Tehillim 59 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 59, V. 1. למנצח וגו', siehe K. 58, 1. Wie die vorhergehenden, stammt auch dieses Kap. aus der frühesten Leidenszeit Davids, und zwar, wie die Ueberschrift zeigt, aus dem Moment, in welchem Saul in seinem von Eifersucht umdüsterten Geist zuerst mit eigener Hand hatte David tödten wollen, und, da David dem tödtlichen Speerwurf entgangen war, noch in der Nacht Häscher gesandt hatte, David's Haus zu bewachen, um ihn am Morgen zu tödten. Man meint, Saul habe doch David nicht in seinem Hause unter den Augen seiner Tochter tödten lassen wollen. Oder, er habe ihn in seiner Gegenwart tödten lassen wollen, um sich zu überzeugen, daß sein Befehl vollzogen werde. (Siehe Sam. I. 19, 9—12).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. הצילני וגו'. Obgleich der Urheber dieser Todesgefahr Saul gewesen, hat David in diesem ganzen Kap. nur die Menschen im Auge, die, statt Sauls trübsinnige Eifersucht gegen David zu beschwichtigen, diese feindselige Stimmung nur noch nährten und sich Saul zum willkommenen Werkzeug seiner Pläne gegen David darboten. Sie waren die eigentlichen Feinde David's, dessen aufblühende Größe sie beneideten, sie waren: מתקוממי, sie fühlten sich durch Davids steigendes Glück erniedrigt und suchten in seinem Falle ihre eigene Erhebung und Aufrichtung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. הצילני וגו', sie waren die Vollbringer (פועלי) des von Saul geplanten Gewaltmißbrauchs (און). Aus der von ihnen in Auftrag mir bereiteten Todesgefahr rette mich, lasse dieses Unternehmen nicht gelingen. Sie sind aber auch an sich אנשי דמים, Menschen, die an todtesschuldigen Verbrechen ihre Freude haben; ihren gegen mich gehegten Absichten gegenüber, erhalte mir ein ungeknicktes, volles Dasein.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. 5. כי הנה וגו', יגורו עלי עזים, in ihrem gemeinschaftlichen Vorgehen gegen mich werden sie עזים und zeigen sich als solche, wie sehr sie auch sonst Mächtigen und von Glück Begünstigten gegenüber zu kriechen verstehen, לא פשע': nicht durch ein Verbrechen, nicht einmal durch ein Vergehen habe ich dies verschuldet, darum kann ich es wagen, an dich, als den Gott der Barmherzigkeit, als ד' zu appelliren, der du gewiß nicht mit dieser Gefahr einen Akt des Gerichtes über mich hast verhängen wollen. Diese Leiden stammen sicherlich nur von deiner durch Prüfungen erziehenden Liebe, die sicherlich meinen Untergang nicht will. בלי עון וגו' ohne Verschulden meinerseits stellen sie sich eilends für die Ausführung des Mordplans bereit, darum, auch schon blos לקראתי', mit bloßer Rücksicht auf mich, wirst du deine Wahrnehmung auf diesen Vorgang richten und ein Einsehen haben, wirst mich Unschuldigen nicht verlassen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. ואתה ד' וגו'. Du bist aber ja noch mehr als blos mir gegenüber ד', und es handelt sich ja um ein noch unendlich weiter Greifendes als um mein Einzelsein oder Nichtsein. Du bist ja, wie Gott der Barmherzigkeit, so auch Gott des Rechts, und bist צבאו', bist's, dessen Lenkung und Leitung alle Kreise der Natur und Menschenwelt sich unterzuordnen haben, und für deren einst völlige Unterordnung du אלקי ישראל geworden bist, auf, daß dieses Volk in mustergiltigem Gottesgehorsam allen andern Völkern voranleuchte — wo aber Das, was mir jetzt geschieht, möglich ist, wo eines unschuldigen