Tehillim 5 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 5. 1. אל הנחילות. נחל bezeichnet nicht nur das Erhalten einer Erbschaft oder eines Landes zu bleibendem Eigenthum, sondern auch das zu bleibendem Eigenthum Erhalten geistiger Güter, wie: נחלתי עדותיך לעולם (Psalm 119, 111). נחלו פתאים אולת (Prov. 14, 18), ganz besonders aber wird es von den guten und bösen Verhängnissen gebraucht, die Gott den Guten und Bösen, gleichsam als Errungenschaft ihres Wandels zuletzt bleibend zu Theil werden läßt. והחוסה בי ינחל ארץ (Jes. 57, 13), ותמימים ינחלו טוב, (Prov. 28, 10). כבוד חכמים ינחלו (Prov. 3, 35). להנחיל אהבי יש (Prov. 8, 21). זאת נחלת עבדיו (Jes. 54, 17). ונחלת עריצים משדי יקחו (Hiob 27, 13) ונחלת שרי ממרומים (Hiob 27, 13). Auch hier bezeichnet נחילות die verschiedenen letzten Errungenschaften, die der Mensch mit seiner Pflichttreue oder Pflichtvergessenheit auf Erden erreicht, und למנצח אל הנחילות, ist Gott, der uns zum geistigen, innern Siege in Hinblick auf die letzten irdischen Ziele verhilft, die uns je nach unserer Lebensrichtung bevorstehen. „Dem, der uns zum Siege verhilft für die Lebens-Errungenschaften". (Siehe am Schlusse).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2, 3. אמרי sind die bereits zum Wortausdruck klar gewordenen Gedanken, הגיגי: das noch sinnende Denken, שועי ist der Hilferuf, das Erflehen von תשועה, von Hilfe in äußeren Nöthen. האזינה, אזן das Ohr und מאזנים die Waage, אזן wägen. אזנים sind gleichsam die beiden Waagschalen zur prüfenden und erwägenden Aufnahme der gesprochenen Rede. האזין: das Ohr zu solcher wägenden Aufnahme hinneigen. בין ist das Ermitteln des tiefen, nicht an der Oberfläche Liegenden. Der מבין ist der geistige איש הבינים, der in die „Mitte" der Verhältnisse sich Stellende, um das aus ihren „gegenseitigen" Beziehungen sich Ergebende zu „ermitteln". Siehe Pent. 1. B. M. 41, 32.
קשב ist das durch zum Ohr dringende Laute geweckte Aufmerken um Mehreres zu vernehmen, hinhorchen. Es ist im Kal Thätigkeit des Ohres: ואזני שומעים תקשבנה (Jes. 32, 3), im Hiphil, הקשיב; Thätigkeit der Intelligenz, die ihren Gehörsinn hinhorchen läßt. Vielleicht ist קשב mit כסף sich nach etwas Sehnen verwandt. Ist doch auch Hinhorchen, Lauschen, ein Sehnen nach ferner zu vernehmenden Lauten.
David bittet, Gott möge allen Regungen seiner Seele, seinem Reden, seinem Denken, seinem Flehen nahe sein, Gott ist sein „König" und sein „Gott", Er gebietet über seine äußere Lebensstellung, Ihm gehört sein Sein und sein Wollen, Gott möge daher als „König" seinem Flehen, als „Gott" seinem Reden und Denken nahe sein: כי אליך אתפלל, denn mit allen seinen Seelenregungen, mit seinen Reden, seinen Gedanken, seinem Flehen will David nichts als sein Inneres durch das rechte Urtheil פלל, d. h. durch die Erkenntniß des Wahren und Rechten in die rechte Beziehung zu Gott bringen. „Denn zu dir hin suche ich mich urtheilend zu heben". (Siehe zu Kap. 4, 2).
