. Hiob 3, 15 auch das Ungeborene; מפי וגו' von der Erkenntniß, die selbst eines Kindes Mund mit Verständniß auszusprechen vermag. עוז von עזז, wovon auch עז: die Widerstandskraft, die Unüberwindlichkeit.

צרר: למען צוררך, einengen, auf einen Raum beschränken. Du hast die Verkündung deines Namens von Menschenhänden unerreichbar hoch und doch selbst von Kindern verständlich an die Himmel geschrieben und dadurch deinem Reich einen so unvertilgbaren Grund gelegt, um Derer willen, denen dein Name für ihre Bestrebungen und Lebensanschauungen im Wege steht, die dich aus dem Gedankenkreise der Menschen verdrängen, oder auf gewisse Räume, gewisse Zeiten, Gelegenheiten: Tempel, Kirchen, Synagogen, Feste, symbolisch zu begehende Lebensereignisse &c. beschränken, für Gottes leitende Gegenwart im wirklichen Menschenleben aber keinen Raum lassen möchten.

להשבית וגו' (siehe Pent; 1. B. M. 2, 3): um dem Treiben des אויב ומתנקם ein Ziel zu setzen, es endlich aufhören zu lassen. Bei der Verbreitung oder Nichtverbreitung der Gotteserkenntniß handelt es sich nicht um die Gott nach Gebühr zu zollende oder zu versagende Huldigung; es handelt sich vielmehr um das ganze sociale Wohl und Weh der Menschen, das in allererster Linie durch den lebendig wirksamen Einfluß bedingt ist, den der Gottesgedanke auf die Gesinnung und das Verhalten der Menschen gegeneinander übt. Den צוררי ד', denen, die den Gottesgedanken aus dem Gesichtskreise der Menschen verdrängen oder doch beschränken möchten, steht der Name Gott im Wege, weil dieser Name keinen אויב und keinen מתנקם, keine Menschenfeindschaft und keine Selbstrache duldet. Ohne den Gedanken Gott: Schöpfer, und Gott: Gesetzgeber, der Mensch und die menschliche Gesellschaft sich selbst überlassen und überwiesen, kennt jeder nur seinen Anspruch auf's Dasein, weil jeder nur seinen Anspruch fühlt und sich mit Nothwendigkeit und darum mit Berechtigung zum Kampf um dieses Dasein getrieben erachtet. Selbsterhaltung und Selbstbeglückung wird Jedem das höchste Gesetz, Mitconkurrent jeder Andere, dessen Sein und Wohl ihm nur so viel bedeutet als es zu seinem Sein und Wohl Beitrag verspricht, und er es klug oder gewaltthätig seinem Wohle dienstbar zu machen hofft. Er opfert es hin, sobald es seinem Sein und seinem Gedeihen im Wege steht, und hat es bereits in Wirklichkeit sein Sein und Gedeihen geschädigt, so wird kluge oder gewaltthätige Vernichtung des Nächstenheils preiswürdige selbsträchende Großthat. אויב ומתנקם: Feindschaft und Selbstrache, Kampf Aller gegen Alle, das ist, von aller Phrase entkleidet, unerbittlich das Grundprinzip, dem jede Gesellschaft verfallen muß, aus deren Gedankenkreise es gelingen würde den Namen: Gott zu streichen. Für den Verlust vermag Menschenklugheit keinen Ersatz zu erfinden. Was nicht Pflicht, von Gottes-Gedanken getragenes Pflichtbewußtsein, was nur Klugheit bindet, das löst auch Klugheit in sich gegenseitig bekämpfende Atome wieder auf. Darum hat Gott seine Majestät, die Verkündigung seines Namens als Schöpfer und Gesetzgeber, für jedes noch unverdorbene Menschenherz verständlich an den Himmel geschrieben, auf, daß der Gedanke: Gott und das in diesem Gedanken wurzelnde Bewußtsein von dem wahren Menschen-Werth und dem wahren Menschen-Beruf über alle Verirrungen der Menschen hinaus gerettet bleiben und vor beiden endlich jedes sociale אויב ומתנקםSystem von der Erde schwinde.

איב (verwandt mit עקב: rücklings Jemandem schaden und dem rabbinischen עכב: hindern) ist die das Wohl des Andern hindernde, in dem Wohl des Andern eine Hinderung erblickende Feindschaft. מתנקם. נקם: für ein verletztes Recht auftreten. Der מתנקם tritt nur für das Recht auf, wo er sein Recht verletzt glaubt.

