Tehillim 77 תהילים

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1
לַמְנַצֵּ֥חַ עַֽל־[יְדוּת֗וּן] (ידיתון) לְאָסָ֥ף מִזְמֽוֹר׃
BernfeldDem Sangmeister nach Jedutun. Von Assaf. ein Psalm.
ZunzDem Sangmeister nach Jedutun. Von Aßaf. Ein Psalm.
HirschDem Siegverleiher. Über die Schickungen der Gotteshand. Ein Psalm von Aßaf.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 77, V. 1. על ידיתון. Siehe Kap. 39, 1.

2
קוֹלִ֣י אֶל־אֱלֹהִ֣ים וְאֶצְעָ֑קָה קוֹלִ֥י אֶל־אֱ֝לֹהִ֗ים וְהַאֲזִ֥ין אֵלָֽי׃
BernfeldMeine Stimme ist zu Gott gerichtet, wenn ich schreie; meine Stimme zu Gott — o horch auf mich!
ZunzMeine Stimme zu Gott, und ich schreie, meine Stimme zu Gott — o horch auf mich!
HirschErgeht meine Stimme zu Gott hin und schreie ich, so gelangt meine Stimme zu Gott, und Gehör wird mir.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. קולי וגו'. Wenn meine Stimme zu Gott gerichtet ist und ich schreie, gelangt meine Stimme zu Gott, und „Gehör," nicht E r hörung, A n hörung wird mir. Wenn ich auch nicht erhört werde, ich habe das Bewußtsein, daß Gott mich hört. Gott sieht mein Elend und weiß mein Leiden, hört jeden Seufzer aus meiner Brust. Es ist Israel im Galuth, das Dies und das Folgende spricht. האזין, Infinitiv: Ohren-Hinneigen, Hinhören, Anhören wird mir.

3
בְּי֥וֹם צָרָתִי֮ אֲדֹנָ֢י דָּ֫רָ֥שְׁתִּי יָדִ֤י ׀ לַ֣יְלָה נִ֭גְּרָה וְלֹ֣א תָפ֑וּג מֵאֲנָ֖ה הִנָּחֵ֣ם נַפְשִֽׁי׃
BernfeldAm Tage meiner Drangsal suche ich den Herrn, meine Hand ist nachts ausgestreckt und lässt nicht nach, meine Seele nimmt keinen Trost an.
ZunzAm Tage meiner Drangsal suche ich den Herrn, meine Hand ist Nachts ausgestreckt und läßt nicht nach; es weigert sich dem Troste meine Seele.
HirschAm Tage meiner Noth habe ich meinen H e r r n gesucht Allein meine Hand zerfloß unaufhörlich in die Nacht hin, darum versagt sich meine Seele den Trost.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. ביום וגו'. Am Tage meiner צרה suchte ich meinen Herrn. צרה, die Enge, Gegensatz von מרחב, Zustände, durch welche wir auf uns selbst und in uns selbst zurückgedrängt, und darauf angewiesen werden, die geistige und sittliche Kraft zu wecken, die in uns vorhanden ist, aber oft in glücklichen äußern Verhältnissen unentwickelt und vernachlässigt bleibt. In solcher Zeit der צרה suchte ich meinen H e r r n, suchte ich wieder in Gott einen Halt zu gewinnen, der mich ja in seinen D i e n st berufen, und auch jetzt noch mich nicht aus seinem Dienst entlassen hat. Allein ידי, die Hand, mit der ich mich an Gott anklammern wollte, die in Gott meinen Halt suchte, die zerfloß mir und strömte unaufhaltsam hin in die Nacht. Ich gewann nicht die geistige und sittliche Kraft zu diesem Aufschwung zu Gott, ja die Kraft schwand mir immer mehr und mehr, und floß in die Nacht des Leidens hin, die mich umgab. Darum, weil ich mich nicht geistig zu ermannen vermochte, darum versagte sich meine Seele jeden Trost. Nicht das Leid, meine völlige Niedergeschlagenheit im Leid machte mich trostlos. ידי: meine Hand, die Gott zu fassen suchte, vielleicht auch die Hand, die ich von Gott erwartete. Heißt doch auch die von Gott gesandte Begeisterung, die den Propheten ergreift: ותהי עליו שם יד ד', יד (Ezech. 1, 3). נגר: das Hinfließen des Wassers. וכמים הנגרים ארצה (Sam. II. 14, 14).

