Tehillim 55 תהילים

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1
לַמְנַצֵּ֥חַ בִּנְגִינֹ֗ת מַשְׂכִּ֥יל לְדָוִֽד׃
BernfeldDem Sangmeister auf dem Saitenspiel. Eine Betrachtung von David.
ZunzDem Sangmeister auf dem Saitenspiel. Ein Gedicht von Dawid.
HirschDem Siegverleiher durch der Töne Macht, eine Belehrung von David.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 55, V. 1. למנצח בנגינת. Siehe Kap. 54, 1. Aus V. 13 ff. ergiebt sich, daß dieses Kap. in die Zeit der Empörung Absaloms fällt, deren Hauptstütze Achithofel, der frühere Freund und Rathgeber Davids, war. Und eben dieser Umstand, daß sein intimster Freund, als dessen Schüler sich zu bekennen er nicht ansteht, sein bitterster Feind geworden, war ihm das Niederschlagendste, welches die Gedanken und Empfindungen hervorrief, die den Inhalt dieses Kap. bilden.

2
הַאֲזִ֣ינָה אֱ֭לֹהִים תְּפִלָּתִ֑י וְאַל־תִּ֝תְעַלַּ֗ם מִתְּחִנָּתִֽי׃
BernfeldVernimm, o Gott, mein Gebet und entziehe dich nicht meinem Flehen.
ZunzVernimm, o Gott, mein Gebet, und entziehe dich nicht meinem Flehen.
HirschHöre Gott mein Gebet, und entziehe dich nicht meinem Flehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. האזינה וגו'. Sei meinem Ringen nach Gedankenklarheit in dieser meiner Lage nahe, und entziehe dich nicht meinem Ringen nach Gewährungswürdigkeit. תפלה sucht das richtige Urtheil, תחנה: der göttlichen Gewährung würdig zu werden (Siehe Pent. 5. B. M. 3, 23).

3
הַקְשִׁ֣יבָה לִּ֣י וַעֲנֵ֑נִי אָרִ֖יד בְּשִׂיחִ֣י וְאָהִֽימָה׃
BernfeldHorch auf mich und erhöre mich; ich klage bitter in meinem Jammer und seufze.
ZunzHorch auf mich und erhöre mich, ich irre umher in meinem Jammer und will seufzen.
HirschHorche auf mich hin und antworte mir, ich sinke in meinem Sinnen und werde unruhiger,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. הקשיבה וגו'. אריד siehe Pent. 1. B. M. 27, 40. Mein Sinnen und Beten (siehe Pent. 1. B. M. 24, 63) erhebt mich nicht. הם ist eine unruhige, regellose Bewegung, hier des Gemüthes. Statt mich zu erheben und zu beruhigen, sinke ich und werde immer unruhiger.

4
מִקּ֤וֹל אוֹיֵ֗ב מִ֭פְּנֵי עָקַ֣ת רָשָׁ֑ע כִּֽי־יָמִ֥יטוּ עָלַ֥י אָ֝֗וֶן וּבְאַ֥ף יִשְׂטְמֽוּנִי׃
BernfeldWegen der Stimme des Feindes, vor dem Drucke des Frevlers; denn sie bringen auf mich Unheil und wütig feinden sie mich an.
ZunzOb der Stimme des Feindes, vor dem Drucke des Frevlers; denn sie lassen herab auf mich Unheil, und im Zorn feinden sie mich an.
Hirschdurch das Toben des Feindes, vor dem Drängen des Gesetzlosen ; denn sie legen mir Machtmißbrauch zur Last, und mit äußerm Zürnen hassen sie mich bitter im Innern.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4–6. מקול וגו'. מוט eigentlich schwanken, bezeichnet als Substantiv ein schwebendes Tragmittel, Joch, Bahre. Davon hier המיט: belasten. Um ihren Aufstand zu beschönigen, legen sie mir Unrecht zu Last, von dem ich mich frei weiß, ובאף ישטמוני, und ihr angeblicher Zorn über das Unrecht, dessen sie mich beschuldigen, ist nur eine Aeußerung des bittern Hasses, den sie gegen mich im Herzen tragen. שטם verw. mit סתם, verschlossenen Haß im Innern bergen. פלצות, die Bedeutung ist nicht ganz sicher. Vielleicht verwandt mit פלס. פלס eigentlich Etwas in's Gleichgewicht bringen, bedeutet im Piel abwägen, aber auch ebenen und davon: Bahn machen, יפלס נתיב לאפו Ps.78,50. So wird rabb. פלש gebraucht zur Bezeichnung einer durch und durch gehenden Oeffnung, einer nach beiden Seiten hin offenen Straße, מבוי מפולש, נקב מפולש 2c. Vielleicht heißt daher פלץ, dem צ-Laut gemäß, mit Gewalt sich Bahn brechen, und פלצות: ein Alles vor sich hin nieder werfender Schrecken.

