Tehillim 61 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 61, V. 1. Das vorige Kap. zeigt uns, wie David sich mit seiner kriegerischen Thätigkeit im Dienste seines Volkes begriff, in diesem aber spricht er sich über seine Gesangeswirksamkeit aus, die weit hinaus über seine Bedeutung als Heldenkönig reicht. Das Land, das er mit seiner Tapferkeit für die Geschicke seines Volkes sicher stellte, ist längst den Händen seiner Feinde wieder verfallen, und das Volk selbst von der Heimath weg über die Erde hin zerstreut. Was er aber, von der Macht der Töne gehoben, begeisterungsvoll für Geist und Herz seines Volkes gesungen, darin lebt er noch unsterblich fort, und übt seine geistige Herrschaft in allen Geschlechtern weiter. Diese seine Gesangeswirksamkeit bezeichnet er in der Ueberschrift mit נגינה. Wir haben bereits wiederholt bemerkt, wie der סמיכות ohne נסמך eben die allgemeinste unbeschränkte Beziehung ausdrückt, und נגינה bezeichnet Gesangestöne aus allen und für alle Stimmungen der mannigfaltigen innern und äußern Lebenslagen. Der Gedanke bildet aber den Kerninhalt dieses Kap. Nur in einem so wechselvollen Leben konnte David den Reichthum an Gottes-Erkenntnissen und innern Gemüths-Erfahrungen sammeln, der ihn zum Gottessänger für alle Zeiten befähigte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. שמעה וגו'. רנתי: eigentlich den Klang meines Innern. תפלתי': wie ich mich beurtheile.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. מקצה וגו'. Wenn ich die Gemeinsamkeit mit meinem Volke verloren, und wie aus der Verbannung von des Landes Gränze her zu dir rufe, indem mein Geist kraftlos sich verhüllt — wenn ich so unter äußerm Leid und innerer Schwäche dulde — so hat das immer den Zweck, mich zu einer Höhe empor zu leiten, die ich, mir selbst überlassen und ohne solche Leidensführungen, nie zu erklimmen vermocht haben würde. עטף: Bei lebendiger Geistesfrische steht der Leib unter Herrschaft des Geistes und dieser „sprüht aus den Augen," tritt sichtbar in die Aeußerlichkeit hervor. Ist aber der Geist niedergeschlagen und schwach, so tritt er innerlich, gleichsam hinter die Körperlichkeit zurück, diese verhüllt ihn und läßt ihn nicht erkennbar werden. Daher hebr. der Ausdruck für Schwachwerden des Geistes: עטף.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. 5. כי וגו' אגורה וגו'. In solchen Leidens- und Schwäche-Zuständen lerne ich Gott als Quelle der Zuversicht und der geistigen Widerstandskraft gegen alle Feindschaft von Menschen kennen, und dies befähigt mich zu einem Wirken, durch welches ich באהלך: in Gottes Heiligthumszelt auf Erden, sowie: in jeder irdischen, Gott zugewandten Hütte alle Zeiten hindurch unsterblich zu bleiben hoffen darf, selbst wenn ich leiblich schon dahin gegangen und verborgen unter Gottes Fittigen ruhen werde (Vgl. hierüber und das Folgende die letzten Worte Davids. Sam. II. 23, 5).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. כי אתה וגו'. Diese geistige Wirksamkeit war mein Lebensgelübde, und Gott hat diesem Gelübde zustimmendes Gehör zugewendet, und hat diesem Gelübde gewährt die geistige Erbschaft, die schon hieniedige Unsterblichkeit, die allen Denen gewiß ist, welche den „Namen Gottes," die Gottes-Erkenntniß im Herzen tragen, und durch ein gottesfürchtiges Leben zu bethätigen streben (Vgl. das zu Ps. 37, 11. 18. 22. 34. Bemerkte).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. ימים וגו'. ימי מלך: meine Königstage, d. i. die Tage meines Wirkens als König sind begränzt, sie gehen mit meinen irdischen Lebenstagen zu Ende. Allein durch die meinem geistigen Lebensgelübde gewährte Erhörung hast du mir über meine Königstage hinausreichende Tage verheißen und meine Jahre mit dem Ablauf aller Menschengeschlechtsreihen verwebt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. ישב וגו'. Und eben, weil ich über mein leibliches Hiersein hinaus vor Gott gleichsam „auf dem Thron," in geistiger Herrschaft bleiben soll, darum darf ich kein von ungestörtem Glück getragenes Leben leben, muß ich מדת הדין wie מדת הרחמים, muß ich אמת wie חסד kennen lernen — nur die in einem wechselvollen Leben zu schöpfenden innerlichen Erfahrungen befähigen mich zu jenem, für alle Zeiten bedeutsamen geistigen Wirken, — darum bestelle nicht nur חסד, sondern auch אמת zu Wächtern und Pflegern meiner geistigen sittlichen Entwickelung; ich begrüße die Leiden wie die Freuden als meine erziehenden und belehrenden Pflegerinnen. מן Imperativ Piel von מנה. מנה. zuzählendes Bestimmen. ולילות עמל מנו לי (Hiob 7, 3), מנה את מאכלכם (Daniel 1, 1) Auch: Jemanden zu einer Leistung an einen Andern bestellen. וימן ד' דג גדול לבלע יונה (Jona 2, 1). So auch hier. נצר siehe Pent. 5. B. M. 32, 10.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. כן וגו'. So: in dieser Fülle der von mir erfahrenen Doppelseite der göttlichen Waltung, חסד und אמת. לשלמי נדרי יום יום, so löse ich meine Lebensgelübde (V. 6) jeden Tag, die Erfahrung jeden Tages, des freud- und leidvollen, in aller Mannigfaltigkeit des Wechsels gestaltet sich mir zum Gott besingenden Liede, mit dem ich einen Beitrag zur Lösung meines Lebensvorsatzes füge —