4
אֶזְכְּרָ֣ה אֱלֹהִ֣ים וְאֶהֱמָ֑יָה אָשִׂ֓יחָה ׀ וְתִתְעַטֵּ֖ף רוּחִ֣י סֶֽלָה׃
BernfeldIch gedenke Gottes und stöhne, sinne nach, und mein Geist wird umnachtet.
ZunzIch gedenke Gottes und stöhne, sinne nach, und mein Gemüth verdunkelt sich. Selah.
HirschWill ich Gottes gedenken, werde ich unruhig, will ich sinnen, verhüllt sich mein Geist —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. אזכרה וגו'. Will ich Gottes gedenken, werde ich unruhig, will ich sinnen, שיח, mein geistiges Leben anregen (siehe Ps. 55, 18), so verhüllt sich mein Geist. Der Versuch geistig zu „wachsen" gelingt mir nicht.

5
אָ֭חַזְתָּ שְׁמֻר֣וֹת עֵינָ֑י נִ֝פְעַ֗מְתִּי וְלֹ֣א אֲדַבֵּֽר׃
BernfeldDu hältst meine Augenlider offen, zerschlagen bin ich und kann nicht. reden.
ZunzDu hältst meine Augenlider offen, zerschlagen bin ich und kann nicht reden.
HirschDu hieltest meiner Augen Wachen fest, wie geschlagen ward ich und vermochte nicht zu reden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. אחזת וגו'. Dabei hattest du die Wachen, d. i. die Lider meiner Augen gefaßt, ich starrte schlaflos in die Nacht hinaus, und נפעמתי: ich wurde wie geschlagen, eigentlich: vom Hammer-Schlag getroffen, הולם פעם (Jes. 41, 7), wurde wie gelähmt.

6
חִשַּׁ֣בְתִּי יָמִ֣ים מִקֶּ֑דֶם שְׁ֝נ֗וֹת עוֹלָמִֽים׃
BernfeldIch denke der Tage der Urzeit, der Jahre der Vorzeit.
ZunzIch überdenke Tage der Urzeit, Jahre der Vorzeit.
HirschDa überdachte ich Tage aus der Vorwelt, Jahre vergangener Zeiten,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6—10. נגינתי, meines einstigen heitern, Gott in meiner Brust weckenden Saitenspiels, gedachte ich in solcher trüber Nacht. נגן ist, wie Ps. 4, 1 bemerkt, der Ausdruck für Instrumentalmusik überhaupt. Aus Mangel eines Ausdrucks dafür, haben wir in der Uebersetzung das besondere: Saitenspiel gewählt, umsomehr, da ja die Harfe vorzugsweise David's Instrument war (Sam. I. 16, 16—23).