5
לִ֭בִּי יָחִ֣יל בְּקִרְבִּ֑י וְאֵימ֥וֹת מָ֝֗וֶת נָפְל֥וּ עָלָֽי׃
BernfeldMein Herz bebt in meinem Innern, und Todesschrecken befallen mich.
ZunzMein Herz bebt in meinem Innern, und Todesschrecken befallen mich.
HirschDarum kreißt mein Herz in mir, und Todesängsten sind auf mich gefallen.
6
יִרְאָ֣ה וָ֭רַעַד יָ֣בֹא בִ֑י וַ֝תְּכַסֵּ֗נִי פַּלָּצֽוּת׃
BernfeldFurcht und Zittern überkommt mich, es bedeckt mich Schauder.
ZunzFurcht und Zittern überkommt mich, und mich bedeckt Schauder.
HirschFurcht und Zittern überkommt mich da mich Schrecken übermannt.
7
וָאֹמַ֗ר מִֽי־יִתֶּן־לִ֣י אֵ֭בֶר כַּיּוֹנָ֗ה אָע֥וּפָה וְאֶשְׁכֹּֽנָה׃
BernfeldIch spreche: Hätte ich doch Flügel gleich der Taube, ich flöge davon, dass ich anderswo Ruhe fände.
ZunzDaß ich spreche: Hätt' ich doch Flügel gleich der Taube, ich flöge davon, daß ich wo bliebe,
HirschDa sagte ich: wer gäbe mir Flügel wie die Taube, ich flöge davon und fände eine Ruhestätte!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7.8.9. ואמר וגו'. Da stieg in mir der Wunsch auf, weit hinaus aus aller Gemeinschaft mit Menschen fliehen zu können, und allein, in völliger Vereinsamung Ruhe zu finden. Könnte ich dies, אחישה וגו', so würde ich rasch mir Rettung schaffen und — durch Abbruch aller meiner Beziehungen zu Menschen — dem auf mich heranziehenden Sturm entgehen.

