Tehillim 65 תהילים

Buch: Kapitel: Vers:
Übersetzung:
1
לַמְנַצֵּ֥חַ מִזְמ֗וֹר לְדָוִ֥ד שִֽׁיר׃
BernfeldDem Sangmeister, ein Psalm Davids. Ein Lied.
ZunzDem Sangmeister. Psalm von Dawid. Ein Lied.
HirschDem Siegverleiher ein Psalm. Lied von David.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 65, V. 1. למנצח מזמור: Dem ist dieser Gesang geweiht, der über die irdischen Kämpfe geistig zum Siege emporhebt, und die auf den Fittigen des Gesanges David לדוד gewordene Begeisterung gestaltet sich zum schauenden Liede: שיר. שיר ist das Gott in den Gängen der Zeiten schauende Lied, und zwar gehört שיר, masc. in der Regel der endlichen Erlösung in der Zukunft an, während שירה fem. die Gottesthaten in der zu jenem Zeitenziele führenden Gegenwart besingt.

2
לְךָ֤ דֻֽמִיָּ֬ה תְהִלָּ֓ה אֱלֹ֘הִ֥ים בְּצִיּ֑וֹן וּ֝לְךָ֗ יְשֻׁלַּם־נֶֽדֶר׃
BernfeldDich zu preisen harre ich, o Gott, in Zijon, dir das Gelübde zu erfüllen.
ZunzDir gebührt Lobgesang, Gott, in Zijon, und dir werde bezahlt das Gelübde.
HirschGemüthesruhe ist Thatenlob von dir, Gott in Zion, und dir wird Gelübde gelöst!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. לך וגו'. Wenn das Gemüth sich ruhig fühlt, nicht von unbefriedigten Wünschen, nicht von Sorge, Furcht noch Reue gequält wird, so ist dies ein Seelenzustand, der nur in Gott und durch Gott zu gewinnen ist, und der sich dem denkenden Gemüthe als die Erfahrung wirksamster Gottes-Nähe ankündigt. Sie ist eine Gottesthat im Innern des Menschen. אלהים בציון ist eine Umschreibung für den Namen ד': Gott, wie er sich in Zion bezeugt. Diese Bezeichnung steht im Zusammenhang mit dem Inhalte dieses Psalms, der, wie das Folgende lehrt, die Zuversicht in die Zukunft ausspricht, in welcher die Gesammtmenschheit sich zu Gott und seinem in Israel gestifteten Heiligthum hingezogen fühlen wird. Nur in Zion wird Gott als der jedem Menschen-Innern seine Gegenwart bekundende Nahe gelehrt. ולך ישלם נדר ist eine weitere Wirkung der Gottesgegenwart auf das Menschen-Innere. Zu ihm wendet sich das Menschen-Innere mit seinen gelobenden Lebensvorsätzen. Gott vernimmt sie, und dieses Bewußtsein läßt dem Menschen keine Ruhe, bis der Gott gelobte Vorsatz seine Erfüllung gefunden.