4
כִּֽי־אֶרְאֶ֣ה שָׁ֭מֶיךָ מַעֲשֵׂ֣ה אֶצְבְּעֹתֶ֑יךָ יָרֵ֥חַ וְ֝כוֹכָבִ֗ים אֲשֶׁ֣ר כּוֹנָֽנְתָּה׃
BernfeldWenn ich deinen Himmel sehe, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du bereitet hast; —
ZunzWenn ich deine Himmel sehe, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du eingerichtet; —
HirschDenn sehe ich Deine Himmel, das einheitliche Werk Deiner Finger, Mond und Sterne, die Du in ihre Bahn eingesetzt,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4–5 כי אראה וגו' מה אנוש וגו'. שמיך: von dir geschaffen, erhalten und gelenkt. ומעשה אצבעתך. מעשה, nicht מעשי: in ihrer Mannigfaltigkeit doch ein einheitliches Werk. אצבעתיך, nicht ידיך: ידיך wiese mehr auf die Allmacht hin, אצבעתיך aber auf die sich im Einzelnen und am Einzelnen bewährende Schöpferweisheit, gleichsam die Kunst. Jeder Stern ein besonderer אצבע אלקים, ein besonderer eigenartiger Weltkörper. So: מונה מספר לכוכבים לכלם שמות יקרא (Ps. 147, 4). Die Sterne sind von Gott gezählt und jeder mit besonderem Namen genannt, in Eigenartigkeit gebildet. So auch Jesaias 40, 26. שאו מרום עיניכם וראו מי ברא אלה המוציא במספר צבאם לכלם בשם יקרא וגו'. ירח וככבים: es ist der nächtliche Sternhimmel, in dessen Anblick der Psalm redet. Am Tage, vom Sonnenlicht geblendet, sieht der Mensch nur die Erde und den Himmel über ihr als Decke gewölbt, von wo ihr Licht und Wärme und Feuchtigkeit stammt. Erst in der Nacht, wo die Erde in Schatten zurück tritt und über ihm der Himmel mit dem Sternenheer zahlloser Welten offenbar wird, schwindet die Erde zu einem Pünktchen im Weltall zusammen und der Mensch auf diesem Pünktchen zu vollendetster Winzigkeit hin. כונן. Vgl. im vorigen Kap. V. 13: eine feste Richtung geben. So auch Kap. 11, 20. כוננו חצם על יתר. כוננתה, durch das ה ist der Personalbegriff hervorgehoben: die du in die feste Richtung gebracht, denen du ihre Bahnen angewiesen. אנוש, siehe Pent. 1. B. M. 4. 26, (verwandt mit אנם, ענש), bezeichnet eine getrübte Menschheitstufe, den Menschen, der nicht mehr als אדם, als im Dienste Gottes stehenden Statthalter auf Erden sich begreift, sondern in vermeintlicher Selbstherrlichkeit in Gegensatz zu Gott und Welt sich setzt, es ist der gewaltthätige Mensch, wie er eben V. 3 als אויב ומתנקם geschildert worden. Die reine Menschheitstufe bezeichnet אדם, siehe Pent. 1. B. M. 1, 26, den Stellvertreter Gottes auf Erden, dort die sittlichen Zwecke zu verwirklichen, für welche Gott die physische Welt ins Dasein gerufen. זכר תזכרהו, verwandt mit סכר, סגר, im Gedächtniß bewahren, Gegensatz von שכח, vergessen, heißt von Gott in Bezug zum Menschen: Jemanden nicht seinem Schicksale überlassen, sich seiner wieder rettend annehmen: שבשפלנו זכר לנו (Ps. 136, 23). לא זכרתם עוד (Ps. 88, 6). זכרני נא וחזקני נא (Richter 16, 28). והארץ אזכר (3. B. M. 26, 42). ויזכר ה' את נח (1. B. M. 8, 1) u. s. פקד, siehe Pent. 1. B. M. S. 211 und Kap. 21, 1, kommt auch in ähnlicher Beziehung von der entsprechenden Gestaltung der äußern Verhältnisse eines Menschen durch Gottes Waltung vor, es heißt aber ganz wesentlich: Jemanden in ein Amt einsetzen, ihn zur Lösung einer Aufgabe bestellen. ויפקדהו על ביתו (1. B. M. 39, 4). ויפקדהו שר הבטחים (daf. 40, 4) יפקד ד' אלקי הרוחות (4. B. M. 27, 16) u. s. „Sehe ich deinen Himmel, das einheitliche Werk deiner gestaltenden Finger, Mond und Sterne, denen du ihre Bahn festgestellt: was ist da der zu Gewaltthätigkeit entartete Mensch, daß du dich seiner erinnerst, der reinen Menschheit Sohn, daß du ihn zum Verwalter bestellest!"