8
הִ֭נֵּה אַרְחִ֣יק נְדֹ֑ד אָלִ֖ין בַּמִּדְבָּ֣ר סֶֽלָה׃
BernfeldWeithin möchte ich entfliehen und in der Wüste rasten. Sela.
ZunzSiehe, weithin entflöhe ich, rastete in der Wüste. Selah.
HirschSiehe weithin würde ich fliehen und in der Wüste weilen —
9
אָחִ֣ישָׁה מִפְלָ֣ט לִ֑י מֵר֖וּחַ סֹעָ֣ה מִסָּֽעַר׃
BernfeldIch suche einen Zufluchtsort für mich vor der Windsbraut, vor dem Sturm.
ZunzIch enteilte in einen Zufluchtsort für mich vor der Windsbraut, vor dem Sturm.
Hirschwürde rasch mir Rettung schaffen vor dem heranziehenden Wind, vor dem Sturm.
10
בַּלַּ֣ע אֲ֭דֹנָי פַּלַּ֣ג לְשׁוֹנָ֑ם כִּֽי־רָאִ֨יתִי חָמָ֖ס וְרִ֣יב בָּעִֽיר׃
BernfeldVernichte sie, o Herr, verwirre ihre Zunge, denn ich sehe in der Stadt nur Gewalttat und Hader.
ZunzVernichte, o Herr, theile ihre Zunge, denn ich sehe Gewaltthat und Hader in der Stadt.
HirschBändige mein Herr, theile ihre Zunge, denn ich habe nur Gewalt und Hader in der Stadt gesehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. 11. 12. בלע וגו'. Erst V. 13 כי לא אויב u. s. w. spricht den Grund aus, weßhalb ihn, der ja schon so Vieles im Leben erduldet hat, gerade diese Prüfung so danieder wirft, und ist es da nur eine einzelne Persönlichkeit, deren Feindschaft er beklagt. Schwerlich kann daher mit der V. 10 – 12 geschilderten, in Gewalt, Hader und Trug verderbten Stadt die Gegnerschaft gemeint sein, von welcher jetzt David eine so drohende Gefahr zu fürchten hat. Ist doch auch die geschilderte Verderbniß offenbar eine mehr die eigene Wohlfahrt untergrabende, als ein gegen ihn, David, den außerhalb sich Befindenden, gerichteter Aufstand. Vielmehr scheint uns in diesen drei Versen das Motiv ausgesprochen zu sein, weßhalb er sich außer aller fernern Gemeinschaft mit Menschen hinausgesehnt habe, und lieber in der Wüste als im menschengesellschaftlichen Verein bleiben möchte. Diesen menschengesellschaftlichen Verein bezeichnet hier im Gegensatz zur Wüste: עיר, und das Organ, welches die menschengesellschaftliche Vereinigung im Guten und Bösen vermittelt, ist: לשון, die Zunge. ראיתי, sagt er, so weit mein Blick reicht, habe ich nur Gewaltthätigkeit und Streit in der Menschengesellschaft wahrgenommen. Darum ruft er Gott auf, wie einst beim Thurmbau, diesem Anfang der menschengesellschaftlichen Entwickelung, hemmend und vorbeugend einzuschreiten. בלע, ja eigentlich verschlucken, bedeutet oft: Etwas gänzlich bewältigen. פלג, theilen, in Hinblick auf die Sprachen- und Völkertheilung beim Thurmbau (1. B. M. 10, 25). Der Gottesnamen אדני, unter welchem David Gott zu diesem Einschreiten auffordert, dürfte darauf hindeuten, wie David mit seinem Sängerberuf sich im Dienste der menschengesellschaftlichen Besserung begriff, eine Aufgabe, an deren Lösung durch Menschenkräfte er beim Anblick der in der Menschengesellschaft herrschenden Verderbniß verzweifelte, und daher eine Besserung nur von göttlichem Einschreiten erwartete.

יומם וגו'. Tags und Nachts umschreiten die Menschen die Mauern, und halten Wacht gegen von Außen etwa kommende Feinde, und sehen nicht, daß sie den Feind ihrer Wohlfahrt im eigenen Innern bergen. און heißt dieser Feind, und in Folge dessen, ist עמל das unvermeidliche Loos der Menschengesellschaft (Vgl. Pent. 4. B. M. 23, 21). רחובה: der Menschenverkehr sollte sich auf breiter, freier Gasse bewegen, wo Keiner dem Andern zu Nahe tritt, und Jeder in freier Oeffentlichkeit seinem berechtigten Ziele nachgeht. Statt dessen bewegt sich der ganze Verkehr in תוך und מרמה. תוך: das Versteckthalten der Gedanken und Absichten, und מרמה: das Stürzen des Nächsten durch Mißbrauch seiner Arglosigkeit. Siehe Ps. 10, 7. Vgl. Jes. 59, 14 כי כשלה ברחוב אמת.