7
אֶ֥זְכְּרָ֥ה נְגִינָתִ֗י בַּ֫לָּ֥יְלָה עִם־לְבָבִ֥י אָשִׂ֑יחָה וַיְחַפֵּ֥שׂ רוּחִֽי׃
BernfeldIch gedenke meines Saitenspiels in der Nacht, mit meinem Herzen sinne ich und mein Geist grübelt nach.
ZunzIch gedenke meines Saitenspieles in der Nacht, mit meinem Herzen sinne ich nach, und es forscht mein Geist.
Hirscherinnerte meines Saitenspieles mich in solcher Nacht, unterhielt mit meinem Herzen mich, und mein Geist fing an zu grübeln:
8
הַֽ֭לְעוֹלָמִים יִזְנַ֥ח ׀ אֲדֹנָ֑י וְלֹא־יֹסִ֖יף לִרְצ֣וֹת עֽוֹד׃
BernfeldWird denn auf ewig der Herr verstoßen und nimmer wieder gnädig sein?
ZunzWird denn auf ewig der Herr verstoßen und nimmer wieder gnädig seyn?
HirschHat denn für alle Zeiten hin mein H e r r verlassen, wird nie mehr Wohlwollen hegen?
9
הֶאָפֵ֣ס לָנֶ֣צַח חַסְדּ֑וֹ גָּ֥מַר אֹ֝֗מֶר לְדֹ֣ר וָדֹֽר׃
BernfeldIst seine Gnade für immer zu Ende, ist es aus mit der Verheißung für alle Geschlechter?
ZunzIst für immer seine Huld zu Ende, ist es aus mit der Verheißung für alle Geschlechter?
HirschIst für ewig zu Ende seine Liebe, hat er das Verhängniß beschlossen für Geschlecht auf Geschlecht?
10
הֲשָׁכַ֣ח חַנּ֣וֹת אֵ֑ל אִם־קָפַ֥ץ בְּ֝אַ֗ף רַחֲמָ֥יו סֶֽלָה׃
BernfeldHat Gott das Begnadigen vergessen oder verschließt er zürnend sein Erbarmen? Sela.
ZunzHat zu begnadigen Gott vergessen, oder verschließt er zürnend sein Erbarmen? Selah.
HirschHat Gott aufgegeben gewährungsvoll zu sein, im Zorn sein Erbarmen geschlossen? —
11
וָ֭אֹמַר חַלּ֣וֹתִי הִ֑יא שְׁ֝נ֗וֹת יְמִ֣ין עֶלְיֽוֹן׃
BernfeldIch dachte in meinem Flehen der Jahre der Macht des Höchsten!
ZunzUnd ich sprach: Das ist mein Flehen, — die Jahre der Rechten des Höchsten!
HirschDa sagte ich: meine Entheiligung, sie ist die Änderung der Rechte des Höchsten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11. ואמר וגו'. חלותי, Infinit. von חלל, wie חנות von חנן. (Die Etymologie von חלל siehe Jeschurun VIII. 169, 170). חלל: Physisches oder sittliches Leben verloren haben, erschlagen oder: entweiht, entheiligt sein. Hier: entheiligt sein. Meine Entheiligung, sie ist die Aenderung der Rechte des Höchsten. Nicht Gott und seine Liebeswaltung ist eine andere geworden, i ch habe mich verändert, i ch habe den heiligen Charakter, die Heiligung und Weihe, die mein ewiges Erbtheil hätten sein sollen, eingebüßt, mir rauben lassen, d a r u m äußert die sich ewig gleich bleibende Liebe Gottes sich mir gegenüber jetzt in einer seinem frühern Walten so entgegengesetzt scheinenden Weise. Wie es dieselbe väterliche Liebe ist, die heute den ungehorsamen Sohn züchtigt, dessen Bravheit sie gestern belohnte, so ist es auch dieselbe unveränderliche HeilesRechte des Höchsten, die jetzt zu meiner Züchtigung und Besserung, zur Wiedergewinnung der von mir eingebüßten sittlichen Weihe, solche erziehende Leiden über mich verhängt, wie sie zur Zeit meiner Pflichttreue Gedeihen und Segen mir angedeihen ließ. Ich meinte, G o t t habe sich verändert, und vergaß, daß i ch mich verändert hatte. Was ich als eine Veränderung der göttlichen Heilesrechte betrachtete, war eine Veränderung meines Leitungsbedürfnisses.

12
(אזכיר) [אֶזְכּ֥וֹר] מַעַלְלֵי־יָ֑הּ כִּֽי־אֶזְכְּרָ֖ה מִקֶּ֣דֶם פִּלְאֶֽךָ׃
BernfeldIch gedenke der Taten Jahs, ich gedenke aus der Urzeit deines Wunders;
ZunzIch gedenke der Thaten Jah's, wenn ich gedenke aus der Urzeit deines Wunders,
HirschGottesmacht-Thaten gedenke ich fortan, wenn ich mir dein Wunder aus der Vorzeit in Erinnerung rufe,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. אזכור וגו'. Nicht mehr zur grübelnden Vergleichung des Jetzt und Sonst deiner Waltung, sondern um mir und Andern (— כתיב אזכיר, קרי אזכור —) die Erkenntniß und Einsicht in dein Wirken und Walten lebendig zu erhalten und zu wahren, wende ich mich fortan der Erinnerung deines Waltens in unserer Vergangenheit zu. מעלל und das folgende עלילות von עלל, das nicht eine einzelne That, sondern eine Reihe von Handlungen bezeichnet, die zur Verwirklichung eines Zieles führen (Siehe Pent.

