Tehillim 7 תהילים

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1
שִׁגָּי֗וֹן לְדָ֫וִ֥ד אֲשֶׁר־שָׁ֥ר לַֽיהֹוָ֑ה עַל־דִּבְרֵי־כ֝֗וּשׁ בֶּן־יְמִינִֽי׃
BernfeldSchigajon von David, als er dem Herrn sang wegen des Benjamiten Kusch.
ZunzSchiggajon von Dawid, das er dem Ewigen sang wegen Kusch eines Binjamini.
HirschVerirrung Davids, daß er Gott ein Offenbarungslied gesungen in Veranlassung eines aus Benjamin entstammten Mohren. —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 7. V. 1. שגיון לדוד. שגיון kommt als Ueberschrift eines Kapitels nur noch Habakuk 3, 1 vor. תפלה לחבקוק הנביא על שגיונות. Wir haben schon Pent. zu 1. B. M. 8, 1 den Unterschied zwischen שגג und שגה bemerkt. Während שגג den praktischen Irrthum aus Sorglosigkeit bezeichnet, ist שגיה vielmehr der Irrthum aus geistiger Befangenheit, aus Eingenommenheit des Geistes von einer Gedankenrichtung. שגיון ist daher eine geistige Verirrung. Vergleichen wir das Kap. 3 des Habakuk mit diesem, so springt die Aehnlichkeit des Inhalts in die Augen. Nur ist es dort תפלה על שגיונות, eine תפלה in Bezug auf geistige Verirrungen, die bereits in den vorhergehenden Kapiteln zum Ausdruck gekommen waren, während hier die geistige Verirrung, שגיון, den Inhalt des Kapitels bildet. Dort war dem Propheten der bis zum Aeußersten ausschreitende Uebermuth der wachsenden Chaldäer-Macht als ein solcher erschienen, daß, wenn die ihr hilflos preisgegebene Menschheit noch gerettet, und an Gottes Gerechtigkeit nicht ganz irre werden soll, es nothwendig des hervortretenden Einschreitens des Gottes-Gerichtes bedürfe, und, dieses vermissend, hatte er im ersten Kapitel sich mit seinem „Warum" rechtend an Gott gewandt. Im zweiten Kapitel war ihm die Antwort geworden: wenn auch das קץ, das endliche, allgemeine, offenbare Gottes-Gericht noch lange ausbleibt, die endliche Gottesbestimmung nur fern und im Geiste zu schauen ist חזון למועד, und nur einen ahnungsvollen Hinhauch zu diesem endlichen Ziele bietet ויפח לקץ, so doch לא יכזב, so liege doch keine Täuschung darin, so habe doch der Gott Vertrauende ruhig seiner wartend auszuharren, אם יתמהמה חכה לו, und in diesem unerschütterlichen Vertrauen Leben zu gewinnen, וצדיק באמונתו יחיה, während selbst bis dahin die Welt keineswegs der Gewalt der Schlechten verfallen werde, vielmehr alles Schlechte, Uebermüthige und Gewaltthätige zuletzt sich selbst den Untergang bereitet. Dieser על שגיונות gewonnenen Belehrung ist nun die תפלה-Betrachtung des dritten Kapitels geweiht. Ganz ähnlich gestaltet sich Inhalt und Gang dieses Kapitels. David sieht sich V. 2—6 von den vernichtendsten Verfolgungen und den unverdientesten Verleumdungen bedroht und läßt sich dadurch V. 7—8 zu dem Aufruf hinreißen, Gott möge doch in Veranlassung seines Geschickes das verheißene allgemeine Gottesgericht eintreten lassen, durch welches die Gesammtmenschheit zur Gottes-Erkenntniß gebracht werden solle. Er tritt aber V. 9 u. f. von diesem weiten Hinausblick wie von einer Verirrung zurück und bringt sich zum Bewußtsein, wie selbst in dieser Zeitlichkeit, wo das unmittelbare Einschreiten Gottes nicht sichtbar ist, doch die göttliche Gerechtigkeit waltet, der Gerechte seinen Halt findet und der Schlechte sich selbst die Grube gräbt.

