Tehillim 78 תהילים

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1
מַשְׂכִּ֗יל לְאָ֫סָ֥ף הַאֲזִ֣ינָה עַ֭מִּי תּוֹרָתִ֑י הַטּ֥וּ אׇ֝זְנְכֶ֗ם לְאִמְרֵי־פִֽי׃
BernfeldEine Betrachtung von Assaf. Horch auf, mein Volk, auf meine Lehre; neiget euer Ohr den Worten meines Mundes.
ZunzEin Gedicht von Aßaf. Horch auf, mein Volk, auf meine Lehre, neiget euer Ohr den Worten meines Mundes.
HirschBelehrung von Aßaf. Höre mein Volk, meine Lehre, neiget euer Ohr den Reden meines Mundes.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 78. משכיל (siehe Ps. 32, 1). Schon im vorigen Kap. hatte Aßaf das Gedächtniß der Thatoffenbarungen Gottes aus Israels Gründungsgeschichte in sich wach gerufen, um durch die daraus zu schöpfenden Erkenntnisse die geistige und sittliche Kraft zur rechten Würdigung der ernsten Leidensverhängnisse, und zum Aufschwung zur reinen Höhe der Bestimmung zu gewinnen, für welche Gott unsere Leitung durch Moses und Aharon angetreten. In engem Anschluß hieran spricht dieses Kap. als eine, von Israels Gesammtheit jeder Zeit zu beherzigende Wahrheit den Gedanken aus, daß das stete Wachhalten des Bewußtseins unseres geschichtlichen Ursprungs und unserer geschichtlich gegebenen Volksbestimmung, sowie der uns geschichtlich gewordenen Offenbarungen der göttlichen Waltungsweisen die unerläßliche Bedingung unserer Gottes-Treue und unseres Volkes-Heiles bilde. Alle Verirrung, und in deren Folge alles Unglück, das uns getroffen, hat von je in der Abschwächung des geschichtlichen Gedächtnisses unserer Vergangenheit gewurzelt. Jede geschichtliche Begebenheit unserer Vergangenheit hat nicht nur den Werth einer einzelnen Thatsache, sondern wird durch die allgemeine Wahrheit, die sich in ihr ausspricht, zu einem משל, zu einem „Herrsch-Spruch," der mustergiltig unser Urtheil zu leiten geeignet ist, und durch welchen die Ereignisse einer jeden Gegenwart, die ohne solche Einsicht in die im Schooße der Vergangenheit ruhenden Wahrheiten uns als חידות, als Räthsel erscheinen, Aufschluß und Lösung gewinnen (V. 2). Darum (V. 3—8), sei es Aufgabe eines jeden jüdischen Geschlechtes, die von den Vätern empfangenen Geschichtsüberlieferungen ewig weiter zu vererben, damit noch dem spätesten Geschlechte seine für immer gegebene Aufgabe und die an deren Erfüllung oder Nichterfüllung sich knüpfenden Folgen ewig gegenwärtig seien, und es zur treuen Nachfolge Gottes und zur Gewinnung dauernden Heiles begeistern mögen.

Dieser leitende Grundgedanke wird durch einen Rückblick auf unsere Geschichte von Moses bis David belegt. Mit Uebergehung der kurzen Regierung Saul's, wird die ganze Zeit von Josua bis David an den Stamm Efrajim geknüpft, dessen Stamm Josua angehörte, und in dessen Gebiet das Gesetzesheiligthum zu Schilo stand. In kunstvoller Weise ruht der Blick zunächst auf dem David unmittelbar vorangehenden Geschlechte, um zuerst rückschreitend die geschichtlichen Momente anzudeuten, deren Gedächtniß dieses zu seinem Verderben sich hatte entgehen lassen, um sodann wieder bei ihm zu gelangen und dessen Verfall eingehend zu schildern, und in der Erwählung Davids die Rettung aus diesem Untergang und die Eröffnung einer neuen bessern Zukunft zu feiern. Die efraimitische Zeit hatte יצ'את מצרים (9—15) und דור המדבר (16—40) vergessen, hatte aus יצ'את מצרים sich zu vergegenwärtigen vergessen, wie Israel seine ganze Freiheit und Selbstständigkeit nur dem unmittelbaren Eingreifen der göttlichen Waltung verdankte, und hatte die aus der Geschichte des דור המדבר zu schöpfende Lehre außer Augen gelassen, daß die Fortdauer alles von Gott verliehenen Glückes nur an die treue Erfüllung des göttlichen Willens geknüpft sei, hatte vor Allem die aus den Begebenheiten תבערה und קברות התאוה zu schöpfende Wahrheit sich entgehen lassen, wie verderblich es für Israel wird, wenn es den Sinn für das Beglückende und Beseligende des ihm unter der besonderen Gottesführung beschiedenen Looses verliert, und sich nach Gütern und Genüssen mit überschätzendem Bedauern sehnt, in deren Besitz es die Völker und Menschen weiß, die mit dem Schaffen ihrer äußern Glücksstellung lediglich auf sich selbst angewiesen sind, auf die aber das Gottes-Volk unter der Gottes-Führung heiter zu verzichten hat. Das דור המדבר wäre nicht in die ihm so verhängnißvoll gewordenen Verirrungen gerathen, hätte es sich die „Gottes-Hand" stets gegenwärtig gehalten, deren an Mizrajim sich offenbarende Strafwaltung (42—53) es bei seinem Auszuge selbst erlebt. Und als nun deren Söhne in den Besitz des als Boden des göttlichen Gesetzes-Heiligthums ihnen verheißenen Landes gekommen waren, da waren wieder für das im Lande unter Efraims Einfluß sich einbürgernde Volk alle geschichtlichen Erfahrungen der Väter verloren, so daß an dem fortgesetzten Ungehorsam gegen Gott und sein Gesetz das efraimitische Staatenglück und das efraimitische Heiligthum zu Grunde gingen (54—67), und erst mit der Erwählung Davids die Aussicht auf eine neue, bessere Zukunft eröffnet wurde (68—72), indem von ihm (V. 72) erwartet wird, daß er im Volke das Bewußtsein seiner Gotteshörigkeit stets wach zu halten wissen werde.

האזינה עמי תורתי, nicht לתורתי, sondern תורתי als Objekt im Accus.: nimm mit deiner Ohrenthätigkeit meine Lehre in dich auf, bethätige dieselbe an meiner Lehre, während mit ל־ diese Aufnahme noch zweifelhaft bleibt. אזן, Grdbgr. זן mit vorgesetztem א, זן rüsten (כלי זין), nähren, (Nahrung ist ein Rüsten um den äußern Einflüssen zu widerstehen.) אזן: die Rüstung eines Individuums, der ganze Waffenapparat (5. B. M. 23, 14). Was זן für das Leibliche ist, das bewirkt אזן, das Ohr, für den Geist, es führt dem Menschen die geistige Nahrung zu. Es ist daher mehr als האזין ל־, das Ohr zu einem Worte hinneigen, was hier sogleich durch הטו אזנכם וגו' umschrieben wird. Nimm, mein Volk, meine Lehre in dich auf; darum schenket meinen Reden Aufmerksamkeit.

2
אֶפְתְּחָ֣ה בְמָשָׁ֣ל פִּ֑י אַבִּ֥יעָה חִ֝יד֗וֹת מִנִּי־קֶֽדֶם׃
BernfeldIch will zu einer Gleichnisrede meinen Mund auftun, Rätsel aussprechen aus der Urzeit.
ZunzIch will aufthun mit Gleichnißrede meinen Mund, ich lasse strömen Räthsel aus der Urzeit,
HirschMit Spruchrede möchte meinen Mund ich öffnen, möchte Räthsel zur Lösung bringen von der Vorzeit her.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. אפתחה וגו'. משל, siehe Pent. 1. B. M. S. 99. 4. B. M. S. 345. חידות von חוד, verw. mit אוד, mechanischer Hebel, אות logischer, geistiger Hebel, Gedanken-Vermittelung, עוד, Dauer, Vermittelung zwischen Vergangenheit und Zukunft, jede dauernde Gegenwart ist eine solche Vermittelung. Bei אות, dem sinnlichen Ausdruck zur Vergegenwärtigung eines Gedankens, ist Klarheit das Beste. חוד mit ח, das gewöhnlich eine Hemmung bezeichnet, ist auch die Vergegenwärtigung eines Gedankens, allein mit gehemmter Klarheit: Räthsel, die Lösung ist angebahnt, liegt aber nicht auf der Hand. (Es ist sehr bezeichnend, daß die Worte der חז"ל: דברי חכמים וחידותם, חידות, genannt werden. Was auf den ersten Anblick völlig klar erscheint, fordert zu gar keinem tiefen, eindringenden Nachdenken auf. Allein zwei Begriffe, zwei Urtheile ohne ausgesprochenen Nachweis ihrer innern Zusammengehörigkeit neben einander gestellt, machen eine allseitige Betrachtung und Erforschung der Gegenstände und Merkmale, die den Inhalt der Begriffe und Urtheile bilden, nothwendig, um den innern Grund ihrer Beziehungen zu einander zu erkennen, und ist daher eine solche Lehrweise für die geistige Denk- und Erkenntnißthätigkeit ungemein fruchtbar). Hier sind es die nationalen Ereignisse der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit, die Aßaf חידות nennt. Ihre Lösung wird nur durch einen Einblick in Israels Vorzeit möglich, deren Begebenheiten das משל für alle Folgezeit bilden. — אביעה חידות, Hifil von נבע: hervorquillen, heißt allerdings gewöhnlich hervorquillen lassen, und daher: mittheilen. Allein im Folgenden werden keine Räthsel mitgetheilt. Vielmehr werden Begebenheiten aus ihren Ursachen aufgehellt und aufgeklärt. Es dürfte daher hier הביע: Etwas zum Aufquellen, Etwas zum Erschließen seines Innern bringen, bedeuten, ähnlich wie יבאיש יביע שמן רוקח (Pred. 10, 1).

3
אֲשֶׁ֣ר שָׁ֭מַעְנוּ וַנֵּדָעֵ֑ם וַ֝אֲבוֹתֵ֗ינוּ סִפְּרוּ־לָֽנוּ׃
BernfeldWas wir vernommen haben und wissen, solches, wie es unsere Väter uns erzählt haben.
ZunzDie wir vernommen haben und wissen, und unsere Väter uns erzählt,
HirschWas wir gehört und erkannt, und was unsere Väter uns erzählt,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. אשר שמענו ונדעם: das Gesetz, das uns überliefert worden und das wir uns zur Erkenntniß angeeignet haben. ואבותינו ספרו לנו: die G e s c h i c h t e unserer Vergangenheit, die wir aus der Erzählung unserer Väter kennen.

4
לֹ֤א נְכַחֵ֨ד ׀ מִבְּנֵיהֶ֗ם לְד֥וֹר אַחֲר֗וֹן מְֽ֭סַפְּרִים תְּהִלּ֣וֹת יְהֹוָ֑ה וֶעֱזוּז֥וֹ וְ֝נִפְלְאֹתָ֗יו אֲשֶׁ֣ר עָשָֽׂה׃
BernfeldEs ist nicht verhehlt ihren Kindern, bis in das späteste Geschlecht erzählt man den Ruhm des Herrn, seine Macht und seine Wunder die er gezeigt.
ZunzWollen wir nicht verhehlen ihren Söhnen, dem spätesten Geschlechte erzählend den Ruhm des Ewigen, und seine Macht und seine Wunder, die er gethan.
Hirschdas wollen wir ihren Söhnen nicht vorenthalten, dem spätern Geschlechte erzählend die Thatoffenbarungen Gottes, seine Unwiderstehlichkeit und seine Wunder, die er geübt,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. לא נכחד וגו'. כחד siehe (Pent. 2. B. M. S. 88) מבניהם unsere Kinder werden hier die Kinder unserer Eltern genannt. Indem wir unsern Kindern die Geschichte und das Gesetz als Leitstern und Richtschnur ihres Lebens überliefern, die wir von unsern Eltern ererbt, werden unsere Kinder geistig ihre Kinder. תהלות ה': alles von Gott Ausgegangene, durch welches er Sich und seinen Willen uns kund gethan, seine Offenbarungen in der Geschichte und der Gesetzgebung; ועזוז: die Unwiderstehlichkeit seines Willens, heißt doch daher vorzugsweise sein Gesetz: עז, siehe V. 61. נפלאותיו: die Bekundungen seines persönlichen Einschreitens in Natur und Geschichte.