4. ד' בקר וגו'. Das erste בקר ist die Tageszeit, der wirkliche tägliche Morgen. Das zweite בקר ist aber der menschengeschichtliche Morgen, die Zeit, zu welcher die durch Irrthum, Verirrung und Trübsal Nacht ähnlich dunkele Gegenwart hinführt, und mit welcher sie endet. Wie denn überhaupt die Zeit des Unglücks mit Nacht bezeichnet wird, die Zeit des anbrechenden Heils aber im Morgen den bildlichen Ausdruck findet. Ganz besonders tritt aber in diesem bildlichen Sinne die reine Bedeutung von בקר als „Unterscheidung" bringende Zeit, im Gegensatz zu ערב und לילה, den Zeiten der „Mischung" und des „Ineinander-Geschlungenseins" aller Dinge (Siehe Pent. 1. B. Mos. 1, 5) da hervor, wo sich die Betrachtung in dem Gedankengange bewegt, daß in der Gegenwart durch das Glück so manches Schlechten und das Leid so manches Guten in der äußern Schicksalslage die Braven von den Pflichtvergessenen nicht zu unterscheiden sind, wogegen dann mit בקר der Zeit entgegen geharrt wird, wo die Gerechtigkeit Gottes diese Scheidung der Guten und Bösen in ihrem endlichen Geschicke Allen sichtbar hervortreten läßt. So אמר שומר אתה בקר (Jes. 21, 12). שבענו בבקר חסדך (Ps. 90, 14). להגיד בבקר חסדך (Ps. 92, 3). השמיעני בבקר חסדך (Ps. 143, 8). וירדו בם ישרים לבקר (Ps. 49, 15). Insbesondere schildert eben David Sam. II 23, 3 die Zeit, zu deren Verkündiger Gott ihn bestellt hat, in welcher der Gerechte und die Gottesfurcht in der Menschheit zur Herrschaft gelangen werden, als den anbrechenden hellsonnigen, wolkenlosen Morgen וכאור בקר יזרח שמש בקר לא עבות וגו' (Siehe Einleitung).
ערך, etwas ordnen, in die gehörige Lage und Stellung bringen, auch in Gedanken und Worten: etwas in gehöriger Weise vortragen, zur Einsicht und Erkenntniß darstellen אוכיחך ואערכה לעיניך (Ps. 50, 21), מערכי לב (Prov. 16, 1) die Ordnung, Disposition der Gedanken, bevor man sie vorträgt. Daher auch: Einer Sache die ihr gebührende Stelle nach Werth und Bedeutung ermitteln, schätzen: — ערך אל — und ערך ל —: Etwas als Einem entsprechend, seiner würdig, ihm gleich schätzen אין ערוך אליך (Ps. 40, 6) מי בשחק יערוך לד' (Ps. 89, 6).
David spricht: In der Morgenfrühe bete ich zu Gott, und den menschengeschichtlichen Morgen überdenke ich und wage ihn Gott entsprechend auszusprechen und lerne ihn erwarten. Die Tageszeit, der Morgenanbruch, in welchem ich bete, ruft mir den Gedanken des einstigen menschengeschichtlichen Tagesanbruchs in die Seele, ich vergegenwärtige mir ihn in der Art seines Werthes und seiner Bedeutung und stelle ihn Gott vor, אערכה לעיניך (Ps. 50, 21), oder: ich vergegenwärtige mir ihn in einer Gott entsprechenden Weise, mache mir aus Allem, was wir von Gott, seiner Gerechtigkeit und seinen Waltungszwecken wissen, klar, wie sich diese Zukunft gestalten werde, wie יערוך לד' (Ps. 89, 6), ואצפה: und wie vor meinen Augen aus der Nacht die Morgenröthe des Tages hervorbricht, so lerne ich mitten in der Nacht des Lebens und der Geschichte auf die sicher kommende Morgenröthe der Zukunft warten. צפה: ausschauen, daher צופה der Wächter, צפה im Piel mit Zuversicht auf Etwas