Daher שגיון לדוד אשר שר לד' וגו'. שיר ist vorzugsweise das Gott in den Ereignissen schauende, die in den Ereignissen hervortretende Gott-Offenbarung besingende Lied, und zwar besingt nach der Lehre der Weisen שירה in der weiblichen Form die Gott-Offenbarung in der zu der endlichen vollen Erlösung führenden Geschichte, שיר in der männlichen Form diese Gott offenbarende endliche Erlösung selbst. Siehe Pent. 1. B. M. 9, 21. כוש בן ימיני, Siehe Pent. 4. B. M. 12, 1. כוש, der Mohr, das Negervolk, gilt als Bezeichnung des letzten tiefststehenden Menschenstammes. Benjamin war durch Saul's Erwählung aus ihm als der jüdische Königs-Stamm geadelt. Daß aus Israel, und aus dem in Israel zum Königsstamm geadelten Stamme Benjamin ein König von den Verirrungen Saul's gegen David erstehen konnte, war David als eine solche sittliche Entartung erschienen, wie es eine physiologische wäre, wenn aus dem jüdisch geadelten Stamme ein Mohr geboren würde. Und die Erfahrung einer solchen sittlichen Entartung war ihm als eine für die ganze sittliche Zukunft der Menschheit so bedrohliche Thatsache erschienen, daß er sie für hinreichend glaubte, daß in Folge derselben Gott mit seinem großen Völkergerichte hervortreten werde, und schon zu einem dieses Hervortreten Gottes schauend besingenden Liede sich gehoben gefühlt hatte. Es war dies eben ein geistiger Irrthum, daher: שגיון לדוד אשר שר לד' על דברי כוש בן ימיני, Verirrung Davids, daß er Gott ein Offenbarungslied in Veranlassung des aus Benjamin entstammten Mohren gesungen.

2
יְהֹוָ֣ה אֱ֭לֹהַי בְּךָ֣ חָסִ֑יתִי הוֹשִׁיעֵ֥נִי מִכׇּל־רֹ֝דְפַ֗י וְהַצִּילֵֽנִי׃
BernfeldHerr, mein Gott! bei dir berge ich mich, hilf mir von all meinen Verfolgern und rette mich.
ZunzEwiger, mein Gott! bei dir berg' ich mich, hilf mir von all meinen Verfolgern und rette mich.
HirschGott, mein Gott, in Dich habe ich meine Zuversicht gesetzt, hilf mir von allen meinen Verfolgern und rette mich;
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. ד' אלדי וגו'. Gott, an dessen Wundergüte meine und Aller Zukunft hängt, und der du mein Gott bist, Lenker meines Geschickes, Leiter meiner Thaten, Weiheziel meines Lebens, בך חסיתי: in Dich habe ich meine Zuversicht gesetzt, hilf mir zu ungefährdetem Dasein von allen meinen Verfolgern und rette mich.

3
פֶּן־יִטְרֹ֣ף כְּאַרְיֵ֣ה נַפְשִׁ֑י פֹּ֝רֵ֗ק וְאֵ֣ין מַצִּֽיל׃
BernfeldDass er mich nicht wie ein Löwe Beute, dass er mich nicht zermalme und niemand rettet.
ZunzDaß er nicht zerreiße mein Leben, wie ein Löwe, zermalmend und Niemand rettet.
Hirschdaß er nicht einem Löwen gleich meine Seele entreiße, der fortreißt und Keiner rettet!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. פן יטרף וגו', daß er nicht einem Löwen gleich meine Seele entreiße, raube (טרף siehe Pent. 2. B. M. 22, 30). Das unausgesprochene Subjekt ist der כוש בן ימיני, dessen Ausschreitungen gegen ihn seine Gedanken erfüllen. פרק ist das gewaltsame Trennen des bisher Verbundenen, Festgehaltenen. Davon auch im guten Sinn: befreien. Hier vom Löwen: fortreißen, forttragen.

