Tehillim 56 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 56, V. 1. למנצח, wenn ein Kap. diese Ueberschrift verdient, ist es dieses. Denn es stammt aus der frühesten Zeit seines prüfungsvollen Lebens, dem Momente, welchem auch das Kap. 17 angehört, dem ersten Schritt seiner Flucht, der ihn sogleich auf die tiefste Stufe des Elends führte. Er, der glorreiche Eidam des Königs, er, dem König und Volk Sieg und Glanz und Sicherstellung gegen ihre Erzfeinde verdankten, er muß, um sein Leben vor diesem Könige zu retten, aus diesem Volk hinaus zu diesen Erzfeinden sich flüchten, und kann auch deren Händen, die ihn ergriffen hatten, nur durch verstellten Wahnsinn entgehen. Kap. 17 gehört schon dem Momente nach dieser gelungenen Rettung an. Bei diesem Kap. befand er sich noch in den Händen der Philister, die ihn ergriffen hatten und seinen Tod von ihrem Könige verlangten, weil sie ihn als ihren siegreichen Ueberwinder erkannt hatten, und ihn geradezu als den eigentlichen König des jüdischen Landes bezeichneten (Sam. I. 21, 12). Wenn nun gleichwohl, wie der Inhalt dieses Psalms zeigt, er sich in dieser verzweifelten Lage, und trotz ihrer zur Höhe der Begeisterung, zur Würdigung selbst dieser Erfahrung für die Aufgabe seines geistigen Berufs und zum furchtlosen, lebensfrischen Hinausblick in die Zukunft sich emporzuschwingen vermochte, so durfte er wohl sein Lied Gott, als dem מנצח weihen, als Dem, der zu solch innerm geistigen Siege über alle Bitterkeiten des äußern Geschickes verhilft. Sich bezeichnet er aber als יונת אלם רחוקים. רחוקים sind die Treugesinnten Alle, die er im fernen Vaterlande zurückgelassen, und von denen er doch weiß, daß ihre Sympathien ihm in die Verbannung gefolgt sind. Sie sind ihm in diesem Augenblicke im Geiste gegenwärtig, ihnen weiht er sein Lied, ihnen, wie sich zeichnet er es als מכתם, als Denkzeichen für spätere Zeiten auf (Siehe Ps. 16, 1); sie, diese רחוקים denken ihn jetzt als יונת אלם, als „verstummende Taube," wörtlich: als Taube der Veistummung. „Taube," ja das Bild eines wehrlos leidenden Wesens (Vgl. Pent. 3. B. M. S. 41). Und wenn sie ihn auch nicht als „wimmernde, klagende" Taube sich denken, da sie seine Gemüthesstärke kennen, so glauben sie doch, daß jetzt in solchem Unglück seine Harfe und sein Lieder-Mund verstummt wäre.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. חנני אלק' וגו'. אלק', Gott, der du mich jetzt von so ernster Prüfung und Züchtigung betroffen sein lässest, gewähre mir die geistige Begabung [?]und Gemüthsstärke, auch in diesem Zustande die mir damit gesetzte Aufgabe zu lösen. שאף, das verstärkte שאב: gierig einsaugen, mit Gier Etwas zu haschen suchen. Wende du dich Gott mir zu, denn von Menschen bin ich nicht nur verlassen, sondern verfolgt und bedrängt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3—5. שאפו וגו'. Die Menschen sind deshalb so voller Leidenschaft gegen mich und suchen an mir Makel auszuspähen, weil sie es fühlen, daß je verlassener ich auf Erden bin, um so mehr Streiter für mich in der Höhe sind, weil, zu einer Zeit, wo, wie sie meinen, ich voller Furcht sein müßte, ich, auf die Hilfe Gottes hin, voller Vertrauen bin, weil, selbst von Gottes ernstestem Verhängniß betroffen, ich אהלל דברו, ich dieses Verhängniß als ein Gott offenbarendes Wort verkünde, weil endlich ich auf Gott, auch wenn er züchtigt, vertraue und keine Furcht kenne, und der Menschen feindliches Vorhaben mich nicht berührt! בטח אל אלק': Gott noch ferne von sich wissen, aber voller Zuversicht hoffen, daß er nicht ferne bleiben werde. בטח באלק': Gottes Nähe fühlen und darum auf ihn vertrauen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. כל היום וגו'. דברי יעצבו: sie möchten meine Worte schmerzlich gestalten, würden sich freuen, wenn ich, statt die Harfe zur Hand zu nehmen, klagen und jammern würde.