Tehillim 86 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 86, V. 1. תפלה לדוד: nicht ein Gebet Davids, sondern dem Accent zufolge: Ein Gebet. Von David. Somit nicht sowohl ein aus Davids besonderer Lage hervorgegangenes Gebet, sondern ein Gebet allgemeinster Bedeutung. Ohnehin bezeichnet nach einer Auffassung der Weisen עני und אביון in den Psalmen nicht sowohl eine Einzelperson, als vielmehr Israel in der Abhängigkeit und Schwäche seiner Galuthstellung, und haben wir bereits bemerkt, wie selbst diejenigen Psalmen, die ursprünglich individuell gedacht und empfunden sein mögen, durch ihre Uebergabe an die Nation zu nationaler Auffassung dürften bestimmt worden sein. Dieser Psalm, welcher den Grundgedanken zum Ausdruck bringt, daß nicht sowohl die zu erzielende Hilfe, als vielmehr die Vergewisserung der Gottesnähe im Leiden das mit dem Gebete anzustrebende Ziel bildet, und in dem Innewerden dieser Nähe schon die Erhörung liegt, entspricht mit seinem Inhalte ebensowohl der besondern Lebenslage und Berufsbestimmung Davids, als den Leidenszuständen Israels und seiner, unter allem Wechsel des Geschickes bleibenden völkergeschichtlichen Bestimmung. Daß התפלל, תפלה nicht dem Begriff „Gebet," worunter man gewöhnlich eine Bitte versteht, entspricht, sondern vielmehr eine Arbeit an dem eigenen Innern ist, es auf's Neue mit Erkenntniß und Anerkenntniß von Wahrheiten zu durchdringen um damit unser Urtheil zu berichtigen, haben wir bereits wiederholt zu bemerken Gelegenheit gehabt. (Siehe Pent. 1. B. M. S. 200. 328). הטה ד' אזנך ענני ist durch drei ˌ zu Einem Gedanken verbunden: Mit dem Zuneigen deines Ohres erhöre mich. Daß ich inne werde, du vernehmest mein Wort, das wird mir schon Erlösung sein. Es genügt mir zu wissen, daß du weißt, daß ich leide, und darauf merkest, wie ich mein Leid ertrage und wie ich es begreife.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. שמרה נפשי כי חסיד אני. Hier tritt der Begriff חסיד in entschiedenster Klarheit hervor. חסיד ist der Selbstlose, der sein Recht, seinen Vortheil, seine Persönlichkeit nicht vertritt, sich ganz aufgiebt, dies ist die negative Seite des Charakters, womit sich das Positive der gänzlichen Hingebung an das Wohl Anderer verbindet (Siehe Pent. 1. B. M. S. 595. 3. B. M. S. 512 und Ps. 4, 4. 12, 2). David oder Israel spricht: Wahre du meine Seele; denn ich lasse Alles über mich ergehen, vertheidige mich nicht, und streite nicht für mein Recht. Und zwar: שמרה נפשי, wahre nur mein Inneres, lasse nur meine „Seele" intakt bleiben, mein äußeres Geschick gebe ich preis. הושע עבדך: du hast mich einmal zu deinem Diener bestellt, hilf, oder vielmehr: verleihe mir das energievolle Sein (ישע verw. mit ישה, wovon יש und תושיה), das zur Lösung dieser Dienstwirksamkeit erforderlich ist. הבוטח אליך bezieht sich entweder hinauf auf עבדך, oder auf den Personalbegriff der im Suffixum אלקי liegt. הבוטח אליך. בטח בך wäre ein Vertrauen auf die Hilfe, die Gott schon gewährt, und schlösse nur das Hinblicken auch noch auf andere Stützen aus. בטח אליך aber ist ein Gottvertrauen zu einer Zeit, wo noch die Hilfe fern ist, und der Vertrauende zu Gott hin schaut, der gewiß zur rechten Zeit die Hilfe nicht ausbleiben lassen wird.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. חנני וגו', sonst die Bitte um Gewährung im Allgemeinen, ist vorzugsweise die Bitte um geistige Begabung (Siehe Pent. 4. B. M. 6, 25).