Menschen Haus von Mordgesandten umstellt ist, weil er dem Machthaber mißliebig geworden, da sind die Verhältnisse nicht nur unjüdisch, da sind sie unmenschlich geworden, da sind sie eben zu solcher Willkühr und Rechtlosigkeit hinabgesunken, deren Beseitigung aus allen Völkerkreisen eben dein Augenmerk bei Erwählung dieses Volkes als „dein“ Volk gewesen, deren Duldung in Israel aber eine göttliche Sanktion für alle Herrschergewalt und Willkühr in allen Völkern würde. Darum הקיצה: zeige, daß deine Gerechtigkeit wach ist, und zwar thue dies nicht um meinetwillen, nicht um Israels willen, thue es um des sittlichen Heiles aller Völker willen. פקד mit dem Accusativ der Person heißt überwiegend ein wohlwollendes Bedenken. So וד' פקד את שרה (1. B. M. 21, 1), פקד יפקד אתכם (das. 50, 24), פקד ד' את עמו (Ruth 1, 6), ופקד גפן זאת (Ps. 80, 15), פקדני בישועתך (Ps. 160, 4) und sonst. — אל תחן כל בגדי און. און (siehe Pent. 1. B. M. 35, 18) ist der Mißbrauch der Macht. בגדי און sind Menschen, welche Treulosigkeit üben, weil sie die Macht dazu haben, sie mißbrauchen ihre Macht zur Treulosigkeit, glauben sich durch ihre Machtstellung von jeder Verpflichtung zur Treue und Rechtschaffenheit entbunden. Wenn in diesem Falle, wenn in Israel, deinem Volke, von Macht getragene Treulosigkeit sich deines חן, deines gewährenden Wohlwollens, in ungehindertem Gelingen ihres Bubenstücks zu erfreuen scheinen sollte, so würdest du damit in weitem Menschenkreise allen Gewalthabern einen Freibrief für jede Treulosigkeit ausstellen —
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. ישובו וגו', ויסובבו עיר, wohl, damit, wenn es ihm etwa gelingen sollte, ungesehen sein Haus zu verlassen, er ihnen doch nicht entgehen könne.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. הנה וגו', יביעון בפיהם, sie machen aus ihrem Innern kein Hehl, sie lassen Alles ohne Rückhalt aus ihrem Munde sprudeln. חרבות בשפתותיהם: mehr noch als die Schwerter in ihren Händen sind die Reden ihrer Lippen tödtlich. Statt den argwöhnischen Trübsinn Sauls zu beschwichtigen, hetzen sie Saul nur noch mehr zu tödtlichem Haß gegen David. כי מי שמע: sie bereden sich, es gebe keinen Gott in der Höhe, der ihre verbrecherischen Reden höre.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. ואתה וגו', und bist doch ד', der, wenn du auch erziehende und prüfende Leiden über schuldlose Menschen verhängst, doch keinen Unschuldigen zu Grunde gehen lässest. Du lachest ihrer Anschläge. תלעג לכל גוים, es heißt nicht: לכל הגוים, welcher Menschenkreis, und wäre es auch der jüdische, der zur gewaltthätigen Völker-Art herabgesunken ist, der seine Gewalt in dieser Weise mißbraucht, dessen spottest du: den lässest du in beschämender Weise seiner Ohnmacht dir gegenüber inne werden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. עזו אליך אשמרה, עזו, vergleiche V. 18, wo im Gegensatz hierzu: עזי steht. עזו so viel als: עזו לו d. i. so lange sein, Saul's, die Macht, will ich in Zuversicht zu dir ausharren, warten, werde ich keinen Schritt gegen ihn thun. Du hast ihm ja die Macht übertragen. כי אלק' משגבי: Denn, das Bewußtsein, zu Gott, unserm beiderseitigen Richter, aufblicken zu können, hebt mich hoch über alle Gefahr und Furcht empor. Vielleicht auch den Accenten gemäßer: עזו וגו': Seine Macht will ich in Hinblick auf dich ruhig abwarten, d. h. will ruhig den Ablauf der Zeit abwarten, die du der Dauer seiner Macht bestimmt hast.