ausschauen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5—7. כי וגו'. In der Menschengeschichte und in der Menschengesellschaft ist es jetzt Nacht. Es waltet darin רשע: die Gesetzlosigkeit; es findet darin רע: das Schlechte wie es scheint seine bleibende Stätte; הוללים — (von הלל im Kal: einen Schein werfen, ohne daß ein lichtiger Kern vorhanden ist, während es im Piel ein Strahlen bedeutet, das auf eine leuchtende Lichtquelle zurückführt) — Scheingrößen stehen dort gebietend an der Spitze der Verhältnisse; פועלי און, Vollbringer der Gewalt, des Machtmißbrauchs (siehe Pent. 1. B. M. S. 494), finden in allen Schichten Huldigung und Wohlwollen, weil man den Erfolg anbetet; nicht mit Wahrheit und Rechtschaffenheit, mit כזב: mit Täuschung sucht man Ziele zu erstreben, und איש מרמה: der in Betrügen Gewandteste ist der Geschätzteste. Diese Nacht kann nicht ewig dauern. Denn: kein heidnischer, an ungezügeltem Trieb-Leben seine Freude findender Gott beherrscht die Welt, לא אל חפץ רשע אתה; — nicht nur nicht bleibend, auch nicht vorübergehend gewährt Gott dem Schlechten als Schlechtes eine Stelle in seiner Welt, לא יגורך רע; das Schlechte, das er ohne es zu hindern zuläßt, steht selbst im Dienste des Guten, welches das Ziel seiner Weltordnung ist; -- Scheingrößen, wie stolz und selbstherrlich sie sich auch darstellen mögen, vor Gottes Augen haben sie keinen Bestand, לא יתיצבו הוללים לנגד עיניך; — mögen Menschen gelungenen Gewaltstreichen zujubeln und sich mit ihnen befreunden, Gottes Haß ist ihnen überall, in hohen und niedern Schichten, gewiß, שנאת כל פועלי און; — Gott ist ein Gott der Geradheit und Wahrheit, an Ihm und seiner Waltung wird Lügen und Täuschung zu Grunde gehen, nicht nur den Mord, ebenso den Betrug verabscheut Gott, תאבד דברי כזב איש דמים ומרמה יתעב ד'. Aus allen diesen Motiven vergegenwärtige ich mir den „Morgen" und harre zuversichtlich der Zeit entgegen, wo רשע und רע, הוללות und און כזב und מרמה, und damit die Nacht von der Erde geschwunden sein wird.
איש דמים ומרמה. Der Nachdruck liegt auf der Konjunktion ו': den Mann des Todschlags und des Trugs verabscheut Gott. Nicht nur den Todschläger, der ja auch von Menschen verabscheut wird, sondern ebenso auch den gewandten Betrüger verabscheut Gott. Betrug ist Gott wie Todschlag verhaßt. So: חכמה ומוסר אוילים בזו (Prov. 1, 7) Thoren verachten nicht nur Weisheit, sondern auch Sittenlehre. Die Verachtung der sittlichen Pflichten ist ebenso Thorheit wie die Verachtung der Weisheit.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. ואני וגו'. Ich aber, ich sehe mich nicht nur durch die aus der Erkenntniß der sittlichen Ziele der göttlichen Waltung erschlossene Zukunftlosigkeit alles Schlechten und aller Schlechten zum Nichtbetreten ihrer Wege veranlaßt, wie sehr auch während dieser Nachtzeit der Menschengesellschaft das Böse zu triumphiren scheint und ich selbst unter der Macht pflichtvergessener Menschen, insbesondere Eines איש דמים ומרמה, eines Mannes von an Todschlag gränzender Trug-Gewandtheit (— Achitophel —) zu leiden habe; sondern ברוב חסדך וגו'. Ich als Sohn des jüdischen Volkes, theile