Tehillim 66 תהילים

Buch: Kapitel: Vers:
Übersetzung:
1
לַ֭מְנַצֵּחַ שִׁ֣יר מִזְמ֑וֹר הָרִ֥יעוּ לֵ֝אלֹהִ֗ים כׇּל־הָאָֽרֶץ׃
BernfeldDem Sangmeister. ein Psalmlied. Jauchzet Gott zu, alle Erdenbewohner
ZunzDem Sangmeister. Psalmlied. Jauchzet Gott, alle Lande,
HirschDem Siegverleiher, ein Psalm-Lied. Wecket Gott Huldigung, die ganze Erde.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 66, V. 1. Das vorige Kap. brachte den Gedanken zum Ausdruck, wie, durch innern Drang getrieben, die Menschen Alle endlich Gott und die Verbindung mit Ihm und seinem Gesetze zur Gewinnung des menschlichen Heiles auf Erden suchen werden, wie dies durch Gottes Gesetzesheiligthum in Israel gelehrt wird, und schloß mit einer begeisterten Schilderung des dann auf Erden aufblühenden Segens. Es war ein מזמור שיר: Es hatte in V. 9 ausgesprochen, wie diese Rückkehr der Gesammtmenschheit zu Gott durch Das gefördert werde, was sie aus den in der Menschen- und Israels-Geschichte von Gott gegebenen Wahrzeichen gelernt haben werden, וייראו ישבי קצות מאותתיך Hieran schließt sich dieses Kap., indem es in begeisterungsvollem Liede die Völker alle zur Huldigung Gottes auf die Gottesoffenbarungen in Israels Gründungs- und Galuth-Geschichte hinweist. Es zieht sich aber zum Schlusse in die Entschlüsse und Gedanken zurück, die besonders Israels Brust in seinem gottnahen Wandel durch die Zeiten des Exiles bis zu dessen Ende geleiten. Es ist daher ein שיר מזמור (הריעו siehe Ps 47, 2).

2
זַמְּר֥וּ כְבֽוֹד־שְׁמ֑וֹ שִׂ֥ימוּ כָ֝ב֗וֹד תְּהִלָּתֽוֹ׃
BernfeldLobpreiset seines Namens Ehre, gebet Ehre seinem Ruhm!
ZunzSaitenspielet seines Namens Ehre, machet herrlich seinen Ruhm!
HirschSinget die Ehre seines Namens, machet alles Herrliche zu seinem Thatenlob.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. זמרו וגו', wörtlich ja: singet das „Gewicht" des göttlichen Namens (siehe Ps. 19, 3), bringet es jauchzend zum Bewußtsein, wie der Gottes-Namen kein bloßer Schall, wie seine Bedeutung in den Erscheinungen der Natur und Geschichte hervortritt, ja sprechet es aus, daß alles כבוד, daß alles Große, Gewicht- und Bedeutungsvolle nichts als תהלתו, nichts als „Strahl seines Wirkens," Offenbarung seines Seins und Waltens ist.