2. B. M. 10, 2). [?]: eine Kraftoffenbarung Gottes (Pent. 2. B 15, 2) Die ganze Geschichte von Israels Vergangenheit ist Ein פלא, Eine Gott-Offenbarung in der Geschichte, (פלא Siehe Pent. 2. B. M. 15, 11). Und wenn ich jetzt mit Vorliebe, אזכרה, das Gedächtniß deines פלא aus unserer Vergangenheit hervorrufe, so geschieht dies um מעללי-[?], um die einzelnen Gottesmacht-Thaten, die einzelnen Gottes Macht offenbarenden Wirkungen in's Bewußtsein zu rufen, in welchen Gott sein Gesammt-פלא sich vollziehen ließ,

13
וְהָגִ֥יתִי בְכׇל־פׇּעֳלֶ֑ךָ וּֽבַעֲלִ֖ילוֹתֶ֣יךָ אָשִֽׂיחָה׃
BernfeldIch sinne über all deine Werke und denke nach über deine Taten.
ZunzUnd sinne über all deine Werke, und nachdenke über deine Thaten.
Hirschund denke über das Ganze deines Werks und sinne über deine WirkensThaten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13. והגיתי וגו' und ich denke dann über Inhalt und Bedeutung des Ganzen deines Werkes nach, z. B. über Inhalt, Bedeutung und Bestimmung der Schöpfung und Begründung Israels im Allgemeinen, und sinne nach über die עלילות, über die einzelnen Waltungsthaten, mit welchen Gott diese Schöpfung und Begründung seines Volkes vollzog und dasselbe erziehend seiner Bestimmung näher führte.

14
אֱ֭לֹהִים בַּקֹּ֣דֶשׁ דַּרְכֶּ֑ךָ מִי־אֵ֥ל גָּ֝ד֗וֹל כֵּאלֹהִֽים׃
BernfeldGott, in Heiligkeit ist dein Weg. Welches Wesen ist groß wie Gott?
ZunzGott, in Heiligkeit ist dein Weg; welcher Gott ist groß wie Gott?
HirschGott, im Heiligen liegt dein Weg, wo ist eine Kraft groß wie Gott!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14. אלק' בקדש דרכך, das ist der erste Gedanke, der sich aus der Betrachtung deines Gesammtwirkens darbietet. דרך ja die Bewegung zu einem Ziele hin. דרכך Gottes Weg, die Ziele seiner ganzen Waltung בקדש: liegen im „Heiligen." Das SittlichGute, das geistige und leibliche Heil seiner Welt ist überall und immer Dasjenige, was seine Waltung bezweckt. Nie ist eine Kraft- und Macht-Aeußerung Selbstzweck, etwa als Freude an Bethätigung der Gewalt. בקדש, im Gebiete des absolut Guten liegt sein ganzer Weg. מי אל גדול כאלק': wo giebt es eine „große" Kraft wie Gott! גדול, G r ö ß e wird vor Allem von Gott nicht sowohl in seiner zerstörenden, als in seiner schaffenden Macht ausgesagt, die auch das Widerstrebendste erhält, um es endlich durch seine Leitung zum gefügigen Werkzeug ihrer Heilesziele zu umwandeln (Vgl. Pent. 4. B. M. 14, 17. Ps. 145, 3. 6).

15
אַתָּ֣ה הָ֭אֵל עֹ֣שֵׂה פֶ֑לֶא הוֹדַ֖עְתָּ בָעַמִּ֣ים עֻזֶּֽךָ׃
BernfeldDu, o Gott, Wundertäter, hast kund getan unter den Völkern deine Macht.
ZunzDu, o Gott, Wunderthäter, hast kund gethan unter den Völkern deine Macht.
HirschDu bist die Kraft, WunderVollbringer! Du hast unter Völkern deine Unwiderstehlichkeit zur Erkenntniß gebracht,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15. אתה וגו'. Du bist nicht nur אל, e i n e Kraft, du bist האל, d i e Kraft überhaupt, bist die einzige, wirkliche, absolute Kraft; alle sonst vorhandenen Kräfte sind nur ein Ausfluß von dir, ihr Sein ist nur von dir, dem freien Urquell aller Kräfte bedingt. עשה פלא, darum bist du auch עושה פלא, der Einzige, der die von dir geschaffenen Gesetze der Kräfte und die durch sie bestehende Ordnung der Dinge aufzuheben vermag, und aufgehoben hat, um sich eben damit als האל, als Den für die Erkenntniß der Menschen zu bekunden, der eben d i e einzige, freie, absolute Kraft ist, deren Wille das Sein aller Kräfte bedingt und die gewöhnliche Ordnung der Dinge gesetzt hat und erhält, die wir gewöhnt sind dem פלא entgegen zu setzen, die aber eben durch ihre Stetigkeit die noch größere Offenbarung der Machtfülle der sie erhaltenden Kraft ist.

