Tehillim 67 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 67, V. 1. Von dem Gedanken ausgehend, daß Gott uns die Erkenntniß seines Waltens und Wollens auf Erden, und die Mittel zur Verwirklichung seines Willens gewähren möge, geht dieser Psalm rasch zur Anschauung jener bereits im vorigen Kap. gefeierten Zukunft über, in welcher nach Israels Vorgang diese Erkenntniß und Gotteshuldigung Gemeingut aller Völker geworden ist, und Israel im Allverein mit den Völkern sich Gottes Segens erfreut. Es ist ein in שיר ausgehender מזמור.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. אלקי' וגו'. חנן ist überwiegend die Gewährung geistiger Begabung, es ist dies ganz besonders in Zusammenstellung mit ברכה, der Gewährung materieller Mittel (siehe Pent. 4. B. M, 6, 25). Geistige Begabung ist überall der erste nationale Wunsch in der jüdischen Brust — so ja auch die erste Bitte der ש"ע, אתה חונן לאדם דעת — und dann erst der Wunsch nach materiellem Segen. Das erste ist die Bedingung zur Erkenntniß, das zweite zur Erfüllung des göttlichen Willens. פנים sind die „Hinblicke," die Ziele, auf welche Gottes Angesicht gerichtet ist, die er durch seine Waltung verwirklichen und durch die freie Menschenthat in Seinem Dienste verwirklicht sehen will. האר פני heißt: diese seine Ziele so „beleuchten," d. h. so sichtbar machen, daß wir sie erkennen können. Beides, seine Waltungsziele und seine durch die freie Menschenthat zu verwirklichenden Ziele, hat Gott uns hell erkennbar gemacht, jene durch sein Prophetenwort, diese durch sein Gesetz. Zur Erkenntniß und zur Mitarbeit an der Verwirklichung dieser uns offenbarten Gottesziele erbitten wir uns hier חנינה und ברכה: die geistige und materielle Befähigung (Vgl. Pent. 4. B. M. 6, 24. und 25.). Es heißt hier aber nicht יאר פניו אלינו, sondern: אתנו, nicht nur uns, sondern: bei uns, in unserm Kreise möge Gott die Ziele seines Waltens und Wollens in's Licht treten lassen, möge uns beistehen, daß an uns und durch uns sein Walten und Wollen so hell hervorleuchte, daß sie auch für Andere durch einen Hinblick auf unsere Geschichte und unser Leben erkennbar werden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. לדעת וגו', דרך ד' umfaßt, ebenso wie פני ד', die Ziele, die Er in seinem Wege erreichen will, ein Zwiefaches: den Weg, den Gott in seiner Weltführung geht, und den Weg, den er von uns gegangen wissen will (Siehe Pent. 1. B. M. 18, 19). Durch unsere Geschichte und unser Leben möge „Gottes Angesicht" so „bei uns" hervorleuchten, daß damit erkannt werde, daß „Gottes Weg in der Entwickelung der menschlichen Dinge" liege, daß Gottes Führung der irdischen Welt einen bestimmten Weg zu einem bestimmten Ziele wandle, und die Menschen einen bestimmten, von Gott gewiesenen Weg zu einem bestimmten Ziele wandeln sollen, und daß nicht nur im jüdischen Kreise, sondern unter allen Völkern die menschlichen Angelegenheiten durch Gottes Hilfe erblühen sollen. דרך ד' soll zu ישועת ד' בכל גוים führen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. יודוך וגו'. Durch die vermittelst Israels Erscheinung in Mitte der Völker verbreitete Erkenntniß werden in allmäligem Fortschritt die Völker zur Huldigung Gottes gebracht; zuerst einige, dann alle Völker huldigen Gott.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. ישמחו וגו'. Es wechselt aber der Ausdruck für Volk in diesem Psalm: גוים, עמים לאמים. גוי: das nach Außen zu Einem Körper geeinte Volk. עם: die nach Innen zusammen verbundene Volks-Gesellschaft. לאום ist der Staat als die die Volksgesellschaft gliedernde und regelnde Ordnung und deren Vertreter (Siehe Ps. 2, 1). In der Gegenwart stehen die Völker in geschlossener Einheit gerüstet einander gegenüber. Unter der einstigen Alleinherrschaft des Einzig-Einen schwindet dieser Gegensatz — אבדו גוים מארצו singt der Psalm 10, 16, und לא ישא גוי אל גוי חרב verkündet Jes. von אחרית הימים 2, 4) — es bleiben die Menschen, nur durch die von den Landesverschiedenheiten bedingten Eigenthümlichkeiten von einander unterschieden, עמים, Völkergesellschaften, die auf dem besondern, einer jeden gemeinsamen Boden die Eine allgemeine Menschenbestimmung in reicher Mannigfaltigkeit zur Lösung bringen. Bevor