3
אִמְר֣וּ לֵ֭אלֹהִים מַה־נּוֹרָ֣א מַעֲשֶׂ֑יךָ בְּרֹ֥ב עֻ֝זְּךָ֗ יְֽכַחֲשׁ֖וּ לְךָ֣ אֹיְבֶֽיךָ׃
BernfeldSprechet zu Gott: Wie furchtbar ist dein Werk! Wegen deiner großen Macht schmeicheln dir deine Feinde.
ZunzSprechet zu Gott: Wie furchtbar ist dein Werk! Ob der Größe deiner Macht schmeicheln dir deine Feinde.
HirschSprechet zu Gott: welch ein Furchtbares sind deine Thaten, durch die Größe deiner Unüberwindlichkeit heucheln deine Feinde dir.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. אמרו וגו', מה נורא מעשיך, nicht: wie furchtbar sind deine Thaten, sondern: welch ein Furchtbares sind deine Thaten, d. h. wie furchtbar ist das Ganze, das die einzelnen Thaten deiner Waltung bewirken, das Gesammtziel, das durch sie herbeigeführt wird. Oder: welch ein furchtbarer Gedanke ist es, wenn man sich das Einheitliche der großen Mannigfaltigkeit deiner Waltungen vergegenwärtigt. So mannigfaltig die Thaten Gottes sind, so ist es doch immer nur dieselbe Gerechtigkeit, dieselbe Wahrheit und Güte, die sich in Jedem offenbart. ברב עזך וגו', deine Unüberwindlichkeit, mit welcher du deine Zwecke auf Erden verfolgst, und denen im Wege stehst, die diesen deinen Zwecken feind sind, tritt ihnen endlich in solcher Größe in's Bewußtsein, daß sie weder sich, noch ihre Handlungsweisen in wahrem Lichte zu zeigen wagen, sondern selbst ihre gottfeindlichen, verbrecherischen Absichten in ein Gottesfurcht heuchelndes Gewand zu kleiden sich gezwungen sehen. Diese Nöthigung des Schlechten, sich und sein Thun in den Schein des Guten zu kleiden, ist ein Triumph des Guten, ist ein Beweis, daß doch nur das Gott wohlgefällige Gute auf Erden eine Zukunft hat.

4
כׇּל־הָאָ֤רֶץ ׀ יִשְׁתַּחֲו֣וּ לְ֭ךָ וִיזַמְּרוּ־לָ֑ךְ יְזַמְּר֖וּ שִׁמְךָ֣ סֶֽלָה׃
BernfeldAlle Erdenbewohner bücken sich vor dir und lobpreisen dich, sie lobpreisen deinen Namen. Sela.
ZunzAlle Lande müssen sich bücken vor dir und dir saitenspielen, saitenspielen deinem Namen. Selah.
HirschDie ganze Erde aber beugt sich dir und singet dir, singet deinen Namen —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. כל הארץ וגו'. Es kommt aber die Zeit, wann alle Menschen auf Erden sich vor Gott „niederwerfen," sich ganz in Huldigung hingeben, וזמרו לך u. s. w. זמר an sich ist eigentlich nur Melodie, Lied ohne Worte. Es ist also zunächst mehr Ausdruck von Gefühlen und Empfindungen als von Gedanken. In יזמרו שמך tritt der Gedanke in den Vordergrund, und zwar hier das Sein und Walten Gottes, wie es sein Name andeutet. Ueberwältigt von Gottes unwiderstehlicher Erhabenheit wirft sich zuerst die Menschheit vor Gott nieder, und lebhaft strömen ihm ihre Gefühle zu, bis sie sich sodann zum bewußtvollen Denken seines in seinem Namen sich aussprechenden Seins und Waltens erheben, und diese Gedanken von den freudigen Gefühlen seiner Huldigung getragen zum Ausdruck bringen.

5
לְכ֣וּ וּ֭רְאוּ מִפְעֲל֣וֹת אֱלֹהִ֑ים נוֹרָ֥א עֲ֝לִילָ֗ה עַל־בְּנֵ֥י אָדָֽם׃
BernfeldGeht und schaut die Werke Gottes, sein wunderbares Schaffen für die Menschenkinder.
ZunzGehet und schauet die Werke Gottes, sein wunderbares Thun an den Menschenkindern.
HirschGeht hin und sehet die Wirkungen Gottes, wie furchtbar im Handeln Er ist über den Menschensöhnen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. לכו וגו'. Die Erreichung dieser einstigen allgemeinen Rückkehr der Menschheit zur Erkenntniß und Huldigung Gottes hat Gott nicht dem Zufall überlassen. Für die Herbeiführung dieses Gesammtziels hat Er in Israels Geschichte sein Wirken und Walten offenbart. Geht einmal hin, lautet daher der Aufruf an die Völker, und „seht" — in Israels Geschichte — die Wirkungen Gottes. In Israels Geschichte liegen sinnlich wahrnehmbare, nicht wegzuweisende Thatsachen da, die Gottes Wirken und Walten demonstriren. נורא מעשה, עלילה ist die fertig gestaltete That, das geschaffene Werk, עלילה aber von עלל (siehe Ps. 9, 12) ist die Entwickelung der Dinge und Verhältnisse zu der beabsichtigten Form und Gestaltung. Es ist das weltgeschichtliche Säen und Pflanzen und Pflegen bis zur vollendeten Fruchtreife des Zieles. In dieser עלילה, in diesem schrittweisen Bewältigen, Umgestalten, von Menschen kaum geahnten Bringen der Verhältnisse in das zum einzigen Gottesziele führenden Geleise, erscheint vor Allem Gottes von allem Widerstrebenden zu fürchtende Macht über die Menschen.

