Tehillim 6 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 6. למנצח וגו'. על השמינית. Diese Ueberschrift findet sich nur noch zum Kap. 12. Ein Vergleich beider Kapitel zeigt den verwandten Inhalt beider. Beide suchen sie aus einem Zustande vollendeter Hoffnungslosigkeit sich emporzuheben und knüpfen eben an das Bewußtsein völliger Aussichtslosigkeit auf Menschenhilfe die Zuversicht, daß eben da Gott mit seiner rettenden Allmacht einschreiten werde. Sie unterscheiden sich nur darin, daß dieses Kapitel aus dem völlig heruntergekommenen Zustand eines Einzel-Daseins spricht, Kap. 12 aber die völlige Verkommenheit menschengesellschaftlicher Zustände zum Gegenstand hat. Arachin 13 b wird על השמינית: על נימא שמינית, auf der achten Saite erläutert, und dabei bemerkt: die gewöhnliche Tempel-Harfe hatte sieben Saiten, die für die messianische Zeiten: acht, die für die zukünftige Weltgestaltung: zehn. כנור של מקדש של שבעת נימין היה ושל ימות המשיח שמונה של עולם הבא עשר. Wir haben bereits im Jeschurun, Jahrgang V, S. 13 f., die Bedeutung der Zahlen 7 und 8 im jüdischen Schriftthum zu ermitteln versucht. Wir haben gefunden, daß die Zahl 7, wie sie sich im שבת und in שבועה, dem Eide, am charakteristischsten zeigt, überall: das mit der sinnlichen, geschaffenen Welt verbundene Göttliche, Gott im Bunde mit seiner Welt und die Welt in Verbindung mit Gott bedeutet, die Zahl 8 aber auf das achte Gottes-Werk, auf die Institution hinweist, die Gott für die Wiedergewinnung des verscherzten „Sabbath's", für die Wiedergewinnung der verlorenen Verbindung mit Gott in die Weltgeschichte eingeführt hat, somit auf das speciell Jüdische hinweist. Israel ist ja ganz eigentlich der Bote der Erlösung an die Menschheit, der Verkünder und der geschichtliche Beweis zugleich, daß es eine Wiedererhebung aus aller Gesunkenheit, eine Erlösung aus allem leiblichen, geistigen, sittlichen und menschengesellschaftlichen Uebel, eine Auferstehung aus aller leiblichen und sittlichen Erstorbenheit gebe, und daß Gott es ist, der die Bande des Todes und der Schuld löst und mit seinem Weckerruf und seiner Allmachtgnade in jedem Augenblick bereit ist ein neues Leben und eine neue Zukunft zu gewähren, wie dies gedankentief sein vierbuchstabiger Name ausspricht. Darum wird dem aus leiblichem und geschichtlichem Tode zum Leben und zur Freiheit erlösten Volke als erste Mizwa die überallhin „Verjüngung und neues Leben" ankündigende Neumondsheiligung, und darum trägt die das Freiwerden aus den Banden der Sinnlichkeit als Grundbedingung unseres Bundes mit Gott lehrende Institution der Mila das Kennzeichen der Achtzahl, und tritt diese Achtzahl im göttlichen Gesetze überall da hervor, wo die in Gott und durch Gott anzustrebende Befreiung von aller sinnlichen und menschengesellschaftlichen Gebundenheit gelehrt wird. Siehe Jeschurun a. a. O. Die der Gottesgegenwart auf Erden und der Verbindung alles Irdischen mit Gott geweihten Tempelgesänge erklangen daher zur siebensaitigen Harfe, der die endliche volle Erlösung bringenden messianischen Zeit tönte die achtsaitige Harfe, und nur der vollkommenen Harmonie der einstigen Weltzukunft blieb die zehnsaitige vorbehalten. Wie sehr der bereits angedeutete, Erlösung aus menschlichem und menschengesellschaftlichem Untergange in Gott suchende Inhalt dieses und des zwölften Kapitels, der שמינית, der achten Harfen-Saite, oder der achtsaitigen Harfe entspricht, ist, wie uns dünkt, nach Obigem klar.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. ד' אל באפך וגו'. אף von אנף, (verwandt mit ענף: Zweig, ענב: Beere, die beide das Aeußerlichwerden eines im Innern Gesammelten bedeuten, und חנף: heucheln, wo das Innere erlogen ist und nur eine Aeußerlichkeit erscheint), bedeutet den äußern Ausdruck des Zorns; חמה, eigentlich, Hitze, Gluth, ist der innere Unwille. הוכיח, siehe Pent. zu 3. B. M. 19, 17, heißt Jemandem eine unliebsame Erkenntniß zum überzeugten Bewußtsein bringen, es ist somit eine Einwirkung auf das Erkenntnißvermögen eines Menschen, sei es durch Worte, sei es durch Handlungen, wie: Prov. 3, 12: כי את אשר יאהב ד' יוכיח und sonst. יסר ist die Einwirkung auf seinen Willen, ihn durch Leiden und Schmerzen zu einer Aenderung seiner bisherigen Willensrichtung zu bringen. Hier steht also die Bitte: Gott möge doch die Aeußerung seines Zornes nicht für nothwendig halten, um ihn zur Erkenntniß seiner Verirrungen zu bringen, noch in seinem gerechten Unwillen zu seiner Besserung die Fortdauer von Leiden über ihn verhängen.
