Tehillim 86 תהילים

Buch: Kapitel: Vers:
Übersetzung:
1
תְּפִלָּ֗ה לְדָ֫וִ֥ד הַטֵּֽה־יְהֹוָ֣ה אׇזְנְךָ֣ עֲנֵ֑נִי כִּֽי־עָנִ֖י וְאֶבְי֣וֹן אָֽנִי׃
BernfeldGebet von David. Neige, Herr, dein Ohr, erhöre mich, denn arm und dürftig bin ich.
ZunzGebet von Dawid. Neige, Ewiger, dein Ohr, erhöre mich; denn arm und dürftig bin ich.
HirschEin Gebet. Von David. Neige Gott dein Ohr antworte mir; denn arm und wehrlos bin ich.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 86, V. 1. תפלה לדוד: nicht ein Gebet Davids, sondern dem Accent zufolge: Ein Gebet. Von David. Somit nicht sowohl ein aus Davids besonderer Lage hervorgegangenes Gebet, sondern ein Gebet allgemeinster Bedeutung. Ohnehin bezeichnet nach einer Auffassung der Weisen עני und אביון in den Psalmen nicht sowohl eine Einzelperson, als vielmehr Israel in der Abhängigkeit und Schwäche seiner Galuthstellung, und haben wir bereits bemerkt, wie selbst diejenigen Psalmen, die ursprünglich individuell gedacht und empfunden sein mögen, durch ihre Uebergabe an die Nation zu nationaler Auffassung dürften bestimmt worden sein. Dieser Psalm, welcher den Grundgedanken zum Ausdruck bringt, daß nicht sowohl die zu erzielende Hilfe, als vielmehr die Vergewisserung der Gottesnähe im Leiden das mit dem Gebete anzustrebende Ziel bildet, und in dem Innewerden dieser Nähe schon die Erhörung liegt, entspricht mit seinem Inhalte ebensowohl der besondern Lebenslage und Berufsbestimmung Davids, als den Leidenszuständen Israels und seiner, unter allem Wechsel des Geschickes bleibenden völkergeschichtlichen Bestimmung. Daß התפלל, תפלה nicht dem Begriff „Gebet," worunter man gewöhnlich eine Bitte versteht, entspricht, sondern vielmehr eine Arbeit an dem eigenen Innern ist, es auf's Neue mit Erkenntniß und Anerkenntniß von Wahrheiten zu durchdringen um damit unser Urtheil zu berichtigen, haben wir bereits wiederholt zu bemerken Gelegenheit gehabt. (Siehe Pent. 1. B. M. S. 200. 328). הטה ד' אזנך ענני ist durch drei ˌ zu Einem Gedanken verbunden: Mit dem Zuneigen deines Ohres erhöre mich. Daß ich inne werde, du vernehmest mein Wort, das wird mir schon Erlösung sein. Es genügt mir zu wissen, daß du weißt, daß ich leide, und darauf merkest, wie ich mein Leid ertrage und wie ich es begreife.