4
יְהֹוָ֣ה אֱ֭לֹהַי אִם־עָשִׂ֣יתִי זֹ֑את אִֽם־יֶשׁ־עָ֥וֶל בְּכַפָּֽי׃
BernfeldHerr, mein Gott! wenn ich je solches getan, wenn Frevel in meinen Händen ist,
ZunzEwiger, mein Gott! wenn ich solches that, wenn Frevel ist in meinen Händen;
HirschGott mein Gott! wenn ich Dies gethan, wenn in Wahrheit an meinen Händen Unrecht klebt;
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4—5. ד' אלהי וגו'. יש: Ausdruck des wirklichen, kernhaften Seins, von ישה, verwandt mit קשה. עול von עול, Ausdruck des Aufstrebens, Aufsteigens, daher auch עול: die nach aufwärts sich entwickelnde Jugend. עול der Mißbrauch der Ueberordnung, der steigenden Stellung (Siehe Pent. 3. B. M. 19, 15). כף, von כפף biegen, ist die gebogene, fassende, festhaltende Hand, Ausdruck des Besitzes, der Errungenschaft, während י', von ידה, werfen, die gestreckte, Hand, als Ausdruck der Handlung, die That bedeutet. Daher נקי כפים und טהור ידים, schuldloser Besitz und sittlichreine Handlungsweise. גמל. Siehe Pent. 1. B. M. 21, 8. Es heißt: Gott, mein Gott! Wenn ich Das, wessen man mich beschuldigt, gethan; wenn in Wahrheit Mißbrauch meiner Höherstellung an meinen Errungenschaften klebt, d. h., wenn ich, wie man vorgiebt, in Wirklichkeit auf schlechten Wegen zu der Stellung und Würde in der Nation gelangt bin, die ich einnehme, die ich doch in Wahrheit nur durch Selbstaufopferung für das allgemeine Wohl erhalten habe; wenn ich mir friedlich Gesinntem Böses vergolten habe, da ich doch vielmehr mich grundlos Bedrängenden mit Freuden befreit habe, d. h. wenn, wie man vorgiebt, ich Saul, der es nur friedlich gut mit mir gemeint habe, undankbar seine gute Gesinnung mit Bösem vergolten habe, ich, der ich doch eben diesen Saul, da er mich ohne Grund befehdete mit Freuden (— dies liegt im ה von ואחלצה —) von der Hand meiner Begleiter gerettet habe (Siehe Sam. I 24, 4—8): dann freilich ירדף u. s. w.

5
אִם־גָּ֭מַלְתִּי שֽׁוֹלְמִ֥י רָ֑ע וָאֲחַלְּצָ֖ה צֽוֹרְרִ֣י רֵיקָֽם׃
BernfeldWenn ich Böses dem mir Gutgesinnten erwiesen — ich, der ich doch den gerettet, der mich ohne Ursache befeindet —
ZunzWenn ich Böses dem mir Gutgesinnten erwiesen, — hab' ich doch gerettet den, der mich ohne Ursach befeindet —,
Hirschwenn ich mir friedlich Gesinntem Böses habe vergolten, da ich doch mit Freuden mich grundlos Drängenden befreit:
6
יִ֥רַדֹּֽף־אוֹיֵ֨ב ׀ נַפְשִׁ֡י וְיַשֵּׂ֗ג וְיִרְמֹ֣ס לָאָ֣רֶץ חַיָּ֑י וּכְבוֹדִ֓י ׀ לֶעָפָ֖ר יַשְׁכֵּ֣ן סֶֽלָה׃
BernfeldSo möge der Feind mir nachjagen und mich einholen und mein Leben zu Boden treten und meine Herrlichkeit in Staub legen. Sela.
ZunzSo jage der Feind meiner Seele nach und hole sie ein, und trete zu Boden mein Leben, und lege meine Herrlichkeit in Staub. Selah.
Hirschmöge feindlich und berechtigt der Feind meine Seele verfolgen, erreichen, und zu Boden treten mein Leben; und meine Ehre in den Staub betten —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. ירדף וגו'. Die Form ירדף erscheint als aus Kal und Piel zusammengesetzt. Während רדף im Kal vorzugsweise ein feindliches Verfolgen ausdrückt, scheint רדף im Piel mehr das Verfolgen eines berechtigten, oder für berechtigt gehaltenen Zieles zu bezeichnen. So ורדפה את מאהביה (Hosea 2, 7), מרדף אמרים (Prov. 19, 7), ומרדף ריקים (das. 12, 11 und 28, 19), ומרדף צדקה (das. 15, 9). Es hieße somit: dann möge mit Recht der Feind meine Seele verfolgen u. s. w. סלה. Siehe Kap. 3, 5. Es giebt sich damit unausgesprochen das Gemüth der vollen erregten Erwägung der so ganz und gar grundlosen Verfolgung und Verlästerung hin, die er zu erdulden hat und der beispiellosen Schlechtigkeit seiner Verfolger, die sich darin offenbart. Dieses führt ihn zu dem Aufruf: קומה u. s. w

