Tehillim 75 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 75, V. 1. למנצח וגו'. Die Grundstimmung, aus welcher dieser Psalm hervorgegangen, ist ein Hilferuf אל תשחת zu Gott, daß er nicht Verderben einreißen lassen möge. Es sieht Aßaf die drohende Gefahr, daß die Welt in geistige, sittliche und sociale Verderbniß versinke, wenn Gott nicht einschreite, und diese Wahrnehmung legt ihm nahe, mit der Bitte אל תשחת Gott zu solchem Einschreiten aufzufordern (Siehe Ps.57,1). Insofern schließt sich dieses Kap. dem vorigen an, dessen Inhalt ja durchweg die Motivirung eines solchen Aufrufs bildet. Allein, in diesem Gefühle ergreift hier Aßaf die Harfe, und auf den Schwingen der Melodie und des Gesanges, מזמור, gelangt er aus diesem bangen Gefühle des Hilferufs zur Beschauung der göttlichen Waltung im großen Kreise der Menschheit und des Weltenganges (שיר), und da spricht er keinen Hilferuf mehr aus, sondern die Zuversicht, die wir aus Gottes Offenbarungen geschöpft haben und schöpfen, daß zur rechten Zeit, deren Bestimmung nur Er weiß, Er zur Herstellung der Rechtsordnung auf Erden einschreiten werde, und daß Er die Grundsäulen der sittlichen Weltordnung festgestellt habe, an welchen sich aller Schein, alle Willkühr und alle Ueberhebung brechen, und der endlichen Herrschaft des Pflichtgerechten allein die Zukunft sicher ist. Diese aus den Gottoffenbarungen geschöpfte Erkenntniß bildet den Inhalt dieses Kap.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. הודינו וגו'. ידה, wovon יד, verw. mit ידע: erkennen. Die begrifflichen Wurzeln von „Hand" und „Erkennen" sind innig verschwistert. Die Menschengröße besteht nur aus zwei Begriffen: יד, Hand, mit der er die Dinge beherrscht: Ausdruck der Macht in edlerm Sinne, und ידע: „Erkennen," der Macht im geistigen Sinne. Die Erkenntniß eignet sich geistig die Dinge zu unverlierbarem Eigenthum und geistiger Handhabung an. Ebenso wie שכל, verw. mit סגל, Aneignen zum Grundbegriffe hat (Siehe Pent. 1. B. M. S 74. 579). Ist ja auch unser deutsches „Begreifen" nichts als ein geistiges „Ergreifen" der Dinge nach ihren Merkmalen.
ידה ist nun eigentlich: Handhaben, daher auch einen Pfeil richten, oder werfen (Jerem. 50, 14), insbesondere im Piel: schleudern (Klagel. 3, 53). Im Hifil tritt die Verwandtschaft mit ידע hervor, und הודה heißt: Jemandem Das zur Erkenntniß bringen, was in unserm Bewußtsein über seine Beziehungen zu uns, oder über unsere Beziehungen zu ihm vorhanden ist. Eigentlich: Jemandem unser Inneres „darreichen," „darlegen," äußern. Daher sowohl die Anerkennung seiner Herrschaft, als die Anerkennung unserer Verpflichtung oder unserer Schuld gegen ihn aussprechen, also huldigen, danken und bekennen. Hier: huldigen. Wir haben dir gehuldigt, haben in der Vergangenheit deine Größe, Macht und Herrschaft anerkannt und ausgesprochen, und קרוב שמך, und noch ist dein Name uns nahe, dein Name, d. i. Das, was über dein Sein und Walten unser Bewußtsein ausmachen soll, dessen Erkenntniß liegt uns noch nahe, ist unserer Erkenntniß noch nicht zu hoch und unerreichbar geworden. Vgl. כי קרוב אליך הדבר מאוד (5. B. M. 30, 14). ספרו נפלאותיך. nicht umsonst hast du die von dir gesetzte und aufrechtgehaltene gewöhnliche Ordnung der Dinge durch dein persönliches Hervortreten, נפלאות übend, unterbrochen (Siehe Pent. 2. B. M. 3, 20); deine נפלאות, deine Wunder, haben bewirkt, was sie sollten, ספרו שמך: sie haben durch geschichtliche Ereignisse die Erkenntniß von deinem Sein, Wollen und Walten gebracht, sie haben deinen Namen erzählt, vgl. ולמען ספר שמי בכל הארץ (2. B. M. 9, 16).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. 4. כי אקח מועד וגו'. Die beiden V. 3. 