Tehillim 69 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 69, V. 1. על שושנים. Siehe K. 45, 1. 60, 1. Wie die der Rose von Natur mitgegebenen Dornen sie von vornherein als dem Angriff ausgesetzt bezeichnen, gegen welchen die Dornen ihr Schutz gewähren sollen: so ist Israel von vornherein auf Angriffe und Gefahren hingewiesen, gegen welche nur Gott ihm Schutz und die ihm für seine Wanderung durch die Zeiten mitgegebenen Institutionen Kraft und Ausdauer zu verleihen vermögen. David sieht Israel, Geschlecht nach Geschlecht die dunkeln GaluthJahrhunderte durchwandern und spricht aus ihrer Seele heraus:
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. 3. הושיעני וגו', טבעתי וגו'. יון lautverw. mit גבן, wovon גבינה: Käse, gerinnen, somit: eine halbfeste Flüssigkeit, zäher Schlamm. שבלת, Strudel (siehe Pent. 1. B. M. S. 533). הושיעני, ja eigentlich: gieb und erhalte mir dauerndes, kräftiges Sein. שבלת שטפתני, ein jählings in die Tiefe stürzender Strudel hat mich mit hinab geschwemmt. Unter diesen verschiedenen Bildern des Nothstandes, scheint באו מים עד נפש die besondern auf Israel gerichteten Leiden zu bezeichnen, während טבעתי וגו', באתי וגו', solche Leiden wären, denen auch Andere ausgesetzt sind, die aber immer in erster Linie Israel betreffen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. יגעתי וגו' schwere, lange andauernde Leiden machen zuletzt stumpf und abgeschwächt, daß man selbst die Kraft zu beten verliert.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. רבו וגו'. Sympathien hat Israel nirgends gefunden. Die es ganz ohne Grund haßten, war die überwiegende Mehrzahl. Mächtig aber waren Die, die es „starr" machen, es in jeder Bewegung hemmen, es lebendig todt machen möchten, und zu diesem Zwecke mit erlogenen Gründen offen gegen es feindlich auftraten. Sie beabsichtigten damit, daß „אז," daß auf diese Weise es gezwungen würde, „Alles, was es auf ganz rechtmäßigem Wege erworben hatte," wie einen „Raub" herauszugeben. Man sprach den Juden überhaupt die Berechtigung der Existenz ab, und betrachtete, behandelte wenigstens, Alles, was ein Jude besaß, und wäre es auf die rechtmäßigste Weise erworben, als einen an der Gesammtheit begangenen Raub.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. אלקי וגו'. Israel will sich Gott gegenüber nicht weiß waschen, wäre es ein Engel, so wäre es nicht im Galuth. Allein, wessen es die Völker beschuldigen, davon weiß es sich frei, darin stand und steht es wahrlich nicht tiefer als seine Ankläger. Worin es gefehlt und was es verschuldet, das weiß Gott sehr wohl, das sind ja vor Allem Vergehen und Verschuldungen in seinen Beziehungen zu Gott. Ja, es heißt nicht: אתה ידעת אולתי, sondern in ganz ungewöhnlicher Weise: לאולתי, und dürfte dies ähnlich wie בנת לרעי, בין ל- (Ps. 139, 2), יבינו לאחריתם (5. B. M. 32, 19), ein im Vorauswissen bedeuten. Du kanntest Das, was mein אולת herbeiführen werde, kanntest mein אולת im Entstehen. In der That ist ja auch אולת eine schwankende Unentschiedenheit (siehe Pent. 1. B. M. S. 292), wie sie Israels Verhalten gegen Gott von Anfang an charakterisirt. An der endlichen Gewinnung dieses einen immer wieder zum Abfall geneigten Volkes hat Gott zuerst die Kraft seines geoffenbarten Gesetzes erprobt, und eben diese in Israels Charakter liegende אולת und die daher vorausgesehenen אשמות, in Folge deren es seine Selbstständigkeit verscherzte und unter die Völker als יזרעאל hinausgestreut wurde, machten es zu dem geeigneten Gefäß für Gottes Botschaft an die sündige, irrgegangene und für Gott wieder zu gewinnende Menschheit (Vgl. Pent. 2. B. M. 34, 9. 