7
ק֘וּמָ֤ה יְהֹוָ֨ה ׀ בְּאַפֶּ֗ךָ הִ֭נָּשֵׂא בְּעַבְר֣וֹת צוֹרְרָ֑י וְע֥וּרָה אֵ֝לַ֗י מִשְׁפָּ֥ט צִוִּֽיתָ׃
BernfeldAuf, Herr! in deinem Zorn, erhebe dich gegen das Wüten meiner Bedränger und errege für mich das Gericht, das du verheißen hast.
ZunzAuf, Ewiger! in deinem Zorn, erhebe dich gegen das Wüthen meiner Bedränger und sei wach für mich. Gericht hast du entboren,
HirschStehe auf, Gott, in deinem Zorne, zeige dich hoch gegen die Wuthausschreitungen meiner Dränger und wecke doch auf für mich das Gericht, das Du bestimmt hast!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. קומה וגו'. Während die dem gewöhnlichen Auge nicht sichtbar hervortretende Waltung Gottes mit ישב ausgedrückt wird, so oben Kap. 2, 4 יושב בשמים, bezeichnet קום in der Regel das Sicherheben zu unmittelbarem, sichtbar hervortretendem Eingreifen in die irdischen Verhältnisse. הנשא: zeige dich hoch indem du einschreitest wider die עברות צוררי. עברה von עבר, über Etwas hinausgehen, bezeichnet das völlige, rückhaltlose Hinaustreten des ganzen Innern gegen Etwas, das leidenschaftliche durch Nichts zurückgehaltene Wüthen, ähnlich unserm „Außer sich sein". ועורה: עור (siehe Pent. zu 1. B. M. 2, 25), sonst intransitiv: aufwachen, steht hier und so auch Hiob 41, 2. לא אכזר כי יעורנו in transitiver Bedeutung: aufwecken. ועורה אלי משפט צוית, und wecke, d. h. lasse in's Leben treten in Beziehung auf mich, in Veranlassung meiner, das Gericht, das du bestimmt hast. Dieses allgemeine Völkergericht wird schon 5. B. M. 32, 41 angekündigt, und wiederholt ist dasselbe Gegenstand der Psalmengedanken. So Ps. 96, 13. 98, 9. 82, 8. 75, 3. 77, 5. 9, 9. 76, 10 und sonst, so wie auch die Ankündigung desselben fast in allen Propheten wiederkehrt. צוה kommt nicht nur von Anordnung und Feststellung von Geschicksereignissen vor, wie וצויתי את ברכתי לכם, (3. B. M. 28, 21.) שם צוה ד' את הברכה (Ps. 133, 3). לצוה אל כנען לשמיד מעזניה (Jes. 23, 11) u. s., sondern es kommt auch als Feststellung und Bestimmung von Verhältnissen vor, die von Gott selbst vollzogen werden sollen. So עשה ד' אשר זמם בצע אמרתו אשר צוה מימי קדם (Klagel. 2, 17). הנני מצוה והשבתים אל העיר הזאת (Jirm. 34, 22). כי הנה אנכי מצוה והניעותי וגו' את בית ישראל (Amos 9, 9). Und auch in den Psalmen: היה לי לצור מעון וגו' צוית להושיעני (Ps. 71, 3). דבר צוה לאלף דור וגו' לאמר לך אתן וגו' (Ps. 105, 8—11). Dieses einstige allgemeine Gericht heißt daher auch Ps. 149, 9. משפט כתוב: Das in der Gottesschrift längst vorausbestimmte. Es ist möglich, daß bei Bestimmungen, deren Ausführung sich Gott selbst vorbehält, der Ausdruck צוה sich auf die Verpflichtung bezieht, den betreffenden Ausspruch dem Gedächtniß und dem Bewußtsein aller Folgegeschlechter zu erhalten. So die Verheißung des jüdischen Landes (Ps. 105), so hier das zu erwartende Gottesgericht.

8
וַעֲדַ֣ת לְ֭אֻמִּים תְּסֽוֹבְבֶ֑ךָּ וְ֝עָלֶ֗יהָ לַמָּר֥וֹם שֽׁוּבָה׃
BernfeldUnd wenn dich die Menge der Völker umgibt, so kehre ihretwegen zurück in die Höhe.
ZunzUnd die Gemeinde der Völker umringe dich, und über ihr kehre zurück zur Höhe.
HirschDaß Nationen-Gemeinde Dich dann umgiebt, und über ihr kehre zur Höhe wieder!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. ועדת לאמים וגו'. Dieses allgemeine, deine Herrschaft und Gerechtigkeit offenbarende Gericht, wird deine Erkenntniß, Anerkennung und Huldigung also unter die Völker verbreiten, daß sie sich alle als Eine, als deine Gemeinde um dich sammeln, und dann erst, nachdem durch dein offenbares Eingreifen deine Anerkenntniß in die Gemüther der Menschen gedrungen sein wird, dann mögest du über der also in dir vereinten Menschheitgemeinde zu der unsichtbaren Waltung und Leitung in der Höhe zurückkehren.