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. שמחת נפש וגו', die „Seelenfreude," das Gefühl der Seele, die sich an geistiger und sittlicher Kraft, der Erkenntniß, der Pflichttreue, der Ergebung, der יראה, der אהבה, der אמונה 2c. „wachsen" und Gott sich immer näher fühlt, ist die höchste Glückseligkeit, deren der Mensch im irdischen Dasein fähig ist, und eben dieses beglückendste Gut kann der Mensch in jeder Zeit und in jeder Schicksalslage erringen. שמחת נפש ist völlig unabhängig vom äußern Geschick. Das herbste Unglück, die bitterste Noth, die dringendste Gefahr kann ein Quell der reinsten, höchsten שמחת הנפש werden, wenn der Mensch sich die Kraft erringt, das aufrechte, ergebensmuthige Bestehen derselben, als die ihm damit gewordene Aufgabe zu betrachten, und es ihm gelingt, diese Aufgabe rein zu lösen. Das Gewinnen und Bewahren solcher שמחת נפש mitten im Leid war unser Talisman während unserer ganzen Leidensvergangenheit, und darum sind wir das geistig wache, heitere Volk geblieben mitten in allen Drangsalen des Drucks und der Verfolgung. כי אליך ד' נפשי אשא, zu dir hinan trage ich meine Seele. Deiner, deiner beglückenden Gegenwart und Nähe immer würdiger zu werden, lasse ich das ganze Streben meiner Seele sein.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. כי אתה וגו', denn, wie sehr ich mich auch nicht von Verirrungen frei weiß, so bleibe ich doch עבדך (V. 4), und du bleibst „mein Herr," und um deiner „Güte" willen darf ich nie aufhören dich zu suchen, nie aufhören, Herr meiner Verirrungen zu werden und über sie hinauf meine Seele zu dir emporzuheben, der du nicht nur סולח, sondern סלח bist, zu dessen Charakter und Wesen es gehört, Verzeihung zu gewähren; und du bist reich an Liebe, hast immer Vorrath von Liebe für Jeden, und übst sie in der größten Mannigfaltigkeit von Weisen je nach der besondern Eigenthümlichkeit eines Jeden. Jedem, der zu dir ruft, übst du Liebe, und wenn du ihm versagst, warum er dich anruft, so ist auch dies Versagen gewährende Liebe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. 7. האזינה וגו'. Würdige meine תפלה, mein Streben, mein Inneres zur Erkenntniß und Anerkenntniß des Wahren und Rechten vor dir zu bringen, des Vernehmens, und תחנונותי, bei den so vielen und mannigfaltigen Bitten um Gewährung, mit welchen mein Gemüth sich an dich wendet, wollest du nicht sowohl den Inhalt, den Gegenstand, sondern קול תחנונותי, die „Stimme" meines Flehens beachten, wollest wahrnehmen, daß ich dich anflehe und wie ich dich anflehe; denn am Tage meiner Noth, meiner „Bedrängniß," rufe ich dich nur, damit du mir antworten mögest, daß du mich es inne werden lassest, auch diese Noth sei von dir, auch in dieser Noth seist du bei mir, dann hat mein Flehen seinen eigentlichen Zweck erreicht. So weiß das Kind sich ruhig und sicher, wenn es die Nähe der Mutter fühlt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8—10. אין כמוך וגו'. In diesem Bedürfniß der Menschenseele die Gottesnähe zu gewinnen und in dem durch Nichts zu ersetzenden Beglückenden einer Befriedigung dieses Strebens, wie ich es in meinem wechselvollen Leben kennen gelernt, liegt die Bürgschaft für die einstige Heileszukunft der Gesammtmenschheit. Denn unter Allem, was die Menschen vergöttern, ist Nichts, was dir gleich schon durch sein Wesen die Menschenseelen zu beglücken vermag. Ihre Götter bleiben alle dem Menschen fremd, und als Täuschung erweist sich die Wahrnehmung und Wirkung, die sie ihnen andichten (Vgl. Ps. 115, 4—11). Was ihre Götter bewußt- und willenlos erzeugen, steht, wenn es erzeugt ist, außer Beziehung zum Erzeuger. Deinen Geschöpfen aber hast du den Zug zu Dir, ihrem Schöpfer einerschaffen, und darum gehen sie dir nicht verloren. Alle Völker, die du in der ganzen Mannigfaltigkeit ihrer Eigenthümlichkeit geschaffen, und der Erfahrung ihrer besondern Entwickelung überlassen hast, sie Alle kommen dir einst heim und unterwerfen sich deinem Dienste, wie ich dich jetzt als meinen Herrn anerkenne, und zollen deinem Namen die „Ehre," erkennen es, daß Alles was ist, und Alles was wird, nur dein Walten offenbart, und Alles, was die Menschen hoffen, nur von deinem Walten zu erwarten ist, wie es der von uns durch die Welt getragene und der an uns bewährte Name ד' den Menschen verheißt und gewährleistet.