4. B. M. 14, 17).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. אל יבשו וגו'. בוש und יבש (siehe Ps. 6, 11) das Schamgefühl über getäuschte Erwartung. הכלם (siehe Ps. 35, 4) das durch den Vorwurf sittlichen Mangels hervorgerufene Schamgefühl. קויך (siehe Ps. 25, 3) die zu Gott mit ihrem ganzen Wesen hinstreben und ihn zu finden hoffen. מבקשיך, die Gott in ihrer Gegenwart, Gott in den Gängen ihres zeitlichen Geschickes suchen. Jedes zeitliche Geschlecht des im Galuth wandernden Israels begreift seine Bestimmung, ermuthigendes Beispiel zu werden für Alle, die mit ihrem Wesen zur Gottesnähe hinstreben und Gottes Gegenwart in ihren Geschickeserscheinungen suchen, und es bittet daher, Gott möge ihm beistehen, in Mitten der Wucht der Ereignisse die sittliche Kraft zu jenem geistigen Hinstreben zu Gott zu bewahren, und seiner Pflichttreue also zu genügen, daß es des sichtbaren Waltens Gottes in seinen Geschicken nicht unwürdig werde. Es strebt aber zu Gott hin in dem Bewußtsein, daß ארני: daß ungeachtet seiner Verweisung in's Exil, es noch im Dienste Gottes, seines „Herrn" stehe, ה': in dem jetzt über es ergehenden Gottesgericht nicht minder die göttliche Liebe walte, צבאו': und Gott als der Gott aller Wesensschaaren, es ja eben in die weite Welt hinausgestreut habe, auf, daß es weit über den jüdischen Kreis hinaus Allen ein wandernder Fingerzeig für Gott und die Beziehungen des Menschen zu Gott werde. Und in seinen Geschicken erwartet es Gottes Gegenwart zu sehen, der, als er es in's Exil hinaus wies, mit seinem: ואף גם זאת וגו' כי אני ד' אלקיהם (3. B. M. 26, 44) ihnen die Zusicherung mit hinaus gab, daß Er gleichwohl in den trübsten Geschicken, die ihrer warten, sie nicht verlassen, und sich als ihr Gott, sich als אלקי ישראל stets bewähren werde.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. כי עליך וגו'. Denn es sind nicht Verschuldungen, die sie mir fälschlich andichten, es sind meine Beziehungen zu dir, die mir ihren Haß und ihre Verfolgungen zuziehen. Deinetwegen habe ich Schmähung zu ertragen, dichten sie mir sittliche Mängel an, die mich schamroth machen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. מוזר וגו'. זר ist der von einem Recht, als dessen nicht würdig, Ausgeschlossene, נכרי, der irgendwo nicht Hingehörige, der Ausländer (siehe Pent. 1. B. M. 42, 7). Als auch von Gott, dem gemeinschaftlichen Vater aller Menschen, stammend, hätten die Völker mich als ihr Brudervolk, als geistig gleichberechtigt anerkennen sollen. Diese Gleichberechtigung wurde mir von meinen Brüdervölkern versagt. Auf demselben Boden, der ihre Wiege trug, stand auch die Meinige, die Erde, das Land war unsere gemeinschaftliche physische Mutter, meine physische Geburt ertheilte mir das Heimathsrecht unter ihnen; allein meines Geburtslandes Kinder versagten mir das Heimathsrecht, erklärten und behandelten als Ausländer mich.