6
הָ֤פַךְ יָ֨ם ׀ לְֽיַבָּשָׁ֗ה בַּ֭נָּהָר יַעַבְר֣וּ בְרָ֑גֶל שָׁ֝֗ם נִשְׂמְחָה־בּֽוֹ׃
BernfeldEr wandelte das Meer in Trockenheit, durch den Strom zogen sie zu Fuße. Damals freuten wir uns sein.
ZunzEr wandelte das Meer in Trocknes, durch den Strom zogen sie zu Fuße. Dort freuen wir uns sein.
HirschMeer zu Trockenem hat er umwandelt, den Strom durchschritten sie zu Fuß, dort freuten wir uns Sein!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. הפך וגו'. Diese weltgeschichtliche Machthoheit Gottes zeigt sich sowohl in Israels steigenden als sinkenden Geschichtsgängen, יציאת מצרים und גלות. Um Israel völkergeschichtlich zu gründen, umwandelte Er Meer und Jarden; aber nicht nur seine allvermögende Macht, sondern gleichzeitig seine richtend urtheilende Waltung offenbarte er da. שם נשמחה בו: Israel fand in den Fluthen die Rettungsbahn, seine Verfolger das Grab.

7
מֹ֘שֵׁ֤ל בִּגְבוּרָת֨וֹ ׀ עוֹלָ֗ם עֵ֭ינָיו בַּגּוֹיִ֣ם תִּצְפֶּ֑ינָה הַסּוֹרְרִ֓ים ׀ אַל־[יָר֖וּמוּ] (ירימו) לָ֣מוֹ סֶֽלָה׃
BernfeldEr herrscht über die Welt in seiner Stärke, seine Augen schauen auf die Völker, über die Abtrünnigen, dass sie sich nicht überheben. Sela.
ZunzEr herrscht in seiner Stärke ewiglich, seine Augen schauen auf die Völker. Die Abtrünnigen, daß sie sich nicht überheben! Selah.
HirschSo waltet er mit seiner Siegermacht ewig, Umschau halten seine Augen unter den Völkern, die Ungehorsamen mögen sich nur nicht erheben! —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. משל וגו', ד' ימלך לעולם ועד, den Gedanken nahmen die Geretteten mit in die Zukunft hinaus (2. B. M. 15, 10). Ewig, zu aller Zeit waltet Er so mit seiner Allem obsiegenden Macht, ewig, zu aller Zeit halten seine Augen Umschau unter den Völkern und die im Wellengrab vernichtete egyptische Volkes- und Kriegsmacht ruft durch alle Zeiten die Warnung hin: Gott höhnender Pharaonen-Trotz wage sich nur nicht zu erheben! Das ist aber אל ירימו למו כת'ב. Der sich überschätzende Hoheitsdünkel wurzelt vor Allem in Ueberschätzung der zu Gebote stehenden äußern Mittel und Kräfte, so wie der mit diesen geschaffenen Institutionen und Werke. Mögen sie hinschauen auf den pharaonischen Staat, den politisch größten, gebildetsten und mächtigsten seiner Zeit, und lernen, daß — im Gegensatz zu Gott — sie אל ירימו למו, sie nichts von allem Dem, was sie ihr nennen und Stütze ihrer Macht und Hoheit wähnen, sie nichts von allem Dem „hoch denken" sollten. אין חכמה ואין תבונה ואין עצה נגד ד' (Prov. 21, 30), gegen Gott ist das Größte Nichts, mit Gott das Kleinste groß —

