Tehillim 77 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 77, V. 1. על ידיתון. Siehe Kap. 39, 1.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. קולי וגו'. Wenn meine Stimme zu Gott gerichtet ist und ich schreie, gelangt meine Stimme zu Gott, und „Gehör," nicht E r hörung, A n hörung wird mir. Wenn ich auch nicht erhört werde, ich habe das Bewußtsein, daß Gott mich hört. Gott sieht mein Elend und weiß mein Leiden, hört jeden Seufzer aus meiner Brust. Es ist Israel im Galuth, das Dies und das Folgende spricht. האזין, Infinitiv: Ohren-Hinneigen, Hinhören, Anhören wird mir.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. ביום וגו'. Am Tage meiner צרה suchte ich meinen Herrn. צרה, die Enge, Gegensatz von מרחב, Zustände, durch welche wir auf uns selbst und in uns selbst zurückgedrängt, und darauf angewiesen werden, die geistige und sittliche Kraft zu wecken, die in uns vorhanden ist, aber oft in glücklichen äußern Verhältnissen unentwickelt und vernachlässigt bleibt. In solcher Zeit der צרה suchte ich meinen H e r r n, suchte ich wieder in Gott einen Halt zu gewinnen, der mich ja in seinen D i e n st berufen, und auch jetzt noch mich nicht aus seinem Dienst entlassen hat. Allein ידי, die Hand, mit der ich mich an Gott anklammern wollte, die in Gott meinen Halt suchte, die zerfloß mir und strömte unaufhaltsam hin in die Nacht. Ich gewann nicht die geistige und sittliche Kraft zu diesem Aufschwung zu Gott, ja die Kraft schwand mir immer mehr und mehr, und floß in die Nacht des Leidens hin, die mich umgab. Darum, weil ich mich nicht geistig zu ermannen vermochte, darum versagte sich meine Seele jeden Trost. Nicht das Leid, meine völlige Niedergeschlagenheit im Leid machte mich trostlos. ידי: meine Hand, die Gott zu fassen suchte, vielleicht auch die Hand, die ich von Gott erwartete. Heißt doch auch die von Gott gesandte Begeisterung, die den Propheten ergreift: ותהי עליו שם יד ד', יד (Ezech. 1, 3). נגר: das Hinfließen des Wassers. וכמים הנגרים ארצה (Sam. II. 14, 14).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. אזכרה וגו'. Will ich Gottes gedenken, werde ich unruhig, will ich sinnen, שיח, mein geistiges Leben anregen (siehe Ps. 55, 18), so verhüllt sich mein Geist. Der Versuch geistig zu „wachsen" gelingt mir nicht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. אחזת וגו'. Dabei hattest du die Wachen, d. i. die Lider meiner Augen gefaßt, ich starrte schlaflos in die Nacht hinaus, und נפעמתי: ich wurde wie geschlagen, eigentlich: vom Hammer-Schlag getroffen, הולם פעם (Jes. 41, 7), wurde wie gelähmt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6—10. נגינתי, meines einstigen heitern, Gott in meiner Brust weckenden Saitenspiels, gedachte ich in solcher trüber Nacht. נגן ist, wie Ps. 4, 1 bemerkt, der Ausdruck für Instrumentalmusik überhaupt. Aus Mangel eines Ausdrucks dafür, haben wir in der Uebersetzung das besondere: Saitenspiel gewählt, umsomehr, da ja die Harfe vorzugsweise David's Instrument war (Sam. I. 16, 16—23).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. ואמר וגו'. חלותי, Infinit. von חלל, wie חנות von חנן. (Die Etymologie von חלל siehe Jeschurun VIII. 169, 170). חלל: Physisches oder sittliches Leben verloren haben, erschlagen oder: entweiht, entheiligt sein. Hier: entheiligt sein. Meine Entheiligung, sie ist die Aenderung der Rechte des Höchsten. Nicht Gott und seine Liebeswaltung ist eine andere geworden, i ch habe mich verändert, i ch habe den heiligen Charakter, die Heiligung und Weihe, die mein ewiges Erbtheil hätten sein sollen, eingebüßt, mir rauben lassen, d a r u m äußert die sich ewig gleich bleibende Liebe Gottes sich mir gegenüber jetzt in einer seinem frühern Walten so entgegengesetzt scheinenden Weise. Wie es dieselbe väterliche Liebe ist, die heute den ungehorsamen Sohn züchtigt, dessen Bravheit sie gestern belohnte, so ist es auch dieselbe unveränderliche HeilesRechte des Höchsten, die jetzt zu meiner Züchtigung und Besserung, zur Wiedergewinnung der von mir eingebüßten sittlichen Weihe, solche erziehende Leiden über mich verhängt, wie sie zur Zeit meiner Pflichttreue Gedeihen und Segen mir angedeihen ließ. Ich meinte, G o t t habe sich verändert, und vergaß, daß i ch mich verändert hatte. Was ich als eine Veränderung der göttlichen Heilesrechte betrachtete, war eine Veränderung meines Leitungsbedürfnisses.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. אזכור וגו'. Nicht mehr zur grübelnden Vergleichung des Jetzt und Sonst deiner Waltung, sondern um mir und Andern (— כתיב אזכיר, קרי אזכור —) die Erkenntniß und Einsicht in dein Wirken und Walten lebendig zu erhalten und zu wahren, wende ich mich fortan der Erinnerung deines Waltens in unserer Vergangenheit zu. מעלל und das folgende עלילות von עלל, das nicht eine einzelne That, sondern eine Reihe von Handlungen bezeichnet, die zur Verwirklichung eines Zieles führen (Siehe Pent.