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. כי קנאת וגו' weil ich meinen Zusammenhang mit meiner Vergangenheit und wieder zu erstrebenden Zukunft nicht aufgeben wollte, weil mich der Schmerz um dein zerstörtes Heiligthum und die Sehnsucht nach dessen Wiederaufbau verzehrte, darum sprachen sie mir das zeitliche Heimathrecht unter ihnen ab, und weil sie dich als den „Judengott" blasphemirend schmäheten, dir die Anerkennung als den Gott aller Menschen versagten, darum galt ich ihnen auch als Bruder nicht, warfen sie auf mich die Schmach des Ausschlusses aus den allgemeinen Menschenrechten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. 12. ואבכה וגו' ואתנה וגו'. Weinte ich an den Gedächtnißfasten des Unterganges und der Zerstörung deines Heiligthums und seines Landes meine Seele aus, so schmähten sie mich darob, und hüllte ich mich in Trauergewand, so ward ich ihnen damit zum משל, entweder allgemein: sie machten ihre משלים, ihre Gleichnißreden, ihre Witze über mich, oder: der „Jude" ward ihnen zum Typus, zur Bezeichnung eines würdelosen, gedrückten, verächtlichen Menschen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. ישיחו וגו'. יושבי שער sind Die, die ihren Sitz im „Thore," d. i. im Gerichte, in dem Rathe und den leitenden Versammlungen der Völker haben. Deren שיח, deren Unterhaltungen und Besprechungen waren ב', waren gegen mich gerichtet, und eben so waren gegen mich gerichtet die gemeinen Säuferlieder in den Schenken. Die höchsten und niedrigsten Bevölkerungsklassen begegneten sich in der gleichen Verachtung des Juden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. ואני וגו'. Und ich — bei dieser moralischen, socialen und politischen Ausgestoßenheit von allen Menschen, und mitten in solchen drohendsten Gefahren — gehört doch mein Gebet nur Dir in deiner zu neuer Zukunftsspende ewig bereiten Liebe, und — nicht der Menschen Wohlwollen — von dir erstrebe ich mir einen Moment des Wohlwollens, der du selbst als אלק", in dem ganzen Ernst deines richtenden Waltens, doch immer in der Fülle deiner Liebe bleibst, erhöre mich mit der „Wahrheit deines Heils!" Du hast mir ישע, unverlierbares Sein verheißen, mache diese Verheißung an mir zur Wahrheit.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. 16. אל תשטפני וגו'. Siehe V. 2. 3. Lasse mich nicht untergehen in den allgemein vorhandenen, mich aber ganz besonders treffenden, sowie in den auf mich allein gerichteten Gefahren, מצולה, שבלת, מים, טיט: ואל תאטר עלי באר פיה sind durch die natürlichen Verhältnisse gegebene Gefahren, die aber bei meiner Hilflosigkeit und Verlassenheit mich immer in erhöhtem Maaße treffen, oder denen die Feindschaft der Menschen mich ganz besonders aussetzt. באר ist aber ein künstlich Geschaffenes, und sind damit alle die von boshaftem Aberwitz ausgeklügelten, für den Untergang der Juden berechneten Fallgruben bezeichnet, in deren Schöpfung wahnumfangene Zeiten eine so traurige Virtuosität entwickelten. Indem sie aber „באר," „Brunnen" genannt werden, so dürfte damit wohl der Umstand angedeutet sein, daß man gerade die natürlichsten, dem Juden ebenso wie jedem Menschen unentbehrlichsten Existenzbedürfnisse zu künstlichen Fallgruben für den Juden gestaltete.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. ענני וגו'. כי טוב חסדך: was Gottes Liebe spendet, ist immer nur gut, während, was Menschen selbst in wohlwollender Liebe gewähren, oft zum Unheil gereicht. כרב רחמיך ,רחמים ist diejenige Waltungsweise Gottes, die jedem Menschen unverlierbar ist, an die er immer als Geschöpf bei seinem Schöpfer, als Kind bei seinem Vater appelliren kann (Siehe Pent. 2. B. M. S. 555).