2
שׇׁ֥מְרָ֣ה נַפְשִׁי֮ כִּֽי־חָסִ֢יד אָ֥֫נִי הוֹשַׁ֣ע עַ֭בְדְּךָ אַתָּ֣ה אֱלֹהַ֑י הַבּוֹטֵ֥חַ אֵלֶֽיךָ׃
BernfeldBehüte mich, denn ich bin fromm, hilf, mein Gott, deinem Knecht, der auf dich vertraut.
ZunzBehüte meine Seele, denn ich bin fromm, hilf deinem Knechte, du, mein Gott, der auf dich vertrauet.
HirschWahre meine Seele, denn ich gebe mich hin; du mein Gott, hilf deinem Diener, ihm, der zu dir, hin vertraut.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. שמרה נפשי כי חסיד אני. Hier tritt der Begriff חסיד in entschiedenster Klarheit hervor. חסיד ist der Selbstlose, der sein Recht, seinen Vortheil, seine Persönlichkeit nicht vertritt, sich ganz aufgiebt, dies ist die negative Seite des Charakters, womit sich das Positive der gänzlichen Hingebung an das Wohl Anderer verbindet (Siehe Pent. 1. B. M. S. 595. 3. B. M. S. 512 und Ps. 4, 4. 12, 2). David oder Israel spricht: Wahre du meine Seele; denn ich lasse Alles über mich ergehen, vertheidige mich nicht, und streite nicht für mein Recht. Und zwar: שמרה נפשי, wahre nur mein Inneres, lasse nur meine „Seele" intakt bleiben, mein äußeres Geschick gebe ich preis. הושע עבדך: du hast mich einmal zu deinem Diener bestellt, hilf, oder vielmehr: verleihe mir das energievolle Sein (ישע verw. mit ישה, wovon יש und תושיה), das zur Lösung dieser Dienstwirksamkeit erforderlich ist. הבוטח אליך bezieht sich entweder hinauf auf עבדך, oder auf den Personalbegriff der im Suffixum אלקי liegt. הבוטח אליך. בטח בך wäre ein Vertrauen auf die Hilfe, die Gott schon gewährt, und schlösse nur das Hinblicken auch noch auf andere Stützen aus. בטח אליך aber ist ein Gottvertrauen zu einer Zeit, wo noch die Hilfe fern ist, und der Vertrauende zu Gott hin schaut, der gewiß zur rechten Zeit die Hilfe nicht ausbleiben lassen wird.

3
חׇנֵּ֥נִי אֲדֹנָ֑י כִּ֥י אֵלֶ֥יךָ אֶ֝קְרָ֗א כׇּל־הַיּֽוֹם׃
BernfeldSei mir gnädig, Herr, denn zu dir rufe ich den ganzen Tag.
ZunzSei mir gnädig, Herr, denn zu dir ruf ich den ganzen Tag.
HirschGewähre mir geistige Begabung, mein Herr; denn zu dir rufe ich alle Zeit.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. חנני וגו', sonst die Bitte um Gewährung im Allgemeinen, ist vorzugsweise die Bitte um geistige Begabung (Siehe Pent. 4. B. M. 6, 25).

4
שַׂ֭מֵּחַ נֶ֣פֶשׁ עַבְדֶּ֑ךָ כִּ֥י אֵלֶ֥יךָ אֲ֝דֹנָ֗י נַפְשִׁ֥י אֶשָּֽׂא׃
BernfeldErfreue deinen Knecht, denn zu dir, Herr, erhebe ich mein Herz.
ZunzErfreue die Seele deines Knechtes, denn zu dir, Herr, erheb' ich meine Seele.
HirschMache freudig die Seele deines Dieners; denn zu dir, mein Herr, trage ich meine Seele hinan.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. שמחת נפש וגו', die „Seelenfreude," das Gefühl der Seele, die sich an geistiger und sittlicher Kraft, der Erkenntniß, der Pflichttreue, der Ergebung, der יראה, der אהבה, der אמונה 2c. „wachsen" und Gott sich immer näher fühlt, ist die höchste Glückseligkeit, deren der Mensch im irdischen Dasein fähig ist, und eben dieses beglückendste Gut kann der Mensch in jeder Zeit und in jeder Schicksalslage erringen. שמחת נפש ist völlig unabhängig vom äußern Geschick. Das herbste Unglück, die bitterste Noth, die dringendste Gefahr kann ein Quell der reinsten, höchsten שמחת הנפש werden, wenn der Mensch sich die Kraft erringt, das aufrechte, ergebensmuthige Bestehen derselben, als die ihm damit gewordene Aufgabe zu betrachten, und es ihm gelingt, diese Aufgabe rein zu lösen. Das Gewinnen und Bewahren solcher שמחת נפש mitten im Leid war unser Talisman während unserer ganzen Leidensvergangenheit, und darum sind wir das geistig wache, heitere Volk geblieben mitten in allen Drangsalen des Drucks und der Verfolgung. כי אליך ד' נפשי אשא, zu dir hinan trage ich meine Seele. Deiner, deiner beglückenden Gegenwart und Nähe immer würdiger zu werden, lasse ich das ganze Streben meiner Seele sein.

