Tehillim 82 תהילים

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1
מִזְמ֗וֹר לְאָ֫סָ֥ף אֱֽלֹהִ֗ים נִצָּ֥ב בַּעֲדַת־אֵ֑ל בְּקֶ֖רֶב אֱלֹהִ֣ים יִשְׁפֹּֽט׃
BernfeldPsalm von Assaf. Gott steht in der Gottesgemeinde; in ihrer Mitte richtet Gott.
ZunzPsalm von Aßaf. Gott steht in der Gottesgemeinde, mitten unter Göttern richtet er.
HirschPsalm von Aßaf. Gott steht in jedem Gottescollegium, in Mitte von Richtern hält Er Gericht:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 82, V. 1. מזמור לאסף. Aus V. 8 ist ersichtlich, daß Aßaf in diesem Psalm nicht zunächst den jüdischen Kreis im Auge hat, sondern für das Heil der gesammten Menschengesellschaft auf Erden eintritt, deren Bestand und Wohlfahrt in aller erster Linie durch Handhabung des Rechts bedingt ist. Wenn es etwas giebt, worin dem unverkünstelt denkenden Menschen, Gott als Gründer und Erhalter der Menschengesellschaft zur Erkenntniß kommt, so ist es das Rechtsbewußtsein, das dem Geist und dem Gewissen des Menschen eingeschaffen ist, und das durch den Spruch der Richter zur „richtigen," d. i. ja zur rechtgemäßen Ordnung der Beziehungen der Menschen zu einander, so wie des Einzelnen zur Gesammtheit und der Gesammtheit zum Einzelnen zur Geltung kommen soll. Das dem Menschen innewohnende Rechtsbewußtsein ist Gottes Wille für die Gestaltung der Menschenverhältnisse, und jedes Richtercollegium, das zum Ausspruch und zur Verwirklichung dieses Rechts berufen ist, hat sich als eine עדת אל, als ein „Gottes-Verein," als ein, Gottes Zwecken angehöriges Collegium zu betrachten, das sich nach besten Kräften und Einsichten von nichts Anderm, als von der reinen RechtsErkenntniß leiten lassen darf. So heißt 4. B. M. 35, 24. 25. das jüdische Criminalgerichtscollegium: עדה, und das höchste, an der Spitze der ganzen Nation stehende Gerichtscollegium heißt 3. B. M. 4, 13: עדת ישראל (Siehe Pent. das.). בקרב אלהים ישפט. Gott steht aufrecht in dem von Ihm seinen Beruf herschreibenden Collegium und hält einmal Gericht unter Richtern. Die folgenden drei Verse sind der Inhalt seines richtenden Spruches.

2
עַד־מָתַ֥י תִּשְׁפְּטוּ־עָ֑וֶל וּפְנֵ֥י רְ֝שָׁעִ֗ים תִּשְׂאוּ־סֶֽלָה׃
BernfeldWie lange werdet ihr Unrecht richten, und das Ansehen der Frevler achten? Sela.
ZunzWie lange werdet ihr Unrecht richten, und das Ansehn der Frevler achten? Selah.
Hirsch„Wie lange wollt ihr richtend Gewalt zur Geltung bringen, wollt das Ansehen Gesetzloser berücksichtigen? —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. עד מתי' וגו'. Die Aufgabe des Richters heißt: ושפטתם צדק (5. B. M. 1, 16), bringt das Recht zur Geltung in Ordnung der menschengesellschaftlichen Verhältnisse, ihr aber statt dessen, תשפטו עול, bringt durch die euch eingeräumte Autorität das Gegentheil, עול, die Gewalt zur Geltung (Siehe Pent. das. und 3. B. M. 19, 15). נשא פנים siehe Pent. 2. B. M. S. 338).

3
שִׁפְטוּ־דַ֥ל וְיָת֑וֹם עָנִ֖י וָרָ֣שׁ הַצְדִּֽיקוּ׃
BernfeldSchaffet Recht dem Geringen und der Waise, dem Gedrückten und Armen gebet Recht.
ZunzSchaffet Recht dem Geringen und der Waise, dem Gedrückten und Armen gebet Recht.
Hirsch„Verhelft auch Heruntergekommenem und einer Waise zu ihrem Recht, auch des Stand- und Vermögenslosen Gerechtsein sprechet aus!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. 4. שפטו וגו'. שפט mit dem Accus. heißt das Recht eines Menschen vertreten, ihm zu seinem Rechte verhelfen (So Sam. I. 8, 5). Es sind hier die verschiedenen Thätigkeiten des Gerichts gezeichnet. שפט, das Schaffen der Rechtsordnung, kann auch ohne Klageprozeß stattfinden, z. B. in Fürsorge für Waisen als deren אפיטרופוס jedes Gericht zu wirken hat. הצדיק, das Freisprechen, setzt eine Anklage voraus. פלט, eigentlich das Entrinnenmachen, die Abwendung einer der Ehre, dem Eigenthum, dem Leben, drohenden Gefahr. הציל, das Freimachen aus einer Gewalt, in die Jemand unverdient gerathen ist. Alle diese Heileswirkungen soll der Richter auch für die Schwachen und Armen bethätigen, von denen er weder etwas zu fürchten noch zu erwarten hat, die vielmehr in ihm, in seiner unpartheiischen Rechtswaltung ihre Vertretung und ihren Schutz finden sollen. דל, der Heruntergekommene, ist durch Verlust seines Vermögens um sein Ansehen. die Waise durch Verlust ihres Vaters um ihren „Rechts-Arm" (siehe Pent. 2. B. M. S. 327) gekommen, dem Einen fehlt der Muth, dem Andern die Einsicht zur Wahrung ihres Rechtes. Sie sollen ihre Vertretung durch den Richter finden. עני' ist der Abhängige, רש der Vermögenslose, הצדיק kommt sowohl von dem Freispruch im Kriminalproceß (2. B. M. 23, 7), als von dem Rechtszuspruch im Civilproceß (5. B. M. 25, 1) vor. דל, der um sein Ansehen Gekommene, sowie אביון, der Andern zu Willen sein muß, sind leicht durch Vorgehen Großer und Einflußreicher bedroht, ihnen soll der Richter Zuflucht sein

