Tehillim 60 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 60, V. 1. על שושן עדות. Wir haben schon zu K. 45, 1 darauf hingewiesen, wie die Ueberschrift על שושנים und אל שושנים K. 69 und K. 80 sich findet, und beide Kap. Israel in dem Zustand der ernstesten Leidensprüfungen zum Gegenstand haben, weßhalb das Gottesvolk im Bilde von dornbekleideten Rosen angeschaut wird, die jedem kecken Angriff doch den Dornschutz der göttlichen Waltung entgegen halten. Im Hohelied wird Israel eine Rose unter Dornen שושנה בין החוחים, genannt (Hohel. 2, 2), und bemerkt dazu ein Wort der Weisen: steht eine Rose von Dornen umgeben, so wird sie, von welcher Seite auch der Wind komme, verwundet und kann sich vor Verletzung nur schützen, wenn es ihr gelingt, sich gerade aufrecht zu erhalten. So ist Israel in Mitten der Galuthleiden. Von welcher Richtung her auch die Zeitereignisse sich gestalten, Israel hat bei Allen und von Allen zu leiden, und kann sich nur in standhafter Aufrichtung zu Gott in der Höhe erhalten. So auch Hoschea 14, 6: אהיה כטל לישראל יפרח כשושנה: Gott ist immer bereit, Israel den Thau der Belebung zu senden. Möge es nur, wie die Rose ihren Kelch, so sein Herz der Aufnahme des göttlichen Thau's öffnen und zuwenden. Auch unser Kapitel blickt auf den verlassenen, preisgegebenen Zustand Israels in der ganzen vordavidischen Zeit zurück, so wie auf die von Zeit zu Zeit hervorgetretenen Gottes-Rettungen die als hohes Wahrzeichen dastehen, daß für Israel nur in der Aufrichtung zu Gott und in dem Emporschwung zur ganzen Höhe seiner Aufgabe die Bedingung seiner Erhaltung liege, und läßt das gottfrohe Vorgefühl zum Ausdruck gelangen, daß denn doch mit David's von Gottes Beistand begleitetem Auftreten nach Außen für Israel die Zeiten der Niederlagen zu Ende gehen, und es fortan Achtung gebietend, gleichsam „dornengeschützt" in Mitte der Völker dastehen werde. Ein Erfolg, dessen dauernder Bestand namentlich durch die Eroberung der beiden Aram's zu erwarten war. Es ist daher wohl anzunehmen, daß auch in unserer Ueberschrift שושן Israel als die Dorn-Rose bezeichne, und heißt es שושן עדות, da es eine Rose ist, die nicht im irdischen Boden wurzelt, sondern nur in Gottes Gesetzeszeugniß den Boden ihres Bestandes, ihrer Erhaltung und Blüthe zu finden hat. Wir wagen auch darauf hinzuweisen, wie Salomo (Kön. I. 7, 15—22) die zwei vor dem Eingang zum היכל aufgestellten Säulen, deren rechte er יכין und die linke בועז nannte, und die wahrscheinlich Israel's Ideal nach den beiden Seiten der ewig fortschreitend begründenden und gestaltenden Thätigkeit (יכין), und der innen bewährten Festigkeit (בועז), vergegenwärtigen sollten, mit „Rosen-Form" krönte, וכתרות אשר על ראש העמדים מעשה שושן באולם, so, daß es nicht fern liegt zu sagen: am Eingang zum Gesetzesheiligthum stand Israel als שושן עדות aufrecht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. ארם נהרים und ארם צובה ist das später unter dem Namen סוריא bekannte Gebiet, das durch David erobert und mit dem jüdischen Lande dauernd verbunden wurde. Es ist dies die einzige Eroberung, die Israel außer dem verheißenen Lande machte, und auch diese erhielt nicht die volle Gesetzesheiligkeit des Landes, קדושת הארץ, weil sie unternommen wurde, bevor noch das eigentliche verheißene Land in vollem Umfang in Besitz genommen war, und ward als כבוש יחיד, gleichsam als individuell davidische, nicht nationale Eroberung charakterisirt. Während David gegen die beiden Aram zu Felde lag und heftigen Widerstand fand, war Joab von einem siegreichen Zuge gegen Edom zurückgekehrt, und aus diesem günstigen Erfolge schöpfte David (V. 11.) auch Zuversicht auf einen glücklichen Ausgang seiner Unternehmung gegen Aram. Wir wissen aus Sam. II. 8, daß die Züge gegen diese Völker zu den ersten gehörten, welche David bald nachdem er König geworden war, unternahm. Ihr Zweck war vor Allem, Israel's Nachbarvölkern, deren Angriffen und Plünderungen es Jahrhunderte lang wehrlos ausgesetzt war, endlich Respekt einzuflößen und ihm Sicherheit und Ruhe zu verschaffen. Ein Zweck, der auch durch den glücklichen Erfolg dieser kriegerischen Unternehmungen erreicht wurde. Dieser Psalm steht aber erst am Anfang derselben, und steht daher die Schilderung der trüben Zustände im Vordergrund, auf deren Beseitigung David's hoffender Blick bei diesen Unternehmungen gerichtet war.