(Vgl. Pent. 2. B. M. S. 171). הודעת בעמים עזך, und in den Kreis der menschengesellschaftlichen Volksvereinigungen bist du mit deinen, Dich als den Bedingenden alles Sein's offenbarenden Wunderthaten eingetreten, um ihnen eben die Erkenntniß zu vermitteln, daß dir auch die Gänge der Menschenentwickelungen nicht gleichgiltig sind, und, wo du deine Macht für die Erfüllung der Anforderungen deines Sittengesetzes einsetzest, dieselbe unwiderstehlich ist. Heißt doch deßhalb das Gottesgesetz vorzugsweise עז (Ps. 132, 8)

16
גָּאַ֣לְתָּ בִּזְר֣וֹעַ עַמֶּ֑ךָ בְּנֵֽי־יַעֲקֹ֖ב וְיוֹסֵ֣ף סֶֽלָה׃
BernfeldDu hast mit Kraft dein Volk erlöst, die Söhne Jakobs und Josefs. Sela.
ZunzDu hast erlöst dein Volk gewaltiglich, die Söhne Jaakob's und Josef's. Selah.
Hirschhast mit Armesstreckung dein Volk erlöst, die Söhne Jaakobs und Joßef's —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 16. גאלת וגו'. Gleichzeitig hast du mit dem Arm, d. h. mit Machtentfaltung, wie זרוע נטויה, Diejenigen erlöst, die sich als „dein Volk" deinem Willen unterordneten (Vgl. Pent. 2. B. M. 6, 7). בני' יעקב ויוסף, die sich bereits als Söhne „Jaakob's" und „Josef's" bewährt hatten. Jaakob's: der in einem langen Leben voller Widrigkeiten des Abrahamssegens und der Abraham-Bestimmung würdig geblieben, Josef's: der nicht minder in einer prüfungsvollen Jugend und in einem Mannesleben voller Glanz, in einer Umgebung des vollendetsten, geistigen und sittlichen Gegensatzes, dem geistigen und sittlichen Erbe seiner Väter treu geblieben war.

So war דרך אלק' בקדש, so war Gottes Machtentfaltung in Mizrajim nur Werkzeug zur Bekundung der unverbrüchlichen Majestät seines heiligen, Achtung des MenschenRechts und der Menschenwürde fordernden Sittengesetzes, und zur Gewinnung eines Menschenkreises für die Huldigung seines Gesetzes, der bereits die Keime zu solcher Huldigung bewährt hatte.

17
רָ֘א֤וּךָ מַּ֨יִם ׀ אֱֽלֹהִ֗ים רָא֣וּךָ מַּ֣יִם יָחִ֑ילוּ אַ֝֗ף יִרְגְּז֥וּ תְהֹמֽוֹת׃
BernfeldDich sahen die Wasser, Gott, dich sahen die Wasser, und sie erbebten, auch die Tiefen erzitterten.
ZunzDich sahen die Wasser, Gott, dich sahen die Wasser, sie kreisten; auch bebten die Tiefen.
HirschSahen darauf Wasser dich Gott, sahen dich Wasser und geriethen in Angst, erzitterten selbst Fluthen,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 17—21. ראוך וגו' זרמו וגו' קול וגו' בים וגו' נחית וגו'. Die V. V. 17—20 bilden Einen Vordersatz, zu welchem V. 21 den Nachsatz bildet. V. 15—16 hatten den durch die Machtentfaltung Gottes herbei geführten Auszug aus Mizrajim in seinen geistigen und sittlichen Wirkungen betrachtet. V. 17—20 schildert nun den darauf folgenden Durchzug durch's rothe Meer, mit seinen, die ganze Natur aufregenden und die Elementargesetze vorübergehend aufhebenden Vorgängen, um dann V. 21 wieder auch deren bleibende, geistig sittliche Wirkung auszusprechen. Dieser ganze Eingriff in die Natur geschah, um durch sie Moses und Aharon für geistige und sittliche Weiterführung des Gottesvolkes zu accreditiren.