8
בָּרְכ֖וּ עַמִּ֥ים ׀ אֱלֹהֵ֑ינוּ וְ֝הַשְׁמִ֗יעוּ ק֣וֹל תְּהִלָּתֽוֹ׃
BernfeldPreiset, Völker unsern Gott, und lasset erschallen die Stimme seines Lobgesanges.
ZunzPreiset, Völker, unsern Gott, und lasset erschallen die Stimme seines Lobgesangs.
HirschSegnet, Völker, unsern Gott, und verkündet laut sein Thatenlob:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. ברכו וגו'. Aber wo möglich in einem noch viel höheren Grade, in einer dem Menschen menschlich näheren Weise, und in einer dauernd und weit verbreiteten Oeffentlichkeit bezeugt sich Gott jetzt und in der ganzen Galuthzeit an Israel vor den Augen der Völker. Wenn die יציאת מצרים-Gründungsgeschichte Israels Gott mit offenbaren Wunderthaten in seiner, jedem kecken Uebermuth drohenden, furchtbaren Hoheit zeigt, so legt das weltgeschichtliche Wunder der Erhaltung Israels während der dunkeln GaluthJahrhunderte Gottes Gegenwart in der Menschengeschichte jedem denkenden Menschen mit sprechendster Ueberzeugungskraft nahe, und die Völker selbst, unter deren Verirrungen Israel zu leiden hat, ruft Israel auf, an ihm, an dem von ihnen gedrückten und gedrängten Volke, Gottes erhaltende Wundermacht kennen zu lernen, und sich, wie Israel, Gott für ihre Gänge durch die Zeiten anzuvertrauen: ברכו, weihet euch der Erfüllung seines Willens, der Förderung seines Werkes auf Erden, אלדינו: um den zu schauen ihr nicht in unsere ferne Vergangenheit zurückzublicken braucht, der euch aus jedem Moment unseres gegenwärtigen Daseins unter euch entgegen strahlt, weihet euch ihm, und sprechet laut sein Thatenlob aus, wie er euch aus unserer Geschichte in eurer Mitte hervorleuchtet.

9
הַשָּׂ֣ם נַ֭פְשֵׁנוּ בַּחַיִּ֑ים וְלֹֽא־נָתַ֖ן לַמּ֣וֹט רַגְלֵֽנוּ׃
BernfeldDer uns beim Leben erhielt und unsern Fuß nicht wanken ließ.
ZunzDer unsere Seele beim Leben erhielt, und nicht gab dem Wanken unsern Fuß.
HirschDaß Er es ist, der unserer Seele Stand giebt im Leben, und unsern Fuß dem Wanken nicht überlassen hat.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. השם וגו', daß Er es ist, der uns zu dem unsterblichen Volke unter den Völkern gemacht hat und macht, und der auch, wenn wir einmal den schweren Prüfungen nicht gewachsen waren und zu schwanken begannen, uns doch diesem Schwanken nicht überließ, und uns die Schnellkraft verlieh, uns wieder zur Standhaftigkeit emporzuraffen.

10
כִּֽי־בְחַנְתָּ֥נוּ אֱלֹהִ֑ים צְ֝רַפְתָּ֗נוּ כִּצְרׇף־כָּֽסֶף׃
BernfeldNur geprüft hast du uns, Gott, uns geläutert, wie man Silber läutert.
ZunzDenn geprüft hast du uns, Gott, uns geläutert, wie man Silber läutert;
HirschDenn geprüft hast du uns, Gott, hast uns geläutert wie man Silber läutert,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. כי בחנתנו וגו'. Mit diesem Verse geht das שיר in מזמור über, und, veranlaßt durch den im vorigen V. hervorgehobenen Gedanken der Gott offenbarenden politischen und sittlichen Erhaltung Israels im Galuth, verweilt es nunmehr in diesem Kreise seiner eigenen Beziehungen zu Gott. בחן siehe Ps. 7, 10. Du hast unsere sittliche Kraft auf die Probe gestellt, hast uns Gelegenheit gegeben, das Edle an den Tag zu legen das uns innewohnt, und hast uns durch Leiden von Schlacken geläutert.