4. enthalten Das, was Gott durch seine Offenbarungs-Wunder über Sich und sein Walten ausgesprochen hat. Sie sind der Inhalt dessen, was ספרו נפלאותיך. In zwiefacher Weise spricht sich die göttliche Persönlichkeit in ihrer Beziehung zur Welt aus, als אני' und als אנכי' (Siehe Pent. 1. B. M. S. 140. 141). אני' im Gegensatz zur Welt und ihren Verhältnissen, richtend und entscheidend mit seiner Macht einschreitend; ein Walten, wie es der Name אלקים ausdrückt. אנכי': in inniger Verbindung mit der Welt, sie umfassend, tragend, ihr Fortschreiten zum Heile gründend; ein Walten, wie es der Name ה' andeutet. Als אני' offenbarte sich vor Allem Gott durch יציאת מצרים, als אנכי' bei מתן תורה, und יציאת מצרים und מתן תורה sind die beiden Grund-נפלאות, die uns „Gottes Namen" „erzählt" haben und erzählen. Durch sie spricht Gott zu uns: כי אקח מועד: „wenn ich mir die einmal bestimmte rechte Zeit wähle" — (ich wähle mir die rechte Zeit, lasse oft lange, lange Zeit hingehen, wo man Nichts von mir merkt und wie Pharao spricht: מי ד' אשר אשמע בקולו (2. B. M. 5, 2). Vgl. Ps. 90, 3. 4. f. Ihr hattet in מצרים auch vierhundert Jahre auf mein Einschreiten zu warten bis ich sprach, jetzt ist es Zeit, daß אני יוצא בתוך מצרים das. 11, 4) — wenn ich mir die einmal bestimmte rechte Zeit wähle, dann trete ich als „Ich" hervor und richte in Geradheit," breche die Willkühr und schaffe Ordnung. Und ferner: נמגים וגו' und „wenn auch die Erde und alle ihre Bewohner verzagen," vor Angst, Schwäche und Rathlosigkeit an jeder bessern Zukunft verzweifeln, אנכי וגו'. חכנתי, חכן ist nicht ein mechanisches Festmachen, sondern, verw. mit תקן, bezeichnet es ein Abwägen und bestimmendes Feststellen der Verhältnisse und Beziehungen der Dinge zu einander (Siehe Pent. 2. B. M. S. 50). עמודיה sind daher hier nicht die physischen Stützen der physischen Welt, sondern die geistigen Grundlagen der sittlichen und socialen Weltordnung, wie sie Gott bei מתן תורה ausgesprochen. So חצבה עמודיה שבעה (Prov. 9, 1). Diese Säulen der sittlichen Welt hat Gott längst als אנכי' bestimmt und festgestellt. An ihnen können die Menschen nicht rütteln, sie müssen sich ihnen fügen, und werden ihnen einst zu ihrem Heile huldigen, um nicht zu Grunde zu gehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. אמרתי וגו'. Auf Grund dieser, aus den יציאת מצרים und מתן תורה-נפלאות geschöpften Erkenntniß habe ich, fährt Aßaf fort, habe ich zu den Gleißnern, zu den Heuchlern gesagt: legt euren Heuchelschein ab, und zu den Gesetzlosen: erhebet kein Horn. Vor den, durch die נפלאות ה' gelehrten Thatsachen, daß Gott zur rechten Zeit als Richter einschreitet, und daß die von ihm gestellten Säulen des Sittengesetzes unwandelbar sind, sieht Aßaf zwei Klassen vom Untergang bedroht: die Heuchler, deren äußerliche Huldigung des Gottesgesetzes nur fromme Gebärde, nur Schein, הוללות ist, ein Strahlenschein ohne Kern (siehe Ps. 5, 6), und Diejenigen, die ihre Gesetzlosigkeit gar nicht zu bemänteln suchen, sie vielmehr zur Schau tragen und sich auf Grund ihrer Gesetzesverachtung höher dünken, als Andere und sich über sie erheben. Zu den Heuchlern spricht er: was soll euch der Schein, Gott ist ja Richter, und Gott kann man nicht betrügen; und zu den offenen Gesetzlosen: setzet doch keinen Stolz in eure Schlechtigkeit.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. אל תרימו וגו'. Wenn ihr mit eurer Gesetzesverachtung euch über eure Mitmenschen erhebt, so erhebt ihr in Wahrheit euch über Gott, daß ihr den Muth habet, Ihn zu verachten und sein Gesetz mit Füßen zu treten. Wollet daher nicht gegen Gott euer Horn erheben, indem ihr mit gerecktem Halse Ungebühr redet. ירוץ אליו בצואר (Hiob 15, 26). עתק, Subst.: die Ungebühr (Siehe Pent. 1. B. M. S. 221).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. 