3. חנני וגו'. Nicht weil er Gnade verdiene, sondern weil er bereits ganz geknickt und kraftlos sei, bei fortgesetzten Leiden nur zu Grunde gehen und keineswegs sich mehr würde erheben können, möge Gott ihm neue Kraft zuwenden. חנן, siehe Pent. 1. B. M. 34, 6. אמלל, von מלל abknicken, mit vorgesetztem א.
בהל, verwandt mit בעל und פעל: Etwas also bewältigen, daß es, der überwältigenden Macht und Kraft gegenüber, völlig widerstandlos ist und alle Selbstständigkeit verloren hat. עצמי, meine Knochen, die mich tragen und in welchen meine Stärke liegen sollte, sind völlig gelähmt. So mit völlig entkräftetem Körper kann ich nur noch von dir, in deiner zu ewig neuer Spende von Kraft und Leben bereiten Wundergüte Heilung erhoffen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. ונפשי וגו'. Was aber die Hoffnungslosigkeit meines Zustandes noch auf's Höchste steigert, ist, daß mehr noch als mein Leib, mein Geist und mein Gemüth, meine Seele völlig gelähmt ist. Wäre in meinem Geiste noch irgend eine Kraft, so würde von Innen heraus durch den Aufschwung meines Geistes auch noch die Aufrichtung meines Körpers gehofft werden können. So aber ist in meinem Leibe und mehr noch in meinem Geiste jede Hoffnung geschwunden. ואתה ד'!: und du bist doch der zu neuer Kraft- und Lebensspende ewig bereite Gott! עד מתי: wie lange werde ich Das noch aushalten können, ohne völlig zu enden?!
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. שובה וגו'. Du hast dich um meiner Verirrungen willen von mir abgewandt, wende dich in deiner wiederbelebenden Güte mir wieder zu. חלצה נפשי: mache meine Seele frei aus den sie lähmenden Gewalten. חלץ, wie וחלצה נעלו (5. B. M. 28, 9) Etwas aus seinen Banden lösen und herausziehen. Oder, da es nicht שובה אלי heißt, bildet שובה חלצה Einen Satz: mache meine Seele wieder frei, wie שוב שכב (Sam. I 3, 5). הושיעני, ישע, (verwandt mit ישה, der Wurzel von יש, dem Ausdruck des wirklichen Daseins), ist der höchste Grad der von Gott verliehenen Wesenheit des Daseins. ישועה und הושיע ist die Rettung eines bedrohten Daseins (siehe Pent. 2. B. M. 14, 13). למען חסדך: Zur Bethätigung deiner Wundergüte wie sie eben dein Name bezeugt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. כי אין וגו'. זכרך. Vergl.: וזה זכרי 2. B. M. 3, 15. Nicht im Tode liegt dein Gedächtniß, d. h. nicht der Tod ist eine Vergegenwärtigung deines Wesens und Waltens. Das Sterben eines Menschen ist nur eine Folge der von Gott einmal gegebenen Naturordnung, offenbart somit zunächst nur diese Naturordnung, deren Macht kein Mensch sich entzieht. Aber das Leben, vor Allem die Wiederbelebung, die Neuverjüngung eines bereits verlorenen Daseins, sie ist der Gott offenbarende Fingerzeig, sie zeigt Gott, wie Er über den von Ihm geordneten Naturgewalten steht, und ewig bereit ist dem Menschen für sein künftig treues Schaffen, für seinen künftig pflichtgetreuen Gottes-Dienst auf Erden neue Kraft und neues Leben zu spenden. Damit scheidet sich in tiefer Kluft der heidnische Göttergedanke von der jüdischen Gottes-Wahrheit. Dem heidnischen Gedanken zeigt sich die höchste Göttermacht in dem Darniederwerfen der höchsten Menschenmacht und Größe, in der zu fürchtenden tödtenden Gewalt, welcher alles Lebendige erliegt. Denn seine Götter sind ja eben nichts als die Gewalten der von Gott geordneten Natur. Die jüdische Wahrheit aber spricht: So wahr Ich lebe, spricht Gott, der auch strafend Liebende, (der vierbuchstabige als אלק' gelesene Name), ich finde meinen Willen nicht an dem Sterben des Bösen, sondern an der Rückkehr des Bösen von seinem Wandel, auf daß er neues Leben gewinne. (Ezech. 