Tehillim 79 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 79, V. 1. מזמור לאסף. Den Zeiten tiefsten Verfalls und tiefster Verlassenheit ist dieser Psalm geweiht. War es doch selbst zu David's und Salomo's Zeit längst bekannt, daß Zeiten kommen werden, in denen jedes Wort der תוכחה zur Erfüllung gelangt, und war es die höchste, den trübsten Zeiten fürsorgende Wohlthat, daß Gott Männer Davidischer Begeisterung das Elend und die Stimmung kommender Galuthgeschlechter vorahnend und mitfühlend in Geist und Gemüth durchleben, und Erkenntnisse und Empfindungen in unsterbliche Gesänge niederlegen ließ, an welchen die Geister und Gemüther ihres Volkes sich ermannen und erheben konnten in Zeiten, in welchen das Verhängniß sich erfüllte, und unter der Wucht des Elends die Harfen der Gottesbegeisterung verstummten (Vgl. Ps. 74)
באו וגו'. Nicht in unser Erbe, in dein Erbe sind Völker gedrungen. Das Land und die Stätte deines Gesetzesheiligthums war das einzige Gebiet, das von der dir entfremdeten Menschenerde dir wieder, für deine Zwecke zu eigen geworden war. Und in dies, von den Völkern ausgeschiedene Gottes-Erbe sind Völker gekommen. היכל קדשך, die „MachtStätte" des Gesetzesheiligthums, in welcher „Tisch und Leuchter," in welcher das ganze leiblich geistige Menschen- und Volks-Dasein von Gott durch sein Gesetz gewährt, und Gott und seinem Gesetze heilig gelehrt wird, haben sie durch das Unwesen ihres, Menschen- und Völker-Sein und Wollen der sinnlichen Unfreiheit überweisenden Götterwahns entweiht, haben Jeru-schalaim, in dessen „Wohlstand und Wohlfahrt" Gott sichtbar sein wollte, in Trümmer geworfen. עיים (Siehe Pent 4. B. M. 21, 11). So haben die Völker Alles vernichtet, was Gott zum Begründungsanfang „Seines" Reiches auf Erden aufgerichtet hatte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. 3. נתנו וגו'. Wie sehr auch Israel gegen Gott gesündigt haben möge, im Vergleich zu den Völkern, denen sie erlegen, waren sie doch immer noch עבדיך und חסידיך, und nur weil sie dies waren, suchte Gott an ihnen selbst solche Versündigungen heim, die bei den andern Völkern in weit größerem Umfange heimisch waren und ungestraft blieben (Amos 3, 2). Und in diesem Sinne haben auch die Völker sie hingeschlachtet. Durch die Eroberung des Gotteslandes, durch die Entweihung des Gottestempels, durch die Zerstörung der Gottesstadt, durch die Ermordung der Gottesdiener haben sie in ihrem Sinne einen vollendeten Triumph über den „jüdischen Gott" gefeiert.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. היינו וגו'. Wir, die Uebriggebliebenen, wurden in natürlicher Folge zur Verspottung und קלס. Da קלס in unsere Gebetsprache als Lob und Ruhm aufgenommen ist, so kann, wie uns scheint, dieser Wurzel keine Zweideutigkeit anhaften, und es ist nicht glaublich, daß קלס auch Hohn bedeuten solle. Vielmehr glauben wir, daß es, eben so wie es das Rühmen und Erheben eines Andern bezeichnet, so auch das Sichselbstrühmen, die Selbsterhebung ausdrücken könne und hier wirklich ausdrückt. Wir wurden ihnen zu לעג und קלס, unserer spotteten sie und sich erhoben sie, ja unsere Erniedrigung war ihnen ein Grund der Selbstüberhebung. Der Judenspott gehörte zum Völkerruhm.