5
וַיָּ֤קֶם עֵד֨וּת ׀ בְּֽיַעֲקֹ֗ב וְתוֹרָה֮ שָׂ֤ם בְּיִשְׂרָ֫אֵ֥ל אֲשֶׁ֣ר צִ֭וָּה אֶת־אֲבוֹתֵ֑ינוּ לְ֝הוֹדִיעָ֗ם לִבְנֵיהֶֽם׃
BernfeldDenn er hat Zeugnis in Jakob aufgestellt und Lehre setzte er ein in Israel, die er unsern Vätern geboten, sie ihren Söhnen kund zu tun.
ZunzUnd aufstellte er Zeugniß in Jaakob, und Lehre setzte er ein in Jisraél, die er unsern Vätern geboten, sie kund zu thun ihren Söhnen.
Hirschals er Zeugniß aufstellte in Jaakob und Lehre niederlegte in Jisrael, die er unsere Väter verpflichtete, ihren Söhnen zur Erkenntniß zu bringen,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. ויקם וגו' עדות: die מצות, die Er zum Gedächtniß seiner Thatoffenbarungen gestiftet. Sie wurden an „Jaakob" geübt und in „Jaakob" gestiftet. Eben in unserer Macht- und Hiflosigkeit, die der Name „יעקב" vergegenwärtigt, waren wir geeignet, an uns die Macht- und Waltungsgröße Gottes offenbar zu machen, und in uns das stete Gedächtniß dieser Gottoffenbarungen zu erhalten. Durch diese, die Allem obsiegende, an Jaakob sich offenbarende Gottesmacht wird Jaakob: Jisrael (Pent. 1. B. M. S. 473), und תורה שם בישראל, nachdem durch נפלאות ד' Jaakob: Jisrael geworden, übergab er Jisrael das Gesetz als die Angabe, für deren Lösung Er Jaakob zu Jisrael erhoben hatte. קום ist der ganz besondere Ausdruck für die Wirksamkeit von עדים. Zeugen treten auf, לא יקום עד אחד (5. B. M. 19, 15), כי יקום עד חמס (daf. 16), קמו בי עדי שקר (Ps.27,12) Auch die Wirkung des Zeugnisses wird durch קום ausgedrückt, das Bezeugte wird aufrecht gestellt, על פי שנים עדים וגו' יקום דבר (5. B. M. 17, 6). Daher heißt es hier von עדות: ויקם. תורה, das Gesetz, wird gesetzt, festgestellt, es wird die feste, bleibende Norm, daher שום, שם שם לו חוק ומשפט (2. B. M. 15, 25), המשפטים אשר תשים לפניהם (daf. 21, 1). Daher: ותורה שם. Geschichte und Gesetz, das ist der Gesammtinhalt der תורה, Geschichte, deren für die Erkenntniß Gottes und seiner Waltungen bedeutendste Momente durch עדות festgehalten werden, ging der Gesetzoffenbarung voran, wie diese selbst ja auf Gottes geschichtliche Thatoffenbarung als ihre Voraussetzung hinweist: אנכי וגו' אשר היוצאתיך מארץ מצרים וגו' (2. B. M. 20, 2). אשר וגו', Beides, die Geschichte und das Gesetz, sind wir verpflichtet, unsern Kindern durch Ueberlieferung zur Kenntniß und Erkenntniß zu bringen.

6
לְמַ֤עַן יֵדְע֨וּ ׀ דּ֣וֹר אַ֭חֲרוֹן בָּנִ֣ים יִוָּלֵ֑דוּ יָ֝קֻ֗מוּ וִיסַפְּר֥וּ לִבְנֵיהֶֽם׃
BernfeldDamit das späteste Geschlecht das kenne, die Söhne, die nachher geboren werden, aufstehen und es ihren Söhnen erzählen.
ZunzAuf daß erkenne das späteste Geschlecht, die Söhne, die geboren werden, daß sie aufstehn und erzählen ihren Söhnen;
Hirschdamit das spätere Geschlecht sie wisse, die Söhne, die geboren werden, aufstehen und ihren Söhnen sie erzählen,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. 7. למען וגו' יקומו ebenso wie ויקם עדות (siehe V. 5), die überliefernden Eltern stehen den Kindern als Zeugen für die Wahrheit des Ueberlieferten da, und haben diese durch Unterricht und Erziehung zu vollziehende Aufgabe in solchem Sinne zu lösen (Vgl.

Pent. zu 5. B. M. 4, 9 S. 47). כסל, כסלם, verw. mit גול, ist jene Thorheit, die sich gewaltsam auf eine Ansicht steift und sie eigensinnig festhält, obgleich für diese Ansicht kein äußerer, nachweisbarer Grund vorhanden ist (Siehe Pent. 1. B. M. S. 578). Gott zugewandt ist es jenes Vertrauen auf Gott, das mit aller Zuversicht an Ihn und seine Verheißungen festhält, obgleich in der sichtbaren, greif- und tastbaren Welt sich kein hinlänglicher Grund dafür nachweisen läßt, ja, die Thatsachen der sichtbaren, greif- und tastbaren Welt einer solchen Zuversicht völlig entgegen sein mögen. Ein solches Vertrauen, und das darauf sich stützende Denken und Handeln ist nothwendig in den Augen des sinnlichen, nur Greif- und Tastbares wägenden Verstandes vollendete Thorheit. Eine solche „Thorheit," ein solches, durch keine Thatsachen der nur die Erscheinungen der sinnlichen Welt berechnenden Erwägungen zu beirrendes, rückhaltloses Vertrauen in Gott, bildet aber die allererste Vorbedingung der jüdischen Gottestreue, und, zu ihr uns zu erziehen, war der Zweck aller Gott offenbarenden Führungen unserer Gründungsgeschichte. In der That, der Jude, der mit freudig gehobener Stimmung sein zartes, achttägiges Kind der Beschneidung unterzieht, der mehr als ein Siebtel seiner Werth schaffenden und erwerbenden Thätigkeit preisgiebt, der — zur Zeit seiner staatlichen Selbständigkeit — jedes siebte Jahr den Landbau einstellt, ja jedes neun und vierzigste und fünfzigste Jahr sogar zwei Jahre nacheinander keinen Acker bestellt, der, Mitten in einer, nur ihrem Vortheil lebenden Geschäftswelt, doch keinen Fingerbreit aus der schmalen Ebene strengster Redlichkeit und Aufrichtigkeit weicht 2c. 2c., der in Mitten einer sich ihm gegenüber ewig als fremd verhaltenden, mit Hohn und Verachtung ihn zurückstoßenden, auf ganz andern Voraussetzungen sich erbauenden Welt, sich allen Entbehrungen und Verzichtleistungen mit ruhigem Gleichmuth unterwirft, die in einer so fremdartigen, ja oft feindlichen Umgebung die Erfüllung seines ihm von den Vätern überlieferten Gottesgesetzes von ihm fordert, — dessen ganzes Denken und Handeln erscheint nothwendig in den Augen aller Derer als כסל, als die vollendetste Thorheit, die nicht wie der Jude gewohnt sind, über alles sinnlich Greifbare und Tastbare, ja über die ganze sichtbare Welt hinaus, und mehr als alle Thatsachen der sichtbaren Welt, die Thatsächlichkeit des unsichtbaren Einzig-Einen und Seiner alles überragenden Waltung in die Berechnung unserer Bestimmung und Lebensaufgabe zu ziehen. Eine solche, den Menschen Thorheit erscheinende, rückhaltlose Zuversicht in Gott, zu welcher nur die Thatsachen der uns gewordenen geschichtlichen Thatoffenbarungen Gottes den hinreichenden Grund bieten, setzt unsere Pflichttreue gegen Gottes Gesetz voraus, und darum sollen die geschichtlichen Ueberlieferungen der Väter jedes jüdische Geschlecht zu solchem Vertrauen, zu solchem jüdischen Lebensmuthe erziehen, „damit sie in Gott ihr Thorheit erscheinendes Vertrauen setzen, die Gotteswaltungen nie vergessen und seine Gebote wahren." נצור מצות, die מצות wahren, sie hüten, daß sie nicht verloren gehen, sie nicht nur selbst erfüllen, sondern auch für deren Vererbung sorgen.

7
וְיָשִׂ֥ימוּ בֵאלֹהִ֗ים כִּ֫סְלָ֥ם וְלֹ֣א יִ֭שְׁכְּחוּ מַ֥עַלְלֵי־אֵ֑ל וּמִצְוֺתָ֥יו יִנְצֹֽרוּ׃
BernfeldDann werden sie ihr Vertrauen auf Gott setzen und nicht vergessen die Taten Gottes, und seine Gebote wahren.
ZunzUnd auf Gott ihr Vertrauen setzen, und nicht vergessen die Thaten Gottes, und seine Gebote wahren;
Hirschdamit sie in Gott ihr rückhaltloses Vertrauen setzen, nicht Gottes Thaten vergessen, und seine Gebote wahren,
8
וְלֹ֤א יִהְי֨וּ ׀ כַּאֲבוֹתָ֗ם דּוֹר֮ סוֹרֵ֢ר וּמֹ֫רֶ֥ה דּ֭וֹר לֹא־הֵכִ֣ין לִבּ֑וֹ וְלֹֽא־נֶאֶמְנָ֖ה אֶת־אֵ֣ל רוּחֽוֹ׃
BernfeldDass sie nicht wie ihre Väter werden, ein unbändiges und widerspenstiges Geschlecht, ein Geschlecht, das seinen Sinn nicht [zum Guten] richtete, und dessen Gemüt nicht treu war gegen Gott.
ZunzUnd nicht werden wie ihre Väter, ein unbändiges und widerspenstiges Geschlecht, ein Geschlecht, das nicht befestigt sein Herz, und dessen Gemüth nicht treu war gegen Gott.
Hirschund nicht werden wie ihre Väter ein ungehorsames und widerspänstisches Geschlecht, ein Geschlecht, das seinem Herzen nicht die rechte Richtung gab, und dessen Geist nicht zuverlässig war mit Gott.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. ולא יהיו וגו' כאבותם umfaßt alle jüdischen Geschlechter von יציאת מצרים bis Asaf. סורר ומורה siehe Pent. 5. B. M. 21, 18. לא הכין לבו, nach dem Worte der Weisen ist לב צדיק ברשותו, steht das Herz des Gerechten in seiner Macht, aber רשע ברשות לבו, der Schlechte aber ist in der Gewalt seines Herzens. Der pflichttreue Mensch läßt sich nicht von Gefühlen, Empfindungen, Wünschen, Neigungen, Leidenschaften des Herzens leiten, sondern beherrscht alle Regungen seines Herzens, prüft sie an dem Maßstabe der Gotteslehre und giebt seinem Herzen die Richtung auf das gottgefällige Rechte. לב, das Herz des Juden soll dem רוח, soll dem Geiste unterstehen, und רוח, der Geist, fest an Gott halten, sich der göttlichen Leitung wandellos überlassen; dann wird durch den Geist das Herz unter der Herrschaft Gottes stehen und alles Wollen und Streben nur dem Göttlichen zugewandt sein. Dieses völlige und schwankenlose Aufgehen alles Denkens und Wollens in die Gottes-Lehre und den Gottes-Willen war von den Asaf vorangegangenen Zeiten noch nicht bewährt worden (Vgl. Pent 31,27. 29). Für dieses Schwanken im treuen Gehorsam gegen Gott sieht Asaf V. 7. die Ursache in dem Mangel an rückhaltlosem Vertrauen in Gott, und diesen Vertrauensmangel hervorgegangen aus dem Vergessen der Thatoffenbarungen Gottes in Israels Geschichte. Dieser Gedanke wird nun im Folgenden nachgewiesen.

9
בְּֽנֵי־אֶפְרַ֗יִם נוֹשְׁקֵ֥י רֽוֹמֵי־קָ֑שֶׁת הָ֝פְכ֗וּ בְּי֣וֹם קְרָֽב׃
BernfeldDie Söhne Efraims waren gerüstete Bogenschützen, wandten aber um [flohen am Tage der Schlacht?]
ZunzDie Söhne Efrajim, (wie) gerüstete Bogenschützen, die am Tage der Schlacht umwenden,
HirschDie Söhne Efraim's, gerüstete Bogen-Schützen, haben doch den Rücken gekehrt am Tage der Schlacht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. בני אפרים וגו'. Wenn die unter dem Namen Efraim begriffenen Zeiten der Richter wiederholt den Angriffen der umwohnenden Völkerschaften erlagen, so war daran nicht etwa ein Mangel an Tapferkeit und Kriegestüchtigkeit Schuld. Sie waren נשקי רומי קשת. נשק die Waffenrüstung, נשוק gerüstet sein (Siehe Pent. 1. B. M. S. 54). רומי von רמה, werfen, schleudern, רומי קשת: die mit Bogen Pfeile werfen, Bogenschützen.

10
לֹ֣א שָׁ֭מְרוּ בְּרִ֣ית אֱלֹהִ֑ים וּ֝בְתוֹרָת֗וֹ מֵאֲנ֥וּ לָלֶֽכֶת׃
BernfeldWeil sie nicht den Bund Gottes wahrten und sich weigerten, in seiner Lehre zu wandeln.
ZunzWahrten nicht den Bund Gottes, und in seiner Lehre weigerten sie sich zu wandeln.
HirschSie hatten Gottes Bund nicht gehüthet und in seiner Lehre zu wandeln sich geweigert,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. 11. לא שמרו וגו'. V. 10 giebt die Ursache von V. 9, V. 11 die Ursache von V. 10 an: sie unterlagen, weil sie Gott nicht gehorchten, und sie waren ungehorsam, weil sie Gottes Thatoffenbarungen vergessen hatten. ברית א': der ברית am Horeb, in welchem sie mit נעשה ונשמע ewigen Gehorsam gelobt hatten (2. B. M. 24, 7. 8), und der ברית im Lande Moab, in welchem dem in Besitz des Landes kommenden Geschlechte abhängig von ihrer Treue oder Untreue Segen oder Fluch von Gott zugesichert ward (5. B. M. 28, 69). עלילות sind die einzelnen Thaten der göttlichen Waltung, mit welchen Gott Israel seinem Ziele näher führte und für seine Bestimmung erzog (Vgl. Ps. 77, 13). Hier, wie aus dem Folgenden zu entnehmen wäre, blickt wohl עלילותיו auf die dem דור המדבר gewordenen Erziehungsthaten hin, und נפלאותיו auf die Rettungs- und Erhaltungswunder, welche das in's Land ziehende Geschlecht noch selbst erlebt hatte, אשר הראם.