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. אלק' וגו'. זנח — verwandt mit זנה und שנא — ist zunächst das Aufgeben eines bisherigen freundlichen Verhältnisses, Verlassen aus veränderter Gesinnung. זנחתנו פרצתנו: Du hattest uns dein Wohlwollen entzogen, und damit uns Wehr und Schutz genommen. Dein Wohlwollen war unser einziger Wall und unsere Mauer. Mit dem Entziehen deines Wohlwollens פרצתנו: war unsere Schutzwehr durchbrochen, und statt von Mauern waren wir von פרצות umgeben. Von allen Seiten brachen die Nachbarvölker ein. אנפת: אנף: ist mehr die äußere Erscheinung des Zürnens (siehe 1.B.M.S.610) du zeigtest uns deinen Unwillen, weil du uns zurückführen wolltest, eigentlich: Rückkehr nahe legen wolltest, daher nicht ותשובב אותנו, was eine direkte Einwirkung wäre, sondern: לנו, die äußern, bittern Erfahrungen sollten uns תשובה, Rückkehr zur Pflichttreue gegen Gott als den einzigen Weg zu Rettung und Heil wiederholt erkennen und endlich betreten lassen. In שובב liegt die wiederholte Richtung zum Bessern, während השיב nur eine einmalige wäre (Vgl. K. 23, 3).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. הרעשתה וגו'. Indem wir Gottes Gesetz verlassen hatten, hatten wir die einzige Basis eingebüßt, auf der wir Ruhe und Einheit gefunden hätten. So wurden äußere Erschütterungen und innere Spaltungen unser Loos. Während der ganzen Zeit der Richter erscheint selten eine nationale Einheit, איש כל אשר ישר בעיניו יעשה ist der stete geschichtliche Refrain. פצם kommt nicht wieder vor. וקרע לו חלוני (Jerem. 12, 14) übersetzt תרגום: ופצים ליה חרכים, demgemäß wäre פצם gleichbedeutend mit קרע, zerreißen, spalten. רפה וגו'. So auch ארפה משובתיכם (Jerem. 3, 22). Der Begriff: Heilen רפא wird mehrmal durch רפה ausgedrückt, ימחץ וידיו תרפינה (Hiob 5, 18), וירפו את שבר בת עמי. (Jerem. 8, 11), וירפו המים (Kön. II. 2, 23). Hier ist die geschriebene Form von רפה, die gelesene von רפא. Pent. 1. B. M. 48, 1 haben wir den Zusammenhang des Begriffs Heilen mit: Lösen angedeutet. Wenn vielleicht die Heilung von Brüchen und Wunden eine Erweichung und Lösung der Bruch- und Schnitt-Flächen bedingt, damit das Getrennte sich wieder organisch vereinige, so dürfte es sich erklären, warum in den Stellen וירפו את שבר וגו' ימחץ וגו', die ל"ה-Form gebraucht ist. Und wenn hier von Heilung der nationalen Zerklüftung die Rede ist, so dürfte ebenso, wenigstens in der geschriebenen Form, der Begriff רפה hervortreten, da vor Allem in einer zerissenen Volks-Einheit die Schroffheit der nationalen Bruchtheile gemildert sein muß, wenn eine Heilung erfolgen soll.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. הראית וגו' faßt das Leidensgeschick der vordavidischen Zeit in Einen Gedanken zusammen: du hast uns Hartes erleben lassen, und die Geschicke waren ganz geeignet uns zu betäuben, d. h. uns aller geistigen Selbstständigkeit und aller Kraft zum Wiederaufraffen zu berauben. תרעלה, רעל wie ערל, siehe Pent. 1. B. M. 17, 11. Es heißt nicht יין תרעלה, sondern יין תרעלה. Es ist daher wohl dahin zu verstehen: השקיתנו תרעלה יין, d. h. du hast uns mit Betäubung getränkt, wie mit Wein, oder statt des Weines, wo wir Ermuthigung und Belebung schöpfen sollten, fanden wir nur