Tehillim 53 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 53, V. 1. Dieses Kapitel erscheint mit einigen kleinen Abweichungen als eine Wiederholung des Kap. 14. Wie jenes zeichnet es eine Zeit des allgemeinsten, geistigen und sittlichen Verderbnisses, wo, mitten in einer völlig gottvergessenen Welt nur noch Israel als das Gottesvolk durch sein Leben und seine Geschichte als Denkmal und Fingerzeig Gottes in der Geschichte dasteht, und diese Bestimmung gerade dadurch erreicht, daß seine Erhaltung in mitten einer feindseligsten Umgebung die waltende Gegenwart Gottes auf Erden offenbart. Derselbe Gott aber, dessen Werk die Erhaltung Israels in der Verbannung ist, derselbe ist es auch, von dem Israel seine endliche Erlösung und Wiederherstellung zu erwarten hat. Einen charakteristischen Unterschied bildet in diesen beiden Kap. der Gebrauch der Gottesnamen. Während in Kap.14 vorzugsweise der Name ד' gebraucht ist, erscheint hier durchweg der Name אלקי'. Dort ist es die Israel und die Menschheit zu ihrem Ziele erziehende Liebe, die sich in dem Schutze des Galuth-Volkes und dessen endlicher Erlösung offenbart. Hier waltet und offenbart sich in beiden die richtende Gotteswaltung. Kennt doch das Wort der Weisen die Möglichkeit einer zweiartigen Erlösung, das sich zu Jes. 60. 22 אני ד' בעתה אחישנה also ausspricht: לא זכו בעתה זכו אחישנה d. h.: macht sich Israel durch sein Verhalten der Erlösung nicht in vollem Maaße würdig, so kommt die Erlösung doch, allein בעתה, in Folge des von Gott der Menschheit-Entwickelung gesteckten Zieles zu der für dieses bestimmten Zeit. Macht sich Israel jedoch der Erlösung voll würdig, so beschleunigt Gott die Erlösung vor dieser Zeit. Die zur bestimmten Zeit eintretende Erlösung kann somit durch den Namen ד', den Namen der erziehenden Gotteswaltung zu bezeichnen sein, die durch Israels Verdienst beschleunigte Erlösung durch den Namen אלקי', den Namen der göttlichen Rechtswaltung. Diese Erlösung und dieser Name tritt in diesem Kap. hervor. In ihm erhält daher auch die Schilderung des allgemeinen Verderbnisses eine, das Eingreifen der göttlichen Gerechtigkeit herausfordernde Steigerung. Damit dürfte dann auch die Ueberschrift: על מחלת übereinstimmen. Der סמיכות ohne נסמך giebt ja gewöhnlich dem im stat. constr. stehenden Worte eine nicht begränzte Beziehung zu Allem. מחלה ist somit die sittliche Erkrankung aller Menschen und aller Verhältnisse, das allgemeinste Siechthum.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. אמר נבל וגו'. Siehe K. 14, 1. השחיתו וגו'. Oben hieß es: השחיתו התעיבו עלילה, sie haben ihre Handlungsweise bis zur תועבה sittlich verderbt. Hier sind es zwei Sätze, und statt עלילה heißt es עול. Wie es 1. B. M. 6, 11 heißt: ותשחת הארץ לפני האלקי' ותמלא הארץ חמס, daß Sittenverderbniß, und in Folge dessen, sociales Unrecht die Erde füllte, so treten hier auch die beiden Momente hervor: השחיתו, sie haben ihren Wandel sittlich verderbt und: התעיבו עול, sie haben nicht nur Gewaltthätigkeiten geübt, sondern den Grad und die Art und Weise ihrer Gewaltthätigkeit machten sie geradezu zu einem Abscheu Es ist hier also eine doppelte Steigerung des Verderbnisses. אין עושה טוב siehe K. 14, 1.
V 3. אלקי' וגו'. Siehe K. 14, 2. Hier אלקי': Gott in seiner richtenden Waltung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. כלו סג וגו'. Siehe K. 14, 3. Oben הכל סר, hier הכל סג, diese Verschiedenheit des Ausdrucks wird in מדרש תהלים also erläutert: הכל סר כל שהוא סר מן הדרך יכול הוא לחזור בתשובה וכאן אינו אומר אלא הכל סג נעשו סגים. Oben wird mit סר ein Abweichen von dem sittlichen Wege bezeichnet, das noch der Wiederzurückkehr zum rechten Wege die Möglichkeit läßt. Hier aber heißt es הכל סג, Jeder war Schlacke geworden, somit in einer Art verderbt, in welcher alles Edle geschwunden und keine Wiederkehr zum Guten zu erwarten ist. Schlacke wird in aller Ewigkeit kein edles Metall wieder. אין עושה וגו'. Siehe K. 14, 3.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. הלא ידעו וגו'. Siehe K. 14, 4. Hier: אלקי' לא קראו und פועלי און, während oben כל פועלי און und ד' לא קראו. Denn Gott in der Waltung seines Gerichtes, wie er hier gedacht wird, ist nicht immer jedem Auge offenbar geworden. Wohl aber entbehrt die Geschichte der Vergangenheit nicht Beispiele, wo an פועלי און, die אכלי עמי לחם, das Gericht Gottes sich gezeigt hat, dessen waltende Gerechtigkeit sie bei ihren geplanten Absichten außer Berechnung gelassen hatten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. שם וגו'. Da, wo sie sich an sein Volk vergriffen und es nach ihren Gelüsten zu verspeisen gedachten, lernten sie die göttliche Gerechtigkeit fürchten, sie, die bei allen ihren sonstigen Unternehmungen keine Furcht kannten. כי אלקי' וגו', so bei Pharao, Sißera, den Davidischen Kämpfen gegen die Philister, Sanherib 2c.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. מי יתן וגו'. Siehe K. 14, 6. Hier ישעות וגו'. Nicht nur die einstige endliche Erlösung, sondern jede Heilesverleihung, die Israel in aller Vergangenheit und aller Zukunft durch seine geistig sittliche Beziehung zu „Zion" zu Theil geworden und wird, ist, wie oben ein Erzeugniß der allgemeinen, die Menschheit erziehenden Gotteswaltung, so hier eine That des, Israels ausharrendes Verdienst und der Völker immer anwachsende Schuld auf der Waage des Rechts wägenden Gottesgerichtes. יגל וגו' Siehe K. 14, 6.