Tehillim 57 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 57, V. 1. אל תשחת, diese Ueberschrift findet sich bei diesem und den beiden folgenden Kap. so wie Ps. 75. Alle vier Kap. sprechen von Zuständen, die ein allgemeines Verderbniß und Verderben befürchten ließen, wenn nicht Gottes Waltung ihnen Halt geböte. Kap. 58 und 75 sprechen diesen Gedanken aus der Betrachtung allgemeiner Zustände heraus. Dieses und K. 59 legen diesen Aufruf David durch eigene Erlebnisse nahe. מכתם (siehe Ps. 16, 1): er will es nie vergessen, daß sich dieser Aufruf einst seinem Gemüthe entwunden. War doch sein Schwiegervater mit dreitausend Reisigen ausgezogen, ihn in den Felsen-Höhlen der Wüste Engeddi aufzusuchen, und war David so nahe gekommen, daß er dieselbe Höhle betrat, in deren Hintergrund David mit seinen Leuten sich verborgen hielt, und, statt der Aufforderung seiner Leute, Saul zu vernichten, zu folgen, sich nur gestattete, ihm einen Gewandzipfel abzuschneiden, um ihm damit den Beweis zu liefern, wie wenig er seine Verfolgung und Feindschaft verdiene. Dieser Moment vergegenwärtigte ihm sowohl das ihm drohende Verderben, als das sittliche Verderbniß seiner Gegner, dem er diese drohende Gefahr verdankte. Beiden gilt der Aufruf: אל תשחת!
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2 חנני חנני וגו'. Er bedarf der doppelten Gewährung, um mit geistiger und sittlicher Kraft den großen Prüfungsmoment zu bestehen. הוות: Das, was sie brüten, Das was sich jetzt gestaltet (siehe Ps. 5, 10).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. אקרא וגו'. So fern von mir in der Höhe Gott jetzt in dem Walten seines Gerichtes scheint, so rufe ich doch zu ihm, hier von der Höhle hinauf, und nur zu ihm, denn Er ist doch die Allmacht die über mich beschließt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. ישלח וגו'. חרף שואפי, der, der so gierig nach mir hascht, weil er mich trotz meiner Unschuld wehr- und schutzlos glaubt, der schmäht damit Gott, der, wenn er auch Prüfungsleiden über unschuldige Menschen verhängt, für sie doch ebenso seine Liebe und seine Treue bereit hält.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. נפשי וגו', sie wissen nicht, daß ich weder ihre Gewalt (לבאים), noch ihre Wuth (להטים), noch das Knirschen ihrer Zähne, noch die Verleumdungen ihrer Zunge fürchte, vielmehr mich ganz ruhig und furchtlos neben ihnen (sie sind ja ganz in seiner Nähe) niederlege. Vielleicht gehören auch Zähne hier zur Zunge, und bezeichnen hier beide die Organe der Sprache Er denkt hier der Umgebung Sauls, die durch ihre Verleumdungen und Hetzereien Sauls Haß gegen ihn aufstacheln, so daß diese die eigentlichen Waffen sind, die ihm drohen. להטים: wie אש להט (Ps. 104, 4), hier: von der Gluth der Wuth und Leidenschaft.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. רומה וגו'. Der Imperativ bezeichnet nicht immer die Aufforderung Etwas zu thun, sondern auch das Zugeben, Zulassen, was ein Anderer thut. So die Imperative Amos 4, 4. 5. Aehnlich auch שמח בחור וגו' (Pred. 11, 9). So auch hier: Wie hoch du auch über den Himmeln bist, Gott, und in dieser fernen Höhe namentlich dann scheinst, wenn, wie jetzt, Menschen wie meine Feinde ungehindert auf Erden vorgehen, so ist doch auf der ganzen Erde, — auch jetzt bei mir hier in der Höhle — deine Herrlichkeit gegenwärtig, so offenbart sich doch dem dich kennenden und erkennenden Menschen selbst in solcher Lage deine Gegenwart, er gewahrt deine Nähe. כבודך (Siehe Pent. 2. B. M. 16, 7).