11
הֲבֵאתָ֥נוּ בַמְּצוּדָ֑ה שַׂ֖מְתָּ מוּעָקָ֣ה בְמׇתְנֵֽינוּ׃
BernfeldAls du uns in die Schlinge gebracht hast und unsern Lenden Klemmen angelegt.
ZunzDu hast uns gebracht in die Schlinge, hast unseren Lenden Klemmen angelegt.
Hirschhast uns in Zwinger gebracht, hast beengenden Druck an unsere Lenden gegeben,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11. הבאתנו וגו'. Israels politische Stellung in Mitte der Völker war: מצודה. Wie in einer Festung eingeschlossen, waren sie von dem allgemeinen Verkehr zurück, und auf sich allein angewiesen, und dabei den Angriffen von allen Seiten ausgesetzt. מועקה beengenden Druck von עוק, so עקת רשע (Ps. 55, 4), כאשר תעיק העגלה (Amos 2, 13). Durch drückende Beengung war ihnen jede freie Bewegung versagt, der allen andern Menschen zuständige freie Gebrauch ihrer Kräfte verkümmert. Diese Beschränkung in allem sonst gesetzlich Erlaubten, und die völlige Isolirung auf sich selbst, war die härteste Probe, בחינה, die je ein Volksstamm unter den Völkerfamilien des Menschengeschlechtes zu bestehen hatte, so daß nicht das hier und da vorgekommene Verlassen des sittlichen, rechtlichen Pfades zu bewundern ist, sondern es das glänzendste Zeugniß für die dem Judenthum und der Judenheit innewohnende sittliche Kraft ablegt, daß trotzdem sich Israel einen so großen Fonds von Rechtschaffenheit, Menschlichkeit und sittlichem Adel bewahrt, und in seinen isolirten Gemeinschaften ein reges geistiges Streben, ein Familienleben und einen brüderlichen Gemeinsinn entfaltet hat, die sich weit über die außer seinen Ghetti-Zwingern bewährten Volkserscheinungen erheben.

12
הִרְכַּ֥בְתָּֽ אֱנ֗וֹשׁ לְרֹ֫אשֵׁ֥נוּ בָּֽאנוּ־בָאֵ֥שׁ וּבַמַּ֑יִם וַ֝תּוֹצִיאֵ֗נוּ לָרְוָיָֽה׃
BernfeldAls du Menschen über uns zu Zwingherrn einsetztest, als wir in Feuer und Wasser kamen. Du hast uns in die Freiheit geführt.
ZunzDu ließest Menschen reiten auf unserm Haupte, wir sind in Feuer und Wasser gekommen, und hinaus führst du uns zum Ueberfluß.
Hirschhast Menschen-Pöbel über unser Haupt steigen lassen, in Feuer und in Wasser mußten wir eingehen — da führtest du uns hinaus zu reichversorgter Fülle.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. הרכבת וגו'. Gott machte אנוש, den „Menschenpöbel" zu ihren Gewalthabern, Menschen von niedrigster sittlicher Stufe geboten über ihr Geschick, und um der Treue willen, mit der sie an Gott und sein Gesetz festhielten, hatten sie Feuer und WasserTorturen, Feuer- und Wasser-Tode zu bestehen. Das war das צירוף, waren die Läuterungsleiden, mit denen sie den Leichtsinn abbüßten, mit welchem sie im Glücke Gott und sein Gesetz verlassen hatten. War ihr Wandel mit Gott im Glücke nur das קרי, das Zufällige gewesen, das sie leichten Sinnes bei Seite warfen, um sich vermeintliche materielle, sociale und politische Güter zu sichern, so lernten sie jetzt im Unglücke Alles, was einem Menschen, einer Volksgemeinschaft werth und theuer ist, wie werthlos hinwerfen, um sich die Pflichttreue gegen Gott und sein Gesetz zu wahren. Das הבאתנו וגו' שמת וגו' des vorigen Verses ist eine Ausführung des בחנתנו א' (V. 10), הרכבת וגו' באנו וגו' eine Ausführung des צרפתנו וגו'. Und nachdem nun die בחינה und das צירוף das Ihrige gethan: ותוציאנו לרויה. רויה von רוה tränken, scheint wie תלמיה רוה Ps. 65, 11 einen wohlgetränkten Acker zu bedeuten. Durch jene בחינה und צירוף wird der Boden, auf welchem einst das jüdische Gesetz seine volle endliche Verwirklichung finden soll, vorbereitet, und wenn sie diesen Boden hinlänglich getränkt, führt Gott Israel aus der מצודה der Galuth-Jahrhunderte hinaus zum fernern Gedeihen auf dem durch's Galuth hinlänglich vorbereiteten Boden. Wahrscheinlich aber heißt רויה wie כוסי רויה Ps. 23, 5 überhaupt eine reich versorgte Fülle. Nachdem Du durch's Galuth uns „geprüft und geläutert," öffnest du nicht nur unsern „Zwinger," sondern führst uns im Gegensatz zu den Jahrhundert langen Entbehrungen hinaus zu Fülle und Ueberfluß, auf daß wir uns nun wieder in der Freiheit und im Glücke versuchen, nachdem wir die Probe im Unglück hinlänglich bestanden. Daran schließt sich denn V. 13. Hinausgeführt zu Freiheit und Fülle, gebe ich mich nicht dem Genusse derselben hin, sondern אבוא וגו'.

