Tehillim 81 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 81, V. 1. על הגתית. Siehe Ps. 8, 1. Im vorigen Ps. war Israel unter dem Bilde eines גפן gedacht und das Leidensgeschick gezeichnet, das dieser Gottespflanzung wartet. Dieser Ps. will die Hoheit vergegenwärtigen, welche dieser Furcht gewiß ist, wenn sie sich der „veredelnden Kelterung" nicht entzieht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. 3. הרנינו וגו'. Bringt es zum Bewußtsein, daß Gott, der unsere unwiderstehliche Macht ist, von dem unsere weltgeschichtliche Unsterblichkeit stammt, und der trotz unseres „Jaakob-Geschickes," trotz unserer Schwäche und unserer Machtlosigkeit unser Gott ist und bleibt, daß Gott nicht in Verdüsterung des Lebens und in Gebeugtheit der Gemüther, daß dieser Gott in Heiterkeit und Frohsinn der Menschen seine Huldigung finden will, und süßer Harfenton sich vor Ihm selbst zu klagenden נבל-Tönen gesellt (Siehe Ps. 92, 4).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. תקעו וגו'. Aber bringet zugleich zum Bewußtsein, daß diese Heiterkeit nur auf dem Boden des Ernstes und der gewissenhaftesten Pflichttreue zu finden ist, wie dies eben der den Harfen und Pauken des סוכת-Festes vorangehende שופר am ראש השנה für alle Zeiten bezeugt. בכסה ,כסה, bedecken, verhüllen, heißt der Neumondstag, weil dann der Mond nicht sichtbar ist. כסה ליום חגנו ist der Neumondstag der zum Feste gehört, zum Feste hinführt, das mit dem Vollmonde am 15. eintritt. Das Neumondsdunkel am ר"הTage entspricht ebenso der Bestimmung dieses Tages, uns erst die Aufgabe des Emporringens und der Rückkehr zum Lichte zu bringen, wie das Vollicht des Hüttenfesttages der Bedeutung desselben gemäß ist, uns zum vertrauensvollen Bau unserer Lebenshütten und heiterfrohen Wirken auf Erden vor Gott zu laden (Siehe Pent. 3. B. M. S. 578). Obgleich alle Wanderfeste, רגלים: חגים genannt werden, so wird doch unter חג schlechthin vorzugsweise das Hüttenfest, das ganz eigentliche Fest der „Freude vor Gott," verstanden (Siehe Pent. 5. B. M. S. 263). Prov. 7, 20 kommt auch יום הכסא vor. Da nun כסא, der Thron, obgleich gewöhnlich mit א', doch auch mit ה' vorkommt (Kön. I. 10, 19. Hiob 26, 9), so wäre es nicht unmöglich, daß sowohl יום הכסא in Prov. als כסה hier den ר"ה-Tag als „Thronungstag" bezeichnen, als den Tag, der uns vorzugsweise Gott auf dem Thron „seiner Weltwaltung" in מלכיות zu vergegenwärtigen hat.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. כי חוק הוא לישראל ,כי וגו': denn Jisrael hat ein Gesetz, d. h. das Glück und die Lebensheiterkeit, deren sich „Jisrael" als solches zu erfreuen haben soll, sind nicht nach Willkühr zu finden, sie sind wesentlich durch die Erfüllung eines „Gesetzes" bedingt, das ihm für die Lösung seiner „Jisrael-Aufgabe geworden," und משפט לאלקי יעקב, und Jaakob's Gott hält erst Gericht über die Erfüllung dieses Gesetzes, bevor Er uns aus unserer Jaakob-Schwäche zur Jisrael-Blüthe erhebt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. עדות וגו'. Wir haben schon oben Ps. 80, 1 bemerkt, wie die Bezeichnung des jüdischen Volkes durch יוסף dasselbe in der Aufgabe begreift, Josef gleich, in Berührung mit andern Völkern und in deren Mitte, der geistigen und sittlichen Wahrheit und Reinheit seiner Bestimmung treu zu bleiben. Diese