כי גדול וגו'. Gottes „Größe" zeigt sich in „Liebe," und vor Allem in der langmuthsvoll erziehenden Liebe, die Er den zu Ihm zurückzuführenden Verirrten angedeihen läßt (Vgl. Pent. 4. B. M. 14, 17. Ps. 145). Die Rückkehr der Menschen aus der Selbst- und Welt-Vergötterung zu dem Einzig-Einen ist unter allen נפלאות ד' die größte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11—13. הורני וגו'. Zu diesem Ziele der Erleuchtung der Menschen lasse mich ein schwaches Werkzeug werden. Lehre mich erst selber deinen Weg, daß ich mit Ernst in deiner Wahrheit wandle; einige alle Regungen und Richtungen meines Innern, Nichts als die Verletzung der deinem „Namen“ zu zollenden Heiligung zu fürchten: dann werde ich dich als „meinen Herrn, als meinen Gott“ mit jeder Fiber meines Herzens bekennen, und Beitrag werden, daß deinem Namen die Ehre werde auf Erden. Denn ich kann dich verkünden, die ganze Größe deiner Liebeswaltung habe ich erfahren, meine Seele war schon dem tiefsten Untergange nahe, und du hast sie gerettet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14—17. אלקי' וגו'. Diese letzten Verse sind die eigentliche חפלה, mit welcher sich David — oder Israel — aus einer Gefahr drohenden Lage zu Gott emporhebt. Die Menschen, die David, die Völker, die Israel verfolgten und ihnen verlästernd das Recht des Daseins absprachen, waren nicht sittliche und rechtliebende Menschen und Völker, die sich als Richter über die von ihnen Verfolgten hätten erheben dürfen, sie waren זרים, standen sittlich viel tiefer, gewiß nicht höher als Diejenigen, die die Zielscheibe ihres weltgeschichtlichen Steinwurfs waren. Und es war nicht die Hefe der Völker, es waren Mächtige, עריצים, Machtstolze, die den ohnmächtigen ihrer Macht Preisgegebenen, die nur in Gott und Pflichtreue ihre Zuversicht setzten, das Recht des Daseins absprachen, ja in deren Existenz eine Höhnung und einen Protest gegen ihre Machtherrlichkeit erblickten. ולא שמוך לנגדם, und weil du scheinbar die von ihnen Verfolgten verlassen hattest, verloren sie dich ganz aus den Augen, und dachten gar nicht daran, daß sie doch auch dich mit in ihre Berechnung ziehen müßten. Vergaßen, daß trotz unserer gegenwärtigen, scheinbar von dir verlassenen Lage du doch 'אדני, wir doch deine „Diener“ zu sein nicht aufgehört haben, du אל, du die unversiegliche Kraftquelle für jeden Ohnmächtigen bist, Den, dem du einmal als חנון Liebe gewährt hast, ewig. רחום, als dein Werk liebst, vergaßen vor Allem, daß du ארך אפים bist „ihnen“ und „uns.“ Bei ihrer Macht und unserer Schwäche halten sie sich ohne Herrn und Richter und uns für ewig verlassen, und wissen nicht, daß du „mit lange ausharrender Geduld“ deinem Ziele entgegengehst, und ihr Triumph und unser Erliegen endlich an deiner Gerechtigkeit ein Ende findet, da so reich wie an Liebe, ebenso reich du an Wahrheit bist, und wenn du auch lange stundest, doch zuletzt alle Forderungen geltend machst (Siehe Pent. 2. B. M. 34, 6). Hier ist אל רחום durch מקיף verbunden, somit Ein Begriff: als רחום bist du אל, du übst deine Kraft im Dienste deiner Liebe zu deinem Werke.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. פנה וגו'. Zeige darin, daß wir nicht verlassen sind, indem du den geistigen Segen und die Widerstandskraft verleihst, deren wir zum Ausharren in deinem Dienste bedürfen, und als בן אמתך, um unserer großen Väter willen, als treuem Sohn unserer ganzen Vergangenheit gieb uns ein schwächeloses Sein.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. עשה וגו'. Ich bitte nicht um גאולה, bitte nicht um Vernichtung unserer Feinde, aber ich bitte: „übe irgend ein Zeichen mit mir zum Guten,“ lasse in meinem Galuthzustande irgend Etwas geschehen, woran die Menschen erkennen, daß ich doch nicht wie sie meinen, der von dir Verlassene und Verworfene bin, daß ich der Menschen Haß doch nicht verdiene, sonst würde mir Gott keinen Beistand und Trost gewährt haben.