Tehillim 58 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 58, V. 1. אל תשחת (Siehe Ps. 57). Obgleich der Inhalt dieses Ps. ein allgemeiner zu sein scheint, so dürfte doch die Stellung desselben zwischen dem vorigen und dem folgenden dafür sprechen, daß er ebenso wie diese derselben Leidensgeschichte Davids angehöre, und der besondern von David gemachten Erfahrung entsprungen. Er enthält den Vorwurf an Diejenigen, welche durch ihre Stellung und ihren Beruf verpflichtet wären, durch Wort und That den im Lande verübten Schlechtigkeiten entgegen zu treten, und sich ihnen gegenüber schweigend und unthätig verhalten. Er meint, durch dieses schweigende und unthätige Zusehen käme das Schlechte, was geschieht, mit auf ihre Rechnung, und sie seien dafür verantwortlich. Wenn alle die Braven, die das Schlechte im Herzen verurtheilen, sich offen mit Wort und That gegen das Schlechte erhüben, der größte Theil der Schlechtigkeiten bliebe ungeschehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. האמנם וגו'. אמנם von אמן mit ם, wie חנם, ריקם: in Wahrheit. Mit dem ה der Frage האמנם; ist es denn wahr, ist es denn in Wahrheit. So: האמנם ישב אלק' על הארץ (Kön. I. 8, 27). אלם Subst. von אלם: das Stummsein, wie von שמע: שמע das Hören, לשמע אזן וגו' (Ps. 18, 45). Das ן in תדברון hebt die Angeredeten als Diejenigen hervor, von denen am ersten zu erwarten wäre, daß sie nicht schweigen sollten. Ebenso im folgenden V. תפעלון. תשפטו. Es dürfte hier und im Folgenden nicht gerade von einer durch Anklage und Zeugen bedingten Richter-Funktion die Rede sein, vielmehr auf das sociale Urtheil und das sociale Entgegentreten hingeblickt werden, welches den Einsichtsvollen und Angesehenen in der Gesellschaft zu üben möglich und Pflicht ist (Vgl. Pent. 3. B. M. 19, 15. 35, wo auch שפט und משפט nicht nur vom gerichtlichen Ausspruch zu verstehen ist). Die hier und V. 5. 6. und ff. gezeichnete Aufgabe spricht offenbar von einem Einschreiten mit Wort und That aus freien Stücken, wie es nicht zur Funktion des Gerichts gehört, das auf Anklage und Zeugen zu warten hat, und namentlich ja auch nicht durch Belehrung, Mahnung und Warnung wirken kann, wie solches in dem Bilde V. 5. 6. geschildert ist. Ist doch eine solche Einwirkung zur Hintanhaltung des Schlechten schon durch das הוכיח תוכיח את עמיתך (3. B. M. 19, 17) einem Jeden nach Kraft und Möglichkeit zur Pflicht gemacht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. אף בלב יגו'. עולות plur. von עולה, gleichbedeutend mit עולה. So ועולתה קפצה פיה (Hiob 5, 16), יחפשו עולות (Ps. 64, 7). פלס: etwas genau abwägen, מעגל רגליך פלס (Prov. 4, 26). Hier: nach genauer Abwägung austheilen, zuwägen. Wie ישקול כסף (2. B. M. 22, 16), למה תשקלו כסף (Jes. 58, 2). Ihr, von denen Wort und That erwartet wird, ihr könnt auch nichtsthuend Verbrechen üben. Die Ueberlegungen in eurem Herzen, die euch vom Reden und Thun zurückhalten, sind gleichbedeutend mit schlechten Handlungen. Wenn im Lande Unrecht geschieht, so ist dies חמס, das durch Andere geschieht, חמס ידיכם, so gut als vollbrächtet ihr es, תפלסון: ihr wägt es aus, d. h. in Folge euerer Erwägungen und Ueberlegungen trifft es Diejenigen, die es trifft. In so fern seit ihr noch schlimmer als Diejenigen, die das Unrecht thun. Sie mögen es aus Leidenschaft und in Leidenschaft üben. Ihr aber תפלסון: lasset es nach wohl überlegenden, das Für und Gegen erwägenden und abwägenden Bedenken geschehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4—6. זרו וגו'. זרו, פעול-Form von זור, Fremdsein, wie מה טובו (4. B. M. 24, 5) von טוב. Hier, dem Rechten und Guten entfremdet sein, wie רוח' זרה, זרו ממני (Hiob 19, 13. 