Bedeutung ist hier noch durch die Einfügung des ה' in Josef's Namen hervorgehoben. Es ist damit die erste Silbe in einen Gottes-Namen umwandelt, und damit gesagt, daß Josef als „Josef" den Namen Gottes nicht verleugnet hat und nicht verleugnen soll. ביהוסף: in Josef, oder: an Josef, wie עד und העיד immer mit ב־ construirt wird. שמו, der Accusativ ihn, kann sich sowohl auf חדש als auf שופר beziehen. Wahrscheinlich ist die Beziehung auf חדש. War doch die Institution des Neumondes, חדש, die erste, mit welcher Gott das jüdische Volk zu seinem Volke, zu dem ewigen Hinanstreben zur lichtigen Höhe seiner Bestimmung berief (Siehe Pent. 2. B. M. 12, 1. החדש הזה לכם). ראש השנה selbst ist nur ein gehobener ראש חדש, an welchem die Aufgabe, welche jeder ראש חדש bringt, zur ganz besondern Beherzigung und Bethätigung gelangen soll, und die שופר-Töne sind nichts als gegliederter Ton-Ausdruck des Aufrufs zur Erfüllung dieser Aufgabe (Siehe Pent. 3. B. M. S. 597). Als Gott die חדש-Institution schuf, waren wir noch „Josef," waren in der Fremde und unter Fremden. Und als Gott in der Mitternacht vom 14. zum 15. Nissan „hinaustrat" über Mizrajim (Siehe Pent. 2. B. M. 11, 4), Mizrajim niederzuwerfen und Israel hinauszuheben, hatte er bereits die חדש-Institution zum עדות, zum ewigen Bezeuger und Mahner an unsere geistig sittliche Bestimmung bestellt, שפת לא ידעתי אשמע: die rechte Gotteserkenntniß ist uns erst mit יציאת מצרים aufgegangen, und wenn uns im Laufe der Zeiten durch unsere Verirrungen die rechte Erkenntniß wieder abhanden gekommen, dann ist Gott wieder Einer, den לא ידעתי, in beiden Beziehungen kann hier das לא ידעתי begriffen werden. Der ראש חדש und insbesondere der ראש השנה ist ein עדות, das uns die mit יציאת מצרים gewonnene Gotteserkenntniß erhalten und immer, wo sie verdunkelt worden, erneuen soll, und der שופר ist שפת לא ידעתי, das „Organ," des einst von uns nicht Erkannten, oder wieder Verkannten. Dieses אשמע, soll ich hören und vernehmen. Es spricht im Namen Gottes:
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. 8. הסירותי וגו'. Uns die leibliche Freiheit geben, unsere Schulter von der Last befreien, das konnte Gott, und Das hat er gethan. Allein uns geistig und sittlich frei zu machen, uns von der Macht der Sinnlichkeit zu befreien, das kann nur unser Werk sein, und das erwartet Gott von uns. כפיו מדוד תעברנה: seine Hände sollen vom Kessel oder vom Topfe lassen (והכה בכיור או בדוד Sam. I. 2, 14), es soll nicht mehr sprechen: זכרנו את הדגה (4. B. M. 11, 5), בשבתנו על סיר הבשר וגו' (2. B. M. 16, 3). בצרה קראת וגו': derselbe Gott, der uns als Retter aus der Noth sichtbar nahe war, der war uns auch als Erzieher nahe, wenn er uns auch wie hinter einer Gewitterwolke sein Angesicht zu entziehen schien und uns versagend prüfte und erzog. Die beiden Verse blicken auf die Wanderung durch die Wüste hin, deren Bedeutung als Erziehungsschule Moses noch rückblickend 5. B. M. 8, 1—5 ausspricht. Hier aber sagt diese Erinnerung als allgemeine Einleitung zu dem Folgenden, daß Gott uns nur aus der Sklaverei befreit hat, um uns zur geistigen und sittlichen Menschen- und Völkesgröße heranzubilden, wie diese Bestimmung schon durch die חדש-Institution ausgesprochen war und immer in lebendigem Bewußtsein erhalten bleiben soll, mit welcher Gott die Aera unserer Befreiung eingeleitet hatte. Zugleich aber dürfte es die Bedeutung der Leidensprüfungen vergegenwärtigen, in welche Israel, wie aus V. 13—15 ersichtlich, wieder gerathen ist, und die nichts anders als eine erneute Wüstenwanderung sind, als eine Wanderung durch die Völker-Wüste, מדבר העמים, wie der Prophet (Ezech. 