11
יוֹמָ֤ם וָלַ֗יְלָה יְסוֹבְבֻ֥הָ עַל־חוֹמֹתֶ֑יהָ וְאָ֖וֶן וְעָמָ֣ל בְּקִרְבָּֽהּ׃
BernfeldTag und Nacht schleppen sie solches auf ihre Mauern, und Unheil und Verderbliches ist in ihrer Mitte.
ZunzTag und Nacht umringen sie sie auf ihren Mauern, und Unheil und Verderbliches ist in ihrer Mitte.
HirschTags und Nachts umschreiten sie sie auf ihren Mauern, und das Unrecht und Unglück ist in ihrem Innern!
12
הַוּ֥וֹת בְּקִרְבָּ֑הּ וְֽלֹא־יָמִ֥ישׁ מֵ֝רְחֹבָ֗הּ תֹּ֣ךְ וּמִרְמָֽה׃
BernfeldVerderben ist in ihrer Mitte, es hört auf ihrem Markte Bedrückung und Trug nicht auf.
ZunzVerderben ist in ihrer Mitte, und nicht weicht von ihrem Markte Bedrückung und Trug.
HirschGebrütet wird in ihr, und aus ihrer Gasse weicht nicht Tücke und Trug.
13
כִּ֤י לֹֽא־אוֹיֵ֥ב יְחָֽרְפֵ֗נִי וְאֶ֫שָּׂ֥א לֹא־מְ֭שַׂנְאִי עָלַ֣י הִגְדִּ֑יל וְאֶסָּתֵ֥ר מִמֶּֽנּוּ׃
BernfeldDenn nicht nur der Feind höhnt mich, dass ich es trüge, nicht nur mein Hasser erhebt sich über mich, dass ich mich vor ihm verberge.
ZunzDenn nicht ein Feind höhnt mich, daß ich es trüge, nicht mein Hasser erhebt sich über mich, daß ich mich vor ihm verberge,
HirschDenn nicht ein Feind schmähet mich, ich würde es ertragen; nicht mein gewohnter Hasser hat sich über mich stolz erhoben, ich würde mich vor ihm bergen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13. כי לא אויב וגו' ist zunächst das Motiv seiner V. 5. 6. geschilderten Niedergeschlagenheit. Es steht aber in sofern im Zusammenhang mit der unmittelbar zuvor gezeichneten allgemeinen Verderbtheit, als die Erfahrung von der Falschheit und dem Verrath eines Mannes wie Achithofel, dessen geistige und sittliche Bildung unter seinen Zeitgenossen in so hohem Ansehen stand, daß sein Wort und sein Rath wie ein göttliches Orakel galt (Sam. II. 16, 23), in der That als ein Beweis der herrschenden Verderbtheit gelten konnte. משנאי, der Piel bezeichnet hier nicht so wohl die aktive Wirkung, das Gehässigmachen, als die intensive Steigerung: ein Mann, von dem ich nichts Anderes als Haß zu erwarten hatte.

14
וְאַתָּ֣ה אֱנ֣וֹשׁ כְּעֶרְכִּ֑י אַ֝לּוּפִ֗י וּמְיֻדָּעִֽי׃
BernfeldSondern auch du, ein Mensch meinesgleichen, mein Vertrauter und mein Bekannter,
ZunzSondern du, ein Mensch meines Standes, mein Vertrauter und mein Bekannter,
HirschDu aber ein Sterblicher meines Gleichen, mein Führer und mein Vertrauter.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14. ואתה וגו'. Du warst sonst ein Mensch, der sich keiner Ueberhebung schuldig machte, der sich אנוש wußte wie ich, und den ich כערכי in Stand und Würden mir gleich achtete. Ja, du warst אלופי ומידעי. אלוף: ein Führer, den ich hoch über mich stellte. Siehe Pent. 1. B. M. S. 394. ומידעי ist Passiv von פיעל: den ich mit Allem, was mich betraf, bekannt machte, vor dem ich kein Geheimniß hatte. Sam. II. 15, 12 wird er יועץ דוד, Davids Rathgeber genannt.

15
אֲשֶׁ֣ר יַ֭חְדָּו נַמְתִּ֣יק ס֑וֹד בְּבֵ֥ית אֱ֝לֹהִ֗ים נְהַלֵּ֥ךְ בְּרָֽגֶשׁ׃
BernfeldDie wir doch zusammen süße Zwiesprache gepflogen und ins Gotteshaus tiefbewegt gingen.
ZunzDie wir zusammen süße Zwiesprach gepflogen, zum Gotteshause zogen im Getümmel.
HirschDie wir zusammen das süße Geheimniß pflogen: in Gottes Haus gehen wir wenn draußen Aufruhr ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15. אשר וגו'. סוד gewöhnlich: Geheimniß, und zwar meistens: das anvertraute Geheimniß, סוד ד' ליראיו (Ps. 25, 14). הולך רכיל מגלה סוד (Prov. 11, 13) u. s. Daher auch mitunter: eine vertrauliche Berathung, ein vertraulicher Verein, סוד קדושים (Ps. 89, 8), סוד בחורים (Jerem. 6, 11). Hier kann es nun wohl in der letzten Bedeutung stehen: wir pflogen einen süßen vertraulichen Umgang. Wir glauben jedoch, es als Geheimniß fassen zu dürfen, weil, wie uns scheint, das Folgende bis V. 21 Gedanken wiedergiebt, die David in Gemeinsamkeit mit Achithofel gefunden, ja, die wahrscheinlich David Achithofel verdankte, die ihm daher jetzt ganz besonders in die Erinnerung traten, weil sie in so grellem Widerspruch mit Achithofels jetzigem Vorgehen standen. רגש kommt in חנך nicht als innere Bewegung, Empfindung vor. Außer unserer Stelle kommt es überhaupt nur noch Ps. 2, 1 למה רגשו גוים und Ps. 64, 3 מרגשת פועלי און vor, und bezeichnet es in beiden Stellen vielmehr eine sich außen kundgebende heftige, und zwar keineswegs friedliche oder gar feierliche Bewegung, so daß man es hier als die dem Gange in's Gotteshaus entsprechende Stimmung oder Bewegung verstehen könnte. Vielmehr heißt es auch hier nichts als: Aufruhr. Wenn draußen die Menge im Aufruhr war, war es unser uns beglückendes Geheimniß, in Gottes Haus zu gehen und dort die Wahrheiten zu suchen und zu finden, die uns Ruhe und heiteres Vertrauen mitten im Aufruhr gewährten. Daher auch nicht das gewöhnliche בית ד' נלך, נלך (Ps. 122, 1), sondern נהלך, womit dieses Gehen in's Gotteshaus als Frucht eines besondern Entschlusses bezeichnet ist.