9
יְהֹוָה֮ יָדִ֢ין עַ֫מִּ֥ים שׇׁפְטֵ֥נִי יְהֹוָ֑ה כְּצִדְקִ֖י וּכְתֻמִּ֣י עָלָֽי׃
BernfeldDer Herr möge die Völker richten; schaffe mir Recht, Herr, nach meiner Gerechtigkeit und nach meiner Unschuld.
ZunzDer Ewige richte die Völker; schaffe mir Recht, Ewiger, nach meiner Gerechtigkeit, und nach meiner Einfalt (vergilt) mir.
HirschDoch, Gott wird die Völker einst schon richten. Nimm nur auch meines Rechts dich an, so weit meine Gerechtigkeit und meine sittliche Ganzheit es über mich bestimmen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. ד' ידין עמים וגו'. Doch — berichtigt sich David von dem weiten Ausblick auf die einstige Gesammtzukunft in die unmittelbare Gegenwart sich zurückbesinnend — die Völker wird Gott einst richten, das „Wann" steht bei Ihm; vertritt auch nur jetzt mein Recht wie es nach dem Maaß meiner Gerechtigkeit und nach dem Maaß meiner sittlichen Unschuld über mich auszusprechen ist. דין ist die Anwendung des Rechts auf einen einzelnen Fall, das Urtheilschöpfen; שפט: die Verwirklichung des Rechts, die Ordnung der Verhältnisse nach dem Recht. Es ist verwandt mit שפת: Etwas an die rechte Stelle setzen. Siehe Pent. 1. B. M. S. 260. צדק ist das pflichtgerechte Verhalten gegen Menschen, תום der sittenreine Wandel vor Gott. Siehe Pent. 1. B. M. 6, 9.

10
יִגְמׇר־נָ֬א רַ֨ע ׀ רְשָׁעִים֮ וּתְכוֹנֵ֢ן צַ֫דִּ֥יק וּבֹחֵ֣ן לִ֭בּוֹת וּכְלָי֗וֹת אֱלֹהִ֥ים צַדִּֽיק׃
BernfeldMöchte doch der Frevler Bosheit aufhören, und stärke den Gerechten; denn du prüfst die Herzen und Nieren, o gerechter Gott!
ZunzMöchte doch aufhören der Frevler Bosheit, daß du aufrichtest den Gerechten, der du prüfest die Herzen und Nieren, gerechter Gott!
HirschLasse nur das Böse der Gesetzlosen zu Ende gehen, so wirst du damit den Gerechten in seiner Richtung festigen, und auch der Herzen- und NierenPrüfer ist ein gerechter Gott.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. גמר וגו'. גמר: Etwas zu Ende, zum Abschluß bringen; das Dasein: aufhören, enden, intransitiv, so גמר חסיד (Ps. 12, 2) und hier; oder transitiv: eine Ueberlegung, ein Vorhaben zu Ende bringen, beschließen, ausführen, גמר אמר (Ps. 77, 9), ד' יגמר בעדי (das. 138, 8). כונן von כון: Etwas auf eine feste Unterlage, und: Etwas in die feste Richtung bringen (V. 12). Hier kann es Beides bedeuten. יגמר נא bis צדיק ist nach den Accenten Eine Satzverbindung: Lasse doch nur das Böse der Gesetzlosen aufhören, so wirst du damit bereits dem Gerechten Festigkeit und die rechte Richtung gewähren. Wenn auch dein von mir angerufenes Weltgericht noch nicht eintritt, noch