Vor der von den Sternen herab in die Brust des Menschen dringenden Gottesverkündung als Schöpfer und Bildner, Ordner und Gesetzgeber der Weltalls-Welten in aller Unermeßlichkeit und Mannigfaltigkeit, schwindet der Hochmuth und der Trotz des sich selbst setzenden Enosch-Menschen bis zum verzweifelnden Nichts zusammen; welche Hoffnung, welcher Anspruch auf Hoffnung bleibt ihm, wenn er sich in seiner verschwindenden Winzigkeit gegen die Unermeßlichkeit der Sternenwelten mißt, die alle sich Gott als ihrem Schöpfer und Bildner, ihrem Gesetz und Bahn weisenden Meister beugen, der — wie wir dies im Anblick des Neumonds aussprechen — „mit seinem Wort die Himmel geschaffen und mit seines Mundes Geist ihres Heeres All, Gesetz und Zeit Jeglichem bestimmte, daß von seinem Auftrag Keiner weicht, freudig und heiter sie dahin strahlen ihres Eigners Willen zu vollbringen"; — welche Hoffnung, welcher Anspruch auf Hoffnung bleibt ihm, wenn er diesem, ja auch seinem Schöpfer und Bildner und Meister sich widersetzend, statt als Gottesgeschöpf unter Gottesgeschöpfen, als Gottes Kind unter Gottes Kindern er als „nur sich rächend vertretender Feind" in Gottes Welt lebt und strebt!

Und wenn unter dem gottverkündenden Sternhimmel der Egoismus der Menschenbrust erlischt, wie weit hebt sich dann die von Selbstvergötterung frei gewordene Brust, wenn in sie die Ahnung von der welteinzigen Größe und Hoheit einzieht, die des nicht Sich sondern Gott dienenden, nicht Sich sondern Gott verherrlichenden Menschen wartet, der unterm Sternenhimmel es inne wird, daß, wie „Gott jeden Stern bei seinem Namen ruft und in die Bahn gewiesen, die er zu wandeln hat", er auch ihn mit Namen nennt und ihm die Bahn gezeichnet hat, die er vollenden soll! Wie wird da der Gottesname, der Gedanke „Gott", Beengung und Schrecken des Enosch-Menschen in seiner Selbstherrlichkeit, Befreiung, Erhaltung und untrübbarer Freudeborn des zum Gott dienenden AdamsMenschenbewußtsein erwachten Menschenherzens!

Unter dem Gott verkündenden Sternenhimmel wird der „Enosch" und mit ihm die „Feindschaft und die Rache" begraben, und feiert der „Adam", und mit ihm die „Brüderlichkeit und die opferfreudige Hingebung" ihre Auferstehung; denn es lernt der Adam-Mensch כי תפקדנו: das große welterlösende Wort der Pflicht, der von Gott ertheilten Lebensaufgabe.

Der zum Enosch entartete Mensch kennt nur „sein Recht", und nur aus „seinem Recht", aus dem, was ihm zur Erhaltung und Geltendmachung seines vermeintlichen Rechts verhilft, erwächst ihm eine Pflicht. Sein „Ich" ist ihm der Boden seines Rechts und das Ziel seiner Pflicht.

Der zum Adam erwachte Mensch kennt nur seine Pflicht, und nur aus Dem, was ihm zur Lösung seiner Pflicht gereicht, erwächst ihm die Berechtigung seines Wollens und Strebens. Gott ist ihm Quelle und Ziel seiner Pflicht und Boden seines Rechts —