ja das uns durch die Fülle der göttlichen Gnade gewordene hohe Glück, daß mitten in dieser vielfach von Gott abgewandten Nachtzeit der Menschengesellschaft, Gott uns ein „Haus" gestiftet hat, das Gott „sein Haus" nennt und damit uns die beglückende Lehre vergegenwärtigt, wie wir mitten im Dunkel der Zeiten unser irdisches Leben also gestalten können, daß schon jetzt und hienieden Seine Gegenwart unter uns wohne, und in diesem seinem Hause, bildet die Stätte seines Gesetzes das Heiligste, das eigentliche „Heiligthum", dem alle unsere leiblichen und geistigen Kräfte und Vermögen hinzugeben, der Tisch und Leuchter im „Hechal", in der Macht-Stätte lehren, die vor das Allerheiligste der Wort-Stätte bereit gestellt sind. (Siehe Pent. 2. B. M. S. 424. 495). Wenn mich daher die von pflichtvergessenen Menschen unterhaltene Nacht umfängt, ja mich die Anstiftung und der Einfluß eines איש דמים ומרמה bedrohen, so flüchte ich mich in „dein Haus", das du uns in der Fülle deiner Gnade gestiftet hast, und werfe mich ganz den Anforderungen des deinem Gesetzesheiligthum geweihten „Hechal" hin, indem ich, von deiner Ehrfurcht durchdrungen all mein leibliches und geistiges Sein und Wollen der Lösung dieser Anforderungen hingebe, (השתחוה, das sich gänzlich Niederwerfen drückt die gänzliche Hingebung aus), und habe ich nur das Eine Anliegen:
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. ד' נחני וגו'. צדקה siehe Pent. 1. B. M. 15, 6. Führe mich in deiner Pflichtgerechtigkeit, d. h. in der von dir in deinem Hause und deinem Gesetzesheiligthum uns gelehrten Pflichtaufgabe. נחני: stehe mir bei, daß ich den rechten Weg erkenne und ihn im Leben nicht verfehle. למען שוררי, שור: Das schauen, was nicht offen zu Tage liegt. S. Pent. 1. B. M. S. 620. Davon שורים (Ps. 92, 12) und gewöhnlicher שוררים in feindlichem Sinne: Späher, Diejenigen, die an einem Andern etwas, wie sie meinen, verborgen liegendes Tadelnswerthes erspähen wollen. Die Feindschaft meiner Gegner macht mich nur um so ängstlicher in Reinhalten meines Wandels, daß ich mir auch nicht den Schein eines Unrechts zu Schulden kommen lasse, נחני למען שוררי, stehe mir bei in diesem Streben um meiner Späher willen, הישר לפני דרכך: lasse deinen Weg gerade vor mir liegen, d. h.: lasse mich nicht lange im Zweifel bleiben, welches der rechte Weg ist, den ich nach deinem Willen gehen soll. Aehnlich: ועפעפיך יישירו נגדך (Prov. 4, 25). Es ist aber קרי הישר und כתיב. Geschrieben ist es הושר eine Hiphilform wie הושב, gelesen wird es mit hörbarem י wie איסירם (Hosea 7, 12). Aehnlich Pent. 1. B. M. 8, 17. היצא אתך, das הוצא geschrieben ist. Wir haben dort bemerkt wie in der Form הוצא die Thätigkeit des Hinausgehenden ganz zurücktritt, die Wirkung vielmehr völlig auf Den zurückgeführt wird, der das Hinausgehen bewirkt; es heißt hinausführen. In היצא tritt aber die Thätigkeit des Hinausgehenden selbstständig hervor und der Andere hindert nur das Hinausgehen nicht, läßt es zu. היצא: lasse hinausgehen. Aehnlich hier. הושר würde erbitten, Gott solle ohne Davids Zuthun den rechten Weg immer vor ihm liegen lassen.
