Tehillim 85 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 85, V. 1. V. 1—8 ist ein Ruf um Erlösung aus Israels zweitem langen Exil der seine Zuversicht aus der Thatsache schöpft. daß ja Gott schon einmal aus einem Exile Erlösung gewährt hat, V. 2—5, so wie aus der Verheißung, daß Gott ja auch dieses Exil nicht ewig dauern, vielmehr auch es das Erlösungsziel finden lassen wolle, V. 6—8.
Diesem Hilferuf wird V. 9—15 mit dem Inhalt der Erwiederung Gottes begegnet, wie es nur an uns liegt, die Erlösung rasch zu bringen, wenn wir die sittlichen Bedingungen lösen, an welche alles Heil auf Erden unabweislich geknüpft ist.
V. 1—8. שבות. Siehe Pent. 5. B. M. 30, 3. שבית, geschrieben: שבות, siehe Ps. 39,1. Beide Formen bezeichnen nicht sowohl die Gefangenen, als vielmehr die Gefangennehmung, die Handlung des Gefangennehmens. Indem aber die Wiederzuwendung in diesem Zusammenhange immer auf den Akt und nicht auf die davon betroffenen Menschen bezogen wird, so dürfte der Gedanke zu Grunde liegen, daß, so wie die Wegführung aus dem Vaterlande ein von Gott herbeigeführtes Verhängniß war, sich Gott auch wieder der Aufhebung desselben zuwendet, sobald sein damit beabsichtigter Zweck erreicht ist.
Die vereinigte doppelte Form שבית und שבות dürfte aber sagen: daß mit der Wiederaufhebung der Einen concreten Gefangenschaft, שבית, die tröstlich allgemeine Thatsache verbürgt sein dürfte, daß von Gott verhängte Gefangennehmung überhaupt kein für ewige Zeit beschlossenes Verhängniß bilde, das nicht einer Erlösung entgegenharren dürfte. השיבת מחרון אפך. Du hast vom Glühen deines Zornes zurückgenommen, d. h. du hast das Glühen deines Zornes gemildert. שובנו siehe 5. B. M. 30, 3. הלעולם וגו' du hast freilich diesem unserm zweiten Exil nicht so wie dem ersten eine bestimmte Frist gesetzt; allein es ist dennoch sicher nicht deine Absicht es ewig dauern zu lassen, ja, הלא וגו' du hast ja unsere Wiederbelebung und Wiederbeglückung verheißen, so הראנו וגו' lasse uns, das gegenwärtige Geschlecht, die Glücklichen sein, die Wiederkehr deiner Liebe und deines Heils zu erleben!
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. אשמעה וגו'. Diesem um baldige Erlösung aus dem Exile flehenden Rufe gegenüber spricht der Koraide: ich möchte nun aber auch einmal hören, was Gott eurem Rufe gegenüber zu sprechen hätte, Gott, der אל ד' ist, der die Allmacht, richtiger: die Allkraft ist, aus dessen Kraftfülle jede Kraft stammt, die in irgend einem Wesen sich wirksam regt, dessen somit das Dasein eines jeden Wesens ist, das sich des Daseins erfreut, und der ד' ist, von dem nicht nur jedes Sein, von dem jedes „Werden" abhängt, und der in jedem Augenblicke bereit ist, dem Menschen und der Menschheit eine neue Zukunft des Heiles zu eröffnen. Was wird האל ד' sprechen, wenn er שלום, das vollendete Heil seinem Volke, und über sein Volk hinaus allen Menschen verleihen will, die sich in hingebender Liebe Ihm weihen, ואל ישובו לכסלה. Siehe Ps. 78, 7. Ein Vertrauen, das durch die Erscheinungen und Ereignisse in keiner Weise gerechtfertigt scheint, heißt כסל, כסלה, und dieses ist auch in den Augen der Welt das Vertrauen auf Israels und der Menschheit Erlösung, bis es einst durch die Erfahrung gerechtfertigt sein wird. Gott will ein solches שלום, einen vollendeten und dauernden Heileszustand für עמו und חסידיו bescheiden, daß ihr Gottvertrauen nie wieder zu einer Thorheit in den Augen der Welt werde.