2. B. M. 10, 2). [?]: eine Kraftoffenbarung Gottes (Pent. 2. B 15, 2) Die ganze Geschichte von Israels Vergangenheit ist Ein פלא, Eine Gott-Offenbarung in der Geschichte, (פלא Siehe Pent. 2. B. M. 15, 11). Und wenn ich jetzt mit Vorliebe, אזכרה, das Gedächtniß deines פלא aus unserer Vergangenheit hervorrufe, so geschieht dies um מעללי-[?], um die einzelnen Gottesmacht-Thaten, die einzelnen Gottes Macht offenbarenden Wirkungen in's Bewußtsein zu rufen, in welchen Gott sein Gesammt-פלא sich vollziehen ließ,
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. והגיתי וגו' und ich denke dann über Inhalt und Bedeutung des Ganzen deines Werkes nach, z. B. über Inhalt, Bedeutung und Bestimmung der Schöpfung und Begründung Israels im Allgemeinen, und sinne nach über die עלילות, über die einzelnen Waltungsthaten, mit welchen Gott diese Schöpfung und Begründung seines Volkes vollzog und dasselbe erziehend seiner Bestimmung näher führte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. אלק' בקדש דרכך, das ist der erste Gedanke, der sich aus der Betrachtung deines Gesammtwirkens darbietet. דרך ja die Bewegung zu einem Ziele hin. דרכך Gottes Weg, die Ziele seiner ganzen Waltung בקדש: liegen im „Heiligen." Das SittlichGute, das geistige und leibliche Heil seiner Welt ist überall und immer Dasjenige, was seine Waltung bezweckt. Nie ist eine Kraft- und Macht-Aeußerung Selbstzweck, etwa als Freude an Bethätigung der Gewalt. בקדש, im Gebiete des absolut Guten liegt sein ganzer Weg. מי אל גדול כאלק': wo giebt es eine „große" Kraft wie Gott! גדול, G r ö ß e wird vor Allem von Gott nicht sowohl in seiner zerstörenden, als in seiner schaffenden Macht ausgesagt, die auch das Widerstrebendste erhält, um es endlich durch seine Leitung zum gefügigen Werkzeug ihrer Heilesziele zu umwandeln (Vgl. Pent. 4. B. M. 14, 17. Ps. 145, 3. 6).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. אתה וגו'. Du bist nicht nur אל, e i n e Kraft, du bist האל, d i e Kraft überhaupt, bist die einzige, wirkliche, absolute Kraft; alle sonst vorhandenen Kräfte sind nur ein Ausfluß von dir, ihr Sein ist nur von dir, dem freien Urquell aller Kräfte bedingt. עשה פלא, darum bist du auch עושה פלא, der Einzige, der die von dir geschaffenen Gesetze der Kräfte und die durch sie bestehende Ordnung der Dinge aufzuheben vermag, und aufgehoben hat, um sich eben damit als האל, als Den für die Erkenntniß der Menschen zu bekunden, der eben d i e einzige, freie, absolute Kraft ist, deren Wille das Sein aller Kräfte bedingt und die gewöhnliche Ordnung der Dinge gesetzt hat und erhält, die wir gewöhnt sind dem פלא entgegen zu setzen, die aber eben durch ihre Stetigkeit die noch größere Offenbarung der Machtfülle der sie erhaltenden Kraft ist.