16
(ישימות) [יַשִּׁ֤י מָ֨וֶת ׀] עָלֵ֗ימוֹ יֵרְד֣וּ שְׁא֣וֹל חַיִּ֑ים כִּֽי־רָע֖וֹת בִּמְגוּרָ֣ם בְּקִרְבָּֽם׃
BernfeldStürze den Tod über sie, dass sie in die Gruft lebend sinken; denn Bosheit ist in ihrer Wohnung, in ihrer Mitte.
ZunzStürze den Tod über sie, daß sie in die Gruft lebend sinken; denn Bosheit ist in ihrer Wohnung, in ihrer Mitte.
Hirsch„Zum Schuldeinforderer setzt Er den Tod über sie, sie sinken lebendig in's Grab, denn sie tragen das Unglück in ihrer zeitlichen Wohnstätte im eignen Innern.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 16. ישימות וגו'. Das sind die Gedanken, die sie dem Aufruhr draußen gegenüber im Gotteshause fanden. ישי, Hifil von נשה: Gegen die im Aufruhr begriffene schlechte Menge braucht kein Mensch einzuschreiten, Gott setzt den Tod zum Schuld-Einforderer über sie, ירדו שאול חיים: sie gehen nicht allmälig zu Grunde, sondern plötzlich, in ganz unangegriffenem Wohlsein, חיים, sinken sie in's Grab. Ihre dauernd scheinende Wohnung ist nur מגור, ist nur eine vorübergehende Stätte, oder: wo sie auch weilen, da רעות בקרבם: das Unglück braucht nicht von Außen zu kommen, überall tragen sie das Unglück im eigenen Innern, und von Innen heraus kommt ihnen ihr Sturz.

17
אֲ֭נִי אֶל־אֱלֹהִ֣ים אֶקְרָ֑א וַ֝יהֹוָ֗ה יוֹשִׁיעֵֽנִי׃
BernfeldIch rufe zu Gott und der Herr hilft mir.
ZunzIch rufe zu Gott und der Ewige hilft mir.
Hirsch„Ich, zu Gott rufe ich, und als Gott verleiht er mir Heil.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 17. אני וגו'. Ich, so lehrte Achithofel mich, oder: so sprach er von sich aus, ich, wenn Gott in seiner richtenden Waltung Leiden über mich verhängt, so wende ich mich eben nur an Ihn, und, sobald ich mich an ihn wende, wendet sich seine liebende Waltung, ה', mir wieder Heil gewährend zu.

18
עֶ֤רֶב וָבֹ֣קֶר וְ֭צׇהֳרַיִם אָשִׂ֣יחָה וְאֶהֱמֶ֑ה וַיִּשְׁמַ֥ע קוֹלִֽי׃
BernfeldAbends, morgens und mittags betete und seufzte ich, und er erhörte meine Stimme.
ZunzAbends und Morgens und Mittags will ich jammern und seufzen, und er hört meine Stimme.
Hirsch„Bete ich Abends und Morgens und Mittags und bin unruhig erregt, so hat Er schon meine Stimme erhört.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 18. ערב וגו': und wenn ich Morgens und Abends und Mittags unruhig erregt bete, so hat er dadurch, daß ich mitten in der Unruhe die Kraft und Stimmung zum Gebete gewinne, bereits mir Erhörung gewährt. אשיחה Siehe Pent. 1. B. M. 24, 63. שיח umfaßt die ganze Entwickelung der Gedanken und Empfindungen, von ihrem Entstehen bis zum Ausdruck. Es bezeichnet daher sowohl das Schaffen der Gedanken, als das Aussprechen derselben, und ist in dieser Beziehung הגה ähnlich. Siehe Ps. 1, 2. Wird doch selbst אמר, der ganz eigentliche Ausdruck für mittheilendes Reden, auch zur Bezeichnung von Denken gebraucht, כי אמר אכפרה וגו' (1. B. M. 32, 21), כי אמר פן ימות וגו' (das. 38, 11), ושאול אמר וגו' (Sam. I. 18, 17) und sonst.