הישר: Er möge David immer ohne Schwanken den rechten Weg finden lassen, Gott möge dieser raschen Erkenntniß des Rechten nur nichts Hinderliches in den Weg treten lassen. David fühlt aber, daß er selbst zu dieser schwankenlos richtigen Erkenntniß des fördernden göttlichen Beistandes bedürfe. Darum sind beide Formen vereint. Gewiß muß der Mensch zur Erkenntniß des Rechten selbst das Meiste thun. Um aus dem in der תורה uns geöffneten Born der göttlichen Wahrheit für jeden vorliegenden Fall, für jeden zu thuenden Schritt das Rechte zu schöpfen, bedarf er des Aufgebotes der ganzen eigenen geistigen Anstrengung. Daher קרי: הישר. Allein ohne besondere Mitwirkung göttlichen Beistandes gelingt dies doch nur selten. Daher כתיב: הושר. Vergl. über קרי und כתיב Pent. 2. B. M. 21, 8.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. כי אין בפיהו וגו' הוות. Vergleichen wir die Accentuation Kap. 6, 3. 7, 9. 8, 3. und sonst, so werden wir die Ueberzeugung gewinnen, daß כי אין בפיהו נכונה und קרבם הוות nicht zwei gesonderte Hauptsätze, sondern zwei Sätze sind, deren einer dem andern untergeordnet ist und die zusammen Ein Ganzes bilden. Der Singular פיהו kann sich wohl nur auf קרבם beziehen. פי, der Mund, die Aeußerung des קרב, des Innern. נכון heißt das auf Wahrheit Begründete. So והנה אמת נכון הדבר (5. B. M. 17, 4). הוות ist der Form nach Infinitiv Piel von הוה: werden, verwandt mit היה: sein, הוה hervorbringen. הוות ist das stete Sinnen Etwas hervorzubringen, Brüten über Etwas. Ihr Inneres brütet unaufhörlich, darum ist in dem Munde dieses Innern kein auf Wahrheit begründetes Wort. Der Mund spricht nicht Das, was auf objektiver, äußerer, gegenständlicher Wahrheit beruht, sondern nur Das, was dem Vorhaben dienlich ist, worüber sie unaufhörlich brüten. So steht הוות häufig mit Aeußerungen der Rede zusammen. ודורשי רעתי דברו הוות (Ps. 38, 13). Sie sprechen Das, was ihr Inneres brütet, הוות תחשוב לשונך (Ps. 52, 4). שקר מזין על לשון הוות (Prov. 17, 4). So auch Hiob 6, 30: אם חכי לא יבין הוות: oder sollte mein Gaumen (als Wort prüfendes Organ) nicht merken, daß meine Rede nur im Dienst meines erregten Innern stünde?!
Jedenfalls blickt der Plural von קרבם auf das im vorigen Vers vorangehende שורי hin. David hat sich den besondern Gottesbeistand zum Schutz vor dem kleinsten Fehl gewünscht eben um Derer willen, die Tadelnswerthes an ihm erspähen möchten, um damit die Verleumdungen, die sie unter das Volk über ihn ausstreuen, zu belegen. Denn, sagt er, was sie über ihn aussprengen ist nichts auf Wahrheit begründetes, ist nur von ihrem Unheil brütenden Innern erzeugt.
קבר פתוח גרונם לשונם יחליקון. גרונם ist das was zu ihrem קרב führt. Das was sie in ihrem Innern brüten, ist ein Grab für das Heil eines Nebenmenschen, ihre Kehle ist die geöffnete Pforte dieses Grabes und ihre Zunge belegen sie mit so glatten Worten daß wer sich ihnen anvertraut unrettbar in das von ihrem Innern bereitete Grab hinabstürzt.