11
וַיִּשְׁכְּח֥וּ עֲלִילוֹתָ֑יו וְ֝נִפְלְאוֹתָ֗יו אֲשֶׁ֣ר הֶרְאָֽם׃
BernfeldSie vergaßen seine Taten und seine Wunder, die er ihnen gezeigt.
ZunzUnd sie vergaßen seine Thaten und seine Wunder, die er ihnen gezeigt.
Hirschda sie seiner Thaten vergaßen und seiner Wunder, die er ihnen gezeigt.
12
נֶ֣גֶד אֲ֭בוֹתָם עָ֣שָׂה פֶ֑לֶא בְּאֶ֖רֶץ מִצְרַ֣יִם שְׂדֵה־צֹֽעַן׃
BernfeldVor ihren Vätern tat er Wunder im Lande Ägypten, im Gefilde Zoan.
ZunzVor ihren Vätern that er Wunder, im Lande Mizrajim, Soan's Gefilde.
HirschVor ihren Vätern hatte er Wunder geübt, im Lande Mizrajim, im Felde Zoans,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. נגד וגו'. Die Erlösung aus Mizrajim war ein פלא, Eine große Gott offenbarende That, בארץ מצרים: in dem egyptischen Staat, שדה צען: und in der, der egyptischen Macht zur Unterlage dienenden Natur. שדה ist ja die für Menschenzwecke durch die geistige Macht des Menschen „eingefangene," d. i. dienstbar gemachte Natur (Siehe Pent. 1. B. M. S. 51). An Egyptens politischer Macht, und an Egyptens Naturgebiet hatte Gott seine Gegenwart auf Erden und seine Alles beherrschende Macht und Größe gezeigt, hatte durch Israels Erlösung aus Egypten gezeigt, und zunächst dadurch ja Israel gelehrt, daß gegen Gott die höchste Menschenmacht und alle Naturgewalt nichts vermag, daß mit Gott der an Beidem Aermste stark und reich genug ist, um zu Heil und Freiheit zu erstehen,

13
בָּ֣קַע יָ֭ם וַיַּעֲבִירֵ֑ם וַֽיַּצֶּב־מַ֥יִם כְּמוֹ־נֵֽד׃
BernfeldEr spaltete das Meer und führte sie hindurch, er machte das Wasser stauen wie einen Damm.
ZunzEr spaltete das Meer und führte sie hindurch, und machte die Wasser stehen wie einen Damm.
Hirschhatte das Meer gespalten und sie hindurch geführt, hatte Wasser aufrecht gestellt wie eine Mauer,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13—16. בקע וגו', hatte durch die Führung durch's Meer, durch die Leitung in der Wüste, durch die Tränkung in der wasserlosen Oede, seine Alles beherrschende, Allem fürsorgende, Allem genügende, für Alles Ersatz bietende unmittelbare Gegenwart vor Augen gelegt. רבה ist wohl adverbialiter wie לא אמוט רבה (Ps. 62, 3). Bei dieser reichlichen Wasserspende in der Wüste wird wohl darum länger verweilt, weil sie im größten Gegensatz zu dem Terrain stand und eine völlige, und zwar dauernde Umwandlung der Wüsten-Natur für die Zeit der Wanderung Israels bekundete. Nach der Ueberlieferung begleitete sie ja auch das Wasser auf allen ihren Zügen, und von Refidim bis nach Mirjams Tode im vierzigsten Jahre hören wir von keinem Wassermangel. Hierauf weist wohl auch das כנהרות hin. Die Gegenden, durch welche Israel zog, wurden wie von Strömen durchzogen. Die Manna-Spende wird hier übergangen, weil sie in dem gleich Folgenden hervorgehoben wird.

14
וַיַּנְחֵ֣ם בֶּעָנָ֣ן יוֹמָ֑ם וְכׇל־הַ֝לַּ֗יְלָה בְּא֣וֹר אֵֽשׁ׃
BernfeldEr führte sie mit der Wolke bei Tag und die ganze Nacht mit Feuershelle.
ZunzUnd führte sie mit der Wolke bei Tag, und die ganze Nacht mit Feuershelle.
Hirschführte sie durch Wolke Tags, und durch Feuer-Licht die ganze Nacht,
15
יְבַקַּ֣ע צֻ֭רִים בַּמִּדְבָּ֑ר וַ֝יַּ֗שְׁקְ כִּתְהֹמ֥וֹת רַבָּֽה׃
BernfeldEr spaltete Felsen in der Wüste und tränkte sie wie aus unermesslichen Tiefen.
ZunzEr spaltete Felsen in der Wüste, und tränkte wie aus unermeßlichen Tiefen.
Hirschspaltet Felsen in der Wüste und tränkte reichlich wie Fluthen,
16
וַיּוֹצִ֣א נוֹזְלִ֣ים מִסָּ֑לַע וַיּ֖וֹרֶד כַּנְּהָר֣וֹת מָֽיִם׃
BernfeldAus dem Felsen brachte er Fließendes hervor und ließ Wasser in Strömen rinnen.
ZunzUnd brachte hervor Fließendes aus dem Felsen, und ließ gleich Strömen Wasser rinnen.
Hirschließ Fließendes aus Gestein heraus, und Wasser wie Ströme hinabschießen:
17
וַיּוֹסִ֣יפוּ ע֭וֹד לַחֲטֹא־ל֑וֹ לַֽמְר֥וֹת עֶ֝לְי֗וֹן בַּצִּיָּֽה׃
BernfeldAber sie fuhren fort, gegen ihn zu sündigen, in der Steppe gegen den Höchsten widerspenstig zu sein.
ZunzUnd sie fuhren ferner fort, gegen ihn zu sündigen, gegen den Höchsten widerspenstig zu seyn in der Steppe.
Hirschund doch fuhren dauernd sie fort ihm zu sündigen, dem Höchsten in der Wüste widerspänstig zu sein!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 17. ויוסיפו עוד וגו'. Es war noch keine Versündigung der Väter erwähnt, auf welche sich dies ויוסיפו עוד beziehen könnte, vielmehr dürfte sich dies nur auf Versündigungen beziehen, die der Versündigung zu תבערה und קברות התאוה, auf welche der Tendenz dieses Ueberblicks gemäß Asaf die Gedanken besonders richten will, vorangegangen waren, die er daher im Geiste überblickt, um sodann zu תבערה וקברות התאוה zu gelangen. Diese beiden Versündigungen waren nicht die ersten. Obgleich, wie V. 13—16 geschildert, Gottes Führung rettend, leitend und fürsorgend so sichtbar über ihnen waltete, versündigten sie sich nicht nur Einmal, sondern „fuhren dauernd fort" ihm zu sündigen. עוד. Vgl. עוד יהללוך סלה (Ps. 84, 5). למרות wie להמרות. מרה bezeichnet die Gegensätzlichkeit sowohl in Gesinnungen und Gedanken, als in Handlungen (Siehe Pent. 1. B. M. 26, 35. 4. B. M. 20, 10). עליון, Dem, den sie doch als den über Alles Mächtigen, Alles Beherrschenden, über Alles Gebietenden kennen gelernt hatten, dem wagten sie בציה, in der uferlosen Wüste, wo sie Nichts als Ihn hatten, mit Gesinnungen, Worten und Handlungen entgegen zu sein!

18
וַיְנַסּוּ־אֵ֥ל בִּלְבָבָ֑ם לִֽשְׁאׇל־אֹ֥כֶל לְנַפְשָֽׁם׃
BernfeldSie versuchten Gott in ihrem Herzen, Speise zu verlangen für ihre Gier.
ZunzUnd sie versuchten Gott in ihrem Herzen, Speise zu verlangen für ihr Gelüst.
HirschVersuchten Gott in ihrem Herzen, Speise für ihr Gelüste zu fordern.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 18—21. וינסו וגו'. Die beiden Versündigungen תבערה und קברות התאוה sind hier in Eins zusammengefaßt. In der That bilden sie auch nur zwei Momente Einer Verirrung, worauf schon das וישבו וינסו וגו' (4. B. M. 11, 4) hinweist und hier noch zu klarerm Verständniß kommt. Das Volk war מתאוננים (daf. 1) geworden. Statt das Beglückende des Bewußtseins einer unmittelbaren, Allem durch ihre Wundermacht fürsorgenden göttlichen Führung zu fühlen, betrachtete sich das in der Wüste nur von den Fittigen der göttlichen Allmacht getragene Volk, weil abgeschnitten von aller Gemeinschaft mit der übrigen Menschheit und entblößt von allen Mitteln der gewöhnlichen Existenz, wie „eingesargt," und trauerte wie um ein verlorenes Leben (Siehe Pent. daf.). Wir erfahren hier, daß das, was in קברות התאוה laut wurde, die durch das Manna nicht befriedigte Lüsternheit nach gewöhnlicher Kost, nur ein noch einmal hervorbrechendes Moment der allgemeinen Unzufriedenheit bildete, die den Gemüthszustand der מתאוננים ausmachte, und schon durch das תבערה-Feuer gebüßt war. Die Wurzel dieser Unzufriedenheit wird hier in dem Mangel an Vertrauen in die Weisheit der göttlichen Fürsorge (V. 22) und in dem Mangel an Vertrauen in die Alles vermögende göttliche Allmacht gezeigt (V. 19. 20). Sie hatten nicht das Vertrauen, daß Gott sie nur darum mit der Manna-Wunderspeise, und nicht mit der gewöhnlichen Menschen-Nahrung versorgte, weil dieses Manna auf der Wanderung durch die Wüste und für den ganzen geistig sittlichen Zweck dieser ihrer Wanderung das Zuträglichste, Beste und Geeignetste war, sondern erblickten in der Versagung gewöhnlicher Kost eine Kürze der göttlichen Allmacht. Für ihren Durst hatte Gott sie, wenn gleich auf wunderbarer Weise, mit dem gewöhnlichen Mittel, mit Wasser versorgt, ja נחלים ישטפו, Bäche strömen seitdem fort und begleiten sie durch die Wüste (Siehe 4. B. M. 20, 2. 21, 16. 17. Pent. daf.), warum nicht auch „Brod und Fleisch," לחם ושאר, für ihren Hunger, wenn Er es — könnte! Das der Sinn dieser „Versuchung" Gottes in ihren Herzen (V. 18), die mit dem „Feuer" gebüßt wurde. Hatten sie dabei doch auch ganz außer Augen gelassen, daß die erste Mannaspende auch von einer Fleischgewährung in Wachteln begleitet war (2. B. M. 16, 13), und hätte schon diese Erinnerung ihnen sagen können, daß nicht Gottes Machtkürze, sondern sicherlich Gottes weise Fürsorge ihnen den steten Fleischgenuß in der Wüste nicht gewährte. Ja, es dürfte jene einmalige, der ersten Mannaspende vorangehende Gewährung der Fleischkost ihnen ganz eigentlich die Belehrung für ihre ganze Wanderungszeit haben bringen sollen, daß Gott sie ebenso mit gewöhnlicher Nahrung in der Wüste habe versorgen können, wenn dies seiner Weisheit gut erschienen wäre. Ist das ja auch vielleicht der Inhalt des ערב וידעתם וגו' (2. B. M. 16, 6). Sie hatten daraus erkennen sollen, daß ד', dessen Wundermacht Nichts unmöglich ist, der jeden kommenden Moment nach Seiner Weisheit für das Erziehungs-Bedürfniß seiner Menschen gestaltet, daß Er es ist, dessen Erlösungswerk ihr ganzer Auszug ist (Vgl. Pent. daf. 6—8). Nichts destoweniger brach in Veranlassung des unverbesserlichen Gesindels, האספסוף, das Gelüste nach Fleisch besonders hervor, מי יאכלנו בשר (4. B. M. 11, 4), eine תאוה, deren mit Tödtung endigende Befriedigung hier (V. 26—31) geschildert wird. Beide Momente, das הגם לחם וגו' אם יכין שאר וגו' der Unzufriedenen von תבערה und das מי יאכלנו בשר der Lüsternen von קברות התאוה sind hier in ein Moment zusammen gezogen, wie denn ja auch in Wirklichkeit das Letztere nur eine Fortsetzung des Ersten war.