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. רשת וגו'. Es ist nicht das erste Mal, daß sie mir Verderben bereiteten, ich ihnen entging und sie selbst zu ihrer Beschämung in die Grube fielen, die sie unmittelbar auf meinem Wege vor mich hingegraben hatten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. נכון וגו'. Die Gefahren, die ich bis jetzt bestanden, hatten das Gegentheil bewirkt von Dem, was meine Feinde beabsichtigt hatten. Mein Herz ist nur fester in seiner Richtung zu Gott und der Erfüllung meines Berufes dadurch geworden, und der Geist des Liedes und des Gesanges ward in mir geweckt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. עורה וגו'. Auch jetzt rufe ich meine „Ehre" wach. Kein Mensch ist berechtigter, seine „Ehre," das unverlierbare Bewußtsein seines geistigen und sittlichen Werthes in sich wach zu rufen, und sich durch dieses Selbstgefühl aufrecht zu halten, als Derjenige, dem man schuldlos Alles geraubt, und durch Verlästerungen auch dieses letzte Gut zu rauben sich bemüht, das der Mensch im Innern, unerreichbar von dem Diebesgriff der Feinde trägt. Kein Mensch ist so berechtigt „stolz“ zu sein, als der schuldlos Verfolgte עורה וגו' Und mit diesem geistigen, sittlichen Selbstgefühl, das ihn über die Gefahr des Augenblicks erhebt, kehrt auch der Geist des Gesanges bei ihm ein, der ihm die bitterste Leidenserfahrung nur zu einem Gott schauenden Liedestext gestaltet, אעירה שחר und von Innen heraus umwandelt er sich die düsterste Leidensnacht zur Morgenröthe herandämmernden Tages.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. אודך. Dieses Wort ist vielleicht das stolzeste Wort, das je ein Mensch gesprochen, und dessen Bewahrheitung wir noch heute und in alle Ewigkeit hin erleben. Denken wir uns: ein Jude, flüchtig, verfolgt, im Höhlen-Winkel einer palästinensischen Wüste, und der spricht: אדני: Du hast mich zu deinem Diener und Werkzeug erkoren, dir Lieder zu singen unter Nationen und Staaten; Alles, was du mich erleben lässest, soll sich mir zum Liedes-Text gestalten, in die Kreise der Menschengesellschaft (עמים) dein Bekenntniß, und in die Kreise der Menschenmacht (לאמים) die Anerkennung deiner Größe zu tragen. Und dieses Wort — keines hat eine größere buchstäbliche Verwirklichung erhalten bis auf diesen Tag, als Es!
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. כי גדול וגו'. Der Inhalt meines, Gott in der Menschheit besingenden Liedes wird sein, daß Gottes Liebe weit hinein in die Himmel reicht; im ganzen Weltall, wo ein Wesen ist, da ist das Dasein, auch das wandelloseste Dasein, ein Erzeugniß der spendenden Gottes-Liebe. Aber Gottes „Treue,“ — sein Beistand in den Gefahren des innern und äußern Lebens, — die offenbart sich nur innerhalb der von Wolken umspannten irdischen Welt. Vgl. Ps. 36, 6.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. רומה וגו'. Siehe V. 6. Bedeutsam ist hier, wo der Gedanke in der unbeschränkten Allgemeinheit für die Gesammtmenschheit ausgesprochen ist, der bestimmende Artikel ה vor שמים fortgeblieben. Nicht על השמים: über dem Himmel, der sich jetzt über mir wölbt, und über den hinaus du mir jetzt ferne scheinst, sondern על שמים: Wann und wo immer du um Himmelsweiten den menschlichen Verhältnissen und Ereignissen fern zu sein scheinen wirst, so ist doch auf der ganzen Erde die Offenbarung deiner Gegenwart —