3
שֹׁמֵ֥עַ תְּפִלָּ֑ה עָ֝דֶ֗יךָ כׇּל־בָּשָׂ֥ר יָבֹֽאוּ׃
BernfeldHörer des Gebets, zu dir kommen alle Geschöpfe.
ZunzHörer des Gebets, zu dir kommt alles Fleisch.
HirschHörer des Gebetes! Bis zu dir wird einst Alles, was Empfindung hat, kommen:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. שמע וגו'. דומיה und נדר: Seelen-Ruhe und Seelen-Vorsatz, beides zusammen ist das Werk der Arbeit an unserm Innern vor Gott, die der Begriff תפלה, die Gewinnung des Urtheils der Wahrheit über uns selbst, bezeichnet. In תפלה gewinnen wir die Ruhe, und erheben wir uns zu den uns bis dahin fehlenden Lebens-Vorsätzen. Dieses innere Geistes- und Gemüthes-Leben wird nur von Gott vernommen, und diese Thatsache, daß Gott שמע תפלה ist, die jedem Menschengemüthe die innigste Beziehung zu Gott verbrieft, die ist es, die endlich alle Menschen zu Gott führen wird. Nicht nur אליך, auf dem Wege zu Gott hin, sondern עדיך: bis zu Ihm werden sie gelangen. Nachdem sie alles Andere vergebens durchgeprobt, werden sie erkennen, daß nur in Gott, und durch Gott, und bei Gott die Ruhe und Beruhigung, die heitere Lebenszufriedenheit zu finden ist, die sie bis dahin auf andern Wegen vergebens gesucht, und werden sich „bis zu Ihm" durcharbeiten, Ihm ihre Lebensvorsätze zu geloben und zu erfüllen und damit דומיה, die Ruhe und Beruhigung ihrer Seelen zu gewinnen. בשר: Siehe Pent. 1. B. M. 2, 21. Obgleich häufig בשר den Menschen von der Seite seiner Schwäche und Vergänglichkeit bezeichnet, wie מה יעשה בשר לי (Ps. 56, 5), ויזכר כי בשר המה (daf. 78, 39) u. s., so scheint doch in Stellen wie hier, ויברך כל בשר וגו' (daf. 145, 21), וראו כל בשר וגו' (Jes. 40, 5), יבא כל בשר להשתחות (daf. 66, 23), אשפך את רוחי על כל בשר (Joel 3, 1) u. s. בשר das Empfindungsfähige und Empfindende, wie in dem Gegensatz לב בשר zu לב אבן (Ezech. 36, 26) zu bedeuten. So auch die Weisen (Sota 5, a). אין תפלתו של אדם נשמעת אלא א"כ משים לבו כבשר שנא' והיה מדי חדש בחדשו וגו' יבא כל בשר להשתחות וגו' (פרש"י כבשר שהוא רך לא כאבן שהי'א קשה).

4
דִּבְרֵ֣י עֲ֭וֺנֹת גָּ֣בְרוּ מֶ֑נִּי פְּ֝שָׁעֵ֗ינוּ אַתָּ֥ה תְכַפְּרֵֽם׃
BernfeldMissetaten überwältigen mich, aber du wirst unsere Schuld vergeben.
ZunzMissethaten überwältigen mich, unsre Vergehen, du sühne sie!
Hirsch„Sündenerzeugte Dinge haben mich übermannt, sie, die unser gemeinsamer Abfall sind, du wirst sie sühnen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. 5 אשרי וגו', דברי וגו'. דברי sind die Worte der Menschen, die einst ihren Weg zu „Gott in Zion" suchen und finden werden. V. 4 spricht ein Bekenntniß aus, das ein Resultat der ganzen menschengeschichtlichen Entwickelung enthält. Es ist durch die grammatischen Formen und die gewählten Ausdrücke von bemerkenswerther gedankenreichen Kürze. דברי עונת sind nicht die Sünden, sondern die Erzeugnisse der Sünden, die durch — wörtlich ja — „krumme," vom einzigen geraden Wege abweichende Bestrebungen geschaffenen Verhältnisse, Beziehungen und Zustände. Die Mehrheit der דברי עונות im ersten Satze wird zur Einheit, zu Einem פשע im zweiten Satze, und die Einheit des ersten Satzes מני', wird zum Plural des zweiten: פשענו. Jeder Einzelne bekennt: die vielfältigen, durch seine mannigfachen Verirrungen geschaffenen Verhältnisse sind ihm also über den Kopf gewachsen, daß er sich ihrer unheilbringenden Folgen nicht erwehren kann. So verschieden und mannigfaltig aber auch die Versündigungen und deren Folgen nach den Besonderheiten eines Jeden für den Einzelnen sich gestalten, so bilden sie doch zusammen nur Ein פשע, wurzeln nur in dem Einen „Abfall" von dem Einen Einzigen, und dieser Abfall ist nicht nur die Verirrung des Einzelnen, er ist die gemeinsame Schuld Aller, פשענו, in dem sich Alle begegnen, und durch Wort und Beispiel Einer den Andern bestärkt hat. Und dieser Abfall von Gott, der mit seinen unheilvollen Folgen auf jedem Einzelnen und der Gesammtheit lastet und den Einzelnen und die Gesammtheit zu begraben droht, von ihm und seinen Folgen kann nur Einer erlösen, und das ist eben der Eine, dem sie in ihrem Abfall den Gehorsam gekündet hatten, der aber mit der Wundermacht seiner Gnade bereit ist, eine ganze unheilvolle Vergangenheit aufzuheben und wie nichtgeschehen zu „begraben," sobald die Abgefallenen in aufrichtiger Rückkehr sich ihm wieder zuwenden: אתה תכפרם, פשענו, דברי עונות. Der accus. plur. תכפרם bezieht sich auf דברי עונות. Die דברי עונות, die גברו מני', und die פשענו sind, אתה תכפרם. כפר ist ja nur das stärkere גבר, und verwandt mit קבר. Die Sünde mit ihren Folgen ist dem Menschen das Uebermächtigste, das ihn begraben würde, wenn Gott nicht der noch Mächtigere über das Mächtigste wäre, und mit seiner כפרה die Sünde in ihren Folgen begrübe, die ohne diese כפרה den Menschen begraben würde. אשרי וגו'. Ist durch כפרה für eine von aller Vergangenheit ungetrübte Zukunft Raum gewonnen, dann wagt sich der Wunsch nach endlich von Gott zu gewinnendem Heile hervor. Dieser Wunsch blickt auf Israel als diejenigen hin, die Gott schon längst als Vorbild für dieses einstige Gesammtheil „erwählt und sich näher geführt, und ihnen in dem Umkreis seines Gesetzesheiligthums Stätte gewährt hat," und der Wunsch nach dem Gottes-Heil spricht sich in den Worten aus: möge es auch uns gestattet sein, uns von dem Gut zu sättigen, das das Gotteshaus verheißt, und das in seinem היכל, in der Machtstätte seines Tempels die Weihe empfangen. Dieses טוב בית ד' ist nichts Anderes, als die materielle und geistige Wohlfahrt, wie sie durch שולחן und מנורה im היכל als das von der תורה verheißene, aus ihren Händen zu empfangende und ihren Zielen zu weihende טוב vergegenwärtigt ist. Dieses auf Erden durch's irdische Leben zu gewinnende und im irdischen Leben zu genießende טוב wird durch die Bekundung im היכל: קדוש. Ist doch Das das Charakteristische der jüdischen Wahrheit, daß sie nicht nur eine jenseitige, hienieden nur zu ahnende, sondern auch schon eine diesseitige, auf Erden, durch Heiligung des ganzen irdischen Lebens zu gewinnende Glückseligkeit lehrt und verbrieft, und darum ist eben die jüdische Wahrheit diejenige, deren Anerkennung und Verwirklichung die einstige Zukunft der Menschheit auf Erden angehört.