20, 35) sie nennt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. שמע וגו'. Dies und das Folgende bis Ende des Psalms ist nun der Inhalt des עדות, mit welchem der שופר am ראש השנה in unsere Mitte eintritt. שמע עמי': ולקחתי אתכם לי לעם sprach ich, als ich euch erlöste, ihr solltet ein Menschenverein sein, der alle seine Beziehungen als mir angehörig mir unterordnen soll, darum habe ich ein Recht zu fordern, daß du mich hörst, und was ich an dich und wider dich zu bezeugen habe. ישראל אם וגו': du bist nur „Jisrael," deine ganze geschichtliche Erscheinung wird die Alles Ueberragende Gottes-Herrschaft — ישר אל — nur dann zur Anschauung bringen, wenn du diese Gottes-Herrschaft in allen Beziehungen deines eigenen Menschenund Völkslebens zur Geltung bringst, du bist nur ישראל, wenn תשמע לי.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. לא יהי וגו'. זר ist das anderartige, durch Natur und Charakter von Etwas Ausgeschlossene, von זור: ausdrücken, ausscheiden. נכר ist das Ausländische, es ist Substantiv und bezeichnet die nichtjüdische Welt (Siehe Pent. 1. B. M. 35, 4). אל זר ist ein dem reinen Menschenwesen fremdzubleibender Gott, eine vermeintliche Gottesmacht, welcher der reine Mensch keinen Einfluß auf sich einräumen darf. So die Weisen (Sabbath 105, 2). לא יהי' בך אל זר איזהו אל זר שיש בגופו של אדם הוי' אומר זה יצר הרע, deiner Sinnlichkeit, deinen Trieben und Begierden sollst du keine Göttermacht über dein Inneres einräumen, ולא תשתחוה לאל נכר und du sollst dich nicht beugen, eigentlich: dich nicht hinwerfen einer der Gottheiten, denen die andern Völker sich mit ihren Geschicken unterthänig glauben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. אנכי וגו'. Ich, ד', soll dein Gott sein, d. i. mich sollst du als Lenker deiner Geschicke und Leiter deiner Thaten anerkennen (siehe Pent. 2. B. M. 20, 2). המעלך וגו', der dich nicht nur hinaus, sondern hinauf geführt aus dem Lande Mizrajim, der dich mit deinem Auszuge zu einer geistigen und sittlichen Höhe bringen wollte. Strebst du diese hinan, dann הרחב פיך, dann mögest du deine Wünsche soweit als immer stellen, ואמלאהו, du kannst durch Mich der Erfüllung gewärtig sein und brauchst keine Seite deines Geschickeslebens von irgend einer andern Macht abhängig zu machen oder zu glauben. Mit der Erfüllung meines Gesetzes baust du auch dein Glück.
V. 11. 12. entsprechen dem מלכיות-תקיעה-Ruf des שופר's, 13. 14. dem זכרונות-תרועהRufe, 14—17, dem שופרות-תקיעה-Ruf. Siehe Pent. 3. B. M. 23, 24 und חורב Kap. 32.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. ולא שמע וגו'. Aber, die als mein Volk nichts als mein Gesetz zur Verwirklichung bringen sollten, gehorchten mir nicht, und die als Jisrael nichts als Gottes Herrschaft in ihrer geschichtlichen Erscheinung zur Anschauung bringen sollten, wollten sich nicht meinem Willen fügen, wollten ihre Einsicht, ihre Macht in ihrer Volksgröße zur Verherrlichung bringen. אבה (siehe Pent. 1. B. M. S. 370).