Möglich auch, daß שורי des V. 9 die דוברי כזב und איש מרמה des V. 7 sind und damit auf ganz bestimmte Gegner, Achitophel und die von ihm aufgewiegelten Empörer hingeblickt wird, und dann der Singular des פיהו auf den איש מרמה, so wie der Plural von קרבם auf דוברי כזב sich bezieht und würde der Satz כי אין בפיהו נכונה קרבם הוות dann sagen: Denn in Achitophels Mund ist kein wahres Wort, und durch ihn wird das Innere seiner Anhänger eine gährende Brutstätte, so daß sie dann mit glatten Worten das Volk für das in ihrem Innern geplante Unheil gewinnen und es rettungslos ins Unglück stürzen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. האשימם וגו'. אשם: die meist durch sociale Verbrechen selbstverschuldete Verödung. (Siehe Pent. 3. B. M. 5, 7 und 1. B. M. 42, 21). Zeige dies als אלקים, in deiner Menschen richtenden Waltung, האשימם: lasse sie, statt des Glückes, das sie verbrecherisch anstreben, die Selbstverödung finden, die sie verdienen; יפלו ממועצותיהם, lasse sie durch ihre eigenen geplanten Anschläge zu Grunde gehen.
ברוב פשעיהם וגו'. הדיחמו, נדח das verstärkte נדה: entfernen, von sich weisen (Ps. 62, 5). אך משאתו יעצו להדיח, von seiner Höhe beabsichtigen sie ihn mit Gewalt zu entfernen. ברוב פשעיהם וגו': um der Fülle ihrer Verbrechen willen weise sie fort von dir, oder: lasse sie von allen Glücksstellungen, die sie inne haben und die sie noch gewinnen wollen, plötzlich fortkommen, כי מרו בך; denn nicht gegen mich, in aller ersten Linie haben sie sich gegen dich, gegen dein Sittengesetz empört.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. וישמחו וגו'. Dieser Sturz meiner Gegner und ihr sich selbst durch ihre verbrecherischen Pläne bereiteter Untergang wird eine so offenkundige Offenbarung der göttlichen Rechtswaltung und des sich selbst vernichtenden Verbrechens sein, daß alle Die, die noch in Noth und Sorge sich befinden und mit Zuversicht auf Gott hin blicken, sich freuen und lernen לעולם ירננו, immer heiter zu bleiben, ותסך עלימו: und du wirst damit ihnen Schutz gewähren. Mit dem Untergang meiner Feinde, wirst du allen gleich mir von Feinden, Noth und Elend Bedrohten Schutz gewähren. Durch das Vertrauen, das in ihnen neubelebt und gestärkt wird, wird das sie umgebende Unglück seine niederschlagende Kraft verlieren. ויעלצו בך (Siehe Ps. 9, 3) ganz besonders aber werden über dich, über deine sichtbar gewordene Waltung aufjauchzen אהבי שמך: שם ד' ist die Summe unserer Gotteserkenntniß, die Summe Dessen, was wir von Gott, seinen Waltungsweisen und seinen Waltungszielen wissen. אוהבי שם ד' sind Diejenigen, die ihre höchste Glückseligkeit in die Vermehrung der eigenen Gotteserkenntniß, in deren Verbreitung unter den Menschenbrüdern und in die Wahrnehmung eines Fortschrittes dieser Erkenntniß auf Erden setzen. Wenn nun in dieser durch die Verirrungen der Menschen verdunkelten Zeitlichkeit, in welcher den pflicht- und gesetzestreuen Menschen im Gegensatz zu den menschengesellschaftlichen Erfahrungen oft nur das unerschütterliche Vertrauen auf שם ד', auf Das, was unserer Erkenntniß von Gott und seinen Waltungsweisen und Waltungszielen offenbar geworden, aufrecht, und des einst kommenden Menschheitsmorgens gewiß zu erhalten vermag, wenn in dieser nächtlichen Gegenwart, wie ein Vorbote jenes kommenden Morgens, der Finger der göttlichen Waltung an einem