5
אַשְׁרֵ֤י ׀ תִּ֥בְחַ֣ר וּתְקָרֵב֮ יִשְׁכֹּ֢ן חֲצֵ֫רֶ֥יךָ נִ֭שְׂבְּעָה בְּט֣וּב בֵּיתֶ֑ךָ קְ֝דֹ֗שׁ הֵיכָלֶֽךָ׃
BernfeldWohl dem, den du erwählst und herzutreten lässt, dass er in deinen Höfen weile. O, dass wir uns sättigten am Segen deines Hauses, dem Heiligtum deines Tempels
ZunzHeil dem, den du erwählst und herzutreten lässest, daß er bewohne deine Höfe. O daß wir uns sättigten am Segen deines Hauses, dem Heiligthume deines Tempels!
HirschDer ja nur schreitet zum Heil, den du erwählest und dir nahe bringst daß er in deinen Höfen Stätte findet! Wir möchten auch uns sättigen an dem Guten deines Hauses, dem in deiner Machtstätte geheiligten!"
6
נ֤וֹרָא֨וֹת ׀ בְּצֶ֣דֶק תַּ֭עֲנֵנוּ אֱלֹהֵ֣י יִשְׁעֵ֑נוּ מִבְטָ֥ח כׇּל־קַצְוֵי־אֶ֝֗רֶץ וְיָ֣ם רְחֹקִֽים׃
BernfeldWunderbar im Heile erhöre uns, Gott unserer Hilfe, Zuversicht aller Enden der Erde und der fernen Meere.
ZunzDurch Wunderbares erhörst du uns in Gnaden, Gott unseres Heils, Zuversicht aller Enden der Erde und des Meeres, der Fernen.
HirschErnstes erwiederst du uns mit dem Rechte, Gott unseres Heiles, Vertrauen dann aller Erden-Ende und des Meeres der Entfernten!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. נוראות וגו', אלהי ישענו: Schöpfer unseres Heils, spricht David, wenn wir mit solchem, einst von der ganzen Menschheit an dich gerichteten Wunsch hinantreten, dann ist deine Gewährung an eine ernste Bedingung geknüpft. נוראות: mit יראה, mit ernster Scheu aufzunehmende Wahrheiten, Anforderungen, deren Verletzung zu fürchten ist, sind es, die du aus deinem Gesetzesheiligthum auf einen solchen Wunsch entgegnest, und diese Antwort heißt: צדק, die Gestaltung aller menschlichen Verhältnisse nach dem GottesRecht, wie es sein Gesetz für Israel gelehrt. Und dieselbe Antwort, die du als אלקי ישענו giebst, die giebst du auch der Gesammtmenschheit einst, wenn alle Menschen auf Erden in dich ihr Vertrauen setzen und von dir ihr Heil erwarten. Du giebst ihnen dein Heil, wenn sie deinem „Recht" huldigen. כל קצוי ארץ umfaßt wohl den ganzen Continent der alten Welt, ים רחוקים die von ihm durch Oceanenweite entfernten Welttheile der sogenannten neuen Welt. Es ist aber wohl das Ganze der Erde nach ihren Weiten gezeichnet, weil eben hier der Eine Gott, das Eine Recht und der Eine heilige Mittelpunkt für die ganze Menschenerde mit allen ihren durch Klima, Lage und Bodeneigenthümlichkeiten gegebenen Verschiedenheiten gedacht und damit gesagt werden soll, daß ungeachtet aller dieser Verschiedenheiten das ganze Menschengeschlecht nach seiner sittlichen Bestimmung und dem durch deren Erfüllung zu findenden Heile auf Erden eine einzige Einheit bilde, und das von ihm zu verwirklichende „Recht" ebenso für Alle das Eine und dasselbe sei, wie ihrer Aller Gott nur der Einzig Eine ist —