5
כִּֽי־אַתָּ֣ה אֲ֭דֹנָי ט֣וֹב וְסַלָּ֑ח וְרַב־חֶ֝֗סֶד לְכׇל־קֹֽרְאֶֽיךָ׃
BernfeldDenn du, o Herr, bist gütig und verzeihend, reich an Gnade für alle, die dich anrufen.
ZunzDenn du, Herr, bist gütig und verzeihend, und reich an Huld für Alle, die dich anrufen.
HirschDenn du, mein Herr, bist gütig und verzeihend, bist reich an Liebe allen Denen, die dich rufen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. כי אתה וגו', denn, wie sehr ich mich auch nicht von Verirrungen frei weiß, so bleibe ich doch עבדך (V. 4), und du bleibst „mein Herr," und um deiner „Güte" willen darf ich nie aufhören dich zu suchen, nie aufhören, Herr meiner Verirrungen zu werden und über sie hinauf meine Seele zu dir emporzuheben, der du nicht nur סולח, sondern סלח bist, zu dessen Charakter und Wesen es gehört, Verzeihung zu gewähren; und du bist reich an Liebe, hast immer Vorrath von Liebe für Jeden, und übst sie in der größten Mannigfaltigkeit von Weisen je nach der besondern Eigenthümlichkeit eines Jeden. Jedem, der zu dir ruft, übst du Liebe, und wenn du ihm versagst, warum er dich anruft, so ist auch dies Versagen gewährende Liebe.

6
הַאֲזִ֣ינָה יְ֭הֹוָה תְּפִלָּתִ֑י וְ֝הַקְשִׁ֗יבָה בְּק֣וֹל תַּחֲנוּנוֹתָֽי׃
BernfeldVernimm, Herr, mein Gebet, und höre auf die Stimme meines Flehens.
ZunzVernimm, Ewiger, mein Gebet, und horch auf die Stimme meines Flehens.
HirschHöre Gott mein Gebet, und merke auf die Stimme meiner Gewährungswürdigkeit suchenden Bitten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. 7. האזינה וגו'. Würdige meine תפלה, mein Streben, mein Inneres zur Erkenntniß und Anerkenntniß des Wahren und Rechten vor dir zu bringen, des Vernehmens, und תחנונותי, bei den so vielen und mannigfaltigen Bitten um Gewährung, mit welchen mein Gemüth sich an dich wendet, wollest du nicht sowohl den Inhalt, den Gegenstand, sondern קול תחנונותי, die „Stimme" meines Flehens beachten, wollest wahrnehmen, daß ich dich anflehe und wie ich dich anflehe; denn am Tage meiner Noth, meiner „Bedrängniß," rufe ich dich nur, damit du mir antworten mögest, daß du mich es inne werden lassest, auch diese Noth sei von dir, auch in dieser Noth seist du bei mir, dann hat mein Flehen seinen eigentlichen Zweck erreicht. So weiß das Kind sich ruhig und sicher, wenn es die Nähe der Mutter fühlt.