19
פָּ֘דָ֤ה בְשָׁל֣וֹם נַ֭פְשִׁי מִקְּרׇב־לִ֑י כִּֽי־בְ֝רַבִּ֗ים הָי֥וּ עִמָּדִֽי׃
BernfeldEr erlöste mich und brachte mich heil aus dem Krieg, wo sie in Menge gegen mich auftraten.
ZunzEr erlöst in Frieden meine Seele aus dem Andrang gegen mich; denn in Menge waren sie um mich her.
Hirsch„Hat doch auch in Frieden nur Er meine Seele ausgelöst aus mir drohendem Kampf, wenn gleich mit Massen man auf meiner Seite stand!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 19. פדה וגו': ist doch selbst jeder friedliche, glückliche Tag, den ich erlebe und erlebt habe, nur ein Geschenk seiner Allmacht und Güte, indem nur Er jede Gefahr, die mir drohen konnte, von mir fern hielt, oder vielmehr mich über eine jede solche Gefahr fern hinaus hob, selbst wenn die Massen nicht gegen mich — wie jetzt — sondern meine Freunde mit großen Massen mir zur Seite standen. Da waren es nie diese, sondern Gott, dem ich meinen Frieden, mein ungestörtes Glück verdankte.

20
יִשְׁמַ֤ע ׀ אֵ֨ל ׀ וְֽיַעֲנֵם֮ וְיֹ֤שֵׁ֥ב קֶ֗דֶם סֶ֥֫לָה אֲשֶׁ֤ר אֵ֣ין חֲלִיפ֣וֹת לָ֑מוֹ וְלֹ֖א יָרְא֣וּ אֱלֹהִֽים׃
BernfeldEs hört Gott und beugt sie nieder, und der seit Anbeginn thront — Sela — sie, die keine Änderung wollen und Gott nicht fürchten.
ZunzEs hört Gott und beugt sie nieder, und der seit Anbeginn thronet — Selah — sie, die keine Aenderung wollen und Gott nicht fürchten.
Hirsch„Gott hört sie und wird ihnen schon die Antwort geben, wenn Er auch wie in langer Vergangenheit also thront — daß sie an keinen Wechsel glauben und Gott nicht fürchten."
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 20. ישמע וגו' und nicht nur das thätliche Einschreiten gegen die Gottvergessenen darf man Gott anheimstellen, auch die Widerlegung ihrer Reden mag man Gott überlassen. Gott hört sie und wird ihnen die Antwort nicht schuldig bleiben, wenn er auch wie in früherer Vergangenheit zurückgezogen, ohne Thatoffenbarung in den Gängen der Menschenschicksale, ihnen gegenüber ישב zu sein scheint, so daß sie an gar keinen Wechsel und Wandel in ihrem Geschicke glauben und Gott zu fürchten verlernt haben.

21
שָׁלַ֣ח יָ֭דָיו בִּשְׁלֹמָ֗יו חִלֵּ֥ל בְּרִיתֽוֹ׃
BernfeldEr legt Hand an seine Befreundeten, entweihet seinen Bund.
ZunzEr legt Hand an seine Befreundeten, entweihet seinen Bund.
HirschUnd nun hat er an seine Friedensbetheuerungen seine Hände gestreckt, hat seinen Bund entweiht!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 21. שלח ידיו וגו'. V. 15—20 vergegenwärtigen Gesinnungen, Worte, Lehren, die Achithofel geäußert, und nun hat derselbe Mann sich mit beiden Händen an den Friedensäußerungen vergriffen und hat seinen Bund entweiht! אם לא שלח ידו wie שלח ידיו במלאכת רעהו (2. B. M. 22, 7), und zwar ידיו: mit beiden Händen. בשלומיו. שלומים im Plural: die vielfältigen Friedensbeziehungen und Friedensäußerungen.