19
וַֽיְדַבְּר֗וּ בֵּאלֹ֫הִ֥ים אָ֭מְרוּ הֲי֣וּכַל אֵ֑ל לַעֲרֹ֥ךְ שֻׁ֝לְחָ֗ן בַּמִּדְבָּֽר׃
BernfeldSie redeten wider Gott; sie sprachen: Wird Gott in der Wüste einen Tisch anzurichten vermögen?
ZunzUnd sie redeten wider Gott, sprachen: Wird Gott vermögen einen Tisch anzurichten in der Wüste?
HirschSprachen wider Gott, sagten: sollte Gott auch vermögen, einen Tisch in der Wüste zu decken?
20
הֵ֤ן הִכָּה־צ֨וּר ׀ וַיָּז֣וּבוּ מַיִם֮ וּנְחָלִ֢ים יִ֫שְׁטֹ֥פוּ הֲגַם־לֶ֭חֶם י֣וּכַל תֵּ֑ת אִם־יָכִ֖ין שְׁאֵ֣ר לְעַמּֽוֹ׃
BernfeldWohl schlug er einen Felsen, dass Wasser floss und Bäche fluteten; wird er aber auch seinem Volke Brot geben oder Fleisch bereiten können?
ZunzSiehe, er schlug einen Felsen, und Wasser floß, und Bäche flutheten. Wird er auch Brod geben können oder Fleisch bereiten seinem Volke?
HirschWohl hat er einen Fels geschlagen und Wasser floß, ja Bäche strömen noch: wird er auch Brod gewähren können, Fleischkost seinem Volke herrichten?
21
לָכֵ֤ן ׀ שָׁמַ֥ע יְהֹוָ֗ה וַֽיִּתְעַ֫בָּ֥ר וְ֭אֵשׁ נִשְּׂקָ֣ה בְיַעֲקֹ֑ב וְגַם־אַ֝֗ף עָלָ֥ה בְיִשְׂרָאֵֽל׃
BernfeldWahrlich, das hörte der Herr und ereiferte sich; ein Feuer entzündete sich in Jakob, und Zorn stieg auf gegen Israel.
ZunzDarum hörte der Ewige und ereiferte sich, und Feuer entzündete sich in Jaakob, und auch Zorn stieg auf gegen Jisraél.
HirschDarum hörte Gott und erzürnte sich, und Feuer glühte an Jaakob, und auch Zorn stieg wider Jisrael auf;
22
כִּ֤י לֹ֣א הֶ֭אֱמִינוּ בֵּאלֹהִ֑ים וְלֹ֥א בָ֝טְח֗וּ בִּישׁוּעָתֽוֹ׃
BernfeldWeil sie nicht an Gott glaubten und seiner Hilfe nicht vertrauten.
ZunzWeil sie nicht glaubten an Gott, und nicht vertrauten seiner Hülfe.
Hirschdenn sie hatten kein Vertrauen in Gott und keine Zuversicht in seine Hilfe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 22. 23. לכן וגו'. נשקה, Piel oder Nifal von נשק. Aus Ezech. 39, 9. והשיקו בנשק וגו', Jes. 44, 15. אף ישיק ואפה לחם scheint hervorzugehen, daß נשק nicht Feuer anzünden, sondern heizen, somit die Mittheilung der Gluth bedeutet. Obgleich es daher 4. B. M. 11, 1 heißt: ותאכל בקצה המחנה, so ist doch hier der Ausdruck נשק gewählt, wohl um zu sagen, daß nicht Vernichtung die Absicht dieser Schickung war, sie vielmehr dem Volke nur die drohende Macht des Feuers fühlbar machen sollte. Wie wir z. St. bemerkt haben, sollte das Volk empfinden, daß das von ihnen wie Grabesdasein betrauerte Leben, denn doch noch einen Werth haben müßte, da es um dessen Erhaltung aufschrie. Vielleicht erklärt sich damit auch der Wechsel der Ausdrücke יעקב und ישראל. Insofern des Volkes Zustand in der That noch „Jaakob" war, sollte ihm zum Bewußtsein kommen, wie denn doch selbst dieser menschlich hilflose Zustand noch unendlichen Werth für es habe. Gottes Zürnen aber verdiente es als „Jisrael," das denn doch bereits zu sehr sich des eben nur in diesem menschlich hilflosen Zustand zu lösenden Berufs der Gottesheroldschaft auf Erden freudig bewußt sein sollte, um die davon unzertrennlichen Entbehrungen und Entsagungen heiter zu ertragen, ja kaum zu fühlen.

כי לא וגו'. sie hatten nicht jenes Vertrauen in Gott, das sich seiner Führung rückhaltlos hingiebt, und sie waren nicht von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Hilfe, die er ihnen angedeihen ließ, und wie Er sie ihnen angedeihen ließ, im Gewähren und Versagen ihnen nur das für sie Beste und Heilvollste bereitete.

23
וַיְצַ֣ו שְׁחָקִ֣ים מִמָּ֑עַל וְדַלְתֵ֖י שָׁמַ֣יִם פָּתָֽח׃
BernfeldDoch entbot er die Wolken droben, und die Türen des Himmels tat er auf.
ZunzDa entbot er die Wolken droben, und die Thüren des Himmels that er auf.
HirschUnd er befahl doch Wolken aus der Höhe, und hatte des Himmels Thüren geöffnet,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 23—25. ויצו וגו' schildert nicht Das, was nun ferner in Folge ihrer Versündigung eintrat, sondern ist eine weitere Begründung des göttlichen Unwillens über ihren Vertrauensmangel und ihre Unzufriedenheit. Es erzählt Das, was sie seit den ersten Zeiten ihres Eintritts in die Wüste von Gottes Wundergüte zum Genuß erhielten, das wohl geeignet war, sie im Vertrauen in Gott und seine Fürsorge festzuhalten, und ihr GenußBedürfniß voll zu befriedigen. ויצו שחקים ממעל, in der sonst wolkenlosen Wüste fiel ihnen erst Thau (2. B. M. 16, 13. 14. 4. B. M. 11, 9. Siehe Pent. daf.), und dann ודלתי שמים פתח, öffnete er gleichsam die Thüren des Himmels, Etwas zu spenden, das seinem Ursprunge nach nicht der Erde angehörte. וימטר עליהם מן לאכל, und Das, was Er über sie und nur für sie hinab sandte, ward ihnen in einer, das häusliche Bedürfniß eines Jeden so genau bemessenden Weise, daß es sich als die unmittelbarste, jeder Seele und jedem Seelchen einer jeden Familie fürsorgende, göttliche Waltung, daß es im vollsten Sinne sich als „מן," als Gottesbestimmung bekundete. ודגן שמים נתן למו: war es nicht das von ihnen vermißte, von Menschenkraft aus irdischem Boden gezeitigte Getreide, so war es mehr, war es ein vom Himmel für das Menschenbedürfniß erzeugtes Korn. לחם אבירים וגו': ihm war eine Doppelnatur eigen, es war so rein, so ätherisch, man möchte sagen, so geistig, daß man es für לחם אבירים, für Speise höherer, der irdischen Schwere enthobenen Wesen halten konnte, und doch gewährte es ihnen צידה ausdauernde, und שובע, volle Sättigung bewirkende Speisung. Alles dies hätte wohl nach jeder Seite hin, eine solche, Gottes Unwillen verdienende Verirrung von ihnen ferne halten sollen.

24
וַיַּמְטֵ֬ר עֲלֵיהֶ֣ם מָ֣ן לֶאֱכֹ֑ל וּדְגַן־שָׁ֝מַ֗יִם נָ֣תַן לָֽמוֹ׃
BernfeldUnd ließ Manna auf sie regnen zur Nahrung und gab ihnen himmlisches Korn.
ZunzUnd ließ Man auf sie regnen zur Nahrung, und himmlisches Korn gab er ihnen.
Hirschund ließ auf sie Man zur Nahrung regnen, und hatte ihnen Himmels Korn gegeben,
25
לֶ֣חֶם אַ֭בִּירִים אָ֣כַל אִ֑ישׁ צֵידָ֬ה שָׁלַ֖ח לָהֶ֣ם לָשֹֽׂבַע׃
BernfeldVorzügliches aß der Mensch, Speise sandte er ihnen zur Sättigung.
ZunzEngelsbrod aß der Mensch, Speise sandte er ihnen zur Sättigung.
Hirschhöherer Wesen Brod genossen Menschen, er hatte ihnen doch Vorrath gesandt zur Sättigung!
26
יַסַּ֣ע קָ֭דִים בַּשָּׁמָ֑יִם וַיְנַהֵ֖ג בְּעֻזּ֣וֹ תֵימָֽן׃
BernfeldEr ließ den Ostwind heraufziehen am Himmel und führte mit seiner Macht den Südwind.
ZunzEr ließ heraufziehen den Ost am Himmel, und führte mit seiner Macht den Süd.
HirschJetzt lässt er Ostwind durch den Himmel wehen und führte Südwind in seiner Stärke,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 26—31. יסע וגו', da sie jedoch, וינסו אל וגו', die „Probe" wünschten, daß Gott nicht aus Kürze seiner Macht ihnen in der Wüste nicht gewöhnliche Menschenkost, insbesondere Fleischkost gewährte, so erfüllte er nun ihnen diesen Probe fordernden Wunsch. יסע וגו', 4. B. M. 11, 31 heißt es: ורוח נסע מאת ד' ויגז שלוים מן הים. Das Meer war ihnen zu Osten, die Wachteln befanden sich südöstlich von ihnen; es bedurfte daher zuerst eines Ostwindes um die Wachteln über's Meer zu treiben, und sodann des Südwindes, um sie in die Richtung des jüdischen Lagers zu führen. וימטר עליהם כעפר וגו': wie von der Erde aufgewirbelter Staub, der sodann vom Himmel herab fällt. Es war nichts wie Manna, im Himmel Erzeugtes, וכחול ימים: so zahlreich. ויפל בקרב מחנהו וגו', nicht: מחנם und משכנותם, sondern מחנהו, משכנותיו. In Mitte eines Kreises, der מחנהו, מחנה ד', Gottes Lager sein sollte, von dem es heißt: כי ד' אלקיך מתהלך בקרב מחנך (5. B. M 23, 15); dessen Mittelpunkt משכנות עליון, die Gottes Gegenwart bekundenden, zur Heiligung und weihenden Hingebung an Gott ladenden Stätten bildeten, mußte Er zur Befriedigung sinnlicher Gelüste und zur Beschämung beschränkten Kleinmuths — Fleischkost werfen! לא זרו מתאותם, sie waren ihrer Lust noch nicht entfremdet, d. h. ihre Lust war noch nicht ganz zu Ende, sie hatten noch Appetit. במשמניהם, ihre Fetten, Feisten, mit Hinblick auf ihre sich eben mästende Sinnlichkeit. בחורי ישראל: nach ihrem Berufe, Israel's auserlesene Jünglinge, Jünglinge, die Israel mit Stolz die Seinen nennen sollte, oder auch nannte. הכריע, כרע kommt auch Richter 5, 27 von dem sich krümmenden Zusammenknicken im Sterben vor.