17). Es war im Vorhergehenden der Vorwurf enthalten, daß die dazu Berufenen durch ihr Schweigen, also durch Unterlassen von Belehrungen, Ermahnungen, Vorwürfen 2c. sich zu Mitschuldigen an dem Unrecht machen, das im Lande geschieht. Hieran schließt sich nun der Einwand, es könnten die Schlechten so verderbt und verstockt sein, daß sie durch Reden nicht gebessert werden würden. Dieser Einwand wird V. 4—6 ausgeführt, um sodann daran V. 7 den fernern Vorwurf zu knüpfen, daß, wo Reden nichts nützt, die dazu Berufenen handelnd einschreiten müßten. Es heißt hier nun: זרו וגו': sind aber Gesetzlose schon מרחם, von ihrem Entstehen an, also ihrer Anlage nach, der Gesetzlichkeit entfremdet, תעו וגו': sind Diejenigen, die sich später im Leben als דברי כזב, als Lüge und Täuschung redend bewähren, schon מבטן, schon von ihrer Geburt an auf Abwege gerathen. Die Unzugänglichkeit für Belehrungen wird bei רשעים auf רחם, bei דברי כזב auf בטן zurückgeführt. רשע, der gänzliche Mangel an Unterordnung unter das göttliche Sittengesetz, wird der mit dem Entstehen gegebenen Charakter-Anlage zugeschrieben, die den sittlichen Gehorsam erschwert. דבר כזב, die Lügenhaftigkeit aber, die sich im Menschenverkehr in Täuschung und Betrug zeigt — (und es ist sehr bemerkenswerth, wie hier als Grundfehler socialer Verkommenheit der Mangel an Wahrhaftigkeit hervorgehoben ist), — wird vorzugsweise auf בטן, auf den Kreis der Umgebung zurückdatirt, in welchen der Mensch mit seiner Geburt eingetreten war.
חמת למו וגו' bezieht sich zunächst auf רשעים, deren Leidenschaft so heiß in ihnen glüht und sie zu allem Schlechten hinreißt, wie die Schlange zum Biß durch die ihr innewohnende glühende Schadenlust getrieben wird; כמו פתן וגו' auf die דברי כזב, deren eingebildete, alle andern Menschen überragende Klugheit sie von Vornherein jeder Belehrung und vernünftigen Vorstellung unzugänglich macht. חובר חבר, siehe Pent. 5. B. M. 18, 11. אשר לא ישמע bezieht sich sowohl auf נחש als auf פתן, jene macht ihre Leidenschaft, diese macht sich geflissentlich gegen jede geistige Einwirkung taub.
V 7. אלקים וגו', wir haben schon oben bemerkt, wie hier nicht sowohl an Richter, als vielmehr an Männer gedacht werde, die durch ihre Einsicht und ihr Ansehen eine Stellung und einen Beruf in der Gesellschaft haben, die sie zum, wenn es sein muß, auch handelnd wirksamen Einschreiten gegen das Umsichgreifen von Schlechtigkeiten befähigen. Auch sie wie die officiell bestellten Richter haben an Gottes Stelle auf Erden dem Rechten Geltung zu schaffen und das Gelingen des Unrechts zu vereiteln. So übersetzt ת"א 1. B. M. 6, 2. בני האלהים: בני רברביא, Söhne der Großen, und erläutert Raschi: בני השרים והשופטים, oder בני האלהים als „Söhne Gottes“ הם השרים ההולכים בשליחות של מקום. כל אלהים שבמקרא לשון מרות, אלהים bedeute überall die Ausübung einer gebietenden Macht, so ראה נתתיך אלהים, אתה תהי' לו לאלהים (2. B. M. 4, 16. 7, 1). Jeden, der durch seine Stellung dazu befähigt ist, fordert er auf, wo Worte nichts nützen, mit Ausübung einer Macht das Schlechte zu verhindern. Kann das Gift nicht aus den Zähnen entfernt werden, so gilt es die Zähne im Munde zu brechen. Es sei dies keine Strenge, keine Härte, der Gewaltigen gefährliches Gebiß zu zerstören sei ein Zerstörungswerk der Barmherzigkeit Gottes. So viel als: נתוץ מלתעות כפירים נתוץ ד'!