Betäubung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. נתתה וגו'. קשט kommt nur hier und Prov. 22, 21 להודיעך קשט אמרי אמת vor. Chald. ist קשט das hebr. אמת. חסד ואמת 1. B. M. 47, 29 übersetzt ת"א. והנה אמת נכון הדבר, טיבו וקשוט 5. B. M. 13, 14. והא קושטא וגו'. Gleichwohl weist die Zusammenstellung קשט אמרי אמת darauf hin, daß hebräisch dem Ausdruck קשט ein von dem allgemeinen Begriff אמת unterscheidendes Merkmal innewohnen müsse. Rabbinisch ist קשט auch: schmücken. So ב"ר zu 1. B. M. 2, 22. ויבן וגו': קשטה ככלה, Baba Bathra 60, b.: קשוט עצמך ואח"כ קשוט אחרים. Damit ist ja auch offenbar תכשיט, כשט Kleinod, Schmuck verwandt. Zugleich tritt bemerkenswerth die Verwandtschaft mit קשת, Bogen, hervor, und chald. heißt קשט selbst auch Pfeilschießen. So ת"י zu ירה יירה, 2. B. M. 19, 13. ג'ר' דאשא יתקשטון ביה. Wir glauben daher, daß קשט hebr. nicht sowohl die logische Wahrheit, als vielmehr die sittliche Wahrheit bedeute, d. h. das Richten der ganzen Persönlichkeit auf die angewiesenen sittlichen Ziele. Es ist der sittliche Schmuck, das sittliche Bereitstellen und Entsprechendmachen des ganzen Menschen für seine Bestimmung, und begegnen sich hierin die Bedeutungen Bogen, als die Vorkehrung zum Werfen des Pfeiles auf das Ziel, und Schmücken, als die entsprechende Gestaltung des Aeußern für die geziemende Erscheinung. משלי' lehrt nicht nur אמרי אמת, sondern קשט אמרי אמת welche Anforderungen für die sittliche Charakterbildung sich aus den Lehren der Wahrheit ergeben. מפני bezeichnet überall den Einfluß und die Wirkung, die die Gegenwart oder Vergegenwärtigung einer Größe, Macht 2c., auf Zustand, Veränderung, Thätigkeit 2c. eines Menschen oder Gegenstandes übt. Hier heißt es nun, nachdem in den vorangehenden drei Versen die trüben Erfahrungen der vordavidischen Zeiten geschildert worden: in dieser trüben Vergangenheit hast du aber immer von Zeit zu Zeit Denen, die dich fürchten gelernt hatten, — durch Männer, die du deinem Volke als rettende „Richter" geweckt — ein hohes Wahrzeichen aufgesteckt, auf daß wir uns zur Höhe dieses Wahrzeichens emporheben mögen, geweckt durch die Größe und Macht der durch dieses Wahrzeichen vergegenwärtigten Anforderung an unsern sittlichen Charakter und Wandel. Wenn, so oft durch den Einfluß gottgeweckter Männer das Volk wieder zur Pflicht gegen Gott und sein Gesetz zurückkehrte, auch politische Rettung seinen Feinden ringsum gegenüber errungen wurde, mit Erschlaffung der Pflichtgesinnung und des Pflichtlebens aber auch die politische Knechtung zurückkehrte, so war ja eine jede solche Erfahrung ein נס להתנוסם, eine zum Aufschwung zu seiner Höhe aufforderndes Wahrzeichen, welches קשט: die Ziel entsprechende Gestaltung des ganzen innern und äußern Lebens als das einzige Mittel zu dauernder Gewinnung politischer Freiheit und Selbstständigkeit vergegenwärtigte. Ja, es ist nicht unmöglich, daß להתנוסם: sich als Wahrzeichen zu erheben heiße, und gesagt sei: du gabst Denen, die dich fürchten, durch die von Zeit zu Zeit erlebten Rettungen ein Wahrzeichen, daß jeder von ihnen sich zum Wahrzeichen, d. h. zum einflußreichen Vorbild in seinem Kreise erheben möge, bewogen von der Macht der in's Bewußtsein getretenen sittlichen Anforderung der Lebenswahrheit. In ähnlichem Sinne steht מתנוססות Secharja (9, 16).