13
אָב֣וֹא בֵיתְךָ֣ בְעוֹל֑וֹת אֲשַׁלֵּ֖ם לְךָ֣ נְדָרָֽי׃
BernfeldIch betrete dein Haus mit Opfern, bezahle dir mein Gelübde;
ZunzIch betrete dein Haus mit Opfern, bezahle dir meine Gelübde,
HirschIch aber betrete mit Emporopfern dein Haus, löse dir meine Gelübde,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13. 14. אבוא וגו'. Im Galuth entbehrte ich sowohl den symbolischen Ausdruck der Thatenweihe im Opferdienst, als auch, ohne Selbstständigkeit und fern von dem Boden des Gesetzes, die Erfüllung desselben im wirklichen Lebensgottesdienst nur eine beschränkte sein konnte. Nicht nur Israel war im Galuth, mit Israel war die תורה im Galuth. Aus dem Galuth-Zwinger entlassen, wendet mein Sinn sich nicht zunächst dem Genuß der mir nun gewordenen Freiheit und Fülle zu, Freiheit und Fülle sollen mir vielmehr Mittel sein zur treuen und nunmehr vollen Erfüllung deines Gesetzes, und haben nur Werth, wenn ich die Pflichttreue, die ich dir in Gelobungsvorsätzen während meiner Prüfungszeit angelobt, nunmehr auch zur vollen Erfüllung bringe. Darum gehe ich zunächst in dein mir wieder geöffnetes Haus mit dem Emporopfer-Ausdruck des unablässigen Hinaufstrebens zur vollen Pflichterfüllung, und will dir dann im Leben die Gelobungsvorsätze lösen, die ich in den Zeiten meiner Noth gelobt. פצו von פצה (obgleich מלעיל, wie בעשן כלו (Ps. 37, 20), תעו מדבר (Jes. 16, 8). Siehe Pent. 1. B. M. 4, 11. אשר פצו שפתי sind außerordentliche, von Bedrängniß eingegebene Gelobungen, wie bei Jephta ואנכי פציתי פי' (Richter 11, 35). ודבר פי בצר לי sind Gelobungsvorsätze, die zu fassen und auszuführen auch sonst zu den Obliegenheiten unserer Bestimmung gehört hätte, die mir aber erst in der Zeit des Galuth recht zum Bewußtsein und zur Beherzigung gekommen sind.