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. ואל תסתר וגו'. Endlich hast du mich ja als „deinen Diener," als Werkzeug für dein Wiedergewinnungswerk an die Menschheit hinausgesandt; du wirst deinem „Diener" nicht deine wachende Fürsorge entziehen, und wenn die Noth an mich herandrängt, sende Erhörung rasch, ehe ich ihr erliege.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19. קרבה וגו'. Sei du meiner bedrohten Seele nahe, und nimm dich meiner als גואל (Siehe Pent. 2. B. M. S. 60) an. למען אויבי וגו', wenn 'nicht meinetwillen, schon um meiner Feinde willen, um ihrer Belehrung, um ihrer sittlichen Rettung willen, daß sie nicht ganz in gottvergessener Menschenunwürdigkeit, wie sie sie gegen mich üben, verkommen, rufe ihnen durch meine Rettung einen Halt in ihren Ausschreitungen zu, und lasse sie an Gott und Menschlichkeit gemahnt werden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20. אתה ידעת וגו' חרפתי ובשתי וכלמתי: sie schmähen mich wegen vermeintlich verbrecherischer Vergangenheit, sie schänden mich wegen vermeintlich hoffnungsloser Zukunft, und machen mich schamroth wegen vermeintlich sittlich unwürdiger Gegenwart. Du kennst diese meine חרפה בשת וכלימה, und weißt wie viel Begründetes an ihnen ist; dir sind gegenwärtig alle meine Dränger, oder dir ist gegenwärtig Alles was mich drängt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 21. 22. חרפה. נוש wie נשה (צור und צרה 2c.): schwach, unselbstständig werden (Siehe Pent. 1. B. M. S. 474). נוד, gewöhnlich נוד ל: Einem sich zuneigendes Bewegtsein des Gemüthes: Mitgefühl. Mir gegenüber haben sie selbst das gewöhnlichste Menschengefühl verleugnet, haben mir selbst die einfachste Labung, die ich mir noch verschaffen konnte, verbittert (ברות der Imbiß, die erste Frühkost, siehe Pent. 1. B. M. S. 5), oder mir zur Labung Hohn gereicht, ולצמאי וגו', während – wie aus dem Folgenden sich ergiebt – sie sich an reich gedeckten Tafeln gütlich thaten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 23. יהי וגו'. Indem sie so für das von ihnen bereitete Elend nur unbarmherzigen Spott übrig haben, haben sie es verdient, daß sie in ihrer Fülle und ihrem Wohlstand zu Grunde gehen. שלחנם: die Genüsse, die sie sich bereiten, werden לפניהם לפח, werden vor ihnen zur Falle, sie umstricken sie mit dem Reiz der Sinnlichkeit, in diese Sinnlichkeit gehen sie auf, und diese Sinnlichkeit wird das Fangnetz für ihre שלומים, für ihre so vielfältigen Wohlstandsbeziehungen, deren sie sich erfreuen könnten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 24. תחשכנה וגו', durch diese sinnliche Verkommenheit verlieren sie den klaren Geistesblick, und – ומתניהם וגו' – und die Kraft zu männlicher That.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 25. 26. שפך וגו'. Ja sie haben den vollen Erguß des göttlichen Unwillens verdient, haben es verdient, daß ihre Burgen Ruinen würden, und ihre Wohnstätten veröden: Denn