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. ימאסו וגו', von מסס im Nifal würde es ימסו heißen. Es kommen jedoch die ע"ע-Zeitwörter auch mit א statt der Verdoppelung vor, wie בזאו נהרים ארצו (Jes. 18, 2) statt: בזזו. Hier dürfte aber diese Form die beiden Begriffe מאס und מסס in sich vereinigen. Wenn Alle, die durch Gesinnung, Beruf und Stellung dazu befähigt und verpflichtet wären, in Wort und That den Schlechten entgegen träten, so würde schon die Verachtung, welche das Schlechte und der Schlechte in der Gesellschaft fänden, bewirken, daß die Macht der Schlechten wie Wasser zerschmölze, und sie sich still aus der Gesellschaft zurückzögen, und versucht Einer auch den Pfeil seiner Bosheit, oder die Pfeile seiner Bosheit — ihre Tendenz ist ja immer die eine und dieselbe — auf ihr Ziel zu richten, so ist ihnen schon durch die Verachtung, die ihm gewiß ist, die Spitze abgebrochen. Wenn ימאסו', so ימסו'. So lange die Gesellschaft dem Schlechten, ja dem Verbrechen erst dann ihre Verachtung zuwendet, wenn es im Bettlergewand erscheint, in salonfähigem Anzuge aber auch das Sittlichschlechte Zutritt findet, so lange macht sich die Gesellschaft selbst zum Mitschuldigen an dem Schlechten, das in ihrer Mitte geschieht. ימאסו: ימסו! יתמללו', von מול oder מלל, wie ימולל ויבש (Ps. 90, 6).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. כמו שבלול וגו' vollendet das Bild des allmäligen Verschwindens des Schlechten, welches das offene Entgegentreten mit Wort und That, ja auch schon die sich kundthuende Verachtung bewirken würde. Die Bedeutung von שבלול ist zweifelhaft; man glaubt, es bedeute: Schnecke, und zwar die nackte Waldschnecke, die im Fortbewegen einen Schleim hinterläßt, worauf תמס, Subst. von מסס, das Zergehen, die Auflösung, hinwiese: die mit Zergehen dahin kriecht. Es würde dies dann nach dem Anscheine gesprochen sein. Der zurückgelassene Schleim läßt die Schnecke erscheinen, als ob sie bei jedem Fortschreiten Etwas von sich einbüßt. Vielleicht wäre dann der Name שבלול von שביל, dem Pfad gebildet: die Wegschnecke. אשת, nach Moed Katan 6, b.: Maulwurf. נפל אשת: die Fehlgeburt eines Maulwurfs. Ein todtgeborenes Thier erblickt die Sonne nicht, und der unter der Erde lebende Maulwurf sieht ebenfalls die Sonne nicht. Ein todtgeborener Maulwurf erblickt daher aus doppeltem Grunde kein Licht. Daher der Plural חזו.