nicht die Bösen vernichtet, wenn nur das Böse, das sie vorhaben, nicht zur Ausführung kommt, nicht gelingt, so wird schon dadurch der Gerechte in seinen Ueberzeugungen und seiner Pflichttreue befestigt, und auch in dem verborgensten, von keinem Menschenauge geschauten, und nur dem Betreffenden bewußtwerdenden Gottes-Wirken, auch als „Herzen- und Nierenprüfer" ist Gott ein gerechter Gott. Während נסה überwiegend Etwas auf Leistung prüfen bedeutet, d. h. prüfen ob Jemand Etwas zu leisten im Stande ist, ist בחן vorzugsweise ein Prüfen auf Gehalt, die Güte, Stärke, Dauer durch Prüfung erkennen. Daher kommt נסה nur von Menschen und auch in Beziehung auf Gott vor, während בחן auch ein Prüfen von Dingen, z. B. von Metallen bedeutet, und אבן בחן heißt ein probehaltender Stein, ein Stein, der die Einflüsse von Wind und Wetter, und die von ihm zu tragende Last auszuhalten im Stande ist. לבות und כליות: לב ist der Sitz der höheren Empfindungen Gesinnungen und Willensregungen, כליות, Nieren, der sinnlichen Triebe und Begehrungen. Siehe Pent. 3. B. M. S. 70. Gott stellt unser sittliches Wollen und unser sinnliches Begehren durch Leiden auf die Probe; Versuchungen, die ja selbst nur unsere Läuterung, unsere sittliche Kraft und Standhaftigkeit erhöhen, somit was sie an äußeren Annehmlichkeiten versagen, reichlich durch innern Gewinnst aufwiegen. Zu diesen Prüfungen des noch sittlicher Läuterung und Erziehung bedürfenden und fähigen Menschen, ist ja das feindlich drohende Vorgehen der Schlechten Mittel und Werkzeug, das somit wider seinen Willen und ohne sein Wissen im Dienste des sittlichen Menschenheils steht. „Alles hat Gott für seinen Zweck werden lassen, auch den Gesetzlosen für den Tag des Unglücks", (womit er den Guten prüft). כל פעל ד' למענהו וגם רשע ליום רעה (Prov. 16, 4). „Der große Meister führt Alles zu einer Geburt, und hat Thoren in seinem Dienst und hat Sünder in seinem Dienst". רב מחולל כל ושכר כסיל ושכר עוברים (Prov. 26, 10). Daher auch wenn Gott das feindliche Vorgehen des Schlechten gegen den Guten zu dessen Läuterung und Prüfung zuläßt, ist Gott ein gerechter Gott. Wörtlich: auch der Herz und Nierenprüfer ist ein gerechter Gott. Bedeutsam geht mit diesem Vers der GottesName zu אלק'ם über. Die offenbar werdende Gotteswaltung, wie sie V. 7. in ihrem Zukunftziele aufruft, wird immer vom Namen ד' getragen, während das nur dem denkenden Menschen sich zeigende, die gewöhnliche Naturordnung der Dinge zu Seinem Ziele lenkende Walten an den Namen אלקים geknüpft wird. (Siehe Pent. 2. B. M. 6, 2. 3. 13, 17).