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 27—29. כי אתה וגו'. Denn, den du geschlagen hattest, den machten sie vogelfrei, ואל מכאוב חלליך, nicht 'יצחקו', auch nicht 'ידברו', sondern 'יספרו'!! Zu den Leiden deiner Erschlagenen erzählten sie, setzten mit ihnen eine Geschichte in Zusammenhang, die in gar keinem Zusammenhang zu ihnen steht, legten diesen Leiden einen ganz andern geschichtlichen Grund unter: תנה, es galt, ein von ihnen ersonnenes Verbrechen zu der wirklich von uns begangenen Sünde hinzuzufügen, wegen welcher – erdichteten – Verschuldung sie, die Juden, nie mehr in Gottes Gnade aufgenommen werden würden, ausgelöscht werden sollten aus dem Buche des Lebens, und nie mehr mit braven, rechtschaffenen Menschen eingezeichnet werden könnten!!! תנה ist Infinitiv für תת, ebenso wie Ps. 8, 2. In der That war ja die wirkliche Sünde, wegen welcher Israel in's Exil wandern mußte, nur eine solche, die andere Völker in vielfach höherm Maaße sich zu Schulden kommen ließen, die aber Gott an Israel eben wegen seiner besondern Beziehung zu Gott, die eine mustergiltige Pflichttreue fordert, heimsuchte (Amos 3, 2).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 30. ואני וגו', und ich – den man so von Gott verlassen und verstoßen, auf ewig von seiner Gnade ausgeschlossen wähnte, den man mit Elend und Leid überhäufte, und dann dieses Elend und Leid als Zeichen seiner Verlassenheit von Gott und als Beweis seiner Verworfenheit, als Dokumentirung des ihm angedichteten Verbrechens in Lehre und Predigt deutete, und damit die Saat des Hasses und der Verachtung Jung und Alt von Kindesbeinen an einimpfte – ich, wie עני und כואב, wie elend und leidend ich auch war, ישועתך אלק' תשגבני', Gottes, der ein so ernstes Verhängniß über mich ergehen ließ, seine Hilfe hob mich doch über alle solche Erbärmlichkeit hoch empor, gab mir Kraft und Muth und heiter vertrauende Ausdauer, mein eigenthümliches Sein und Wesen mitten in solcher Anfeindung zu bewahren, meiner geistig sittlichen Bestimmung mitten in solchem Elende entwickelungskräftig zu leben, so daß, wäre ihr Blick nicht von Sinnlichkeit und Leidenschaft umnebelt gewesen, sie wahrlich an meiner geistig sittlichen Erhebung mitten in solchem Elende hätten erkennen müssen, wie wenig Wahrheit der von Mund zu Mund gehenden Mähr von der Verworfenheit und Gottverlassenheit der Juden innewohne, wie vielmehr das Nochdasein und das Fortdasein des Juden, und das von ihm trotz solcher Geschickeslage bewahrte und bewährte Geistig-Sittliche laut davon zeuge, wie Gott dem als verlassen und verworfen verschrieenen Juden mit seinem Beistand nahe sei, – denn wenn nicht ישועתך, wenn nicht Gott mit seinem Beistand dem Juden nahe gewesen wäre, woher wäre ihm die Kraft zu solcher geistig sittlichen Erhebung mitten in allem dem Jammer gekommen?!
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 31. אהללה וגו'. Darum kann ich und will ich שם־אלקים, wie im Glücke שם ד', so jetzt die Thatoffenbarungen Gottes in seiner Leiden verhängenden Waltung mit schauendem Liede preisen, ואגדלנו בתודה: und die Erkenntniß seiner Größe durch meinen Dank mehren. Gottes Größe bewährt sich vor Allem in den Wunderwirkungen seiner Liebe (Siehe Pent. 4. B. M. 14, 19. 5. B. M. 3. 24. Ps. 145, 3. 