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. אלהי חסדו וגו': früher als ich es erwarten kann, wird er sich mir als אלקי חסדי, als mir in Liebe wohlthuend — es ist dies eine Umschreibung von ה' — bewähren, und wird sein Rechts-Walten als אלק'ם mich an meinen Spähern erblicken lassen. חסדי ist כתיב: חסדו, in dem Maße wie wir uns Gott in Liebe hingeben, wendet Er uns seine Liebe zu.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. אל תהרגם, lasse sie nicht auf Einmal gänzliche Vernichtung finden, sie würden damit aus dem Gedächtnisse des Volkes schwinden, und ihr Untergang würde das Lehrreiche für das Volk verlieren. Vielmehr erschüttere ihre Macht durch deine Macht, wörtlich: durch dein Heer, durch die Menge der Verhängnisse, über die du gebietest, und lasse sie von ihrer hohen Stellung herabkommen, מגננו: Du, der du die Deinen in deinem Volke schützest, und אדני, und mich für deinen Dienst an deinem Volke gewürdigt hast, aus beiden Gesichtspunkten wage ich diese Bitte zu äußern.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. חטאת וגו': jedes Wort ihrer Lippen ist ja eine Versündigung ihres Mundes, d. h. sie sprechen ja ihr verbrecherisches Wollen offenkundig aus, und machen damit ihre Person der Sühne solcher Versündigung verfallen. So lange sie, trotz solcher offenkundiger Verbrechen, unangetastet in Glanz und Würden verharren, ist nichts verderblicher, als ein solches Beispiel im Volke. וילכדו בגאונם: lasse aber ihr in Keckheit sich vergreifender Hochmuth ihnen zum Falle gereichen, ומאלה ומכחש יספרו, so wird ihr Sturz zu warnungsreichster Geschichte werden, ihr Anblick wird Jedem erzählen, wohin man mit Meineid und Treulosigkeit gelangt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. כלה וגו'. Dies wiederholte כלה drückt das Nach und Nach ihres Untergangs aus. וידעו וגו' d. i. וידעו לאפסי ארץ כי וגו'. Bedeutsam ist hier יעקב genannt. So lange die von Gott verliehene Macht nicht in Seinem Dienste, nicht im Dienste des Rechts und der Wahrheit gebraucht wird, verdient es den Namen ישראל nicht, der ihm nur dann zukommt, wenn es durch sein Leben „Gott“ als den „alleinigen“ Herrscher verkündet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. 16. המה וגו'. ינעון', כתיב: ינועון, Hunde laufen Nachts herum und bringen durch ihr Lärmen Alles in Bewegung, לאכול: um Essen zu suchen, wenn sie da, wo sie über Nacht bleiben sollten, Nichts hinreichend zur Stillung ihres Hungers finden. So ist es Nichts, als niedrig gemeine Rachlust, deren Befriedigung sie in ihrem nächtlichen Vorgehen gegen mich suchen, und durch welche sie die friedlichen Bürger aus ihrer nächtlichen Ruhe stören.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. ואני וגו'. Ich aber, in der Erhebung und Zuversicht, die du in meiner Hilflosigkeit und Ohnmacht mir am Tage der Noth gewährst, schaue ich um so klarer und heller deine Macht, und das Erschaute gestaltet sich mir zum Liede לבקר: dem Morgen zugewandt, zuversichtlich der nach meinem gegenwärtigen dunkeln Geschicke kommenden Morgenröthe harrend.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. עזי וגו', siehe V. 10. Und wenn dann einst die Macht von Saul auf mich übergegangen sein wird, so werde ich dieser Macht nur in Hinblick auf dich mich freuen, und sie als deine Verleihung besingen, wie nur Gott meine Erhebung ist, Gott der ist, dem ich in völliger Hingebung mich weihe.