5
מָה־אֱנ֥וֹשׁ כִּֽי־תִזְכְּרֶ֑נּוּ וּבֶן־אָ֝דָ֗ם כִּ֣י תִפְקְדֶֽנּוּ׃
BernfeldWas ist der Mensch, dass du sein gedenkst? Der Menschensohn, dass du auf ihn siehst?
ZunzWas ist der Mensch, daß du sein gedenkest? und der Menschensohn, daß du auf ihn siehest?
Hirschwas ist dann der Mensch der Gewaltentartung, daß du seiner dich erinnerst, was der Sohn der reinen Menschheit, daß Du ihn in sein Weltamt eingesetzt!
6
וַתְּחַסְּרֵ֣הוּ מְּ֭עַט מֵאֱלֹהִ֑ים וְכָב֖וֹד וְהָדָ֣ר תְּעַטְּרֵֽהוּ׃
BernfeldDu ließest ihn nur um ein Geringes göttlichen Wesen nachstehen; mit Ehre und Glanz umgabst du ihn.
ZunzUnd lässest ihn um ein Geringes Gott nachstehen, und mit Ehre und Glanz krönest du ihn,
HirschUnd hast ihm Weniges von Göttlichem versagt und willst mit Ehre und Würde ihn krönen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. ותחסרהו וגו'. Und zu welcher unter allen Geschöpfen einzigen Welt-Hoheit hat Gott den mit dem Adam-Bewußtsein nicht aus dem Kreise der Gott dienenden Weltwesen hinaus, sondern als erster Gottes-Diener an ihre Spitze getretenen Menschen gehoben! Er, der einzige, zur bewußten sittlich freien Lösung seiner Aufgabe berufene, mit dieser bewußtvoll sittlichen Freiheit, nächst Gott — der einzigen absolutfreien Persönlichkeit — das einzige persönliche Geschöpf in der Gotteswelt, wie hoch hinaus über Sternen-Größe und Sternen-Hoheit steht der reine Mensch als gedankenvoller freier Diener an Gottes Thron! Als ihrer Selbst bewußte sittlich freie Persönlichkeit nahe zur Göttlichkeit gehoben, und mit „Ehre und Würde" — im eigentlichen Sinne nur Attribute einer sittlichen Persönlichkeit — gekrönt! ותחסרהו מעט מאלקים. Vgl. ומחסר את נפשי מטובה (Pred. 4, 8) ich kürze meine Seele an Gutem, versage ihr Genüsse, die sie haben könnte. Daher ותחסרהו מעט מאלקים du versagtest ihm Weniges vom Göttlichen. Wenige göttliche Eigenschaften sind es, die du ihm nicht mitgetheilt hast. כבוד (siehe Pent. 2. B. M. S. 184). הדר (Pent. 3. B. M. 23, 40).

7
תַּ֭מְשִׁילֵהוּ בְּמַעֲשֵׂ֣י יָדֶ֑יךָ כֹּ֝֗ל שַׁ֣תָּה תַֽחַת־רַגְלָֽיו׃
BernfeldDu machtest ihn zum Herrn über die Werke deiner Hände. Alles hast du unter seine Füße gestellt:
ZunzMachst ihn zum Herren über die Werke deiner Hände. Alles hast du unter seine Füße gestellt:
HirschSetzest ihn zum Verwalter ein über Werke Deiner Hände, Alles hast Du ihm zu Füßen gelegt,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. תמשילהו וגו'. משל wie Pent. 24, 2 von Elieser המשל בכל אשר לו, der Alles in Abraham's Hause verwaltete, das heißt: Allem und Jedem die dem Willen und Sinne Abrahams entsprechende Bestimmung und Stellung anwies. So hat Gott den Menschen zum Verwalter in den Haushalt Seiner Erdwelt eingesetzt; nicht seinen, des Menschen, selbstherrlichen Willen hat er an seinen Mitgeschöpfen und durch seine Mitgeschöpfe zu vollbringen, sondern für ihm von Gott gewiesene Zwecke hat er sie zu verwalten; die Erdwelt ist nicht um seinetwillen, sondern er um der Erdwelt willen da, לעבדה ולשמרה, ihr zu dienen, d. h. sie ihren höchsten Zielen näher zu führen, und sie zu schützen und zu erhalten. Dazu hat Gott ihn, sein durch Geist und Willensfreiheit ihm ebenbildliches Geschöpf, in seine Welt eingesetzt, dazu hast du, שתה, ihm Alles zu Füßen gelegt. Als Lehn hat er seine Herrschaft über die Erdwelt aus deinen Händen empfangen. Ueber allen Erdgeschöpfen stehend, ist er dir für den Gebrauch dieser Stellung verantwortlich.

8
צֹנֶ֣ה וַאֲלָפִ֣ים כֻּלָּ֑ם וְ֝גַ֗ם בַּהֲמ֥וֹת שָׂדָֽי׃
BernfeldSchafe und Rinder und auch das Vieh des Feldes,
ZunzSchafe und Rinder allzumal, und auch das Vieh des Feldes;
HirschSchaafe und Rinder alle, und auch Thiere der Gefilde,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. צנה וגו'. צנה ungewöhnliche Form für צאן. Siehe Pent. 4. B. M. 32, 24. צאן von שאן mit צ-Laut, das des steten Menschenschutzes bedürfende künstlich zu bergende Thier, während בקר, verwandt mit בכר, פקר, das mehr selbstständige, sich selbst frei zu überlassene. Siehe Pent. 2. B. M. S. 293. Die Form צנה, verwandt mit צנע, dem Begriff der Verschämtheit, Bescheidenheit, צנח: sich aus einer Höhe herablassen, bezeichnet die bescheidene, sanfte, mildgefügige Thiergruppe. אלפים sind die durch überwiegende Stärke und Größe die Führerschaft in der Heerde erringenden Thiere. Daher auch im Menschenkreise אלופים Führer, Fürsten (Siehe Pent. 1. B. M. Seite 394). Statt צאן und בקר steht hier צנה ואלפים, und scheinen damit nicht nur Schaafe und Rinder, sondern: die Zahmen und die Starken bezeichnet zu sein. An den Zahmen übt der Mensch die zarten Seiten seines Wesens, an den Starken die Macht seiner Intelligenz. וגם בהמות שדי, auch die Thiere der freien Natur, die sich nicht von selbst dem Menschen anfügen, weiß er durch Zähmung zu בהמות zum Piedestal, zu Unterlagen seiner Hoheit und Herrschaft zu machen. (Siehe Pent. 1. B. M. S. 29).