die Gotteshuldigung und die Unterordnung unter Seinen Willen als das Gesetz für das einzelne und Völkerleben die עמים durchdringt, wird jedes עם durch das Bedürfniß getrieben, sich zu einem לאום zu gestalten, sich eine bürgerliche Ordnung zu geben und die Aufrechterhaltung dieser Ordnung in die Hand von Oberhäuptern zu legen, die mit der Macht ausgerüstet werden, jeden Störer dieser Ordnung zurückzuschrecken und, wenn es sein muß, unschädlich zu machen. Wie schon dem ganzen Existenz- und Nahrungsstreben auf dieser Vorstufe der Menschenentwicklung, die von trüben Anklängen nicht freie Benennung לחם und טרף gegeben ist, welche die Einzelexistenz als ein im Kampfe mit der Natur (טרף) und mit der Gesellschaft (לחם) Abgerungenes erscheinen läßt, so wohnt auch dem Begriffe לאם die Verwandtschaft mit לחם inne. Das Symbol einer jeden Staatsmacht ist noch das nicht nur nach Außen, sondern noch ebenso sehr nach Innen gerichtete Schwert, nach dem Erfahrungssatz der Weisen: אלומלא מוראה איש את רעהו חיים בלעו, ohne dieses Staatsschwert wäre ein Krieg Aller gegen Alle. Allein die Erfahrung der menschengeschichtlichen Jahrhunderte hat gelehrt, in welchem beschränkten Maaße diese selbstgeschaffenen Staatenbildungen das Ziel erreichen, die bürgerlichen Gesellschaften auf eine auch nur einigermaßen dauernde Grundlage des Friedens und des Heiles zu bringen. Kommt daher einst die Zeit, in welcher die Gotteshuldigung, die Huldigung Gottes und seines Gesetzes, die Volksgesellschaften Alle durchdringt, dann freuen sich לאמים, die bisherigen Staatsmächte der bürgerlichen Ordnung, treten selbst vor Gott in die Reihen des Volkes zurück, übergeben freudig und gerne das Heft in Gottes Händen, auf daß Er, daß Seine Erkenntniß und Anerkennung die bürgerlichen Gesellschaften ordne, und daß, wenn sie, die bisherigen Staatslenker, auch fortan noch für die Wohlfahrt der Völker mitwirken, diese Wirksamkeit selbst unter seiner Leitung sich vollziehe, ולאמים בארץ תנחם, und die Leiter auf Erden selbst erst von Gott ihre Leitung erhalten, von Ihm die Weisung empfangen, wie seinem Willen gemäß die menschliche Ordnung zu gestalten sei. Diese von Gott zu gewinnende Ordnung wird aber als מישר gekennzeichnet: die Menschen und ihre Verhältnisse werden „in die Ebene" gebracht, wo Keiner dem Andern über den Kopf greift, Keiner den Andern unter die Füße bringt, Jeder בדרך ישר, auf geradem Wege der Lösung seiner Menschenbestimmung auf Erden zustrebt, und, bei aller durch die Verschiedenheiten der Individualitäten gegebenen Mannigfaltigkeit, in Folge der Allen gemeinsamen Gotteshuldigung, des Allen gemeinsamen Sittengesetzes, der Allen gemeinsamen Pflichtbestimmung, und der, durch Erfüllung derselben Allen in gleichem Maaße erreichbaren menschlich-sittlichen Würdigkeit vor Gott, den bürgerlichen Gesellschaften auf dem nur in Gott zu gewinnenden Boden der Rechts- und Pflicht-Gleichheit die Möglichkeit der dauernden Wohlfahrt und des dauernden Friedens eröffnet ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6–8. יודוך וגו'. In drei Stadien sieht dieses schauende Lied den Entwickelungsgang der Menschheit zu ihrem einstigen Ziele, wie diese Theilung auch durch das סלה V. 2. und V. 5. hervortritt. Im ersten Stadium wird die Erkenntniß des göttlichen Seins und Wollens im jüdischen Kreise sichtbar. Im zweiten Stadium dringt diese Erkenntniß bis zur Anerkennung in die Völkerkreise, und deren Leiter ordnen sich selbst der Gottesleitung unter. Im dritten Stadium treten nun diese Leiter völlig zurück, ohne Vermittlung huldigen Gott die Völker Alle. Die Erdentwickelung hat, was sie aus sich vermochte, das Ihrige geleistet, die aus ihren Gängen zu schöpfende Erfahrung hat die Menschen bis zur ausschließlichen Gotteshuldigung gelangen lassen — vgl. אמת מארץ תצמח (Ps. 85, 12) — es segnet uns dann Gott auch, wir erreichen das Ziel unserer ganzen Sendung in die Mitte der Völker mit der Verkündung Gottes als unseres Gottes, der nicht mit dem Glauben, der erst mit dem Gehorsam seinen Dienst erfüllt sieht, und nicht nur wir, alle Erden-Ende fürchten dann Gott und Gott allein, und gewinnen mit dieser reinen Gottesfurcht gleich uns den einzigen Quell des Gottessegens auf Erden —