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. למען וגו'. Darum, da du selbst in Mitten der trübsten Zeiten immer wieder und wieder die Möglichkeit des Anbruchs eines dauernd bessern Zustandes zum Bewußtsein gebracht hast, möge nun der Anbruch dieser bessern Zeit gekommen sein, mögen Die, die du deines Wohlwollens würdigst — ידיד ist nicht der liebende, sondern der Geliebte, der Freundschaft-Gewürdigte — mögen sie von dem Druck der Zeiten frei werden, vielleicht, wenn die letzte Auffassung des להתנוסם im vorigen V. die richtigere ist, mögen Die, die sich durch solchen sittlichen Aufschwung deines Wohlwollens würdig zeigen, zum ungehemmten Entwickeln ihres Einflusses gelangen — siehe חלץ Ps. 6, 5. — הושיעה ימינך ist ungewöhnlich. Wenn man nicht ב suppliren will: הושיעה בימינך, so dürfte vielleicht, ebenso wie הבין in der Regel: verstehen, jedoch mitunter auch: verstehen lassen bedeutet (— siehe Ps. 55, 10 —) auch הושיע hier: helfen lassen ausdrücken. Du hast bis jetzt uns deine „Linke" fühlen lassen, lasse jetzt für uns die Waltung deiner — heilverleihenden — „Rechten" eintreten (Siehe Pent. 2. B. M. 15, 6). Vielleicht liegt aber dieser Ausdrucksweise die Anschauung zu Grunde, welche die Weisen zu עמו אנכי בצרה (Ps. 91, 15), בכל צרתם לו צר (Jes. 63, 9), אשר פדית לך ממצרים גוים ואלקיו (Sam. II. 7, 22) andeuten, daß, indem nur durch Israel's Erlösung die Herrlichkeit der göttlichen Heileswaltung in vollem, ungeschmälertem Lichte erscheint, das göttliche Wort keinen Anstand nimmt, Israels Leid und Erlösung auch auf die göttliche Herrlichkeit zu beziehen: שכינה משועבדת עמהם (Mechilta zu 2.B.M.12,41), אראהו בישועתי (Ps. 91, 16), (מדרש שוחר טוב) זה אחד מן המקראות הקשין שישועתן של ישראל היא ישועתו של הקב"ה. Siehe Thaanith 16, a. Demgemäß hieße es: Lasse nunmehr deine Rechte in vollem Heile sich zeigen. כתיב: ועני' ועננו, David begreift sich hier als Vertreter der Gesammtheit, und aus diesem Gesammtgefühle heraus, hofft er auf Erhörung. Ps. 108, 7—14 ist eine Wiederholung dieses und der folgenden Verse. Nur fehlt dort in unserm Verse dieses כתיב: ועני', und dürfte darin das Unterscheidende dieser beiden Psalmen liegen. Der Anfang des dortigen Psalms ist ebenso eine Wiederholung von Ps. 57, 8—12 mit einigen Abweichungen, die eben dort zu erwägen sein werden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. 9. אלהים וגו'. Gott hat bereits durch den soeben über Edom verliehenen Sieg es ausgesprochen, daß mit mir für uns eine heiterere Zeit eintreten soll. אחלקה שכם u. s. w. ist wohl nur im Gegensatz zu dem bisherigen Vorhaben der Feinde zu verstehen. Bisher haben die Feinde gleichsam über das jüdische Land disponirt. Das soll nach Gottes Wille jetzt aufhören. Nicht sie, ich soll darüber verfügen. Mit שכם und סכות, גלעד, מנשה, אפרים, יהודה ist das ganze jüdische Land skizzirt. מחוקקי, wie במחוקק במשענתם 4. B. M. 21, 18. Von Juda geht meine Verkündung und Wahrung der Gesetze aus.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. מואב וגו'. Das von Moab und Edom Gesagte drückt deren vollständige Botmäßigkeit aus. עלי: über mich, wie ich jetzt durch Gottes Beistand siegreich dastehe. התרועע' vgl. יתרועעו אף ישירו. Ps. 65, 14, wo auch התרועע Ausdruck einer lauten erregten Freude ist, und mit על bezeichnet es das durch die Erhebung über den Andern lautwerdende Freudegefühl. Zusammen sprechen die V. 8—10 die durch den Sieg über Edom geweckte Zuversicht in den fernern Beistand Gottes aus, der nunmehr unter David das ganze jüdische Gebiet selbstständig frei, Nachbarvölker wie Moab und Edom unterwürfig machen und den gefürchteten Nachbarn, den Philistern, in Ruhe haltende Achtung gebieten werde. Die beiden Aram, deren Eroberung David eben vorhatte, fehlen V. 10 in der Bezeichnung der Nachbarvölker, eben weil David deren völlige Einverleibung in das jüdische Gebiet beabsichtigte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11—14. מי וגו' ist gleichsam ein Einwurf, eine Gegenrede gegen die von David bereits so zuversichtlich geäußerte Siegesgewißheit. Das aramäische Gebiet war ja noch erst belagert. Die Antwort aber lautet: מי נחני עד אדום. Eben in diesem gegen Edom errungenen Erfolg sieht David die Wiederkehr des göttlichen Beistandes für seine Waffenunternehmungen und darin die Bürgschaft für die Zukunft.