33, 11 und Kap. 18 wiederholt). Daher auch בשאול מי יודה לך, im Grabe wer huldigt dir da? Was von dem Menschen im Grabe liegt, zollt nicht mehr den Lebensdienst, in welchem der Mensch auf Erden die sittlichfreie Gottes-Huldigung nach göttlichem Willen bethätigen soll. Was von dem Menschen im Grabe liegt, folgt eben den Einflüssen der Naturgewalten, denen er verfallen ist. Der lebende Mensch hat durch die sittlichfreie Lösung seiner ihm von Gott auf Erden angewiesenen Lebensaufgabe Gott zu huldigen. Nicht das vorzeitige Sterben, das ausdauernde Gott huldigende Leben ist sein Wille. Diese Ueberzeugung giebt David in dem erschöpftesten Zustande die Zuversicht in die von Gottes Namen verbriefte Wundergüte Gottes.
ידה, (verwandt mit ידע) heißt im Hifil die Erkenntniß oder Gesinnung aussprechen, die wir in Beziehung auf Jemanden im Herzen tragen. Aussprechen was ein Anderer ist, uns ist und war, was wir ihm sein sollen, oder gewesen sind. Somit: bekennen, huldigen, danken, Sünden bekennen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7—9 יגעתי וגו' — סורו וגו'. אשחה. שחה: schwimmen. Das auf dem Wasser, was שחה, השתחוה, das sich gänzlich Niederwerfen, auf der Erde ist. מסה, verwandt mit מזה, מזי רעב 5. B. M. 32, 24: aufgelöst werden, schwinden. So auch ותמס כעש (Ps. 39, 12). עשש: modern, davon עש: die Motte. So auch Ps. 31, 10, 11. עתק: aus seiner Stelle rücken, vom Auge: aus seiner Höhle treten. Siehe Pent. 1. B. M. 12, 8. Bin ich daher auch von meinem Seufzen am Tage ermüdet, und schlafe doch Nachts nicht, weine vielmehr die ganze Nacht so unaufhörlich, daß mein Bett in Thränen schwimmt und fast darin aufgelöst ist; ist vor Kummer mein Auge schon modergebrochen, aus seiner Höhle getreten durch Alles was mich drängt: so weicht doch von mir, Ihr Gewalt-Männer alle, die Ihr mein Lager umsteht und jeden Augenblick mein Verscheiden erwartet; denn es hat Gott, der zu neuer Lebensspende stets Bereite, mein Weinen gehört.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. שמע וגו' יקח. Wie Gott mein Flehen gehört hat, wird er auch meine תפלה annehmen, mit welcher ich, meine Erkenntniß läuternd, aus seinem „Namen" die Zuversicht in seine neues Leben spendende Wundergüte geschöpft.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. יבשו וגו'. Es giebt zwei Wurzeln für den Begriff: sich schämen. בוש eigentlich sich in seinen Erwartungen getäuscht sehen (siehe Pent. 1. B. M. 2, 25), und יבש, (z. B. im Hifil: הובשת היום את פני כל עבדיך Sam. II 19, 6) eigentlich: trocken werden, seine Frische, die Fähigkeit fortzublühen, die Hoffnung verlieren. Vergl. יבשו עצמותינו ואבדה תקותנו (Ezech. 37, 11). יבשו ist entweder eine ungewöhnliche פעול-Form von יבש (die gewöhnliche Form des Futur ist איבש וכו') oder, und das ist das Wahrscheinlichere, es ist eine die Begriffe בוש und יבש verbindende Form: sie werden sich so getäuscht finden, daß sie die Hoffnung, das von ihnen Erwartete zu erleben, verlieren und wie gelähmt da stehen; sie kehren zurück, meinen einen Sterbenden zu finden, und finden sich nach einer Abwesenheit von der Kürze eines Augenblicks völlig getäuscht. So plötzlich tritt die Genesung ein. Wie sein Gemüth sich zu Gott gewendet und sein Geist die rechte Erkenntniß gefunden hat, lebt von Innen heraus sein Leben wieder auf.