22
חָלְק֤וּ ׀ מַחְמָאֹ֣ת פִּיו֮ וּֽקְרָב־לִ֫בּ֥וֹ רַכּ֖וּ דְבָרָ֥יו מִשֶּׁ֗מֶן וְהֵ֣מָּה פְתִחֽוֹת׃
BernfeldGlatt sind die süßen Worte seines Mundes, und Krieg ist sein Sinn; weicher sind seine Worte als Öle, aber sie sind gezückte Schwerter.
ZunzGlatt sind die Rahmworte seines Mundes, und Krieg ist sein Sinn; weicher sind seine Worte denn Oel, und sie sind gezückte Schwerter.
HirschWie glatt waren doch diese Butterworte seines Mundes, und Krieg trug er im Herzen! Wie waren milder als Öl seine Worte, und sie waren Gezückte!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 22. חלקו וגו'. מחמאות: Dinge, die in Weichheit und Geschmeidigkeit Butter ähneln. מ' פיו: dergleichen Worte. קרב: feindliches Treffen, wie המלמד ידי לקרב (Ps. 144, 1). פתיחות wie חרב פתחו רשעים (Ps. 37, 17), gezückte Schwerter.

23
הַשְׁלֵ֤ךְ עַל־יְהֹוָ֨ה ׀ יְהָבְךָ֮ וְה֢וּא יְכַ֫לְכְּלֶ֥ךָ לֹא־יִתֵּ֖ן לְעוֹלָ֥ם מ֗וֹט לַצַּדִּֽיק׃
BernfeldLege auf den Herrn deine Bürde und er wird dich versorgen. Er wird nimmer wanken lassen den Gerechten.
ZunzWirf auf den Ewigen dein Begehr und er wird dich versorgen. Er wird nicht ewiglich wanken lassen den Gerechten.
Hirsch„Wirf du nur auf Gott was dir auferlegt ist, Er wird dich schon versorgen! Er giebt Wanken nie dem Gerechten!"
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 23. 24. השלך וגו' sind Achithofels Worte, die er im Munde zu führen pflegte, und an die sich David nochmals zum Schlusse in der ganzen Bitterkeit des Schmerzes über eine solche Täuschung erinnert, und dann mit V. 24 kurz abbricht mit dem Bewußtsein des Verderbens, das alle Achithofel ähnliche Menschen auf sich herabbeschwören. יהבך, nach Megilla 18, a: deine Last. Wenn יהב die Wurzel von הב, wovon auch die Interjektion הבה ist, und somit: bringen, hergeben bedeutet, so dürfte יהבך nicht sowohl das, was Gott dir zu tragen giebt bedeuten, als vielmehr: Das, was du zu bringen, zu leisten hast. כלכל siehe Pent. 1. B. M. 45, 11. לבאר שחת, nicht בור שחת, Grube des Verderbens, sondern באר שחת: Brunnen des Verderbens, woraus das Verderben quillt; ihr ganzes Leben ist ein solcher Brunnen, in welchem das endlich sie erreichende Verderben sich erzeugt. לא יחצו ימיהם: hat sich buchstäblich an Achithofel erfüllt, der sich selbst das Leben nahm, als er vorhersah, daß sein Verrath nicht gelingen werde (Sam. II. 17, 23).

24
וְאַתָּ֤ה אֱלֹהִ֨ים ׀ תּוֹרִדֵ֬ם ׀ לִבְאֵ֬ר שַׁ֗חַת אַנְשֵׁ֤י דָמִ֣ים וּ֭מִרְמָה לֹא־יֶחֱצ֣וּ יְמֵיהֶ֑ם וַ֝אֲנִ֗י אֶבְטַח־בָּֽךְ׃ {פ}
BernfeldDu aber, o Gott, stürze sie in die Grube des Verderbens, die Männer des Bluts und des Truges sollen nicht zur Hälfte ihre Tage ausleben. Ich aber vertraue auf dich.
ZunzDu aber, Gott, wirst sie stürzen in die Grube des Verderbens, die Männer des Blutes und des Truges werden nicht zur Hälfte bringen ihre Tage. Ich aber vertraue auf dich.
HirschDu Gott wirst sie in den Brunnen des Verderbens stürzen; Männer der Blutschuld und des Truges kommen nicht zur Hälfte ihrer Tage; ich aber vertraue auf dich.