6), und giebt es keinen sprechenderen Beitrag zur Erkenntniß seiner Größe, als den Dank, den ihm das Galuth-Volk zollt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 32. ותיטב וגו'. Das Rind heißt schon am ersten Tage שור (B. K. 65, b.), פר aber erst mit erlangter Reife nach zurückgelegtem dritten Jahre. שור פר ist das der Stierreife nahe Rind, ähnlich wie פר בן בקר (siehe Pent. 3. B. M. S. 86). Wenn Israel in seiner Blüthe während des Bestandes des Tempels im Opfer als שור פר, als junges, Stier nahes Rind auftrat, stellte es sich Gott als das in jugendlicher Frische zu dem Berufe seiner Dienstwirksamkeit auf Gottes Menschheit-Acker Heranreifende dar (Siehe das.). מקרין מפריס wie מפרסת פרסה (3. B. M. 11, 3), Hörner habend, Klauen habend. Horn: die Waffe der Vertheidigung nach Außen. Klaue: das Organ des festen, kräftigen Standes. Zu dem Charakter des Aufblühens zum Wirken im Dienste Gottes, wie dies שור פר zum Ausdruck brachte, kommt noch das Merkmal der rüstigen Abwehr jedes äußern Angriffs, sowie der energievollen Bewahrung der Selbstständigkeit, beides gerader Gegensatz zu dem עני וכואב, zu dem Elend und Leid, das Israel im Galuth charakterisirt. Das שיר und תודה, welches dieses Israel im Galuth Gott weiht, ist ihm noch wohlgefälliger als der Opferausdruck des Hinanstrebens zum wirksamen Dienste Gottes, zur Zeit, als Israel noch „kampfgerüstet und selbstständig" auftrat. Ein solcher Opferausdruck war nur die Gelobung einer vollen Hingebung an den Dienst Gottes. Diese שיר- und תודה-Verkündigung des göttlichen Waltens und der Gottesgröße durch das standhaft seine Bestimmung im Galuth währende Israel, ist aber selbst schon ein Theil der Verwirklichung der Aufgabe, die Israel im Dienste Gottes zu lösen hat.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 33. ראו וגו'. Weit über den jüdischen Kreis hinaus bleibt diese Erscheinung Israels im Galuth doch nicht ohne Folgen. Es sehen es doch endlich die Gedrückten aller Kreise und freuen sich der trostvoll ermuthigenden Erfahrung, die ihnen damit vor die Augen tritt. Ja, ihr seht es, alle, die ihr nach „Gott suchet," die ihr die Gegenwart und das Walten Gottes in der Geschichte gewahren möchtet, ihr seht es, und euer Herz lebt auf, „in Israel seht ihr, wonach euer Herz sich lange gesehnt hat."
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 34. כי שמע וגו', sehet, daß Gott ein Ohr hat für Alle, die willen- und hilflos dastehen, und daß, wenn Gott auch Menschen in Bande des Leidens fesselt, er damit sie keineswegs als der sie preisgebenden Verachtung würdig bezeichnet. Das Leid, das Gott über den Menschen verhängt, ist vielmehr ein Zeichen prüfender und erziehender Beachtung: את אשר יאהב ד' יוכיח.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 35. יהללוהו וגו'. Diese durch das standhafte Israel im Galuth verbreitete Gotteserkenntniß bricht sich Bahn, und dann tönt vom Himmel herab und von der Erde hinauf die Gott-Offenbarung an das geistige Ohr der Menschheit, sie sehen den Gott, den die Himmel und die Erde verkünden endlich auch in offenbarem Walten in der Geschichte der Menschheit.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 36. 37. כי וגו', denn der Gott, der bis dahin ein so herbes Galuthgeschick über Israel verhängt hatte, ruft sein geistiges Zion-Stift wieder in's wirkungsvolle Dasein, und richtet auch den staatlichen Bau, dessen Mittelpunkt Zion sein soll, wieder auf. Die Söhne des Exils wohnen wieder darin und erhalten es zum eigenthümlichen Besitz, den Nachkommen Derer, die sich im Galuth als seine Diener bewährt haben, fällt es zum bleibenden Erbe zu, und Die, die bis dahin den Namen „Gott" im Herzen bewahrt, und Dem, was dieser „Name" ihnen sagte, mit hingebender Liebe die Treue bewahrt haben, die finden dort endlich die Ruhestätte, die ihnen auf weiter Erde um dieser Treue willen versagt geblieben war —