7
בְּי֣וֹם צָ֭רָתִֽי אֶקְרָאֶ֗ךָּ כִּ֣י תַעֲנֵֽנִי׃
BernfeldAm Tage meiner Not rufe ich dich, dass du mich erhörst.
ZunzAm Tage meiner Noth ruf' ich dich, denn du erhörst mich.
HirschAm Tage meiner Noth rufe ich dich, daß du mir antworten mögest.
8
אֵין־כָּמ֖וֹךָ בָאֱלֹהִ֥ים ׀ אֲדֹנָ֗י וְאֵ֣ין כְּֽמַעֲשֶֽׂיךָ׃
BernfeldNiemand ist dir gleich unter Göttern, Herr, und nichts gleicht deinen Werken.
ZunzNiemand ist dir gleich unter Göttern, Herr, und nichts gleicht deinen Werken.
HirschNichts gleicht dir unter den Göttern, mein Herr, und Nichts deinen Schöpfungen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8—10. אין כמוך וגו'. In diesem Bedürfniß der Menschenseele die Gottesnähe zu gewinnen und in dem durch Nichts zu ersetzenden Beglückenden einer Befriedigung dieses Strebens, wie ich es in meinem wechselvollen Leben kennen gelernt, liegt die Bürgschaft für die einstige Heileszukunft der Gesammtmenschheit. Denn unter Allem, was die Menschen vergöttern, ist Nichts, was dir gleich schon durch sein Wesen die Menschenseelen zu beglücken vermag. Ihre Götter bleiben alle dem Menschen fremd, und als Täuschung erweist sich die Wahrnehmung und Wirkung, die sie ihnen andichten (Vgl. Ps. 115, 4—11). Was ihre Götter bewußt- und willenlos erzeugen, steht, wenn es erzeugt ist, außer Beziehung zum Erzeuger. Deinen Geschöpfen aber hast du den Zug zu Dir, ihrem Schöpfer einerschaffen, und darum gehen sie dir nicht verloren. Alle Völker, die du in der ganzen Mannigfaltigkeit ihrer Eigenthümlichkeit geschaffen, und der Erfahrung ihrer besondern Entwickelung überlassen hast, sie Alle kommen dir einst heim und unterwerfen sich deinem Dienste, wie ich dich jetzt als meinen Herrn anerkenne, und zollen deinem Namen die „Ehre," erkennen es, daß Alles was ist, und Alles was wird, nur dein Walten offenbart, und Alles, was die Menschen hoffen, nur von deinem Walten zu erwarten ist, wie es der von uns durch die Welt getragene und der an uns bewährte Name ד' den Menschen verheißt und gewährleistet.

כי גדול וגו'. Gottes „Größe" zeigt sich in „Liebe," und vor Allem in der langmuthsvoll erziehenden Liebe, die Er den zu Ihm zurückzuführenden Verirrten angedeihen läßt (Vgl. Pent. 4. B. M. 14, 17. Ps. 145). Die Rückkehr der Menschen aus der Selbst- und Welt-Vergötterung zu dem Einzig-Einen ist unter allen נפלאות ד' die größte.

9
כׇּל־גּוֹיִ֤ם ׀ אֲשֶׁ֥ר עָשִׂ֗יתָ יָב֤וֹאוּ ׀ וְיִשְׁתַּחֲו֣וּ לְפָנֶ֣יךָ אֲדֹנָ֑י וִ֖יכַבְּד֣וּ לִשְׁמֶֽךָ׃
BernfeldAlle Völker, die du geschaffen, werden kommen und sich vor dir bücken und deinen Namen ehren.
ZunzAlle Völker, die du gemacht, werden kommen, und sich vor dir bücken, Herr, und Ehre geben deinem Namen.
HirschAlle Völker, die du geschaffen hast, kommen einst und werfen vor dir sich hin mein Herr, und geben deinem Namen die Ehre.
10
כִּֽי־גָד֣וֹל אַ֭תָּה וְעֹשֵׂ֣ה נִפְלָא֑וֹת אַתָּ֖ה אֱלֹהִ֣ים לְבַדֶּֽךָ׃
BernfeldDenn groß bist du und tust Wunder, nur du, o Gott, allein.
ZunzDenn groß bist du, und thust Wunder, du, Gott, allein.
HirschDenn groß bist du und Wunder übend, du Gott allein.
11
ה֘וֹרֵ֤נִי יְהֹוָ֨ה ׀ דַּרְכֶּ֗ךָ אֲהַלֵּ֥ךְ בַּאֲמִתֶּ֑ךָ יַחֵ֥ד לְ֝בָבִ֗י לְיִרְאָ֥ה שְׁמֶֽךָ׃
BernfeldLehre mich, Herr, deinen Weg, ich will wandeln in deiner Wahrheit; richte mein Herz, deinen Namen zu fürchten.
ZunzLehre mich, Ewiger, deinen Weg, ich will wandeln in deiner Wahrheit; einige mein Herz, deinen Namen zu fürchten.
HirschLehre mich Gott deinen Weg; damit ich mit Kraft wandle in deiner Wahrheit, einige meinen Sinn deinen Namen zu fürchten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11—13. הורני וגו'. Zu diesem Ziele der Erleuchtung der Menschen lasse mich ein schwaches Werkzeug werden. Lehre mich erst selber deinen Weg, daß ich mit Ernst in deiner Wahrheit wandle; einige alle Regungen und Richtungen meines Innern, Nichts als die Verletzung der deinem „Namen“ zu zollenden Heiligung zu fürchten: dann werde ich dich als „meinen Herrn, als meinen Gott“ mit jeder Fiber meines Herzens bekennen, und Beitrag werden, daß deinem Namen die Ehre werde auf Erden. Denn ich kann dich verkünden, die ganze Größe deiner Liebeswaltung habe ich erfahren, meine Seele war schon dem tiefsten Untergange nahe, und du hast sie gerettet.