8. כי וגו' כי אלק' וגו'. Denn nicht irgendwo von der Erde her kommt Glück und Unheil, sondern Gott ist Richter und stürzt und hebt nach dem Urtheil seiner Einsicht. Nach Einer Auffassung im תנחומא stünde הרים hier in der Bedeutung Erhebung. Allein sowohl der Accent als die Punktation ist dieser Auffassung entgegen. ממדבר steht im stat. const. zu הרים und ist als solcher damit verbunden: die Wüste der Berge. Es scheint, daß hiermit die bereits im Süden von Palästina beginnende Wüste bezeichnet wird, in welche die letzten Erhebungen der von Nord nach Süd Palästina durchziehenden Abdachungen des Libanon's auslaufen. Vielleicht ist damit in Einem Ausdruck der Blick nordwärts und südwärts zusammen gefaßt: die Wüste im Süden, in welcher die von Norden her kommenden Berge enden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. כי כום וגו'. Denn die Ungleichheit und der Wechsel des Menschengeschickes ist keineswegs nur Strafe und Lohn. Nicht nur als Richter, אלק', als Erzieher des Menschengeschlechts, ד', hat Gott das Maaßgefäß des Geschickes in Händen. כום, von כסס, ein Gefäß von einem bestimmten Inhalte, in welchem Jemandem das für ihn Bestimmte gereicht wird (Siehe Pent. 2 B. M. S. 114). Nicht nur nach der Vergangenheit und Gegenwart, vor Allem nach der Zukunft, nach dem Erziehungsbedürfniß und der Erziehungsfähigkeit eines Menschen bestimmt er ihm sein Geschick. Als ד' hat er einen Kelch in der Hand, und der Wein hat ausgegohren: reiflich erwogen, rein und in seiner Art vollendet ist Alles, was daraus dem Menschen gereicht wird. Allein der Wein ist מלא מסך, ist mit Mischung gesättigt, hat gerade die Mischung, die er haben soll. Wie der Wein des jüdischen Landes nicht ungemischt getrunken werden konnte, so verträgt auch der Durchschnitt der Menschen nicht reines Glück. Ein in Freud und Leid gemischtes Geschick ist das einzige, das dem gewöhnlichen Menschen für seinen möglichen Fortschritt zur sittlichen Vollendung zuträglich ist. Und für Jeden ist darin ein besonderes Mischungsmaaß das geeignetste. In dem Geschickeskelch, den Gottes Hand trägt, ist daher der reine durchgegohrene Wein mit der entsprechenden Mischung voll versehen, wenn Gott ihn einem Menschen einschenkt. אך שמריה. Nur Hefen, von keiner Freude mehr gemildertes Leid, werden aber zuletzt — wenn Gottes Geschickes-Becher bis auf den Boden geleert ist, das Geschick der Zeiten sich erfüllt — aussaugend zu trinken haben alle Gesetzlosen der Erde, an welchen alle Erziehungskunst vergebens geblieben (Vgl. Jes. 25, 6).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. 11. ואני וגו'. Ich aber will, was uns so die נפלאות ד' offenbart haben, für alle Zeiten weiter erzählen, und wenn wir uns als יעקב', als das im Galuth und durch's Galuth gedrückte Volk fühlen, will ich nicht mehr den אל תשחת-Ruf angstvoll zu Gott senden, sondern zum אלק' יעקב will ich im Gesang mich emporheben, und will in meinem Liede alle קרני רשעים niederhauen, die קרנות צדיק aber sich erheben lassen, will in meinem Liede den Sturz aller Gesetzlosen, und die endliche Siegeserhebung der Gerechten feiern.
קרנים und קרנות sind zu unterscheiden. Selbst im concreten Sinne sind קרנים wirkliche Hörner, קרנות aber, wie קרנות המזבח, uneigentlich so genannte, nur begrifflich Hörner ähnlich sich empor hebende Winkel-Höhen. Ebenso ידים und ידות (2. B. M. 26, 17). Ebenso unterscheiden sich שנים und שנות (Siehe Ps. 90, 9. 10). Auch hier, obgleich קרנים sowohl wie קרנות in bildlichem Sinne stehen, ist doch für die stolz sich überhebende Machtkeckheit der רשעים der Ausdruck קרנים gebraucht, da es zunächst nur Materielles, Sinnliches, Concretes, fast Horngleiches ist, womit sich der רשע erhebt. Der Gerechten Emporstreben ist aber geistiger, sittlicher Natur, dessen Bilde entspricht daher mehr קרנות als קרנים. Wir haben קרנות zur Unterscheidung durch den Singular wiedergegeben.