27
וַיַּמְטֵ֬ר עֲלֵיהֶ֣ם כֶּעָפָ֣ר שְׁאֵ֑ר וּֽכְח֥וֹל יַ֝מִּ֗ים ע֣וֹף כָּנָֽף׃
BernfeldEr ließ Fleisch auf sie streuen wie Staub und wie Sand der Meere beschwingte Vögel.
ZunzUnd ließ auf sie regnen, wie Staub, Fleisch, und wie Sand der Meere beschwingte Vögel.
Hirschließ Fleischkost auf sie wie Staub hernieder regnen und wie Meeressand beschwingten Vogel.
28
וַ֭יַּפֵּל בְּקֶ֣רֶב מַחֲנֵ֑הוּ סָ֝בִ֗יב לְמִשְׁכְּנֹתָֽיו׃
BernfeldDiese ließ er in sein Lager fallen rings um seine Wohnungen.
ZunzUnd ließ sie fallen inmitten seines Lagers, rings um seine Wohnungen.
HirschMitten in sein Lager warf er sie hin, rings um seine Stätten!
29
וַיֹּאכְל֣וּ וַיִּשְׂבְּע֣וּ מְאֹ֑ד וְ֝תַאֲוָתָ֗ם יָבִ֥א לָהֶֽם׃
BernfeldSie aßen und wurden recht satt, und ihr Gelüst erfüllte er ihnen.
ZunzUnd sie aßen und wurden recht satt, und ihr Gelüst brachte er ihnen.
HirschDa aßen sie, sättigten sich im Üebermaaß, und ihr Gelüste lässt er ihnen kommen.
30
לֹא־זָ֥רוּ מִתַּאֲוָתָ֑ם ע֝֗וֹד אׇכְלָ֥ם בְּפִיהֶֽם׃
BernfeldNoch waren sie aber ihrem Gelüste nicht entrückt, noch war ihre Speise in ihrem Munde,
ZunzNoch waren sie ihrem Gelüste nicht entrückt, noch war ihre Speise in ihrem Munde;
HirschNoch waren sie ihrem Gelüste nicht entfremdet, noch war ihr Essen in ihrem Munde,
31
וְאַ֤ף אֱלֹהִ֨ים ׀ עָ֘לָ֤ה בָהֶ֗ם וַֽ֭יַּהֲרֹג בְּמִשְׁמַנֵּיהֶ֑ם וּבַחוּרֵ֖י יִשְׂרָאֵ֣ל הִכְרִֽיעַ׃
BernfeldDa stieg auf gegen sie der Zorn Gottes, und er tötete unter ihren Fürsten und streckte die Jünglinge Israels nieder.
ZunzDa stieg auf gegen sie der Zorn Gottes, und er würgte unter ihren Fürsten, und die Jünglinge Jisraél's stürzte er nieder.
Hirschund Gottes Zorn erhob sich wider sie und sandte Tödtung an ihre Feisten, und beugte Jisraels Jünglinge nieder.
32
בְּכׇל־זֹ֥את חָֽטְאוּ־ע֑וֹד וְלֹֽא־הֶ֝אֱמִ֗ינוּ בְּנִפְלְאוֹתָֽיו׃
BernfeldBei all dem sündigten sie fort und glaubten nicht an seine Wunder.
ZunzBei all dem sündigten sie wieder, und glaubten nicht an seine Wunder.
HirschBei allem Dem sündigten sie fort und hatten kein Vertrauen in seine Wunder,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 32—41. בכל וגו' faßt nun die ganze übrige Wüstenwanderung in Eine Gesammtschilderung zusammen. Zunächst denkt das בכל זאת וגו' an die מרגלים-Versündigung, die durch deren in ויכל וגו' ausgesprochene Folge so verhängnißvoll für das ganze Geschlecht der Wüste wurde. ימיהם ist hier wohl, wie oft, ihre ganze Lebenszeit. In Folge jener Versündigung ließ Gott sie ihre ganze Lebenszeit in הבל enden, d. h. ohne daß sie zu dem eigentlichen Ziele ihrer Wanderschaft, dem Besitz des verheißenen Landes, gelangten. ושנותם בבהלה, und dieser zwecklosen Nichtigkeit wurden sie insbesondere beim Ablauf eines jeden Jahres mit Bestürzung sich bewußt. והוא רחום וגו', oft hatten sie völligen Untergang verdient, allein in seiner Barmherzigkeit ließ Gott nie diesen völligen Untergang eintreten, ויזכר וגו', wartete auf ihre Kinder, ließ sie ihre natürliche Lebenszeit in der Wüste ausleben, und ihre Bestimmung und die verheißene Zukunft auf ihre Nachkommen vererben. יעציבוהו וגו' (Vgl. Pent. 1. B. 6, 6). Wörtlich: sie verursachten ihm schmerzliche Entsagung. Es that ihm, menschlich gesprochen, wehe, daß er dies ganze, für eine so große, glückliche Zukunft erlöste Geschlecht aufgeben mußte. Aehnlich dem Schmerz um das Menschengeschlecht der Sündfluth. Selbst במדבר, selbst in der Wüste, wo doch ihre ganze Existenz allein auf Gott beruhte, scheuten sie sich nicht, seinen Unwillen durch Ungehorsam hervorzurufen, und selbst בישימון, in der „freudenlosen Oede," in welcher der reine Mensch gewiß die Freude nur in der Freude findet, die er Gott bereitet, und Seligkeit in dem Bewußtsein durch sein Verhalten des göttlichen Wohlgefallens sich würdig zu machen, selbst da erwarben sie sich diese Freude nicht, und verscherzten Gottes Wohlgefallen. וישובו וינסו וגו'. Immer fielen sie wieder zurück und forderten neue נסים, um von Gottes Alles vermögender, überall und Allem genügender Waltung überzeugt zu werden, und daraus das Vertrauen zu schöpfen, dessen wir nicht nur zu unserer Beruhigung, sondern dessen wir in allererster Linie zur heitern, schwankenlosen Erfüllung unserer Pflichten bedürfen (Vgl. Pent. 2. B. M. 16, 2. 5. B. M. 8. 3). וקדוש ישראל התוו. תו: ein Zeichen, התוה: ein Zeichen machen, zeichnen (Ezech. 9, 4). Jede Zeichnung eines Gegenstandes, wie überhaupt jede Form, ist eine Umgränzung. Ist doch auch jeder Begriff, jede „Difinition," eine Umgränzung, die einem Gegenstande eine gewisse Summe von Merkmalen überweist, die sein eigenes Gebiet, seinen Umfang ausmachen. Gott will קדוש ישראל sein, er will sich an Israel als den über Alles Erhabenen durch keine Beschränkung Erreichbaren bekunden, dem der Mensch mit seinem ganzen Wesen, seinem ganzen Geschicke und seinem ganzen Thatenleben sich zu unterstellen und hinzugeben habe. Als solcher will er von Israel und durch Israel im Kreise der Menschen erkannt und anerkannt werden, in Israel und durch Israel יתקדש שמו, soll sein Name geheiligt werden, darum nennt er sich: קדוש ישראל. Sie aber התוו, umgränzten ihn, beschränkten seine Macht oder seinen Willen auf bestimmte Gebiete. Es gab ihnen Gebiete des Seins und Vollbringens, die sie entweder seiner Macht entzogen, oder seiner Aufmerksamkeit und Seines Willens nicht gewürdigt wähnten, die sie daher entweder sich oder andern Mächten überwiesen glaubten, wie der Prophet (Ezech. 43, 8) diese Verirrung bezeichnet: בתתם ספם את ספי ומזוזתם אצל מזוזתי, „sie setzen ihre Schwelle neben meine Schwelle, ihre Pfosten neben meine Pfosten," והקיר ביני וביניהם, und „eine Wand ist zwischen mir und ihnen." Etwa, wie, wenn man heutzutage das Leben in ein religiöses, sociales, Familien- und Privat-Gebiet theilen, und Gott und unsere Beziehung zu Gott, die wir „Religion" nennen, nur auf das sogenannt „eigentliche Religiöse," auf Kirchen und Tempel beschränken will, und aus allen übrigen Gebieten, aus dem ganzen eigentlichen Inhalt des wirklichen Lebens, eine Rücksicht auf Gott, auf sein Wollen und Walten, als „nicht dahin gehörig" zurückweist. Diese Ganzheit unseres Vertrauens und unserer Hingebung an Gott, welche die Grundlage unserer jüdischen Bestimmung bildet, war der ganze Erziehungszweck unserer Wanderschaft in der Wüste. Weil aber dieser Zweck nicht voll erreicht wurde, und weil eben der Mangel an dieser Ganzheit des Vertrauens und der Hingebung auch den Verfall und den Untergang der Asaf vorangegangenen efraimitischen Zeiten verschuldet hatte, werden diese beiden Seiten וינסו und התוו nochmals besonders hervorgehoben.

33
וַיְכַל־בַּהֶ֥בֶל יְמֵיהֶ֑ם וּ֝שְׁנוֹתָ֗ם בַּבֶּהָלָֽה׃
BernfeldEr ließ ihre Tage in Nichtigkeit schwinden und ihre Jahre in Schrecken.
ZunzUnd er ließ schwinden in Richtigkeit ihre Tage, und ihre Jahre in Schrecken.
Hirschda ließ er in Nichtigkeit ihre Tage hingehen und ihre Jahre in Bestürzung.
34
אִם־הֲרָגָ֥ם וּדְרָשׁ֑וּהוּ וְ֝שָׁ֗בוּ וְשִֽׁחֲרוּ־אֵֽל׃
BernfeldWenn er sie tötete, suchten sie ihn und kehrten zurück und verlangten nach Gott.
ZunzWenn er sie würgte, suchten sie ihn, und kehrten zurück und verlangten nach Gott,
HirschSchlug er sie, so suchten sie ihn, kehrten zurück und suchten Gott auf,
35
וַֽ֭יִּזְכְּרוּ כִּֽי־אֱלֹהִ֣ים צוּרָ֑ם וְאֵ֥ל עֶ֝לְי֗וֹן גֹּאֲלָֽם׃
BernfeldSie erinnerten sich dessen, dass Gott ihr Hort, der höchste Gott ihr Erlöser ist.
ZunzUnd gedachten, daß Gott ihr Hort und der höchste Gott ihr Erlöser,
Hirscherinnerten sich, daß Gott ihr Hort sei und die allerhöchste Macht ihr Erlöser,
36
וַיְפַתּ֥וּהוּ בְּפִיהֶ֑ם וּ֝בִלְשׁוֹנָ֗ם יְכַזְּבוּ־לֽוֹ׃
BernfeldSie heuchelten ihm aber mit ihrem Munde und mit ihrer Zunge logen sie ihm vor.
ZunzUnd heuchelten ihm mit ihrem Munde, und mit ihrer Zunge logen sie ihm.
Hirschglaubten, ihn mit ihrem Munde zu bereden, heuchelten mit ihrer Zunge ihm,
37
וְ֭לִבָּם לֹא־נָכ֣וֹן עִמּ֑וֹ וְלֹ֥א נֶ֝אֶמְנ֗וּ בִּבְרִיתֽוֹ׃
BernfeldIhr Herz hielt nicht fest zu ihm, und sie waren nicht treu in seinem Bunde.
ZunzAber ihr Herz war nicht fest mit ihm, und sie waren nicht treu in seinem Bunde.
Hirschaber ihr Herz war nicht fest mit ihm, und sie waren nicht treu in seinem Bunde.
38
וְה֤וּא רַח֨וּם ׀ יְכַפֵּ֥ר עָוֺן֮ וְֽלֹא־יַֽ֫שְׁחִ֥ית וְ֭הִרְבָּה לְהָשִׁ֣יב אַפּ֑וֹ וְלֹא־יָ֝עִ֗יר כׇּל־חֲמָתֽוֹ׃
BernfeldAber er war barmherzig und vergab die Missetat; er vertilgte nicht und wandte oft seinen Zorn ab und weckte nicht all seinen Grimm.
ZunzEr aber, barmherzig, vergab die Missethat, und verderbte nicht, und wandte oft seinen Zorn ab, und weckte nicht all seinen Grimm.
HirschEr aber, barmherzig wie er ist, sühnt Sünde und lässt nicht Vernichtung eintreten, nimmt oft seinen Zorn zurück, und lässt nie seinen ganzen Unwillen wach werden.
39
וַ֭יִּזְכֹּר כִּֽי־בָשָׂ֣ר הֵ֑מָּה ר֥וּחַ ה֝וֹלֵ֗ךְ וְלֹ֣א יָשֽׁוּב׃
BernfeldEr gedachte, dass sie Fleisch sind, ein vergehender Odem, der nicht wiederkehrt.
ZunzUnd er gedachte, daß sie Fleisch sind, ein vergehender Odem, der nicht wiederkehrt.
HirschEr gedachte, daß Fleisch sie seien, ein dahin gehender Hauch, der nicht wiederkehrt.
40
כַּ֭מָּה יַמְר֣וּהוּ בַמִּדְבָּ֑ר יַ֝עֲצִיב֗וּהוּ בִּישִׁימֽוֹן׃
BernfeldWie oft waren sie widerspenstig gegen ihn in der Wüste und betrübten ihn in der Öde.
ZunzWie oft waren sie widerspenstig gegen ihn in der Wüste, betrübten ihn in der Oede.
HirschWie oft waren sie ihm widerspänstig in der Wüste, betrübten ihn in der Öde!
41
וַיָּשׁ֣וּבוּ וַיְנַסּ֣וּ אֵ֑ל וּקְד֖וֹשׁ יִשְׂרָאֵ֣ל הִתְוֽוּ׃
BernfeldDenn wiederholt versuchten sie Gott, und den Heiligen Israels kränkten sie.
ZunzUnd wiederum versuchten sie Gott, und dem Heiligen Jisraél's machten sie Kummer.
HirschImmer wieder versuchten sie Gott, und zogen dem Heiligen Jisraels Gränzen.
42
לֹא־זָכְר֥וּ אֶת־יָד֑וֹ י֝֗וֹם אֲֽשֶׁר־פָּדָ֥ם מִנִּי־צָֽר׃
BernfeldSie gedachten nicht seiner Hand, des Tages, wo er sie erlöst vom Feinde.
ZunzSie gedachten nicht seiner Hand, des Tages, wo er sie erlöst vom Feinde.
HirschSie gedachten nicht seiner Allmachthand, des Tages nicht, an dem er sie vom Feinde ausgelöst,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 42. 43. לא זכרו וגו', und sie hätten Beides doch nicht erst durch die besondern Erfahrungen in der Wüste haben lernen müssen. Hätten sie, woraus die ganze Tendenz dieses Kap. ausgeht, das Gedächtniß des geschichtlich Erlebten sich gegenwärtig erhalten, der Tag ihrer Erlösung hat ihnen einen Anblick gewährt, der genügte auf ewige Zeiten hinaus, die vermißte Ganzheit des Vertrauens und der Hingebung sicher zu stellen. אותותי: die Bekundungen seines Seins und Wollens, seiner Alles beherrschenden Macht und Gegenwart mitten im Menschen- und Völkerkreise auf Erden, sowie מופתיו: die Fühlbarmachungen seines Unwillens an dem Machtgebiet ihm in Ungehorsam widerstrebender Menschen, die er vor dem Tage ihrer Erlösung an dem egyptischen Staat und der egyptischen Naturwelt (siehe V. 12) vollbracht hatte, als er sie, die von aller staatlichen und naturweltlichen Stütze und Macht Entblößten, von dem damals menschengesellschaftlich mächtigsten Feind erlöste, den sie, mit aller seiner Macht und allen seinen vergötterten Gewalten von Gott getroffen, bei ihrem Auszuge ohnmächtig zu ihren Füßen sahen: deren Andenken hätte wahrlich hinreichen sollen, יראה, אמונה und אהבה, die ausschließliche Furcht Gottes, das ausschließliche Vertrauen auf Gott, und die ausschließliche Hingebung an Gott, den als den Einzig Einen Bekundeten für alle Zeiten bei Israel und ihren Nachkommen zu sichern.