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. עד וגו'. Da מה ein sachlicher, kein zeitlicher Begriff ist, so heißt עד מה wohl weniger: wie lange? als: bis zu welchem Ziele? Welchen Grad des Unterganges müssen wir erst erreicht haben, bevor du zu zürnen aufhören wolltest? Du bist und bleibst ja ד'! Nie ist ja Vernichtung, immer ist Verjüngung, Gewährung einer neuen Zukunft Ziel aller, auch deiner herbsten Waltungen. תבער וגו', Feuer wirkt physisch, daher blind, es verzehrt so lange, als brennbarer Stoff vorhanden ist. So aber ja nicht קנאתך; nur Rechtsvertretung hat ja deine Waltung auch im Auge, wenn wir sie „Eifer" nennen (Siehe Pent. 2. B. M. 20, 5. 4. B. M. 25, 11).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. שפך וגו', nicht על הגוים, nicht: überschütte die Völker mit deinem Unwillen, sondern: אל הגוים, zu ihnen hin lasse deinen Unwillen gelangen, lasse sie ihn kennen lernen, אשר לא ידעוך, die dich nicht in den Geschicken erkannt haben, die du durch sie an uns hast in Erfüllung bringen lassen, ועל ממלכות, die Reiche, die Gewaltmächte lasse durch deinen Unwillen zu Grunde gehen, die deinen Namen nicht verkündet, denen keine Ahnung davon gekommen, daß sie nur Werkzeug in deiner Hand gewesen, die auf unsern Trümmern sich mit Lorbeeren schmückten (Vgl. 5. B. B. 32, 27. Ps. 74, 3—5).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. כי אכל וגו'. Subjekt von אכל ist das vorhergehende שמך. Denn in Wirklichkeit war es ja dieser dein Name, der Jaakob verzehrte, weil es aufgehört hatte, würdig zu sein ihn zu tragen. In Wirklichkeit war also dein Name Sieger, und in ihrer Anschauung hatten sie diesem, deinem Namen seine Stätte zertrümmert!
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. אל תזכר וגו'. Die Versündigung der früheren Geschlechter, welche das גלות herbeigeführt und in der תורה durch „והלכתם עמי בקרי," dadurch bezeichnet ist, daß sie „ihr Zusammenwandeln mit Gott dem Zufall überließen," daß sie in erster Linie ihre Güterund Genußeszwecke anstrebten, und von Gottes Gesetzen nur Das erfüllten, was zufällig sich mit diesen Bestrebungen vertrug, diese Versündigung der frühern Geschlechter wollest du durch die Leiden der Galuthgeschlechter, die Alles hinopferten, um nur dem Gottesgesetze treu zu bleiben, hinlänglich gesühnt erachten. Auf dem Wege dieser Sühne sind wir sehr herunter gekommen, so sehr, daß, wenn du nicht bald uns zu Hilfe kommst, wir gänzlich untergehen. Darum lasse dein „Erbarmen," an das ja zuletzt unverlierbar Jeder als dein „Geschöpf" appelliren darf (Pent. 2. B. M. 34, 6), laß dein Erbarmen unserm Untergang zuvor, oder: uns, auch wenn wir es noch nicht verdienen, entgegen kommen, ehe wir, ja deine weltgeschichtliche Schöpfung, aus der Reihe der weltgeschichtlichen Existenzen verschwinden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. עזרנו וגו'. Und noch aus einer andern Erwägung glaubt Israel im Galuth Gottes Beistand anrufen zu dürfen. Gott ist doch אלקי ישענו, nicht אלקי ישועתנו, Gott unserer Hilfe, sondern ישענו א', unseres „Heiles," unseres wirklichen, wahrhaftigen „Seins" geblieben. Bei der Begabung des jüdischen Stammes hätten wir überall und zu jeder Zeit zu Glück und Ehren unter den Völkern gelangen können, wenn wir uns entschlossen hätten, von Gott und seinem Gesetze zu lassen. Allein Israel im Galuth hat sein ganzes „Sein" in Gott gesetzt, außer in Verbindung mit Gott war ihm kein Dasein denkbar. Es blieb bei Gott, und leistete auf Alles Verzicht. Dadurch blieb es auch in der Verbannung und Zerstreuung das „Gottesvolk," und seine Ausdauer und sein Durchdauern durch alle Zeiten ward zu einem Gottesfingerzeig an die Menschheit, diente