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. ואשלחהו וגו', da entließ ich sie, hinderte sie nicht in ihrem Ungehorsam, ließ sie dem Trutz ihres Herzens folgen. שרירות (siehe Pent. 5. B. M. 29, 18). ילכו במועצותיהם, mögen sie einmal gehen in ihren selbst ersonnenen Rathschlägen, mögen sie einmal erfahren, wohin sie mit dem Ungehorsam gegen Gottes Gesetz und mit der eignen Leitung ihrer Geschicke gelangen. Wohin dies geführt, ist hier nicht ausgesprochen, ist aber aus dem Folgenden ersichtlich. Sie sind damit in die Macht ihrer Feinde gerathen, haben ihre Selbständigkeit und ihr Glück verscherzt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. 15. לו עמי וגו', יהלכו, der Piel drückt den Ernst aus. אויביהם, in deren Botmäßigkeit sie gerathen sind. צריהם, die ihnen jedes Lebensglück verkümmern. אשיב ידי', jetzt ist meine strafende Hand über mein Volk gestreckt. Kehrt mein Volk zum ernsten Gehorsam zurück, so ziehe ich meine strafende Hand von ihm wieder ab und wende sie über seine Dränger hin.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. משנאי וגו'. Gottes Hasser, die ihren Haß auch in der Feindschaft gegen sein Volk bethätigen, würden, wenn Jisrael mit Ernst zurückkehrt und in dessen Folge Gottes Hand seinen Feinden fühlbar wird, ihren Haß Gott gegenüber verleugnen, ihn mit äußerer Huldigung heucheln, damit יהי' עתם לעולם. עתם ihre Zeit, d. i. die Dauer ihres Völkerdaseins. Auch allgemein heißt עת: das sich in der Zeit Ereignende, das Geschick. So בידך עתותי' (Ps. 31, 16) und sonst. Sie verleugnen ihren Haß und heucheln Gott Huldigung, damit sie in ihrem Völkerdasein und Geschick erhalten bleiben und nicht wie so viele ihrer Vorgänger von der Bühne der Geschichte verschwinden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. ויאכילהו וגו'. In dem vorhergehenden Verse stehen nur zwei Substantive im Singular: Gott und עת. In ויאכילהו kann daher nur Gott das Subjekt und עת die Zeit, das Geschick das Objekt sein. עת, gewöhnlich weiblich, kommt wiederholt auch männlich vor. So Jes. 8, 24 כעת הראשון. Ezech. 7, 7. 12. 30, 3, Daniel 11, 14. Esra 10, 14. Während Er, Gott, zu dem sich dann auch die Völker wenden, ihr Geschick mit Weizenfülle speist, werde Ich, der ich dir dann gegenwärtig nahe sein werde, dich aus dem Felsen mit Fruchtsüße sättigen. D. h.: auch wenn bei der einstigen vollen Wiederherstellung Israels in seinem Verhältniß zu Gott, ebenso die Völker ihm zur Seite dauerndes Dasein und Glück finden werden, wird das Verhältniß doch ein verschiedenes sein. Der Völker Glück wird aus der Entwickelung der natürlichen Ordnung der Dinge erblühen, Israel wird aber in unmittelbarer Weise von Gott beglückt werden. Aus dem Felsen, der seiner Natur nach Nichts zu bieten hat, wird Gott ihm der Früchte Honig fließen lassen Vgl. וינקהו דבש מסלע ושמן מחלמיש צור (5. B. M. 32, 13. Pent. das.). Vielleicht auch ist Subjekt in ויאכילהו: עת, und das Objekt wären die Völker, die als Einheit begriffen wären, die Völkergesammtheit, die Völkermenge, und erklärte sich dann auch das Präteritum in ויאכילהו besser. Der Sinn wäre derselbe: während das Geschick, dessen Dauer sie anstreben, sie mit einem aus der natürlichen Ordnung der Dinge erblühenden Glücke nährte, werde Ich dich, Israel, mit Honig aus dem Felsen sättigen.