(Vgl. Pent. 2. B. M. S. 171). הודעת בעמים עזך, und in den Kreis der menschengesellschaftlichen Volksvereinigungen bist du mit deinen, Dich als den Bedingenden alles Sein's offenbarenden Wunderthaten eingetreten, um ihnen eben die Erkenntniß zu vermitteln, daß dir auch die Gänge der Menschenentwickelungen nicht gleichgiltig sind, und, wo du deine Macht für die Erfüllung der Anforderungen deines Sittengesetzes einsetzest, dieselbe unwiderstehlich ist. Heißt doch deßhalb das Gottesgesetz vorzugsweise עז (Ps. 132, 8)
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. גאלת וגו'. Gleichzeitig hast du mit dem Arm, d. h. mit Machtentfaltung, wie זרוע נטויה, Diejenigen erlöst, die sich als „dein Volk" deinem Willen unterordneten (Vgl. Pent. 2. B. M. 6, 7). בני' יעקב ויוסף, die sich bereits als Söhne „Jaakob's" und „Josef's" bewährt hatten. Jaakob's: der in einem langen Leben voller Widrigkeiten des Abrahamssegens und der Abraham-Bestimmung würdig geblieben, Josef's: der nicht minder in einer prüfungsvollen Jugend und in einem Mannesleben voller Glanz, in einer Umgebung des vollendetsten, geistigen und sittlichen Gegensatzes, dem geistigen und sittlichen Erbe seiner Väter treu geblieben war.
So war דרך אלק' בקדש, so war Gottes Machtentfaltung in Mizrajim nur Werkzeug zur Bekundung der unverbrüchlichen Majestät seines heiligen, Achtung des MenschenRechts und der Menschenwürde fordernden Sittengesetzes, und zur Gewinnung eines Menschenkreises für die Huldigung seines Gesetzes, der bereits die Keime zu solcher Huldigung bewährt hatte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17—21. ראוך וגו' זרמו וגו' קול וגו' בים וגו' נחית וגו'. Die V. V. 17—20 bilden Einen Vordersatz, zu welchem V. 21 den Nachsatz bildet. V. 15—16 hatten den durch die Machtentfaltung Gottes herbei geführten Auszug aus Mizrajim in seinen geistigen und sittlichen Wirkungen betrachtet. V. 17—20 schildert nun den darauf folgenden Durchzug durch's rothe Meer, mit seinen, die ganze Natur aufregenden und die Elementargesetze vorübergehend aufhebenden Vorgängen, um dann V. 21 wieder auch deren bleibende, geistig sittliche Wirkung auszusprechen. Dieser ganze Eingriff in die Natur geschah, um durch sie Moses und Aharon für geistige und sittliche Weiterführung des Gottesvolkes zu accreditiren.
ראוך וגו': מים, das Wasser, als מים, als zerfließendes Element, und als תהומות, in seiner Mächtigkeit, fühlte den ihm drohenden Eingriff in seine anerschaffene Natur; זרמו וגו' קול וגו' schildert die dem Spalten des Meeres vorangehende, von heftigen, erderschütternden Gewittern begleitete zerstörende Wirkung der Feuer-Wolken-Säule (Siehe 2. B. M. 14, 23—25. Pent. daf.). Wolken strömen Wasser, Gelöse in den Höhen, Blitze wie Pfeile schießend, andauerndes Donner-Rollen, die Welt weithin durch Blitze erleuchtet, die Erde erschüttert bebend, בים דרכך, da führt Gottes Weg durch's Meer hindurch, und der gerade, auf sein Ziel hin führende Gottes-Pfad durch mächtige Gewässer, — und als dies erreicht war: עקבותיך לא נודעו, war wieder Alles in ruhigem, altem Geleise, ohne die geringste Spur der gewaltigen Aufregung und Störung aufzuweisen (שביל, siehe Pent. 1. B. M. S. 533).
Und warum dieses Alles?
נחית כצאן עמך ביד משה ואהרן: Du hattest damit die ganze Weiterführung deines Volkes durch Moses und Aharon eingeleitet. Aus ihren Händen sollten sie das Gesetz deines Willens entgegennehmen und sich der Führung dieses Gesetzes vertrauensvoll wie die Heerde ihrem Hirten hingeben, sie sollten ihm treu bleiben und unentwegt folgen, auf welchen erschütterungsvollen Wegen, zu welchen unbekannten Zielen es sie auch leiten möge. Das Creditiv für solches Vertrauen in die göttliche Sendung Mosis und Aharon's bildete in alle Zukunft hin קריעת ים סוף. (נחית Vgl. 2. B. M. 15, 13).