43
אֲשֶׁר־שָׂ֣ם בְּ֭מִצְרַיִם אֹתוֹתָ֑יו וּ֝מוֹפְתָ֗יו בִּשְׂדֵה־צֹֽעַן׃
BernfeldDa er in Ägypten seine Zeichen getan und seine Wunder im Gefilde Zoan.
ZunzDa er in Mizrajim seine Zeichen gethan, und seine Wunder in Zoan's Gefilde.
Hirschda er in Mizrajim seine Zeichen gesetzt, seine Belehrungswunder in Zoans Feld.
44
וַיַּהֲפֹ֣ךְ לְ֭דָם יְאֹרֵיהֶ֑ם וְ֝נֹזְלֵיהֶ֗ם בַּל־יִשְׁתָּיֽוּן׃
BernfeldAls er ihre Flüsse in Blut verwandelte, dass sie ihr Wasser nicht trinken konnten.
ZunzUnd er verwandelte in Blut ihre Flüsse, und ihre Wasser konnten sie nicht trinken.
HirschUmwandelte zu Blut ihre Flüsse, all ihr Fließendes, daß sie es nicht trinken konnten,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 44—53. ויהפך וגו'. In der hier folgenden Schilderung der über Egypten gekommenen Plagen, fehlen drei: כנים, שחין, חשך, und die Schilderung beachtet nicht die in der תורה erzählte Reihefolge. Es werden vorgeführt: דם, ערב, צפרדע, ארבה, דבר, מכת בכורות Wir haben bereits 2. B. M. S. 71 bemerkt, wie je zweien Plagen immer eine entschiedene Warnung vorangeht, die dritte aber ohne Warnung als Strafe eintritt dafür, daß die beiden ersten erfolglos geblieben. Diese drei Straf-Plagen sind eben die hier übergangenen כנים, שחין und חשך, und es werden nur die andern, die eigentlichen Belehrungswunder aufgeführt, während die Züchtigung für den beharrenden Starrsinn in dem V. 49. ישלח בם וגו' allgemein in dem sich an ihnen bekundenden Gottes-Gerichte ausgesprochen wird und mit מכת בכורות, der empfindlichsten Strafe, schließt, die endlich den Starrsinn bricht und die Erlösung herbeiführt. Die hier folgenden מכות scheinen nach dem Gesichtspunkte gruppirt: zuerst דם, als Bekundung der Gottes-Herrschaft und Macht an dem ersten, die Existenz und das Gedeihen des egyptischen Landes vor allem Andern bedingenden Flusse, dem Nil und seinem Elemente. Sodann ערב, צפרדע, ארבה, in welchen alles Lebendige, das Thier des Landes, des Wassers und der Luft als den Willen der Gotteswaltung an der Welt des Menschen vollbringende Boten bekundet werden. Endlich דבר, ברד, בכורות, in welchen die Fortdauer alles Lebens, des Lebens der Pflanzen, der Thiere, des Menschen, ausschließlich von dem Willen Gottes, des Einzig Einen, abhängig zur Erkenntniß kommt.

יאריהם: die zur Bewässerung des Bodens vom Nil abgeleiteten Kanälen, נוזליהם: die zum Trinken bestimmten Wasser. ערוב: das Thier der ערבה, das Wüstenthier. Darunter waren, wie vorauszusetzen, und wir hier ausdrücklich erfahren, auch reißende Thiere, die dem Menschen gefährlich wurden. ותשחיתם, wenn, wie man gewöhnlich annimmt, unter צפרדע nur Frösche verstanden sind, so kann wohl hier unter השחתה nicht eine tödtende Vernichtung, sondern nur eine schadende, vielleicht nur eine entstellende Wirkung, der, wie die תורה berichtet, an die Menschen hinaufkriechenden Thiere zu verstehen sein, wie der Ausdruck שחת Jesaias 52, 14 vorkommt, משחת מאיש מראהו, was allerdings keine volle Analogie böte, da dort der Ausdruck durch מראהו eben auf die äußere Erscheinung beschränkt wird. Sollte ותשחיתם wirklich von einer Tödtung verstanden werden müssen, so müßten unter צפרדע nicht nur das Froschgeschlecht, sondern auch andere lebensgefährliche Amphibien begriffen gewesen sein.

חסל, לחסיל kommt 5. B. M. 28, 38 speciell von der verheerenden Wirkung der Heuschrecken vor, und ist daher חסיל der Name einer besonders gefräßigen Heuschreck-Art. Oder חסיל bezeichnet die Heuschrecken nach ihrer Wirkung, und ארבה nach ihrer Menge. שקמה eine Feigenart.

חנמל ist zweifelhafter Bedeutung. Als von חנה und מלל zusammengesetztes Wort würde es: Pflanzen abknickendes Lager bedeuten, und ebenfalls auf Heuschrecken hinweisen. Die nochmalige Erwähnung von Heuschrecken mitten in einer Schilderung des HagelSchlages wäre aber auffallend. Vielleicht bedeutet es eine dichte, alles Gewächs zerknickende Lagerung von Hagel, sowie von Thau der Ausdruck שכבת הטל (2. B. M. 14, 16) vorkommt. רשפים sind wohl die mit dem Hagel niederfahrenden Feuersgluthen, אש מתלקחת בתוך הברד (2. B. M. 9, 24). — ישלח וגו'. חרון אפו, der durch ihren starrsinnigen Ungehorsam hervorgerufene Unwille äußert sich in עברה, זעם und צרה. Wir glauben, daß durch diese drei Begriffe die drei Strafplagen von: כנים, שחין, חשך, nach ihrer Bedeutung gezeichnet sind. עברה von עבר, über etwas hinausschreiten, bezeichnet eigentlich: aus bisheriger Zurückhaltung hinaus und hervortreten. Gott, der bis dahin unsichtbare, von ihnen nicht geahnte, oder nach ihrem Wahn in hoher, außerweltlicher Abgeschiedenheit verharrende Träger ihrer Welt, trat plötzlich hervor und ihnen entgegen, und zeigte ihnen den Fruchtboden unter ihren Füßen, die Stütze ihres hochmüthigen Trotzes, zu ihrer Plage umwandelt. Alle Fruchterde ihres Landes ward an sie und Thiere hinaufkriechendes Ungeziefer. זעם (siehe Pent. 4. B. M. 23, 7) ist der den Gegenstand treffende, daher auch ganz besonders der an ihm sichtbar werdende Gotteszorn. So heißt Micha 6, 10. das falsche, gekürzte Maaß von Gottes Zorn behaftet, איפת רזון זעומה. Ein von Vorwurf und Unwille betroffenes Gesicht heißt (Prov. 25, 23) פנים נזעמים. Es erscheint verw. mit זהם, dem Ausdruck für Ekel. So vom Kranken, (Hiob 33, 20); וזהמתו חיתו לחם, ihm, (dem Kranken), macht seine Seele selbst Brod zuwider, läßt ihn selbst Brod anekeln. Daher rabb. Bezeichnung von ekelhaftem Schmutz: זוהמא (Vgl. Ps. 7, 12) Nun giebt es Nichts, wodurch Gott eine Person als von seinem זעם, von seinem Unwillen als unwürdig von sich gewiesen kennzeichnet, als: Aussatz (Vgl. Pent. 3. B. M. S. 315 f.). Und von dieser, das von Gott Verworfensein kennzeichnenden Plage, שחין, wurden das ganze egyptische Volk und seine es im Trotz gegen Gott bestärkenden „Gelehrten," חרטומים, betroffen. חשך aber, die der letzten, schließlich Gehorsam erzwingenden Strafe vorangehende Strafplage, ist die buchstäbliche צרה, ja eigentlich: Einengung. Die hochmüthigen Herren des Landes fühlten sich drei Tage lang durch dichte Finsterniß da, wo sie sich befanden, gefesselt, ohne sich von der Stelle rühren zu können, und ihren Sklaven war es hell in ihren Wohnungen. משלחת מלאכי רעים, und wie diese ganz eigentlich zur Strafe gesandten Plagen, so waren auch die andern, zunächst zur Bekundung der Gottesmacht und der Gottesgegenwart „in Mitten der Erde" gesandten Plagen mit empfindlichen Einbußen verknüpft, waren „eine Sendung von Leidensboten," durch welche mit Schrecken die egyptische Welt lernte, daß in jedem Geschöpf für die Waltung und Herrschaft eines einzig einen Höhern ein Bote bereit steht. יפלס וגו', נתיב, siehe Pent. 1. B. M. S. 533: ein in völlig freier Wahl eingeschlagener Weg. Gott wählte mit Abwägung (פלס) des Erfolgs den endlich zum Ziele führenden Weg, hielt nicht mehr „ihr Leben vom Tode zurück," schonte ihr Leben nicht mehr wie er gethan, als er ihr Vieh mit der Pest hinraffte. Hätte Gott die Menschen sofort mit der Pest heimgesucht, Israels Befreiung wäre ohne Weiteres erfolgt. Allein Gott verschonte sie noch, um erst an ihnen seine „Kraft" und seinen „Namen" für alle Welt zu bekunden (2. B. M. 9, 15, 16). Als aber das Maaß voll war, bahnte er seinem Zorn den wohl gewählten, sicher zum Ziele führenden Weg, und traf die Egypter in ihren edelsten Leben, im Leben der „Erstgeborenen," auf welche מצרים, die Nation mit Stolz hinblickte, und die die „ersten Familienstützen" in jeder Hütte bildeten. Damit war Israels Befreiung entschieden. — ויסע, eigentlich: er ließ aufbrechen. במדבר, in die Wüste hinein (2. B. M. 13, 18). ואויביהם וגו'. Damit war das Gottesgericht an Mizrajim vollendet, und Israels Freiheit eine vollzogene Thatsache (2. B. M. 14, 13).

Das Gedächtniß dieser Gott bekundenden Erlebnisse, insbesondere der die Egypter und Israel so gegensätzlich, strafend und rettend, treffenden Gotteswaltung, hätte wohl hinreichen dürfen, um Israel für alle Zeit in der Treue und in dem Gottvertrauen schwankenlos zu erhalten.