9
צִפּ֣וֹר שָׁ֭מַיִם וּדְגֵ֣י הַיָּ֑ם עֹ֝בֵ֗ר אׇרְח֥וֹת יַמִּֽים׃
BernfeldDie Vögel des Himmels und die Fische des Meeres; auch durchzieht er die Bahnen der Meere.
ZunzDen Vogel des Himmels und die Fische des Meeres, was durchziehet die Bahnen der Meere.
HirschVögel des Himmels, und Fische des Meeres — ja, er überschreitet Pfade von Meeren. —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. צפור שמים וגו'. Während דרך überhaupt Weg, die Bewegung zu einem Ziele hin, daher auch die individuellen Wege des Menschen bedeutet, woher auch השחתת דרך ja ganz eigentlich: Sittenverderbniß, ist אורח: vorzugsweise: der sociale Weg, der Weg, der Menschen zu Menschen führt. Heißt doch ארח: sich zu Jemandem gesellen, וארח לחברה עם פועלי און (Hiob 34, 8). אורח: der Wanderer, der Gast, und ארחה: Bewirthung, Verpflegung eines Gastes. „Ja, er überschreitet die Bahnen des Meeres", die dadurch aufhören Scheidungen zu sein, und Continente verbindende Straßen werden. Höchst bezeichnend erscheint dieser letzte Zug in dem kurzen Bilde der Welt beherrschenden Menschenhoheit, die ja nach dem ganzen Gedankengange des Psalms, wenn sie sich einst in ihrer reinen Bestimmung begreift und bethätigt, zu der über die ganze Erde hin verbreiteten Gottes-Erkenntniß und Huldigung führen soll. Im Dienste dieser einstigen Allvereinigung der Menschheit in der Huldigung Gottes, des Einzig-Einen, steht auch des Menschen erfindungsreicher Geist, der die seit der Völker-Zerstreuung getrennte Menschheit, durch Ueberwindung der Continente scheidenden Meere, wieder künstlich zu einer einheitlichen Menschenfamilie verbindet, und — wenn in den Zeiten der Verirrung, Irrthümer und Entartung — so doch einst ebenso die Erkenntniß des Wahren und Guten von Pol zu Pol verbreiten wird.

10
יְהֹוָ֥ה אֲדֹנֵ֑ינוּ מָה־אַדִּ֥יר שִׁ֝מְךָ֗ בְּכׇל־הָאָֽרֶץ׃ {פ}
BernfeldHerr, unser Gott, wie erhaben ist dein Name auf der ganzen Erde
ZunzEwiger, unser Herr, wie prangt dein Name auf der ganzen Erde!
HirschGott unser Herr! wie machteinzig Dein Name einst über der ganzen Erde!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. ד' אדנינו וגו'. So wird einst Gott, den der Psalm nur erst von dem jüdischen Stamm der Menschenfamilie als „Herrn und Meister" des Lebens erkannt sieht, einst durch die Gottesschrift am Sternenhimmel gesichert, von der ganzen Erde Huldigung empfangen, und Gott als Herrn für den Lebens-Gottesdienst huldigend, wird dann der Mensch sich in der Wahrheit seiner Kleinheit und Größe erkennen, und mit dieser Erkenntniß die Wurzel alles socialen Uebels, die nur ihr Ich kennende und vertretende Selbstsucht, von der Erde schwinden, und die Zeit des vom Pflichtgedanken getragenen brüderlichen, gottdienenden Lebens auf Erden beginnen — ein Ziel, das, wie die Ueberschrift lautet, allerdings erst nach bestandenen verhängnißvollen Läuterungsphasen, „Kelterungen", wie es unser Text nennt, erreicht werden wird.