11
מָגִנִּ֥י עַל־אֱלֹהִ֑ים מ֝וֹשִׁ֗יעַ יִשְׁרֵי־לֵֽב׃
BernfeldMein Vertrauen ist auf Gott, der denen hilft, die geraden Herzens sind.
ZunzMein Schild ist bei Gott, der hilft denen, die geraden Herzens sind.
HirschMein Schild ruht bei Gott; er hilft Denen, die geraden Herzens bleiben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11. מגני על אלק'. So auch על אלק' ישעי וכבודי (Ps. 62, 8). Mein Schild, d. i. mein Schutz ruht auf Gott und bei Gott, er hilft, er verhilft zu ausdauerndem Sein Denen, die die Prüfung bestehen, sich durch Mißgeschicke nicht von der geraden, einzig wahren Richtung abwenden zu lassen, die mit ihrem Denken und Wollen gerade bleiben.

12
אֱ֭לֹהִים שׁוֹפֵ֣ט צַדִּ֑יק וְ֝אֵ֗ל זֹעֵ֥ם בְּכׇל־יֽוֹם׃
Bernfeld, Gott ist ein gerechter Richter, ein Gott, der jeglichen Tag [den Bösen] zürnt.
ZunzGott ist ein gerechter Richter, und ein Gott, der zürnet jeglichen Tag.
HirschGott ist ein gerechter Richter, und macht als aller Kräfte Born seinen Unwillen fühlbar jeden Tag.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. אלק' וגו' וזעם וגו'. וזעם scheint nicht die intransitive Gemüthsbewegung des Zürnens zu bedeuten, sondern die Folge und Wirkung, die davon der von dem Zorn betroffene Gegenstand erleidet und empfindet. Während daher andere Ausdrücke des Zürnens, אנף, חרה אף u. s. w. als intransitiv nur durch Präpositionen — ב—, על— mit dem Gegenstand verbunden werden, hat זעם, mit Ausnahme Daniel 10, 30 den Gegenstand im Accusativ: וזעמה ישראל (4. B. M. 23, 7) יזעמוהו לאומים (Prov. 24, 24). Daher auch passiv: זעום ד' יפול שם (Prov. 22, 14). פנים נזעמים (daf. 25, 23) איפת רזון זעומה (Micha 6, 10). Es scheint verwandt mit זהם, wovon זוהמא, welches rabbinisch etwas einem Gegenstande anhaftendes Widrige, Entwürdigendes 2c. bedeutet, und so auch (Hiob. 33, 20) vom Kranken: וזהמתו חיתו לחם: seine Seele macht ihm selbst Brod zuwider. וזעום ד' wäre demnach Der, an welchem Gottes Unwillen fühlbar haftet. איפה זעומה: das falsche Maaß, in welchem der Unsegen von Gott ruht. פנים נזעמים: das Gesicht, auf welchem die Wirkung einer eingeflüsterten Verläumdung, לשון סתר, bemerkbar ist. Hier wäre gesagt, Gott ist ein gerechter Richter, und Er, von dem ja alle Kräfte ausgehen und der sie alle in Händen hält, אל וזעם בכל יום, Er macht jeden Tag seinen Unwillen fühlbar. Nicht erst an jenem großen einstigen Gerichtstag, an welchem alles Böse vor dem hervortretenden göttlichen Unwillen in Vernichtung sinkt, auch jetzt, in jeder Zeit läßt Gott den schlechten, pflichtvergessenen Menschen seinen Unwillen fühlen. Es kommt dem Schlechten jeden Tag fühlbar zum Bewußtsein, daß Gott ihm zürnt, daß er nicht auf dem rechten Weg ist, und wäre es auch nur durch die Unruhe, die Stimme des Gewissens, diese Gottesstimme im Menschen-Innern, die ihn quält. Der בוחן לבות וכליות ist ein שופט צדק und וזעם בכל יום. Der Böse fühlt es jeden Tag, daß ihm das Gotteswohlwollen fehlt.

13
אִם־לֹ֣א יָ֭שׁוּב חַרְבּ֣וֹ יִלְט֑וֹשׁ קַשְׁתּ֥וֹ דָ֝רַ֗ךְ וַֽיְכוֹנְנֶֽהָ׃
BernfeldWenn [der Frevler] nicht umkehrt, vielmehr sein Schwert schärft, seinen Bogen spannt und ihn richtet.
ZunzSo er nicht umkehrt, schärft er sein Schwert, spannt seinen Bogen und richtet ihn.
HirschKehrt Einer nicht um, wetzt sein Schwert, hat seinen Bogen gespannt und richtet ihn nun:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13. אם לא ישוב וגו'. Subjekt ist aus dem vorhergehenden אל וזעם בכל יום dem Gedanken gegenwärtig Der, dem Gott Tag für Tag seinen Unwillen fühlbar macht. Kehrt dieser dennoch nicht um, wetzt vielmehr sein Schwert u. s. w.

14
וְ֭לוֹ הֵכִ֣ין כְּלֵי־מָ֑וֶת חִ֝צָּ֗יו לְֽדֹלְקִ֥ים יִפְעָֽל׃
BernfeldNun, sich selber hat er die Todesgeschosse bereitet, seine Pfeile hat er für seine Verfolger geschaffen.
ZunzUnd rüstet für ihn Todesgeschoß, seine Pfeile macht er zu Bränden.
Hirschso hat er für sich die Todesgeschosse bereitet, seine Pfeile, die er zu raschen Verfolgern machen wollte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14. ולו הכין וגו', so hat er nur für sich selber das Werkzeug seines Verbrechens bereitet, das ihm zum Todesgeschoß wird. דלק (verwandt mit דלג: springen): rasch in einer Richtung fortschreiten, daher vom Feuer, das in der Richtung des Windes fortgetrieben wird: brennen, und auch vom Verfolger, der von seinem heftigen Verlangen getrieben einem Flüchtling nacheilt: verfolgen. So כי דלקת אחרי (1. B. M. 31, 36). Er hat sich die Pfeile bereitet, die er zu raschen Verfolgern machen wollte.