Untergang des Schlechten vor aller Augen sichtbar geworden: dann „jauchzen die Freunde des Gottes-Namens" hoch auf; bringt doch ein jedes solches Ereigniß einen Fortschritt für die Gotteserkenntniß auf Erden, und einen Beleg mehr für die Wahrheit, die sie treu in der Mannesbrust bewahren und mit männlichem Muthe jederzeit vor den Ohren einer kopfschüttelnden Welt bekennen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. כי אתה וגו'. Denn die Erkenntniß bricht sich Bahn, daß, während der Gesetzlose sein Gedeihen nur durch Menschenklugheit und Menschenmacht und zwar doch vergebens sucht, dem Gerechten der Segen aus Gottes Händen gewiß ist, und daß selbst so lange äußerlich der Segen noch nicht sichtbar ist, ihn vielmehr Noth und Leid umgeben, das göttliche Wohlgefallen, dessen ihn Gott für seine Schuldlosigkeit bewußt werden läßt, ihn, כצנה, wie ein abwehrender Stachel-Schild, (vergl. צנינים 4. B. Mos. 33, 55) umgiebt, und Noth und Elend ihm seine Ruhe und seinen innern Frieden nicht zu trüben vermögen. „Wie mit einem Stachelschild umgiebst du ihn mit Wohlgefallen". עטר verwandt mit אטר abschließen, עדר, חדר absondern: abschließend umgeben, davon עטרת: die Krone, der von allen Anderen symbolisch abschließende Reif. עטר auch in feindlichem Sinne: עוטרים אל דוד ואל אנשיו לתפשם (Samuel I 23, 26).
Vergegenwärtigen wir uns den Gedankeninhalt dieses Psalms, so spricht derselbe die verschiedenen Wege aus, auf welchen, und die verschiedenen Erfolge, mit welchen die Menschen das Heil auf Erden zu gewinnen suchen. רשע, die Gesetzlosigkeit sucht es auf dem Wege des „Schlechten", des „Größenscheins", der „Gewalt", der „Täuschung", des „Trugs", und wenn sie auch zeitlich zu triumphiren scheint, sie geht schließlich an ihren eigenen Plänen zu Grunde. צדיק, der Gerechte, sucht sich die leitenden Grundsätze für sein Verhalten und die leitenden Wahrheiten für sein Urtheil in Gottes Gesetzesheiligthum, und, wie er auch zu erliegen scheint, seiner wartet der endliche Gottessegen, und in allen Lagen hält ihn das Bewußtsein des göttlichen Wohlgefallens aufrecht und läßt Noth und Elend mit ihrer niederschlagenden Kraft nicht an ihn heran. Er ist in der Zukunft der Glückliche und auch in der Gegenwart der Glücklichere. Diesem Inhalt entspricht somit vollkommen die Ueberschrift: נחילות, er vergegenwärtigt uns ja die verschiedenen נחלות, die verschiedenen Loose und endlichen Errungenschaften der Menschen, und Gott ist der מנצח אל הנחילות, der in geistiger Erhebung dem Menschen zu einer dem Irrthum obsiegenden Erkenntniß der richtigen Wahl zwischen diesen verschiedenen Wegen und Zielen der Menschen verhilft. Wir haben schon (Pent. 1. B. M. S. 175) auf die Grundbedeutung נחל: Strom, hingewiesen, aus welcher sich die Bedeutung נחלה: Erbe begrifflich bildet. Rabbinisch (B. K. 114 a) heißt נחל in der hier vorkommenden Form נחיל, נחיל של דבורים: ein ausgeflogener Bienenschwarm, gleichsam ein „Bienenstrom", der sich ein Bette, eine Niederlassung, ein „Erbe" sucht. Es liegt sehr nahe hier auch נחילות als die ihr endliches Bette, ihre Niederlassung, ihr Erbe auf Erden suchenden verschiedenen Menschenströmungen aufzufassen. Der von uns erläuterte Sinn bleibt derselbe. Die Menschheit ist aus ihrem urheimischen „Korbe" ausgeflogen, und sucht in verschiedenen Strömungen ihr endliches „Gut" auf Erden.