der כבוד שמו הגדול, diente zur Verherrlichung des göttlichen Namens, und על דבר כבוד שמך, im Interesse dieser Verherrlichung des göttlichen Namens hofft Israel auf Gottes Beistand, wagt endlich, um Rettung und völlige Sühne aller vergangenen Verirrungen zu bitten למען שמך, um des שם ד' willen, mit welchem ja Gott eben Sich als den jederzeit zu neuer Zukunftspende bereit Seienden ausgesprochen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. למה וגו'. יודע, da es nicht תודע heißt, so ist wohl das vorangehende אלקיהם Subjekt. Warum sollen die Völker sagen: wo ist ihr Gott?! Warum soll dadurch, daß du uns rettungslos ihrer Willkühr überlässest, deiner Erkenntniß und Anerkennung geradezu entgegewirkt werden? יודע: möge אלדינו, den sie verleugnen, weil sie sein Wirken nicht sehen, möge er unter den Völkern, den nach dem כתיב Hochmüthigen, לעינינו: noch zur Zeit unserer Erfahrung, oder: durch Das, was du uns erleben lässest, bekannt und erkannt werden, und dies sei נקמת דם עבדיך השפוך, darin geschehe dem vergossenen Blute deiner Diener Genugthuung. Wenn die Enkel Derer, die in Verkennung des Gottes der jüdischen Wahrheit seine Diener hingeschlachtet, durch die Ausdauer und endliche Rettung der Folgegeschlechter, denen die Gemordeten mit ihrem Beispiel den Muth und die Begeisterung zur opferfreudigen Ausdauer vermacht, zur bessern Einsicht und endlichen Anerkennung der jüdischen Wahrheit gelangen, dann wird das Blut jener schuldlos Gemordeten eine Sühne gefunden haben, und wird nicht umsonst vergossen sein.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. 12. תבוא וגו'. Israel im Galuth ist אסיר, ist ein Gefangener. Man hat es der Freiheit der Bewegung, der jedem Menschen zustehenden Uebung seiner natürlichen Kräfte, des Betretens der allen andern Menschen geöffneten Lebenswege beraubt, hat sein Dasein zu einem Kerker-Dasein gemacht, aus dem hinaus nur der Angstschrei der Gefesselten dringt. An des Menschen Ohr geht dieser Schrei ungehört vorüber. Möge er zu Dir dringen! Israel ist בן תמותה, das auf den Aussterbeetat gesetzte Volk. בני תמותה, wie בן מות, בן הכות. Nach den Anschauungen der Völker und den von ihnen für Juden geschaffenen Zuständen soll das jüdische Volk aussterben. Verminderung der Juden war von je das Ziel pharaonischer Politik. Da zeige nun גדל זרועך, die Größe deines Armes, zeige, wie über alle Macht und Machination der Menschen hinaus Du הותר בני תמותה, du gerade Denen ein „überdauerndes Dasein" zu geben weißt, deren Aussterben die Menschen erwarten und zu bewirken suchen. הותר: übrig lassen, machen, daß Etwas übrig bleibt. Lasse gerade die בני תמותה Diejenigen sein, die allein übrig bleiben, wenn alle Andern von der Völkerbühne verschwinden. Nichts zeigt lauter גדל זרועך die Größe deiner rettenden und erhaltenden Macht, als diese geschichtliche Erfahrung. Nichts wirft so wie dies die Lästerung zurück, mit welcher sie אדני, Gott geschmäht, in dessen Dienst das Judenvolk steht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. ואנחנו וגו'. Wir aber, dieser unserer, mit Gottes Anerkennung auf Erden Hand in Hand gehenden, Zukunft sicher, bleiben unserm Berufe und der Führung Gottes treu, als עמך וצאן מרעיתך נודה לך לעולם: mit unserm Thaten- und Geschickesleben huldigen wir Gott für immer, und לדור ודור וגו', und eine jede Zeit begreife es als ihre Aufgabe, den Folgegeschlechtern das Gedächtniß der erlebten Thatoffenbarungen Gottes zu vermachen.