14
אֲשֶׁר־פָּצ֥וּ שְׂפָתָ֑י וְדִבֶּר־פִּ֝֗י בַּצַּר־לִֽי׃
BernfeldWas meine Lippen ausgesprochen und mein Mund geredet hat in meiner Not.
ZunzWas meine Lippen ausgesprochen und mein Mund geredet hat in meiner Roth.
Hirschwas meine Lippen geäußert, und mein Mund gesprochen als mir die Noth war.
15
עֹ֘ל֤וֹת מֵיחִ֣ים אַֽעֲלֶה־לָּ֭ךְ עִם־קְטֹ֣רֶת אֵילִ֑ים אֶ֥עֱשֶֽׂה־בָקָ֖ר עִם־עַתּוּדִ֣ים סֶֽלָה׃
BernfeldFeiste Opfer bring ich dir mit dem Dufte der Widder; ich opfere Rinder und Böcke. Sela.
ZunzFeiste Opfer bring' ich dir mit dem Dufte der Widder, ich opfere Rinder und Böcke. Selah.
HirschEmporopfer von markigen Thieren bring ich dir, nebst Räucherduft von Widdern, vollziehe Rinder nebst Böcken —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15. עלות מיחים וגו'. Die V. 13 allgemein als symbolischer Opferausdruck der Thatenweihe genannten עולות werden nun, nachdem die nunmehr im Leben zu verwirklichenden Vorsätze gedacht worden, aus diesem Gedanken heraus näher bezeichnet. מיחים von מיח, wie מוח: Mark, so חרבות מחים (Jes. 5, 17), und ist der Begriff durch die Vollschrift מיחים noch besonders betont. Nicht nur mit oberflächlicher Aeußerlichkeit, das volle „Mark meiner Knochen" will ich für die Erfüllung meiner zu Gott emporstrebenden Thatgelobungen einsetzen. Daher עולות מיחים: Emporopfer von markigen Thieren. איל drückt die begüterte, durch Besitz und Berechtigung ausgezeichnete Persönlichkeit aus. (Siehe Pent. 1. B. M. S. 266. 3. B. M. S. 143). Es entspricht der mit ותוציאני לרויה eingetretenen Selbstständigkeit und Güterfülle. Aus ihnen soll nicht genießende Selbstsucht hervorgehen, sondern קטרת אילים, in dem auf dem Altarfeuer aufduftenden חלב וכליות der אילים soll selbst Fülle und Genußesstreben, „Nahrung des Göttlichen auf Erden zu Gottes Wohlgefallen" werden, לחם אשה ריח ניחוח לד', wie dies den begrifflichen Inhalt von קטרת bildet. בקר drückt die auf „Gottes Acker wirkende," im Dienste Gottes stehende Persönlichkeit aus, während עתודים, als die größern und ältern Thiere des Ziegengeschlechtes, den Charakter des „Widerstandes" gegen jede Ablenkung von der Nachfolge Gottes, welcher im Opferausdruck עז und שעיר liegt, in noch gesteigertem Maaße vergegenwärtigt. בקר und עתודים-Opfer sprechen daher den Vorsatz aus: sich fortan als „Diener Gottes" mit „unwandelbarer Treue" zu bewähren (Siehe Pent. 3. B. M. S. 10. 4. B. M. S. 102, 417).

16
לְכוּ־שִׁמְע֣וּ וַ֭אֲסַפְּרָה כׇּל־יִרְאֵ֣י אֱלֹהִ֑ים אֲשֶׁ֖ר עָשָׂ֣ה לְנַפְשִֽׁי׃
BernfeldKommet, höret, dass ich erzähle, all ihr Gottesfürchtigen, was er mir getan.
ZunzKommet, höret, daß ich erzähle, all' ihr Gottesfürchtige, was er meiner Seele gethan.
HirschGehet, hört, daß ich erzählen möge, alle Gottesfürchtige, was Er meiner Seele gethan!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 16. לכו וגו'. Dies und das Folgende spricht nun eine Erfahrung, die Israel im Galuth gemacht haben wird, als Vermächtniß für alle Zeit aus.