45
יְשַׁלַּ֬ח בָּהֶ֣ם עָ֭רֹב וַיֹּאכְלֵ֑ם וּ֝צְפַרְדֵּ֗עַ וַתַּשְׁחִיתֵֽם׃
BernfeldAls er gegen sie wilde Tiere losließ, die sie fraßen, die Frösche, die sie zu Grunde richteten.
ZunzEr ließ los gegen sie die Brut, die sie fraß, und den Frosch, der sie verdarb.
Hirschläßt Wüstenthier wider sie los, das sie fraß, und den Frosch, der ihnen Verderben brachte,
46
וַיִּתֵּ֣ן לֶחָסִ֣יל יְבוּלָ֑ם וִ֝יגִיעָ֗ם לָאַרְבֶּֽה׃
BernfeldAls er ihren Ertrag dem Käfer gab und ihre Arbeit der Heuschrecke.
ZunzUnd gab dem Käfer ihren Ertrag, und ihre Arbeit der Heuschrecke.
Hirschgab dem Chaßil ihren Ertrag und ihren Erwerb der Heuschreck,
47
יַהֲרֹ֣ג בַּבָּרָ֣ד גַּפְנָ֑ם וְ֝שִׁקְמוֹתָ֗ם בַּחֲנָמַֽל׃
BernfeldAls er durch Hagel ihren Weinstock schlug und ihre Maulbeerbäume durch Reif.
ZunzEr mordete durch Hagel ihren Weinstock, und ihre Maulbeerbäume durch Reif.
Hirscherschlägt durch Hagel ihren Weinstock und ihre Feigenbäume durch zerknickende Lagerung,
48
וַיַּסְגֵּ֣ר לַבָּרָ֣ד בְּעִירָ֑ם וּ֝מִקְנֵיהֶ֗ם לָרְשָׁפִֽים׃
BernfeldAls er ihr Vieh dem Hagel preisgab und ihre Herden den Blitzen.
ZunzUnd lieferte dem Hagel ihr Vieh, und ihre Heerden den Blitzen.
Hirschgab dem Hagel ihr Vieh preis, und ihre Heerden den Gluthen,
49
יְשַׁלַּח־בָּ֨ם ׀ חֲר֬וֹן אַפּ֗וֹ עֶבְרָ֣ה וָזַ֣עַם וְצָרָ֑ה מִ֝שְׁלַ֗חַת מַלְאֲכֵ֥י רָעִֽים׃
BernfeldAls er gegen sie seine Zornesglut losließ und Wut, Grimm und Drangsal und eine Schaar von Unglücksboten.
ZunzEr ließ gegen sie los seine Zornglut, Wuth und Grimm und Drangsal, eine Schaar von Engeln des Unglücks.
Hirschentlässt wider sie seines Zornes Glühen, Hinausschritt, Verwerfung und Noth: eine ganze Sendung von Leidensboten.
50
יְפַלֵּ֥ס נָתִ֗יב לְאַ֫פּ֥וֹ לֹא־חָשַׂ֣ךְ מִמָּ֣וֶת נַפְשָׁ֑ם וְ֝חַיָּתָ֗ם לַדֶּ֥בֶר הִסְגִּֽיר׃
BernfeldAls er seinem Zorn freie Bahn ließ, ihr Leben nicht dem Tode vorenthielt, als er ihr Leben der Pest preisgab.
ZunzEr bahnte seinem Zorn den Weg, entzog nicht dem Tode ihre Seele, und lieferte der Pest ihr Leben.
HirschEndlich bahnt er einen Pfad für seinen Zorn, hielt ihre Seele nicht ferner vom Tode zurück, wie er ihren Viehstand bereits der Pest preisgegeben hatte,
51
וַיַּ֣ךְ כׇּל־בְּכ֣וֹר בְּמִצְרָ֑יִם רֵאשִׁ֥ית א֝וֹנִ֗ים בְּאׇהֳלֵי־חָֽם׃
BernfeldAls er alle Erstgeburt in Ägypten schlug, die Erstlinge der Kraft in den Zelten Hams.
ZunzUnd schlug alle Erstgeburt in Mizrajim, die Erstlinge der Kraft in den Zelten Chams,
Hirschschlug alle Erstgeburt in Mizrajim, der Kräfte Erstling in den Zelten Chams,
52
וַיַּסַּ֣ע כַּצֹּ֣אן עַמּ֑וֹ וַֽיְנַהֲגֵ֥ם כַּ֝עֵ֗דֶר בַּמִּדְבָּֽר׃
BernfeldAls er sein Volk wie Schafe ziehen ließ und sie leitete wie eine Herde in der Wüste.
ZunzUnd ließ wie Schafe sein Volk ziehen, und leitete sie wie eine Heerde in der Wüste.
Hirschund ließ dann wie Schaafe sein Volk fortziehen, führte sie wie eine Heerde in die Wüste,
53
וַיַּנְחֵ֣ם לָ֭בֶטַח וְלֹ֣א פָחָ֑דוּ וְאֶת־א֝וֹיְבֵיהֶ֗ם כִּסָּ֥ה הַיָּֽם׃
BernfeldEr führte sie sicher, dass sie nicht zagten, und ihre Feinde bedeckte das Meer.
ZunzUnd führte sie sicher, daß sie nicht zagten, und ihre Feinde bedeckte das Meer.
Hirschleitete sie gesichert, ohne daß sie zu fürchten hatten, — ihre Feinde aber deckte das Meer.
54
וַ֭יְבִיאֵם אֶל־גְּב֣וּל קׇדְשׁ֑וֹ הַר־זֶ֝֗ה קָנְתָ֥ה יְמִינֽוֹ׃
BernfeldEr brachte sie in sein heiliges Gebiet, zum Berge, den sich geeignet seine Rechte.
ZunzUnd er brachte sie in sein heiliges Gebiet, zum Berge, den sich geeignet seine Rechte;
HirschUnd da er nun sie zu dem Gebiete seines Heiligthums brachte, zu diesem Berge, den seine Rechte sich geeignet hatte,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 54—58. Allein wie das aus Egypten befreite Geschlecht selbst ihrer vergaß und sich dadurch zu den verhängnißvollen Verirrungen in der Wüste hinreißen ließ, so hatten auch die in's Land gekommenen und unter Efraims Führung ihre Anbürgerung im Lande vollziehenden Nachkommen aus dem, von ihren Vätern in Egypten und in der Wüste Erlebten nichts gelernt. גבול קדשו: das Ihm heilige Gebiet. Jede Spanne des jüdischen Landes war Gott und seinem Gesetze heilig. In andern Kreisen ist das Land und die nationale Selbstständigkeit Zweck, und die Gesetze sollen das Mittel dazu sein. In Israel ist das Gesetz Zweck, und nur als Mittel zu diesem Zweck hat Israel Beides, Land und Selbständigkeit erhalten. הר זה וגו'. Das ganze Land wird als Ein Gebirge begriffen (Siehe Pent. 5. B. M. 3, 25). קנתה ימינו, Gott hatte dieses Land für seine Heileszwecke sich angeeignet, aus dem ganzen Menschengebiete auf Erden sich vorbehalten. Nur als Lehn erhielt es Israel für bestimmte Zwecke, unter bestimmten Bedingungen (3.B.M.25,23). ויפילם: deren verlassene Gebiete, die ihren Namen trugen. An ihre Stelle traten שבט' ישראל, auch als gesonderte Gesammtheiten, die aber nicht nur durch ihre Abstammung, sondern durch die Allen gemeinsame, von Jedem in seiner besondern Eigenthümlichkeit zu lösende Eine Jisrael-Aufgabe, Eine Einheit bilden sollten.

וינסו וגו'. Waren, wie früher in der Wüste, so jetzt in den Verhältnissen politischer Selbständigkeit wieder von dem Zweifel an dem allein Ausreichenden der Gottesmacht und des Gotteswillens, und daraus von dem Zweifel an dem allein Ausreichenden der Gottes- und der Gesetzestreue erfüllt. Aus diesem Zweifel ging der Ungehorsam hervor. Wie den Vätern die Seligkeit des Gottesschutzes und der Gottes-Speisung nicht genügte, und sie sich nach den gröber sinnlichen und selbstgeschaffenen Genüssen sehnten: so genügte ihnen die Seligkeit des Bewußtseins nicht, im Gottes-Lande, um Gottes Heiligthum, durch Gesetzestreue sich Schutz und Segen, Gedeihen und Blüthe zu erringen. Sie vermißten die Selbstherrlichkeit der selbsterklügelten, selbstgeschaffenen und größere Ungebundenheit gewährenden Einrichtungen und Sitten der andern Völker, und וימרו את אלק' עליון: schwankend in der Ueberzeugung von der Einzigkeit Gottes, blieb er ihnen immer doch der höchste Gott. Aber eben weil er ihnen nicht der Einzige war, wagten sie es, auf Andere und Anderes Rücksicht nehmend, ihm entgegen zu handeln und עדותיו לא שמרו, und vernachlässigten und beachteten die Institutionen nicht, die er ihnen zu steter Bezeugung und Bekundung seiner Allem genügenden, alles Andere ausschließenden Einzigkeit gestiftet hatte. וישגו, סוג: zurückbleiben, hier: sittliches Zurückbleiben, סיגים: Schlacken werden. נהפכו כקשת רמיה וגו', wie ein trügerisches, den Schützen täuschendes Geschoß, statt ihn in die Richtung zu dem beabsichtigten Ziele zu bewegen, den Pfeil auf den Schützen zurückschlagen läßt: so ergaben sie das Gegentheil von der, mit ihrer Erwählung und Einsetzung in's Land bezweckten Wirkung. Statt ein Mustervolk der Gotteserkenntniß und Gotteshuldigung zu werden, mehrten sie das Beispiel gottvergessenen Ungehorsams.

ויכעיסוהו וגו'. במה, die Darbringung von Opfern außerhalb des Einen Gesetzesheiligthums, ist nicht ein Abfall von Gott zum Götzenthum, aber sie ist Entfernung von dem Einen, national verbrieften Gottesgesetze, sie läßt zweifelhaft, ob der Gott des Opfernden der Einzigeine ist, der sich uns am Sinai offenbarte, und entrückt dem Opfernden die Wahrheit, daß wir die Gottesnähe nur in Verbindung mit seinem Gesetze zu finden vermögen, und unsere Hingebung an Gott gleichbedeutend sei mit unsere Hingebung an sein Gesetz. Den Zusammenhang mit der Nation und mit dem durch die Nation uns überlieferten und gewährleisteten Gesetze zerrissen die במות, und wurden daher so verderblich (Vgl. Pent. 2. B. M. S. 436. 3. B. M. 17, 3—9. 5. B. M. S. 180). Die במות führten zu ע"ז, waren es nicht selbst, daher von במות: ויכעיסוהו, von פסילים: יקניאוהו, Jenes war ein Ungehorsam, dieses ein Abfall. יקניאוהו (Siehe Pent. 5. B. M. 32, 16). Indem es aber im folgenden V. שמע א', nicht ראה א' heißt, so ergiebt sich daraus, daß das Verderblichste dieser Verderbniß nicht in dem Sichtbaren, sondern in den Gedanken und den Gesinnungen lag, in welchen die במות und פסילים gepflegt wurden. Die Lockerung des Zusammenhanges mit dem nationalen Gesetz, ja die Pflege des heidnischen Götterkults neben dem Einzigeinen, geschah mit Bewußtsein des Gegensatzes zu Gottes Willen und aus Grundsatz, sie wollten ihn mit ihren Anhöhen erzürnen, wollten mit ihren Götterbildern in sein Recht eingreifen; diese Gedanken, diese Gesinnung vernahm Gott, ויתעבר u. s. w.

55
וַיְגָ֤רֶשׁ מִפְּנֵיהֶ֨ם ׀ גּוֹיִ֗ם וַֽ֭יַּפִּילֵם בְּחֶ֣בֶל נַחֲלָ֑ה וַיַּשְׁכֵּ֥ן בְּ֝אׇהֳלֵיהֶ֗ם שִׁבְטֵ֥י יִשְׂרָאֵֽל׃
BernfeldEr trieb vor ihnen Völker aus und ließ sie zufallen durch die Maßschnur als Besitz, und in ihren Zelten wohnen die Stamme Israels.
ZunzUnd trieb vor ihnen Völker aus, und ließ sie zufallen durch die Meßschnur als Besitz, und in ihren Zelten wohnen die Stämme Jisraél's.
HirschVölker vor ihnen vertrieb, sie mit Erbtheilsschnur vertheilte, und in ihren Zelten Jisrael's Stämme wohnen ließ:
56
וַיְנַסּ֣וּ וַ֭יַּמְרוּ אֶת־אֱלֹהִ֣ים עֶלְי֑וֹן וְ֝עֵדוֹתָ֗יו לֹ֣א שָׁמָֽרוּ׃
BernfeldSie aber versuchten und waren widerspenstig gegen den höchsten Gott und seine Zeugnisse wahrten sie nicht.
ZunzSie aber versuchten und waren widerspenstig gegen den höchsten Gott, und seine Zeugnisse wahrten sie nicht.
Hirschda versuchten sie wieder Gott, den Höchsten, und waren ihm widerspänstig und wahrten seine Zeugnisse nicht,
57
וַיִּסֹּ֣גוּ וַֽ֭יִּבְגְּדוּ כַּאֲבוֹתָ֑ם נֶ֝הְפְּכ֗וּ כְּקֶ֣שֶׁת רְמִיָּֽה׃
BernfeldSie fielen ab und wurden treulos wie ihre Väter, sie wandten sich wie ein trügerischer Bogen.
ZunzUnd wichen ab und wurden treulos wie ihre Väter, wandten sich wie ein trügerischer Bogen.
Hirschwichen zurück und brachen die Treue wie ihre Väter, schlugen um wie ein trügerisch Geschoß,
58
וַיַּכְעִיס֥וּהוּ בְּבָמוֹתָ֑ם וּ֝בִפְסִילֵיהֶ֗ם יַקְנִיאֽוּהוּ׃
BernfeldSie kränkten ihn durch ihre Höhen, durch ihre Götzenbilder ereiferten sie ihn.
ZunzUnd sie kränkten ihn durch ihre Höhen, und durch ihre Bilder ereiferten sie ihn.
Hirschwollten ihn mit ihren Opferhöhen erzürnen und mit ihren Götterbildern in seine Rechte eingreifen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 58—64. שמע וגו'. ויתעבר וימאס וגו' bezeichnet die Geschichte der ganzen Zeit der Richter, ויטש וגו', ויתן וגו' ist der Sieg der Philister und die Erbeutung der Bundeslade (Sam. I. 4). עוזו ist das Gesetz, das Gott als Bekundung seines unwiderstehlichen, unüberwindlichen Willens in die Bundeslade hatte niederlegen lassen. Den geraden Gegensatz zu diesem עוז bildet שבי. תפארתו ist die Bundeslade, die die Verherrlichung Gottes durch Israel als Empfänger, Wahrer und Vollbringer dieses Gesetzes vergegenwärtigen sollte (siehe Pent. 2. B. M. 25, 10—21). Den geraden Gegensatz zu diesem, Gott im Kreise der Menschen verherrlichenden Israel bildet צר. (Wir wissen, wie dieses Gesetz und seine Lade, in Feindesland und Feindeshänden sich selbst überlassen, eben seine Unüberwindlichkeit zur Verherrlichung bekundete (Sam. I. 5. 6). Die Bundeslade mit dem Gesetz blieb unbewältigt, die zeitweilige Entführung brachte Israel seine zeitweilige Unwürdigkeit vor Augen, und die Rückkehr der sich selbst überlassenen Bundeslade bezeugte, daß auch diese Unwürdigkeit des Volkes nur eine vorübergehende sein werde.) Die Suffira יו V. 63 und 64 beziehen sich wohl auf Gott, der ja auch das Subjekt im vorigen V. war. Es waren seine Jünglinge, seine Jungfrauen, seine Priester — entweder חפני und פנחס oder die jüdischen Männer nach ihrer Bestimmung ממלכת כהנים, כהני ד' (Jes. 61, 6) zu sein,— und ist Letzteres das Wahrscheinlichere, da אלמנתיו, man möge nun das Suffixum auf Gott oder auf das Volk beziehen, jedenfalls auf Wittwen im Allgemeinen und nicht wohl blos auf חפני und פנחס's Frauen hinblickt. אכלה אש: אש עברתו, nach dem vorangehenden התעבר (Raschi). הוללו. Wir kennen aus כתובות 17, a. die Sitte, das Lob der Bräute bei ihrer Vermählung zu besingen. Heißt davon ja auch die Hochzeit selbst הלולא. Daher hier לא הוללו, die Jungfrauen gelangten nicht dazu, gefreit zu werden. כהניו וגו', die, ihrer Bestimmung nach, priesterlich Geweihten fielen durchs Schwert und seine Wittwen weinten nicht! Sie erblickten in dem Fall ihrer Männer das gerechte Gottesgericht, weil ihre Männer ihrem heiligen Berufe untreu geworden waren. Ist diese Auffassung richtig, so würden hier wieder, wie fast in allen Zeiten unseres Verfalls, unsere Frauen als derjenige Kreis erscheinen, der nicht ganz hineingerissen wurde in das allgemeine Verderbniß, in deren Brust das Göttliche noch eine Zufluchtsstätte fand und das Wiedererstehen eines bessern Geschlechtes ermöglichen konnte —