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. יגורו וגו', המה: sie, diese verworfenen Menschen, maßen sich an עקבי ישמרו: meine Ferse zu bewachen, d. h. hinter meinen Schritten zu lauern, um mich wo möglich auf Abwegen zu finden, um mich so zu finden, כאשר קוו נפשי, wie sie hofften daß ich sein möge. יצפינו: כתיב, יצפונו, damit ist zugleich gesagt: während sie meine Schritte belauern, um wo möglich Schlechtes an mir zu entdecken, vergessen sie es, daß gerade sie ihre Handlungsweisen und ihre Absichten nicht offen zu zeigen wagen, mein Wandel aber vor Allen offen liegt und ich nichts zu verbergen habe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. על און וגו': bei solchem Mißbrauch ihrer Macht (און siehe Pent. 1. B. M. 35, 18), sollten sie der Strafe entgehen?! באף עמים וגו', באף: wenn du wirklich Grund zu zürnen hast, wie diesen Menschen gegenüber, so haben dich nicht nur einzelne Menschen, wie hoch sie auch gestellt sein mögen, so haben dich ganze Völker zu fürchten, so stürzest du Völker von ihrer Höhe herab.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. נדרי וגו'. ספרתה אתה. Du hast im Voraus mein Flüchtigsein gezählt, d. h. nicht der Menschen Gewalt, deine Bestimmung hat mir diese Prüfung auferlegt, sonst würde der Menschen Gewalt nichts an mir ausführen können. Allein du hast auch im Voraus die Wochen, die Tage, die Stunden gezählt, wie lange ich in diesem flüchtigen Zustande bleiben soll. שימה וגו'. Auch die Thräne der Wehmuth, die ich über den Verrath und die Undankbarkeit der Menschen zu weinen nicht unterlassen kann, auch sie gehört mit zu den von dir im Voraus mir zugezählten Prüfungsmomenten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. אז וגו'. אז: wenn die mir zugezählten Leidenstage zu Ende gehen, dann weichen meine Feinde zurück ביום אקרא: ich rufe jeden Tag zu Gott, ich weiß ja nicht, wann er meinen Leiden das Ziel bestimmt hat. Es kommt die bestimmte Zeit, wann er mein Rufen erhört. Denn wie sehr es auch scheinen möge, daß Gott jetzt, während dieser meiner herben Leidenszeit auf Seiten meiner Feinde steht, so weiß ich doch Das gewiß, daß Gott selbst mit diesen meinen Leidenszeiten mir wohl will.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. באלק' וגו'. Vergegenwärtigt man sich, daß der Moment, in welchem David diese Worte sprach, der allererste war, mit welchem er in seine so wechsel- und prüfungsvolle Zukunft eintrat, so begreift man die ganze Bedeutungs-Größe desselben. Jedes Ereigniß seines Lebens, als דבר, als Gottes-Wort, und es als seine Aufgabe zu begreifen להלל: jedes solches Verhängnißwort, ob leidvoll als אלק', ob freudvoll als ד', ihm gesandt, als „Gott offenbarendes Wort," zu besingen, das bildet den ganzen geistigen Inhalt seines fernern Lebens, dessen Frucht wir eben mit תהלים in Händen haben. Gott in seinen Thatoffenbarungen zu besingen, das begriff David als seine Lebens-Aufgabe; dazu gehört aber in aller erster Linie: Gott in seinen Thatoffenbarungen zu erfahren, und somit begriff er den leid- und freudevollen Wechsel seines Lebens als die Schule, in welcher er für die Lösung dieser Aufgabe heranreifen konnte, eine Schule, zu welcher die Leiden ebenso wesentlich wie die Freuden gehörten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. באלק' בטחתי וגו'. Dieses Bewußtsein bewirkte, daß er, von aller Menschenfurcht frei, sich in Leid so sicher unter Gottes Schutz wie in Freud fühlte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. עלי אלק' וגו'. Die Erfüllung dieser durch Leid und Freud, in Leid und Freud zu lösenden Aufgabe, bildeten die Gelübde seines Lebens, die will er „עלי" als das ihm Obliegende, in jede Lage und jede Zeit hinein tragen, und תודות, für Leid und Freud Gott zu danken, in Leid und Freud Gott zu huldigen, das אשלם, das sei ihm fortan der zu lösende Lebens-Vorsatz. Vielleicht bezieht sich auch der Plural תודות auf die zwiefache Wohlthat, die er Gott im Leid zu danken hatte, wie der folgende Vers ausspricht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. כי וגו'. Denn in zwiefacher Weise lerne ich deinen Beistand in Leiden kennen: in der äußern Rettung, daß die Tod drohenden Gefahren glücklich an mir vorübergehen, ebenso aber auch in dem innern, in Geist und Gemüth mir werdenden Beistand, die Leidensprüfungen mit sittlicher, vor Fehl gewahrter Stärke zu bestehen, und mich zu der geistigen Kraft emporzuschwingen: לפני אלק', in den ernstesten, von Gott mir beschiedenen, „Nacht und Tod" scheinenden Verhängnissen in „Licht und Leben" vor Gottes Angesicht zu wandeln, Gott in den dunkelsten Verhältnissen zu schauen und vor seinem Angesichte להתהלך באור החיים: „mit ungebrochener Energie mich geistesklar und lebensfrisch zu führen."