ראוך וגו': מים, das Wasser, als מים, als zerfließendes Element, und als תהומות, in seiner Mächtigkeit, fühlte den ihm drohenden Eingriff in seine anerschaffene Natur; זרמו וגו' קול וגו' schildert die dem Spalten des Meeres vorangehende, von heftigen, erderschütternden Gewittern begleitete zerstörende Wirkung der Feuer-Wolken-Säule (Siehe 2. B. M. 14, 23—25. Pent. daf.). Wolken strömen Wasser, Gelöse in den Höhen, Blitze wie Pfeile schießend, andauerndes Donner-Rollen, die Welt weithin durch Blitze erleuchtet, die Erde erschüttert bebend, בים דרכך, da führt Gottes Weg durch's Meer hindurch, und der gerade, auf sein Ziel hin führende Gottes-Pfad durch mächtige Gewässer, — und als dies erreicht war: עקבותיך לא נודעו, war wieder Alles in ruhigem, altem Geleise, ohne die geringste Spur der gewaltigen Aufregung und Störung aufzuweisen (שביל, siehe Pent. 1. B. M. S. 533).

Und warum dieses Alles?

נחית כצאן עמך ביד משה ואהרן: Du hattest damit die ganze Weiterführung deines Volkes durch Moses und Aharon eingeleitet. Aus ihren Händen sollten sie das Gesetz deines Willens entgegennehmen und sich der Führung dieses Gesetzes vertrauensvoll wie die Heerde ihrem Hirten hingeben, sie sollten ihm treu bleiben und unentwegt folgen, auf welchen erschütterungsvollen Wegen, zu welchen unbekannten Zielen es sie auch leiten möge. Das Creditiv für solches Vertrauen in die göttliche Sendung Mosis und Aharon's bildete in alle Zukunft hin קריעת ים סוף. (נחית Vgl. 2. B. M. 15, 13).

18
זֹ֤רְמוּ מַ֨יִם ׀ עָב֗וֹת ק֭וֹל נָתְנ֣וּ שְׁחָקִ֑ים אַף־חֲ֝צָצֶ֗יךָ יִתְהַלָּֽכוּ׃
BernfeldEs strömten die Wolken Wasser, die Stimme ließ erschallen das Gewölk, auch deine Pfeile flogen umher.
ZunzEs strömten Wasser die Wolken, die Stimme ließ erschallen das Gewölk, auch deine Pfeile flogen umher.
Hirschströmten Wolken Wasser, wurden Höhen laut, schossen auch deine Pfeile hin,
19
ק֤וֹל רַעַמְךָ֨ ׀ בַּגַּלְגַּ֗ל הֵאִ֣ירוּ בְרָקִ֣ים תֵּבֵ֑ל רָגְזָ֖ה וַתִּרְעַ֣שׁ הָאָֽרֶץ׃
BernfeldDeines Donners Stimme am Firmament, Blitze erhellten das Erdenrund, es erbebte und wankte die Erde.
ZunzDeines Donners Stimme im Wirbelwind, es erhellten Blitze das Erdenrund, es erbebte und wankte die Erde.
Hirschwar deines Donners Stimme im Rollen, erleuchteten Blitze die Welt, zitterte und bebte die Erde,
20
בַּיָּ֤ם דַּרְכֶּ֗ךָ (ושביליך) [וּֽ֭שְׁבִילְךָ] בְּמַ֣יִם רַבִּ֑ים וְ֝עִקְּבוֹתֶ֗יךָ לֹ֣א נֹדָֽעוּ׃
BernfeldDurchs Meer ging dein Weg, und dein Pfad durch mächtige Gewässer, und deine Spuren wurden nicht erkannt.
ZunzDurch's Meer ging dein Weg, und dein Pfad durch mächtige Gewässer, und deine Spuren wurden nicht erkannt.
Hirschging durch's Meer dein Weg und dein geradhin strebender Pfad durch mächtige Wasser, und blieben dann unerkennbar deine Spuren:
21
נָחִ֣יתָ כַצֹּ֣אן עַמֶּ֑ךָ בְּֽיַד־מֹשֶׁ֥ה וְאַהֲרֹֽן׃ {פ}
BernfeldDu leitetest wie eine Herde dein Volk durch Moses und Aaron.
ZunzDu leitetest wie eine Heerde dein Volk durch die Hand Moscheh's und Aharon's.
Hirschso hattest du damit wie eine Heerde dein Volk geleitet durch Moscheh und Aharon.