59
שָׁמַ֣ע אֱ֭לֹהִים וַֽיִּתְעַבָּ֑ר וַיִּמְאַ֥ס מְ֝אֹ֗ד בְּיִשְׂרָאֵֽל׃
BernfeldGott hörte es und ereiferte sich und verwarf Israel sehr.
ZunzGott hörte es und ereiferte sich, und verwarf Jisraél sehr.
HirschDas hörte Gott und erzürnte sich, und fand großen Widerwillen an Jisrael,
60
וַ֭יִּטֹּשׁ מִשְׁכַּ֣ן שִׁל֑וֹ אֹ֝֗הֶל שִׁכֵּ֥ן בָּאָדָֽם׃
BernfeldEr verstieß Silos Stiftszelt, das Zelt, wo er gethront unter Menschen.
ZunzUnd verstieß Schilo's Wohnung, das Zelt, da er gethront unter Menschen.
Hirschverließ die Wohnung zu Schilo, das Zelt, das er zur Stätte seiner Gegenwart in der Menschheit gestiftet,
61
וַיִּתֵּ֣ן לַשְּׁבִ֣י עֻזּ֑וֹ וְֽתִפְאַרְתּ֥וֹ בְיַד־צָֽר׃
BernfeldEr gab in die Gefangenschaft seine Macht und seine Herrlichkeit in die Hand des Feindes.
ZunzUnd er gab der Gefangenschaft seinen Stolz, und seine Herrlichkeit in die Hand des Feindes.
Hirschgab sein Unüberwindliches der Gefangenschaft hin und das Ihn Verherrlichende in die Gewalt des Feindes,
62
וַיַּסְגֵּ֣ר לַחֶ֣רֶב עַמּ֑וֹ וּ֝בְנַחֲלָת֗וֹ הִתְעַבָּֽר׃
BernfeldSein Volk lieferte er dem Schwerte und über sein Erbe ereiferte er sich.
ZunzUnd lieferte dem Schwerte sein Volk, und über sein Erbe ereiferte er sich.
Hirschgab sein Volk dem Schwerte preis und zeigte sein Zürnen an seinem Erbe.
63
בַּחוּרָ֥יו אָכְלָה־אֵ֑שׁ וּ֝בְתוּלֹתָ֗יו לֹ֣א הוּלָּֽלוּ׃
BernfeldSeine Jünglinge fraß das Feuer und seine Jungfrauen wurden nicht geschont.
ZunzSeine Jünglinge fraß das Feuer, und seine Jungfrauen wurden nicht gefeiert.
HirschSeine Jünglinge verzehrte Feuer, und seine Jungfrauen wurden nicht gefreit,
64
כֹּ֭הֲנָיו בַּחֶ֣רֶב נָפָ֑לוּ וְ֝אַלְמְנֹתָ֗יו לֹ֣א תִבְכֶּֽינָה׃
BernfeldSeine Priester fielen durch das Schwert und seine Witwen konnten nicht genug weinen.
ZunzSeine Priester fielen durchs Schwert, und seine Wittwen weinten nicht.
Hirschseine Priester fielen durch's Schwert, und seine Wittwen weinen nicht.
65
וַיִּקַ֖ץ כְּיָשֵׁ֥ן ׀ אֲדֹנָ֑י כְּ֝גִבּ֗וֹר מִתְרוֹנֵ֥ן מִיָּֽיִן׃
BernfeldDa erwachte wie ein Schlafender der Herr, wie ein Held, jauchzend vom Weine,
ZunzDa erwachte wie ein Schlafender der Herr, wie ein Held, jauchzend vom Weine.
HirschDa zeigte ein Erwachen wie nach einem Schlafe mein Herr, wie ein Held, der sich aufjauchzt aus dem Weine,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 65. 66. ויקץ וגו'. Es ist dies aus der Anschauung der Feinde gesprochen. Israels Feinde, die Philister, in deren Hände er seine Heiligthümer fallen, und durch die er sein Volk niedermetzeln ließ, glaubten, Gott, Israels sonstiger Schutz, schliefe, sei wie ein Held, der vom Rausche betäubt, seine Thatkraft eingebüßt und sich nicht zu ermuntern vermöge. Plötzlich zeigte ihnen Gott, daß er wach sei, daß der von ihnen spottend belächelte Held wohl sich zu ermuntern vermöge, und schlug sie zurück und bedeckte sie mit ewiger Schmach.

66
וַיַּךְ־צָרָ֥יו אָח֑וֹר חֶרְפַּ֥ת ע֝וֹלָ֗ם נָ֣תַן לָֽמוֹ׃
BernfeldUnd schlug seine Feinde zurück; er gab ihnen ewige Schmach.
ZunzUnd schlug seine Feinde zurück, gab ihnen ewige Schmach.
Hirschschlug seine Feinde zurück, gab ihnen ewige Schmach.
67
וַ֭יִּמְאַס בְּאֹ֣הֶל יוֹסֵ֑ף וּֽבְשֵׁ֥בֶט אֶ֝פְרַ֗יִם לֹ֣א בָחָֽר׃
BernfeldEr verschmähte Josefs Zelt, am Stamme Efraims hatte er kein Gefallen.
ZunzUnd verschmähte Josef's Zelt, und hatte am Stamme Efrajim kein Gefallen.
HirschVerwarf freilich Joßef's Zelt, wählte Efrajim's Stamm nicht wieder,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 67—69. וימאס וגו', אהל יוסף: das משכן שילו, שבט אפרים: der bis dahin leitende Stamm. Indem er nach Zurückwurf der Feinde nicht den Tempel zu Schilo wieder erbaute und nicht Efraim's Stamm wieder an die leitende Spitze brachte, zeigte er eben, daß Israels siegreiche Feinde nur Gottes Werkzeuge gewesen, um das Seiner unwürdig Gewordene strafend zu stürzen, und einer andern Heiligthumsstätte und einer andern Leitung Raum zu schaffen. כמו רמים, כארץ: so lange Himmel und Erde sein werden, wird auch die nunmehr erwählte Heiligthumsstätte für immer bleiben. Mit ירושלים-ציון hat das Gottesheiligthum seine für alle Zeiten bleibende Stätte erreicht. Jerusalem ward נחלה, das ewige Erbe, es ward בית עולמים (Siehe Pent. 5. B. M. 12, 9).

68
וַ֭יִּבְחַר אֶת־שֵׁ֣בֶט יְהוּדָ֑ה אֶֽת־הַ֥ר צִ֝יּ֗וֹן אֲשֶׁ֣ר אָהֵֽב׃
BernfeldEr erkor vielmehr den Stamm Juda, den Berg Zijon, den er liebte.
ZunzUnd erkohr den Stamm Jehudah, den Berg Zijon, den er liebte.
Hirschwählte vielmehr Jehuda's Stamm, den Berg Zion, den er liebt,
69
וַיִּ֣בֶן כְּמֽוֹ־רָ֭מִים מִקְדָּשׁ֑וֹ כְּ֝אֶ֗רֶץ יְסָדָ֥הּ לְעוֹלָֽם׃
BernfeldUnd er baute recht hoch sein Heiligtum, wie die Erde, die er auf ewig gegründet.
ZunzUnd bauete wie die Höhe sein Heiligthum, wie die Erde, die er auf ewig gegründet.
Hirschbaute wie die Höhen sein Heiligthum, wie die Erde, die er für immer gegründet,
70
וַ֭יִּבְחַר בְּדָוִ֣ד עַבְדּ֑וֹ וַ֝יִּקָּחֵ֗הוּ מִֽמִּכְלְאֹ֥ת צֹֽאן׃
BernfeldEr erkor seinen Knecht David, den er von den Hürden der Schafe wegnahm.
ZunzUnd erkohr Dawid seinen Knecht, und nahm ihn weg von den Hürden der Schafe.
Hirschwählte David seinen Diener, von Schaaf-Hürden nahm er ihn her,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 70. 71. ויבחר וגו', עלות: die jungen, noch in Entwickelung begriffenen, oder auch die säugenden Thiere (Siehe Pent. 1. B. M. 33, 13), die der besondern Wartung und Pflege bedürfen. מאחר עלות: der sorgsame Hirte geht hinter der Heerde, um sie zu überblicken und Jedem nach Bedürfniß beizuspringen. Moses ähnlich waren für David die Pflichtübungen, die er als Hirte an der ihm anvertrauten Heerde zu erfüllen hatte, eine würdige Vorbereitung für seine Berufung zum Volkes-Hirten. Er ward berufen, um in Jaakob Gottes Volk und in Israel Gottes Erbe zu weiden, sich nicht als ihren Herrn, sondern sie nur als anvertrautes Gut zu betrachten, für dessen zweckentsprechende Pflege und Leitung er dem Eigener Verantwortung trug. David's Aufgabe war aber eine doppelte: das nach seiner materiellen Erscheinung schwache „Jaakob" zu siegreicher Selbständigkeit als Gottes Volk zu bringen, und es für die Erfüllung der geistigen Aufgabe zu begeistern, durch welche es als „Jisrael" das aus der Gesammtmenschheit Gott zugefallene „Erbe" für die Begründung seines Reiches auf Erden sein soll, das sich auf die von Israel ausgehende Gottes-Erkenntniß und Gotteshuldigung erbaut.

71
מֵאַחַ֥ר עָל֗וֹת הֱבִ֫יא֥וֹ לִ֭רְעוֹת בְּיַעֲקֹ֣ב עַמּ֑וֹ וּ֝בְיִשְׂרָאֵ֗ל נַחֲלָתֽוֹ׃
BernfeldVon den Milchherden brachte er ihn, zu weiden Jakob, sein Volk, und Israel, sein Erbe.
ZunzHervor von den Milchheerden brachte er ihn, zu weiden Jaakob, sein Volk und Jisraél, sein Erbe;
Hirschvon aufsichtiger Leitung pflegebedürftiger Thiere brachte er ihn hin, zu weiden in Jaakob Sein Volk und in Jisrael Sein Erbe.
72
וַ֭יִּרְעֵם כְּתֹ֣ם לְבָב֑וֹ וּבִתְבוּנ֖וֹת כַּפָּ֣יו יַנְחֵֽם׃ {פ}
BernfeldEr weidete sie auch in der Redlichkeit seines Herzens, und in Weisheit leitete er sie mit seinen Händen.
ZunzUnd er weidete sie in der Einfalt seines Herzens, und mit weisen Händen leitete er sie.
HirschUnd er weidete sie nach seines Herzens Ganzheit, und mit allseitiger Einsicht seiner Hände leitet er sie.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 72. וירעם וגו' und er trat sein Hirtenamt an und erfüllte es nach der Ganzheit seines Herzens (תום Siehe Pent. 1. B. M. S. 278. 5. B. M. S. 307). ובתבונות כפיו ינחם, und leitet sie nach der allseitigen Einsicht seiner Hände. כפיו, nicht ידיו. Er will keine „Macht," יד, über sie üben. Aber כפיו, er hat sie „in der Hand," sie sind ein seinen Händen übergebenes Gut, — (so nennt Jaakob die mühselige Erfüllung seines Hirtendienstes יגיע כפי (1. B. M. 31, 42), und תבונות, nicht תבונה, nicht eine einseitige, eine volle, allseitige Einsicht, namentlich nach den beiden oben angedeuteten Seiten seiner Aufgabe, eine vollseitige Einsicht hat er in die Bestimmung des seinen Händen anvertrauten Gutes und in die daraus ihm erwachsenden Pflichten, und בתבונות כפיו leitet er sie zu ihren Zielen — und leitet uns noch durch die Gesänge, mit denen er selbst die geistige Seite seiner Volkshirten-Aufgabe löste, und zu denen er in der Brust gleichbegabter Männer seiner Zeitgenossenschaft die Begeisterung weckte —