Schon das vorhergehende יתהלכו למו' bezeichnet ein stilles Abseitgehen, und wird dieses noch vervollständigt durch das Gleichniß einer harmlos und still am Wege vorbeischleichenden Schnecke, deren Fortkriechen zugleich die Spur einer Einbuße hinterläßt, und schließt die Zeichnung der Wirkung, die die offen entgegentretende Rede und That, ja auch schon die sich in der Gesellschaft kundgebende Verachtung auf die Schlechten haben würde, mit dem Bilde נפל אשת וגו', daß sie sich nicht in das Licht der Oeffentlichkeit hinauswagen, vielmehr wie ein todtgeborener Maulwurf, ewig in lichtlosem Dunkel verbleiben würden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. בטרם וגו'. Dieser Vers hat erhebliche Schwierigkeiten. Wir glauben, da in dem ganzen Kap. bisher nicht die Schlechten, sondern die gegen sie zu Wort und That Aufgerufenen die Angeredeten sind, auch die mit סירותיכם Angeredeten nur in eben diesen zum Einschreiten gegen die Schlechten Aufgerufenen finden zu dürfen. Von סיר, Topf, heißt der Plural in der Regel סירות, von סיר, Dorn, סירים. Wir glauben jedoch hier auch סירות als Plural von סיר, Dorn, verstehen zu dürfen. Vielleicht ist der weibliche Plural hier von סירה genommen, um den Gegensatz zu אטד, dem ganzen Dornstock, noch durch Bezeichnung der Schwäche zu verstärken: schwache, dünne Stacheln. יבינו Hifil, von בין: erkennen lassen, merken lassen, wie מבין פתים (Ps. 119, 130). Es wäre gesagt: Bevor eure schwachen Stacheln noch euren ganzen Dornstock ahnen lassen, treibt der bloße Gedanke des Vorhandenseins eures Dornstocks, als wäre dieser lebendig, als wäre er der leibhaftige Zorn selbst, die Schlechten im Sturm von dannen. D. h. wenn oben das Einschreiten mit eurer Macht gegen die Schlechten verlangt worden, so braucht ihr diese nicht einmal immer in vollem Maße geltend zu machen. Ihr braucht in den meisten Fällen nur in gelindestem Maße eine Züchtigung eintreten zu lassen, ja braucht nur damit zu drohen, und ahnen zu lassen, was die Schlechten zu fürchten haben werden, wenn ihr eure ganze Macht gegen sie aufbieten würdet, das würde schon genügen um Manchen aus dem Kreis der Gesellschaft zu bannen und unschädlich zu machen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. ישמח וגו'. Wie euer Auftreten auch selbst schon durch den bloßen Ernst, den ihr zeigt, die Schlechten zurückscheuchen wird, so wird eben dadurch der Gerechte in der Reinhaltung seines Wandels nur bestärkt. Der Gedanke an die Möglichkeit der vollen Entfaltung eurer Macht, welcher den Schlechten mit Schrecken erfüllt, erfüllt den Gerechten mit Freude. Er freut sich, wenn er Vergeltung „voraus sieht,“ im Falle der Schlechte sich nicht warnen läßt. חזה bedeutet ja vorzugsweise ein geistiges Schauen, ein Sehen des noch nicht sinnlich Gegenwärtigen. פעמיו וגו'. In dem ganzen Kap. ist nicht von einer wirklichen Tödtung des Schlechten die Rede, so daß hier das דם im concreten Sinne zu verstehen wäre. Vielmehr dürfte es die dem Schlechten drohende Vergeltung bezeichnen, wie לא תעמוד על דם רעך (3. B. M. 19, 16) die dem Nächsten drohende Gefahr ausdrückt. Ebenso bedeutet רחץ hier wohl nicht „baden,“ etwa ein Baden der Füße, das ja ohnehin רגלי und nicht פעמיו heißen würde. Vielmehr dürfte es ein Reinhalten der Schritte bedeuten sollen. Die Wahrnehmung, daß für den Schlechten doch auch noch von dem Einfluß der Menschen ein ihn mit Untergang bedrohendes Einschreiten vorhanden ist, bestärkt den Guten in der Reinhaltung seines Wandels.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. ויאמר וגו', und die Menschen überhaupt gewinnen den sittlichen Eindruck, daß „Brav sein“ doch kein leeres Thun sei, daß ihm auch schon im Kreise der Menschengesellschaft, in deren Anerkennung und Billigung, eine Frucht reift, so wie, daß für den Schlechten eine vergeltende und richtende Macht auch schon auf Erden im Kreise der Menschen vorhanden sei.