12
אוֹדְךָ֤ ׀ אֲדֹנָ֣י אֱ֭לֹהַי בְּכׇל־לְבָבִ֑י וַאֲכַבְּדָ֖ה שִׁמְךָ֣ לְעוֹלָֽם׃
BernfeldPreisen will ich dich, Herr, mein Gott, mit meinem ganzen Herzen und immer deinen Namen verehren.
ZunzPreisen will ich dich, Herr, mein Gott, mit meinem ganzen Herzen, und verehren deinen Namen ewiglich.
HirschDich will ich bekennen, mein Herr mein Gott, mit meinem ganzen Sinn, und will deinem Namen die Ehre geben auf ewig;
13
כִּֽי־חַ֭סְדְּךָ גָּד֣וֹל עָלָ֑י וְהִצַּ֥לְתָּ נַ֝פְשִׁ֗י מִשְּׁא֥וֹל תַּחְתִּיָּֽה׃
BernfeldDenn deine Gnade ist groß gegen mich; du hast mich gerettet aus der Gruft der Tiefe.
ZunzDenn deine Huld ist groß über mir, und du hast meine Seele gerettet aus der Gruft der Tiefe.
Hirschdaß deine Liebe groß über mich gewaltet und du meine Seele aus tiefer Gruft gerettet.
14
אֱלֹהִ֤ים ׀ זֵ֘דִ֤ים קָמוּ־עָלַ֗י וַעֲדַ֣ת עָ֭רִיצִים בִּקְשׁ֣וּ נַפְשִׁ֑י וְלֹ֖א שָׂמ֣וּךָ לְנֶגְדָּֽם׃
BernfeldGott, Bösewichter sind gegen mich aufgestanden, und eine Rotte Übermütiger trachtet mir nach dem Leben; sie hatten dich nicht vor Augen.
ZunzGott, Trotzige sind aufgestanden gegen mich, und die Rotte der Uebermüthigen trachtet mir nach dem Leben, und haben dich nicht vor Augen genommen.
HirschGott, Frevler sind über mich aufgestanden, ein Verein von Machtstolzen suchte meine Seele, und haben dich nicht sich entgegen gehalten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14—17. אלקי' וגו'. Diese letzten Verse sind die eigentliche חפלה, mit welcher sich David — oder Israel — aus einer Gefahr drohenden Lage zu Gott emporhebt. Die Menschen, die David, die Völker, die Israel verfolgten und ihnen verlästernd das Recht des Daseins absprachen, waren nicht sittliche und rechtliebende Menschen und Völker, die sich als Richter über die von ihnen Verfolgten hätten erheben dürfen, sie waren זרים, standen sittlich viel tiefer, gewiß nicht höher als Diejenigen, die die Zielscheibe ihres weltgeschichtlichen Steinwurfs waren. Und es war nicht die Hefe der Völker, es waren Mächtige, עריצים, Machtstolze, die den ohnmächtigen ihrer Macht Preisgegebenen, die nur in Gott und Pflichtreue ihre Zuversicht setzten, das Recht des Daseins absprachen, ja in deren Existenz eine Höhnung und einen Protest gegen ihre Machtherrlichkeit erblickten. ולא שמוך לנגדם, und weil du scheinbar die von ihnen Verfolgten verlassen hattest, verloren sie dich ganz aus den Augen, und dachten gar nicht daran, daß sie doch auch dich mit in ihre Berechnung ziehen müßten. Vergaßen, daß trotz unserer gegenwärtigen, scheinbar von dir verlassenen Lage du doch 'אדני, wir doch deine „Diener“ zu sein nicht aufgehört haben, du אל, du die unversiegliche Kraftquelle für jeden Ohnmächtigen bist, Den, dem du einmal als חנון Liebe gewährt hast, ewig. רחום, als dein Werk liebst, vergaßen vor Allem, daß du ארך אפים bist „ihnen“ und „uns.“ Bei ihrer Macht und unserer Schwäche halten sie sich ohne Herrn und Richter und uns für ewig verlassen, und wissen nicht, daß du „mit lange ausharrender Geduld“ deinem Ziele entgegengehst, und ihr Triumph und unser Erliegen endlich an deiner Gerechtigkeit ein Ende findet, da so reich wie an Liebe, ebenso reich du an Wahrheit bist, und wenn du auch lange stundest, doch zuletzt alle Forderungen geltend machst (Siehe Pent. 2. B. M. 34, 6). Hier ist אל רחום durch מקיף verbunden, somit Ein Begriff: als רחום bist du אל, du übst deine Kraft im Dienste deiner Liebe zu deinem Werke.