4
פַּלְּטוּ־דַ֥ל וְאֶבְי֑וֹן מִיַּ֖ד רְשָׁעִ֣ים הַצִּֽילוּ׃
BernfeldBefreiet den Armen und Dürftigen, aus der Hand der Frevler entreißet ihn.
ZunzBefreiet den Armen und Dürftigen, aus der Hand der Frevler entreißet.
Hirsch„Flüchtet Heruntergekommenen und Wehrlosen; aus der Hand Gesetzloser rettet!"
5
לֹ֤א יָדְע֨וּ ׀ וְלֹ֥א יָבִ֗ינוּ בַּחֲשֵׁכָ֥ה יִתְהַלָּ֑כוּ יִ֝מּ֗וֹטוּ כׇּל־מ֥וֹסְדֵי אָֽרֶץ׃
BernfeldAber sie erkennen nicht und sehen nicht ein; sie wandeln im Finstern umher, deshalb wanken alle Grundfesten der Erde.
ZunzSie erkennen nicht und sehen nicht ein, im Finstern wandeln sie umher, es wanken alle Grundfesten der Erde.
HirschDas haben sie nie erkannt und werden es nie einsehen, werden fortwandeln in Finsterniß, und so alle Grundsäulen der Erde wanken.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. לא ידעו וגו'. So haben die Richter ihren Beruf nie erkannt, werden auch nicht mehr zu dieser Einsicht gelangen, werden fortwandeln in Finsterniß, und indem die gerechte Handhabung des Rechts von der Erde verschwunden ist, wanken alle Säulen der Menschengesellschaft.

6
אֲֽנִי־אָ֭מַרְתִּי אֱלֹהִ֣ים אַתֶּ֑ם וּבְנֵ֖י עֶלְי֣וֹן כֻּלְּכֶֽם׃
BernfeldIch dachte, Edle seid ihr und des Vornehmen Söhne ihr alle.
ZunzIch dachte: Götter seid ihr, und des Höchsten Söhne ihr Alle.
HirschIch hatte gedacht, Götter seid ihr, seid des Höchsten Söhne Alle.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. אני אמרתי' וגו'. Aßaf hatte geglaubt, es müsse im Richter die höhere, göttliche, Gott verwandte Natur des Menschen zur vorwaltenden Entfaltung kommen. Des Richters Amt ist ja das gottnaheste. Er heißt ja selbst אלהים (Siehe Pent. 1. B. M. 1, 1).

7
אָ֭כֵן כְּאָדָ֣ם תְּמוּת֑וּן וּכְאַחַ֖ד הַשָּׂרִ֣ים תִּפֹּֽלוּ׃
BernfeldAber wie ein Mensch sterbet ihr, und wie der Fürsten einer fallet ihr.
ZunzAber wie ein Mensch sterbet ihr, und wie der Fürsten einer fallet ihr.
HirschJedoch wie Menschen sterbet ihr, und wie der Fürsten Einer fallet ihr dahin.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. אכן כאדם וגו'. Allein, selbst in den Richtern kommt das Göttliche nicht zum Durchbruch. Wie bei andern Menschen tritt auch bei ihnen nur das Sterbliche, Vergängliche in die Erscheinung. Nur als eine Machthoheit tragen sie wie andere Machthaber ihr Amt, die von ihrer Höhe herabsinken, ohne daß eines Menschen Auge eine Thräne ihnen nachweint.

8
קוּמָ֣ה אֱ֭לֹהִים שׇׁפְטָ֣ה הָאָ֑רֶץ כִּֽי־אַתָּ֥ה תִ֝נְחַ֗ל בְּכׇל־הַגּוֹיִֽם׃ {פ}
BernfeldAuf Gott richte die Erde; denn alle Völker sind dein Besitz.
ZunzAuf, Gott, richte die Erde; denn du besitzest alle Völker.
HirschAuf darum, Gott, richte Du die Erde; denn du willst ja Erbe nehmen unter allen Völkern.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. קומה וגו'. Darum möge Gott sein Recht auf Erden zur Geltung bringen. Wie Ihm Israel zu seinem „Erbe" נחלתו (5. B. M. 9, 29) geworden, Israel der erste Menschenverein geworden, der sich mit allen seinen Beziehungen Gott und der Erfüllung seines Willens, der Verwirklichung seiner Zwecke zu eigen gegeben, so will ja Gott in allen Völkern allmählich ein solches „Erbe" gewinnen (Vgl. Pent. 3. B. M. 20, 26). Ohne Rechtsbasis geht aber die Menschengesellschaft zu Grunde, ohne je auf den Weg einer solchen einstigen, Gott heiligen Stellung zu gelangen.