15
הִנֵּ֥ה יְחַבֶּל־אָ֑וֶן וְהָרָ֥ה עָ֝מָ֗ל וְיָ֣לַד שָֽׁקֶר׃
BernfeldEr empfängt Unheil und geht schwanger mit Verderblichem und gebart Lüge.
ZunzSiehe, er empfängt Unheil und gehet schwanger mit Verderblichem, und gebiert Lüge.
HirschSiehe er will ja mit einem Gewaltstreich niederkommen, so ist er mit Unglück schwanger geworden, und kommt zu einer Lügengeburt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15. הנה יחבל וגו'. חבל: Schnur und Seil zum Messen und Binden. Von dem Begriff Binden und Schnüren heißen dann zusammenschnürende Schmerzen, Krämpfe: חבלים (— ist ja der Begriff heilen: רפא ursprünglich: Lockern, Lösen —), insbesondere Geburtsschmerzen, Wehen, חבלי יולדה, und חבל ist Ausdruck für den Geburtsakt. שמה חבלתך אמך וגו' (Hohel. 8, 5). Es ist ähnlich unserm: entbunden werden, nur daß in entbinden das Objekt die Mutter ist, von חבל aber das vom Mutterkörper sich lösende Kind. עמל ist überwiegend, ja, wir glauben ausschließlich: Mühe, Unglück, es erhält den Schein des Begriffs Unrecht nur durch die Bedeutung des Andern bereiteten Unglücks. Durch הנה wird das Folgende zum Motiv des vorhergesagten ולו הכין u. s. w. Alles Unglück, das er für Andere bereitet, hat er zuletzt nur für sich bereitet, denn: הנה יחבל און, es liegt ja am Tage, daß er nichts Gutes, nichts Erlaubtes, daß er און: Macht-Mißbrauch, Gewalt, Unrecht mit seinen Geburtswehen gleichen Abmühungen zu Tage fördern will, darum הרה עמל וילד שקר, darum ist er nur mit eigenem Unglück schwanger geworden und wird Lügen gebären, d. h. eine Fehlgeburt, ja mehr als das, Etwas zu Tage bringen, das sich als das gerade Gegentheil Dessen ergeben wird, was er beabsichtigt hatte. So: רשע עשה פעלת שקר וזרע צדקה שכר אמת (Prov. 11, 18). Der Gesetzlose vollbringt eine Lügen-Wirkung (eigentlich eine Lügelöhnung, wie פעולת שכיר (3. B. M. 19, 13 Das, was man mit seiner Arbeit für sich erwirbt), wer aber Pflichttreue säet, schafft sich Wahrheit-Lohn.

16
בּ֣וֹר כָּ֭רָה וַֽיַּחְפְּרֵ֑הוּ וַ֝יִּפֹּ֗ל בְּשַׁ֣חַת יִפְעָֽל׃
BernfeldEr hat eine Grube gegraben und ausgehöhlt, aber er selbst fällt in den Abgrund, den er gemacht.
ZunzEine Grube höhlt er und gräbt sie aus, und fällt in den Abgrund, den er gemacht.
HirschEine Grube hatte er angestochen und grub sie eben aus — da fiel er hinein in das Verderben, das er bereiten wollte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 16. בור כרה וגו'. Siehe Pent. 1. B. M. 26, 25, eine Grube hatte er angestochen und war eben damit beschäftigt sie völlig auszugraben, da fiel er in das Verderben hinein, das er Andern bereiten wollte.

17
יָשׁ֣וּב עֲמָל֣וֹ בְרֹאשׁ֑וֹ וְעַ֥ל קׇ֝דְקֳד֗וֹ חֲמָס֥וֹ יֵרֵֽד׃
BernfeldSo kommt sein Verderben auf sein Haupt zurück, und auf seinen Scheitel stürzt sein Frevel.
ZunzEs kehrt sein Verderben ihm auf das Haupt zurück, und auf seinen Scheitel stürzt seine Gewaltthat.
HirschAuf sein eigen Haupt kehrt sein Unglück zurück, und auf seinen Scheitel fährt sein Unrecht nieder.
18
אוֹדֶ֣ה יְהֹוָ֣ה כְּצִדְק֑וֹ וַ֝אֲזַמְּרָ֗ה שֵֽׁם־יְהֹוָ֥ה עֶלְיֽוֹן׃ {פ}
BernfeldPreisen will ich den Herrn nach seiner Gerechtigkeit und lobsingen dem Namen des Herrn, des Höchsten.
ZunzPreisen will ich den Ewigen nach seiner Gerechtigkeit, und saitenspielen dem Namen des Ewigen, des Höchsten.
HirschIch huldige Gott nach seiner Gerechtigkeit und will fortan den Namen Gott aus seiner Höhe singen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 18. אודה וגו'. Ich will Gott als Gott bekennen, will ihm huldigen כצדקו: nach seiner Gerechtigkeit, d. h., wie er sie in Seiner Weisheit übt, nicht wie ich es in meiner Kurzsichtigkeit zu fordern mich verirrt hatte. ואזמרה שם ד' עליון und will fortan freudig den „Namen" Gott in meinen Liedern zum Ausdruck bringen wie er „Gott" ist auch als עליון, auch so lange er unsichtbar aus seiner Höhe herab waltet.