7
מֵכִ֣ין הָרִ֣ים בְּכֹח֑וֹ נֶ֝אְזָ֗ר בִּגְבוּרָֽה׃
BernfeldEr bereitete die Berge durch seine Kraft, er, der umgürtet ist mit Macht.
ZunzEr bereitete die Berge durch seine Kraft, umgürtet mit Stärke.
HirschDer Berge mit seiner Kraft festgründet, ist auch mit Siegesmacht gegürtet,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. מכין וגו'. כח ist die Schöpferkraft, גבורה die überwindende Macht. Daher kommt גבורה von Gott nur von seinem menschengeschichtlichen Walten vor, wo es einen seinem Willen sich entgegenstemmenden Trotz zu brechen gilt, während in dem Reiche der Natur Alles von selbst dem göttlichen Willen gehorcht, daher dort sich seine כח, seine Schöpferkraft offenbart. Nur in Hiob 26, 14 heißt es nach einer Schilderung der in den Erscheinungen der Natur sich offenbarenden Gotteskraft und Weisheit: הן אלה קצות דרכיו וגו' ורעם גבורתיו מי יתבונן, wenn nicht eben dort damit auf die noch nicht erwähnte Größe seines weltgeschichtlichen Waltens hingewiesen wird, von dem dann das ורעם גבורתיו וגו' sagen würde, daß es in einer der menschlichen Einsicht sich vielfach entziehenden erschütternden Hoheit das göttliche Walten in der Natur weit überrage. הכין heißt feststellen, und auch: für einen Zweck bereit machen. Hier kann es beides heißen, indem Gottes Schöpferkraft sich sowohl in der festen Begründung der Berge, als in deren stetem Bereitsein für die von ihnen ausgehende Fruchtentwickelung der Erde sich offenbart.

Vgl. Ps. 104. 10. 13. Hier heißt es nun in Hinblick auf das im vorigen Verse von den Anforderungen Gottes an die Menschen ausgesagte נוראות: Der, der in der Fest- und Bereitstellung der Naturgrößen für seine Zwecke seine Schöpferkraft offenbart, der ist auch allen Menschengrößen gegenüber mit einer ihrem Willen obsiegenden Macht gegürtet. Ihn hat der Ungehorsam der Menschen zu fürchten, Er nimmt den Kampf mit ihm auf. Und ebenso:

8
מַשְׁבִּ֤יחַ ׀ שְׁא֣וֹן יַ֭מִּים שְׁא֥וֹן גַּלֵּיהֶ֗ם וַהֲמ֥וֹן לְאֻמִּֽים׃
BernfeldEr besänftigt das Brausen der Meere, das Brausen ihrer Wellen und das Toben der Völker.
ZunzEr besänftigt das Brausen der Meere, das Brausen ihrer Wellen und das Toben der Völker,
Hirschbeschwichtigt der Meere Toben, das Toben ihrer Wellen, und so auch der Staaten wogende Menge.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. משביח וגו'. Der vorige Vers sprach Gottes allvermögende Kraft und Macht über das Starre in Natur und Geschichte aus, dessen Bild הרים, Berge sind. Hier wird der Gedanke fortgesetzt durch: Hemmen großer Kräfte in Bewegung in Natur und Geschichte, und deren Bild sind Meere und Wellen. Gott beschwichtigt das Toben der Meere, ja das Toben ihrer Wellen, und so auch die wogende Menge der Staaten. שאון גליהם ist eine Steigerung von שאון ימים. Das ganze Meer braust, und einzelne sich emporhebende Theile desselben zeigen eben in dieser Erhebung ein noch heftigeres Brausen. Ein Wink von Gott — und Beide werden ruhig. So auch in der Völkergeschichte. Staaten sind in starker Bewegung, und in ihnen erheben sich einzelne Massen in noch heftigerem Aufruhr; ein Wink von Gott — und Beide schweigen. שבח, sonst loben, preisen, kommt hier und ebenso Ps. 89 vom Beschwichtigen brausender, erhobener Wellen vor, בשוא גליו אתה תשבחם. Es ist schwierig diese beiden Bedeutungen zu vereinigen. Verwandt mit שפע, שבע scheint es einerseits: die Fülle, den Reichthum eines Gegenstandes an Eigenschaften, Kräften, Gütern aussprechen zu bedeuten, andererseits: das Verlangen nach größerer Fülle ec. befriedigen. Das heftig bewegte Meer mit seinen Wellen scheint die ihm gesetzten Schranken durchbrechen und seine Ufer erweitern zu wollen. Gott gebietet dem Sturm, und wie „befriedigt" zieht das Meer ruhig in dem angewiesenen Geleise. So wollen die Völker- und Staatenbewegungen die dem beschränkten menschlichen Kräfte-Maaß gesetzten Gränzen durchbrechen und ein über dies Maaß hinausreichendes Bereich der Macht und Willkühr gewinnen. Gott weiß sie aber ihrer Ohnmacht inne werden zu lassen, bis sie endlich in zufriedener Bescheidenheit sich des innerhalb des ihnen zugewiesenen Gebietes Erreichbaren mit besonnener Befriedigung zu freuen gelernt haben werden. Vgl. Jerem. 6, 21—23. Vielleicht heißt auch משביח hier und תשבחם Ps. 89: machen, daß ein Anderer lobt, preist. שאון ימים, שוא גליו drückt einen Aufruhr aus. שבח: Lob, Preis Dessen gegen den man in Aufruhr sich erhoben, ist aber dagegen der entschiedenste Gegensatz. Und Prov. 29, 11 כל רוחו יוציא כסיל חכם באחור ישבחנה hieße: seinen ganzen Geist giebt der Thor hinaus, der Weise aber macht ihn durch Zurückhaltung erst preiswürdig, verbessert ihn dadurch. Aehnlich wie rabbinisch השביח für: Verbessern gebraucht wird. Das ו' von והמון steht wie häufig als Ausdruck der Vergleichung: und so auch, oder: wie, z. B. מים קרים על נפש עיפה ושמועה טובה מארץ מרחק (Prov. 25, 25), הלא אזן מלים תבחן וחיך אוכל יטעם למו (Hiob 12, 11) u. s. המון, von המה, das eine unruhige, geräuschvolle Bewegung ausdrückt, bedeutet gewöhnlich eine unruhig bewegte Menge, aber auch eine solche Bewegung, so: המון מעיך (Jes. 60,5), המון שיריך (Ezech. 26, 13). Hier heißt es entweder: die Menge, und das שאון ist auch zu המון zu supliren: Gott beschwichtigt das Toben des Meeres und so auch das Toben der Staatenmenge. Oder es ist das Abstraktum: das Lärmen, der Aufruhr, und bedeutet für לאומים das, was שאון für ימים.