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. אך קרוב וגו'. Dies und das Folgende ist der Inhalt der Vorbedingungen, die Gott aussprechen wird, wenn er dem Verlangen der Menschen willfahrend das verheißene Heil aussprechen soll. Das den Menschen so lange ausbleibende Heil ist gar nahe, wenn sie nur יראיו werden, „Gott fürchten," sich mit Gottesfurcht rüsten wollen, die den Menschen nicht zur Sünde kommen läßt, gar nahe dann die Zeit, daß wieder Gottes Herrlichkeit in unserm Lande sichtbar gegenwärtig sein wird.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. חסד ואמת וגו'. In der jetzigen Zeit gehen „Liebe" und „Wahrheit" verschiedene Wege. Liebe thut wohl, Wahrheit thut weh, wer Liebeswohlthat übt, wird geschätzt und gesucht, wer die Wahrheit in Wort und That vertritt, wird verfolgt und gemieden. Denn es wollen sich die Verhältnisse der Menschen auf alles Andere gründen, als auf die Eine unveräußerliche, gottverbriefte Wahrheit; und eben darum haben die Verhältnisse keinen Bestand und das Heil kann nicht kommen. Erst „wenn Liebe und Wahrheit sich begegnen," erst wenn die Menschen zu der Einsicht kommen, daß die höchste Liebes-Wohlthat, ja, die einzige, wirkliche und wahrhaftige Wohl-That darin besteht, die Menschen zur Erkenntniß und Verwirklichung der Wahrheit zu bringen, und so, aus der Vermählung der Liebe mit der Wahrheit, צדק, die Gestaltung auf Erden erzeugt wird, in welcher Jeder und Jedes die Stellung einnimmt, die ihm nach Gottes Willen bestimmt ist, eine Gestaltung, die als das Ideal der Zukunft das heil. Wort unter צדק begreift, das nichts als die Verwirklichung der אמת ist, und diese „Rechts"Verwirklichung nicht durch Zwang, sondern aus der hingebungsvollen Vereinigung von חסד und אמת hervorgegangen ist, wenn חסד ואמת נפגשו, dann יצדק ושלום נשקו dann hat sich auch das Ideal der irdischen Menschenthätigkeit mit dem Ideal des irdischen Menschenglücks geküßt, צדק, das „Recht" ist der Garant und der Bringer des Heils.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. אמת וגו'. Worauf wir zu warten haben? Nicht nach dem Himmel, auf die Erde hin haben wir zu schauen, wenn wir uns nach dem Kommen des zu erwartenden Heiles umsehen wollen. Erst müssen wir, müssen die Menschen zur rechten Besinnung kommen, erst muß die Erkenntniß und die Huldigung der Wahrheit von der Erde aufblühen. Oder nach einer Auffassung der Weisen (ב"ר zu 1. B. M. 1,26): erst muß die zu Boden getretene Wahrheit wieder von der Erde aufblühen. So lange יצדק משמים נשקף so lange schaut das, alles Heil bedingende Recht vom Himmel herab und wartet auf die Zeit, wo es in die irdischen Verhältnisse einziehen kann. שקף im Nifal heißt in der Regel nicht: gesehen werden, sondern, von einer Höhe herabsehen. בעד אשנבי נשקפתי (Prov. 7, 6).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. גם ד' וגו'. Auch Gott wird das „Gute" geben. In der Spende des Heils geht die Initiative nicht von Gott aus. Die Menschen müssen sich erst des Heiles würdig und fähig machen. וארצנו תתן יבולה, unsere Erde erst das geben, was sie zu „bringen" hat, dies ist ja buchstäblich יבול. וארצנו, aber unsere Erde, Vgl. ומפרי העץ (1. B. M. 3, 3) u. s.
V. 15. Erst muß das Recht auf Erden Ihm vorangehen, dann wird auch Er, Gott, sich zum Wiedereinzuge seiner Herrlichkeit auf Erden rüsten.