15
וְאַתָּ֣ה אֲ֭דֹנָי אֵל־רַח֣וּם וְחַנּ֑וּן אֶ֥רֶךְ אַ֝פַּ֗יִם וְרַב־חֶ֥סֶד וֶאֱמֶֽת׃
BernfeldDu aber, Herr, bist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Gnade und Treue.
ZunzDu aber, Herr, bist ein Gott, barmherzig und gnädig, langmüthig und reich an Huld und Treue.
HirschUnd du bist doch mein Herr, in Liebe zu deinem Werke kraftübend und gewährungsbereit; lange geduldend, und liebereich und wahrheitsreich!
16
פְּנֵ֥ה אֵלַ֗י וְחׇ֫נֵּ֥נִי תְּנָֽה־עֻזְּךָ֥ לְעַבְדֶּ֑ךָ וְ֝הוֹשִׁ֗יעָה לְבֶן־אֲמָתֶֽךָ׃
BernfeldWende dich zu mir und sei mir gnädig, verleihe deine Macht deinem Knecht und hilf dem Sohne deiner Magd.
ZunzWende dich zu mir und sei mir gnädig, verleihe deine Macht deinem Knechte, und hilf dem Sohne deiner Magd.
HirschWende dich zu mir und gewähre mir geistige Begabung; spende deine Widerstandskraft deinem Diener, und verleihe wahrhaft Sein dem Sohne deiner Magd.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 16. פנה וגו'. Zeige darin, daß wir nicht verlassen sind, indem du den geistigen Segen und die Widerstandskraft verleihst, deren wir zum Ausharren in deinem Dienste bedürfen, und als בן אמתך, um unserer großen Väter willen, als treuem Sohn unserer ganzen Vergangenheit gieb uns ein schwächeloses Sein.

17
עֲשֵֽׂה־עִמִּ֥י א֗וֹת לְט֫וֹבָ֥ה וְיִרְא֣וּ שֹׂנְאַ֣י וְיֵבֹ֑שׁוּ כִּֽי־אַתָּ֥ה יְ֝הֹוָ֗ה עֲזַרְתַּ֥נִי וְנִחַמְתָּֽנִי׃ {פ}
BernfeldErweise an mir Wunder zum Heil, dass meine Feinde es sehen und zu Schanden werden, denn du, Herr, stehst mir bei und tröstest mich.
ZunzThue an mir ein Zeichen zum Guten, und sehen es meine Feinde, werden sie zu Schanden, denn du, Ewiger, siehst mir bei und tröstest mich.
HirschÜbe mit mir ein Zeichen zum Guten, daß meine Feinde es sehen und sich getäuscht finden, daß du Gott mir beigestanden und mir Trost gespendet hast.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 17. עשה וגו'. Ich bitte nicht um גאולה, bitte nicht um Vernichtung unserer Feinde, aber ich bitte: „übe irgend ein Zeichen mit mir zum Guten,“ lasse in meinem Galuthzustande irgend Etwas geschehen, woran die Menschen erkennen, daß ich doch nicht wie sie meinen, der von dir Verlassene und Verworfene bin, daß ich der Menschen Haß doch nicht verdiene, sonst würde mir Gott keinen Beistand und Trost gewährt haben.