9
וַיִּ֤ירְא֨וּ ׀ יֹשְׁבֵ֣י קְ֭צָוֺת מֵאוֹתֹתֶ֑יךָ מ֤וֹצָֽאֵי־בֹ֖קֶר וָעֶ֣רֶב תַּרְנִֽין׃
BernfeldEs erzittern die Bewohner der fernen Weltteile vor deinen Zeichen; Ost und West machst du jubeln.
ZunzDaß erzittern die Bewohner der Grenzen vor deinen Zeichen; des Morgens Aufgang, und den Abend machst du jubeln.
HirschHaben aber erst der Erden Wohner vor deinen Wahrzeichen fürchten gelernt, machst du des Morgens und des Abends Aufgänge heiter.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. וייראו וגו'. Bevor daher die V. 4. 5. ausgesprochene Völkerbitte um כפרה und טוב בית ד' in Erfüllung gehen kann, müssen die Völker erst, und zwar bis an's Ende der Erde hin, entsprechend dem נוראות וגו' V. 6 erst aus den durch Israel, sein Gesetz, sein Geschick und ihre eigene Geschichtserfahrung ihnen gewordenen Wahrzeichen Gottes „sich vor Gott fürchten" gelernt haben, dann läßt Gott ihnen in Ost und West den auf Erden wohl zu gewinnenden heitern Lebensfrohsinn zu Theil werden. So לב אלמנה ארנין (Hiob 29, 13), הרנינו גוים עמו (5. B. M. 32, 43).

10
פָּ֤קַֽדְתָּ־הָאָ֨רֶץ וַתְּשֹׁ֪קְקֶ֡הָ רַבַּ֬ת תַּעְשְׁרֶ֗נָּה פֶּ֣לֶג אֱ֭לֹהִים מָ֣לֵא מָ֑יִם תָּכִ֥ין דְּ֝גָנָ֗ם כִּי־כֵ֥ן תְּכִינֶֽהָ׃
BernfeldDu hast der Erde gedacht und sie bewässert, sie sehr bereichert. Der Bach Gottes ist voll Wassers, du bereitest ihnen Korn, denn so hast du sie bereitet.
ZunzDu hast der Erde gedacht und sie bewässert, sie in Fülle bereichert. Der Bach Gottes ist voll Wassers; du bereitest ihnen Korn, da du also sie zubereitest.
HirschBedacht hast du die Erde da du sie schmachten ließest, mit größter Fülle bleibst du ihr reich, Gottes Born ist immer wasservoll; ihr Korn bereitest du vor wenn du sie so bereitest.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10—14. führt nun die durch von יראה getragene allgemeine Rückkehr zu Gott auf Erden einst zu gewinnende Heilesgestaltung in Schilderung Einer Seite derselben, des Aufblühens der Natur um den Gott wieder gegebenen Menschen, weiter aus. פקדת wie וד' פקד את שרה (1. B. M. 21, 1). ותשוקקיה von שוק (siehe Pent. 1. B. M. 3, 16). שוקק: schmachten, ונפשו שוקקה (Jes. 29, 8), hier aktiv: schmachten lassen. רבת mit fehlendem נסמך: reich an Allem (siehe Ps. 120, 6 u. f.). So ושכורת ולא מיין (Jes. 51, 21), von Allem trunken, nur nicht von Wein. תעשרנה als Hifil müßte es תעשירנה heißen. Es ist daher vielleicht קל und das Suffix ist nicht Accusativ, sondern Dativ. Du bist ihr in vollem Maaße reich. Es kommt jedoch diese Form noch einmal in Hifil-Bedeutung vor. יעשרנו המלך עשר גדול (Sam. I. 17, 25). Das Suffix in דגנם bezieht sich auf ישבי קצוות und מועאי בקר ויצרב des vorigen V. תכינה auf פקדת הארץ u. s. w.: es war eine liebevolle Fürsorge von dir, als du die Erde schmachten ließest; nicht aus Ohnmacht versagtest du ihr die nöthige Tränkung, in vollem Maaße bliebst du ihr reich, oder wolltest du sie reich machen, ist doch Gottes Born immer wasservoll. Allein ihr, — der Menschen — Getreide bereitest du vor, wenn du sie, die Erde — also bereitest. Wäre das Gedeihen und Blühen der Erde Selbstzweck, Gott ließe nie Dürre und Mißwachs kommen und in ewiger Blüthe prangte die Erde. Allein die Fruchtentwickelung der Erde steht im Dienst der sittlichen Erziehung des Menschengeschlechts. דגנם: „Menschen-Nährfrucht" soll sie tragen, für diesen Zweck wird sie eben durch zeitweiliges Versagen des Gedeihens und Blühens vorbereitet, damit die Menschen erst „Gott fürchten" lernen, und sich durch Gottesfurcht des Gedeihens würdig machen.