17
אֵלָ֥יו פִּֽי־קָרָ֑אתִי וְ֝רוֹמַ֗ם תַּ֣חַת לְשׁוֹנִֽי׃
BernfeldZu ihm rief ich mit meinem Munde, und Lobpreis war auf meiner Zunge.
ZunzZu ihm rief ich mit meinem Munde, und Lobpreis war auf meiner Zunge.
HirschZu Ihm hatte ich, hatte mein Mund gerufen, und Erhebung war schon unter meiner Zunge!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 17. אליו וגו'. פי קראתי soviel als אליו קראתי וקרא פי, d. h. ich, mein ganzes Wesen rief zu Gott, wenn mein Mund zu ihm rief, in meinem Wort lag mein ganzes Ich. Aehnlich dem: נשא לבבנו אל כפים אל בשמים (Klag. 3, 41). רומם, ורומם scheint Subst. von רום oder רמם zu sein: Erhebung. Entweder Erhebung Gottes, oder: meine Erhebung. So unmittelbar ward mir Erhörung, daß, wenn ich mit meinem ganzen Wesen zu Gott rief, das nächste Wort nach meinem Aufschrei schon Dankeserhebung war. Oder: daß unmittelbar nach meinem inbrünstigen Rufen zu Gott ich mich schon erhoben fühlte.

18
אָ֭וֶן אִם־רָאִ֣יתִי בְלִבִּ֑י לֹ֖א יִשְׁמַ֣ע ׀ אֲדֹנָֽי׃
BernfeldHätte ich Unrecht vor in meinem Herzen, würde der Herr mich nicht erhören.
ZunzHätt' ich Unrecht vor in meinem Herzen, nicht hörte der Herr.
HirschHätte auf Machtmißbrauch ich in meinem Herzen hingeschaut, mein Herr hätte nicht erhört.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 18. 19. און וגו'. און siehe Pent. 4. B. M. 23, 21. Hätte ich, indem ich zu Gott rief, in diesem Hilferuf nicht mein ganzes Wesen hingegeben, hätte, indem ich zu Gott um Gewährung rief, dabei in meinem Herzen die Absicht gelauert, das mir zu Gewährende, wenn es mir gewährt sein werde, in eigenmächtigem Dünkel zu mißbrauchen, so, wußte ich, würde Gott, der mein Herr sein will, in dessen Dienst ich Alles, was Er mir gewährt, verwenden soll, mich nicht erhören. Allein Gott hat mich erhört, und darin liegt die Bürgschaft, daß לא ראיתי און בלבי.

19
אָ֭כֵן שָׁמַ֣ע אֱלֹהִ֑ים הִ֝קְשִׁ֗יב בְּק֣וֹל תְּפִלָּתִֽי׃
BernfeldAllein gehört hat Gott, gehorcht der Stimme meines Gebetes.
ZunzAllein gehört hat Gott, gehorcht der Stimme meines Gebetes.
HirschJedoch erhört hat Gott, hat hingehorcht auf meines Gebetes Stimme.
20
בָּר֥וּךְ אֱלֹהִ֑ים אֲשֶׁ֥ר לֹֽא־הֵסִ֘יר־תְּפִלָּתִ֥י וְ֝חַסְדּ֗וֹ מֵאִתִּֽי׃ {פ}
BernfeldGepriesen sei Gott, der mein Gebet um seine Gnade nicht wegtat.
ZunzGepriesen sei Gott, der nicht hat weichen lassen mein Gebet und seine Huld von mir.
HirschGesegnet Gott, der mein Gebet und seine Liebe nicht von mir hat weichen lassen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 20. ברוך וגו'. Sei fortan Gott gesegnet, werde sein Wille fortan durch mich gefördert, Er, der in den herbsten Prüfungszeiten mir die Kraft gelassen, mich im Gebete zu Ihm zu erheben und mich seiner unwandelbaren Liebe bewußt sein ließ.