11
תְּלָמֶ֣יהָ רַ֭וֵּה נַחֵ֣ת גְּדוּדֶ֑הָ בִּרְבִיבִ֥ים תְּ֝מֹגְגֶ֗נָּה צִמְחָ֥הּ תְּבָרֵֽךְ׃
BernfeldTränke ihre Furchen, senke ihre Schollen, erweiche sie mit Güssen und segne ihr Gewächs.
ZunzIhre Furchen tränke, senke ihre Schollen, mit Güssen erweiche sie, ihr Gewächs segne.
HirschTränke nun ihre Furchen, senke ihre Haufen, mit Regengüssen erweiche sie, segne ihren Wuchs!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11. תלמיה וגו'. Es ist nicht ganz sicher was גדודיה heißt. גדד heißt einschneiden und גדוד kommt als: getheilter Haufe vor. Da נחת senken heißt, so muß גדודיה etwas Aufgeworfenes bedeuten, vielleicht: die durch's Pflügen entstandenen Aufwürfe.

12
עִ֭טַּרְתָּ שְׁנַ֣ת טוֹבָתֶ֑ךָ וּ֝מַעְגָּלֶ֗יךָ יִרְעֲפ֥וּן דָּֽשֶׁן׃
BernfeldGekrönt hast du das segensreiche Jahr und deine Spuren sind triefend Fett.
ZunzGekrönt hast du das Jahr deiner Güte, und deine Spuren triefen von Fett.
HirschDann hast du gekrönt deiner Güte Jahr, und deine Kreise triefen von Fülle,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. עטרת וגו'. In diesem Zusammenhange heißt שנה nicht eine auf ein Kalenderjahr beschränkte Zeit, sondern eine anbrechende neue Zeit, in gutem oder trüben Sinn. So: שנת שלומים לריב ציון (Jes. 34, 8), שנת רצון (das. 61, 2), שנת גאולי (das. 63, 4), שנת פקודתם (Jerem. 11, 23). מעגליך: die um dich sich bildenden Kreise, die Menschenkreise, deren Mittelpunkt du bist.

13
יִ֭רְעֲפוּ נְא֣וֹת מִדְבָּ֑ר וְ֝גִ֗יל גְּבָע֥וֹת תַּחְגֹּֽרְנָה׃
BernfeldEs triefen die Auen der Wüste und mit Jubel umgürten sich die Hügel.
ZunzEs triefen die Auen der Wüste, und mit Jubel umgürten sich die Hügel.
Hirschtriefen der Wüste Auen, und mit Jubel gürten sich Hügel.
14
לָבְשׁ֬וּ כָרִ֨ים ׀ הַצֹּ֗אן וַעֲמָקִ֥ים יַֽעַטְפוּ־בָ֑ר יִ֝תְרוֹעֲע֗וּ אַף־יָשִֽׁירוּ׃ {פ}
BernfeldEs kleiden sich die Fluren mit Schafen, und die Täler hüllen sich in Getreide. Man jauchzt und singt.
ZunzEs kleiden sich die Fluren mit Schafen, und die Thäler hüllen sich in Getraide. Man jauchzet und singt.
HirschFluren bekleiden sich mit Schaafen, und Thäler umhüllen sich mit Korn, mit Gotteshuldigung durchdringen sie sich, ja, singen Gott schauende Lieder —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14. לבשו וגו'. כר wie Jes. 30, ירעה מקנך וגו' כר נרחב, ein Weideplatz. יתרועעו אף ישירו: die ganze Welt durchdringt sich dann mit dem Ernst der Gotteshuldigung, und ihre Gefühle gestalten sich zu Gott schauenden Liedern. Oder התרועע, als Ausdruck lauter Freude, wie oben Ps. 60, 10 genommen: Alle jubeln, und dieser Jubel bleibt nicht nur ein unbestimmtes Gefühl, sondern er ergießt sich auch gedankenvoll in Gott schauenden Liedern —